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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 6
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel

Der Tag, an dem der Zufall Guy nach Rappoltsweiler gebracht hatte, war seit Vorväterzeit der denkwürdigste, wichtigste und geräuschvollste des Jahres in der sonst um vieles stilleren Stadt, denn am Achten des Septembermonds versammelte sich innerhalb ihrer Mauern allemal die »Bruderschaft der Pfeifer«, die jedoch nicht allein auf der Flöte bliesen, sondern alle fahrenden Musikanten, seßhaften und wandernden Spielleute, »sie seien Pfeifer, Trommelschläger, Geiger, Zinkenbläser oder was sunst die sunsten für Spiel und Kurzweil treiben können.« So kamen sie am Tage Mariä Geburt aus dem ganzen Elsaß, von Hauenstein bei Basel im Süden bis nordwärts an den Hagenauer Forst zum »Pfeifertag« in Rappoltsweiler herzugeströmt, eine festgeschlossene und geordnete Gilde, gleich den Bruderschaften der Schäfer, Ziegler und Keßler, die ebenfalls einen Schutz- und Trutzverband bildeten, wie da und dort im Reiche selbst die Bettler und Gauner zu Genossenschaften vereinigt waren. Jede derselben besaß schon aus grauen Tagen des Mittelalters einen Schirmherrn und obersten Gebieter, dem sie Zins entrichteten, der ihre Rechte und Pflichten feststellte und in besonderen Fällen als höchster Gerichtsherr Entscheidung und Urteil über sie verhängte. So waren die Keßler den Herren von Rathsamhausen im Niederelsaß untertan, welche danach den Namen der »Könige der Kesselflicker« trugen, die Bruderschaft der Pfeifer dagegen von Alters den reichmächtigen Grafen von Rappoltstein, deren Schloßburgen seit Jahrhunderten auf die ihnen zugehörige Stadt Rappoltsweiler herabblickten. Deshalb fand in dieser der jährliche Pfeifertag unter dem Vorsitz des Schutz- und Oberherrn der Gilde statt, und es durfte bei erheblicher Strafe kein Mitglied von denselben fern bleiben, wenn es nicht mit gutem Zeugnis erwiesen, daß es »durch Leibs oder Herren Noth« verhalten worden sei. Selten ereignete es sich auch, daß ein »Bruder« zu der großen Zusammenkunft nicht eintraf, denn eine fröhlicher ausgelassene »Kilbe« war rheinauf und -ab nicht zu finden als am Pfeifertag in Rappoltsweiler, und wer nicht kam, vermochte obendrein seinen »Jahreszettel« nicht zu lösen, der allein ihn zur Ausübung seines Spielgewerbes in elsässischen Landen befugte. Noch ein Grund gesellte sich indeß für die Wahl des Ortes hinzu. Einstmals hatte schon der Sachsenspiegel den »Spielmann« gleich dem fahrenden Volk der Storger und Gaukler als rechtlos bezeichnet, da ihr Tun und Treiben für ein unehrbares galt, und die Kirche hatte sie sämtlich von ihren Gnadenmitteln und Sakramenten ausgeschlossen. Dann war es der Bruderschaft der Pfeifer nach langer vergeblicher Mühsal endlich gelungen, vom Bischof zu Basel das Recht zu gewinnen, »daß man ihnen das heilige Sakrament geben solle als anderen Christenleuten ungehindert ihres Pfeifens«; doch sollten sie sich vierzehn Tage vor und nach dem Genuß desselben der Ausübung ihrer scurrilium operum enthalten. Da hatten sie ihre Genossenschaft zum Danke der Jungfrau Maria geweiht, und es war seitdem Gebot für jeglichen, daß er »zur Ehre der reinen Mutter Gottes ihr Bildnis auf der Brust trage, es soll ein halb Unz fein Silber haben«; sollt auch nicht ihr zu Schande einem ungläubigen Juden die Brautlost spielen, »derselbe zahle denn dem Spielmann einen Goldgulden für den Säckel der Bruderschaft.« Weit und breit zwischen den Gebirgswällen des Schwarzwaldes und des Wasgenwaldes am Rheinstrom entlang fand sich aber kein kostbareres Heiligtum der Gottesmutter als bei Rappoltsweiler. Das war das wundertätige Marienbild, welches vor manchen Jahrhunderten ein Vorfahr der rappoltsteinischen Grafen von einem Kreuzzuge aus der Kaiserstadt Byzanz oder Konstantinopolis mitgebracht und für dasselbe in der Felsschlucht des Dusenbaches unterhalb der Burg Hochrappoltstein eine prachtvolle Kapelle erbaut hatte. Danach hieß das Madonnenbildnis »Unsere liebe Frau von Dusenbach«, ward von allen Bewohnern des Elsaß, auch denen, welche niemals das Glück gehabt, es mit Augen zu gewahren, als höchster Gnadenausfluß des Himmels inbrünstig verehrt und war seit Menschengedenken die hochherrliche Schutzpatronin der Pfeiferbruderschaft geworden. Ihr brachte diese bei der Zusammenkunft in Rappoltsweiler zuerst unter feierlicher Meßabhaltung ihre Ehrfurcht dar, noch bevor sie ihrem irdischen Schirmherrn nach der Vorschrift »die Huld machte«.

Unter dem letzteren, als Haupt der Gilde, von ihr erwählt und dem Grafen von Rappoltstein bestätigt, stand aber der »Pfeiferkönig«, dessen Amt und Würde das »Ambacht des Königrichs varender Lüte« benannt wurde. Er übte im Namen des Grafen alle Rechte desselben, wie die großen Lehensfürsten des Reiches aus der Vollmacht des Kaisers, saß als Präses am Pfeifertag und am Pfeifergericht; neben ihm tagten die »Meister« und »Zwölfer« nur als Rechtsbeisitzer mit beratender Stimme. Er entschied über Aufnahme in die Genossenschaft und verhängte als höchste Strafe Ausstoßung aus ihr; wen er wegen geringerer Übertretung der Satzungen schuldig befand, den rügte er »um Geld und Wachs«, das der Verurteilte zu Kerzen in die Kapelle unserer lieben Frau zu Dusenbach entrichten mußte. So herrschte er in den gemeinen Angelegenheiten der Zunft fast unumschränkt und nahm jedem »Bruder« beim Eintritt einen »gestabten Eid« ab, »dem König und der Bruderschaft hold und gewärtig zu sein.« Besoldet war er für seine hohe Ehrenstellung und mannigfaltigen Pflichten nicht, doch floß ihm allerhand nicht unerhebliche Vergünstigung zu. Er empfing Reise- und Zehrgelder, auch Leistungen an Kornfrucht wie sonstigen Nährmitteln und war am Pfeifertag mit zweien seiner Gesellen frei von der Irte, das hieß, von dem gleichen Beitrag der Brüder für Speise und Trank bei dem allgemeinen Festbankett. Alles das ließ wohl nach dem Königtum als der höchsten Ehrenstellung gelüsten, wenn ihre Macht und Hoheit in Wirklichkeit auch kaum mehr als an einem Tage des Jahres zur Geltung kam. Denn nach dem achten September zog jeder wieder durch Sommersonne und Regen, Herbstwind und Winterschnee seines Weges in Stadt und Land, wohin Vorteil und Neigung, Lust und Leid, Brautlost und Leichenschmaus ihn lockten, gesellt oder allein, wandernd, klingend und singend in die Weite.

