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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 21
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
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Zwanzigstes Kapitel

Wo der Geier aus der Luft niederschießt, stürzt schwarzes Rabengeflatter hinterdrein, um einen Anhub der Beute zu erhaschen. Mit seinem sieggewohnten Heere rückte Karl der Kühne von Burgund gegen die beihülflos allein gelassenen eidgenössischen Lande, und aus weitem Umkreis strömten die Wegelagerer, Landstrolche und Buschklepper, alle Mord- und Brandgesellen, welche sich in Wäldern und Winkeln der Gaue Süddeutschlands umtrieben, der gleichen Richtung zu. Es war die wandernde Gersauer Gaunerkilt, die über Berg und Tal zum Mitplündern, Rauben und Stehlen in den bedrohten Schweizerstädten daherkam; die Kräftigsten an Jahren und Gliedmaßen gewahrten die sicherste Beuteaussicht in der Anlegung von Wehr und Waffen und drängten begierig herbei, sich ohne Sold unter die Dienstmannen der zahlreichen, auf Seiten des Herzogs stehenden, habsüchtig in die Luft witternden kleinen Herren und Ritter zu gesellen. So schwoll auch der Haufen des Ritters von Egisheim dergestalt an, daß er dem Gebot Karls von Burgund nachkommen, gegen Breisach und Mülhausen ausrücken und beide Städte umlagern konnte. Niemand war vorhanden, diesen Hülfe zu bringen, jede dem Herzog nicht botmäßige Feste des Elsaß glich einer winzigen, abgeschnittenen Insel inmitten sturmzerwühlter See. Eines Überfalls gewärtig, standen Tag und Nacht die Gewaffneten auch auf den Mauern der Ulrichsburg, und in düsterer Sorge um seine Tochter wie um seine verwüsteten Lande und Orte drunten sah Graf Schmaßmann von Rappoltstein, ohnmächtig auf die Verteidigung seiner Burgen beschränkt, in eine dunkle, hoffnungslose Zukunft hinaus.

Einzig das Gesicht Bettanes spiegelte nichts von der schweren Bedrückung aller Gemüter zurück, und sie allein auch hatte die Botschaft, welche Velten Stacher von den Drei Exen heimgebracht, ruhiger aufgenommen. Nicht gleichgültig, ihre Miene zeigte wohl Schreck, als die Nachricht ihr verständlich geworden, aber derselbe verging bald, und wie er geschwunden, schien er die vorher angewachsene Trübung in ihren Augen mit sich fortgenommen zu haben; ein stiller Glanz lag statt dessen unveränderlich wieder in der Tiefe zwischen den Lidern. Auf den Zustand Guy Loders wirkte dagegen die Mitteilung der Antwort des Ritters von Egisheim sichtbarlich in hohem Maße ungünstig ein und warf ihn in ein heftiges Fieber zurück, das tagelang mit gleicher Kraft andauerte und oft wunderlich-unverständliche Irreden aus seinem Munde hervorgehen ließ. Mehrfach wiederholte sich darin der Name Erlinde, doch mit fast unbewegten Lippen, so daß Bettanes Augen den Klang nicht aufzufassen vermochten. Als der Name aber einmal in rascher Folge wohl zehnfältig wiederkehrte, horchte Velten Stacher unwillkürlich verwundert auf und maß plötzlich das Gesicht des Fieberbewußtlosen mit einem großen, stumm fragenden Blick. Dann begann er wieder Fragen an Bettane zu richten; die treue Sorgfalt derselben für den Verwundeten hatte ihn trotz ihrer traurigen Naturmitgift und der Beeinträchtigung ihrer Gesichtszüge mehr und mehr freundlich zu ihr hingezogen und den Wunsch in ihm geregt, eine Verständigung mit ihr zu bewerkstelligen. Von ihrer Seite begegnete dies Trachten keiner Schwierigkeit, doch er begriff ihre Zeichensprache nicht und ebenso wenig die fremden Buchstabenzeichen auf der Tafel. Aber er wollte durchaus wissen, was jene besagten, und so geschah das Seltsame, daß er sich in der beschäftigungslosen Muße der langen Tage an dem Krankenlager als Schüler neben das taubstumme Mädchen setzte und sich von diesem in der Kunst des Lesens unterrichten ließ. Das ging nur langsam und öfters in gar sonderbar stockender Weise, daß beide über eine Schwierigkeit nicht hinwegzukommen wußten, die ein lauter Ton, von Bettane vernommen oder von ihr gesprochen, im Nu gelöst hätte. Allein zuletzt fanden sie meistens gemeinsam doch einen Ausweg, der ihnen zu einem wechselseitigen Verhältnis half, und nach einigen Wochen hatte der Eifer des jungen Kriegsmannes es so weit gebracht, daß er die Schriftzeichen seiner nicht mit geringem Stolz von ihrem Werk befriedigten Lehrerin zu ergründen und nachzuahmen befähigt war. Dergestalt führte er nun regsam-lautlose Zwiesprache mit ihr, zeigte sich besonders unermüdlich in Fragen über die Kindheit, die Heimat und die Eltern des jungen Ritters und kam immer wieder auf die nämlichen schon oft beredeten Gegenstände zurück, obwohl Bettane bald keinerlei neue Auskunft mehr darüber zu geben vermochte. Guy Loder lag zumeist schlafverworren daneben, seine Besserung schritt jetzt nur äußerst langsam vor. Wenn er indes einmal flüchtig mit einem Aufglanz wieder erwachender Geisteskraft dreinblickte, verbarg Velten Stacher rasch die Tafel, auf der er sich an der Entzifferung einer Antwort Bettanes abmühte, und teilte nichts von seiner neuen Lernbegier und dem Ergebnis derselben mit.

