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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 8
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Siebentes Kapitel

Drey Schlösser auf einem Berge,
Drey Kirchen auf einem Kirchhoffe,
Drey Stätt in einem Thal
Ist das ganze Elsaß überall –

klingt ein alter Spruch am linken Ufer des Oberrheins und wie er mit den Schlössern den Hochrappoltstein, die Ulrichsburg und Giersburg auf dem Bergrücken über Rappoltsweiler vermeint, so mag sein drittes Verslein wohl aus dem Weißbachtal entsprungen sein, draus die alten Städte Ammerschweier, Kaysersberg und Schnierlach nah benachbart zwischen den hohen Gebirgslehnen aufschauen. Von einer derselben zur anderen aber zog Velten Stacher mit seinem jungen Gesellen, überall freudig empfangen und zu guter Förderung seines Säckels, hier mit kurzem, dort mit längerem Aufenthalt, bis sie auf der Wegstraße oder quer über Fels und Wald des Wasichin wieder von dannen wanderten. Dabei unterwies der Spielmann Guy Loder auf seiner Querpfeife in der Flötenkunst, schüttelte indes, obwohl der Knabe eifrigst zu lernen trachtete, oftmals den Kopf und meinte: »Tat's dir schon kund, hast's wohl drinnen bereit, doch vom Herzen zum Mund ist der Weg noch weit.« Das fühlte auch Guy selbst täglich mehr, es gehe nicht so rasch damit, als seine erste überschwengliche Hoffnung gedacht, sondern bedürfe wohl manches Jahres, ehe er sich unterfangen könne, Aufnahme in der Pfeiferbruderschaft zu erbitten. Verzagt und bedrückt schritt er in solcher Erkenntnis neben seinem Begleiter daher, aber dann beschwichtigte dieser ihm den Kleinmut: »All' Blumen, die blühn, stehn als Knösplein zuvor und müssen sich mühn aus der Erden empor; doch die Vögelein pfeifen und es singet der Quell, du lernst's auch begreifen, hab Geduld, mein Gesell!«

Und eines Tages erkaufte er dem Knaben zur Tröstigung eine eigene, sorglich ausgewählte Flöte, auf der Guy sich fortan beim Wandern zu üben vermochte, die einfachen Weisen nachzuahmen, welche Velten Stacher ihm auf seiner Pfeife vorblies. Durch mancherlei Tore zogen sie ein und aus, nun flogen die gelben Blätter windgewirbelt um ihre Füße, nun kehrten sie aus dem Gassengelärm der großen volkreichen Stadt Basel über die breite Steinbrücke des hochgeschwollenen Rheinstromes zum heimischen Sundgau hinauf, und der scharfe Nordwind pfiff auf seine Weise auf unsichtbaren Orgelrohren und stob ihnen erstes weißkörniges Schneegeflatter in die Augen. »Ins Loch schlüpft die Maus, und die Schneck sitzt im Haus, zeigen dir, zeigen mir, zieht auch heim ins Quartier!« summte der Spielmann. »Wohin?« fragte Guy. – »Nach Kolmar, der Stadt, zum ehrbaren Rat, zum lustigen Gesind, zu Brautlost und Taufe, daß Mutter und Kind sich drehn wie der Wind!«

