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Die Pilger der Wildnis

Johannes Scherr: Die Pilger der Wildnis - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorJohannes Scherr
titleDie Pilger der Wildnis
publisherA. Anton & Co.
printrun13. bis 22. Tausend
editorJ. Jastrow
illustratorG. A. Cloß
year
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20090315
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9. Auf der »Gloria«.

Den ganzen Nachmittag eines heißen Julitages hatte nordwärts von der nördlichen Spitze Rhode-Island ein prächtiges Schiff unter seinen Bramsegeln gekreuzt, gegen Abend zu die Segel geborgen und unweit der Westküste von Plymouth Anker geworfen.

Sein vollendet regelmäßiger Bau mußte jedes Seemannsauge erfreuen. Über den länglichen, nicht sehr hohen Rumpf erhoben sich drei Masten mit ihren Rahen und Spieren und ihrem bis in die kleinste Einzelheit mit äußerster Sorgfalt geordneten Takelwerk. Nach der Sitte der Zeit stieg die sogenannte Hütte, das oberste Stockwerk des Hinterkastells, sehr weit aber das übrige Deck empor, und ihr Heckbord zeigte zierliches Schnitzwerk, das auch die Kajütenfenster einrahmte. Über der Reihe dieser Fenster war ein mächtiger Lorbeerkranz gemalt, und darinnen las man auf hochrotem Grunde in großen Goldbuchstaben das Wort »Gloria«. Ganz eigen war auch die Bemalung des Rumpfes, denn er trug statt des gewöhnlich schwarzen ein blendend weißes Gewand, das nur durch einen breiten, rings um das Schiff laufenden roten Streifen unterbrochen wurde, wie das weiße Ballkleid einer Schönen durch einen roten Gürtel. Dieser Streifen verjüngte sich gegen Stern und Bugspriet zu, entfaltete sich dagegen an den beiden Seiten, da, wo sich bei Kriegsschiffen die Stückpforten befinden, zu seiner vollsten Breite.

Das Anmutige, Leichte an dem Äußeren des Schiffe, zeichnete es auch im Innern aus. Das Deck wies die holländische Reinlichkeit auf, und aus der Art und Weise, womit alle Schiffsgerätschaften geordnet waren, erkannte man, daß der Dienst in diesem Fahrzeug auf das genaueste verrichtet würde. Obgleich das Schiff seiner Größe nach eine starke Bemannung haben mußte, ging es doch in der Back nicht minder ruhig zu als an jenen Stellen des Decks, die den Offizieren vorbehalten sind. Da und dort lehnte sich ein halb Dutzend Matrosen über die Galerie des Vorkastells. Sie freuten sich in träger Ruhe des schönen Abends und kauten an ihrem Tabak, dessen Saft sie von Zeit zu Zeit in die See hinabspritzten. Außer der Wache im Mastkorbe und dem wachthabenden Offizier, der vorn auf der Schanze hin und her schritt, hatten noch zwei kräftig gebaute Neger in türkischer Tracht, mit kurzstieligen Hellebarden bewaffnet, links und rechts am Eingang der Kajütentreppe ihren Dienst.

In seiner ganzen Erscheinung hatte das Fahrzeug etwas Rätselhaftes. Seine Gaffel trug keine Flagge. Ein Kauffahrer konnte es nicht sein, denn dazu war es viel zu reinlich und zierlich. War es aber ein Kriegsschiff, so mußte es Stückpforten haben, und doch schien jener rote Streifen den Seitenwänden so fest eingefügt zu sein, daß er kaum annehmen ließ, er sei nur da, um Geschützluken zu verbergen. Auf eine kriegerische Bestimmung deuteten aber zwei lange Drehbassen zu beiden Seiten des Hauptmastes, deren Mündungen seltsamerweise nicht steuer- und backbordwärts, sondern nach dem Vorkastell gerichtet waren. Ungewöhnlich erschien auch die Ungleichmäßigkeit in der Kleidung der Bemannung des Schiffes, die offenbar eine bunte Mischung der verschiedenartigsten Völker war; während der wachthabende Offizier, ein älterer, gesetzter Mann, die Allongeperücke und den mit Stickerei überladenen Rock eines Franzosen trug, sah man unter den Matrosen das enge spanische Wams, die holländischen Pumphosen, die langschößige Jacke der Küstenbewohner der Normandie, das beutelförmige Haarnetz der Katalanen, den griechischen Fez, den Sombrero der Kolonisten Westindiens. Aber die Kleidung der Matrosen war nicht nur höchst sauber, sondern bestand auch fast durchweg aus feinen und sogar kostbaren Stoffen, Seide und Samt von lebhaftesten Farben. Mancher tiefgebräunte Hals erhob sich aus einem prächtigen Spitzenkragen, und der vierschrötige Oberbootsmann, der eben vom Gangspill zu dem wachthabenden Offizier trat, um ihm eine Meldung zu machen, hatte die silberne Pfeife, das Zeichen seines Amtes, an einer dicken goldenen Kette auf der Brust hängen.

Oben an der Treppe, welche von der Hütte auf das Deck herabführte, erschien der Befehlshaber des Schiffes, der Mann aus dem alten Bauwerk auf Rhode-Island, den Blackstone seinen Freunden in Swanzey de Lussan und el Exterminador nannte.

»Wache im Mastkorb,« rief er mit klangvoller Stimme nach oben, »kein Boot in Sicht?«

»Keins, Sir,« tönte die schrille Antwort.