Einförmig gingen so die Tage hin. In ratloser Sorge saß Graf Schmaßmann; er hatte nochmals einen Herold mit dem Angebot einer ungeheuren Lösesumme an den Ritter von Egisheim abgesandt, doch die nämliche Entgegnung erhalten, welche jener dreingefügt, sobald er für Armin Klee die Mauern von Mülhausen zermahlen habe, werde er kommen, um an denen der Ulrichsburg selbst seine Freiwerbung zu betreiben. Völlig unfaßbar erschien dem Grafen das störrisch-wahnwitzige Begehren seines einstigen befreundeten Nachbars, und oftmals ließ er Velten Stacher, an dem er schon früher besonderes Wohlgefallen gefunden, zu sich bescheiden, um von diesem über den unbekannten Bastardsohn des Ritters Auskunft zu erhalten. Über die Herstammung desselben wußte der Befragte indes nicht mehr zu berichten, als das Wenige, was er selbst erst staunend aus der Erzählung Guy Loders vernommen, dagegen hatte er den früher Wendelin Beheißenen seit manchem Jahr gekannt, war ihm stets als einem raufgierig wildtrotzigen und doch auch arglistig verschlagenen Gesellen aus dem Wege gegangen und mit manch Anderem verwundert gewesen, durch welcherlei Beihülfe derselbe trotz seiner offenkundig unehrlichen Geburt in die Pfeiferbruderschaft gelangt sei. Nun lag's am Tage, daß im Verborgenen die Hand seines Vaters ihm dazu verholfen haben mußte; das Rätsel, weshalb dieser das unglaubliche Ansinnen an den Grafen von Rappoltstein stellte, ward jedoch dadurch nicht gelöst. Wenn aber Velten Stacher sich zu solcher Beredung bei dem Grafen befand, schien es manchmal, als suche er die trüben Gedanken desselben von der Gefangenhaltung seiner Tochter abzulenken. Freilich wohl unbedachtsamer Weise durch ein kaum minder trauererregendes Mittel, denn er wandte mehrfach das Gespräch auf das einstmalige spurlose Verschwinden der schönen Schwester des Grafen und frug nach der Gestalt, dem Antlitz, der Haarfarbe, dem Alter Luitgards von Rappoltstein und manchem Sonstigen noch, worauf Graf Schmaßmann in seiner Bekümmernis und dem Drange doch, seine Sorge durch die Zwiesprache mit einem Menschen etwas zu betäuben, halb unbewußt Antwort erteilte.

