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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 26
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel

Und nun war ein Tag, an dem der weiße, starre Hermelinmantel des Winters auch von seinen höchsten Bergschultern herabgeschwunden. In blühender Jugendschönheit lag das schimmernde Oberrheintal, der Garten des Deutschen Reiches, als blickte es zum ersten Mal in des köstlichen Tages Licht und Lebenswärme auf, von keiner Runzel des Alters noch je durchfurcht. Und als sei niemals brandiger Rauch schwer darüber gewallt, knatternde Lohe draus zum Himmel gestiegen und tausendfältig blutgeröteter Quell zum Rhein hinabgeflossen, so lag das reiche, schöne Land, von des Friedens milder Hand wieder begnadet, in unbewölkter Freudigkeit, und sorglos heiteres Leben zog fröhlich auf Wegen und Stegen dahin. Rasch schüttelte es die trüben Schatten der Vergangenheit von sich ab, vergaß gewesenes Leid und ungewisses Drohen der Zukunft und wiegte sich auf den hold lockenden, weich umschmiegenden Fluten lieblicher Gegenwart.

Lichtgrün auch nickten die Baumwipfel des Dusenbachtales auf den silbern plätschernden Bach, und als ob nie frevelnd wilde Hand in ihr stilles Heiligtum gegriffen, stand die Waldkapelle friedvoll mit weitgeöffneter Tür. Darinnen blickte aus der Altarnische ernst lächelnd unsere liebe Frau von Dusenbach im sonnenlichten Haar und wieder im reichen, fast augenblendenden Goldkleid vom Nacken bis zu den Füßen auf das dornengekrönte Haupt ihres Sohnes herab. Auch Spangen und Ketten mit leuchtendem Gestein funkelten ihr an den Armen; wer die Schmuckkleinodien gesehen, die Graf Schmaßmann von Rappoltstein dem Mädchen verliehen, welchem er die Errettung seiner Tochter verdankt, mochte verwundert sie als Weihegeschenke an dem Bildnis der Madonna wiedererkennen. Jetzt aber durchtönte die vormittägige Stille von der Stadt Rappoltsweiler her ein wundersamer Klingklang und Singsang, scholl und schwoll und kam nun vom Strengbachtal herauf, ein Durcheinander von lauten und leisen Tönen und Weisen: ein Beckengeklirre und Pfeifengeschwirre, ein Klimpern von Lauten und Dröhnen von Pauken, ein hüpfender Reigen von heimlichen Geigen – nun Flötengejubel und Hörnergeblase, und Dudelsackwimmern und Zinkengeklimper – ein Gleiten und Streiten auf kreischenden Saiten, auf klingenden Wellen und Schwellen und Gellen – – –

Es war nicht Mariä Geburt und nicht September, sondern Mai, aber doch war's Pfeifertag heut' in Rappoltsweiler, denn sie kamen aus Stadt und Dorf, von Straßen und Wegen des friedvollen Elsaß, um ihren Lehens- und Schutzherrn zu hohem Feste seines Hauses zu begrüßen. Und dann kam auch schon ein anderer glänzender Zug von der Ulrichsburg her durchs Dusenbachtal herab, viel Ritter, Herren und edle Frauen im hochzeitlichen Schmuck, inmitten Erlinde von Rappoltstein weißleuchtend in silbernem Brautgewand, mit blaßgelbem Rosenkranz auf dem goldenen Scheitel. Rasch begaben alle sich ins Innere der Waldkapelle hinein, dort trat Graf Schmaßmann von Rappoltstein vor den Altar, entrollte ein großes, siegelbehängtes Pergamentblatt und kündete mit lauter Stimme, daß des römischen Reiches Majestät, der deutsche Kaiser Friedrich III., willfahrt habe, den Sohn des weiland Ritters Bertulf von Egisheim zum Namen, Recht und Wappenschild seines Vaters zu erkennen. So vermähle er seiner Schwester Sohn, den Ritter Guy von Egisheim, seiner Tochter; doch auf Vorhalt und Bitte habe des Kaisers Majestät ihm abermals willfahrt, damit sein Haus nicht erlösche, daß den Nachkommen seines Eidams und seiner Tochter Name, Recht und Besitz derer von Rappoltstein zufalle. Solches bekunde er hiermit vor unserer lieben Frau von Dusenbach und aller Hörer Ohr als aus kaiserlicher Huld und Macht unter Beipflicht und Willen seines Eidams gesetzt.

