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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 4
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
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Drittes Kapitel

So hatte der Findling vom Bergkamm droben, wenn es etwas Gutes war, am Leben zu bleiben, immerhin noch Gunst des Schicksals genossen, seinerseits im Gehöft am Haldenrand ein Schutzdach vor Wind und Wetter, Kost und Kleidung gefunden, und Alles schlug ihm vom ersten Tage gut an, daß er wie ein junger Vogel im Nest gedieh, als könne es auf Erden nicht anders sein. Schon mit dem Beginn des neuen Jahres schimmerten ihm seine Zähnchen zwischen den roten Lippen hervor, ohne das ihr Kommen ihm jemals Schmerz oder Krankheit verursacht gehabt, und als der Tag seines Erscheinens in der Welt sich zum ersten Mal wiederholte, lief er bereits auf kräftig munteren Füßen umher, kletterte bald, wenn die Schafe am Morgen ausgetrieben wurden, auf eines derselben hinauf und ritt, sich an dem dicken Wollenvließ festhaltend, stolz mit zur Weide hinaus. Sommerglut und Winterschnee lösten sich nach uraltem Brauch ab, und wie es nicht minder Brauch in Menschenköpfen ist, vergaßen Veit Loder und seine Frau im täglichen Weiterhaspeln der Lebensarbeit zuerst halb und allgemach beinahe ganz, daß der blondlockige Teilhaber ihrer Hauswirtschaft nicht von ihrem eigenen Fleisch und Blut gekommen. Er hieß sie Vater und Mutter und wußt's nicht anders, und noch weniger als sie hatte jemand sonst im Dorfe Anlaß, sein Gedächtnis überflüssiger Weise mit der unbekannten Herkunft des »Lodersbuben« beschwert zu erhalten. Die Bewohner von Altweiler dachten so wenig mehr daran, wie daß vor Jahren der Fuchs einem Nachbarn eine Gans von der Weide geholt, und im übrigen fanden ihre Augen und Ohren auch selten Gelegenheit, sich ihre überdunkelte Erinnerung nach dieser Richtung aufzufrischen. Ihre Art war nicht geselliger Natur, und die beträchtliche Entfernung zwischen der Mehrzahl ihrer Behausungen diente nicht als Hilfsmittel häufigerer Verkehrsanknüpfung. Sie lebten in der Umgebung ihrer vier Pfähle zumeist wie die Schnecken, krochen, so weit der Boden verhältnismäßig eben war, umher und kehrten um, sobald ihnen eine unbequeme Erhöhung in die Quere kam. Das geschah aber nach jeder Himmelsgegend meistens ziemlich rasch und besonders westwärts gegen den Kamm des Gebirges, wo Veit Loders Steindach vom Föhrensaum herabsah. So blieb ein Begegnen mit den Insassen desselben fast nur auf das sonntägliche Zusammentreffen in der Kirche beschränkt, an dem der Knabe selbstbegreiflich in den ersten Jahren nicht Anteil nahm. Dann gelangte er allerdings öfter, bald sogar an jedem Morgen dahin, doch die Zeit hatte inzwischen ausgereicht, das Bauerngedächtnis bei Mann und Weib mit einer dicken Spinnwebschicht zu überlagern, durch die kein Gedanke an abgetane Dinge mehr heraufschimmerte.

Der Grund für die später tägliche Wanderung Guys lag aber darin, daß er gleichmäßig an leiblichen und geistigen Kräften gedieh und hauptsächlich durch die letzteren oftmals die Köpfe seiner Eltern in große Verwunderung, ja mit seinen Fragen sogar nicht selten in arge Verlegenheit setzte, denn woher sollten sie alles das wissen, was er von ihnen beantwortet zu haben wünschte. Eine Weile half der Bauer sich mit der Entgegnung: »Das weiß niemand auf der Welt, Bub,« und Frau Tille fügte mütterlich abmahnend hinzu: »Danach muß man nicht fragen, Guy,« doch auf die Länge ward es beiden immer krauser in der Vorratskammer ihrer Gedanken, und in einer Herbstnacht, die der Südwest durchheulte, fragte Veit Loder plötzlich einmal: »Schläfst, Tille?« – »Nein, kann's nicht,« antwortete sie, »der Wind geht zu arg.« Dabei hörte sie indes, daß er sich in der Finsternis im Bett aufsetzte, und er entgegnete: »Der Wind tut's nicht.« Darauf schwieg er eine Zeitlang, bis er hinterdrein fügte: »Weißt, Tille, hast's vergessen, 's ist eben nicht unser Blut, anders früg er nicht so viel Dumm's.« Da seufzte sie, daß unter ihr die Bettstatt knackte: »Weiß es die heilige Mutter Gottes, Veit, von uns hätt' er die Dummheit nicht.« – »Und drum hab ich für ihn nachgedacht, wie's ein Vater muß,« sagte der Bauer, »wenn uns eh was ankäm, daß er nicht verhungert wie ein Schaf, dem die Rupfzähne fehlen –«; aber das Ergebnis seines Denkens fügte er eine lange Weile nicht bei, sondern nur das Stroh raschelte unter ihm, als ob es sich gegen die Anstrengung seines Gehirns aufsträubte. Endlich seufzte die Frau abermals: »All sein Unglück ist's eben, daß er am Freitag auf die Welt gekommen ist.