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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 9
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
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Achtes Kapitel

Dort nun spielte Velten Stacher den Winter durch zu Brautlost und Taufe, Mahlzeit und Tanz »im Haus und auf der Gaß«, und aus den Batzen, die seine Kunst ihm eintrug, war mancher Goldgulden ihm in den Säckelgurt gewachsen, als der Frühlingswind wieder brausend über die Berge herabkam. Da brach auch der Pfeifer mit seinem Gesellen wieder auf, nach Vorjahrsweise sommerlang durch Wald und Tal, von Ort zu Ort dahinzuziehen. Es war aber schon so weit gekommen, daß Guy Loder ihn zu einem und anderem Stück auf seiner Pfeife begleiten durfte, und mit eifrigstem Bemühen trachtete der höher aufwachsende Knabe auf Weg und Steg nach besserem Vorschreiten in seinem Spiel, daß er oftmals selbst vom Nachtlager unter Baum und Busch aus dem Schlaf aufsaß und heimlich in die Sternendämmerung oder Mondeshelle hinausblies. Auch ein anderes erlernte er noch dazu von seinem Genossen: die Fertigkeit, seine Worte, ja fast schon seine Gedanken mit fröhlich klingenden Reimen zu umkleiden; er brauchte sie nicht zu suchen und zu wollen, sie fielen ihm wie jenem von selbst auf die Zunge. Doch nicht allein zur Ansprache und Erwiderung, vielmals kam's ihm auch ohne solchen Anlaß über die Lippen und war ein Liedlein, das er vor sich hinsang, denn er fand sogleich immer eine Weise dazu, die den Worten entsprach, als könnten sie beide nicht anders sein. Nicht selten frug staunend Velten Stacher: »Was war's, und woher hast du's?« und Guy entgegnete: »Weiß nicht, hab's wohl irgendwo gehört, es fiel mir so ein.« Doch dann schüttelte der Spielmann den Kopf: »Das sang noch keiner vor dir und hast's auch nicht von dir selber; unsere liebe Frau von Dusenbach hat's dir in die Wiege gelegt, weil du als ihr Schutzkindlein am gleichen Tage mit ihr zur Welt gekommen. Bist zu besserem geboren als ich, Brüderlein, an Leib und Seele,« und neidlos sah Velten Stacher freudig-bewundernden Blickes den schönen, jünglinggleichen Knaben an. Dann antwortete dieser mit lachendem Frohmut: »Da hab ich's wohl von der Sonne zum Dank, daß mein Herz zu ihr gekommen und ihr Gedächtnis auf sich trägt.« Er zog einmal dazu einen kleinen goldgrünen Stein hervor, den er, in der Mitte zierlich durchbohrt, an einer Schnur unter dem Gewand auf der Brust trug, und der Pfeifer nickte: »Weißt, das ist ein und dieselbe; woher hast denn das Amulettchen?« – »Von der Sonne,« erwiderte Guy kurz. – »So trag's, bis die Bruderschaft dich aufnimmt und unsere liebe Frau dir ihr wirklich Gnadenbildnis zu tragen gewährt.« Da schwieg der Knabe, mit glänzenden Augen weiter wandernd; er redete niemals ein Wort wider seinen treuen Lehrer und Behüter, dem er mit innigem Herzen anhing, aber der Name unserer lieben Frau von Dusenbach kam auch nie über Guy Loders Lippen.