Nun trat der Priester an Graf Schmaßmanns Stelle, und nach kurzer Frist verließ der Ritter Guy von Egisheim mit seinem jungen Weibe die Kapelle. Alle Pfeifen und Geigen, Flöten und Zinken jubelten auf, als das neuvermählte Paar hervorschritt; mit der Hand deutend, neigte Guy sich lächelnd an Erlindes Ohr und flüsterte: »Siehst du das weiße Schaf dort auf dem Baum?«

Aber nicht Hochzeit allein, auch Pfeifertag war's im Dusenbachtal, und auch Gosfried Dürrschnabel stand würdevoll harrend im roten Königsmantel da. Nur etwas zweifelbänglich blickte er von der Seite nach dem Gesicht des jungen gräflichen Eidams und suchte in der Miene desselben zu lesen; nun trat Guy grüßend an ihn heran und sprach mit schalkhaftem Zucken des Mundes: »Wie ergeht es Eurer liebwerten Frau Königin, Herr König? Es ist schad, daß Ihr sie nicht mit Euch hierher gebracht habt. Verargt's nicht, wenn ich heut' vor Eurem gestrengen Ohr nicht mitwerbe um den Preis; ich hab' einen aus Huld nur, nicht aus Recht gewonnen diesen Tag und befürchte, Ihr möchtet nach Eurer Ritterpflicht ihn mir wieder aberkennen. Das wär' mir gar herb, alter Freund, drum verhält mein Mund sich lieber in Schweigen.«

Lächelnd reichte er Gosfried Dürrschnabel die Hand, der sich, sichtbarlich erleichtert, trotz seinem königlichen Purpur tief herab verneigte, und der Wettgesang hob an. Manch' artige Weise und fröhliches Lied klang unter den schattenden, sonnendurchspielten Bäumen; als das letzte geendet, wandte Graf Schmaßmann den Blick und sprach:

»Nun, Velten, wettest du nicht heut'? Bist kein Pfeifer mehr, sondern ein Kriegsmann worden? Da ziemt wohl anderer Preis dir auch – Du warst treu, tapfer und furchtlos, wie kaum einer dir gleich, doch keiner war's, der sich mehr an Herzensdank erwarb um mein Haus. Knie nieder vor diesem edlen Kreis, Velten Stacher, daß mein Schwert dir so lohnt, wie deine Treue es verdient!«

Sprachlos betroffen stand der Angesprochene und sah auf das entblößte, sich emporhebende Schwert des Grafen, und dunkelflammende Glut schoß ihm einen Augenblick über Schläfen und Stirn. Doch dann griff er hastig nach seiner Querpfeife, neigte sich tief, spielte kurze, helltönende Weise und sprach darein:

»Nehmet Dank, Herr Graf!
Wohl fühl ich hier innen mich heiß durchrinnen
Das Wort, mit dem Eure Gunst mich betraf!

Doch bin ich's nicht wert –
Ich bin nur ein Pfeifer, ein Landdurchschweifer,
Was sollt mir Ritterhelm und Schwert?

Ihr wisset, kann je
Mein Arm Euch nützen, Eu'r Haus zu beschützen,
Da bin allzeit ich in Eurer Näh!

Und wollt Ihr zu Gast
Unterzeiten in Gnaden am Tische mich laden,
Kehr nirgend ich lieber zu freudiger Rast!

Drum bitt ich gar sehr,
Laßt nicht es den Velten in Unlust entgelten,
Zu schwer sind Ritterehr ihm und Wehr!

Lasset leicht mich ziehn
Mit des Himmels Gestirnen, und Buben und Dirnen
Mir klatschen zu fröhlichen Melodien!