« Doch auf diese Äußerung stieß Veit Loder ärgerlich aus: »Schnatterst wie 'ne Ente, Tille – 's ist eben sein Glück, sonst hätt' er gar nichts – nun hast mich in allem gestört, was ich ausgedacht gehabt,« und er legte sich mißmutig zurück und schnarchte wie eine Säge, die im Baumstamm auf einen eingekeilten Pfropf von hartem Holz gestoßen. Den Seinigen indes gibt's der Herr im Schlafe, daß auch während desselben ihre Gehirntätigkeit nicht rasten kann, und als der Bauer am Morgen die Augen aufmachte, rief er triumphierend noch ins erste Gähnen hinein: »Daß er zum Herrn Pfarrer in die Schul' soll und selber mal geistlicher Herr im Dorfe wird, sonst kann nichts aus ihm werden – das hättst du dir in deinem Kopf nicht ausgedacht, Tille!«

Das mußte sie allerdings zugeben, und sie fügte sich in diese Notwendigkeit, wenn auch schweigend; zugleich jedoch gab der Ausdruck ihres Gesichtes volle Zustimmung, wie es von vornherein bei ihrem kirchenfrommen Sinn nicht anders zu erwarten stand. So kam Guy mit sieben oder acht Jahren – die Erinnerung seiner Eltern vermochte sein Alter bereits nicht mehr genau festzustellen – täglich am Frühmorgen zum Unterricht in das Haus des Pfarrers, der für das Beneficium einiger Säcke mit Wolle und dann und wann einer Lammskeule sich völlig bereit erzeigte, den Knaben in allen Erfordernissen der göttlichen Wissenschaft zu unterweisen, so weit der Lehrer selbst darüber gebot. Seine Herrschaft erstreckte sich freilich auch nach dieser Richtung nicht übermäßig weit, sondern stand in ziemlich entsprechendem Verhältnis zu derjenigen, welche er über Erdengüter ausübte, denn er war eigentlich nur ein paar Jahre im Münsterstift zu Basel als Ministrant gewesen und möglicherweise in seine heimatliche Bergeinöde weniger aus besonderem Fürbedacht für das Seelenheil von Altweier zurückgeschickt worden als weil man drunten am Rhein nicht viel Zuversicht daran gewonnen, einen Eckpfeiler für gewichtigere geistliche Prachtbauten aus ihm herauszumeißeln. Seitdem hatten Sonnenstille und Windsbraut durch drei oder vier Jahrzehnte lang über ihm in seiner ärmlichen, an die kleine Kirche angebauten Behausung gewechselt und er in ihnen zwei Dorfgeschlechter vermittelst geweihten Wassers in die Christenheit eingeführt, zur erfreulichen Mehrung derselben ehelich zusammengesprochen und mit seinem Geleitssegen aus dem harten Erdendienste zur verheißenen großen Mühelosigkeit jenseits aller Regenwolken und Sonnenhitze wieder entlassen. Ob der Wind ihm indes während dieser treulichen Amtsverwaltung unter das nach und nach angeblasene graue Haar auch einen ausgereiften Flugsamen noch tieferer Erkenntnis der weltlichen und himmlischen Dinge heraufgetragen hatte, war nicht leicht zu bemessen und vor Allem durchaus gleichgültig, da niemand im Dorf eine Wage dafür besessen hätte. Aber jedenfalls war er ein wackerer Mann, der, mit einem angeborenen Sinn für das Gute zur Welt gekommen, das Böse eifrig schalt und obendrein noch durch den Erfolg als unzweifelhaft betätigte, daß er einen Schüler ohne Beihilfe ruchloser Geister vielmehr lediglich durch göttliche Gelehrsamkeit in die außerordentliche Kunst des Lesens und Schreibens einzuweihen verstand. Ja, allmählich lehrte er ihn diese doppelte Fertigkeit nicht allein in deutscher Sprache ausüben, sondern brachte ihm sogar das Verständnis seines lateinischen Breviers bei, so daß der junge Adept befähigt wurde, bei den sonntäglichen Versammlungen der frommen Gemeinde als der einzige den Wortsinn der geheimnisvoll wirksamen Bitten, Lobpreisungen, Danksagungen und Beschwörungen aufzufassen, welche die Anderen nur mit gläubigem Gemurmel, Bekreuzungen und fleißigen Kniebeugungen zu begleiten vermochten. Dergestalt erhob er sich gar bald in noch äußerst jungen Jahren schon solchermaßen an fast unglaubhafter Fülle des Wissens und Könnens nicht nur über seine Altersgenossen, sondern selbst über die eingescheuerte Ernte der weißesten und weisesten Köpfe des Ortes, daß leichtlich zu besorgen stand, es möge üble Frucht von Mißgunst und Scheelsucht daraus für ihn erwachsen. Allein zum Glück befand sich eine derartige Regung nicht in der Gemütsbeschaffenheit der Dorfeinwohner vorgebildet, und es war kein Einziger unter ihnen, der ihn um seinen Vorsprung in den Kunstfertigkeiten des Geistes beneidete.

