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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 11
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pfad/scherr/pilgerw2/pilgerw2.xml
typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
projectidf8d5c12e
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10. Ausgesöhnt.

Damals war die an der Mündung des Pawtucket gelegene Kolonie Providence noch nicht die belebte Handelsstadt von heutzutage. Die Häuser lagen unter Baumgruppen zerstreut, und die Wege zwischen ihnen liefen noch durch die Überreste des Urwaldes, der von den Beilen der Ansiedler wohl gelichtet, aber nicht völlig zurückgedrängt war. Einsam und abseits von den übrigen Wohnungen lag Roger Williams Haus, wie alle Häuser der Ansiedlung nach echt englisch-amerikanischer Blockhaus-Art erbaut. Von den anderen zeichnete es sich nur dadurch aus, daß die Ranken einer ungeheuren wilden Rebe mit Sorgfalt um und über das gebräunte Balken- und Sparrenwerk gezogen waren, und daß sich von dem Porch ein umfriedeter Garten bis zur Bai hinabzog, dessen Obstbäume und Blumen eine ungewöhnlich liebevolle Pflege bekundeten.

Aus der Tür seines Hauses trat an einem tauschweren Sommermorgen Roger Williams, eine hohe Greisengestalt voll milder Würde auf dem Antlitz und mit großen, sinnenden Augen. Er sah auf die Bai hinaus, deren sanftgekräuselte Wasserfläche in der Morgensonne zu leuchten begann und wandte sich dann zu seinen Blumen und Bäumen, mit achtsamer Hand eine vom Tau gebeugte Blütendolde wieder an das stützende Stäbchen befestigend, dort eine Blüte von dem nagenden Insekt befreiend. Dann schritt er mit über der Brust gekreuzten Armen und gesenktem Haupte, in tiefes Nachsinnen verloren, am Gestade der Bai hin und her.

Der Greis war einer der Väter der Freistaaten von Nordamerika, der Gründer des Staates Rhode-Island, dem Umfang nach zwar der kleinste Staat der jetzigen Union, aber an Ruhm des Ursprungs fast alle übertreffend. Die von Williams gegründete Kolonie Providence, die im Laufe der Zeit zu dem Staate Rhode-Island heranwuchs, verschaffte zuerst dem Grundsatz der vollkommenen Freiheit und Unverletzlichkeit des Gewissens Geltung.

Um diese seine Überzeugung hatte der edelmütige Freidenker die bittersten Kämpfe zu bestehen, unsägliche Verfolgungen und Leiden zu erdulden. »Vierzehn Wochen lang,« schrieb er später, »ward ich in bitterer Jahreszeit schmählich umhergeworfen, ohne zu wissen, was ein Stück Brot oder ein Bett sei. Ohne Führer wanderte ich umher in der Wildnis, hatte oft in stürmischer Nacht nicht Feuer, nicht Nahrung, nicht Gefährten, einen hohlen Baum als einziges Haus.« Von Massasoit, dem Häuptling der Pokanoketen, der gerade mit dem Häuptling der Naragansetter in Fehde lag, gastfreundlich aufgenommen, stiftete der Wanderer Frieden und Versöhnung unter den Häuptlingen, die ihn fortan als ihren aufrichtigsten Freund, als den Redlichsten der Blaßgesichter verehrten und ihm den Namen Hahdoh-Manitu gaben. Der Häuptling der Naragansetter beschenkte ihn später mit dem ganzen Landstriche am Pawtucket, und mit zwölf anderen Pilgern der Wildnis gründete er dann die vorher schon erwähnte Kolonie Providence. Duldsamkeit wurde der oberste Grundsatz für die ersten und kommenden Ansiedler, und Williams Weisheit wußte den jungen Staat vor allen schlimmen Folgen innerer Gärungen und äußerer Gefahren zu bewahren. Ungemein kam ihn, hierbei sein gutes Verhältnis zu den Eingeborenen zustatten. Kein zudringlicher Bekehrer, achtete er auch an dem roten Manne die Gewissensfreiheit und wollte ihn einzig und allein auf dem Wege der Überzeugung zum Christentum gewinnen. Als die Pequoden die Streitaxt gegen die Blaßgesichter erhoben, und sämtliche indianischen Stamme von Neu-England diesem Beispiele zu folgen drohten, da gelang es ihm, die Naragansetter zu einem Schutz- und Trutzbündnisse mit den Ansiedlern zu bewegen, wodurch für die letzteren der Pequodenkrieg eine sehr günstige Wendung nahm.