So wanderten sie oftmals von der Stadt Basel bis nordwärts zum weiten, dunkelgestreckten Hagenauer Forst und dazwischen in die zahllos tiefgewundenen Täler des Wasichingebirges hinein, hielten, wo sich guter Lohn verhieß, in einer umfangreicheren Stadt gen Mittag oder gen Mitternacht ihre Winterrast. Nur wenn der Septembermond anbrach, trennte sich Velten Stacher für ein kurzes Weilchen von seinem Gesellen, um zum Pfeifertag nach Rappoltsweiler zu gehen, an dem nur die Brüder, doch keiner ihrer Schüler teilnehmen durften. Wohl dagegen war's den letzteren verstattet, als Zuschauer und Hörer gewärtig zu sein, allein das hatte Guy bei der ersten Wiederkehr des Tages nicht gewollt und verblieb dabei. Zwar schien's ihm von Jahr zu Jahr mehr gewaltsamen innerlichen Kampf zu kosten, doch er zeigte sich von fester Entschlossenheit, das Fest nicht eher wieder zu besuchen, bis er sein Probestück zur Aufnahme in die Bruderschaft abzulegen vermöge. So blieb er stets in einer unweit gelegenen Ortschaft zurück; sobald indes sein Genoß davongeschritten, stieg er hurtig einen Berghang hinan, von wo er die Burgen über Rappoltsweiler in der Sonne flimmern und leuchten sah. Dort saß er unverwandten Blickes vom Morgen bis zum Abend; dann war's ihm, als sitze er wieder auf der einsamen Hochkuppe unter dem Göcker des Brüschbückels und schaue nach den geheimnisvoll blinkenden, winkenden Schlössern hinüber. Nur hatten sie damals fern und tief unter ihm gelegen, und jetzt ragten sie hoch vor ihm, über ihm auf. Zuweilen streifte sein Gedanke auch flüchtig zu dem ärmlichen, weltentlegenen Dorf auf dem Hochkamm hinter ihm und zu dem dürftigen Gehöft seiner Eltern empor. Doch es kam kein Reuegefühl dabei über ihn, daß er sie ohne Abschied verlassen, er hatte es so gemußt, nicht anders gekonnt, und täte es zu jeder Stunde wiederum. Wohl wußte er ihnen Dank, daß sie ihn in die schöne, wunderreiche Welt gebracht, ihn nach der Kargheit ihres Daseins genährt, gekleidet und großgezogen hatten; aber wenn er sie sich droben bei der sommerlichen Schafhut oder am Feuer des Winterherdes vorstellte, kam's ihm tröstlich, wie er sie durch lange Jahre gekannt, sie gedächten seiner kaum mehr und es falle höchstens einmal dann und wann ein gleichmütiges Wort von ihrer Lippe, das zufällige Erinnerung an ihn geweckt. Und mit anderem, aus tiefstem Herzen strömendem Dank hob er den Blick zu dem großen, goldenen Himmelsantlitz empor, das ihm im Innersten vertraut, wie von stillen Kindheitstagen auf, als die große, liebreiche Mutter alles Lebens erschien und ihn mit seliggeheimnisvollen Schauern von Glanz und Wärme, Träumen und namenlosen Hoffnungen überleuchtete.

Drüben zu Rappoltsweiler jedoch vollzog sich bei jeder Rückkehr des achten Septembers der Pfeifertag stets in der nämlichen Weise. Klangvoll strömte am Morgen der lange, von dichter Volkswoge umflutete Zug, von Gosfried Dürrschnabel im roten Königsmantel würdevoll geführt, zur Waldschlucht unserer lieben Frau von Dusenbach hinaus, und alle Teile der Festlichkeit folgten nach altem Brauch und Herkommen hintereinander. Nur der Ritter Bertulf von Egisheim befand sich nicht wieder neben der gräflichen Familie von Rappoltstein im Chorstuhl der Kapelle und ließ dem Festtage überhaupt seine Gegenwart nicht mehr zu teil werden. Im ersten und zweiten Jahre hatte er einsam auf seiner Felsburg über Rappoltsweiler gesessen, deren beständig aufgezogene Fallbrücke keinem Gast über die rundum gähnende Tiefe