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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 22
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
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Einundzwanzigstes Kapitel

Auf völlige Umwandlung der menschlichen Dinge sah das Wasichingebirge herab. Die wehrhaften Bürger von Mülhausen, Kolmar, Schlettstadt und Breisach lagen vor der Stadt Egisheim; droben, eine halbe Stunde bergaufwärts, umlagerte der Graf von Rappoltstein mit seinen Fahnen die alten, doch zu starkem Widerstand fähigen Mauern der Drei Exen. Er hatte eine Aufforderung an den Ritter Bertulf gerichtet, ihm die Tochter zurückzugeben, dann wolle er mit seinem Heerbann von der Burg ablassen. Aber ihm war nur die nämliche Antwort wie früher geworden, die der Egisheimer trotzig herniedergerufen, die Grafentochter werde seines Sohnes Weib, oder ihr Vater sehe sie niemals wieder. Eine finstere Drohung in der Miene des Sprechers begleitete die Worte und befiel den Grafen Schmaßmann schreckvoll mit unheimlicher Ängstigung, daß er bangend im Rat seiner Freunde erwog, ob zur Errettung seines Kindes, damit dieses nicht etwa unwiederbringliche Schädigung an Leib und Leben befahre, er nicht dennoch dem frechen Verlangen des Burgherrn Zusage leisten müsse. Doch heißflammenden Gesichtes flog bei der sorgenden Frage plötzlich der junge Ritter Guy Loder empor und stieß zitternd, wie kaum bewußt, was ihm von den Lippen kam, aus: Ehe er solchem Schimpfe zustimme, stoße er der ruchlos erzwungenen Braut seines heimtückischen Mörders vor dem Altar sein Schwert ins Herz und lasse sich den Kopf vom Henker richten, um ihr Leben von solchen Ehebundes Schmach und Elend zu erlösen. Wortlos staunend sah Graf Schmaßmann die irrfunkelnden Augen des jungen Mannes, der, nun erst zum Bewußtsein des jähen Ausbruches seines Mundes gelangend, noch dunkler aufglühend, erschreckt schwieg. Aber sein edles, ungestümes Emporbrausen gegen den Schimpf und Zwang, welcher Erlinde von Rappoltstein aus übergroßer Vaterliebe bedrohte, hatte das Blut der übrigen Hörer gleichfalls heftig zum Auflodern gebracht, so daß sie einmütig dem schwankenden Vorsatz des Grafen entgegentraten. Ein Ratschlag ward statt dessen gefaßt und sofort ausgeführt, dem Ritter von Egisheim kund zu tun, daß, wenn man an seiner Gefangenen bei Eroberung der Burg nur ein Haar versehrt finde, er selbst mit seinem Sohne und der ganzen Besatzung dem martervollsten Tode überliefert werde.

Dergestalt leisteten indes einstweilen sowohl die Drei Exen als die Stadt Egisheim noch hartnäckigen Widerstand, und unentmutigt warf von den Mauern der letzteren täglich Armin Klee seinen Mitbürgern ungeschlachte Hohnworte in die Zähne. Den harten Köpfen der Zeit fiel das Blut bei wachsender Bedrohung nicht feig aus dem Gesicht; wilderer Trotz schwoll ihnen mit dem unvermeidlich näher drängenden Unheil. Auch Velten Stacher war in kriegerischer Wehr mit seinem Herrn und Guy Loder vor die Burg gezogen, allein es schien, als mache die Gleichmäßigkeit der Belagerung ihm die Zeit lang und er halte sich bei derselben vorderhand für durchaus entbehrlich, denn eines Morgens suchte der junge Ritter ihn vergeblich im Zeltlager, weil Velten Stacher schon seit dem frühesten Lichtschimmer eilfertig drunten im Rheinthal gegen Norden hinaufwanderte. Fast war's, als sei die alte Pfeiferlust über ihn gekommen, zu schweifen und zu singen, so frohgemut trällerte er ein Lied in den Sommertag; nur Schwert, Eisenkappe und Rüstung klirrten als wunderliche Begleitung drein. Doch nicht übermäßig lang, dann entledigte er sich in der Tat auch ihrer. Zu immer noch guter Vormittagsstunde hatte sein hurtig beschwingter Schritt die Stadt Rappoltsweiler erreicht und er stieg zur Ulrichsburg hinan. Vor dem Tor derselben kam ihm Bettane entgegen, die sein Kommen bereits von droben wahrgenommen. Sie reichten sich beide, doch ohne ein Zeichen von Überraschung über ihr Zusammentreffen, die Hand zum Gruß; ersichtlich begegneten sie sich nach einer zuvor schon verabredeten Übereinkunft. Er bedeutete ihr kurz, zu warten, und kehrte nach geringer Frist aus der Burg ohne Helm und Harnisch in seinem früheren, kleidsam-leichten Pfeiferwams zurück. Dann begaben sie sich rasch über die Höhe, durchs Dusenbachtal abwärts, und stiegen jenseits des Strengbaches langsameren Fußes den Weg wieder hinan, auf dem Bettane zuletzt am Tage der Verwundung Guy Loder's herabgekommen war. Gemessen, doch mit einer sichtbaren Freudigkeit, wandelten die beiden Ziegen neben ihr, denn wider ihre feierliche Gewohnheit liefen sie ab und zu ein Stückchen Weges voraus und blickten erwartungsvoll um, ob ihre Herrin wirklich nachfolge.