Mit der christlichen Frömmigkeit, welche Guy auf diese Art scheinbar aus doppeltem Springquell in sich eintrank, hatte es aber, wenigstens nach der einen Seite, eine eigene Bewandtnis. Nicht als ob die Rechtgläubigkeit seiner Pflegeeltern jemals einer Versuchung ausgesetzt und mit dem geringsten Makel behaftet gewesen wäre; sie hatten niemals davon vernommen, daß etwas Derartiges an menschlicher Verworfenheit überhaupt möglich sein könne. Doch wenn sie am langen Winterabend wärmebedürftig um die flackernden Holzscheite auf dem Küchenherd hockten und aus den draußen vorüberheulenden Wolkenmassen plötzlich einmal unvermutet ein gelber Blitz mit schmetterndem Krach herunterfuhr, so stand Veit Loder rasch schweigsam auf, trat in den anstoßenden Hürdenpferch und kam mit einem erkrankten Schaf auf den Armen zurück, das er sorglich vor der Tür in den niederströmenden Regen hinaushielt, damit der Blick Donars es von seiner schlimmen Seuche befreie. Gewöhnlich kehrte er dann zufrieden ans Feuer, mit dem sicheren Zuvertrauen, daß alsbald das Tier wieder genesen werde, weil er deutlich draußen den langen roten Bart des Wettergottes gewahrt und derselbe mit dem mächtigen Steinhammer zusagend heruntergedonnert habe. Und wenn am Sommersonnenwendtag um die Abenddämmerstunde fernab aus dem dunklen Forstgrund das heisere Wolfsgebell heraufkläffte und ein einsamer Rabe unter dem falb auslöschenden Gewölk des Himmelsbogens hinzog, da deutete der Bauer seinem Sohn wohl aufwärts, ob er den alten Mann im weiten, grauen Faltenmantel sehe, der, mit nur einem Auge unter dem breitrandigen Hut herabschauend den kärglich sprießenden Saaten besseres Gedeihen gab. Das war Wodan, der Weltvater, der den Lebendigen zu helfen suchte und die Toten in der Erde vor Unglimpf behütete, und Frau Tille wußte bei dargebotenen Anlässen nicht minder zu berichten, daß sie das treffliche Wachstum ihres Flachses der Sorglichkeit verdanke, mit der sie von Kindheit auf niemals einer Katze noch einem Marienkäfer, den Lieblingen der guten Frau Berchta, ein Leids angetan. Davor warnte sie Guy ebenfalls, wenn es ihm im Leben wohl ergehen solle, und gleicherweise vor den boshaften Zwergen, Hauskobolden und grünhaarigen Nixen, die überall in den Bergklüften, Erdhöhlen und Wassern hausten, wogegen die Schwanenjungfrauen als Töchter Wodans dem Begegnenden Glück brächten, wenn er den Mut habe, eine von ihnen anzurühren und festzuhalten. Dazu lehrte sie ihn beim Hüten der Schafe draußen Heils- und Zauberkräuter unterscheiden, gab ihm Schutzmittel an gegen bösen Blick, Werwolfskunst und Alpdruck, zählte ihm die guten und schlimmen Tage des Jahres auf und prägte ihm ein, was er an denselben tun und lassen müsse. Das hörte der Knabe stumm und aufmerksam, doch mit großen verwunderten Augen an, bis er einmal frug, warum es denn geschehe und wie es möglich sei, daß Gott Vater und Sohn und die heilige Jungfrau Maria, die doch allein allmächtig im Himmel und auf der Erde seien, all solche Dinge in der Welt zuließen; man könne doch das Eine nur für wahr glauben oder das Andere. Dann aber wurden Veit Loder und seine Frau mit Recht aufgebracht über solche kindische Vermessenheit und antworteten: »Wirst leider einfältig im Kopf bleiben dein Leben lang und meinst klüger zu sein als unsere Vorväter, die's so gewußt und oftmals mit Augen gesehen und mit Ohren gehört.« Und seinen erfahreneren Kopf arg in die Weiche legend, fügte der Bauer wohl begütigend und mit befriedigtem Selbstbewußtsein hinzu: »Kannst's freilich noch nicht begreifen, Bub, erst wenn Du zu Verstand kommst wie wirs daß es Alles das Gleiche ist, bloß heißt man's zuweilen anders, weil's natürlich ganz verschieden voneinander ist, 's nützt nichts, daß ich mit dir davon red', sonst wollt ich' dir klar machen, daß du so wenig mehr darüber nachzudenken brauchtest wie ich.«

So unterließ Guy freilich allgemach das Fragen, allein das Denken wußte er darum doch nicht zu lassen. Zumal wenn er einsam auf dem Berge saß und die Schafe hütete, die jetzt schon lange seiner Obacht allein anvertraut waren. Dann dachte er über die christlichen Heilslehren des alten Pfarrers nach, zu dem er allmorgendlich zum Unterricht hinuntersprang, und über das, was allstündlich fast als irgend eine geheimnisvolle Macht über die Lippen seiner Eltern raunte und was von beiden eigentlich die Welt so schön und wundersam gemacht habe, wie sie rund um ihn dalag. Und eines Tages kam es auf einmal mit einem jähen Schreck über ihn, daß er in seinem Kopf und Herzen an Wodan, Donar und Berchta, an Zwerge, Kobolde und Nixen nicht glaubte, doch ebensowenig an Gott Vater, Sohn und die heilige Jungfrau Maria. Wie's so gekommen, wußte er nicht, aber es war so, er konnt's sich nicht mehr verhehlen. Und doch klopfte ein unsägliches Verlangen in ihm, daß Etwas da sein möge, das mit einem behütenden Auge auf ihn herabschaue, wie er auf seine Herde, mit dem er zutrauensvoll reden und zu dem er seine suchenden Gedanken tröstlich hinaufflüchten könne. Er fühlte dies große, gütige Wesen auch um sich her und in sich selber vorhanden, und plötzlich schlug er, von einem Schauer überlaufen, die Augen weit über sich auf. Da stand es hoch über ihm im unendlichen Himmelsblau, ebenso rätselvoll und wunderreich wie die alten und christlichen Götter. Alles Schöne, freudige und geheimnisvoll Belebende stammte nur von dem großen, warmblickenden