Zutritt vergönnte; dann hieß es, er sei in Nacht und Dunkel von droben davon geritten, doch niemand hatte es gesehen noch wußte, wohin. Allemal aber tauchte am Pfeifertag zwischen dem Jubel und Getümmel um den Dusenbach ein verwunderliches Bild auf. Gegen die Mittagsstunde hinan kam aus dem Sprengbachtale herauf, von zwei schwarzen, weißgehörnten Ziegen begleitet, ein mählich höher emporgewachsenes Mädchen geschritten. Lautlos mit überall umsuchenden Augen ging sie durch die Menge und langsam ernsthaften Ausdrucks wandelten ihre beiden Genossinnen ihr stets zur Rechten und Linken, als wüßten sie genau, welche Pflicht ihnen hier obliege. So wanderte sie stundenlang hin und wieder, ihre Herrin nahm indes nie an der bereiteten Festmahlzeit teil, sondern zog ein mitgebrachtes Brotstück hervor, stillte daran ihren Hunger und begann das ruhige Umherblicken aufs neue. Sie sprach niemanden an, und keiner wußte, wer sie sei, woher sie stamme; nur ihre absondere Erscheinung war bald allen bekannt, und daß sie alljährlich von irgendwo zu der Lustbarkeit komme; nach Ablauf einiger Wiederholungen des Pfeifertages ließ Gewöhnung nicht mehr auf sie achten. Bis die Sonne aus dem engen Tal verschwand, blieb sie, dann trat Bettane mit ihren Ziegen gleichmäßigen Schrittes durch die weiten, nächtlich verdunkelten Wälder den Rückweg zu ihrem Heimatsdorf an. Dort stieg sie am nächsten Morgen zu dem Gehöft Veit Loders empor und gab diesem durch ein kurzes verständliches Zeichen kund, sie habe das, was sie drunten gesucht, nicht gefunden. Der Bauer zuckte ohne Veränderung seiner Miene die Achsel, und sie schritt weiter zur Bergkuppe hinauf. Es war völlig so, wie die Vorstellung Guys es ihm beschwichtigend sagte: die Jahre hatten Veit Loders störriges Haar gleich dem seines Weibes sandfarbig übersprenkelt und das ehemalige Begehren derselben nach einem jungen Sprossen ihrer Ehe in beiden ausgelöscht. Ein Naturverlangen, ein verirrter Gemütsaufglanz der Jugend war's gewesen, mit dem Alter im lebendigen Leibe bereits abgestorben. Sie hüteten ihre Schafe und schoren die Wolle, flickten ihre Behausung gegen Sturm und Regen und sorgten für Nahrung am Mittag und Abend. Doch sie gedachten kaum mehr daran, daß ihnen einmal ein Kind zugefallen, und daß sie es viele Jahre lang aufgezogen. Und wenn's ihnen einmal in den Sinn kam, geschah's, wie Wasser auf ein Sieb fällt und dasselbe, schnell durchsickernd, trocken wieder zurückläßt. Mit alleiniger Ausnahme des Pfeifertages lag Bettane aber immerdar droben auf der stillen Höhe, wo sie dereinstmals neben Guy Loder gesessen. Sie schnitzte sich Pfeifen aus Rohr wie damals und blies darauf in Sonne und Wind, und die Eidechsen kamen und lauschten ihr zu; manchmal schlüpfte auch eine der großen, goldgrün leuchtenden an ihr empor, daß es war, als glänze eines ihrer eigenen Augen von dem goldbraunen Gewände zu ihr auf. So saß sie, unverändert deckte ihr das Haar die niedrige Stirn fast bis zu den falben Brauen herunter, und Sommerflecken übergitterten gelbbräunlich und dicht das ausdrucksleere Gesicht. Nur reichte mit den Jahren das dürftige Kleid kürzer auf die Füße herab, und wenn es sich bei einer Bewegung des Oberkörpers verschob, da schimmerte ab und zu nicht mehr der Gliederbau eines Kindes, sondern, überraschend lieblich, weiche Rundung zart und rosig aus dem Spalt hervor. Seltsam, wie nicht dazu gehörig, hob sich das von der Natur verkümmerte Antlitz über einer schönen jungfräulichen Brust.