Und so war's heut' Pfeifertag in Rappoltsweiler. Doch hatte die eigentliche Festlichkeit noch nicht ihren Anfang genommen, sondern nur ein Teil der Bruderschaft hielt, um den Jubel der Stadtbevölkerung und der von allen Seiten zusammengeströmten Landbewohner zu erwecken, einen possenhaft musizierenden Umzug durch die Gassen, dem Guy Loder, körperlich wie geistig mitgerissen, nachfolgte. Er dachte an nichts mehr als an das wundersame bunte Getümmel, in das er wie in eine andere Welt aus der Stille und Gleichmäßigkeit des Hochgebirges hineingeraten war, öffnete nur die Augen so weit als möglich, um zu sehen, und spannte die Ohren, um zu hören. Nun hatte der lustig schweifende Schwarm sich durch die lange, gewundene Hauptstraße hinab wieder der unteren Stadt zugewandt, traf dort auf noch andere zuwartende Gruppen der Genossenschaft und reihte sich nach einiger Weile vor einem mit Holzschnitzwerk und zwei buntfarbigen, pausbäckigen Engeln verzierten Hause zu geordneten Gliedern auf. Das Gebäude war schon seit manchen Geschlechtern die Pfeiferherberge; aus ihrer Tür traten jetzt unter wirbelndem Gedröhn die »Stadttrummenschläger« hervor, und hinter ihnen schritt hocherhobenen Hauptes Herr Gosfried Dürrschnabel, derzeit König der Pfeifer im elsässischen Land. Ziemlich bejahrt schon und wohlbeleibt, sah er zwischen schmalgeschlitzten Lidern aus zwei kleinen beweglich-vergnüglichen Augensternen äußerst zufrieden in den sonnigen Tag, auf die Gesichter umher und nicht am wenigsten an seiner eigenen stämmigen Leibesbeschaffenheit herab; wenn sein Blick die letztere überstreifte, ging's von ihr allemal mit einem Ruck nach oben, um ihrer angeborenen Kürze wenn nicht höheres Maß, doch eine imposante Würde zu verleihen, und sein triumphierend wieder aufgehobener Blick sprach das Vollbewußtsein aus, diesen Zweck in nachdrücklichster Weise erreicht zu haben. Seines musikalischen Betriebes war er Zinkenbläser, doch nicht gewöhnlicher Art, sondern er versah mit seinem Instrument den Kirchendienst in der Stadt Rufach unter dem hohen Belchenberg, blies dort morgens und abends den Choral vom Turm zur Mahnung für die christliche Einwohnerschaft herab und half auch bei festlichen Anlässen in den Nachbarorten bereitwillig zur gleichen Feierstimmung der freudvoll oder leidvoll vom Tagesgang betroffenen Gemüter. Als Zeichen seines Kunstgewerbes trug er an dicker Silberschnur über dem dunkelroten Königsmantel einen zierlich gearbeiteten Kornettino, eine kleine Zinke, wie sie in verbesserter Art vor kurzem aus Italien, dem Heimatlande des Spiels und Gesanges, über die Berge auch nach Deutschland gekommen war; seinen Kopf bedeckte ein gezackter, kronenreifähnlicher Aufputz aus verschiedenfarbig blinkendem Metall, in der Hand hielt er als Szepter einen mit silbernen Streifen umringelten Ebenholzstab. Scheu staunend haftete Guy Loders Auge auf ihm, wie er nun in seiner königlichen Pracht, Macht und Ehrenbefugnis an die Spitze der aufgereihten Heeressäule trat, als sein nächstes Gefolge die Meister, der Schultheiß, der Fähndrich mit dem riesigen Pfeiferbanner und der Weibel sich hinter ihm ordneten, auf seinen Handwink die mächtige Fahne sich zu schwenken anhob, die Trommeln prasselnd aufwirbelten und alle Flöten, Pfeifen, Geigen, Zinken, Hörner, Dudelsäcke, Schalmeien und zahllosen sonstigen Aufspielweisen sich zugleich mit dem Zuge wieder in Bewegung setzten. Rosenkokarden, Bänder und Federn nickten, flimmerten und flatterten von den Hüten, Bilder auf bemalten Stangen getragen, bunte Fähnchen, Messingsonnen, Halbmonde und Sterne überglitzerten den klingenden Zug, jauchzend drängte ein unermeßliches Geleite von Männern und Weibern, Dirnen und Buben an den Seiten und hinterdrein. Aufwärts gings durch die enge Gasse, geradewegs den im Sonnengefunkel herableuchtenden Schloßburgen entgegen; allein Guy Loder schlug, jetzt den Blick nicht zu diesen auf, gedachte seiner alten Vertrautheit mit ihnen nicht. Weiter drückte er sich mit durch das gewaltige Quaderturmtor, das ihm in der Morgenfrühe den Eingang zur Stadt aufgetan, schäumend rauschten die weißen Wasser des Strengbaches wider ihn an, die ihm zur Nacht auf der fremden, dunklen Lagerstatt sein Schlaflied gesungen, doch er sah und hörte nichts von den gewöhnlichen Dingen der Erde und des Himmels, achtete nicht, daß er des Weges wieder zurückgelangte, der ihn vor etlichen Stunden gebracht. Freilich nur eine Strecke lang, ein Viertelstündchen vielleicht, da bog das weitstrahlende Banner an der Spitze von der Straße gen Markirch um eine machtvolle, graurote Felsenwand rechtshin ab, und der Zug wand sich in eine enge Waldschlucht hinein, zwischen deren breitästigen Baumwipfeln das wilder zerfurchte und schwärzlicher werdende Gestein drohend herabhing. Leicht aufwärts hob sich eine Weile der geröllbedeckte Pfad, ein munterer Quell tönte hellstimmig mit plätschernden Sprüngen über uraltes Wurzelgeflecht und vermoostes Geblöck, dann sperrte plötzlich in der tiefen Stille des Laubdunkels hochaufsteigendes Gemäuer mit edel gewölbten Fensterbogen, aus denen goldrotes Geleucht von Kerzenflammen hervorglühte, die Mitte der schmalen Talkluft. Steingehauene Heiligenbildnisse hielten vor einem weitgeöffneten, blumengeschmückten Portal Wacht, und ein Priester in weißer Hochamtskleidung stand, die Hände zum Segen erhebend, davor, daß alle Stimmen und Spielinstrumente verstummten und die Ankömmlinge mit niedergesenkten Köpfen sich lautlos auf die Kniee beugten. Das war die hochheiligste Wohnstatt unserer lieben Frau von Dusenbach.

Nach einem kurzen Anhalt zogen alsdann die Pfeifer zur Messe in die weit geräumige Waldkapelle hinein, und Guy suchte, ganz nur von dem Trachten erfüllt, bei ihnen zu bleiben, mit durch die Tür zu schlüpfen. Aber das Auge eines Torhüters musterte ihn, und den Arm erhebend, sagte er lachend: »Schaust zwar halbwegs aus wie ein Lamm Gottes, Bürschlein, bist aber doch nur ein weltlich Schaf, das heut' nicht mit hier herein gehört,« und die kräftige Hand schob ihn aussichtslos vom Eingang zurück.