»Monsieur Legrand,« befahl er dem wachthabenden Offizier, »laßt den Bootsmann ein Boot zu augenblicklichem Gebrauch in Bereitschaft halten!«

Der Offizier gab den nötigen Befehl, und während das Boot mit geräuschloser Schnelligkeit in die See gelassen wurde, wandte sich de Lussan von der Hüttentreppe rückwärts zum Heckbord seinem Gaste, Thorkil Wikingson, zu.

»Meine Gebieterin zögert heute lange, zum Schiff zurückzukehren,« sagte de Lussan. »Fast bereue ich, daß ich ihrer Laune nachgegeben und sie allein habe gehen lassen.«

»Seid unbesorgt, Kapitän,« entgegnete Thorkil, »die Küste ist ganz verlassen und birgt keine Gefahren. Auch sagte ja die Mistreß, sie würde nicht vor Sonnenuntergang zurückkommen.«

»Wohl, aber die Sonne steht schon ganz niedrig, und – nun, Ihr wißt nicht, mein Freund, wie besorgt die Liebe macht!«

Thorkil kehrte sein Gesicht der Küste zu und unterdrückte einen schweren Seufzer.

»Überhaupt wird mir allmählich die Zeit zu lang in diesen engen Buchten und Meeresarmen,« fuhr de Lussan fort, »und unsere Freunde lassen beharrlich nichts von sich hören. Was meint Ihr?«

»Ich erwarte zuversichtlich, morgen Groot Willem zu sehen oder eine Botschaft von ihm zu erhalten.«

»Ja, die Zeit drängt. Ich kann mich unmöglich mehr lange in dieser See aufhalten und namentlich nicht untätig. – Aber Ihr seid doch überzeugt, daß den beiden Häuptlingen vollständig zu trauen ist?«

»Für Kanonchets Wahrhaftigkeit bürge ich wie für meine eigene.«

»Und König Philipp?«

»Er hat mir nie eine tatsächliche Veranlassung zum Mißtrauen gegeben, aber –«

»Aber?«

»Seht, Kapitän, ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, daß Metakom auf eine der Hauptbedingungen unserer Übereinkunft nur mit Widerstreben eingegangen ist, und das läßt mich befürchten, daß er sich nicht sehr bemühen wird, sie zu halten, wenn erst der Tomahawk seiner Krieger erhoben ist.«

»Ihr seid ein scharfer Beobachter. Auch mir gefiel der Ausdruck seines Gesichtes nicht sehr, als von jenem Punkte die Rede war. Doch mir müssen die Sache abwarten und dürfen es überhaupt nicht so genau nehmen, ob ein paar Kopfhäute mehr oder weniger mit in den Kauf gehen.«

»Sprecht nicht so, Kapitän. Ich habe doch wahrlich keine so verzärtelten Nerven wie Eure Hofdamen, von denen Ihr mir erzähltet, aber manchmal plagt es mich doch, daß ich gegen Leute meiner Farbe, gegen Christenmenschen mit den Rothäuten ein Bündnis gemacht habe.«

»Bah, junger Mann, was sind das für Grillen! Erinnert Euch doch, wie diese liebenswürdigen Christenmenschen Eurem Adoptivvater und Euch selber mitgespielt haben! Foi de gentilhomme, es gehört isländisches Blut dazu, um sich da noch Gewissensbisse zu machen.«

»Laßt es gut sein mit dem isländischen Blut. Sag' Euch, es ist kein Fischblut, und ich weiß, was meines Vaters Sohn geziemt. Aber bei alledem soll der Wampanoge seinem Versprechen nachkommen, wenn er Willem und mich zu Freunden haben will. Wir beide, Willem und ich, wollen nur unser Recht; auch den Rothäuten soll das ihrige werden, damit sie nicht Heimatlose auf den Jagdgründen ihrer Väter sind, allein deshalb brauchen nicht Wehrlose der Blutgier der Wilden preisgegeben zu werden. Zudem – doch das gehört nicht hierher.«

»Was wolltet Ihr sagen?« fragte de Lussan, als Thorkil plötzlich abbrach.

Der Jüngling blickte forschend in das offene Gesicht des Seemanns und setzte seiner Frage eine andere entgegen:

»Glaubt Ihr an Ahnungen, Kapitän?«

»Hm, mein Freund, wir Seeleute sind im allgemeinen ein abergläubisches Volk, und ich will nicht behaupten, daß es mir gelungen sei, mich von den Vorurteilen meines Standes völlig zu befreien. Ih-nis-kin – ich habe mich in diesen Namen ganz verliebt – Ih-nis-kin hält viel auf Ahnungen. Ihr Lieblingsdichter behauptet, es gäbe viele Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen sich die Schulweisheit nichts träumen ließe, und derselbe Dichter, der unstreitig ein weiser Mann war, sagt, wenn ich nicht irre, Zukünftiges werfe seinen Schatten in die Gegenwart.«

»Nun, seit gestern kann ich die Vorstellung nicht loswerden, es müßte etwas geschehen sein, was mir Unglück bringt. Seltsamerweise ist diese Ahnung ganz eng mit der Befürchtung verknüpft, Metakom sei seinem uns gegebenen Versprechen untreu geworden.«

»Das ist in der Tat seltsam. Aber seht, die Sonnenscheibe ist wahrhaftig schon bis auf einen schmalen Streifen versunken.«

»Ja,« bemerkte Thorkil, der in Gedanken die ungeduldige Äußerung de Lussans nicht beachtet hatte, »entweder ist Groot Willem ein Unglück begegnet oder –«

»Boot ahoi!« schrie es aus dem Mastkorb herab.