Auge, und nur wohin dies liebreich herabsah, kam die Blume mit fröhlichen Farben aus der Erde hervor, hoben bunte Falter zu flattern und Vögel zu singen an und wurde das Menschenherz in der Brust weit und sehnsüchtig, als ob ihm Flügel wüchsen, sich einem märchenhaften Glücke entgegenzuschwingen. Die Sonne war's, das herrliche, Licht, Wärme und Leben niederspendende Himmelsantlitz, das man vor dem Strahlenglanz seines leuchtenden Goldhaares nicht unterscheiden konnte, aus dessen Macht und Güte das Alles gekommen und mit jedem Tage neu wiederkehrte, und wundersam getröstet und beglückt hob der Knabe bittend und dankbar die Hände zu ihr empor. Er empfand, es war ihm eigentlich nicht jählings in die Erkenntnis geraten, sondern hatte schon lange, von früh auf überdämmert in ihm gelegen. Doch nun wußte er's, und ihm war's selig zu Mute, als ob er in einem besonderen Verhältnis zu dem großen, schönen Wunder da droben stehe, ihm alle seine Fragen vorbringen dürfe und im Ziehen der weißen Wolken, im Flimmern der Halme rundum, im Summen der Kieferzweige Antworten darauf erhalte. Und obwohl es ihm erschien, daß alle Menschen auf der Erde, wenn sie auf die Sprache nur Acht gäben, gleichen Teil daran haben müßten, war's doch auch ein Geheimnis, das er für sich allein bewahren mußte und anderen Menschenohren nicht anvertrauen durfte, sondern nur den Tieren und Pflanzen, die es ebensowohl wußten und verstanden wie er. Das sagte ihm jedes klug und zutraulich blickende Vogelauge, jede emsig von Kelch zu Kelch schwirrende Biene, jedes Blatt, das sich freudig im Windhauch bewegte. Sie alle wiegten sich im Sonnenglück wie im Schoß einer großen gemeinsamen Mutter, die auch die seinige war, und träumten, lächelten und hielten flüsternd geheime Zwiesprache. Darauf lauschte er die langen Stunden hindurch, die er alltäglich in der Gebirgseinsamkeit zwischen ihnen verbrachte, denn es klang ihm umher wie leise Stimmen von Schwestern und Brüdern, die von all den Dingen redeten, nach deren Verständnis sein Herz in sich Begehr trug. Doch zu Haus hockte er stumm im Winkel des engen, rauchigen Raumes und befrug seine Eltern nicht mehr um ihre gereiften Erfahrungen über die Seltsamkeiten des Lebens, und obwohl er beim Unterricht in den Anfangswissenschaften des geistlichen Berufs nach wie vor gleichmäßige Fortschritte machte, schüttelte der gute Priester doch manchmal sein graues Haar und meinte, der Lodersbub habe ehemals einen offeneren Kopf für die tiefere Heilserkenntnis verheißen, und bis zum Papst in Rom werde er es schwerlich bringen. Freilich sei's auch nicht zu erwarten und zu verlangen, daß der Tannzapfen weit vom Baum abfalle, denn daß Guy Loder nicht in Wirklichkeit von dem knorrigen Kieferstamm Veit Loders abgesproßt war, hatte der Pfarrer gleich allen übrigen Dörflern mindestens für den täglichen Gebrauch längst nicht mehr im Gedächtnis bewahrt.

Ein eigentümlich fremdartiger Anblick aber war's, wenn der Knabe an sonnigem Tage so auf einem Felsstück oder Heidebüschel zwischen den weidenden Schafen in der Bergesstille dasaß. Von jeher trug er im Sommer und Winter nur das gleiche und einzige, von Frau Tille ihm zurechtgeschneiderte, allgemach erweiterte und verlängerte Gewand aus Lammvließstücken, die ihre weiße Zottenseite nach außen kehrten, doch war er, wenigstens mit seinen oberen und unteren Gliedmaßen, demselben im Wachstum immer voran, so daß die halben Arme und die Beine bis zu den Knieen unbedeckt hervorsahen. Das machte sich seine Freundin, die Sonne, weidlich zu Nutze und verbrannte sie zu einem fast goldbraunen Ton, wie sie Abends beim Untergang am Waldsaum die Äste der Rotkiefern aus dem grünen Nadelbesatz herausglühen ließ, aber der feinen Gestaltung seiner Hände und Füße unter der gebräunten Haut tat sie nichts an, und wenn er die letzteren emporhob, bewegten sie sich leicht und lautlos wie auf den schmalen Sprunggelenken eines Rehs. Gar schlank und hochaufgeschossen schmiegte sein Körper sich unter das zottige Fell, draus hob sich auf schmächtigem Hals der Kopf mit dem langen, lichtglänzenden Haar, daß er von weitem im Sonnenflimmern einem großen Blütenkelch des wilden Hafermarks ähnelte, das da und dort von feuchtem Quellgrund auf hohem Stiel herübernickte. Und man konnte ihn fast immer schon aus der Ferne gewahren, denn er mied auch am heißen Mittag den Schatten und hielt sich stets so, daß rundhin der volle Strahlenglanz des Himmels um ihn funkelte. Davon träumte er des Nachts, daß er so sitze und auf die schimmernde Welt zu seinen Füßen hinunterblicke; Schöneres konnte sein Herz sich nicht erdenken. Am liebsten und häufigsten aber lag er droben, wohl eine halbe Wegstunde noch über dem Gehöft auf einer freien, mit langem, haarfeinem Gras bewachsenen Kuppe, ausgestreckt, deren zarte Halmsprossen seiner Herde am schmackhaftesten mundeten. Nahe vom Westen schauten die Zwillingshöcker des Brüschbückels auf ihn herab, während ostwärts hinüber der Blick sich bis ins Unendliche erweiterte. Den Tag hindurch hielt wohl Duft und Dunst den Gesichtskreis verschleiert, doch mit dem schrägeren Niedergang der Sonne hob sich allgemach und rasch und rascher der blaue Wall des Schwarzwaldes aus der Tiefe drunten herauf, bis er, oftmals wie in Gold und Purpur getaucht, über der Rheinebene schwamm. Dann schossen auch rechts von ihm blaue und weiße Zacken in die krystallene