So förderten sie am Illfluß, rascher als das träg schleichende Wasser, die Schritte bis zur mächtig von hohem Gemäuer umschirmten Reichsstadt Mülhausen entlang, die zwar deutschem Lande angehörte, doch aus alter Zeit in besonderer Freundschaft zu den helvetischen Städten Bern und Solothurn stand, so daß sie mit diesen fast engeren Zusammenhang als mit dem Reiche besaß. Durch schmale und düstere Gassen wanderten die Ankömmlinge zwischen strengblickenden, wortkargen Leuten, die grußlos vorübergingen: »'s ist ein freudlos Gesipp ohn Lachen und Lust,« wisperte Velten Stacher, »hat kein Lied auf der Lipp, kein Gespaß in der Brust; einen Trunk, dann hinaus, 's ist besser da drauß.« Wie sie am Marktplatz unter einem finsteren Gebäude mit gothischen Bogen hinschritten, sah der Knabe verwundert nach einem an schwerer Eisenkette daranhängenden wunderlichen Steinbildnis eines fratzenhaft verzerrten Gesichtes in die Höhe und frug: »Was soll das wohl?« Da lachte der Pfeifer: »Wahr's Züngelein vorm ›Klapperstein«! Für Weiberflausen, Geklatsch und Geschwätz hängt flugs zu Mülhausen am Hals ihr der Fratz; ist nicht übel von Brauch, tät sonst wo gut auch,« und er bog in einer Herbergstür ein, über welcher auf grünem Schild der Wappenbär der Stadt Bern mit roter Zunge seine zottigen Pfoten leckte. Es war Vormittagszeit und die Schenkstube fast leer, nur ein einzelner Gast saß vor einem dickbäuchigen Krug Weins in der Ecke, ein baumstarker Mann mittleren Alters, der allemal, wenn er den Zinnbecher zum Mund führte, ihn auf einen Zug leerte. Eine Weile betrachtete er die Ankömmlinge vom Winkel aus, dann trat er zu ihnen an den Tisch und sprach: »Fiedler und Pfeifer, werdet Euren Verdienst auf der Nasenspitz heimtragen aus dieser Stadt.« – »Eure Nas scheint weiß,« antwortete Velten Stacher aufblickend. Das brachte den Fremden zu plötzlich jähzornigem Ausbruch, daß er, mit der wuchtigen Faust auf den Tisch hauend, schrie: »Hüt' selber dein nasweis Maulwerk, Windmacher, kämst dem Unrechten verquer!« Doch der junge Spielmann versetzte ruhig: »Hab nicht geredet, daß Ihr weis seiet, nur weiß an Eurer Nas; glaubt Ihr's mir nicht, tupft Euch mit dem Finger drauf und fragt den.« Unwillkürlich tat der Angesprochene nach dem Geheiß und zog seinen Daumen mit Mehl gefärbt zurück. Der Anblick schlug den Zorn in ihm nieder, daß er nun auflachte und rief: »Seid lustige Finkler, dünkt's, und stellt die Worte auf den Leimfang! Rückt zu, ich zahl den Trunk; der Schopfmüller hat's Mehl dazu nicht blos auf der Nas, sondern auch im Sack!«

Mit einem Neugierreiz schaute Velten Stacher auf die letzten Worte hin den Sprecher an, von dessen breitknochiger Stirn das ungebändigte Haar sich in störrigem Schopfwirbel aufsträubte. »Seid Ihr Armin Klee, der Müller?« frug er; »dann hab ich den Wind von Euch singen gehört.«

»Traun, nicht viel Rühmens, wenn's Mülhäusener Wind war,« erwiderte der Müller, spöttisch in den flächsernen Bart greinend. »Trüg ich Weibsröck am Leib, hängten sie mir gern den Klapperstein um die Zung. Kommt mir zur rechten Stund, Ihr fahrenden Leut! Will Euch ein Liedlein vorsagen, das könnt Ihr durch die Gassen pfeifen und dazu künden, der Schopfmüller hab's Euch gelehrt. Und es soll Euch lang nicht im Beutel geklungen haben wie nach dem Sang!«

Doch Velten Stacher stand auf und entgegnete artig: »Ist uns schad, Herr Klee, Euch nicht zu dienen; unsere Rast ist kurz, müssen vor Nacht noch gen Rufach. Der Wind pfeift drauß, lasset den durchs Tor zum Aufspielen herein; habt's noch billiger so, und bläst der die Nasen Eurer Freundschaft nicht grün, so ärgert er sie doch rot.«