Betroffen stand der Abgewiesene im Gewühl, doch findigen Sinns schaute er gleich danach rasch um sich her, denn ihm war's unzweifelhaft, daß er um jeden Preis sehen müsse, was drinnen geschähe. Sein Blick fiel auf einen alten Ahornbaum, der mächtiges Astwerk bis über das Dach der Kapelle emporkrümmte, und im nächsten Augenblick flog er, wie ein Luchs kletternd, an dem rissigen Stamm in die Höhe, schlüpfte furchtlos-behend durch das raschelnde Laub und hockte sich, umspähend, auf einen vorspringenden äußersten Astarm, der unter der ungewohnten Last schwankend auf und nieder wippte. Aber von dort vermochte er durch ein offenes Fenster gerad in den ganzen Kirchenraum hinunterzublicken, den ein wundersam geheimnisvolles Licht erfüllte. Dasselbe war vielartigsten Ursprungs; wohl zwanzig auf dem Altar brennende hohe und dicke Wachskerzen strahlten es aus, doch zugleich kam es von draußen durch die Bogenfenster der anderen Seite, auf welche die helle Vormittagssonne fiel. Die Öffnungen dort waren indes mit einer seltenen Kostbarkeit der Zeit, mit farbenreich bemalten Glasscheiben, geschlossen, und aus diesen brach ein Leuchten und Lodern von goldigen, himmelblauen und roten, wie brennenden Gewändern der Bildgestalten auf den Fenstern über die Gesichter der drinnen Versammelten herein. Dann mischte als drittes sich noch ein grünes Licht des Laubwerks, aus dem er selbst hinabschaute, dazu, und das Alles rann und rieselte, flimmerte und glimmerte durcheinander, daß ihm von dem fremden, märchenhaften Wunder fast die Sinne vergingen. Er sah den Priester die Messe am Altar celebrieren, non dem aus einer vergoldeten Nische das heilige, wundertätige Madonnenbild niederblickte, lebensgroß aus Holz geschnitzt, mit sonnenlichtem Haar und einem überaus freundlichen Lächeln der Lippen als Pietas über den toten Leib ihres Sohnes gebückt, dessen dornengekröntes, blutendes Haupt sie mit zarter weißer Hand gestützt hielt. Reiche, fast blendende Gewandung aus Gold- und Silberstoffen, von kostbaren, bunten Edelsteinen besetzt, floß an ihr herab, ein Kranz gelber Rosen deckte zu Ehren des festlichen Tages ihren Scheitel. Mit andächtigen Mienen standen die Pfeifer, vor ihnen der rotstrahlende Königsmantel, auf dem Steinflur der Kapelle, nur unter den farbenprächtigen Glasscheiben erhob sich an der Wand ein breites, überdachtes Eichenholzgestühl, auf dessen kunstvoll ausgeschnitzten Bänken sich eine Dame und zwei Herren von vornehmem Aussehen zurücklehnten. Der eine, in blauem Sammetgewand, mit einem Reiherfederbarett in der Hand, nahm den mittleren Platz ein; seine edelgestalteten, schon von höherem Lebensalter redenden Gesichtszüge hielten sich wohlwollenden Ausdrucks der gottesdienstlichen Handlung des Priesters zugewandt. Die Dame neben ihm mochte ein Jahrzehnt weniger zählen, ihre Erscheinung und Kleidung kennzeichneten sie als eine vornehme Edelfrau, etwas mehr selbstbewußter Stolz prägte sich manchmal in einem leichten Zug von Geringschätzung aus, mit dem ihr Blick über die Köpfe der Pfeiferbruderschaft hinstreifte. Der Herr auf der anderen Seite erschien völlig verschieden an Tracht, Gesichtsbildung und Miene. Auch er war unverkennbar edler Abkunft, denn er trug schwere, ritterliche Eisenrüstung, die bei jeder Bewegung um ihn klirrte, seinen Kopf deckte ein schwarzüberbuschter Helm. So nahm man außer der Kräftigkeit seiner hochschlanken Gestalt nichts weiter von ihm gewahr als den geringen Teil des vom aufgeschlagenen Visier freigelassenen Antlitzes. Dies war nicht unschön und wies noch auf kraftvolles Mannesalter, aber es stach farblos von dem dunklen Spitzbart ab, und ein herber, beinahe finsterer Einschnitt preßte die Lippen über demselben festgeschlossen zusammen. Man konnte dem Gesicht nicht ablesen, ob es auf den Vorgang in der Kirche merke oder nicht, unbeweglich blickte es mit reglosen Augen vor sich hinaus und wäre Guy Loder kaum als ein lebender Mensch, sondern wie eine der ausgehauenen Steingestalten vorgekommen, wenn nicht ab und zu den Panzer und die Armschienen eine Lichtspiegelung glimmernd überlaufen und einen leisen Ruck der Glieder unter ihnen gedeutet hätte.

Außer diesen drei Personen befand sich auf dem geschnitzten Wandsitz nur noch ein Kind, von welchem Guy anfänglich allein ein Stückchen der linken Kopfseite erblicken und die Wahrnehmung machen konnte, daß die Farbe des daran herabfallenden Haares sich genau so sonnenlicht von dem dunklen Holzgrunde abhob wie dasjenige des Madonnenbildes über dem Altar. Dann veränderte der Kopf etwas seine Stellung, der Körper darunter bog sich, voll zum Vorschein kommend, nach, und es war ein etwa zehnjähriges Mädchen in hellglänzender, kostbarer Kleidung und von solch anmutreicher Schönheit alles dessen, was ihrem Antlitz und ihrer Gestalt angehörte, daß Guy Loder sie kaum für ein Menschenkind und irdisches Wesen zu halten vermochte. Dazu kam, daß nicht nur ihr feines, wie Goldfäden um die Stirn aufgesponnenes Gelock, sondern auch die Lieblichkeit ihrer Züge dem holdseligen Gesichtsausdruck unserer lieben Frau von Dusenbach gar gleichgeartet ähnelte, nur lag um die roten Lippen kein Zug des Leides und der Bekümmernis, vielmehr der eines Kindes, das noch niemals von Schmerz, Not und Sorge in der Welt erfahren. Offenbar nahm die Kleine nicht viel Anteil an dem, was in der Kapelle geschah, sondern fand die Sache im Grunde recht lang und langweilig, denn sie wandte das Köpfchen suchend bald hier, bald dorthin und drehte es mit sichtlicher Enttäuschung, nichts als schon bekannte Dinge gefunden zu haben, wieder zurück. Zuletzt schlug sie bei dem Umhergehen ihres Blickes einmal zwei edelsteinartig leuchtende Augen in die Richtung des Fensters empor, durch welches das grüne Ahornlaub hereinnickte, und eine kurze Weile blieben ihre Lider, sich groß-verwundert erweiternd, mit den Sternen darunter auf dem Blättergewirr haften. Aber dann flog ihr plötzlich ein hellstimmiges Lachen vom Mund, daß die Köpfe der andächtigen Zuhörer erstaunt-unwillig herumfuhren, und sie rief laut: »Ein Schaf – ein Schaf auf dem Baum!«

Weiter vernahm Guy Loder nichts, denn es zuckte ihm mit heißem Schreck durch alle Glieder, daß sie seinen zottigen Flaus zwischen dem Laub gesehen, ihr Ausruf ihm gegolten und er dergestalt die Schuld an der Störung der kirchlichen Handlung getragen habe. Unwillkürlich ließen seine Hände den Ast fahren, er verlor das Gleichgewicht und glitt hinterrücks herab, doch im Fall klammerten die Finger sich mit haschendem Naturtrieb an anderem Gezweig fest, das zwar knackend und brechend ihm keinen Halt gewährte, aber doch den Sturz milderte, so daß er unversehrt auf den Boden herunterkollerte. Einen Augenblick blieb er, mehr noch von dem ersten Schreck als von dem Aufstoß betäubt, dort liegen, einige Gesichter der wartenden Volksmenge vor der Kirche drehten sich flüchtig nach dem sonderbar durch das Baumlaub herabkommenden Geraschel, doch ehe sie den Ursprung desselben deutlich zu erkennen vermocht, hatte der Knabe sich hurtig aufgerafft und flüchtete mit großen, tollkühnen Sprüngen in das Felszackengewirr dicht hinter und über der Kapelle empor. Dort verbarg er sich in dichtem Buschwerk, scheu und beschämt, denn ihm war's, als ob alle Augen nach dem Urheber der stattgefundenen Ungebühr suchen müßten, und zugleich erging es ihm wie dem erkenntnisbetroffenen anfänglichen Bewohner des Paradieses, daß er zum ersten Mal im Leben ein Schamgefühl über seine Bekleidung empfand, die ihm derartige Ähnlichkeit mit einem Tier verliehen hatte. Er sah auch oder achtete zum ersten Mal darauf, daß sein weißer Fellrock überall zu kurz sei, und zog und zerrte vergeblich daran, die Arme und Beine kamen immer gleicherweise in ihrer sonnenbraunen Farbe daraus hervor. So hockte er trübselig und mit bitterlichem Denken darüber, warum es so sei, in seinem Versteck, bis endlich doch der Drang der Schaulust wieder zu übermächtig in ihm wurde und er behutsam an den Rand des Gesträuches vorkroch, von wo er, selbst ungesehen, die weiteren Festlichkeiten des Pfeifertages überschauen konnte.