Luft, sie wuchsen aneinander und reckten sich in den Äther, unendlich fein, Wolkengebilden gleich, doch unverrückt, stets jede wieder an der nämlichen Stelle. Nun strahlten sie in silbernem Glanz und nun lief ein goldiger Schimmer von ihnen herab, zuweilen immer reicher und heißer aufglühend, bis es rätselhaft wie das rote Geloder eines Weltenbrandes am Himmel stand. Mit staunender Scheu hing das Auge des Knaben an dem schönen Wunder, das auch die Sonne noch im Scheiden ihm zum Gruß darbrachte, aber sein Blick weilte trotzdem nicht lange darauf, denn etwas noch Mächtigeres zog ihn von den fernen, namenlosen Bergriesen in die Nähe zurück. Deshalb vor allem saß er täglich dort oben, wo unter ihm die dunklen Rücken des Wasgenwaldes sich auseinander bogen, daß zur Hälfte sichtbar aus ihrem Einschnitt vom Talrande des Gebirges her ein Bergkegel heraufstieg, von dem an drei Stellen massiges Turmgequader und zackiges Gemäuer gegen die Luft hinausstach. Auch darüber wob sich bei vollem Tage zumeist ein nebelndes Schleiergespinnst, doch mit dem Herannahen des Abends schien's, als richte die Sonne immer flammender ihre Goldpfeile dorthin und meißele Zug um Zug die graurötlichen Felswände des Vorberges aus seiner Umgebung hervor. So blieb sie auf ihm ruhen, während Dämmerschatten alles Andere um ihn überrann, zuletzt schwamm er, allein in Goldlicht getaucht, einsam zwischen dem schwarzen Tannenmeer des Vorgrundes. Dann unterschied Guy deutlich drei stolze Schloßburgen, die sich von seinem Gestein und aus seinen grünschillernden Laubgewinden abhoben. Nie höchstgelegene krönte den obersten Gipfel und sah mit mächtigem Turmbau ins Land, doch hoher Tannenwald umher gürtete das übrige vor dem Einblick. Frei dagegen sprang darunter von der Mitte des Bergrückens die zweite Burg hervor, umfangreicher und zierlicher an Gestaltung trotz ihrem stolzen Mauer- und Zinnenwerk; eine Reihe hochgewölbter Fensterbogen wandte sich, aus dunklem roten Sandstein gerundet, geradher nach Westen. Gegenüber aber, kaum mehr als doppelte Steinwurfslänge entfernt, hob sich auf jähem Absturz, fast zugangslos erscheinend, die dritte Burg; am kleinsten, wie trotzig aufgereckter Felsenhorst eines Geiers, drohte sie von dem wildzerklüfteten Geblöck herunter. Der Knabe wußte auch die Namen der drei Ritterschlösser, nicht von seinen Pflegeeltern, denn Tille Loder hatte ihm nur zu sagen vermocht, daß drüben unter ihnen die allerheiligste Behausung unserer lieben Frau von Dusenbach liege. Doch durch den Pfarrer hatte er erfahren, die letzte, geringfügigste Burg heiße auch, wie sie sich anschaue, Geiersberg oder Giersberg, und gehöre dem hochedlen Geschlecht der Herren von Egisheim zu eigen, deren Stammschloß im Wasgau unfern über der Stadt Rufach aufrage. Die oberste dagegen sei der Hochrappoltstein, und die dritte und schönste unter ihr habe bis vor kurzem den gleichen Namen getragen, bis dem heiligen Ulricc darin eine kostbar ausgestattete Kapelle geweiht worden, seitdem werde sie Sankt Ulrichsburg benannt. Beide letzteren Burgen aber dienten dem Hause des großmächtigen Grafen von Rappoltstein zum Wohnsitz, deren Herrschaft sich wohl fast über das halbe Elsaß erstrecke, und obendrein trügen sie vom Kaiser wie vom Frankenkönig noch Städte, Schlösser und Länder zu Lehen.

So klar jedoch lag gemeiniglich, wenn der Abend nahe rückte, vor allem die Ulrichsburg im letzten Sonnenscheidelicht vor dem Blick Guy Loders, daß es ihm oftmals war, als sehe er über die wohl vier Wegstunden weite Entfernung hin die Zugbrücke auf- und niedergehen und Bewegung von menschlichen Gestalten unter dem gewölbten, Torbogen. Er konnte aber kein Auge davon wendene sondern mußte unausgesetzt hinüberblicken, solange die wundersame Helle darauf ruhte. Dann schien's, als wolle die Sonne seiner Sehkraft noch mehr zu Hilfe kommen, so scharf und jeden Schatten weglöschend leuchtete sie unter alle Vorsprünge, der Dächer und Erker, bis in die kunstreichen Fensterwölbungen hinein, daß seine Einbildungskraft ihm in den Nischen derselben Gesichter heraufgebar, die miteinander redeten, sich grüßten, scherzten und lachten. Nur zerflossen ihre Züge ihm immer unbestimmt vor den Augen, denn er vermochte sich aus seiner Kenntnis keine anderen als diejenigen der Männer und Weiber von Altweier zu gestalten, und dawider sträubte sich eine fast zornige Verneinung in ihm; sie mußten anders sein, doch wie, wußte er sich nicht vorzustellen. Und wie er so mit weit offenen Lidern saß, überlief es ihn stets zuletzt mit einem wunderlichen Schauer, als winke und ziehe ihn etwas geheimnisvoll nach den beglänzten Mauerzinnen hinüber, daß er unwillkürlich mit der Hand in das Wurzelgeflecht um seinen Sitz griff, sich daran festzuhalten und nicht wider Willen von seinen Füßen fortgetragen zu werden. So vergaß er alltäglich, daß sein Vater ihn schalt, wenn er zu spät mit der Herde zum Stall heimkehrte, bis wie mit einem jähen Ruck die Sonne auch von dem letzten überstrahlten Erdenfleck drunten schwand und alles plötzlich in geisterhaftem Grau versank. Da fuhr er schreckhaft zusammen; die Schafe waren klüger gewesen als er, hatten sich schon zu dichtem Rudel aneinander gerottet, das ihm mit mahnendem Blähen ein Dutzend kalter Schnauzen ins Gesicht reckte, und hastig schritt er ihnen im Zwitterlicht der Berghöhe und durch den schon tiefdunkelnden Tannengürtel zum Gehöft voran.