»Wollt Ihr's nicht, da schert Euch zum Rabenstein!« stieß der Müller ingrimmig heraus. »Tut Jungfern schön mit Euren Hämmlingskehlen, hier tut anderer Blasebalg not als Euer Mäusegepieps!« und er stürzte, sich geringschätzig abdrehend, seinen vollgeschenkten Becher herunter, während der Pfeifer und Guy die Herberge verließen. Draußen frug der letztere verwundert, was das ungeschlachte Behaben und absonderliche Gerede des Fremden bedeutet habe, und der Spielmann entgegnete: »Ist ein widerknorriger Pflock in der Stadtsippe, Brüderlein; seine Zunge klappert wie sein Mühlrad und mahlt ihr Ärgernis, das sie ihm hernach in die Suppe kocht. Seit ich gedenk, lebt er in Hader und Gezänk mit der Stadt, und seine Fäuste schlagen Zeugnis drein, daß er allemal im Recht sitzt. 's wär spaßig anzuhören, aber mir schwant's, sie werden zu Mülhausen einmal nicht über ihn lachen; er kläfft als ein Kettenhund, doch im Augstern glimmert's ihm wie 'ner Katze, wenn sie sich nach dem Vogel duckt. Was ficht's uns, mein Gesell, frisch die Beine genommen, daß wir glücklich und schnell am Rufacher Galgen vorüberkommen!«

Das letzte Wort lenkte die Wanderzwiesprache auf Guy Loders neues Befragen zu anderer lustigen Erwiderung des Spielmanns. Mancherlei Märe wußte er von der guten Stadt Rufach zu berichten, insonders über ihren weitberühmten Galgen, von den rheinauf und -ab in deutschen Landen das Sprichwort umlaufe: »Der alte Galgen zu Rufach hat gut Eichenholz.« Darauf seien aber auch die Bewohner der trefflichen Stadt mit Fug und Recht gar stolz, und als einstmals in ihrer Nachbarschaft die Bürger zu Gebweiler aus Ermangelung einer eigenen Richtstatt gebeten, einen Malefikanten an dem weitangesehenen Dreibein den Tanz mit der Jungfer Hänfin machen lassen zu dürfen, hätten die Rufacher freundnachbarlich, doch höflichen Abschlags darauf entgegnet: »Können's nicht verstatten, liebe Herren, denn der Galgen ist für uns und unsere Kinder.« – »Ist aber auch sonst noch mancherlei Schwank dort zu Haus,« fügte Velten Stacher hinzu, »daß die Weiber drinnen mehr gelten als die Männer. Nicht gerad ob ihrer wundersamen Lieblichkeit und Klugheit, aber es hat vor dreien Jahrhunderten an einem Ostermorgen der kaiserliche Schloßvogt ein schönes Bürgermädlein mit Gewalt greifen und auf die Burg bringen lassen. Da haben die Männer insgesamt ratlos gaffend gestanden, doch die Weiber zu hauf sich mit Piken und Äxten, auch Besen und Kunkeln gewaffnet, daß sie, wie der Stadtschreiber aufgezeichnet ›vor Zorn eitel Mann gewesen‹. Sind dermaßen ins Schloß hineingedrungen und haben die Wächter niedergeschlagen, daß auch den Männern der Mut gekommen, und ist so der Kaiser selber, derauf der Burg genächtet, vor den Weibern von Rufach zuletzt davon gelaufen, daß er ihnen Krone und Szepter in Händen zurückgelassen. Seitdem schreiten sie bis zum heutigen Tag bei jedwedem Fest und Aufzug großmächtig vor den Männern einher, und es wispern die Mäuslein in jeglichem Häuslein, in Keller und Kammer bei alt und bei jung, da gehts nicht viel anders mit Besen und Zung! Mir schwant, wir werden ein Problem mit Augen sehen, mein Gesell; da drüben winkts uns heut' zur Rast, das ist der Turm von Sankt Arbogast.«