Nun aber war, was er lange vorausgesehen und gefürchtet hatte, was er in seiner versöhnlichen Weise im Keime zu ersticken jahrelang bemüht gewesen, der Ausbruch tödlicher Feindschaft zwischen Roten und Weißen zu seinem tiefen Gram eingetroffen. In seinem Gerechtigkeitsgefühl mußte er zugeben, daß beide Teile Grund zu Klagen hatten, und zwar die Eingeborenen wohl mehr als die fremden Eindringlinge. Auf der anderen Seite konnte er sich aber auch nicht verhehlen, daß die Gefahr für die Ansiedler groß war. Trotz aller Bemühungen hatte er den Abschluß eines Bündnisses zwischen dem ehrgeizigen Metakom und dem kühnen Kanonchet nicht verhindern können.

In all seinen sorgenvollen Gedanken hatte der Greis gar nicht beachtet, daß der Häuptling der Naragansetter und der alte Trapper durch den Garten gekommen waren.

Die drei Männer blickten sich nach stillem Gruße einige Augenblicke schweigend an. Dann sagte Williams:

»Der Herr wende diesen Tag zum Guten, damit er ein gesegneter heiße!«

Er sah dabei auf Groot Willem, als erwartete er eine Antwort von ihm; als aber der alte Jäger schwieg, setzte er im Tone leisen Vorwurfs hinzu:

»Ihr sagt nicht Amen, Freund Willem? Und doch müßt Ihr als Christ mich verstanden haben.«

»Das habe ich, ehrwürdiger Freund. Aber verzeiht, mir kommt es heute vor, als schmerze mich die Stelle, wo einst mein rechtes Ohr gesessen, gerade so arg wie damals, als–«

»Sprecht nicht weiter! Euer Herz ist verhärtet in Kummer und Alter. Doch ich hoffe, daß Thorkil der Lehren, die ich in sein junges Herz geflößt habe, eingedenk sein werde.«

»Hm, der Junge ist nicht, wie er sein sollte,« erwiderte der Trapper, den Kolben seines Roers unwirsch auf den Boden stoßend. »Ich merke, die Geschichte von der Gefangennahme der beiden Obersten und des jungen Mädchens durch Metakom spukt ihm im Kopfe.«

»Und Ihr habt nichts Näheres über ihre Gefangenschaft erkunden können, Willem?« fragte Williams lebhaft.

»Nein. Ich ging dem finsteren Annawon, der den Richter hierher brachte, mit den drängendsten Fragen zu Leibe. Aber Ihr wißt, wenn ein Indianer sich vorgenommen hat, zu schweigen, so bringt ihn der Teufel selber nicht zum Reden.«

Der Greis legte seine Rechte auf die Schulter des Häuptlings und sagte:

»Mein Herz ist bekümmert um das Los zweier weißen Häuptlinge und ihrer Tochter, welche Metakom von der Brandstätte von Swanzey weg in die Wälder geführt. Hat mein Sohn das Ende ihrer Spur nicht gesehen?«

»Der Häuptling der Wampanogen großer Krieger,« entgegnete Kanonchet mit gesenkten Blicken; »Metakom sehr weise, so klug, daß er seine Spur selbst den Augen von Freunden verbergen kann.«

»Jawohl, Häuptling, wir wissen das,« sagte Willem. »Aber einer Eurer Läufer befand sich bei Metakom, als der Tomahawk über Swanzey erhoben wurde, und die jungen Krieger der Naragansetter haben scharfe Augen.«

»Sieh mich an, mein Sohn,« sprach Williams ernst. »Soll ich glauben, daß das Herz des Häuptlings nicht mehr offen vor meinen Augen liege?«

Kanonchet erhob den Blick und begegnete dem liebevollen des Greises, der eine bezaubernde Gewalt auf ihn zu üben schien. Er ergriff mit edler Gebärde Williams Hand, drückte sie an seine Brust und erwiderte:

»Nein, Kanonchets Herz soll dem Auge des Hahdoh-Manitu nicht verhüllt sein, nicht einmal dann, wann es die Wolke beschattet, aus welcher eine Stimme flüstert: Miantonomo!«

Das letzte Wort sprach der Häuptling in so klagendem Tone, daß es die beiden Weißen tief bewegte. Sie fühlten seine Anklage gegen die Kolonisten heraus, die ihm auf eine ebenso grausame als niederträchtige Weise den Vater hatten ermorden lassen. Groot Willem machte seinem Zorn durch einen halbunterdrückten Fluch Luft, Roger Williams aber faßte voll Teilnahme die Hände des Häuptlings und sagte:

»Es war eine Tat der Ungerechtigkeit und des schnödesten Blutdurstes. Mein Sohn weiß, wie ich darüber dachte und denke.«

»Kanonchet weiß es, er weiß, daß mein weißer Vater seine Stimme laut erhob gegen den Beschluß der Blaßgesichter. – Kanonchet,« fuhr der Indianer nach kurzem Bedenken fort, »war fern, als sein Bruder Metakom den Tomahawk erhob und die Wigwams von Swanzey mit Feuer verheerte, aber sein junger Krieger sah, daß der Häuptling der Wampanogen die beiden gefangenen, weißen Häuptlinge und den kleinen Feuerspeier und die junge Squaw nach Mitternacht zu fortführte.«

»Nach Mitternacht zu?« rief Willem aus und setzte nach kurzem Besinnen hinzu: »Verdammt, wenn ich auf der rechten Fährte wäre! – Hih-lah-dih wußte nichts davon, das ist sicher. – Nach Mitternacht zu, sagt Ihr, Kanonchet? Verdammt, wohin könnte er sie in jener Richtung gebracht haben, wenn nicht nach Mount Wallaston?«

»Wo die Bande des unseligen Morton haust?« bemerkte Williams. »Ihr erschreckt mich, Freund, mit Eurer Vermutung.«

»Sie erschreckt mich selbst, Död und Duivel! Der brüllende Tom! Nach Mount Wallaston? Wenn es so ist, hat der Wampanoge falsch an uns gehandelt, und bei der Seele von einer, die nicht mehr ist, er soll es büßen! – Thorkil dürfen wir von all dem gar nichts sagen; er muß heute seine fünf Sinne beisammen haben – 's ist vielleicht der wichtigste Tag seines Lebens. Doch horch, da tönt die Glocke!«

Die drei lauschten einige Augenblicke den Klängen. Dann sagte Williams:

»So laßt uns denn gehen, und Gott möge seine Gerechtigkeit sichtbar werden lassen!«

Auf einer Ebene zwischen den Lichtungen am Ufer der Bai und den düsteren Schatten des Urwaldes beim Williamsbrunnen und der Pilgrimseiche sollte über Eaton, den Richter von Swanzey, Gericht gehalten werden.

An einer langen Tafel hatten die sechs Geschworenen und der Vorsitzende, Samuel Endekott, alles angesehene Ansiedler von Providence, Platz genommen. Der Kläger, Thorkil Wikingson, und der Beklagte, Theophilus Eaton, saßen rechts und links in einer Schranke. Einen weiten Halbkreis um diese Gruppe bildeten die Zuschauer, auf der einen Seite de Lussan, Desdemona, Hih-lah-dih, ein halb Dutzend Seeleute von der »Gloria« und die Männer von Providence, auf der anderen das zahlreiche Gefolge des Häuptlings der Naragansetter, nach ihrer Sitte streng geordnet: Vorn saßen um Kanonchet die Häuptlinge, hinter ihnen eine lange Reihe von Kriegern und zuletzt die Jünglinge, die erst noch zu beweisen hatten, daß sie den Kriegspfad zu wandeln verständen. In der Mitte des Halbkreises zwischen den Weißen und den Roten stand Roger Williams und der Trapper, der sich auf sein Roer stützte.

Vor dem Sitze lag auf der Tafel neben einer Bibel ein kurzer Dolch mit dreiseitiger Klinge und angerostetem Metallgriff.

Endekott eröffnete im Namen Gottes die Gerichtssitzung, erinnerte die Geschworenen an ihre schweren Pflichten und fragte dann Eaton, ob er die Rechtmäßigkeit dieses Gerichtes anerkenne.

Der Greis, schwer gebeugt durch das Unglück Swanzeys, seine Gefangenschaft, die furchtbare Anklage des Raubmordes, erhob sich mühsam und sagte gelassen:

»Ich beuge mich der Fügung des Herrn. Tut, was ihr für recht haltet. Der Wille Gottes sei gelobt in Ewigkeit!«

Er blickte gen Himmel, setzte sich und bedeckte sein bleiches Gesicht mit den Händen.

Dann ließ Endekott Thorkil Wikingson den Eid leisten und seine Anklage vorbringen. Die Aufmerksamkeit der ganzen Versammlung wandte sich jetzt dem Jüngling zu, der an die Schranke vortrat. Desdemona bemerkte, wie Hih-lah-dih die verschlungenen Hände fest auf ihren Busen drückte und in atemloser Teilnahme auf den jungen Jäger blickte.