Da soll mein Reim
Auf den Gassen erklingen und soll ihnen singen
Ein Lied von Guy von Egisheim!«

Verstummend neigte noch einmal der Pfeifer sich tief, Graf Schmaßmann blickte ihn wortlos erstaunt an, Alles umher verharrte in ungewissem Schweigen. Nur Erlinde von Egisheim trat jetzt rasch auf Velten Stacher zu; lächelnd wandte sie das liebliche Antlitz gegen ihren jungen Gemahl zurück und sprach, hold errötend: »Ich verhieß einstmals dir den Preis an dieser Stelle aus meiner Hand, aber du hast nicht mitgeworben heut' und wirst nicht zürnen, wenn ich mein Gelöbnis zu dieser Stund' anders erfülle.« Und eilfertig nahm Erlinde den gelben Rosenkranz von ihrem Scheitel und legte ihn auf Velten Stachers Haupt. Ohne Laut, und mit einer trunkenen Seligkeit im Blick sank dieser, wie von der leichten duftenden Last übermächtig niedergebogen, auf die Kniee; nun schritt auch Guy schnell hinzu und rief freudigen Mundes: »Dein holder Sinn tat das Rechte, Erlinde, denn ihm gebührt der Kranz! Und du tatest recht, du treulicher Freund, ihn lieber zu wählen als den schweren Eisendruck auf der Stirn; mög er von deinen Lippen aufblühen mit fröhlichem Laut und Lied, zu unserer schönen Heimat Lob und Lust!«

Die Hand des Geschmückten fassend, hob er ihn empor und schloß ihn warm an seine Brust, und hundertstimmiger Beifallsjubel scholl jetzt brausend rings umher darein.

Da wandte Guy von Egisheim plötzlich den Kopf mit einer Frage, die sich ihm schon einmal nach einem Erwachen aus Besinnungslosigkeit des Glückes so auf die Lippen gedrängt:

»Wo ist denn Bettane, meine treue Schwester?«

Doch sie war nicht an der Feststätte zu entdecken, niemand konnte weitere Auskunft über sie geben, als daß einer gesehen, wie sie am Frühmorgen in der Kapelle Goldketten und Spangen um den Arm unserer lieben Frau von Dusenbach geschlungen. Erst nach vielem Umfragen fand sich ein von Markirch herübergekommener Bürger, der drunten im Strengbachtal einem Mädchen begegnet war, das mit zwei Ziegen langsam zum jenseitigen Berghang hinangestiegen.

Sie hörten es verwundert und Graf Schmaßmann sprach: »Das ist nach ihrer sonderlichen Art.« Doch es war heute nicht nur Pfeifertag, sondern auch Hochzeitstag im Dusenbachtal – der Graf hatte seiner Tochter zur Mitgift das Schloß Hochrappoltstein verliehen und es lag wohl im Rechte der Natur, daß Guy und Erlinde, als die Maiennacht sie mit Fackelgeleit zu ihrer neuen Heimat emporbrachte, nicht an das Verschwinden Bettanes mehr gedachten.

Aber als einige Tage des traumhaften Glückes vorübergeflogen, da kam ihnen das Gedächtnis, und nicht dies allein, noch mancherlei anderes rüstete sie mit Sonnenaufgang zu einer mühsamen Wanderung. Velten Stacher geleitete sie und diente ihnen als Führer, und in des sonnigen Vormittags Mitte standen sie zusammen auf dem Friedhof um die kleine Kirche zu Altweiler. Auch der alte Priester befand sich neben ihnen, doch er wußte nicht mehr, an welcher Stelle Luitgard von Rappoltstein in den harten Boden eingescharrt worden, und niemand wußte es, und die verwilderten Gräber bekundeten es nicht. Stumm ließ Guy von Egisheim den Blick über die schweigsame Runde gehen, wo irgendwo der kleine Schlangengoldreif an der Knochenhand seiner Mutter sich unter der frühlingsgrünen Erddecke barg; dann schritten sie weiter aufwärts durch das ärmliche Dorf und traten nach einer Weile in Veit Loders Gehöft. Der Bauer und sein Weib saßen wieder bei der frühen, dürftigen Mittagskost, sie erkannten den Ankömmling nicht, und kaum auch erkannte dieser die alt und stumpf Gewordenen. Doch, sich ihnen kundgebend, nahm er die Hände seiner einstmaligen Pflegeeltern, sprach ihnen innigen Dank für sein Leben, das sie ihm erhalten und durch viele Jahre behütet, und frug, womit er es ihnen heute entgelten könne. Sie begriffen allmählich auch, daß er das Knäblein sei, welches Veit Loder einmal nackt und frierend droben auf dem Gebirgskamm gefunden und das danach »eine Zeit lang« bei ihnen im Haus gewesen, doch weiter nichts. Zu begehren wußten sie nichts, als daß es ein gutes Wolljahr für die Schafe gebe; darüber besaß Guy keine Macht und legte wortlos einen mit Gold gefüllten Säckel auf den Tisch. Darauf glotzten Veit und Tille Loders dumm-vergnügt herunter; wie die kurz nur Eingekehrten wieder durch die Tür zurückschritten, hörten sie den Bauern sagen: »Siehst's nun, daß Freitag ein Glückstag ist?« und seine Frau erwiderte: »Seh nichts, als daß du ein Narr bist, der von nichts mehr gewußt hat.« – »Was weißt du?« versetzte er, »du hast nie keinen Sohn gehabt,« und sie entgegnete: »Du noch viel weniger,« und ihre Stimmen verklangen hinter den Fortschreitenden.