Das tat diese und Velten Stacher ebenfalls. Es war klug gewesen, daß er die schwere Rüstung abgetan, denn heiß und drückend lag die Augustsonne oftmals auf dem langen, steilen Pfad. Dann wechselten weite, tiefdunkle Waldtobel mit beschwerlichen Geröllhalden; nach Stunden wehte frischere Luft den aufwärts Klimmenden entgegen, und grünliche Haldenmatten flimmerten im winddurchspielten Mittagsstrahl. Über diese schritt das Mädchen bedachtsam weglos empor, nun hielt sie zum ersten Mal an einem rotbraunen Kiefersaum, vor dem das platte, mit Steinen beschwerte Dach eines einsam belegenen Gehöftes sich abhob, und unverkennbar deutete ihre Hand nach dem Hause als auf das Ziel ihres gemeinsamen Weges.

Velten Stacher wandte sich durch einen aus Holzprügeln verflochtenen Zaun und trat in die Tür des Gebäudes. Es war Mittagsstunde, und in einem niedrig dumpf-lustigen Gemach, das ein Dunst von trockener Schafswolle anfüllte, stand auf unsauberem Tisch eine dampfende Brotsuppe, ein Milchkrug und Käsestück daneben. Schweigsam saßen ein Mann und ein Weib davor, beide verrunzelt, mit kargen grauen Haarsträhnen, tunkten wechselnd ihre Holzlöffel in die grobe Schüssel und zogen mit schlürfendem Geräusch die breidicke Suppe hinter ihre Zähne. Befremdet ließ der Eintretende den Blick über die Gesichter und die äußerste Armseligkeit der engen Kammer schweifen, seine Miene drückte die Überzeugung aus, daß er fehl gegangen sei, und er frug, ob der Bauer Veit Loder hier in der Nähe seßhaft sei.

Der Mann am Tisch sah ohne ein Zeichen der Überraschung zu dem fremden Ankömmling auf, zog erst noch den Löffel, um ihn gründlich leer zu machen, langsam breit durch den Mund und versetzte darauf in halb unverständlicher Mundart:

»Veit Loder heißt der Schafsbauer in Altweier; das bin ich.«

»Ihr?« entfuhr es Velten Stacher noch ungläubig; »und das ist Eure Frau?«

»Man sieht's ihr nicht an,« entgegnete der Befragte, »aber vor dreißig Jahren ist's wohl anders gewesen; kann auch vierzig her sein.«

Es redete so viel Geistesverdummung und Stumpfsinn aus den Zügen und von der Zunge des Bauern, daß der junge Kriegsmann völlig verdutzt dreinblickte und erst nach einer Pause frug:

»Habt Ihr einen Sohn von Eurem Weibe?«

Nun stand Veit Loder sperrbeinig auf und starrte den Fragenden eine Weile an. Dabei drückte er den Daumen wie zur Nachhülfe seiner Gedankenanstrengung gegen die Nase, dann erwiderte er:

»He? Von ihr? Sie hat keinen Leib dafür gehabt. Ich hatt' einmal 'nen Buben, aber sie nicht.«

»Hieß er Guy?« fiel Velten Stacher ein.