Die Pfeife des Oberbootsmannes Terrible ließ einen gellenden Triller hören.

»Ach, endlich!« rief der Kapitän und eilte die Hüttentreppe hinab.

»Das Boot von Madame und ein indianisches Kanu auf der Leeseite des Schiffes,« meldete Monsieur Legrand mit gezogenem Hute.

»Hinab mit der Fallreepstreppe, Burschen!« befahl de Lussan den Matrosen, die dienstfertig herbeieilten.

Die Treppe senkte sich in ihren Rollen an der Seite des Schiffes abwärts, unten hörte man leichtes Geplätscher, und Ih-nis-kin stieg, de Lussans entgegengestreckte Hand ergreifend, an Bord, Hih-lah-dih folgte ihr.

»Ich habe mich sehr um dich geängstigt, Teuerste,« flüsterte ihr der Kapitän zu, indes die Seeleute ehrerbietig zurücktraten. »Du sollst mir aber nicht mehr allein gehen. Du bliebst so lange aus, daß ich zu befürchten begann, deine Schwestern, die Nymphen, hätten dich entführt.«

Als er aber die tiefe Bewegung der schönen Frau, die Unruhe ihres Auges bemerkte, ließ er sogleich den scherzenden Ton und sagte:

»Was ist geschehen? Sprich! Du bist erregt und wie verstört.«

»Raoul,« versetzte sie hastig, »ich habe mit dir zu reden; komm und rufe auch Thorkil.«

Hiermit ergriff sie die Hand der Indianerin, deren Blick an dem herankommenden Thorkil haftete, und ging schnell nach dem Eingang der Kajütentreppe, deren Wächter ihre Waffen grüßend anzogen.

De Lussan blickte ihr einen Augenblick erstaunt nach und sagte halblaut zu dem jungen Jäger:

»Es muß etwas Außerordentliches sein, was Desdemonas Ruhe gestört hat.« Und rückwärts schauend, rief er: »Monsieur Legrand, sorgt für das Schiff. Die Luft verspricht eine stille Nacht, wir bleiben, wo wir sind.«

Dann folgte er mit Thorkil den beiden Frauen.

Hih-lah-dih war vom Norden einen der Küstenflüsse heruntergekommen und hatte von ihrem Kanu aus an einer tief einschneidenden Bucht der Naragansettbai versteckt unter dem Ufergebüsch das Boot Ih-nis-kins erspäht. Diese hatte an einer verschwiegenen, vom üppigsten Pflanzenwuchs umgebenen Stelle der Einbuchtung ein Bad genommen und war dabei von dem Indianermädchen überrascht worden. Nach der ersten Bestürzung und dem darauf folgenden freudigen Wiedererkennen hatte die Tochter der Wildnis der aus den Wellen entstiegenen Göttin beim Ankleiden geholfen und ihr verraten, daß sie eine Botschaft vom grauen Bär an das Goldhaar zu überbringen hätte. Im weiteren Gespräch hatte Desdemona zu ihrem Entsetzen von dem furchtbaren Überfall Swanzeys durch Metakom und seine Krieger erfahren und von der Gefangennahme des Richters, des kleinen Feuerspeiers, der beiden Blaßgesichtskrieger und des schönen Blaßgesichtsmädchens, Lovely geheißen. Dieser Name und was ihr die Indianerin von dem Vater und Großvater des gefangenen Mädchens zu erzählen wußte, hatte Desdemona in eine außerordentliche Erregung versetzt. Vermutungen und Ahnungen waren in ihr wach geworden, die sie so schnell wie möglich ihrem Geliebten und auch Thorkil anvertrauen wollte. So waren die beiden Schönen in ihren Nachen zu der Fregatte geeilt, und von ihnen hörten nun in der Kapitäns-Kajüte de Lussan und Thorkil die traurigen Nachrichten.

Erst nach einigen Stunden erschienen die beiden Männer wieder auf dem jetzt monderhellten Deck. Die Nacht war still und warm, die Luft kaum merklich bewegt, das Schiff gierte leise an seiner Ankerkette. Monsieur Legrand, der erste Leutnant an Bord der »Gloria«, hatte seinen Posten auf der Schanze einem anderen Offizier, dem spanischen Kreolen Don Estevan, überlassen und seine Kajüte aufgesucht. Der Kapitän maß das Deck der Quere nach ein paarmal mit hastigen Schritten und trat dann backbordwärts, um Wind und Wetter zu prüfen. Nach seiner Untersuchung wandte er sich mit kurzem Befehlston an den wachthabenden Offizier:

»Sennor Estevan, laßt das Gangspill bemannen und den Anker sogleich heben. Bringt das Schiff unter Segel und haltet den Kurs nach Nord-West-Nord, bis wir die Mündung des Pawtucketflusses erreicht haben.«

»Wohl, Sieur. Sollen wir an der bezeichneten Stelle vor Anker gehen?«

»Nein, weitere Befehle abwarten!« Darauf sagte er zu seinem Gaste: »Kommt, Thorkil, wir wollen noch ein Stündchen plaudern, denn ich glaube, voraussetzen zu dürfen, daß die Neuigkeiten, die uns Hih-lah-dih gebracht hat, nicht geeignet sind, Euch in Schlummer zu wiegen.«

Er sprach dies in seinem gewöhnlich ruhigen, leichten Ton, aber als er mit Thorkil das Heckbord erreicht hatte und der Mond, ungehindert durch Masten und Tauwerk, seine Züge voll bescheinen konnte, da war an den blitzenden Augen und den zusammengezogenen Brauen des Seemanns wahrzunehmen, daß sein Inneres heftig bewegt sein mußte. Noch deutlicher trat die innere Aufgeregtheit auf dem Antlitz des jungen Jägers hervor, der sich auch gar keine Mühe gab, dieselbe zu verbergen.