Nicht immer jedoch saß er dort oben allein, wenigstens seit dem jüngsten Sommer nicht mehr, sondern manchmal in einer verwunderlich schweigsamen Genossenschaft. Die hatte sich einmal in einer heißen Mittagsstunde zu ihm gesellt, wo alles unbewegt flimmernd und wie traumhaft schlafend um ihn her lag; auch die Schafe kauerten schläfrig auf dem grünen Boden, wie hoch über ihnen als ihr Widerspiel die reglose weiße Wolkenherde im Blau des Himmels, und nur dann und wann tönte einmal leise das Rupfen eines halb zaudernden Gebisses von der Grasnarbe herüber. Da reckte sich durch die Stille vom gelbblühenden Ginsterrand des Föhrenwaldes ein Doppelpaar schneeheller Hörner auf und zwei langbehaarte schwarze Ziegen, nur mit einem weißen Bleßfleck zwischen den Augen, hoben die Köpfe hinterdrein. Dann folgte ein junges Menschenkind, seltsam von Art und Aussehen, und noch mehr in der Weise, wie es sich behutsam heranbewegte. Fest auf den Haldenhang niedergedrückt, ringelte es sich, einer braunen Schlange ähnlich, lautlos auf den Sitz Guy Loders zu, sich behend mit den Armen und Beinen fortwindend, bis es ihm auf einige Schritte Entfernung genaht war und, stumm den Kopf emporrichtend, ihn bittend und demütig ansah. Vom Nacken bis zu den Knieen war es nur in ein grobes, vielfach zersplissenes Sackgewand von der Farbe dürrer Herbstblätter eingehüllt, und man konnte ihm nicht anschauen, ob es ein Knabe oder ein Mädchen sei. Doch ließ der erste Blick erkennen, daß es zu der Zahl der traurigen Abkömmlinge des Dorfes gehöre, denen die Natur schon bei der Geburt ihr Lebensrecht verkümmert hatte. Zwar trug der Hals keinen entstellenden Wulst und die Gliedmaßen zeigten sich nicht unförmlich und für ihre Zwecke unzulänglich gebaut, die Bewegung der Hände und Füße verriet eher eine über den Anschein des schmächtigen Körpers hinausreichende Kraft und Geschicklichkeit. Aber das greisenhafte Gesicht mit der niedrigen, kaum vorhandenen Stirn und dem gebleichtem Flachs gleichenden Haar deutete unverkennbar sofort auf das schlimme Erbübel aus Vorväterzeit hin. Es war nicht abstoßend, doch von blöder, leerer Ausdruckslosigkeit, die krankhaft weiße Haut von der Sonne nicht gebräunt, aber mit zahllosen gelben Sommerflecken übersäet. So hockte die unschöne, absonderliche Erscheinung, wohl fast gleichalterig mit dem Knaben, vor ihm da, einem Einbildungsgeschöpf ähnlich, das die Phantasie sich in der heißen Mittagsstille aus geschecktem Blattwerk, Pfriemgräsern und Wurzelknorren zusammengestalten konnte, und blickte ihm tonlos ins Gesicht.