In trübem, nachmittägigem Licht stiegen Türme und Mauern der guten Stadt Rufach unter der schon mit Schnee bedeckten Gebirgswand vor ihnen auf, es war jedoch noch ein gutes Stück Weges bis zu ihr hin und die Nacht dunkel hereingebrochen, ehe sie durchs Tor unter der Sankt Arbogastkirche entlangschritten. An dieser bog Velten Stacher, allerorten auch bei Nacht und Nebel vertraut, durch einen finsteren Schwibbogen zur Linken, faßte die Hand seines Genossen und sprach, ihn nachziehend: 's ist Pflicht, daß wir kurz vorschauen.« So tappten sie eine enge, lichtlose, halsbrecherische Stiege hinan, dann pochte die Hand des Spielmanns irgendwo, eine keifende Stimme scholl heraus und der Pfeifer öffnete eine wackelige, halb aus den Angeln fallende Tür und sprach auf der Schwelle:

»Unsre liebe Frau von Dusenbach
Behüt dies Haus und dies Gemach;
Sie halt die ganze Bruderschaft
Und euch insonders in Gnadenkraft!«

An einem Wandhaken loderte ein rot qualmender Kienspan und erhellte zur Notdurft ein armseliges Gelaß, das Küche und Vorratskammer, Wohn- und Schlafstatt der darin Hausenden ausmachte. Ein Reisighaufen knisterte auf dem rohgemauerten Herd mit offenem Rauchabzug, daran drehte ein hageres, halb zerlumptes Weib unwirsch den Kopf gegen die Eintretenden, seitwärts saß ein übergebückter Mann auf einem Holzklotzschemel am Boden und flickte mit Pechdraht an einem zersplissenem Stiefelpaar herum. Er war völlig kahlköpfig, sein weißer Schädel glitzerte als das einzig Hellfarbige in dem verrauchten, klebrigen, wüstunordentlichen Raum. Seine Gestalt verschwand in einem langen, aus abgebrauchtem Lappenwerk buntscheckig zusammengestückten Sackrock; erst als er aufschauend antwortete: »Bist ein Pfeifer, kenne dich, Velten Stacher ist dein Nam,« erkannte auch Guy Loder, starr verwunderten Auges, an der Stimme Herrn Gosfried Dürrschnabel, den Pfeiferkönig, ohne Kronreif, Scharlachmantel und Silberszepter, ein kümmerlich verschrumpftes Männlein mit dem lugenden Seitenblick einer Maus, die sich nach einem Schlupfloch an der Wand umsieht. Der junge Spielmann wollte erwidern, doch vom Herd her fiel ihm scharftönig und heiser zugleich Frau Dürrschnabel ins Wort: »Wir kochen unsere Suppe nicht für herumlungernde Ratten, pfeifet Eurer Frau von Dusenbach anderswo auf den Schmalztopf!« Nun verneigte sich Velten Stacher mit artigem Lächeln: »Wir vermeinten auch nicht, Frau Königin, uns bei Eurem Abendimbiß zu Gaste zu laden, vielmehr dem Herrn König unsere Ehrerbietung zu erweisen, daß er uns verstatte, ihn in der Herberge zu einem guten Trunk zu fordern.« Über Gosfried Dürrschnabels' Gesicht lief ein sehnsüchtig durstiger Ausdruck, doch begleitete er denselben nur mit einem wortlosen Seufzer, denn seine Ehehälfte entgegnete sogleich: »Daß er versoffen heimkam und mit seinem Bürgerwams als 'ne Sau im Gassendreck lag! Dazu halt ich ihn vor dem ehrbaren Rat in Ehren und Anstand, he? 's ist Gänsewein genug im Kübel, und klebt Euch die Zung am Gaumen, will ich Euch auch davon schöpfen.« Sie griff mit einer nachdrücklichen Bewegung des knöchernen Armes nach einer Kelle, der Pfeiferkönig sagte jetzt halb weinerlichen Tones: »Ich würde deiner Ladung Gehör geben, Velten, aber weißt, daß ich in der Früh den Choral vom Turm blasen muß, da ist's Nachtschlafenszeit. Wen hast bei dir, ist mir ein fremd Gesicht.« – »Meinen Gesellen,« antwortete Stacher, er will Bruder werden, wenn er bei mir aus der Lehr kommt; denkt, er kann's dermaleinst vielleicht zum König bringen.« Nun warf sich Gosfried Dürrschnabel würdig in die Brust und versetzte: »'s ist wohl eine freie Kunst, Bub, aber nähr' keinen Hochmut in dir groß! Viel Hundert pfeifen in Stadt und Land, doch Einer nur hat's so hoch gebracht wie ich!« – »Das wollt ich vermeinen,« schloß der junge Pfeifer mit respektvoller Miene dran, »und deshalb hab ich ihn zu Euch geführt, Herr König, daß Ihr ihn vor Hoffart bewahrt.

