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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 7
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pfad/jensen/dusenbac/dusenbac.xml
typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Sechstes Kapitel

Vil schöner kunst und gaben
Schenkt Gott uns menschenkind,
Darvon wir Freude haben,
Die ere Gott geziemt.
Die singekunst
Hat preis und gunst,
Denn sie giebt freud und wonne.
Lieblicher gsang,
Schön saitenklang,
Ist aller kunst ein krone.

Ich glaub nicht, daß man finde
So köstlich arzenei,
Darvon so bald verschwinde
Nie schwer melancholei,
Als wo man singt,
Daß lieblich klingt,
All traurigkeit muß weichen;
Drumb lobt und ert
Die music wert!
Die kunst hat nicht ihrs gleichen.

So klang's mit fröhlichem Gesang vom Munde Velten Stachers in die helle Nacht hinaus, während er mit seinem jungen Genossen, den unsere liebe Frau von Dusenbach ihm gleichsam als einen Schutzbefohlenen in die Hände gelegt, auf der Wegstraße gegen Mitternacht fortschritt. Niemand ging mit ihnen als ihr Schatten; manchmal gesellte sich zu demjenigen des Spielmanns nur noch, sich an seine Lippen anschmiegend, der seiner Querpfeife, dann flöteten, jauchzten und schmetterten bald laut, bald leise die Töne derselben hinter der verklungenen Liedstrophe drein. Und wieder hob er an zu singen:

Auf, mein gesang, und mach dich ring,
Über berg und tal dich schwing,
Füg dich für ihr fensterlein,
Grüß sie freundlich ingeheim,
Sag ihr, daß ich sei bereit,
Ihr zu dienen allezeit!

Aufhorchend wanderte Guy Loder daneben, aus jedem Wort und Ton klang's ihm bis ins Herz hinein wie ein Grüßen, Leuchten und Winken einer neuen, fremden, wunderreichen Welt. Die Nacht war so lind und das Licht floß so weich, über Stein und Wiesengrund lagen die Schatten schlafend, ohne Laut und Regung. Er ging zuletzt mit geschlossenen Lidern, die Füße trugen ihn noch immer mühlos weiter, sonst fiel eine süße Müdigkeit ihm über Sinne und Seele. Nur einmal öffnete er noch die Augen, denn die Stimme seines Begleiters sagte fröhlich: »Hier hat Frau Herke uns die Kammer gerüstet, leg dich zur Rast, Gesell, und zieh die Monddecke über dich!« Nun sah der Knabe einen Baum breites Laubgeäst auf einen sanften Grashang herabdachen, viel weiße Sternblumen schimmerten zwischen den Halmen, in die der Pfeifer sich vergnüglich wie auf ein köstliches Daunenlager hinstreckte. Willenlos niedergezogen, tat Guy das Gleiche und fast eh er noch den Boden berührte, hielt fester Schlaf ihn im Arm.

Dann hatte er einen wunderlichen Traum. Er wußte nicht, wo er sei, und gewahrte nichts, denn seine Lider waren geschlossen, nur ein goldheller Schimmer webte über sie hin. Darin aber flirrte es absonderlich von kleinen wechselnden Tiergestalten, zumeist Vögeln, doch auch anderen. Er sah sie nur undeutlich, doch er kannte sie allemal genau an ihren Stimmen. Nun trillerte eine Lerche aus blauer Luft herunter, nun war's eine Schwarzamsel, die vom schwanken Wipfelstiel einer Tanne mit langgezogenen Flötentönen schlug. Aber schon verwandelte sie sich in wandernde Regenpfeifer, deren schwermütiger Ruf näherkam, rasch vorüberschwand und leise verklang. Eine lauernde Katze vernahm's, denn sie miaute jetzt begehrlich nach dem Vogelschwarm in die Höh, doch gleich darauf hob eine große Heugrille dicht neben dem Kopfe Guys so schrill an zu zirpen, daß er aufwachend emporfuhr. Da fiel die Morgensonne ihm glanzblendend in die Augen, und um doppelte Armlänge von ihm saß Velten Stacher mit der Querpfeife an den Lippen, aus deren Klappenöffnungen er mit unübertrefflicher, nicht unterscheidbarer Naturähnlichkeit das Grillengezirpe hervorblies. Aber im selben Moment verstummte dasselbe, und der Blick des Knaben flog verwundert über sich, denn es war genau, als habe ihm aus dem Baumgezweig herunter ein Pirol hellstimmig »Guten Morgen – guten Morgen!« zugerufen, und hinterdrein lachte der junge Spielmann:

»Guten Morgen, Gesell, hast geschlafen wie'n Dachs; spül die Augen dir hell und strähl dir den Flachs! Dann hol aus dem Ränzel, was drinnen wir han, da machen wir'n Tänzel mit Jung und mit Zahn.«

Er wies auf einen frischsprudelnden Quell unfern der Lagerstatt, dessen Tropfen im Frühgeleucht gleich flüssigen Funken sprühten, und Guy Loder badete, seine Erinnerung sammelnd, das Gesicht in dem bergkühlen Born. Dann nahmen sie einen herzhaften Imbiß von dem Inhalt des Quersackes; rundum blinkte und blitzte der Nachttau an den Halmspitzen, nur wo sie geschlafen, hatte das tief niedergebogene Laubgeäst sie wie ein Kammerdach vor Kühle und Feuchtigkeit behütet. Der Pfeifer sprang jetzt auf und sagte sich artig neigend: »Nun sprechen wir Dank für gutes Quartier; bringt der Weg uns entlang, nächten wieder wir hier,« und sie schritten munter auf der sonnig überglänzten Straße weiter gen Süden.

Staunend aber blickte Guy auf seinen Begleiter, denn erst allmählich kam ihm das Verständnis, daß keine wirklichen Vögel um ihn her getrillert, geflötet und gepfiffen, keine Katze gemiaut und er doch auch ebensowenig nur davon geträumt habe. Sondern all die wechselnden Töne hatte Velten Stacher aus seiner Pfeife hervorgelockt und setzte dies oftmals, wie sie dahinwanderten, noch fort, denn wenn irgend eine Stimme sich auf der Erde oder in der Luft regte, hob er sogleich das Mundstück seines Instrumentes an die Lippen und ahmte dieselbe getreulich nach. Dann fügte er hinterdrein:

»Lern's auch, Gesell! 's tut öfters not, denn Kunst geht nach Brot. Kannst nicht in Kapellen und Kirchen nur pfeifen, mußt auch die Schellen zu schütteln begreifen. Dann jubelt der Haufen, und Dirnen und Buben, sie kommen gelaufen aus Küchen und Stuben. Sie wollen sich schwenken auf lustigen Gelenken, sich drehen und winden und suchen und finden und lachen und schwatzen und baß sich ergötzen. Da darfst du nicht singen für Krüppel und Tröpfe, mußt's Blut ihnen klingen in Beine und Köpfe; dann fliegen und springen die Röcke, die Zöpfe, dann klimpern die Heller behend auf dem Teller, und lachend zieht weiter der Musikant; denn lustige Leute und tanzende Bräute, die drehn auch den Batzen nicht lang in der Hand.«

Es war, als wandele jeder fröhliche Gedanke des jungen Spielmanns sich auf seiner Zunge von selbst in hüpfende Reime um; wie Gezwitscher aus der Vogelkehle, schien aus seinem Munde kaum anderes Gerede kommen zu können, und es hörte sich an, als müsse er auch allein auf der Straße seinen Reimklingklang in Sonne und Wind hinaustönen lassen. Doch allgemach nahm die Zwiesprache zwischen den beiden andere Wendung, daß Guy Loder auf des Pfeifers Fragstellung von seinem bisherigen Leben droben im Dorf erzählte und Velten Stacher geraume Zeit lang zuhörte. Erst als der Knabe berichtete, wie er schon seit manchem Jahr allmorgendlich beim Pfarrer zur Lehre gewesen, um dereinst einmal selbst das Kirchenamt in Altweier versehen zu sollen, da brach sein Begleiter mit halb ungläubig staunendem Aufblick aus: »Potz Valentin, heiliger Schutzpatron, lesen und schreiben hast du gelernt und lateinische Wissenschaft noch drein? Da kannst du viel anderes als ich und hat unsere liebe Frau von Dusenbach Absonderes mit dir im Sinn gehabt, daß sie dich an ihrem eigenen Geburtstag zur Welt gebracht. Werd' ihr am nächsten Pfeifertag ein rotes Wachskerzlein zum Dank stiften, denn sie hat mir einen feinen Gesellen an den Arm gehängt.« Und ernsthaft, nur dann und wann mit einem unwillkürlich vom Munde fliegenden, frohsinnigen Reim dazwischen, sprach der Pfeifer jetzt weiter und legte wie ein vertraulicher Genoß seinen Arm um die Schulter des Knaben. Er meinte, es sei Guy durch seinen Namen vorbestimmt, daß er das Spiel auf der Guitarre erlerne, doch hegte dieser den lebhaften Wunsch, auch auf der Flöte zu blasen, und begegnete den Einwendungen seines Genossen stets mit kluger Antwort. Eifrig redend, schritten sie fürder; zuletzt sagte er, wer ihm denn als Lehrmeister auf der Guitarre dienen solle, denn er wolle zu keinem andern als Gesell, bevor er in die Bruderschaft aufgenommen werden könne, sondern einzig bis dahin Tag und Nacht überall bei Velten Stacher verbleiben. Das beantwortete dieser mit einem freudigen Blick, in dem sich schnell gewonnene, fast zärtliche Liebe für seinen jungen Gefährten aussprach, und er wußte der Frage und dem Begehren Guys keine Erwiderung mehr entgegenzusetzen. Nur sein Kopf schüttelte sich noch einmal bedenklich, und er murmelte zwischen den weißen, jugendkräftigen Zähnen: »Wenn's dir nur unsere liebe Frau von Dusenbach nicht mit Ungunst nimmt, daß sie dich für die Guitarre gewollt hat.«