Er kannte indes sowohl die beiden schwarzen Ziegen als das geistesarme Hirtenkind, hatte es schon öfters, freilich stets nur aus einiger Weite, gesehen und wußte, daß es ein Mädchen und taub und stumm sei. Auch ihren Namen wußte er, Bettane, der aus dem Keltischen herstammte und die Kleine und Dünne bedeutete; so paßte derselbe, wie mit Vorbedacht für sie gewählt. Ihr Hierhergeraten an seinen Lieblingsaufenthalt aber war ihm sehr unerfreulich, da sie ihm seine schöne Einsamkeit raubte, und er sagte, ihr mit der Hand zurückwinkend, fast unwillig: Was suchst du hier oben?«

Dann bedachte er erst, daß sie seine Stimme ja nicht hören könne, doch zugleich überkam ihn wunderlich die Erkenntnis, daß sie ihn trotzdem genau verstanden. Ihr Blick hatte mit ängstlicher Erwartung auf der Bewegung seiner Lippen gehaftet, und nun schüttelte sie traurig den Kopf, und es lag eine deutliche Antwort darin, daß sie nichts Anderes als ihn hier oben gesucht und seine Worte ihr gesagt, er wolle sie nicht bei sich haben. So richtete sie sich in die Höhe, um wieder von dannen zu gehen, nur ihr Gesicht blieb ihm noch schweigsam mit einer kummervoll an der Wimper blinkenden Träne zugewandt. Anbei gewahrte sein Mißmut zum ersten Mal in ihrem blöden Antlitz die Augen, und es überraschte ihn, daß er noch nie zuvor ähnliche gesehen. Sie waren sammetweich und von der Farbe einer übersonnt aus dem Schnee hervorgrünenden Frühlingsmatte, die vom Heraufleuchten tausend kleiner, gelber Blumenkelche ein goldiger Schimmer überrinnt. Und auf einmal befiel's ihn reuig, daß er im Begriff gewesen, einem armen Mitgeschöpf hartherzig eigensüchtiges Unrecht anzutun, und er fügte freundlich hinter seine ersten abweisenden Worte drein: »Die Sonne gehört dir ja auch und ist deine Mutter wie meine; darum bleib, Bettane, wenn es dir hier oben so gut gefällt.« Das verstand sie, nach seinem Munde schauend, ebensowohl wie seine Abwehr vorher, und auch, daß er ihren Namen wußte und gesprochen, denn bei der Lippenregung desselben lief ein freudig zitternder Glanz durch ihre Augen. Und einen Moment gewann ihr Gesicht fast einen anmutenden Ausdruck, so war es ganz von überströmendem, glückseligem Dank angefüllt. Dann kauerte sie sich stumm zu seinen Füßen hin, die schwarzen Ziegen kamen meckernd heran, legten sich neben sie und leckten ihr dann und wann die kleinen Hände, und ohne sich zu rühren, blickte sie beinahe unverwandt mit den weichschillernden Augen zu Guy Loder auf. Er empfand, sie fühlte sich sicher geborgen bei ihm, und es war ein Glück für sie, so in der Sonne an seiner Seite daliegen zu dürfen, ohne sich vor den Schlägen ihrer rohen Eltern und den Mißhandlungen durch ihre zum Teil tierisch verwahrlosten Unglücksgenossen im Dorf fürchten zu müssen.

Sie störte den Knaben aber nicht nur nicht in seinem Umhersinnen und Träumen, sondern bald fehlte ihm etwas, wenn er allein ohne sie auf der Bergkuppe saß und er schaute umher, ob nicht das Aufblinken der weißen Hörner am Waldrande ihr Herzukommen ankündigte. Die beiden Ziegen waren unzertrennlich von ihr; fast als seien sie die Hüterinnen des Mädchens, wichen sie nicht von den Fersen ihrer kleinen nackten Füße. Von Tag zu Tag indeß erkannte Guy deutlicher, daß er sich in seiner Meinung über den Zustand Bettanes geirrt habe, ihr nur das Gehör und die Sprache fehle, sie sonst jedoch weder leiblich noch geistig verkrüppelt sei. Im Gegenteil erwies sie sich für ihr Alter, ihr Geschlecht und den zarten Bau ihrer Glieder von nicht erwarteter Stärke und unerschrockenem Mut, durch den sie ihren Gefährten sogar einmal vor schlimmem Unheil bewahrte. Vom Dickicht her hatte sich unvermerkt ein großer Wolf herangeschlichen und eines der Schafe an der Kehle gewürgt; erst wie die Herde wild auseinanderstob, ward ihr Hirte des blutgierigen Räubers ansichtig, flog furchtlos auf ihn zu und warf sich über ihn, um ihm das jammervoll blökende Tier zu entreißen. Nun ließ der Wolf seine Beute fahren und packte wütig mit fletschendem Gebiß das Fellkleid des Knaben, in dem seine Zähne sich einen Augenblick verfingen, doch gleich darauf zerriß er es ihm über der Brust und drohte, seine spitzen Hauer tödlich in diese selbst einzuschlagen. Da traf ihn der Schlag eines scharfen, wuchtigen Felsstückes gerade zwischen die glühenden Augen, daß er betäubt abließ und heulend in schreckhaften Sprüngen über die Halde zum Wald zurücktaumelte. Wie Guy, seine plötzliche Befreiung selbst noch nicht begreifend, dem Wolf ungläubig nachblickte, stand Bettane neben ihm, hielt den Stein noch mit den schmalen Fingern umspannt, warf ihn jetzt aber hurtig zu Boden und streckte die Hand nach dem klaffenden Zahnriß in dem Gewand des Knaben aus. Dabei sprachen ihre Augen so verständlich wie mit Worten ängstlich die Frage: »Hat er dir schlimm weh getan?« und sie glitt sorgsam tastend über die halb entblößte Brust Guys. Doch hatte ihre Beihülfe diesen im richtigen Zeitpunkt vor gefährlicher Verwundung behütet und die feine rosige Haut zeigte nur ein paar unbedeutende Eindrücke der vom Schafpelz abgestumpften Zähne des Raubtieres. Darüber strich sie einigemal leise mit der weichen Handfläche hin, und dann ging ihr auf einmal ein glückseliges Lächeln um die Lippen, daß er sie erstaunt ansah. Sie hatte bisher nicht zu lachen noch zu lächeln verstanden und es plötzlich zum erstenmal gelernt.