Der vornehme Herr in dem blauen Sammetgewand, den Guy drunten vor sich erblickt gehabt, war aber der Graf Schmaßmann von Rappoltstein, der Schirm- und Lehensherr der Bruderschaft gewesen, der sich heute besonders gnädig gesinnt erwiesen, daß er nicht darauf gewartet, bis diese ihm auf seiner Burg »die Huld mache,« sondern mit seiner Gemahlin schon zur Messe in die Dusenbachkapelle herabgekommen. Und weiter noch hatte er freigebig die Kosten für das Festmahl aus seinem Säckel bestritten und angeordnet, daß selbiges an der nämlichen Stelle in der Waldschlucht gerüstet werden solle. Damit waren zahlreiche Köche und Diener eifrigst beschäftigt, und mittlerweile ward jetzt unter dem Vorsitz des Grafen im Schatten einer weiten, mächtigen Baumrunde das Pfeifergericht abgehalten, bei dem Gosfried Dürrschnabel, der König, zur vollen Befriedigung des Oberherrn und unter allseitiger Beipflichtung in etlichen strittigen Fällen und Klagsachen Urteil und Recht fand. Es gab indes heut nicht sonderlich Vieles noch Wichtiges zu erledigen, so daß, als Guy Loder sich aus seinem Schlupfwinkel wieder herauswagte, die Gerichtstagung bereits ihrem Ende zuschritt und eine neue, fröhlichere Pflichtobliegenheit ihren Beginn nahm. Auch die Gräfin Odilia ließ sich jetzt auf dem freien Platz neben ihrem erlauchten Gemahl in einen Sessel nieder, und zur anderen Seite setzte sich ihr der eisengepanzerte Ritter, sein langes Schwert zwischen den Knieen auf den Boden stemmend und die Hände, unbeweglich wie zuvor in der Kirche, über dem Gefäßgriff zusammenkreuzend. Das war Herr Bertulf von Egisheim, auf der Giersburg dem Grafen von Rappoltstein benachbart, doch blickte seine Stammburg weiter rheinauf zwischen den Städten Kolmar und Rufach mit drei hohen Türmen auf das Städtchen Egisheim herunter. Sein Ursprung leitete von uraltem Geschlecht her, dem selbst kaiserliches Blut zugesellt worden, denn einer seiner Ahnherren im Beginn des elften Jahrhunderts war ein Geschwisterkind Kaiser Konrads des Saliers, Graf des Nordgaus im Elsaß und Vater des römischen Papstes Leos IX. gewesen. Der Gang der Zeiten hatte jedoch Ansehen, Macht und Reichtum seines Hauses, als dessen Letzter er dastand, allgemach verringert, so daß sein ehemals gewaltiges Bergschloß über Egisheim halb zerfallen und verwildert lag und er die Giersburg von dem rappoltsteinischen Grafen zum Lehen besaß. Darauf hauste er einsam, ohne Weib und Kind, und mochte wohl in diesem Gefühl und dem Gedanken an den unrühmlichen Niedergang seines edlen Geschlechtes mißmutig und finster dreinschauen. Nur selten gewahrte man ihn sonst außerhalb der unzugänglichen Mauern seines trotzigen Felsenhorstes, heut jedoch hatte er der Einladung seines Nachbars Folge geleistet, aber wider eigenen Trieb und Lust, wie es schien, denn man sah ihm an, das Verweilen unter den »fahrenden Leuten« und der fröhlichen Volksmenge umher bereitete ihm kein Vergnügen.

Nun begann nach alljährlichem Brauch vor den anwesenden vornehmen Gästen und dem Pfeiferkönig der Wettkampf einer Anzahl von Mitgliedern der Bruderschaft, die sich gemeldet, mit ihren verschiedenen Spielinstrumenten um den Preis miteinander streiten zu wollen. Es war ein Dutzend kühnblickender Bewerber, junge und schon weißlich an Schläfen und Wangen überreifte; auf der Geige und Laute, der Zinke und dem Waldhorn übten sie ihre Weise und begleiteten dieselbe mit dem Gesang eines Liedes, wie es im Volksmund auf Straßen und Wegen umflog, oder kurzer selbstgedichteter Reime. Manches klang wunderlich und reizte beinahe zu spaßhaftem Auflachen, anderes bot artig-gefälligen Ton und Text und erntete Beifall. Als letzter trat ein jugendlicher Gesell von schlankem Wuchs mit einer Querpfeife vor; das braune Haar nickte ihm hübsch und glänzend über die Stirn, und seine Augen blickten schalkhaft frohgemut und offenen Blickes darunter auf. So wie sie dreinschauten, spielte und sang er auch, nach höflich behender Verneigung im Umkreis, ein ernsthaft-heiteres Lied zu Ehren der unvergleichlichen Lieblichkeit und Hoheit unserer lieben Frau von Dusenbach. Sehr klug hatte er für den Ort und Anlaß Wort und Weise gewählt, aber gar anmutig bewegend und erfreuend tönte die Ausführung unter dem schattenden Laubdomgewölbe bis zu Guy Loders gespannt aufhorchendem Ohr hinauf, daß kaum Zweifel bleiben konnte, wer sich beim heutigen Wettstreit den Obsieg errungen. Kurz auch nur neigte der Pfeiferkönig sich in würdevoller Haltung zu leisem Flüstern an das Ohr des Grafen, der sogleich zustimmend nickte, dann verkündete Gosfried Dürrschnabel laut und weithin vernehmlich, der Bruder Velten Stacher habe bei der Wettbewerbung den Preis davongetragen, und auf einen Handwink des Lehnsherrn nahte dieser heran. Mit unverrückten, traumhaft glänzenden Augen aber sah Guy aus seiner Verborgenheit herab, denn hinter einem der breiten Baumstämme trat das kleine, vornehm gewandete Mädchen hervor, dessen plötzlicher Ausruf in der Kirche ihn gefahrdrohend von dem Ast auf den harten Boden zu Fall gebracht hatte. In beiden Händen hielt sie den gelben Rosenkranz vom Haupt des Madonnenbildes und glich diesem fast noch mehr als zuvor; es war, als leuchte ein Sonnenstrahl auf ihren Scheitel und werfe von ihm goldene Lichter durch den tiefen Schatten der Baumrunde. Nun ließ Velten Stacher, der junge glückliche Sieger, sich mit leichter, natürlicher Anmut vor ihr auf die Kniee nieder, halb ernsthaft-gewichtig, halb schelmisch lächelnd legte sie ihm den duftenden Ehrenkranz auf die vorgeneigte Stirn, drückte schalkhaft die kleine Hand noch einmal fest darauf, daß die Rosenkelche ihm bis über die Augen herunternickten, und unter glückwünschendem Zurufen, Grüßen und Lachen von tausend Stimmen hob er sich empor und blickte fröhlich stolz umher.