Jetzt aber kannte Guy jeden Stein und jeden Stamm, denn er wollte mit seinem jungen Weibe die Stätte aufsuchen, zu der ihm aus schimmernder Ferne so manches Jahr lang ihr heutiges glückvolles Heimatschloß und drunter ihres und seines Vaters Burgen geheimnisvoll gewinkt und geleuchtet. Durch den Waldgürtel stiegen sie aufwärts; der braune Kiefersaum schwand, und die stille Bergkuppe hob sich blütenbunt und maiengrün hinan. Da saß droben zwischen ihren ernsthaft aufblickenden, weißgehörnten Ziegen Bettane einsam in Sonne und Wind.

Sie wandte bei der Kopfbewegung ihrer beiden Genossinnen jetzt auch den Blick, sprang empor und reichte den Ankommenden die Hände. Von überwallendem Dank des Herzens und des Glückes fortgerissen, schloß Erlinde von Egisheim das Mädchen in die Arme und küßte sie; doch nur flüchtig berührten ihre Lippen die greisenhaften Wangen, ein leiser Schauer durchlief ihr dabei das Blut. Nun frug Guy, weshalb sie am Pfeifertag davongegangen und hier sei? Ein Lächeln ging um Bettanes Mund, sie schrieb scherzend auf ihre Tafel: grad weil's Pfeifertag gewesen, seit vielen Jahren habe sie an ihm nicht hier oben gesessen, drum hätten ihre Ziegen gebeten, sie möge mit ihnen an dem Tag zu Besuch hier heraufgehen.

Es war ihre sonderliche Art, und eilig redete sie danach in alter Sprache mit Augen und Händen fort, Dank und Freude, daß die Glücklichen ihrer gedacht und gekommen, sie zu suchen. Und nochmals schrieb sie: »Laßt mich ein kurzes Weilchen noch hier – ich hab's den beiden da versprochen – dann komme ich zurück und bleibe bei Euch.«

Heller denn je von der Mittagssonne vergoldet, winkte und leuchtete drüben her vom Rande des Rheintales der ragende Schloßturm von Hochrappoltstein; Guy und Erlinde von Egisheim schritten ihm wieder entgegen. Bettane blickte ihnen reglos nach, bis sie unter dem dunklen Nadelgezweig des Waldes verschwanden. Es war noch das nämliche leere, verkümmerte Antlitz, krankhaft weiß, die niedrige Stirn vom falben Haar und die Wangen unschön von gelben Sommerflecken überdeckt, wie damals, als die stille Höhe es hier zum erstenmal gewahrt. Nur ruhte es nicht mehr auf der Gestalt eines Kindes; einmal atmete Bettane tief empor, die Sonne brannte hernieder, und unbewußt öffnete sie mit der Hand das schwerer als früher engende Gewand, daß der Windhauch kühlend über ihre schöne jungfräuliche Brust glitt. Ihr Ohr hatte nicht zu hören und ihre Zunge nicht zu reden gelernt, aber ihre märchenhaften Smaragdaugen konnten sehen und konnten weinen. Stumm schauten sie nach den fernen, von sonnigem Glück überschütteten Burgzinnen hinüber, und langsam fielen die Tränen von ihrer Wimper wie nächtliche Tauperlen auf die Maienblüten unter ihr herab.

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