»Ich werde es mir nie verzeihen, daß ich nicht in den Wäldern war, obgleich ich wußte, daß Metakom einen Streich vorhatte. Doch da hilft nun schon kein Gerede mehr. Sagt mir schnell, Sir, was Ihr mir zu sagen habt, denn meine Zeit ist gemessen. Ich muß nach Providence, will das Kanu Hih-lah-dihs nehmen –«

»Das werdet Ihr bleiben lassen, Freund.«

»Bleiben lassen?« fuhr Thorkil auf.

»Bah, nur ruhig! Tut doch Eure Ohren und Augen auf! Hört, da ruft Terribles Pfeife die Leute auf ihre Posten. In zehn Minuten wird das Schiff unter Segeln sein und seinen Lauf nach Norden nehmen. Die »Gloria« bringt Euch sicherlich rascher in die Bai von Providence, als das Kanu des Indianermädchens.«

»Ihr segelt nach der Bai von Providence?«

»Ja, die Herrin will's, und am Ende kann es auch meinen Plänen zustatten kommen. Wenn aber nicht, je nun, ich habe geschworen, daß Desdemona die Königin meines Schiffes sein soll, solange die Planken desselben zusammenhalten.«

Inzwischen waren die Befehle zur Abfahrt des Schiffes ausgeführt worden, die Segel fielen von den Rahen und hingen einige Augenblicke schlaff nieder. Allmählich jedoch verkündete erst ein leises, dann ein stärkeres Klatschen, daß die Kühlte auf das Segelwerk zu wirken begann.

»Alles fertig, Sieur,« meldete der Wachoffizier von der Schanze her.

»Gut, Sennor,« entgegnete der Kapitän. »Herum mit dem Steuer, und sorgt, daß Ihr vor dem Winde bleibt. Sobald wir die Mündung des Pawtucket gekreuzt haben, soll die Barkasse mit ihrer Bemannung zu augenblicklichem Dienste bereit sein.«

Di« weißen Leinwandflächen fingen an zu schwellen, das Schiff machte, dem Drucke des Steuerruders gehorchend, eine halbe Wendung und glitt dann nach kurzem und kaum spürbarem Schlingern mit Leichtigkeit dahin auf seiner Bahn.

»So, jetzt ist alles getan, was sich für den Augenblick tun läßt, mein Freund. Nun, was haltet Ihr von den in der Kajüte vernommenen Neuigkeiten?«

»Wir wissen nur,« versetzte Thorkil, »daß der Häuptling der Wampanogen bei seinem Schlag auf Swanzey seines Versprechens nicht eingedenk gewesen, daß er Gefangene gemacht, sie in die Wälder geschleppt und dann mit schlauer Berechnung voneinander getrennt hat. In Providence soll ich Groot Willem treffen und weiteres vernehmen.«

»Wohl, aber was meint Ihr zu der sonderbaren Vermutung meiner Gebieterin?«

»Wenn ich die von mir gemachten Beobachtungen mit den Zeichen zusammenhalte, welche die Mistreß angegeben, so muß ich mit Bestimmtheit glauben, jene Vermutung sei wohlbegründet.«

De Lussan sah nachdenklich vor sich nieder, dann begann er wieder:

»Freund Thorkil, diese Sache kann für mich von unermeßlicher Bedeutung werden. Beruht die Befürchtung meiner Herrin auf Wirklichkeit, so muß ein großer Plan einer Herzenssache geopfert werden, ein Plan, der seit Jahren meinen Geist und auch den meiner Gebieterin beschäftigt hat und der eben jetzt der Verwirklichung nahe war.«

»Ich verstehe Euch nicht recht.«

»Ihr sollt mich bald verstehen, wenn ich Euch gesagt, was ich mir schon lange vorgenommen habe. Die Stunde ist günstig,« fuhr der Seemann fort, indem er die Hand des Jägers faßte und ihm prüfend in das offene männliche Antlitz sah; »ich habe Vertrauen zu Euch, und Ihr werdet mir zugeben, daß, solange wir uns kennen, ich stets wie ein Mann aufgetreten bin, der auch seinerseits Anspruch auf Vertrauen hat.«

»Das ist wahr, und ich bekenne offen, daß ich Euch von Herzen liebgewonnen habe.«

»Ich Euch nicht minder, Thorkil. Ihr erschient mir beim ersten Anblick als ein Mann vom echten Metall und Guß, obgleich ich bekennen muß, daß mir Euer Gebaren in letzter Zeit nicht mehr so recht frank und frei, sondern – wie soll ich sagen? – trübe und träumerisch vorgekommen ist.«

Der Jüngling wandte sich verlegen zur Seite und versetzte ausweichend: »Ja, Groot Willem meint, es müsse mit meiner Gesundheit nicht ganz richtig sein.«

»Ah bah, geht doch! Groot Willem meint allerdings, daß Euch etwas fehle, aber nicht die Gesundheit ist es. Nein, nein, Ihr habt Herzweh, Freund, das ist alles.«

Thorkil schwieg und unterdrückte einen Seufzer.

»O, ziert Euch nur nicht! Glaubt mir, ich kenne diese Schmerzen, und nach dem, was mir Groot Willem von dem Mädchen gesagt –«

»Sprecht nicht weiter, ich bitt' Euch. Das arme Kind ist in den Händen der Wilden – ich hätte es vielleicht hindern können –, aber wenn ihr auch nur ein Haar ihres Hauptes gekrümmt wird –«

Er brach ab und legte mit einer vielsagenden Gebärde die Hand an den Griff seines Weidmessers.