An vielen langen, aus Brettern aufgeschlagenen Tischen stand jetzt auch die Festmahlzeit gerüstet, und die Freigebigkeit des Herrn Grafen beschränkte sich nicht auf reichliche Bewirtung der Bruderschaft allein, sondern es war für solchen Überfluß an Speisen und Trank gesorgt, daß auch jeder der Zuschauer umher, alt und jung, Mann und Weib, Hunger und Durst zu stillen vermochte. Niemandem wurde das Zugreifen nach Lust verwehrt, und ein vergnügliches Schmausen und Trinken erfüllte den Raum um die Kapelle, doch mußte die Volksmenge sich an süßem Malzbier genügen, während für die Pfeifer trefflicher Rappoltsweiler Traubensaft, sowohl roter als weißer, aus zwei gewaltigen Fässern verzapft ward. Ein besonderer Tisch war nach vornehmerem Brauch zu oberst für die adeligen Herrschaften gedeckt, daran nahmen außer diesen nur der geistliche Herr, der Pfeiferkönig und der heutige junge Sieger im friedlichen Tonwettstreit Anteil. In den Goldhöhlen der kostbaren Becher blinkte dort noch edlere Auslese des starken elsässischen Weines, und Velten Stacher besonders ließ sich nicht mahnen, derselben nach Würdigkeit Ehre anzutun. Er zeigte sich als ein liebenswürdiger Tischgesell, trotz seiner geringen Herkunft von angeborener Schicklichkeit des Behabens; bescheiden und doch sonder alle Schüchternheit sprudelte ihm fröhlicher Jugendsinn von den Lippen. Seinen Becher hebend, gab er in artig gesetztem Trinkspruch dem Dank Ausdruck, der ihn insonders, doch nicht minder all seine Genossen für das gräfliche Haus erfülle; als er geendet, brauste hundertstimmige freudige Beipflichtung darein, und mit dem Vorschreiten der Zeit mehrte sich der laute Jubel ringsum an den Tischen. Eine Weile hatte Guy Loder der emsigen Geschäftigkeit daran von oben begehrlich zugeschaut, denn ein grimmig knurrender Hunger in ihm mahnte ihn gar ungestüm, daß er seit dem vorigen Abend nichts über seine Zähne gebracht. Stärker und stärker trieb's ihn, daß er zuletzt unvermerkt herabschlüftete und zaghaft an den äußersten Rand des großen, luftigen Speisesaales, unter dem wechselnd grünen und blauen Deckengewölbe mit herankam. Niemand gab auf ihn acht und dachte darüber, ob er dahin gehöre oder nicht; doch wie er sich zaudernd an der leeren Ecke einer Bank niederließ, ward sogleich ein gefüllter Krug und ein Holzteller mit gebratenem Fleisch vor ihn hingesetzt, und es konnte kein Zweifel obwalten, daß sie für seinen Hunger und Durst bestimmt seien. So griff er mit dem sauberen weißen Eschenlöffel tüchtig drein; selbst an den höchsten Festtagen des Jahres war ihm droben in Altweier noch niemals ein so schmackhaftes Mahl aufgetischt worden. Beim Essen aber hielt er die Augen unverwandt nach der gräflichen Tafel hinübergerichtet, wo der junge Spielmann neben dem kleinen Mädchen saß, das ihm den Siegeskranz auf die Stirn gedrückt. Zum erstenmal im Leben beneidete er einen Menschen, denn es fiel ihm unmöglich, sich etwas Köstlicheres aus Erden vorzustellen, als so, wie jener vorhin, vor seiner goldlockigen Nachbarin niederknien zu dürfen, den Ehrenpreis aus ihren Händen zu empfangen und nun dort neben ihr zu sitzen, den Kopf zu ihr hinzuneigen und ohne Scheu auf ihr Fragen und Lachen zu erwidern.

So waren die Mittagsstunden des Tages vergangen, und allgemach fiel von Westen her die Sonne hier fehlen 2 Worte in Buch. Re. in das enge Dusenbachtal herein. Ihr rötlicher hier fehlen 2 Worte in Buch. Re. Glanzgeleucht weckte den Knaben nach und nach aus der taumelnden Gedankenbetäubung, die ihn seit der Morgenfrühe willenlos herumgeführt; die Zeit mußte herankommen, wo die Schlösser auf dem Berge über ihm im letzten Goldlicht geheimnisvoll zu glühen und zu winken begannen. Er besann sich, daß sie es gewesen, die ihn in der Mondnacht hierher herabgezogen, die alte Sehnsucht nach ihnen klopfte in seinem Herzen auf und lenkte ihm den Fuß aus dem bunten Menschengetümmel in der mutmaßlichen Richtung gegen jene bergan. Auf schmalem, gekrümmtem Pfad ging es empor, nach wenig Minuten bereits schlossen die Felswände sich hinter ihm zusammen, und noch mehr verengte Waldschlucht umgab ihn. Doch warf auch in diese noch da und dort die Sonne einen verirrten Strahl, der auf unbewegten Blättern spielte, rotbraunes Kiefergeäst feurig und seltsam überlief und hin und wieder kleine Lichtfunken bis auf den Boden herunterstreute. Alles aber war reglos und still in märchenhaftem Gegensatz zu dem noch von drüben herüberhallenden Stimmengelärm, nur der Quell plätscherte leistönig von Stein zu Stein. Eilfertiger stieg Guy Loder an ihm aufwärts, plötzlich indes hielt er den Schritt und sah fast erschreckt stumm vor sich, denn kaum ein halbes Dutzend Schritte von ihm entfernt kniete das kleine Mädchen, das den Siegeskranz ausgeteilt hatte, am Rande des Wassers und beschäftigte sich eifrig damit, aus demselben abgerundete, hellblinkende Steinchen heraufzuholen. Sie hatte den rechten Ärmel ihres Kleides bis zur Schulter in die Höhe gestreift, und eine Anzahl hübsch abgeschliffener Kiesel lag neben ihr im Moos; nun hob sie den Kopf und zog zugleich den niedergetauchten Arm herauf, daß die Tropfen glimmernd von der zarten, rosigen Haut rieselten, Kurz blickten ihre im Grün des Walddickichts noch sternenartiger glänzenden Augen dem Ankömmling ins Gesicht, dann lachte sie vergnügt: »Bist du das Schaf vom Baum?«

Er antwortete nur mit einem unverständlich stotternden Laut, sie fügte gleich drein: »Es ist so langweilig drunten, komm, hilf mir fischen!« und sie zeigte auf ihre Ausbeute aus den kleinen, stillen Vertiefungen des Quells. Sein Kopf glühte dunkelrot auf, und er folgte ohne Antwort ihrem Geheiß: ihm war, als könne er die Junge nicht bewegen, sei auf einmal stumm geworden und habe weder Laute noch Gedanken. Tonlos streckte er die Hand ins Wasser hinunter; nun lachte sie wieder: »Nu hast's gut und brauchst deinen Ärmel nicht aufzustreifen. Warum trägst du kein Wams wie andere? Bist du arm und hast keins? So darfst du nicht zu uns aufs Schloß.«

Ja, warum hatte er keinen anderen Rock wie alle, die er drunten gesehen? Bitterlicher als zuvor überfiel ihn die Empfindung und zog seine Lippen zu einem kummervollen Ausdruck zusammen. Das nahmen ihre schönen, klugen Kinderaugen wahr, deuteten es jedoch offenbar anders, denn sie fuhr rasch und freundlich-bedauerlich fort:

»O – ich dachte nicht mehr daran – du bist ja von dem Baum heruntergefallen! Hast du dir weh dabei getan? Das tut mir leid.«

Es tat ihm unsäglich wohl, daß ein Zug von Besorgnis dazu über ihr Gesicht ging, und es hätte ihm jeden erlittenen Schmerz hundertfältig vergolten. Doch er konnte nur wortlos den Kopf schütteln, denn die Sprache gebrach ihm noch immer, und beruhigt sagte sie jetzt mit schelmischem Lippenzucken:

»Ein Schaf muß auch nicht auf den Baum klettern, aber darum gefällst du mir doch und ich fische gern mit dir. Sieh den da, der ist schön weiß, ich kann nicht so tief tauchen, dein Arm ist länger.«

Hastig holte der Knabe den gedeuteten Stein herauf, und sie setzten geraume Weile ihr Umhersuchen in dem hellen Gewässer schweigsam fort. Ihm war's, daß er im Heuduft liege und träume, er wußte nicht, ob Sonnen- oder Mondlicht um ihn sei. Seine Augen wagten nicht, sich zu seiner unbekannten Spielgenossin aufzuschlagen, nm dann und wann sah ihr Spiegelbild ihm drunten entgegen und überzitterte ihn mit einem namenlosen, fremden, süßen Wundergefühl. Aber dann hörte er doch einmal in der Waldstille seine eigene Stimme und es kam ihm zum Bewußtsein, daß er schon eine Zeit lang mit ihr geredet hatte, nur auf den Anfang konnte er sich nicht besinnen. Sie frug und er antwortete, nannte seinen Namen, seine Eltern und ihren Wohnort und wie er hergekommen. In ihren Augen lag große Verwunderung, als sie erwiderte: »Ich hätte dich nicht für ein Bauernkind gehalten; die ich kenne, find alle viel häßlicher.«

Nun faßte er sich ein Herz und frug: »Wie heißt du denn?«

»Erlinde.«

»Und wer sind deine Eltern?«

Sie sah ihn halb erstaunt an. »Weißt du's nicht? Sie heißen Rappoltstein wie droben unsere alte Burg.«

Die Antwort mußte wohl mit einem Schreck über seine Züge gefallen sein, denn das Mädchen setzte gleich hinzu: »Was hast du? Siehst du etwas Schlimmes?«

»Nein,« entgegnete er aus plötzlich engbeklommener Brust, »nein, mir ist's –«, aber der Ton versagte ihm, und etwas Hilfloses und Scheues sah aus seiner verstummten Miene hervor. Das Grafentöchterlein betrachtete einen Augenblick ungewiß die mit ihm vorgegangene jähe Veränderung und fragte darauf schnell: »Warum bist du denn betrübt? Ich habe dir doch nichts getan – willst du meinen schönsten Stein – da – nun sei wieder vergnügt!«

Sie hatte rasch einen kleinen, flachen, goldgrün glitzernden Kiesel aus ihrem Vorrat ausgewählt und legte denselben freigebig in Guys Hand, deren Finger sich, wie unwillkürlich von der leichten Druckempfindung zusammengezogen, fest um den Stein schlossen. Es dauerte wiederum etwas, bis er mühsam hinterdrein stotterte: »Nein, ich möchte –«, allein dann war die Schwerfälligkeit seiner Zunge auf einmal verschwunden und er ergänzte hurtig mit hellaufleuchtendem Blick: »Ich möchte auch solchen Kranz, wie du ihn heut' Mittag dem Anderen auf den Kopf gesetzt.«

Sie sah halb bekümmert auf ihre leeren Hände. »Ich habe keinen mehr, sonst würd' ich ihn dir geben.«

»Nein so nicht,« rief er, »da wäre er nicht so schön, sondern ich müßte erst vor dir niederknieen, und dann kämest du und bekränztest mich damit, und ich säße nachher neben dir –«

»Da müßtest du auch ein Pfeifer werden,« fiel sie ernsthaft ein, »dann wär's alles so. Kannst du nicht auf etwas spielen?«

Er antwortete nicht, der Gedanke an solche Möglichkeit fiel zu jäh und sinnbetäubend über ihn. Erst nach einer Weile stammelte er: »Ein Pfeifer – und dann gäbst du mir den Kranz?«

»Wenn mein Vater es mich heißt –«

»Versprich mir's!«

»Gewiß!« Sie lachte: »Und wenn die Anderen es nicht wollen, daß du ihn haben sollst, da flecht' ich vorher einen zweiten und gebe dir den.«

Er hatte, von einem plötzlichen, überwallenden Mute beseelt, seine Hand ausgestreckt und sie legte nickend die ihrige zur Bekräftigung ihres Gelöbnisses in dieselbe hinein. Doch unmittelbar danach faßte sie seinen Arm mit einer schreckhaften Griffbewegung noch fester und hielt sich an ihm. Die Sonne war jetzt völlig aus der Waldschlucht gewichen, und ein noch helles, doch grünbleiches Licht lag zwischen dem laut- und regungslosen Laubgezweig umher. Nur im Busch und hohen Kraut, wohin Erlinde gerade den Blick gewandt hielt, tönte jetzt ein starkes Rascheln, und ein Doppelpaar langer, schneeweißer Hörner tauchte über zwei zottigen schwarzen Köpfen aus dem Blattwerk hervor. Gleich darauf bog auch ein Menschengesicht um die Ecke, das aus einem Aufglanz großer, grünleuchtender Augen und der Bewegung hastig vorgestreckter Arme lauten Jubel sprach, nur der Mund blieb stumm und gab keinen Ton von sich. »O, die ist garstig, ich fürchte mich vor ihr!« stieß das Grafenkind aus und klammerte sich ängstlich an den Knaben; doch Bettane lief, so schnell sie vermochte, geradeaus auf Guy zu; lachte mit glückseligen Lippen und griff, mit hastigen Zeichen redend, nach seiner Hand. Da sprang Erlinde mit einem Furchtschrei von ihm auf und flog wie ein erschreckter Vogel abwärts durch die Schlucht. Auch er fuhr vom Boden, stürzte einige Schritte vor und rief ungewiß zaudernden Mundes ihren Namen – noch einmal lauter und bittend – aber, ohne sich umzublicken, lief sie weiter, dem vom Festplatz herüberklingenden Stimmengemenge zu.

Als Guy Loder den Kopf wieder drehte, stand Bettane hinter ihm und hielt mit einem ängstlichen Ausdruck die Augen auf ihn gerichtet. Ihre Finger und anderen Hilfsmittel redeten eilfertig, daß sie ihn am Morgen droben auf der Bergkuppe nicht gefunden und ihr gekommen sei, wohin er vermutlich gegangen. Da habe sie auch einen Weg nach den Burgen hinüber gesucht, doch Furcht vor den vielen Menschen drunten gehabt und sei über die Felsen hierher geklettert. Und das Glück, ihn gefunden zu haben, leuchtete wieder aus ihrem Gesicht.

Aber der Knabe verwandte kaum Achtsamkeit darauf, ihre lautlose Sprache zu verstehen. Er schüttelte heftig den Kopf und ging von ihr, setzte sich nach einigen Schritten auf einen Wurzelknorren und sah trostlos vor sich hinaus. Scheu stand das Mädchen eine Weile, dann trat es leise herzu, ließ sich, etwas von ihm entfernt, demütig zu seinen Füßen nieder, und die Ziegen kauerten sich neben ihr ins hohe Gehälm.