»In meiner Familie, die auf Island lebte, dem Stammsitz der Normannen, ging eine vom Vater auf den Sohn durch viele Geschlechter überlieferte Sage um. Es soll der Ahnherr des Hauses der Erbauer des Tempels auf der Insel Rhode-Island sein, der zwar halb in Ruinen versunken, noch jetzt vorhanden ist. Von seinen Abenteuern und Fahrten nach diesem Lande hier, von ihnen Winland genannt, singen noch alte Lieder. Mein Vater Björn sprach viel und gern und mit allerlei geheimnisvollen Andeutungen von dieser Sache. Als sieben Jahre nach meiner Geburt in harter Winterzeit unser Haus öde wurde, weil eine bösartige Seuche meine Mutter und alle meine Geschwister dahinraffte, beschloß er, mit mir nach Winland zu fahren. ›Dort, auf einer Insel,‹ sagte er, ›hat mein Ahnherr Olaf in der von ihm erbauten Kapelle, dem Taufstein zur Seite, einen Schatz vergraben; den will ich heben; er ist mein Eigentum.‹ Wir schifften uns auf einem Walfischfänger ein und landeten in Plymouth. Von dort wanderten mir durch die Wälder und fanden in Swanzey gastfreundliche Herberge im Hause des Richters Eaton, den auf Leben und Tod anzuklagen mir heute die kindliche Pflicht gebietet. Mein Vater, der sanft ruhen möge, war seines abenteuerlichen Sinnes ungeachtet ein ernster und frommer Mann und vertraute Eaton, seinem Wirte, an, in welcher Absicht er in dieses Land gekommen sei. Ich erinnere mich noch deutlich, daß Master Eaton an dem vergrabenen Schatz zweifelte, sich aber schließlich erbot, uns beide nach Rhode-Island zu begleiten. Seine beiden Knechte, ein Weißer namens Obededom und ein getaufter Eingeborener vom Stamme der Wampanogen, der in der Gemeinde »Josua« genannt wurde, bei seinen Stammesgenossen »der große Jäger« hieß, brachten uns in einem Boot hinüber an die neugegründete Ansiedlung Portsmouth. Hier verließ uns Master Eaton mit seinen Knechten, weil er an diesem Orte Geschäfte hätte, und wollte unsere Rückkehr abwarten.«

Eaton mußte auf die Frage Endekotts die erwähnten Tatsachen zugeben. Er habe drei Tage gewartet, aber vergeblich. Der Pequodenkrieg, der damals die Ansiedlungen heimsuchte, rief ihn heimwärts.

»Leben die beiden Knechte noch?«

»Obededom wurde bei dem Überfall von Swanzey von den Heiden erschlagen. Der andere war, wie sich später herausstellte, von König Philipp als Späher in mein Haus geschickt, das er bald nach jenem Ereignis verließ.«

»Verließ Euch dieser Wampanoge nie während der drei Tage, die Ihr damals in Portsmouth zubrachtet?«

»Nein, soweit ich mich erinnere. Er kehrte mit mir nach Swanzey zurück.«

Endekott forderte den jungen Jäger auf, fortzufahren.

»Wir fanden die uralte Kapelle halb in Trümmern liegend und fanden in der runden Halle den Taufstein. Einige Schritte links davon bezeichnete mein Vater eine Steinplatte und sagte: ›Hier, Thorkil, muß es sein.‹ Mit einer mitgebrachten Brechstange hob er mühsam den schweren Stein, und in einer Höhlung darunter fanden wir den Schatz des Ahnherrn, schwere Goldmünzen von viereckiger Form und uralt unverständlichem Gepräge. Da die Nacht hereingebrochen, schliefen wir ein; im Schlafe war mir, als hörte ich einen kurzen Schrei. Als ich erwachte, lag mein armer Vater regungslos – in einer Blutlache. Eine mörderische Hand hatte ihm die Kehle zugeschnürt. Der Dolch auf dem Tisch da stak in seiner Brust.«

Von seinem Gefühle übermannt, brach der Jüngling ab und bat seinen Freund Willem, in dem Bericht fortzufahren.

Auf die Aufforderung des Obmannes der Geschworenen trat Groot Willem an die Schranke und erzählte, wie er auf einem seiner Jagdzüge durch Rhode-Island in der alten, ihm wohlbekannte» Halle sich ein Frühstück bereiten wollte und den fremden Knaben fand, der schluchzend und halb besinnungslos vor Schmerz und Jammer den blutigen Körper seines Vaters umklammert hielt.