»So gefallt Ihr mir,« sagte de Lussan. »Aber faßt Euch, ich bin fest überzeugt, daß der Häuptling keine Gewalttat gegen seine Gefangenen beabsichtigt. Er hätte sie sonst auf der Stelle den übrigen Toten der überfallenen Ansiedlung beigesellt. Er muß sie herausgeben, freiwillig oder gezwungen, und sollte Zwang nötig sein, so werde ich in dieser Sache fest bei Euch stehen. Da, nehmt meine Hand darauf!«

Thorkil schlug in die dargebotene Rechte des Seemanns, und dieser fuhr fort:

»Und nun sollt Ihr vollkommene Klarheit in meine Pläne erhalten.«

Beide nahmen auf der Bank unter der Galerie der Hütte Platz, und de Lussan begann seine Mitteilung:

»Ich rühme mich wie Ihr normannischer Abkunft. Meine Vorfahren gingen mit Rollo nach Süden und ließen sich in der Normandie nieder. Ein Zweig der Familie zog mit Willem dem Eroberer nach England und bildet noch jetzt ein Glied der englischen Pearschaft, ein anderer blieb in der Normandie zurück, und von diesem stamme ich ab. In den Unruhen des französischen Adels mit Richelieu und Mazarin wurde unser altes Kastell auf Mont de Lussan von den Mazarinisten fast bis auf den Grund zerstört, und die sehr gesunkenen Vermögensumstände meines Vaters erlaubten ihm nur eine teilweise Wiederherstellung des alten Stammsitzes. Er konnte sich auch nach den bürgerlichen Unruhen in den stillen und knappen Haushalt nicht finden, und sein unwirsches Wesen, sowie die rauhen und grausamen Weidmannsmanieren meines älteren Bruders trugen unzweifelhaft die Mitschuld an dem frühen Tode meiner Mutter, einer geistvollen und milden Frau, deren anmutige Erscheinung mir immer noch lebhaft vor der Seele schwebt. Nach ihrem Tode wurde ich, weil ich ein Diener der Kirche werden sollte, in das Jesuitenkollegium zu Rouen gebracht. Ich studierte eifrig und machte Fortschritte. Daneben wurde ich durch die gewagtesten körperlichen Übungen ein tüchtiger Reiter, Schwimmer, Schütze und Fechter. Mein größtes Vergnügen war das Lesen der alten Ritterbücher und Chroniken, in deren abenteuerlicher Welt ich mich berauschte. Verworrene Träume von Heldenleben und Ruhm beschäftigten meine junge Einbildungskraft. Dabei beseelte mich ein ingrimmiger Haß gegen alle Unterdrückung und Gewaltherrschaft, und dieser Haß sollte bald eine bestimmte Richtung erhalten.

Einer der Patres, der mich liebgewonnen und lange einer Mission seines Ordens in Westindien vorgestanden hatte, schilderte mir mit brennenden Farben die Greuel der spanischen Herrschaft in der Neuen Welt, die unerhörten Grausamkeiten der Spanier gegen die Ureinwohner, die eifersüchtige Feindseligkeit, womit sie alle übrigen Völker der Vorteile zu berauben suchten, welche Handel und Kolonisation auf den Küsten Amerikas gewährten. In den Spaniern glaubte ich die Erbfeinde der Freiheit und Menschlichkeit zu erkennen, und ich schwur ihnen ebenso unauslöschliche Feindschaft, wie sie der alte Karthager seinen Sohn Hannibal den Römern hatte schwören lassen.

Als ich bei einem der Schauspiele, welche die Väter der Gesellschaft Jesu von Zeit zu Zeit zu veranstalten pflegten, die Rolle eines französischen Soldaten zu spielen hatte, der in einer Prügelei mit einem spanischen zusammengerät, ergriff mich der böse Geist meines Hasses mit solcher Leidenschaft, daß ich gänzlich vergaß, der angebliche Spanier sei ja einer meiner besten Kameraden. Ich fiel mit solcher Wut über ihn her, daß er, aus Mund, Nase und einer Stichwunde in dem linken Arm blutend, halbtot von der Bühne getragen werden mußte. Ich erhielt eine sehr strenge Strafe, und da wurde es mir klar, daß ich durchaus nicht zum Priester geschaffen sei.

Ich entfloh und ging zu Honfleur an Bord eines Westindienfahrers. Als Schiffsjunge wußte ich mir das Wohlwollen der Mannschaft zu gewinnen und eignete mir bald die Anfangsgründe der Seefahrtskunde an. Nach einer langen und höchst beschwerlichen Fahrt wurden wir auf der Höhe der Bahama-Inseln von einer spanischen Galeone genommen. Ich sollte, wie die ganze Mannschaft unseres Schiffes, als Sklave in die Pflanzungen von Haiti gebracht werden. Ihr könnt Euch denken, daß die Aussicht auf dieses Los meinen Haß gegen alles, was spanisch hieß, nicht sehr verminderte.