»Nun taten wir unsre Schuldigkeit,
So gebt, Herr König, uns Pfeifergeleit,
Daß wir in allen Weiten
Euch Preis und Ehr bereiten.«

»Ja, ja, das tuet; geht, gute Gesellen«, stimmte Gosfried Dürrschnabel mit einem vorsichtigen Seitenblinzeln nach dem Herd zu; »seid übel dran, müsset in Nacht und Nebel hinaus, habet nicht eigenen traulichen Herd, dran in Frieden zu rasten, nichts als junges Blut und ein Lied auf der Lippe – getröstet's Euch, es ging mir auch einmal nicht besser – unsere liebe Frau von Dusenbach nehm Euch in Hut bis Mariä Geburt, da grüßen wir uns wieder.«

Er hatte trocken in der Kehle geschluckt, als er von der Vergangenheit geredet, da es ihm auch noch nicht so wohl als heute gewesen, und er redete mit einem schlürfenden Lippengeräusch, wie wenn er in der Vorstellung seinen Mund auf den Dusenbach heruntergebückt halte, einen langschmachtenden Zug daraus zu tun; rückwärts polterten die beiden abendlichen Gäste wieder durch die Finsternis über die schollernde Treppe hinab. Draußen zog Velten Stacher erst mit einer langen Brusterweiterung die frische Nachtluft ein, dann lachte er: »Hab ich dir zu viel Rühmens von den Rufacher Weibern gemacht, Guy Loder? Glaube schier, die Frau Königin ist schon mit bei den rüstigen Besenstöcken gewesen, als sie den Kaiser aus der Burg droben von dannen gejagt. Mag anders dabei ausgeschaut haben, der hochgebietende Herr, als mit der Krone, dem Purpur und Herrscherstecken in der Faust; bleibt ohn das vielleicht manchmal nur ein gar dürftiges Menschengeschöpf übrig. Möchtst auch so am eigenen traulichen Herd sitzen, Brüderlein? Treib's wie ich und hüt dich fein vor Weiberlippen und Äugelein; von braunen und blonden Löckchen, von plumpen und zierlichen Röckchen bleibt doch allein, mein Brüderlein, am Ende das Besenstöckchen. Und wir haben nichts als junges Blut und unser Lied auf der Lippe, so ziehn wir jetzo frohgemut zur Herberg an die Krippe.«

Schärfer noch blies der Frostwind, als sie am anderen Frühmorgen durchs Nordtor von Rufach und am Richthügel mit dem weitsichtbaren Galgen von gutem Eichenholz vorüber wieder von dannen wanderten. Vom Sankt Arbogast-Kirchturm klang ihnen im Nebel der Weckchoral nach, mit dem Gosfried Dürrschnabel alle ehrsamen Bürger zusamt ihren löblichen Ehehälften ans Tagewerk berief, aber es war, als ob die Töne zuweilen in der Zinke stockten, dann kamen sie mit einem dünnen, trübseligen Gemecker hervor. Velten Stacher setzte seine Querpfeife an den Mund und schlug einen hellen Triller als Antwortsgruß zurück; da änderte die Zinke droben plötzlich ihre Melodie und spielte zu bassem Erstaunen der aufgähnenden Schläfer eine wohlbekannte, wehmütiglich-weltliche Weise:

Der Wald hat sich entlaubet
Gen diesem Winter kalt,
Meiner Freud bin ich beraubet,
Gedenken machen mich alt –

Der junge Pfeifer drunten aber erwiderte darauf mit einer gleichfalls weitbekannten Weise, blies und sang dazwischen:

Es ist kein Apfel so rösleinrot,
Es steckt ein Würmlein drin:
Es ist kein Jungfrau so hübsch und fein,
Sie führt einen falschen Sinn.