Auch sonst hatte noch eines sich geändert, Bettane hatte nicht durch Zeichen ihrer Finger wie früher mit Veit Loder zu reden gebraucht. Es war ihr plötzlich einmal in den Sinn gekommen, wie sie im Felsbruch eine abgesplitterte, dunkelblaue Platte gefunden, dieselbe an sich genommen und mit einem anderen Stück des Gesteins Striche und kleine Figuren geritzt hatte. Da saß sie nachdenklich einige Tage und ging darauf mit ihren Ziegen zu dem geistlichen Herrn hinunter, dem sie ihr Begehren deutlich machte, von ihm zu lernen, wie man das, was andere mit den Lippen sprächen, für das Auge begreiflich auf den Stein zeichnen könne. Und der gute Alte, dem es nicht an überflüssiger Zeit, Langerweile und dem Wunsch, einem Mitmenschen nützlich zu sein, gebrach, willfahrte ihrer sehnlichen Bitte und brachte ihr zu ihrer Überraschung, mit weit geringerer Mühe, als er sich vorgestellt, die Kunstfertigkeit, nach der sie trachtete, bei. In wenig Monaten erlernte sie aufs vollständigste, die Worte, die ihr Ohr nicht vernahm, durch Schriftzeichen auszudrücken, nur wollte sie sich hartnäckig dazu keines Papiers und keiner Gänsespule bedienen, sondern einzig des Griffels und des Schieferstückes, das sie zuerst auf diesen Gedanken gebracht. Damit schrieb sie gelenk ihre rasch immer zierlich werdenden feinen Buchstaben nieder und fertigte sich selbst aus dem Steinbruch eine Anzahl sorglich abgekanteter Täfelchen zurecht. Auf diesen lieh sie droben in ihrer Einsamkeit den Gedanken, die über sie kamen, den neugefundenen Ausdruck und löschte die Schrift wieder aus, und so hätte sie auch mit den Schafbauern zu reden vermocht. Aber Veit Loder war ihre Fingerdeutung immerhin verständlicher als die Sprache des Schiefersteines, denn er konnte nicht lesen. Am anderen Morgen nach dem Pfeifertag kehrte stets Velten Stacher in die Ortschaft zurück, wo Guy seiner wartete, und sie brachen auf, um wieder ein Jahr lang als unzertrennliche Genossen in Nord und Süd des Elsaß ihrer Kunst obzuliegen. Denn der Letztere übte diese jetzt gleichfalls, nicht allein zur vollen Zufriedenheit, vielmehr oft zu hoher Bewunderung seines Lehrmeisters, und war kein Knabe mehr, sondern fast um Haupteslänge noch über den Spielmann hinausgewachsen, schlank und feinen Gliederbaues und doch kraftvoll-geschmeidig, an Körper und Angesicht ein Bildnis schöner makelloser Jugend. Kein Pfeifer begegnete ihnen jemals, der einen Wettstreit der äußeren Erscheinung mit ihm zu beginnen vermocht hätte, und kein Mädchenauge wandte sich von ihm, so lang der Blick ihn gewahren konnte. Nicht minder rasch und erstaunlich auch hatten die Jahre seinen Geist gefördert und den weltfremden Knaben mit vielerlei Lebenskenntnis und richtigem Verständnis der Erdendinge erfüllt. So hatte er die Erwartung Velten Stachers voll bewährt und diesem durch sein Spiel und gewandten Reimspruch von Jahr zu Jahr reichlicheren Vorteil an Geld und Gut eingebracht. Vielleicht mehr noch durch sein bloßes Dasein, denn es war unmöglich, daß er die Augen wie zwei Stückchen lachend blauen Himmels irgendwohin richtete, ohne bei den Weibern, ob jung oder alt, ein rascheres, freudiges Herzklopfen zu regen. Und um so siegreicher gewann er stets ihre Gunst, als kein Blick und Wort von ihm dieselbe je zu erwerben trachtete; er war von gleicher Artigkeit gegen alle, doch sichtlich galt's auch ihm gleich, ob jung oder alt, gering oder vornehm, und hätte sich ihm die Oberlippe nicht gemach mit dunklem Flaum überschattet, seine Gestalt zu hoch und kräftig über die Mehrzahl aller Männer aufgeragt, so würde sein kühles Verhalten auch gegen die gewinnendsten Frauen und Jungfrauen den Verdacht haben regen können, daß unter seinem Wams selber das Herz eines schönen, als Jüngling verkleideten Mädchens schlage. Auch sonst bewährte er in einem seltsam das Wesen eines solchen; furchtlos, beinahe töricht verwegen jeder Gefahr gegenüber, war er trotz seiner erlangten zweifellosen Kunstfertigkeit kleinmütig zaghaft, wenn Velten Stacher ihm von seiner Meldung zur Aufnahme in die Bruderschaft redete. Vier Lehrjahre waren ihm fast vergangen und der Pfeifertag stand nahe wieder bevor, aber dennoch konnte er nicht die Zuversicht fassen, sich der Prüfung schon zu unterziehen, sondern wollte wiederum noch warten, und aller Zuspruch seines Gefährten glitt an einem mädchenhaften Erröten seines Gesichtes und scheuer Befangenheit wirkungslos ab.