Eines Nachts, als das Schiff nach einem Sturme lavierte, um seinen ursprünglichen Kurs wiederzugewinnen, gelang es mir, aus dem Raum, wo wir Gefangenen eingesperrt waren, auf das Verdeck zu kommen. Im Schein des Mondes sah ich gegen Norden hin die Brandung blitzend an einer Küste sich brechen. Da mußte – so dachte ich – die Insel La Tortue liegen, der Hauptsitz der Flibustier oder Bukanier, von denen ich auf unserer Fahrt viel gehört hatte. Ich warf die Kleider von mir und stürzte mich mit einem Fluch auf die Spanier ins Meer. Ich weiß nicht, ob meine Flucht an Bord der Galeone bemerkt wurde, ich weiß nur, daß ich, aus der Tiefe wieder auftauchend, mit rasendem Eifer meine Kräfte anstrengte, um der Sklaverei hinter mir zu entrinnen. Die Strömung ergriff mich und führte mich mit furchtbarer Gewalt der Brandung zu. Bewußtlos wurde ich auf den Strand geworfen, wo mich bei Tagesanbruch ein Bukanier fand, der mich nackt und bloß in seine Hütte brachte.« Hier unterbrach de Lussan seine Erzählung und fragte Thorkil:

»Ihr kennt die Geschichte der Flibustier?«

»So ziemlich. Mein Lehrer Roger Williams hat sie mir erzählt.«

»Und was wußte dieser Puritaner davon zu sagen?«

»Daß die Küstenbrüder die kühnsten Männer sind, die je das Meer befahren, jedoch zugleich auch die gesetzloseste Bande, die es je gegeben hat.«

»Bah, der gute Prediger, vor dem ich nach Euren Mitteilungen die größte Achtung habe, hätte sich besser unterrichten sollen. Ich sage Euch, mein Freund, es hat vielleicht nie eine Genossenschaft gegeben, die auf die Erfüllung ihrer sich selbst gegebenen Gesetze so streng hält wie die Küstenbrüder. Habt Ihr an Bord der »Gloria« jemals etwas bemerkt, was mit der strengsten Ordnung unverträglich wäre?«

»In Wahrheit, nein, und ich gestehe, daß ich die Kunst, womit Ihr Eure Leute beherrscht, höchst bewundere.«

»Ja, die Burschen kennen mich. – Doch ich fahre in meiner Erzählung fort. Die Mehrzahl der Flibustier auf La Tortue waren Franzosen, und so wurde ich als ein Landsmann von ihnen freundlich aufgenommen. Meine Erzählung von der spanischen Galeone und der Grimm meiner Rachgier gewann mir die Zuneigung der Männer. Wenige Stunden darauf war schon eins der kleinen Fahrzeuge in See, womit diese Unverzagten die größten spanischen Schiffe zu jagen und zu entern pflegen. Ich war mit an Bord. Wir holten die Galeone am Kap Isabella ein und enterten sie trotz ihres mörderischen Feuers. Bloß mit einem Pallasch bewaffnet, stürzte ich mich als der erste auf das feindliche Deck, brach mir mutig Bahn durch die Spanier und warf alles vor mir nieder, was sich mir entgegenstellte. Im Nu war die Galeone genommen.

Das war der Anfang einer Laufbahn, die mich schon nach Jahresfrist an die Spitze einer Schiffsmannschaft brachte, welche noch jetzt den Kern der Schlachtrolle der »Gloria« ausmacht. Sie brachte mir bald von den Spaniern den in den amerikanischen Meeren so gefürchteten und gehaßten Namen des Vertilgers, el Exterminador, ein.

Als ich dann den Tod meines Vaters und meines Bruders erfahren hatte, stellte ich meine Leute unter den Befehl von Monsieur Legrand, dem ich unbedingt vertrauen konnte, und schiffte mich nach Europa ein. Mein Ruf und mehr noch mein Gold setzten mich in den Stand, in Paris und Versailles das Leben eines großen Herrn zu führen. Ich besuchte auch unser zerfallenes Stammschloß in der Normandie und fand es im Besitz eines entfernten Vetters; aber ich hatte nicht die geringste Luft, ihm die Ruinen streitig zu machen. Unter den hinterlassenen Familienpapieren meines Vaters stieß ich auf Urkunden, nach denen wir seit langer Zeit eine bedeutende Forderung an den englischen Zweig der Familie geltend machen konnten.

Ich ging deshalb nach England und begann einen langwierigen Prozeß, den ich verlor. Aber ich gewann dort einen Schatz, den alles Gold der Erde nicht aufwiegen könnte, einen Schatz, der ein nie geahntes Glück in mein Leben brachte und ihm erst einen rechten Mittelpunkt gab. Ihr versteht, was ich meine, Thorkil. Meine Erzählungen vom Meer und von der Neuen Welt hatten meine Herrin, die sich in den Kreisen der sogenannten großen Gesellschaft nicht wohl fühlte, von Anfang an entzückt, und als ich sie an Bord der »Gloria« führte, die ich auf den Werften von Brest nach allen Regeln der Schiffsbaukunst hatte erbauen lassen, strahlten ihre süßen Augen vor Vergnügen. Auf La Tortue vervollständigte ich mit meiner alten Mannschaft die Ausrüstung der »Gloria«, deren guter Geist Desdemona wurde.

Der Sieg war an meine Flagge gefesselt, und mein Name nahm zu an Schrecken und Ruhm. Ich hätte meiner Herrin ein Königreich zu Füßen legen mögen. Die Unternehmungen eines Kortez, eines Pizarro, eines Almagro und anderer schwebten mir vor, und ich sagte mir, was jene Abenteurer aus eitlem Golddurst zuwege gebracht, das müsse doch wohl auch dem von der Liebe beseelten Streben nach Ruhm gelingen. Von diesem Gedanken erfüllt, rüstete ich auf einer kleinen Insel im Golf von Honduras, die ich seit Jahren als mein Eigentum betrachten konnte, einen umfassenden Eroberungszug nach dem Innern von Mittelamerika aus. Aber der nachteilige Einfluß des tropischen Klimas auf die Gesundheit meiner Gebieterin bestimmte mich, die Vorbereitungen zu meinem Unternehmen fallen zu lassen und meine Pläne zu ändern.