Die Tageshelle schwand jetzt rasch in der engen Luft, und grauer Zwitterschein begann um Fels und Baum zu weben. Das fallende Wasser des Dusenbaches hallte lauter vernehmlich durch die Stille, als hebe es mit dem Einbruch der Dämmerung mählich stärker schwellenden Nachtgesang an; talab verklang weiter entfernt das Festgetöse und deutete, daß die Pfeiferbruderschaft, von der Volksmenge geleitet, zum Abendgelage in die Stadt zurückkehrte. Dann kam ein einzelner Schritt von unten herauf, eine der Ziegen erhob sich und stellte sich vorwitternd in den schmalen, verwachsenen Weg. Doch gleich darauf stieß sie einen Schmerzenslaut von sich, denn ein Fußtritt hatte sie getroffen und hart zur Seite geschleudert. Guy fuhr aus seinem Brüten empor und sprang, halb unbewußt einen Fauststein vom Boden raffend, vor. Das Blut wallte ziellos ungestüm in ihm hin und her, und es kam ihm recht, seine innere heftige Erregung an irgend Etwas auslassen zu können. Zornig rief er: »Was hat das Tier Dir getan!« Da klirrte und rasselte es auf dem Felsgrund, und es war der Ritter Bertulf von Egisheim, der einsam den nächsten Pfad zu seiner Burg hinaufstieg. Er stutzte, sichtlich aus Gedanken auffahrend und hastig mit der Hand an den Schwertgriff zuckend, einen Moment zurück, eh er scharftönig erwiderte: »Wer bist du, Bursch? Lauern noch andere hinter dir?« Aber dann fügte er kurzen Blickes die beiden im Zwielicht schon halb verschwimmenden Gestalten überstreifend mit spöttischem Auflachen drein: »Sorgt Ihr hier, daß die rappoltsteinische Schaf- und Ziegenbrut sich mehrt? Aus dem Weg, Ihr Gezücht!« Und dröhnenden Schrittes hob er den gepanzerten Fuß weiter aufwärts, der Giersburg zu. Der Knabe wußte nicht, was über ihn kam; als sei bis zu diesem Augenblick ein heimlicher Grimm in seinem Herzen großgewachsen und lodere zum ersten Mal plötzlich, ein Ziel erkennend, auf, so riß es ihm den Arm, und besinnungslos schleuderte er mit wuchtiger Kraft seinen Fauststein dem Ritter nach, daß sein Wurfgeschoß laut aufschmetternd den Eisenharnisch des Fortschreitenden traf. Dieser flog, einen Ton des Schmerzes und der Wut ausstoßend, herum, doch gleichzeitig sprang Guy Loder in die überbuschten Felszacken hinauf, behend wie die Ziegen kletterte Bettane ihm blitzschnell nach, und der Zornschäumende mußte einsehen, daß seine schwere Rüstung im Gestrüpp und Gestein eine Verfolgung unmöglich machte. Aus seinem Visier klang ein drohend knirschendes: »Hundsföttisches Grafengesindel!« hervor, dann setzte er seinen Weg fort. Guy horchte dem abtönenden Schritte nach, er konnte sich keine Rechenschaft ablegen, was ihn zu dem unbedachten und ungeheuerlichen Tun fortgerissen. Er hatte noch nie in seinem Leben gewußt, was ein jäher Ausbruch des Hasses sei, und er begriff sich schon selbst nicht mehr, als ob nicht er, sondern ein fremder Wille in ihm die Tat vollbracht. Aber es war ihm gewesen, wie wenn ein würgender Wolf in die Herde gebrochen, daß sein Herzblut ihm geboten, denselben zu treffen. Nun war die blinde Besinnungslosigkeit vorüber und ein anderes stürmisches Gefühl übermannte den Knaben. Nicht Reue, doch eine herzklopfende Bangnis und bitterliches Verzagen. Zweifellos reichte der Arm des vornehmen Ritters weithin und wenn sein Grimm den Täter droben im Bergdorf ausfindig machte, konnte diesen nichts davor schützen. Aber solche Furcht war's nicht, die am lautesten in Guys Brust hämmerte. Sollte er denn nach Altweier zurückkehren, wieder Tag um Tag zwischen den werdenden Schafen auf der Halde sitzen und hierher nach den seinen Bergen herüberschauen? Seitdem die Sonne heute morgen aufgestiegen, war's ihm, als ob an einem Tag mehr Jahre als bisher in seinem Leben an ihm vorübergegangen, und er wußte auch, weshalb die Bergschlösser ihm immer so zauberisch geheimnisvoll geleuchtet und gewinkt. Sie hatten's getan, weil Erlinde von Rappoltstein aus den hohen Fensterbogen der Ulrichsburg herabsah, und es hätte nur ein Himmelsglück auf Erden für ihn zu geben vermocht, wenn er hier, vielleicht als Hirt, als Knecht ihres Vaters, in ihrer Nähe bleiben gedurft. Das wäre auf ihre Fürsprache gar wohl denkbar gewesen, denn sie hatte sich freundlich und mitleidig gegen ihn erwiesen, er selber jedoch nun durch die böse Tat an dem Ritter von Egisheim, dem Nachbarn und Freunde ihres Vaters, sich jede Hoffnung und Möglichkeit geraubt, einen Dienst auf der Burg zu erlangen. Und krampfhaft preßte sich die linke Hand des Knaben um den kleinen goldgrünen Stein zusammen, den sie nicht von sich gelassen, seitdem das Grafentöchterlein ihn zur Tröstigung in sie gelegt.

So saß er und stand auf, ging ein Stück weiter und saß todestraurig wiederum, und wie ein lautloser Schatten folgte Bettane stets hinter ihm drein. Zuletzt gelangte er auf den Weg zurück und, ohne umzublicken, an der still verlassen jetzt zwischen den hohen Bäumen daliegenden Kapelle vorüber; schwankenden Fußes, müde und matt, wanderte er ziellos noch bis zur nächsten Felsecke talabwärts, dann setzte er sich abermals, stützte die Ellbogen auf's Knie, legte sein Gesicht in die beiden hohlen Handflächen hinein und hob unversehens an, laut und jämmerlich zu schluchzen. Er hörte nicht, daß wiederum, wie zuvor droben, ein Fußtritt, doch nicht eisenklirrend, sondern leicht und lebhaften Ganges, herankam und vor ihm innehielt. Erst als eine fröhliche Stimme sprach: »Was für'n verlaufenes Schäfle flennt denn hier wie einer Mutter Kind, statt daß es ›bäh‹ macht nach Hammelart – bäh, mäh – mäh, bäh –« und so naturgetreu wie zwei gegen einander blökende Schafe ahmte der Sprecher die meckernd klagenden Töne nach – erst bei dieser plötzlichen Ansprache hob der Knabe verdutzt den Kopf. Da stand, noch eben im letzten, voller bis hierher fallenden Abendschein erkennbar, Velten Stacher vor ihm, der heutige junge Sieger im klingenden und singenden Wettstreit. Er trug seinen duftenden Rosenpreis noch auf dem Scheitel und war als der Letzte noch allein ein Weilchen zurückgeblieben, um unter vier Augen unserer lieben Frau von Dusenbach für die mütterliche Beihilfe zu danken, die sie ihm am Vormittag geleistet. So stand er mit seinem überaus frischen, freudigen Gesicht wie ein Bild voller sorgloser Lebenszuversicht, lachte frohtönig auf und fügte dann freundlich teilnahmsvoll drein: »Wozu läßt dir denn das Wasser aus den Augen laufen, schnurriger Bursch, läuft's dir da drunten noch nicht genug zu Tal? Lupf dein Gebein und spring heim, 's ist Zeit zur Krippe und Salz ohne Brot allein auf die Lippe macht die Backen nicht rot.«