Dann aber eines Tages, wie durch lang verfinsterte Luft plötzlich ein greller Flammenschein lodert, flog eine grausenvolle Botschaft durch alle Landschaften im Umkreis der Alpen von Mund zu Mund. Sie sträubte das Haar, lähmte die Zunge des Sprechers mit starrem Entsetzen. Über einen Sattel des Juragebirges war der Herzog von Burgund mit seiner Heermacht in die eidgenössischen Lande eingedrungen, hatte das feste Schloß Grandson am Neuenburger See umlagert und dies rasch in seine Gewalt gebracht, da die Besatzung, ohne jede Aussicht auf Hülfe, ihm gegen Zusicherung freien und ungeschädigten Abzugs die Burg überliefert. Noch als sie, achthundert Schweizer Bürger und Bauern an der Zahl, aus dem Tor hervorgezogen, hatte Karl der Kühne in rasender Wut ausgerufen: »Tausend für den Einen, hab ich gesprochen! Das Wort war eher als das andere, und ich halte Wort!« und hatte Treu und Glauben seiner Zusage brechend, die arglos Vertrauenden umzingeln, überwältigen und bis auf den letzten Mann schimpflich erhenken und im See ersäufen lassen. Ein Todesschrei aus achthundert Kehlen gellte in die Luft und rief, was jede Stadt, jedes Haus, jeder Bewohner darin von der unerbittlichen Rachsucht des Herzogs zu gewärtigen habe. Entsetzlicher noch, als die schlimmste Angst befürchtet, war der erste Schwefelblitz aus der rollenden Wetterwolke heruntergezischt; alles Leben in Stadt und Land glich zusammengekauertem Wild, das ohne Möglichkeit einer Flucht im Dickicht des Augenblicks harren mußte, wo die schonungslos zerfleischende Meute sich nun hier, nun dort durch Blutströme fortwälzen werde.

Starrblickend empfingen auch die Insassen der Ulrichsburg die Schreckenskunde als eine Vorbotin des ihnen über länger oder kürzer unvermeidlich selbst drohenden Geschicks. Nur der jugendliche Herzog René von Lothringen sprang von seinem Sitze auf und rief: »So war ich Euer elender Gast, Graf, und will nicht Euer Verderben mit dem meinigen, sondern mit Fürstenwort und Treu und Glauben in der Welt mit Ehren untergehen! Lebt wohl und seht bessere Tage! Ich begehre von den meinen nichts mehr als raschen Tod!« Umsonst versuchte Graf Schmaßmann ihn zum Bleiben zu bereden, der junge Herzog ließ sich nicht halten und ritt, als die Dämmerung anbrach, mit seinem kleinen Geleit, das ihn auf der Flucht von Nancy her begleitet, nordwärts gegen Lothringen davon. Unter den Zurückgebliebenen in der Burg, den Dienstmannen und Knechten, aber erhob sich ein dumpf anwachsendes Gemurr, droben im Turme liege ein Ritter des eidbrüchig grausamen Herzogs von Burgund, und sich zusammenrottend, drängten sie in die Halle des Grafen und forderten als Entgelt, daß dieser ihnen den Gefangenen überliefere, um ihn an einen Ast zu henken, wie Karl der Kühne es den achthundert Eidgenossen angetan. Vergeblich trachtete Graf Schmaßmann, sie zu beschwichtigen, in gerechtem Ingrimm nahm der Haufen eine gewaltsam nötigende Haltung an und zwang ihn, zu dem Bedrohten hinüberzueilen, dessen Gefährdung Velten Stacher und Bettane schon erkannt und sorglich den Eingang zum Turm vom Burghof aus verrammelt hatten. In den Augen beider blitzte unbeirrbar entschlossener Mut, den Verwundeten mit freudiger Aufopferung des eigenen Lebens zu beschützen; auch das Mädchen hatte sich Schild und Waffen verschafft, und eine kühne, hohe Begeisterung ließ ihr Gesicht von einer fremdartigen, zum erstenmal sich kundgebenden Ausdrucksfähigkeit flammen. Es war fast, als hoffe sie darauf wie auf ein Glück, mit ihrer kleinen, kraftvollen Hand das Schwert zur Verteidigung des Gemaches zu führen. Körperlich und geistig niedergebrochen von der furchtbaren Nachricht aus Grandson, lag Guy Loder und starrte gedankenleer, teilnahmlos an seinem Geschick vor sich hin. Sein Mund murmelte nur einmal: »Sie haben Recht, und mir wär's am besten.«