»Ich untersuchte den Ort,« erzählte der Trapper weiter. »Die Höhlung, wo der Schatz gelegen, war leer. In der Halle war außer dem Messer, das ich aus der Brust des Ermordeten gezogen hatte, keine Spur von einem Mörder zu finden, aber als ich draußen meine Untersuchung fortsetzte, bemerkte ich die Spuren der Fußtritte von zwei Männern. Sie rührten von Schuhen, wie sie die Leute in den Ansiedlungen zu tragen pflegen. Ich verfolgte die Spuren, die durch das Röhricht bis ans Gestade der See führten. Dort verschwanden sie gerade an der Stelle, wo der Ufersand einen leichtgehöhlten Schliff wahrnehmen ließ, wie ihn ein Boot, wenn es vom Ufer stößt, zu verursachen pflegt. Ich begrub dann den Toten und nahm den Knaben mit mir und brachte ihn nach Providence zu meinem ehrwürdigen Freund Roger Williams, der ihm ein treuer Vater und Lehrer war, bis der Knabe mit mir in die Wälder ging. Ich teilte meinem Freund Williams mit, was ich in der alten Halle gesehen hatte, und brachte ihm auch das Mordmesser. Als er sah, daß auf dem Hefte zwei Buchstaben eingegraben waren, erschrak er.«

Roger Williams konnte den Bericht des alten Trappers nur bestätigen und wußte auch die Buchstaben auf dem Griff des Messers als ein Th. und ein E. anzugeben.

Um die Bank der Geschworenen ging das Gemurmel: »Theophilus Eaton!«

Der Puritaner gab zu, daß der Dolch sein eigen sei, konnte sich aber nicht erklären, wie das Messer von dem Platz, wo es mit anderen Waffen in seinem Hause verwahrt wurde, verschwunden sei.

Williams trat jetzt zu ihm, legte ihm die Hände auf die Schulter und sagte traurig:

»Armer, unglücklicher Freund, was auch gegen Euch zeuge, ich glaube, daß Ihr keinen Teil habt an dieser gräßlichen Tat.«

»Nur Gott,« entgegnete Eaton, »kennt mein schweres Schicksal.«

Die bisher unbestrittenen Tatsachen waren für Thorkil Beweis genug, gegen Eaton die Anklage des Mordes zu richten. Aber Endekott erklärte ihm, so schwerwiegend auch die für die Schuld des Angeklagten vorgebrachten Beweise sein mögen, sie reichten doch nicht hin, einen Spruch auf Leben und Tod zu begründen.

Da öffnete Thorkil sein Jagdhemd und zog eine große, dicke, vierkantige Goldmünze von sehr altertümlichem Aussehen hervor, die er an einer Halsschnur auf der bloßen Brust getragen hatte.

»Hier seht,« sprach der junge Jäger, das Goldstück auf den Tisch legend. »Bei meiner Seele zeitlichem und ewigem Heile will ich schwören, daß diese Münze in Größe, Form und Gepräge eine so vollständige Ähnlichkeit mit den Münzen jenes Schatzes hat, daß es nur eine Münze davon sein kann. Mein väterlicher Freund Williams gab sie mir vor Jahresfrist. Er hatte das Goldstück aus der Hand Eatons empfangen.«

Ein Murmeln der Entrüstung lief durch den Kreis.

Jetzt forderte der Vorsitzende des Gerichts den Patriarchen auf, Zeugnis abzulegen.

»Auch dieses verfängliche Zeichen,« sprach Roger Williams, »kann meinen Glauben an die Unschuld meines Freundes nicht erschüttern. Vor vierzehn Jahren gab er mir bei einer Zusammenkunft in Rehoboth das Goldstück, weil er wußte, daß ich mich gern in freien Stunden mit Nachforschungen über altertümliche Seltenheiten beschäftigte. Ich erklärte ihm damals, daß das Gepräge auf die Münzstätte eines alten Königs von Frankreich schließen lasse.«

»Wie ist das Goldstück,« fragte Endekott den Angeklagten, »in Eure Hände gekommen?«

»Ich hatte es wenige Tage zuvor gefunden, als ich mich im Auftrage der Väter unserer Ansiedlung zu König Philipp nach Mount Hope auf den Weg machte. Der Heide hatte aber den Ort schon verlassen, als ich ankam. Auf dem verödeten Lagerplatz sah ich zufällig das Goldstück neben der Asche einer Feuerstelle im dürren Grase liegen und hob es auf.«

Diese Aussage rief bei den meisten Mitgliedern der Gerichtsbank ein ungläubiges Kopfschütteln hervor.