Auch sonst lernte sie allmählich mancherlei und wußte sogar, ihn zu belehren. Mit unbeirrbarer Sicherheit las sie stets die Worte von den Regungen seines Mundes ab und erwiderte darauf mit einem Nicken oder Schütteln des Kopfes oder vielfältig anderen, nicht mißzuverstehenden Zeichen. Aber sie hatte solche auch ausfindig gemacht, um selbst mit ihm zu sprechen, und er war täglich neu überrascht, wie klug und schnell sie die Augen, Finger, Steinchen, Blumen, Holzstückchen und hunderterlei andere kleine Dinge handhabte, um damit Worte herzustellen und ihm den Sinn, welchen sie ihnen zugelegt, beizubringen. Mit dem hurtigen Vorstellungsvermögen der Jugend und dem Verlangen, sie in ihrer Hülflosigkeit zu unterstützen, verstand er bald fast alles, was sie auszudrücken suchte; oftmals hob sie, wenn er etwas sagte, rasch die Finger zu einem neuartigen Zeichen, daß dieses hinfort das eben von ihm ausgesprochene Wort bedeute. So bereicherte sich ihr Redeschatz, und seine Auffassung bewahrte jeden Zuwachs desselben getreulich im Gedächtnis. Für einen Fremden wäre es ein absonderliches Bild gewesen, in der Sonnenstille oder dem Windsummen auf der Bergkuppe der Unterhaltung der beiden Kinder beizuwohnen, von denen jedes achtsamen Blickes nicht mit dem Ohr, sondern dem Auge die Sprache des anderen aufnahm. Dann brachte Bettane eines Morgens noch etwas Neues hinzu. Sie hatte mit einer alten, verscharteten Messerklinge, die vermutlich als wertlos fortgeworfen worden war, ein Stückchen Kälberrohr abgeschnitten, verstopfte die Ausgänge des hohlen Stieles und kerbte eine Weile daran herum; darauf setzte sie es an die Lippen und blies leise pfeifende und flötende Töne daraus hervor. Verwundert hörte der Knabe ihr zu und frug, von wem sie das gelernt habe, und sie antwortete, über sein staunendes Gesicht erfreut, in ihrer Sprechweise, daß sie einmal einen Mann gesehen, der es so gemacht, am Wegrain gesessen und damit die Eidechsen aus ihren Erdlöchern hervorgelockt habe. Und wie sie weiterblies, fing es bald um sie her an, leise zu rascheln, und guckten klugäugige Eidechsenköpfchen zwischen dem Haidekraut und den Felsritzen nach ihr empor. Auch eine von den großen, goldgrün wie Edelgestein gleißenden war darunter und kam immer näher heran, bis sie auf das braune Kleid des Mädchens schlüpfte und dort unbeweglich dreinlauschte, daß es Guy plötzlich halb erschreckend einbildnerisch vor dem Blick schillerte, als leuchte eines der Augen Bettanes von ihrem Knie auf, denn genau mit der nämlichen Farbe lag das zierliche Tier im Sonnengeflimmer da. Darüber vergaß er eine geraume Weile das Merkwürdigste an dem neuartigen überraschenden Vorgang, ehe er auf die Frage verfiel: »Wie weißt du, was Flöten ist, da du es doch nicht hörst?« Aber sie schüttelte mit einem geheimnisstillen Lächeln den Kopf und erwiderte, auf ihr Ohr deutend: »Doch – nicht da wie du –« und ihre Hand wies nun in ihre Augen wie hinter dieselben hinein – » aber hier höre ich's,« und beglückt, daß der Versuch, ihr so wohl gelungen, holte sie geschickt neue, wechselnde Töne aus dem Rohr hervor. Allein nun bemächtigte sich auch der Knabe ihrer Erfindung oder Nachahmung des fremden Pfeifers, dachte nach und stellte bald mit wachsendem Verständnis und gewandter Hand aus verschiedenen Gegenständen kunstvollere und tonreichere Flöten her. Damit beschäftigten sie sich fortan wochenlang fast vom Morgen zum Abend und hielten, so lange die Sonne warm herabfiel, unausgesetzt ihre kleine, aufmerksam horchende, farbig-glitzernde Zuhörerschaft um sich versammelt. Es war eine neue, ungekannte Freude für Guy, ein wunderliebliches Gefühl, so zu sitzen und die Klänge hervorzulocken, die der leise Windhauch summend über die sonnige Berghalde forttrug.

Wenn aber allmählich der Tagesglanz auf dieser hinschwand, die Welt umher zu verblassen anhob, immer schwärzer die beiden Tannenwaldstreifen drunten vorzukriechen schienen und nur in ihrem Einschnitt die Bergkuppe drüben am Saum des Rheintales mit ihren drei Schloßburgen noch in Goldlicht gebadet zwischen den Schatten aufstieg, dann hingen die Blicke des Knaben wie je unverwandt an den beglänzten Erkern, Söllern und Fensterbogen; sein Mund schwieg, doch ein sehnsüchtigtraumhafter Schimmer redete zwischen seinen Lidern. Auch Bettane sah stumm mit hinüber, aber eine fremdartige Unruhe ging immer dabei in ihren Augen hin und wieder. Nur einmal hob er unwillkürlich den Arm und deutete ihr auf die noch klarer als gewöhnlich überleuchtete Ulrichsburg; da stieg es wie eine tödliche Angst im Blick des Mädchens herauf, sie schüttelte heftig den Kopf, griff nach seiner Hand und wies in die fahl einbrechende Dämmerung hinaus, daß es hohe Zeit sei, den Heimweg anzutreten. Und auf diesem ging sie nicht wie sonst heute demütig hinter ihm, sondern blieb an seiner Seite und behielt seine Hand unausgesetzt mit der ihrigen umfaßt, bis sie an das Gehöft Veit Loders hinunterkamen. Dort blieb sie noch stehen, als wollte sie etwas sagen, doch es war schon zu dunkel für ihre Sprache, und noch einigemal scheu zurückblickend, wanderte sie langsam mit den beiden Ziegen weiter, ihrer kaum notdürftigsten, freudlosen Behausung zu.

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