Nun kam Graf Schmaßmann, eilte auf ihn zu und rief: »Ihr wißt, was geschehen; verhüte Gott, daß mein Mund jemanden zur Untreue verleitet, aber ich kann Euch nicht schützen, wenn Ihr Euch nicht mit Eurem Ritterwort vom Herzog lossagt, die Waffen nicht mehr in seinem Dienst zu führen. Ihr könnt's, denn Ihr laßt ihn nicht im Unglück, sondern im übermütigsten Sieg, und Ihr tut's nicht aus Feigheit um Leib und Leben, vielmehr weil ich's von Euch bitte, daß Gewalttat an einem wehrlosen Gast meiner Burg nicht meinen Namen beflecke. Und noch mehr tät's mir selber bitter weh um Euch, denn Ihr seid mir lieb geworden, und mir ist's, als wäre auch meiner Tochter Rettung bestimmt, wenn Euer Leben erhalten bleibt. Helft mir und gebt Euer Wort, nicht wider Burgund, doch für mich, diese Burg mit gegen den Egisheimer verteidigen zu wollen, falls er zum Angriff herzurückt, dann vermag ich die drohend Aufgebrachten drunten zu beschwichtigen.«

Einen Augenblick sah Guy Loder den Innehaltenden noch sprachunfähig an, dann brach er, von der langen Krankheit an Körper und Gemüt erschöpft und von ungeheurer Aufregung überwältigt, jählings haltlos in einen heißen Tränenstrom aus und schluchzte: »Wahrlich nicht um Leib und Leben, Herr Graf – die gäb' ich lieber dahin, als Ihr denken mögt. Doch wider Wissen und Wollen ward ich schon einmal untreu, als ich für Euren Gegner die Waffen geführt; nun hat er so Wildes vollbracht, daß mein Arm und Gewissen nicht mehr mit dafür einstehen kann. Doch muß mein Herzschlag ihm anhängen – das mögt Ihr nicht begreifen – und nimmer, um kein Gut und Glück könnt ich wider ihn streiten. Aber wenn Ihr auf Eurer Tochter Errettung um die meinige hofft – Ihr seid mein Schutzherr, dem ich einstmals als Pfeifer in der Brust zuerst Treue gelobt – nehmt das Wort von mir, Herr Graf, das Ihr verlangt – ich will mein armseliges Leben bewahren, um Eure Burg mit zu beschützen und Eure Tochter befreien zu helfen – dann mag es nehmen, wer will!«

Verwirrt hatte er stotternden Mundes das letzte gesprochen, nun fiel sein Kopf kraftverlassen, zur Bewußtlosigkeit erschöpft, aufs Lager zurück, und Graf Schmaßmann eilte hinaus, um mit der Meldung, der Verwundete sei kein Gefangener und Dienstmann des Herzogs von Burgund mehr, sondern auf ritterliches Wort ein Mitbeschützer der Ulrichsburg, die Knechte von ihrem Vorhaben abzuwenden. Das gelang ihm auch alsbald, obwohl noch einige fortmurrten, auch Karl der Kühne habe mit seinem Fürstenwort zugesagt, die Besatzung von Grandson unbeschädigt davonziehen zu lassen. Doch als der Graf darauf einfiel: »Für das Wort des Ritters droben geb' ich das meine zum Pfand!« da beruhigte die Ehrfurcht und Anhänglichkeit an den allgeliebten Herrn den erregten Haufen. Nur Bettane hielt mißtrauisch noch die ganze Nacht hindurch bis zum Morgenlicht mit der Waffe in der Hand am Lager des schlafenden Guy Loder Wacht.

Und so gingen die Tage wieder gleichmäßig weiter. Allgemach genaß der junge Ritter jetzt von der schweren Verwundung, die eine tiefe, Lebensgefahr drohende Verletzung des Scheitelbeines mit sich geführt; er selbst fühlte, nur die unermüdliche Sorgfalt Bettanes bei Tag und Nacht hatte tödlichen Ausgang von ihm abgewandt. »Wie eine Schwester warst du mir,« sagte er liebevoll, »und bist es mir für alle Lebenszeit,« und er nahm ihren armen Kopf und drückte ihn mit dankbarer Zärtlichkeit an seine Brust. »Wie seltsam wir uns zweimal im Dusenbachtal angetroffen, daß du da warst, mich in schlimmsten Stunden zu trösten und mir zu helfen.« Ein verwundersamer Zufall war's für ihn, und Bettane schrieb ihm die Erklärung desselben auf ihr Täfelchen, daß sie allemal zum Pfeifertag hinabgegangen, weil dieser ihr so lustige Augenschau geboten, und darum habe sie ihn zweimal dort gefunden. Oft aber kam jetzt auch Graf Schmaßmann zu dem Turmgemach hinauf, und seine tägliche Wiederkehr sprach aus, daß er seine Schwermut durch nicht besser als durch Wechselrede mit seinem jungen Gaste zu scheuchen vermöge, der sich für die Zeit und für seine Jugend von einer seltenen Geistes- und Gemütsbildung erwies. Und soweit etwas den trostlosen Kummer des Grafen zu dämpfen im Stande war, geschah's durch die mähliche Wiederkehr gesunder Lebensfarbe auf den Wangen Guy's; mit einem halb vergessenden, beinahe freudigen Blick verweilten die Augen des Grafen Schmaßmann manchmal auf dem edelschönen Antlitz des jungen Mannes.