Als aber die Sonne im Mittag stand, hob sich unter einem hoch und dick vom Bergrand niederschauenden Schloßturm in enggrünem Tal, das der Weißbach durchschäumte, festummauert und stattlich die alte Hohenstaufenstadt Kaysersberg vor den beiden Wanderern auf. Am Eingang des mächtigen Torbogens hielt Velten Stacher an, griff in seinen Sack und zog eine Hand voll kleiner Silberbatzen und Schillinge, zumeist jedoch kupferner Zweilinge und Rappenheller mit dem Rabenkopf aus der Prägstube der Stadt Freiburg drüben im Breisgau hervor. Deren Wert zählte er, sorglich rechnend, zusammen, dann faßte er Guy Loders Hand und führte ihn durch schmalgewundene Gassen in die Werkstatt eines Gewandschneiders, den er mit wohlvertrauter Ansprache begrüßte. Dort ward von dem Meister achtsam gemessen und unter mancherlei altem Vorrat geprüft, bis er ein grünes Wams und rotfarbige Hosen fand, die ein Junkersohn der Stadt nur kurze Weile getragen und dem Anfertiger um billigen Preis zurückgelassen hatte. Jetzt begehrte der letztere weislich das Zwiefache dafür, insonders, als er die Augen Velten Stachers bei dem Anblick freudig aufglänzen sah, doch der Pfeifer hieß Guy hurtig seinen Schafpelz abwerfen und die ausgewählten Kleider anlegen. Einen Augenblick zauderte derselbe, weil er nichts an sich trug als den Fellrock allein, dann indes gehorchte er errötend dem Geheiß und stand plötzlich in dem dunklen, dumpfen Gemach des Händlers in so zarter, knabenhafter Schönheit vom Haupt bis zu den Füßen, daß ein heller Ton staunender Bewunderung von den Lippen des Spielmanns flog. Ein zottiges Tier hatte sich wie mit einem Zauberschlage in reizvollste, lieblich geschmeidige und doch nahende Kraft verheißende Menschengestalt umgewandelt, und Velten Stacher konnte die Augen nicht von dem überraschenden, anmutsreichen Bildnis verwenden. Indes verschwand dieses eilig wieder, und schnell darauf trat eine völlig andere und doch nicht minder überraschende und anmutige Erscheinung an die Stelle. Wie um Kopfeslänge emporgeschossen, beinahe einem Jüngling gleich, sah Guy in den trefflich anpassenden Gewändern aus, über denen sein Gesicht vor Beschämung und heißer Freude wie eine rote Blume glühte. Nur um ein Geringes weiter als die schlanken Hüften, von einem Gürtel gehalten, reichte das überaus wohlkleidende Wams, darunter hoben die engumschließenden Beinkleider bis zu den Fußknöcheln herab den leichten, tadellosen Gliederbau hervor. Auch spitzauslaufende Schuhe und ein kleines Barett mit kurzer aufstehender Feder gesellten sich nun hinzu; als sie das Haus verließen, schien anstatt des hineingetretenen Schafes ein junger Edelknabe draus auf die Gasse zu schreiten. Er ging noch leiblich und gemütlich befangen in der fremdartigen Tracht und der engenden Bekleidung, die seine Füße zum ersten Mal angelegt; kaum vermochte er zu glauben, daß er es sei und ihm alles das jetzt gehören solle. Und er blickte scheu nach seinem Gefährten, denn er hatte nur zu wohl wahrgenommen, daß die Barschaft desselben für den Gewanderwerb beinahe bis auf den letzten Rappen aus der Hand geschwunden war. Offenbar verstand Velten Stacher den erstaunt ängstlichen Blick, denn er antwortete darauf leichthin: »Hab's nicht um dich getan, Brüderlein, sondern um mich; ein feiner Gesell ist des Meisters Lob und trägt ihm Gunst bei Vornehm und Gering.« Dann legte er den Arm wieder um den Nacken Guys und lachte mit fröhlicher Sorglosigkeit:

»Der Himmel ist blau
und weit ist die Welt,
und grün ist die Au,
was ficht uns das Geld!

Der Fischer hat Maschen
und Salme der Rhein,
sind die Heller aus den Taschen,
wir pfeifen's hinein.«

Und mit freudiger glänzenden Augen noch, als die des Knaben waren, führte er diesen auf oft schon beschrittenem Weg, die Vorübergehenden artig und zutraulich begrüßend, zur Herberge des Ortes hinan.

Als aber der Nachmittag ungefähr um die Hälfte vorgeschritten, wanderte der junge Spielmann mit seinem Gesellen langsam wieder durch die Gassen der guten Stadt Kaysersberg dahin. Er hielt seine silberbeschlagene Querpfeife am Munde und trillerte, flötete, zirpte, mauzte und lockte darauf, wie's Guy Loder in den Halbtraum der Morgenfrühe hineingeklungen, daß die hundertfach wechselnden Töne gleich einem tanzenden, springenden, kreisenden Geflatter zwischen den hohen Häusern auf- und niederhüpften. Dabei drehte er den Kopf nicht rechts noch links, sondern hielt den Blick unverwandt steinehrbar und gleichgültig zu Boden gerichtet; doch aus allen Fenstern und Türen, an denen er vorüberzog, lugte und guckte es hastig von blond-, braun- und schwarzhaarigen Mädchengesichtern und aufglimmernden jungen Burschenaugen – ein Wispern und Deuten ging, ein Raunen und Rufen! »Der Velten ist da!« ein Drängen und Treiben und Kleiderrauschen in Kammern und Flur, auf Stiegen und Stufen. Und als der Pfeifer seinen bedächtigen Umzug vollendet und unter der hohen Kirchenmauer daherkam, harrte seiner auf dem geräumigen Lindenplatz schon ein dichter erwartungsvergnüglicher Schwarm von Buben und Dirnen niedrigerer und besser angesehener Abkunft, Hutschwenken und Zuruf empfing ihn, Lachen und beredte Jungfernzungen überschwirrten den Raum, und von allen Seiten strömten noch immer neue, begehrlich vorausschauende Gesichter heran. Indes auch würdige Männer und Frauen fanden sich darunter, manch Zugehörige der alten Geschlechter der Stadt, und nickten dem Spielmann wohlwollend zu, dessen Wanderbesuch in Kaysersberg allen eine langentbehrte ehrsame Lustbarkeit verhieß. Weisend und zischelnd betrachteten sie auch mit eifrigen Augen den unbekannten jungen Begleiter desselben und tauschten ersichtlich vielfältige, neubegierige Mutmaßungen über ihn aus, bis nun Velten Stacher frank und frei vortrat, sich neigte und ein schmetterndes Flötengejubel in die Luft schlug. Dann sprach er lauthin mit fröhlichem Stimmenschall:

Ich komm aus fremden Landen her
Und bring Euch viel der neuen Mär,
Mit Lust tret ich an diese Statt
Und grüß mir ein ehrbarn weisen Rat,
Ein ehrbarn Rat nicht alleine,
Darzu ein ganz gemeine!

Mit Lust tret ich an diesen Ring,
Gott grüß mir alle Bürgerskind,
Gott grüß sie alle gleiche,
Die armen als die reichen!

Nach jedem Spruchgruße hielt er jedoch allemal inne und pfiff eine heitere Weise hinterdrein; am Schluß der letzteren aber fuhr er fort:

Die fremden Land, die seind so weit,
Darin wächst uns gut Sommerzeit,
Darin wachsen Blümlein rot und weiß,
Die brechen Jungfrauen mit ganzem Fleiß
Und machen daraus einen Kranz
Und tragen ihn an den Abendtanz
Und lassen die Gesellen drum singen,
Bis einer das Kränzlein tut gewinnen.