Wie man nun einen Apfel,
Der schön ist, nit flugs ißt,
Sondern schält und beschaut ihn vorn,
Daß kein Wurm drinnen ist:

Also soll auch ein jeder
Auf ein freundliches Weibsbild
Sein Lieb nicht werfen, bis daß er
Sieht, was sie führt im Schild.

Doch als nicht mehr nutzbare Warnung für Gosfried Dürrschnabel, den Pfeiferkönig, verklang's in der trübdunstigen Dezemberluft, die alles rundum, Rheintal und Gebirg, grau, verhängte. Nur in der Nähe reckten die Bäume ihr kahles, winterliches Geäst aus dem Nebel und schwanden rasch an den hurtigen Wanderern vorbei; erst gegen Mittag hinein tauchte undeutlich sichtbar zur Linken über einer kleineren Stadt ein Bergrücken auf, von dem drei hohe, nahgesellte Warttürme herabblickten, die aus dem rinnenden Luftgetriebe einen Augenblick geisterhaft emporschimmerten und wieder dicht überwallt zurücksanken. Unwillkürlich deutete Guy Loder, seinen Schritt sanhaltend, voraus: »Was ist das?« und sein Begleiter versetzte: »Freue dich, Finklein, daß du hier unten wanderst und nicht da droben im Käfig steckst. Würdest vermutlich bei schnödem Futter nicht sonderlich viel Lust zum Singen behalten. Das sind die ›drei Exen‹, gar sicheres Steingefüg, heißen Dagsburg, Walchenburg und Weckmund und machen selbander die Stammburg des Ritters von Egisheim aus; gewahrst das Städtlein, nach dem sein Geschlecht den Namen führt, gleich drunten. Der Volksmund redet, der Rufacher Galgen sei gesundere Herberg als droben die Gastkemenate. Schaust hinauf, als möchtest einmal selber die Prob' anstellen? Halt dich gut auf der Hut, und vorüber, jung Blut! Es fließt kein Milch und Honigseim in den drei Exen ob Egisheim!«

Der Knabe schwieg, ihm war's seltsam mit einem kalten Schauer über den Rücken gelaufen; das Gedächtnis an seine sinnlos unbedachte Tat im Dusenbachtal kehrte ihm plötzlich zurück, und er sah sich mit schreckhafter Einbildung droben unter einem der geisterhaften Türme in ein tiefes, unheimliches Erdverließ hinuntergestürzt, wenn der Ritter von Egisheim damals seiner habhaft geworden. Nun jagte von einem Windstoß der Nebel wieder, rundum alles auslöschend, dicht und schwer darüber; dennoch trieb's Guy Loder fast unwiderstehlichen Dranges, den Mund zu einer Frage aufzutun. Da scholl ihnen ein Schritt auf der Straße entgegen, eine Gestalt tauchte aus der trüben Luft und frug, den Fuß haltend: »Bist Velten Stacher, der Pfeiferbruder, wohinaus des Weges?«

Der Sprecher mochte gleichen Alters mit dem Angeredeten sein und gehörte offenbar ebenfalls zur Bruderschaft. Er trug ein gewundenes Blashorn als Spielwerkzeug am Schulterband, über kräftig-schlanker Gestalt schauten zwei blitzhelle Raubvogelaugen aus einem frechen, scharfgeschnittenen, schönen Gesicht. Doch seine Tracht war wüst verlottert, von der Stirn zog sich rot die frische Narbe einer Hiebwunde und sein Atem füllte widrig mit Weingeruch die Luft. Velten Stacher schien nur kurzen Grußes vorüberschreiten zu wollen, doch der Andere vertrat ihm mit einem höhnischen Aufzucken der Lippen den Weg.

