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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 5
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
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Viertes Kapitel

So war der Sommer, seine Hochgezeit überschreitend, wieder einmal in den Anfang des Septembermondes getreten – es mochte zum vierzehnten- oder fünfzehntenmal geschehen sein, seitdem Veit Loder den Knaben in gar winzig anderer Gestalt unter dem Eibenbaum aufgefunden – und Guy kehrte am Abend nach gewohntem Brauch mit Bettane zum Dorf zurück. Er schlief auch wie sonst, nachdem er sich auf sein Heulager ausgestreckt, alsbald ein, doch im Traum, der über ihn kam, saß er immer noch droben auf der Bergkuppe, und im letzten Spätgeleucht grüßten und winkten ihm die glanzhellen Burgzinnen vor den schlafbefallenen Augen fort. Dazu summte der Dämmerwind mit raunender Stimme eine wunderliche Weise, und der Schläfer regte manchmal Hand und Fuß, bis er, die Arme vor sich hinausstreckend, Kopf und Brust auf der Bettstatt emporrichtete. Eine Weile verharrte er so mit festgeschlossenen Lidern, dann stand er lautlos auf und trat in seinem weißen Fellrock vor die Tür. Draußen lag jetzt eine fast tagesklare Vollmondsnacht, und durch diese ging er schlafwandelnd langsam den Pfad bis zu der Stelle hinan, wo täglich seine Herde um ihn weidete. Unbeweglich blieb er dort oben stehen, bis ihm ein großer Vogel mit fauchendem Flügelschlag am Gesicht vorüberschoß und ein schriller Eulenschrei ihm plötzlich die Augen starr aufriß. Erwachend fuhr er schreckhaft zusammen und nahm gewahr, wo er sich befinde, doch stand das Traumbild ihm noch flimmernd vor dem Blick. Aber gleich darauf überlief's ihn noch mit gewaltsamerem Schauer, denn das Bild rann vor seinen weitaufgeschlagenen Lidern nicht auseinander, sondern blieb, nur nicht in Abendsonnenlicht gebadet, sondern im weißen Mondenglanz funkelten die glanzrieselnden Dächer, Mauern und Türme so nah, wie er sie noch niemals gewahrt, als müsse man sie in kürzester Frist erreichen können, und ein Vogel schwinge sich in wenig Augenblicken hinüber zu ihnen. Noch geheimnisvoller denn je glimmerte und spiegelte es in den hochgewölbten Fensterhöhlen, der Nachtwind rauschte dazu, und Guy Loder war's, als hebe derselbe ihm die Sohlen von selbst empor und trage ihn über die Berghalde von dannen. Er kam auch in Wirklichkeit tiefer an dieser herunter, denn er schritt geradeaus den schimmernden Schlössern entgegen, doch erst wie die letzteren seinem Gesicht entschwanden, gelangte es ihm zum Bewußtsein, daß nicht der Wind, vielmehr seine eigne Bewegung der Füße ihn fortführe. Ein flüchtiges Zaudern hielt ihn mit dem Gedächtnis seiner Hirtenpflicht am kommenden Morgen an, aber der vieljährig alte Drang war zu übermächtig in ihm geworden, und er sagte sich beschwichtigend, in einer Stunde werde er drüben sein, könne alles in der Nähe betrachten, wonach so lange sein heimliches Sehnen gestanden, und noch vor Sonnenaufgang seine Herde wie alltäglich auf die Weite hinaustreiben. So eilte er weglos in der Richtung weiter, die er innegehabt, aber sie führte ihn weit tiefer abwärts, als er sich vorgestellt, denn er hatte die Hochfläche des Gebirges noch nie verlassen gehabt. Finstere Waldmassen nahmen ihn in ihren Schluchten auf, und steil schossen in den Tobeln die Berglehnen zwischen rauhem, abgestorbenem Astgestrüpp dichtgedrängter Tannen hinunter. Dickicht verstrickte ihm Hand und Fuß, daß er mühsam mit der ganzen Kraft seines Körpers hindurchbrechen mußte, manchmal versank er bis halb zum Knie in eisigkalten brüchigen Quellgrund. Und immer ging's noch in die Tiefe, er sah nichts mehr rund umher, als dann und wann einen blassen Lichtstreif hoch über sich in den murrenden Nadelwipfeln; wenn er atemlos und erschöpft rastete, zitterten unter ihm die Beine. Nur allmählich kam als einziger Ton der Nacht ein Surren und Schnurren stärker aus der Tiefe vor ihm herauf, dem kletterte er mit gedankenleerem Naturtrieb zu. Gar drangsalvoll lange Zeit noch, bis es näher und lauter wie schäumendes, strudelndes Wasser klang: zuletzt rollte er ausgleitend über einen weichen Hang dicht an den Rand desselben nieder. Ein weißliches Schaumblinken kündete ihm nur noch, daß es ein durch Steingeblöck herabstürzender Wildbach sei, sonst ließ sich nichts mehr erkennen, denn der Mond war schon lange hinter den hohen, schwarzen Bergwänden der Talsohle versunken. Kein Zeichen deutete die Richtung, nach welcher der Ankömmling gestrebt, doch wenn auch, wäre er zu matt gewesen, sie weiter zu verfolgen. Seine bloßen, schmerzenden Füße wollten nicht mehr, und seine Augen waren todesmüde. Sie fielen gleichzeitig mit dem Umsinken seines Körpers auf den grasverwachsenen Boden zu, und er schlief jetzt traumbildlos unter tiefen Atemzügen ein.