Da war mit diesem Reim der Anstoß zur liebsten Belustigung der Jugend des Mittelalters, »zum Kranzsingen,« gegeben, und es bedurfte für die jungen, feurig dreinblickenden Stadtsöhne so wenig weiterer Mahnung mehr als für die schlanken schon ungeduldig harrenden Dirnen. Der Kühnste machte den Beginn, und nach altherkömmlicher Weise flogen die Rätselfragen und Antworten zwischen den Geschlechtern hin und wieder; manch heimlicher Sinn, den nur Eine verstand, mischte sich hinein und gewann ein verstecktes Wort zurück, dessen Bedeutung nur Einer zu erfassen vermochte. Treuherzig und schalkhaft wechselten die Ansprachen, behend, zierlich und spitzig folgte die hurtige Erwiderung roter Mädchenlippen drauf. Mitunter mochte die Befragte auch die richtige Entgegnung wohl wissen, wie einer vortretend sprach:

Jungfrau, so merkt mich eben;
Ich will Euch ein Frag aufgeben,
Wann Ihr mir's tut singen oder sagen,
Euer Kränzlein sollt Ihr länger tragen;
Drum sagt mir, Jungfrau, zu dieser Frist,
Welches die mittelste Blum im Kränzlein ist?
Der Blumen aber gar viele sind,
Die sich umher im Kränzlein befind.

Doch obzwar der Sinn der Rätselfrage nicht schwierig zu lösen, blieb das junge Ding, der sie galt, vom Raunen, Lachen und Anblicken der Anderen umher, verwirrt, dennoch errötend wortlos stehen, daß der Fragsteller selber rasch zu erwidern vermochte:

Ich hör ein großes Schweigen,
Das Kränzlein wird mir eigen.
So merkt mich, liebe Jungfrau mein,
Ihr selber mögt die mittelste Blum wohl sein,
Drum wollt mir's geben und nicht versagen,
So will ich's zu Euern Ehren tragen.

Dergestalt wanderten halb ernsthaft, halb scherzend die spielenden Reime in der linden Sommerluft hin und her, mit den Strahlen des Spätsommerlichtes huschte grüßend auch der manches suchenden Auges zwischen dunkle Wimpern hinein, und selbst die tiefer herabfallenden Schatten der hohen Giebel setzten dem bunten, lustigen Treiben noch kein Ziel. Zu jeglichem »Kranzgesang« aber spielte Velten Stacher eine Begleitung auf seiner Pfeife, bald neckisch abweisend, bald wie heimliches Seufzen, lieblich leise und laut auflachend, als wisse sein kleines Instrument genau, was Frage und Antwort der Lippen heische und hehle. Erst als zu grau nun die Dämmerung hereinbrach, machte strenge Vorschrift des ehrbaren Rates der Lustbarkeit ein Ende, der Spielmann flötete noch einen helljauchzenden Abschiedsgruß und barg, sich neigend, seine Pfeife im Wams. Da kamen alle heran, denn es war keiner unter ihnen, der dem Urheber der heiteren Zusammenkunft nicht mit offenem Wort oder stumm klopfendem Herzen Dank für etwas wußte, das ihm der Nachmittag zugebracht, und wenn auch nicht als ein goldener Regen, klapperte und klimperte es doch aus jeder Hand von einem Münzlein auf den Zinnteller, welchen Guy Loder nach Weisung seines Meisters vor sich hin hielt. Manch artiges Dirnlein nutzte den Anlaß, um ein Weilchen stehen zu bleiben und unvermerkt im Zwielicht mit neugierig prüfenden Augen Gesicht und Gestalt des fremden hochgewachsenen Knaben zu mustern, und als der laute Schwarm nun davonzog und wunderliche Stille unter dem alten Lindenbaum zurückblieb, sagte Velten Stacher, mehr denn einen Batzen zwischen den Kupferstücken heraussondernd: Format»Die trugen deine Blauveigelein rechts und links von der Nas uns ein; hüte dich, hüt dich, mein Brüderlein, übers Jahr, über zweie und dreie, da hüt deiner Äugelein Bläue! Nun froh und frisch an den Herbergstisch, daß bei guter Kanne mit muntern Gedanken wir unserer lieben Frau von Dusenbach danken!«

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