Der Bauer suchte in seinem Gedächtnis, seine Frau kam ihm kopfnickend zuvor: »Ja, Guy,« und er drehte sich jetzt mit einem geringschätzigen: »Was weißt du, Tille? Nichts weißt du, weniger als deine Schafe.« Dann bestätigte er mit Genugtuung: »Ich weiß es, Guy, so hieß er, denn ich hab ihn in die Ehe gebracht.«

Aber nun floß es zungenfertiger von Tille Loder's Mund: »Und drum haben die Kobolde ihn wieder weggeholt, denn an 'nem Freitag war's, als du ihn heimgebracht, und Freitag ist ein Unglückstag.«

»Freitag ist ein Glückstag,« versetzte der Bauer zuversichtlich.

»Ja, hast dir's Haar allmal am Freitag geschnitten,« eiferte sie, »und ist bald keins mehr übrig.«

»Weiß längst, bist nicht am Freitag zur Welt kommen,« entgegnete er gelassen, »sonst wär's besser in deinem Kopf.«

Sie redeten gegeneinander hin und her, ohne die Gegenwart des Fremden zu beachten und an seine Frage mehr zu denken. Velten Stacher hörte schweigend zu; endlich drehte er sich zu der Frau und sprach in ihren Zank drein:

»Heimgebracht, sagtet Ihr, hat er Euren Sohn?«

»Nicht ihren!« berichtete Veit Loder, doch Tille fügte rasch eifrig hinzu: »Seinen auch nicht, er hat nie einen geboren.«

Ein unwillkürliches Lachen verzog die Lippen des jungen Mannes. »Wer denn?«

Darauf wußten jedoch beide keine Antwort. Die Frau sagte nur: »Der Wald,« und etwas danach wiederholte der Bauer nickend: »Der Wald.« Dann erleuchtete sich einen Augenblick ihre Erinnerung, daß sie plötzlich noch sprach: »Die von da oben – ich glaube, sie haben sie da unten begraben.«

Mehr vermochte keine Frage Velten Stacher's zu erforschen; sie schüttelten die Köpfe und wußten nicht, was er wollte. Er fühlte, es sei ebenso vergeblich, wie wenn er die blökenden Schafe im Pferch nebenan zum Reden zu bringen suche, und es war ihnen auch ebenso gleichgültig; als er den Rücken wandte, dachten sie schon nicht mehr, daß er sie um etwas befragt, denn er hörte Veit Loder sagen: »Am Freitag muß man beim Sonnenaufgang ins Feld gehen, da bleibt's Zipperlein aus dem Fuß,« und Tille Loder erwiderte: »Bist ein Narr – Freitag haben sie unseren Heiland gekreuzigt, und hast genug Kreuz im Bein, däucht mich, hab ich verspürt.«

Trotzdem lag augenscheinlich eine Befriedigung über den Besuch unterm Dach des Schafbauern in der Miene Velten Stacher's, als er zur draußen harrenden Bettane zurückkam. Er schrieb kurz einige Worte auf ihre Tafel, sie erwiderte darauf und führte ihn zum Dorf Altweier hinab. Zwischen manchen am Wege liegenden oder vor einer Tür hockenden Krüppeln mit dünn gebrechlichen Beinen, greisenhaften Gesichtszügen und scheustieren Augen schritten sie hin, daß Velten ab und zu erschreckt zurückfuhr und von der Seite einen Blick über seine Begleiterin warf, die, wohl unschön, stumm und taub gleich jenen, doch mit edler Menschengestalt und den wundersamen Smaragdsternen unter der niedrigen Stirn hier wie eine von der Natur Hochbegnadete erschien. Ein schweigsamer Aufglanz innerlichen Reichtums der Seele umwob sie, der sie trotz ihren bitterlichen äußeren Mängeln hoch selbst über die nicht zu den Kielkröpfen zählenden Dorfinsassen emporhob, deren geistige Verwahrlosung sich kaum wesentlich von derjenigen der unglücklichen Halbtiere unterschied. Einigemal sprach Velten Stacher einen Mann oder ein Weib an; sie besaßen keine Ahnung davon, was drunten in der Welt geschehen, und noch weniger irgend welche Teilnahme dafür. Ob Krieg oder Frieden, wer siegte oder unterlag, war ihnen vollkommen gleichgültig und fremd wie die Namen der Streitenden. Zu ihnen kam keinerlei Kunde herauf und niemand, um ihnen etwas zu nehmen; in kärglichster Notdurft fristeten sie aus Urväterzeit unter rauhem Himmel auf hartem, dürrem Boden von Tag zu Tag ihr Dasein, dachten nicht zurück und nicht vorwärts.