So hatten sie, von Norden her wandernd, Nachtquartier in dem schon altersgrauen Städtchen St. Pilt oder Pölten unter den mächtig herabschauenden Felsmauern der Hochkönigsburg genommen, denn Velten Stacher bezweckte, von hier in der nächsten Morgenfrühe die kurze Wegstrecke zum Pfeifertag nach Rappoltsweiler zurückzulegen. Mit vielem Ungemach waren die Jahrhunderte über den kleinen eirund umwallten Ort hingegangen, der oftmals einen Gegenstand des Streites zwischen den lothringischen Herren und den rappoltsteinischen Grafen gebildet, aber aus den verwüsteten Rebgeländen ließ bessere Zeit immer wieder den altberühmten Wein von gleicher Güte in die Kelter rinnen, und ebenso erhielt stets ein neues zierliches Geschlecht von Töchtern den Ruf absonderer Schönheit und Artigkeit ihrer Mütter und Vormütter aufrecht. Guy Loder wußte seit manchem Jahr, daß Velten Stacher kein Mißächter guten Trunkes sei, und sie saßen fröhlich bei der Kanne miteinander. Doch als das Zwielicht einfiel, stand der Pfeifer einmal auf, trat in die Herberge und kehrte nicht zurück. Guy wartete geraume Zeit, dann verließ auch er den Tisch im Hofraum und schlenderte durch die Gasse des Städtchens entlang. Auf heißen Tag war eine linde, helle Mondennacht gefolgt, sie zog sein Sinnen und Schreiten in die Weite, zu den beglänzten Berglehnen hinan. Allein das Tor war schon geschlossen und wehrte ihm den Ausgang; halb mißvergnügt umwanderte er den Innenrand der Stadtmauer. Da und dort lehnte sich ein Gärtchen unter diese hinauf, fast alles lag bereits schlafesstill, ohne Regung und Laut. Nur nach einer Weile traf einmal ein Flüsterton an das Ohr des Jünglings, und er horchte unwillkürlich auf; ihm war's wie Velten Stachers Stimmenklang gewesen. Leise scholl es abermals herüber, unter dem Schatten unbewegten Sommerlaubes her; Guy wußte nicht warum, es trieb ihn mit plötzlicher Übergewalt, zu erkunden, ob sein Gehör ihn täusche. Geräuschlos setzte er den Fuß in die Richtung vor, ein süßer Duft von Spätsommerrosen und Reseden füllte die Luft des kleinen, halb von der hohen Mauer verdunkelten Gartens. So vermochte auch der schärfste Blick nichts zu unterscheiden, und der Eindringling wollte sich behutsam zurückwenden. Da stahl sich ein flimmernder erster Strahl der Mondscheibe über den gezackten Zinnenrand und schnellte sein Licht gleich einem Silberpfeil gerade unter das Laubdach und breitete sich hurtig zu einer leuchtenden Garbe. Darin saß Velten Stacher auf einer Moosbank und ehrte nicht nur den Rebensaft, sondern auch den andern köstlicheren Ruf der alten Stadt St. Pilt, denn neben ihm ruhte die schlanke Gestalt eines jungen Weibes, ihr dunkellockiges Köpfchen lag an seiner Schulter und ihr Arm hielt sich um ihn geschlungen. So tauschten sie flüsternde Worte; doch nun hob seine Hand ihr Haupt, daß ein Glanzgeriesel von weißem Nacken und anmutigem Mägdleingesicht rann, und er zog sie fester an sich und küßte ihre Lippen, die willig an den seinigen hingen. Der junge Pfeifer war, seinem Wahlspruch getreu, weislich auf der Hut, sich nicht gleich Gosfried Dürrschnabel an eine rasselnde Kette festzubinden, doch sichtlich widerstand die frische Jugend in ihm nicht, sich im Vorüberwandern heimlich und rasch einmal nach einem süßen Blumenkelch zu bücken und mit dem Honigduft desselben sich die Lippen zu netzen.