Ich richtete nun mein Augenmerk auf die nördlicheren Breiten des amerikanischen Festlandes, um dort weite Landgebiete zu erobern und einen Staat zu gründen. Ich verkannte durchaus nicht die großen Schwierigkeiten und rechnete auch mit dem hartnäckigsten Widerstand der meist germanischen Ansiedler in Neu-England. Aber ich war nie der Mann, einen einmal gefaßten Entschluß aufzugeben, weil seine Ausführung keine leichte Sache war. Zudem schien mir die Verwirklichung meines Planes ein Flibustiertum höchsten und edelsten Stiles zu sein, wie es der alte Normannenherzog Rollo übte, als er das Seinetal eroberte und die Normandie gründete. Auf einem Ausflug, den ich zur Erforschung des Innern von Neu-England unternommen hatte, machte ich die Bekanntschaft des Zwischenhändlers Thomas Morton auf Mount Wallaston –«

»Traut Ihr diesem Menschen, Kapitän?«

»Trauen? Nicht von hier bis zum Besanmast meines Schiffes.«

»Und doch habt Ihr Euch mit ihm eingelassen?«

»Was Ihr für eine liebe Unschuld seid, Master Thorkil. Glaubt Ihr denn, daß Männer, welche je Großes ausführten oder je ausführen werden, zum Ziele gekommen wären oder kommen würden, wenn sie ängstlich darauf gesehen hätten oder sähen, ob alle ihre Werkzeuge reine Hände und frisch gewaschene Wäsche hatten oder haben? Ich weiß recht wohl, daß Tom Morton ein verdorbener Londoner Winkeladvokat ist, gemeinster Ausschweifung ergeben, ein Spieler und Säufer, der mit seinen Trunkenbolden auf Mount Wallaston eine ärgerlich liederliche Wirtschaft führt. Aber er konnte mir nützlich werden und ist mir auch wirklich nützlich geworden. War er es doch, der mich zuerst mit Euch und Groot Willem bekannt machte.«

»Meiner Treu, Kapitän, so lieb mir auch unsere Bekanntschaft ist, so wollte ich doch, sie hätte einen anderen Mittelsmann gehabt. Ich ging nur dann und mit dem größten Widerwillen nach Merry-Mount, wenn es galt, unsere Felle gegen Munition und andere Bedürfnisse umzutauschen.«

»Ja, seht Ihr, Freund, der trunkene Tom wußte sich doch nützlich zu machen, und ich wette, Ihr seid bei Eurem Handel mit ihm billiger gefahren, als wenn Ihr mit einem dieser näselnden, psalmplärrenden Heiligen des Herrn gehandelt hättet.«

»Aber nur, weil der brüllende Tom vor Groot Willems Roer eine heillose Furcht hat. Im übrigen, Kapitän, tut Ihr unrecht, wenn Ihr die Kolonisten in ihrer Gesamtheit oder auch nur in der Mehrzahl zu verachten scheint. Ich habe zwar keinen Grund, die Puritaner zu lieben, denn sie haben, von meines Vaters Tod ganz zu schweigen, den beiden Männern, denen ich so viel, ja alles verdanke, Groot Willem und Roger Williams, schweres Leid angetan. Aber bei alledem muß ich sagen, daß es unter ihnen viele Männer gibt, die mit dem reinsten Wollen eine eiserne Tatkraft verbinden. Ohne die Zähigkeit, womit die Kolonisten an ihren Glaubensgrundsätzen hängen, wäre die Gründung der Ansiedlungen von Neu-England vielleicht geradezu eine Unmöglichkeit gewesen. Das ist wenigstens die Meinung meines Lehrers Williams.«

Der Flibustier versank in ein kurzes Nachdenken. Dann sagte er:

»Ich habe Euch einen Blick in meinen Plan eröffnet, Thorkil. Ihr wißt auch, was ich durch meine Verbindung mit den Eingeborenen, die ja hauptsächlich durch Euch und Euren väterlichen Freund Willem zustande kam, zur Ausführung des Unternehmens bereits getan. Sagt mir offen, ob Ihr glaubt, daß dies Unternehmen glücklich durchgeführt werden kann.«

»Das zu entscheiden, vermag ich nicht, aber so viel weiß ich, daß die Kolonisten Euch den zähesten Widerstand entgegensetzen werden.«

»Desto besser; nur der Triumph ist schön, der mit Anstrengung aller Kräfte errungen wird. Ich verachte die leichten Erfolge und liebe es, alles einzusetzen, um alles zu gewinnen. Der Kampf der Eingeborenen gegen die Kolonisten ist ausgebrochen. Mögen sie sich untereinander würgen und schwächen. Dann werde ich über sie kommen. Ich habe Gold in Fülle, die Mannschaft meines Schiffes ist mir unbedingt auf Tod und Leben ergeben, auf meinen Ruf wird mir Monsieur Legrand von den westindischen Inseln Hunderte von Freibeutern herausbringen, die selbst den Tod nicht fürchten.«

»Hunderte von –«

»Piraten, wollt Ihr sagen. Ah, das macht Euch stutzig? Ihr meint, die Grundlage meiner Macht sei nicht sauber und blank genug? Aber was waren denn Romulus, Rollo, Robert Guiskard, Wilhelm der Eroberer, Kortez, Pizarro? Bei Licht betrachtet, lauter Räuberhauptleute.«