Da flog's durch die fortwandernden Tage einmal heran, wie wenn in schwüler Mittagsstille ein Sommerhauch auf der Straße ein Blättchen faßt, es aufhebt und fortträgt, wieder sinken läßt und wiederum emporreißt... So kam ein Gerücht, ein Raunen und Reden mit den Wellen des Rheines herunter, unglaublich, über jedes kühnste Hoffen, wider alles schreckensvolle Bangen. Zaghaft erst, wie tollunmögliche Fieberausgeburt eines Hirnes flüsterten die Zungen es um, aber lauter schwoll's und rief von Tag zu Tag und sprach: es habe das gehetzte Wild unter den Alpen in seiner Verzweiflung sich gegen die schonungslos zerfleischende Meute auf offenem Feld zur Wehr gesetzt, sei hervorgebrochen aus dem Dickicht wie ein auf den Tod verwundeter Wildeber, blind, des Unterganges gewärtig, doch vor dem Zusammensturz sich noch Rache für das Blut der wortbrüchig Hingemordeten zu erkaufen. Und das nicht zu Denkende sei geschehen: das eingeengte Wild habe in furchtbarem Kampf den Sieg über seine Bedränger davongetragen.

So kam's, so lief's und wuchs und brauste und donnerte nun wie unhemmbarer Lawinensturz durch alle Lande. Die Menschengeschichte hatte einen neuen Tag von Morgarten und Sempach gesehen; zur Verzweiflung über ihr gewisses Verderben aufgestachelt, in namenlosem Rachedurst für ihre treulos-schimpflich erhenkten und ertränkten Brüder hatten die Bürger und Bauern der Eidgenossenschaft die Schutzmauern ihrer Städte verlassen, die dreifach überlegene Heeresmacht des Herzogs von Burgund bei Grandson angegriffen und mit Spießen, Äxten, Keulen und Sensen im Todesmut der letzten Gegenwehr das eisengerüstete Fußvolk und die stolzen Rittergeschwader Karls des Kühnen durchbrochen, bewältigt und zur Flucht gedrängt. Eine ungeheuere Beute, Hunderte von Feldgeschützen, Fahnen, kostbaren Gezelten, Tausende von Wagen und Pferden, Millionen an barem Gelde, Juwelen und Kronedelsteinen von unschätzbarem Wert waren in die Hände der Sieger gefallen; ungläubig staunend vernahm's die Welt, daß abermals die Schweizer ihre Freiheit wider den mächtigsten Kriegsfürsten der Zeit beschirmt und die großen Reiche Europas von dem Alpdruck erlöst hatten, der auf ihnen gelastet. Jeder Hörer wußte, solcher Ausgang könne nur durch den alles übersteigenden, »das Bauerngeschmeiß« mißachtenden Hochmut und die blindwütige Tollheit des Burgunders möglich geworden sein; doch jeder wußte gleichfalls, das sei kein Ende noch, sondern Karl der Kühne trage seinen Namen nicht umsonst und kehre wieder, solange ihm das Schwert in der Hand nicht in Stücke zerbrochen sei.