Dann standen die beiden vom Gehöft Veit Loder's Herabgekommenen am Schluchtrand vor der ärmlichen, an die kleine Kirche angebauten Behausung des Pfarrers von Altweier. Sehr alt und stumpf an Geist, saß der ehemalige, seit vierzig Jahren in die Bergeinöde versetzte Ministrant des Baseler Münsterstiftes in seiner Kammer über ein lateinisches Brevier gebückt, dessen Druckschrift seine blöden Augen nur mühsam noch herausbuchstabierten. Doch erkannte er Bettane, und auf eine Frage Velten Stacher's erinnerte er sich auch, einmal einem Knaben »von droben herunter« Unterricht im Lesen und Schreiben sowie lateinischer Sprachkunde erteilt zu haben. Aber den Namen desselben und wer die Eltern gewesen, wußte er nicht mehr.

Betroffen stand der junge Mann vor dem altersschwachen Greis, der nur tonlos vor sich hinmurmelte: »Es ist alles ganz eitel, spricht der Prediger; ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Sonne geht auf und geht unter und läuft an ihren Ort, daß sie daselbst wieder aufgehe; was ist es, das geschehen ist? eben das hernach geschehen wird; man gedenket nicht, wie es zuvor geraten ist; also auch des, das hernach kommt, wird man nicht gedenken bei denen, die hernach sein werden; es ist alles Tun so voll Mühe, daß niemand ausreden kann –«

Der Alte bewegte müdraunend den Mund fort, auch Bettane blickte, reglosen Gesichtes, enttäuscht drein. Doch ein Nachdenken sprach aus ihren Augen, und sie schrieb jetzt rasch ein Wörtchen auf ihre Tafel. Velten Stacher's Miene erhellte sich ein wenig, doch nicht sehr hoffnungsvoll, beim Lesen, und er frug den Pfarrer, ob derselbe ihm verstatte, kurze Einsicht in das Dorfkirchenbuch zu nehmen. Gleichgültig nickte der Greis dazu und holte das Verlangte herbei; begierig schlug der junge Mann die Blätter bis zum Jahre 1456 zurück. Aber das Kirchenbuch war in lateinischer Sprache geführt, und Velten Stacher verstand nichts von dem Inhalt desselben; vergeblich irrte sein Blick auf und ab. Da fuhr plötzlich ein Finger Bettanes, deren Augen, über seine Schulter gebückt, mit suchten, deutend auf eine Stelle, wo inmitten einer Randschrift ein Satz das Wort »Guy« umschlossen hielt. Auch ihr Begleiter unterschied dies jetzt, und hastig mit fliegender Hand hielt er dem Pfarrer das Blatt entgegen und bat ihn, die fremden Worte darauf in deutsche Sprache zu übertragen. Dem willfahrte geduldig der Alte, bückte sich fast mit der Nasenspitze auf die braun ausgelaufene Tinte der Schrift und las:

»Am Achten des Septembermonds, als am Tag unserer lieben Frau Geburt, christlich getauft hieselbst Guy, ein Knäblein, nach seinem Vater, dem Schafbauern vom Oberhof, Loder zubenannt. Sind aber Veit Loder und seine Ehefrau Ottilie nicht des Kindes leibliche Eltern gewesen. Seine Mutter tot aufgefunden unterm Brüschbückel, an der Geburt verstorben, selbigen Tags hier an der Kirchhofmauer begraben. Herkunft und Name unbekannt; war großer Gestalt, sehr schön von Gesicht, feiner Haut, vornehmlichen Aussehens; hatte Haar vor der Farbe eines Kornfeldes im Julimond, hellblaue Augen, trug ein gülden Ringlein am Finger, zwei Schlangen, die sich umeinander verwunden, im Kopf rote Karfunkelsteinlein; hab ich ihr an der Hand belassen, mit in die Erde getan, schenk ihr Gott die ewige Ruh. Des Knaben Vater niemandem bewußt, Veit Loder, ut supra, ihn an Kindesstatt genommen.«

Mit Mühe hatte der alte Pfarrer es eintönig herausbuchstabiert, in den Augen Velten Stachers aber war höher und höher ein Aufleuchten gestiegen. Nun frug er mit sonderbarer, lippenzitternder Hast:

»Ist das wahr? Habt Ihr es geschrieben?«

Mit einem gewissen in ihm aufgeweckten geistlichen Würdebewußtsein gab der Greis zurück: »Ein Mensch hat nicht Macht über den Geist, spricht der Prediger; es ist besser, du gelobest nichts, denn daß du nicht hältst, was du gelobest. Doch dieses ist meiner Hand Schrift und hat sie in fidem sanctae Ecclesiae et in nomine patris et filii et spiritus sancti aufgezeichnet. Man denkt nicht, wie es zuvor geraten ist, noch weiß, wohin des Menschen Odem fährt, aber scripta manent.«

»So bitt ich Euch, fertigt mir eine Abschrift hiervon mit Eurer priesterlichen Gewährleistung ihrer Richtigkeit,« versetzte der junge Kriegsmann, und auf die nickende Dreinwilligung des Alten begab er sich mit Bettane ins Freie, um das von ihnen mit heraufgebrachte karge Mittagsbrot zu verzehren. Fast wie berauscht sprach er vorher geraume Weile zu ihr, und sie hing mit großem staunenden Blick an den Regungen seines Mundes. Es war auch ein freudiger Glanz, der aus ihren Lidern auf seine Worte erwiderte, allein wie er nun zu essen anhob, legte ihre Hand das Brot unberührt zurück, und abgewendet blickte sie nach der stillen, sonnig vergoldeten Berghöhe über dem Dorf hinauf.

Dann kehrte Velten Stacher ins Pfarrhaus zurück und holte sich die halb unleserlich, mit alterszitternden Fingern angefertigte Abschrift, die er sorgsam im Wams verbarg. »Gedenkt Ihr jetzt selbst dessen, was Ihr damals hier aufgeschrieben?« frug er.

Doch der müde Alte schüttelte teilnahmlos den Kopf und murmelte nur: »Der Wind geht gegen Mittag und kommt herum zur Mitternacht, und wieder herum an den Ort, da er anfing; und geschieht nichts Neues unter der Sonne. Ich sahe an alles Tun, das unter der Sonne geschieht, und siehe, es war alles eitel und Jammer –«

Sein Gemurmel klang dem Fortschreitenden noch nach, der nun mit dem Mädchen den Rückweg ins Strengbachtal hinab einschlug. »Eitel und Jammer –« raunte er ernst gewordenen Ausdrucks vor sich hin, und sein Blick streifte mitleidsvoll traurig über das schweigsame Gesicht Bettanes – »er spricht wohl recht, es ist mancherlei gar seltsam, was unter der Sonne geschieht – unsere liebe Frau von Dusenbach mag's wissen, warum –«

Das aber schien ein Wort voll tröstlich gewisser Zuversicht für den jungen Kriegsmann, denn alsbald danach flog ihm jetzt wieder der Schatten und die Bekümmernis vom Antlitz, und heitere Sonnenfreudigkeit, wie seit vielen Monden nicht mehr, kehrte darauf zurück. So frohgemut schlug sein Herz, daß seine Lippen mit närrischer Lust jeden Ton, der auf dem Weg um ihn scholl, den Vogel in der Luft, das zeternde Eichkätzchen am Baum und das Froschgequak vom Sumpfrand so getreulich nachahmten, daß die beiden Ziegen oftmals hochverwunderte Augen nach seinem Gesicht aufdrehten. Nur Bettane hörte nichts davon und sah nicht empor; sie ging ernsthaft ruhig wie immer, doch ihr Mund hatte etwas eigenartig Geschlossenes, als würde er auch schweigen, wenn er zu reden vermöge. Drunten im Strengbachtal trennte sie sich unter kurzer Handreichung von ihrem Genossen und wanderte allein am Dusenbach aufwärts der Ulrichsburg zu, wo sie Guy Loder bis zu seiner Rückkehr zu bleiben versprochen. Als sie an der Kapelle vorüberkam, hielt sie an und trat plötzlich in die Tür hinein. Sorgliche Hände hatten die Spuren der Verwüstung drinnen nach Möglichkeit zu verwischen gesucht, doch bis jetzt nur ein dürftiges Gewand noch aufzubringen vermocht, um die Blöße der lieben Frau von Dusenbach damit zu bedecken. So glich ihr Kleid fast dem des hereintretenden Mädchens, und so bat im letzten Abendlicht die über ihren toten Sohn gebeugte Madonnengestalt eine wundersamliche Ähnlichkeit mit dem Bilde, das die Felsschlucht draußen vor der Kapelle am letzten Tage der Geburt Mariä gesehen, wie Bettane das tödlich verwundete Haupt Guy Loders auf ihren Knien gehalten. Es ging ihr etwas über ihr Gesicht, als komme ihr selbst der Gedanke; eine Zeitlang sah sie das Bildnis der Jungfrau reglos an, dann nickte sie demselben zu, hob langsam die Hand, deutete auf ihr Herz und setzte den Weg am plätschernden Wasser zur Felshöhe fort.