Als er die Lider nach mehreren Stunden wieder öffnete, lag er im ersten Frühlicht und sah geraume Zeit verwundert um sich, wo er sei. Neben ihm rauschte und plätscherte der Bach, doch durch weniger engen Talgrund, als es ihm in der Nachtfinsternis erschienen, denn drüben, jenseits des Wasserbettgerölls, wand sich an diesem noch eine Wegstraße entlang, schlecht und steinholperig, immerhin indes so breit, daß sie sogar Raum für ein Fuhrwerk darbot. Sie kam von links her mit ziemlich starkem Gefälle über eine Einsattelung des Gebirges herab, und auf ihr wanderten in Zwischenräumen bedächtigere und eiligere Menschengestalten fort. Alle bewegten sie sich in der nämlichen Richtung wie der Fluß, Männer, Weiber und Kinder, teilweise Bauersleute, doch zum Teil nicht in ländlicher, sondern dem Knaben fremdartiger Tracht, sämtlich aber offenbar in einer Kleidung, die sie festtäglich herauszuschmücken bemüht gewesen. Auch von Ochsen gezogene Karren schlenkerten langsam vorbei, und nach ihnen ein Wagen, mit zwei Maultieren bespannt, mit Tannenreisig und bunten Spätsommerblumen verziert, der erste, den Guy Loder je mit Augen gewahrte. Lachende Frauen und Mädchen saßen auf den zu Bänken übergelegten Brettern desselben, ihre Gesichter stachen morgenfrisch unter farbigen Kopftüchern und großen, dunklen geflügelten Hauben hervor. Eine rief laut:» Da liegt ein Schaf beinah im Wasser!« allein eine andere antwortete: »Nein 's ist ein hübscher Bub im Schafsrock, er hat sich müd' zum Fest gelaufen, der arme Kerl,« und neugierig wandten sich alle Augen im Weiterrollen nach der anderen Seite des Baches hinüber. Alte Weiber kamen auch mühselig, Rosenkranzschnüre niederfingernd, des Wegs geschritten, und Männer mit schweren Traghutzen über den Schultern; so zog es beladen, schellenklingend, schwatzend, summend und pfeifend vorbei, und der Aufgewachte schaute erstaunt drein, daß hier unten im Tal schon in erster Morgenfrühe solch lebendiges Getriebe einherziehe. Er vergaß über dem unbekannten Anblick eine Weile ganz, wie und wozu er selber hierher gekommen, bis ihm die Erinnerung gemach aufdämmerte und es ihn zunächst mit Schreck überfiel, daß er nicht droben im Gehöft sei, und seine Eltern und die Schafe vergebens auf ihn warteten. Aber nun säumte ein Goldgeflimmer geradeaus vor ihm die Spitze eines hohen Bergkegels, die Erde und die Menschen auf ihr lachten so heiter und die Wellen rauschten und rieselten so lustig, daß er dachte, er wolle nur einmal so weit vorgehen, um die Talkrümmung sehen zu können, ob er von dort vielleicht die Felswand mit den Burgen darauf vor sich gewahre. So sprang er in die Höhe, suchte sich eine Furt durch den Bach, glitt vom feuchten Steinmoos ab und platschte ins Wasser, daß es bis zum Gesicht silberblinkend um ihn heraufspritzte und -sprühte. Auch das war lustig, wie es droben auf dem Hochkamm nie gewesen, und er lief fröhlich die Straße entlang vorwärts bis zur Biegung und dann bis zur nächsten, denn das Tal schlängelte sich gleichartig ausblickslos zwischen den hohen Waldlehnen fort. Von den Leuten um ihn herum achtete jetzt keiner mehr auf ihn, jeder schien es begreiflich und selbstverständlich zu finden, daß er hastig mit des Weges dahinzog. Ihm klopfte das Herz wohl noch bei dem Gedanken, wie er mit jedem Schritt sich weiter von seinem Dorfe entferne, und er sagte sich zuletzt bestimmt: Jetzt nur noch dorthin an die Ecke, dann kehre ich um. Aber als er an die Stelle gelangte, da taten die Berge sich plötzlich auf, dicht vor ihm schon stiegen riesenhaft große Häuser, wie es ihn bedünkte, aus dem Boden, eines neben dem anderen, immer mehr, unabsehbar, ein breiter Torbogen unter mächtigem, hohem Quaderturm führte zwischen sie hinein, und ganz nah darüber nickten und flimmerten im Sonnenglanz vom rötlichen Felsrücken die stolzen Schloßburgen auf die Dächer herab; doch nur die beiden nachbarlich von der Mitte des Berges niederschauenden, die dritte, hoch darüber belegene vermochte er von hier unten nicht zu erblicken.