»Hältst mich keiner Bruderantwort wert? Giere zwar nicht danach, trägst aber die Silbernarretei am Hals wie ich, daß du mir Pflicht und Rede schuldig bist.«

»So geleit dich unsere liebe Frau, Wendelin,« entgegnete der Pfeifer; »gehe nach Kolmar ins Winterquartier.«

Ein zorniger Funke schoß zwischen dem Augenweiß des Hornbläsers hervor und er stieß aus: »Weißt, daß ich Welf Siebald heiße, was gibst mir meinen Namen nicht?«

»Hatt' ihn vergessen, Welf Siebald,« antwortete Stacher gleichmütig, doch jener lachte mißächtlich drein: »Dem Gutzgauch gilt's gleich, wie die Sippe ihn heißt. Ins Mausloch kriecht Ihr, zum Pfaffenspruch übers Brautbett zu pfeifen? Was hast für ein Junkerlein bei dir mit Feder und Wams, die Dirnen zu kirren? Der fiel nicht von deines Vaters Bank.«

Es zuckte in Velten Stachers Arm, doch er beherrschte sich und versetzte kurz: »Mein Gesell ist's – wohin zielst heut' noch?« Dazu hob er den Fuß, um weiterzugehen, und Welf Siebald tat das Nämliche. Den Kopf nur zurückdrehend, erwiderte er noch: »Lauft zu den Hämmeln und pfeift ihnen die Rappen vom Fett! Weiß nicht wohin – nach Mülhausen zur Weihnachtskilbe, da brauchen die Weiber einen Hornbläser für ihre Männer.«

Er ging, schnell verklang sein Schritt und verschwand seine Gestalt im Nebel. – »Komm am Rufacher Galgen vorbei – oder nicht,« murmelte Velten Stacher. Er setzte geraume Weile schweigsam seinen Weg fort, bis eine Frage Guys ihn halb widerwillig entgegnen ließ: »'s ist ein wüster Raufhahn, treibt sich wenig zu Ehren der Bruderschaft in Städten und Landen um. Weiß nicht, welcher Art er zur Aufnahm drin gekommen, denn vor nicht viel Jahren hieß jeglicher ihn Wendelin, wie's Brauch ist im Wasichin, daß Kinder, die keinen Namen vom Vater mit zur Welt bringen, den vom Heiligen ihres Geburtstages bekommen. Ist zwar keinem Heiligen ähnlich, aber nachmals, scheint's, von ehrlicher Abkunft worden; hieß sich Welf Siebald, wußt wohl selber nicht zu sagen, wer ihm's Recht drauf zugesprochen. Muß doch also sein, hätt sonst nicht in die Bruderschaft gelangen können, wenn man für gewiß nimmt, daß es allzeit ohn Rank und Heimlichkeit in der Welt zugeht. War übrigers vor nicht langer Frist noch ein gar schmucker Gesell von Wuchs und Antlitz, nach dem sich manches Mädel die Augen aus dem Kopf geguckt –«

Der Pfeifer brach, plötzlich das Gesicht zur Seite drehend, ab und warf einen Blick über seinen Begleiter; dann schritt er wortlos fürder.

»Weshalb schautet Ihr mich so an?« frug Guy Loder verwundert.

Der Befragte schwieg noch kurz, ehe er antwortete: »Es kam mir nur so – wollt dich nicht kränken, aber es liegt auch nichts Schimpfliches dran – hast in Stirn und Nase nicht Unähnlichkeit mit dem Welf Siebald, wie er vordem war. Schauen aber gar andere Augen drunter auf, mein Brüderlein, vor denen sich kein Mägdlein fürchten mag. Siehe, da winkt uns Sankt Martins spitzes Fingerlein Willkomm.«

Die Luft hatte sich im Tale etwas aufgehellt, so daß man auf eine Wegstunde voraus einen viereckigen, in spitze Haube auslaufenden Kirchturm über Mauerzinnen und Giebelaufstieg zu gewahren vermochte, und die Wanderer förderten rüstig ihre Schritte der gewichtigen, aus alter Zeit in hoher Kaiserhuld stehenden Reichsstadt Kolmar entgegen.

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