Er wollte vorübergehen, doch da überkam's Guy Loder jählings, daß er vom Sitze fliegend, den weiten Ärmel des jungen Spielmanns faßte, ihn festhielt und flehentlich ausstieß: »Ihr seid gut – helft mir, daß ich auch ein Pfeifer werden kann wie Ihr – sonst will ich nimmer leben!«

»Hoho,« rief Velten Stacher verwundert, »haben die Schafe auch eine Bruderschaft und bist du ihr König? Ein Pfeifer möchtest werden? Womit hast denn schon aufgespielt?«

Der Knabe wußte keine Antwort drauf, unwillkürlich, ohne Denken entfuhr's ihm: »Den Eidechsen auf dem Rohr –« und der Spielmann lachte laut: »Dann bist ja schon einer und brauchst's nicht zu werden. Bleib bei deinen Zuhörern, sie haben feinere Ohren als die unseren zumeist.«

Doch ein kummerschwerer Blick Guys brach ihm das letzte Wort im Munde ab, er betrachtete die feine Gestalt und das Gesicht desselben und fuhr fort: »Meinst du's ernsthaft? Von wannen kommst du? Dein Wams ist gespaßig, aber du siehst aus wie guter Leut Kind.«

Hastig nannte der Knabe seinen Namen, Heimat und Eltern – »Bist also von ehrlicher Geburt,« fiel Velten Stacher ein, »sonst nähm die Bruderschaft dich nicht auf.«

Ein Freudenblitz schoß aus den Lidern Guys, und er jauchzte: »Wollt Ihr mir verhelfen, daß ich zu ihr darf?«

Aber nun schüttelte der junge Pfeifer gewichtig den Kopf: »Hoho, Bürschle, glaubst, die Kunst sei dem Menschen angeboren wie den Schafen das Grasrupfen? Magst viel Jahr bei einem Meister in die Lehre gehen, und gibt's der Himmel nicht drein, lernst du's nimmer. Blas den Echsen weiter, bis dir der Bart sproßt, dann versuch's! Wie alt bist du?«

Aus seiner Hoffnung plötzlich wieder zu Boden geschmettert, antwortete der Befragte mit schluchzendem Stocken: »Ich weiß es nicht – heut' vor dreizehn oder vierzehn Jahren bin ich zur Welt gekommen.«

Doch bevor er ausgesprochen, rief Velten Stacher völlig veränderten Tones: »Heut' ist dein Geburtstag? Potz Valentin, heiliger Schutzpatron, hast am Tage Maria Geburt das Licht beschaut, da hat die Sonne dich ja unserer lieben Frau von Dusenbach als Pfeifer in die Wiege legen gewollt. Hättest das gleich gefügt, Bursch, wären wir schon selbander drunten am Strengbach. Aber warst ein Schäfle, das pfeifen will und nicht reden gelernt hat. Behüt uns unsere liebe Frau in Sonn und Wind, kannst als mein Gesell mit mir ziehen, Guy Loder. Brauchst der Mutter Gottes Bildnis nicht von Silber auf der Brust, wirst uns Glück einbringen, schwant mir, wo unser Spiel klingt. – Ich geh' nicht mit den Anderen zum Gelag in die Stadt, hab' genug heut' vom Wein und Gelärm und will gleich meines Wegs in die Mondnacht hinaus. Da bin ich über die Berge, eh sie den Rausch ausgähnen, und pfeife dir einen besseren Rock auf den Leib. Willst du bei mir in die Lehre, so komm!«

Der Erdboden schwankte auf einmal unter den Füßen des Knaben und die dunklen Felswände drehten sich taumelnd um ihn. »Sagt, was ich tun soll,« stammelte er, unfähig zu denken und zu sprechen, »ich will alles, was Ihr mich heißt. Glaubt Ihr, daß die Sonne mir hilft?«

»Die ist eins mit unserer lieben Frau,« nickte der Pfeifer »'s ist nur ein anderer Nam', aber sie haben das nämliche Goldhaar überm Antlitz, das muß dir allerwege hold sein, wo's auf dich grüßt, sonst versteht Velten Stacher sich nicht mehr auf Zeichen und Vorbedeutung. Komm, Pfeifergesell, und lern zur Nacht den Anfang deiner Kunst! Spielen tut's nicht allein, auch Trotten und Tragen; für die Kehle den Wein und den Sack für den Magen!«

Er hängte lachend seinen Quersack, der mit Überresten, der heutigen Festmahlzeit für den nächsten Tag gefüllt war, über Guys Schultern und faßte die Hand desselben. Verwirrt drehte dieser noch einmal den Kopf, ein weißer Schein begann um ihn zu fließen, wie gestern kam der Mond silberhell über die dunkeln Berge herauf. Nur fiel der Glanz nicht auf die rieselnden, winkenden Burgzinnen, sondern in die stummen, weit offenen Augen Bettanes, die mit ihrem grünen Licht auf ihn verwandt waren. Ihr Blick gab kund, daß sie verstanden habe, was neben ihr geschehen; es lag keine unruhvolle Angst darin wie sonst, wenn er am Abend sehnsüchtig nach den leuchtenden Schlössern hinübergeschaut hatte, nur ein tiefinneres, verhaltenes Weh rann leise zitternd zwischen den Lidern. Doch Guy Loder nahm nichts davon wahr, dachte der langen Tage nicht, die er in seltsamer Befreundung auf der stillen Berghöhe mit ihr verbracht; über seinem Gesicht flimmerte ein Schleiergewebe der seligen Trunkenheit seines Herzens. Er faßte ihre Hand und sagte: »Lebe wohl, Bettane!« und er gedachte nicht, wie sie hier einsam stehe und wo sie in der Nacht bleiben solle. Auch an seine Eltern kam ihm kein Gedanke; ihm war's, als sei alles Vergangene nur ein Vortraum seines Lebens gewesen und er an diesem Tage erst auf die Welt gekommen, die bis dahin ahnungsvoll, doch fremd unter ihm gelegen wie sein eigenes Herz in der Brust. Und so schritt er, seinen Körper nicht fühlend, wie von der Luft getragen, jetzt eilig mit Velten Stacher am Dusenbach talab in das windübersummte, rundum mit traumhaften Lippen raunende Waldgebirg hinein.

Bettane sah ihm eine Weile unbeweglich zurückbleibend nach, dann holte ihre Brust einmal tief Atem und sie setzte ebenfalls den Fuß vor. Gleichmäßig Schritt um Schritt ging sie den Weg zurück, den sie am Morgen gekommen; was die Natur ihr an Begabung anderer Menschen versagt hatte, erstattete ihr sichtlich der doppelt geschärfte Sinn ihres Auges und ein unbeirrbares Gefühl, das kaum der Beihilfe des Denkens bedurfte. Kein Anzeichen der Richtung entging ihrem Blick, weder im Hellen noch im Dunkel, sicher verfolgte sie den schwierigen Pfad zu ihrem Heimatsdorf empor. Wer sie ruhig dahinschreiten sah, empfand, sie würde auch in toter Finsternis ebenso unfehlbar ihr Ziel erreichen. Neben ihr wandelten mit ernsthaft aufgerichteten Köpfen die beiden Ziegen durch die Mondnacht; ihr Gang besaß etwas Feierliches, wie das Geleit einer verzauberten Königstochter aus alten Märchen hielten sie sich lautlos zur Rechten und Linken ihrer Herrin. Das Glanzgefunkel des Himmels sprühte von ihren weißen Hörnern, aber auch wenn sie in den schwarzen Tannenforst eintauchten, schimmerten sie noch wie langsam über den Boden fortschwebende Schneestreifen neben der unsichtbaren Gestalt des Mädchens auf.

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