Er war aber in der Nacht auf dem Gebirgsweg heruntergeraten, der von der Stadt Markirch an der lotharingischen Grenze über den Sattel des Wasgenwaldes ins Strengbachtal hinüber und weiter gegen die Rheinebene abwärts führte, und die Häuser mit dem Torturm vor ihm bildeten den Beginn der langhingestreckten, festummauerten und für die Zeit weitansehnlichen und volkreichen Stadt Rappoltsweiler, die sich gleich wie ein gekrümmter, zu Stein erstarrter Fluß zwischen der letzten Einschnürung der Berggelände ins Freie hinaus ergoß. Aus der Weite betrachtet, mochte sie ruhig und schweigsam zwischen den rebenbedeckten Abhängen daliegen, doch wie Guy Loder kaum den Fuß hineingesetzt, war's ihm, als ob er in das Auge und Ohr betäubende Gewimmel eines riesenhaften Ameisenhaufens entrückt worden sei. Überall in der langen Hauptstraße der Stadt drängte sich Kopf an Kopf, reckte sich vorauslugend auf, tauchte wieder unter und trieb und riß ihn willenlos mit entlang, wie eine Forelle vom Sturzwasser eines Wolkenbruches stromab geschwemmt wird. Durch ein abermaliges hohes Tor inmitten der Gasse ging's, vor dem schmalen Durchschlupf sich stauend, stoßend und quetschend, dann atmete er etwas freier auf, denn der Raum zwischen den Häusern erweiterte sich zu marktartiger doppelter Breite der bisherigen Engnis, daß er, an den Rand des Menschenschwarms hinausgespült, zum ersten Mal stehen bleiben und sich auf sich selbst besinnen konnte. Doch wie sein Kopf dies kaum versucht, da kam es dicht vor ihm mit Klingklang und Singsang gegen ihn heran, ein Durcheinander von schrillen und stillen, lauten und leisen Tönen und Weisen, wie er noch niemals im Leben etwas Annäherndes vernommen: ein Beckengeklirre und Pfeifengeschwirre, ein Zimpern von Lauten und Dröhnen von Pauken, ein hüpfender Reigen von heimlichen Geigen, nun Flötengejubel und Hörnergeblase und Dudelsackwimmern und Zinkengeklimper, Schalmeien, Syringen und Schreien und Singen, Guitarrengeschnarre, Geschmetter, Geschetter, ein Gleiten und Streiten auf kreischenden Saiten, auf klingenden Wellen ein Schwellen und Gellen, sich schmiegend und wiegend und schweifend und schleifend, die Gassen durchschallend und himmelan hallend, die Sinne betäubend, wie Wasser, das sträubend und tausendfach wallend aus blauenden Lüften und quirlenden Klüften in brausendem Schwall und in donnerndem Fall über Klippen strebt und sich senkt und hebt, sich umwirrt und umwebt, bis es tosenden Schaums sich im Abgrund begräbt. So quoll und scholl es plötzlich überflutend von hundert pfeifenden, blasenden, jodelnden, trillernden Lippen, fiedelnden, paukenden, klimpernden, klappernden Händen, umwogt von tausendkehligem Volksgejauchz über Guy Loders Ohren und Geistessinne herein, daß er betäubt auf den dicht an ihm vorübertreibenden klingenden Schwarm hinstarrte. Ein langer Zug wohl von zweihundert Mannsköpfen war's, alten und jungen, schwarzen und braunen, blonden, grauen und weißen, deren jeder ein Musikinstrument blies, strich oder schlug, und alle hüpften, tanzten und sprangen dabei, waren mit Federn oder Bändern auf dem Hut und Sträußen vor der Brust festlich herausgeputzt und blickten mit kecken und lustigen, lachenden und feurigen Augen um sich. Dem Knaben aber war's vom nächsten Herzschlag an in dem unbeschreiblichen Getose wie einstmals den Kindern in der Stadt Hameln an der Weser, als der Rattenfänger mit seiner Querpfeife lockend durch die Gassen wanderte; er vergaß alles, was sonst für ihn auf der Welt war, was er vordem gesehen, gedacht, gewollt und gelebt, und mußte mit hinter dem Zuge drein. Stundenlang folgte er demselben im drückenden, jubelnden Gedränge durch die lange Straße auf und ab, ehe er einmal ungewiß, doch mit glanzrinnenden, wie geistesabwesenden Augen jemanden ansprach, was der Aufzug bedeute, und ob es alltag so hier unten sei? Der Befragte aber maß ihn und seine Kleidung mit spöttisch-verwunderndem Blick und antwortete kurz: »Kommst wohl von Kielkropfsnest herunter, daß Du in der Stadt bist und nicht weißt, daß heut' Maria Geburt und Pfeifertag ist in Rappoltsweiler?« Damit drehte er sich eilig ab, denn er hatte Wichtigeres zu tun, und der Knabe wußte kaum mehr als zuvor, nur daß er zum erstenmal den Namen der Stadt erfahren, in die er durch seine nächtige Wanderung geraten.

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