Gar ehrbar und schuldlos folgten sie dem Doppeldrange ihrer Herzen, die nur einen holden Gruß wechselten, um am Morgen, vom Traum der Sommernacht aufwachend, ohne Reue voneinander zu scheiden; aber ein gar liebliches Bild war's, vom mächtigen Himmelsglanz überschüttet, und in der Brust des Lauschenden hob plötzlich ein ungestümes Pochen an, fremd und sonderbar und so laut, daß er meinte, es müsse bis in die Laube hineinklingen. Erschreckt ging er vorsichtigen Fußes aus dem Gärtchen zurück, dann lief er hastig zur Herberge entlang und warf sich atemlos aufs Lager. Doch er schlief nicht, sondern blickte immer in den Mondenschein auf, erst nach manchen Stunden fiel er in einen Traum. Auch dieser beließ indes das silberne Licht noch gleicherweise um ihn her, nur lag er auf weichem Grashang tief im Wald an einem dunklen Wasser ausgestreckt, daraus tauchte über weißem Nacken ein goldig leuchtender Scheitel, und hell aufrudernde Arme, von denen perlende Tropfen blinkten, zogen spielende Wellenkreise gegen ihn hinan. Dann sagte unvermutet hinter ihm die Stimme Tille Loders, seiner Mutter: »Das ist eine von den Töchtern Wodans, sie bringt dir Glück, wenn du den Mut hast, sie anzurühren und festzuhalten.« Und sogleich sprang er, von einem herzklopfenden, namenlosen Verlangen gefaßt, auf; da hob sich die weiße Gestalt, nach der seine Hand sich gestreckt, als Schwanenjungfrau auf rauschenden Flügeln aus der Weiherfläche in die Luft und er stürzte haltlos kopfüber in das häßlich quirlende Gewässer hinunter. Eine andere Stimme schlug ihm ans Ohr: »Was treibst du für närrisch Zeug?« und aufwachend lag er, von der Bettstatt heruntergefallen, am Boden; vor ihm im ersten Frühschimmer stand Velten Stacher aufbruchgerüstet. Er schien sich nicht zum Schlaf gelegt zu haben, doch seine Augen lachten ohne Müdigkeit freudig ins Morgenrot. Ein Weilchen hielt Guy Loder, sich besinnend, den Blick gegen ihn gewandt, ehe er frug: »Wohin willst du?« – »Der Alp, scheint's, hat zur Nacht auf deiner Brust gelegen und dir Mohnsamen ins Gedächtnis gesäet,« antwortete der Spielmann: »schlaf noch weiter, mein liebster Gesell, morgen komm ich vom Pfeifertag zurück, dich zu holen.« Ein dunkles Rot überglühte Stirn und Wangen des Jünglings, der hastig den Kopf zur Seite drehte und, nach seiner Pfeife greifend, erwiderte: »Hast's nicht nötig, Velten, und sollst um meinetwillen den Weg nicht zum andernmal machen, ich gehe mit dir nach Rappoltsweiler.«

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