»Glaubt ihm, glaubt ihm!« rief Williams aus. »Der Mund des Theophilus Eaton hat nie eine Lüge gesprochen.«

Da Thorkil bei seiner Anklage beharrte, der Beschuldigte die gegen ihn vorgebrachten Zeugnisse auch nicht mehr zu entkräften vermochte, so schloß Endekott das Verhör, stellte als Vorsitzender des Gerichts noch einmal den ganzen Sachverhalt mit Sicherheit und Klarheit zusammen und er forderte alsdann die Geschworenen auf, ihrer Pflicht nachzukommen.

Nach kurzer Beratung wurde Theophilus Eaton des Raubmordes an Björn Wikingson für schuldig gesprochen und zum Tode verurteilt.

Ein dumpfes Gemurmel ging durch die Versammlung.

Bevor der Vorsitzende den Urteilsspruch der Geschworenen verkündete, rief Roger Williams ihm zu, und niemand wagte es, dagegen Einspruch zu erbeben:

»Haltet ein! Eine Stimme in meinem Innern schreit mir zu: Ihr begeht einen Mord, ihr Männer, indem ihr einen Mord zu sühnen glaubt. Die vorgebrachten Beweise scheinen gegen den Mann, auf den die Pilger der Wildnis mit Verehrung blickten, zu sprechen, aber wollt ihr auf solchen Schein hin ein Menschenleben nehmen? Gebt wenigstens Frist!«

Er wollte weiter zugunsten des Verurteilten sprechen, aber Endekott schnitt ihm das Wort ab. Er mußte seine Pflicht tun. Er nahm die Bibel vom Tische, öffnete sie und las daraus die Worte: »Wenn jemand eines Menschen Seele erschlägt, der soll des Todes sterben ... Und es soll einerlei Recht unter euch sein, dem Fremdling wie dem Einheimischen, denn ich bin der Herr, euer Gott. – Und also,« setzte Endekott, das Buch schließend hinzu, »also, Theophilus Eaton von Swanzey, angeklagt, überführt und schuldig gesprochen wegen Mordes und Raubes, sage ich Euch an, daß Ihr – –«

»Halt, Sir!« unterbrach hier plötzlich de Lussan die Worte des Obmannes. »Sprecht das Todesurteil noch nicht aus, sondern laßt zuvor das Indianermädchen da reden.«

Schon lange hatte Hih-lah-dih in lebhafter Aufregung ihr Auge unverwandt auf Thorkil gerichtet. Sie hatte leicht begriffen, daß es sich darum handelte, den Mord von des Goldhaars Vater zu rächen. Als sie sah, mit welcher Sorgfalt Thorkil das Goldstück auf seiner Brust verwahrt hatte, als sie merkte, welche Wichtigkeit diesem Stück »gelben Metalls« offenbar beigelegt wurde, da raunte sie ihrer Nachbarin die Worte zu:

»Wenn das Goldhaar gelbes Metall lieben, Hih-lah-dih ihm sagen kann, wo viel, viel solche Dinger verborgen sein, wie dort eins auf Tisch liegt.«

Desdemona, die der Verhandlung mit größter Spannung gefolgt, und wie der Patriarch von der Unschuld Eatons überzeugt war, hatte sofort die Äußerung der Indianerin de Lussan mitgeteilt.

Kaum hatte Roger Williams jenen Zwischenruf de Lussans vernommen, als er Endekott zurief:

»Um des Heils Eurer Seele willen, Freund, laßt die Indianerin sprechen.«

Endekott gehorchte dieser feierlichen Beschwörung, ließ das Indianermädchen vortreten, fragte sie nach Namen und Herkunft und forderte sie dann auf, zu reden.