Unermüdlich trotz der rastlosen Wanderung seit dem frühesten Morgenbeginn verfolgte auch Velten Stacher den seinigen, bis er, in ziemlich später Nacht schon, wieder im Feldlager vor den Drei Exen eintraf. Doch fand er den Grafen von Rappoltstein noch mit Freunden in seinem Zelt wach, auch Guy befand sich darunter; sie saßen beim Becher, denn der Tag hatte ihnen von drunten aus dem Feldlager der Mülhausener eine beruhigende Botschaft gebracht, daß jemand auf der Mauer von Egisheim neben Armin Klee deutlich Welf Siebald, den Bastard des Ritters von Egisheim, erkannt habe. Derselbe hatte vermutlich bei dem jähen Umschwung des Kriegsgeschickes die Burg seines Vaters nicht mehr erreichen gekonnt, und so schwand jede Befürchtung, daß der Ritter in trotzigem Grimm seine Gefangene gewaltsam zur Verbindung mit seinem Sohne zwingen möge. Zum ersten Mal seiner schweren Sorge etwas entlastet, winkte Graf Schmaßmann dem hereintretenden Velten Stacher freundlichen Gruß zu und hieß den Schenken, dem Ankömmling einen Becher füllen. Fröhlich lachte der Empfänger: »Den hat mein Fuß sich wohl verdient, wenn's noch Brauch in der Welt ist, Botenlohn zu reichen. Auf Eures edlen Hauses Wohlfahrt, hoher Herr!« Er leerte den Wein auf einen Zug aus und fügte drein:

»Doch draußen liegt breit
Die Nacht überm Feld,
Das ist ehrsame Zeit,
Zu ruhn im Gezelt;
Habt Dank für den Krug,
An der Wimper hängt Schlaf,
Es ha'n wohl genug
Heut der Knecht und der Graf.«

Mit einem Augenwink blinkte der Sprecher zu seiner ihm auf der Zunge wieder wach gewordenen alten Reimspruchweise den Grafen an, daß dieser, überrascht sich vom Sitz hebend, beipflichtete: »Der Pfeifer mahnt wohl mit Fug, Ihr Herren, der Hahn mag bald krähen, es ist Schlafzeit,« und die Gäste verließen nach kurzer Frist das Zelt. Auch Guy Loder wollte mitfolgen, doch Velten Stacher hielt ihn an der Hand zurück. Nun trat Graf Schmaßmann auf den letzteren zu und frug verwundert: »Was willst du? Weshalb hießest du mich, sie gehen lassen?«

Einen Augenblick horchte der Befragte noch nach den draußen verklingenden Fußtritten und dem Geklirr der Panzerrüstungen, dann versetzte er gedämpften Tones:

»Erschreckt mit Nichten vor übler Botschaft, Herr Graf, aber saget mir, trug Eure edle Schwester Luitgard, da sie von Euch verschwand, ein Goldringlein am Finger, darauf sich zwei Schlangen verwanden, mit roten Karfunkelaugen in den Köpfen?«

Sprachlos sah Graf Schmaßmann ihn an, ehe er hervorstieß: »Woher weißt du's? Sie trug den Ring von meiner Mutter Hand, daran ich oft mit ihm gespielt! Lebt sie? Rede!«

Mit einer leisen Kopfbewegung verneinend, zog Velten Stacher das an seiner Brust verwahrte Blatt heraus und entgegnete: »Nicht sie; sie ist gestorben, doch nicht ganz. Denn es steht hier Eurer toten Schwester Sohn, den Ihr als solchen selbst mit Augen erkannt, da Ihr ihn zuerst gewahrtet, und darum wohl fiel Euer Herz ihm zu. Leset, hoher Herr!«

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