»Man sagt so, aber erinnert Euch, wie es Kortez und Pizarro erging. Lohnte ihnen ihr König nicht mit Undank, nachdem sie so Ungeheures für ihn vollbracht?«

»Und warum vollbrachten sie es für ihn und nicht für sich selbst, die Toren? Meint Ihr, ich wüßte nichts Besseres zu tun, als ein von mir erobertes Land dem hochmütigen Louis in Versailles zu Füßen zu legen? Foi de gentilhomme, es gibt nur ein Wesen, dem ich meine Freiheit und meine Macht völlig unterordne, meine Herrin. Indem ich sie erhöhe, erhöhe ich mich selbst. Aber was das Gemüt meiner Gebieterin seit heute abend bewegt, könnte doch einen bedenklichen Riß in meinen Plan machen. Ich fürchte für sie; denn es ist da eine Wunde aufgerissen worden, die ich mit dem Balsam einer unendlichen Liebe glücklich geheilt zu haben glaubte. Solange diese Ungewißheit und Sorge die Augen meiner Herrin umdunkelt, sind meine glücklichen Sterne verdüstert. Wir müssen uns so rasch als möglich Gewißheit verschaffen. Was ratet Ihr?«

»Wären wir in den Wäldern, so würde ich sagen, daß meine Stimme noch zu jung sei, um am Ratsfeuer gehört zu werden. Ich weiß aber, was mir zu tun zukommt. Sobald ich die furchtbare Pflicht erfüllt, zu deren Erfüllung mich die Botschaft Groot Willems nach Providence ruft, werde ich mich aufmachen, um die Spur Metakoms aufzufinden, und nicht ablassen, bis ich sie habe. Er soll uns Rechenschaft ablegen, und kann er es nicht, so sind wir geschiedene Leute.«

»Ich werde Euch begleiten, Freund, denn Ihr begreift, daß mir sehr viel daran liegen muß, einen Bruch mit den Eingeborenen zu verhüten. Aber nun von Euren Angelegenheiten! Ihr glaubt also, die Stunde, wo Ihr das schreckliche Amt des Bluträchers zu üben habt, sei gekommen?«

»Die Botschaft Willems läßt mir darüber keinen Zweifel.«

»Und seid Ihr beide vollständig überzeugt, daß die Rache den rechten Mann trifft?«

»Wir sind es. Aber erst soll der gefangene Richter von Swanzey in Providence wie ein freigeborener Engländer vor die Geschworenenbank geführt werden und auf meine Anklage hin seine Verteidigung führen. Er soll gerichtet, nicht gemordet werden.«

»Das ist ehrenhaft gehandelt. Aber glaubt Ihr, daß der Haß Groot Willems gegen Eaton durch das Urteil eines Gerichts, falls es auf Nichtschuldig erkennen würde, gestillt sei?«

»Was den Mord angeht, ja, denn Willem ist vor allem ein gerechter Mann. Was aber seine eigene Rechnung mit Eaton betrifft, so wird er dieselbe früher oder später auf seine eigene Weise abmachen.«

»Darf ich fragen, wie diese Rechnung aufgegangen ist?«

»Groot Willem spricht nicht gern von der Sache. Aber ich glaube mich keines Vertrauensbruches schuldig zu machen, wenn ich sie Euch kurz erzähle. Willem und Eaton waren in ihrer Jugend gute Freunde, obgleich dieser stets ein starrer Anhänger des Puritanertums war, jener dagegen sich offen zu der Grundsatz der Gedanken- und Glaubensfreiheit bekannte. Er hatte seinem Freunde bei der Gründung von Swanzey außerordentliche Dienste geleistet, und bei den Bewohnern des Dorfes galt es für ausgemacht, daß Eaton seine einzige Schwester Mabel, deren Zuneigung zu Willem eine offenkundige Sache war, ihm zur Frau geben würde, aber nur, wenn er der Gemeinde der Heiligen des Herrn beitrete. Das verweigerte Willem auf das entschiedenste, er mochte den Besitz Mabels, so hoch er ihn auch schätzte, nicht mit einer Heuchelei erkaufen. Darauf versagte ihm Eaton die Hand seiner Schwester. Willem, damals noch nicht der unerschütterlich kaltblütige Waldgänger, wie Ihr ihn kennt, ließ sich zu harten Äußerungen hinreißen, weniger über die Person seines Freundes als vielmehr über die aberwitzige Unduldsamkeit seines Glaubens. Das wurde dem Richter hinterbracht, der in seiner Glaubenswut seinen ehemaligen Freund vor die Kirchenältesten fordern ließ, sich zu verantworten. Da er nicht erscheinen wollte, wurde er verurteilt, vor versammelter Gemeinde seine Irrtümer zu bekennen. Willem schlug dem Boten das Urteil um die Ohren. Nun ward er mit Gewalt ergriffen, vor ein Gericht gestellt, nach furchtbarem Widerstand überwältigt, gemißhandelt und des rechten Ohres beraubt. In der Nacht drang Mabel in das Blockhaus, wo der Unglückliche gefangen gehalten wurde, löste die Bande des Geliebten und entfloh mit ihm in die Wälder. Sie gingen nach Providence, wo Roger Williams ihre Hände vereinigte. Aber ihr Glück währte nicht lange. Mabel starb nach der Geburt ihres Kindes, das nur wenige Augenblicke das Licht sah. Beide ruhen unter einer Weide am Ufer der Naragansettbai.«

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