Da ertönte von der Seite her, wo die Indianer saßen, ein: »Ugh!«

Hih-lah-dih schrak leicht zusammen. Sie wandte sich um und begegnete den finsteren Zügen und dem durchbohrenden Blick Annawons, der sich aus der Gruppe der Naragansetter-Häuptlinge halben Leibes emporgerichtet hatte. Endekotts wiederholte Aufforderung und Roger Williams eindringliche Bitte, zu reden, vermochten das Mädchen nicht aus ihrem Schweigen zu bringen. Erst als Thorkil mit sanften Worten sie bat, ihren Mund zu öffnen, sagte sie gesenkten Hauptes:

»Mein Bruder weiß, die Stimme einer Frau nicht darf laut werden im Rate der Krieger.«

»Ich weiß es, aber wenn meine Schwester sich scheut, zu meinen Brüdern zu reden, so mag sie zu mir reden.«

Die Stimme des jungen Jägers mußte eine unwiderstehliche Gewalt üben. Denn sie erzählte ihm nun, daß er viel solch gelbes Metall zu Mountaup, dem Mount Hope der Kolonisten, im Wigwam des Häuptlings der Wampanogen finden könne. Als sie noch ein ganz kleines Kind war, habe sie das gelbe Metall zum erstenmal gesehen. Jetzt sei es in einer Ecke unter der Erde versteckt. Sie wolle das Goldhaar hinführen, das gelbe Metall zu holen.

Hih-lah-dihs leise gesprochenen Worte waren der atemlos lauschenden Versammlung doch nicht entgangen. Die Wirkung ihrer Aussage war eine gewaltige. Das Licht der Wahrheit, so lange hinter den Wolken des Wahns und Hasses verborgen, brach jetzt hervor. Der rätselhaft verschwundene Schatz von Thorkils Ahnherrn befand sich in den Händen König Philipps!

»Durch den Mund eines Kindes tut Gott seine Gerechtigkeit kund – gepriesen sei sein Name!« rief Roger Williams frohlockend aus.

»Sprecht das Urteil nicht, Sir, sprecht das Urteil nicht! Ich ziehe meine Anklage zurück. O Gott, wer konnte das ahnen?« rief Thorkil mit erregter Stimme Endekott zu und stürzte aus dem Kreise.

»Wir richten nach menschlicher Einsicht,« sprach der Obmann erschüttert. »Mitbürger, Geschworene, wo kein Ankläger, da kein Richter. Das Gericht ist aufgelöst. Laßt uns den Höchsten preisen, ihr Männer, daß er uns bewahrt hat, schuldloses Blut zu vergießen.«

»Amen,« erwiderten die Geschworenen und verließen ihre Sitze.

»Mein Freund, mein Bruder,« rief Williams aus, auf Eaton zueilend. »Ihr seid gerettet, entlastet von dieser gräßlichen Anklage.«

Alles drängte sich glückwünschend und händeschüttelnd um den Puritaner, dem nun endlich die Fesseln starrer Teilnahmlosigkeit gesprengt waren, und der mit überschwenglichen Worten Gott dankte.

Die Versammlung brach in freudiger Erregung auf, um den Freigegebenen im Triumphe nach der Ansiedlung zu führen.

Hih-lah-dih war vor der Schranke stehen geblieben. Das Forteilen Thorkils hatte sie erschreckt, und die Wendung, welche die ganze Sache infolge ihrer Aussage genommen, drängte ihr die dunkle Ahnung auf, daß es sich hier um anderes und Größeres handele, als um das gelbe Metall.

Plötzlich fuhr sie aus ihrem Sinnen auf. Annawon stand dicht vor ihr.

»Die Schwester des Sachems,« sagte er in ihrer Sprache, »hat ihrem Bruder Metakom heute großen Schaden gemacht. Annawon hat ihr viel zu sagen. Komm!«

Er hatte ihren Arm gefaßt und zog die Widerstrebende mit sich fort.

Inzwischen hatte Thorkil den Häuptling der Naragansetter, Kanonchet, aufgesucht und war mit ihm eine Strecke abseits gegangen.

»Häuptling, manchen Tag und manches Jahr haben wir zusammen den Büffel gejagt, dem springenden Panther aufgelauert und die schleichenden Pequoden verfolgt. Mein Bruder weiß, daß, wie mein Leib öfter in den Wigwams der roten Männer war als in den Ansiedlungen, so auch mein Herz fast mehr den Roten zugewandt ist als den Leuten meiner Farbe.«

»Das Goldhaar spricht wahr,« entgegnete Kanonchet. »Goldhaar großer Freund von rotem Manne, und roter Mann großer Freund von Goldhaar.«

»Aber der Häuptling der Wampanogen hat sein uns gegebenes Versprechen schon bei seinem ersten Unternehmen gebrochen. Ihr habt auch gehört, der Schatz gelben Metalls, um dessentwillen mein Vater ermordet worden, befindet sich im Wigwam Metakoms.«

Kanonchet fühlte offenbar das ganze Gewicht dieser Worte und erwiderte nach einer kurzen Pause:

»Mein Bruder will den Tomahawk gegen den Sachem der Wampanogen erheben?«

»Ich will seine Spur aufsuchen, ja. Er soll mir Rechenschaft geben über seine Gefangenen und über den Mord meines Vaters, und ist er schuldig, so will ich mein Leben daransetzen, das seinige zu nehmen. Solltet Ihr also hören, daß ich oder Mato den Wampanogen getötet, so seid versichert, daß wir in unserem Rechte waren.«

»So soll also die unkluge Zunge einer Squaw das Freundschaftsband zwischen dem Goldhaar und seinen roten Brüdern zerschneiden?«

»Nicht die Freundschaft zwischen mir und Euch, hoff' ich. Nein, nein, wir wollen Freunde bleiben. Was aber den Wampanogen angeht – hört, Häuptling, Ihr kennt die Pflichten eines Sohnes!«

»Miantonomo!« rief Kanonchet aus, und seine Augen funkelten.

»Seht Ihr, Häuptling, Ihr versteht mich, und so gebt mir denn Eure Hand und sagt, daß Ihr mir zugetan bleiben wollt, wie ich Euch von Herzen zugetan bleiben werde.«

Der Indianer nahm mit ungeheuchelter Herzlichkeit die dargebotene Rechte Thorkils und drückte sie in der seinigen.

»Mein weißer Bruder ist ein gerechter Mann. Geh, Bruder, wohin dich die Stimme des guten Geistes ruft. Kanonchets Wigwam, Kanonchets Herz wird stets dem Goldhaar offen stehen.«

»Ich wußte es, daß Ihr so sprechen würdet, Häuptling. In Euch ist kein Falsch. Und so lebt denn wohl, auf Wiedersehen!«

Während Roger Williams mit Eaton seinem Haufe zuschritt, klopfte Groot Willem dem Richter plötzlich auf die Schulter.

»Theophil,« sagte der alte Trapper bewegt. »Ihr habt mich vorzeiten Bruder genannt, kommt und gönnt mir einige Augenblicke Gehör.«

In den Worten Willems lag etwas wie ein Klang aus ferner Jugendzeit, etwas, das Widerhall in der Brust des Puritaners erregte, das ihn anheimelte.

Eaton folgte ihm willig, und Willem führte ihn linkshin durch den Tann hinab an das Gestade der See. Dort blieb er vor einer mächtigen Weide stehen, die ihr wehendes Gezweige auf einen über und über berasten, aber offenbar von Zeit zu Zeit mit Sorgfalt von Unkraut und Dorngesträuch gereinigten Grabhügel senkte.

»Seht, Theophil,« sagte der alte Trapper mit bebender Stimme, »wir stehen da auf einem Boden, der Euch und mir heilig sein muß. Hier ruht die arme Mabel, mein Weib, Eure Schwester –«

Der Puritaner starrte auf den Hügel nieder, seine Lippen bewegten sich murmelnd, seinen Blick verhüllte ein Tränenschleier.

»Und bei dem Andenken Mabels,« fuhr Willem fort, »bitte ich Euch um Verzeihung, daß ich Euch für einen Meuchelmörder halten konnte.«

»Wie starb sie?« fragte Eaton tonlos. »Hinterließ sie dem Bruder für das Leid, das er ihr angetan, ihren Fluch?«

»Ihren Fluch? Was denkt Ihr, Mann? O, Mabels Lippen waren nicht geschaffen, einen Fluch auszusprechen. Sie starb, den Segen des Himmels für Euch erflehend, sie starb, nachdem das von ihr mir abgenötigte Versprechen, meine Hand nie gegen Euer Haupt zu erheben, das letzte Lächeln auf ihr Antlitz gerufen hatte.«

Es arbeitete heftig in Eatons Brust. Nach einer Welle erhob er sein schimmerndes Auge und blickte forschend in die wetterharten Züge des Jugendfreundes. Er sah auf die Spuren der Verstümmelung am rechten Ohr.

»Willem, mein Bruder,« sagte er dann gebrochen, »ich fürchte, daß ich zu hart, zu grausam an dir gehandelt. – Verzeih mir, um Mabels willen!

Der Trapper ließ sein Roer auf den Boden fallen und öffnete die Arme weit. Schluchzend warf sich der Puritaner ihm an die Brust.

Nahende Fußtritte störten sie auf.

»Sieh, Teophil,« sagte Willem, auf den herankommenden Thorkil zeigend, »da kommt noch einer, dich um Verzeihung zu bitten. Gewähre sie ihm, er ist ein wackerer Junge und glaubte nur seine Pflicht zu tun.«

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