So erharrte man's mit atemloser Spannung, und so geschah's. Nach kurzer Frist schon brach er mit einem neuen glänzenden Heere von sechzigtausend Köpfen abermals gegen den Neuenburger See herein. Kaum die Hälfte an Streitmacht vermochten die Eidgenossen ihm entgegenzustellen, Hans von Hallwyl von Bern, Waldmann von Luzern und Kaspar von Hertenstein aus Zürich führten sie; als Bundesgenossen gesellte sich ihnen der junge Herzog René von Lothringen mit einigen Fähnlein, die er in seinem verlorenen Lande aufgebracht, hinzu. In der ersten Morgenfrühe begann bei dem Städtchen Murten der blutströmende Kampf; mit der gleichen Erbitterung und Todesverachtung wie bei Grandson, wenn auch vorsichtiger überlegend, schritten die Schweizer zum Angriff. Doch ihre Gegner hatte seit jenem Tage die Siegeszuversicht verlassen, und schwerere Niederlage noch endete für sie die mörderische Schlacht. Fünfzehntausend Burgunder deckten am Abend tot die Walstatt, die gleiche Anzahl ertrank, auf der Flucht in den Murtener See gedrängt, daß nach Jahrhunderten bis in die heutigen Tage Fischer mit ihren Netzen noch aus der Tiefe burgundische Waffen heraufziehen. Nur durch die Schnelligkeit seines Rosses entrann Karl der Kühne selbst, von zwölf ihm allein übriggebliebenen Reitern begleitet, der Gefangenschaft und ritt über das Juragebirge ohne Anhalt Tag und Nacht bis zur sechzehn Meilen von Murten entlegenen Stadt Soigne in der Champagne. Der junge Herzog René hatte Wunder der Tapferkeit im Kampfe verrichtet; die dankbaren Eidgenossen machten ihm alles eroberte Feuergeschütz und das prachtstrotzende Kriegsgezelt des Herzogs von Burgund zum Geschenk und gelobten ihm auf Wort und Treue ihre Beihülfe, wo und wann er derselben bedürfen möge. Auf dem Schlachtfelde von Murten aber errichteten sie ein Beinhaus über den Resten der erschlagenen Feinde und setzten die ernste Denkmalsinschrift darauf: D. O. M. Caroly, inclyti et fortissimi Burgundiae Ducis, exercitus, Muratum obsidens, ab Helvetiis caesus, hoc sui monumentum reliquit. Anno 1476.

Wo aber der Geier, vom scharfen Bolz getroffen, stöhnend auf matten Schwingen sich hebt, zu seinem Felshorst zurückzuflattern, da stiebt wilderschreckt auch der gierige Rabenschwarm vom Leichenschmaus in die Luft und schießt mit krächzendem Getaumel haltlos in die Weite. Wie ein nächtlicher Geisterspuk, auf den plötzlich blendende Sonnenhelle hereinfällt, versank mit einem Schlage alles herzugeströmte Beutegesindel, die ganze lüsterne Raub-, Mord- und Brandrotte der Gersauer Gaunerkilt in den Erdboden hinunter. Die Weglagerer, Landstrolche und Buschklepper warfen sich auf hurtigen Sohlen wieder über den Rhein in die weiten, finsteren Tannenforste des geduldigeren Deutschen Reiches, wo sie vor Strick, Beil und Rad sicherer waren als in dem Machtgebiet der siegreichen Schweizer Bürger und Bauern; von ihrem Zuwachs verlassen, flüchteten die kleinen Herren und Ritter mit wenigen übriggebliebenen Knechten eilfertig zu ihren felstrotzigen Raubburgen empor und harrten dort, sich grimmig in Wut und Drangsal die Lippen zerbeißend, böser kommender Tage des jähen Umschwungs. So weit die weißen Alpenzacken blickten, dröhnte der wuchtige Heerschritt der Eidgenossen, die nicht gewillt waren, Schonung an der blutlechzenden Meute zu üben, welche im Gefolge des wilden Jägers über sie eingebrochen. Fest entschlossen, diesmal die Raubvögel für alle Zukunft auszutilgen, umlagerten, stürmten und äscherten sie Horst um Horst derselben ein. So geschah's in allen schweizerischen Landen, und so brachen im Bündnis mit ihnen die Städter des Elsaß, des Sundgau's und der Grafschaft Pfirdt zu Straßburg, Schlettstadt, Kolmar, Kaisersberg, Basel aus ihren Mauern, die gleiche Vergeltung an ihren raubsüchtigen Bedrängern zu vollstrecken. Zornschnaubend, aber wandten sich die Bürger von Mülhausen zunächst mit ihren Haufen gegen die Drei Exen und das Städtchen Egisheim unterhalb der Burg. Dorthin hatte sich der Müller Armin Klee geworfen und verteidigte die Stadt wider den Grimm seiner Landsleute.

Fast betäubt vernahm auf der Ulrichsburg der junge Ritter Guy Loder die Kunde von dem ungeheuren Sturze Karl's des Kühnen. Er war von seiner Wunde jetzt völlig genesen, doch das Blut brannte ihm heißer bei der Botschaft, als das Fieber der Krankheit ihn je durchglüht. Nicht weil er seinen mächtigen Beschützer und mit diesem alle kühnen Zukunftshoffnungen verloren; er hätte es nicht anders gewollt, nicht daß die Freiheit der Städte hochfahrendem Herrschertrotz und blutiger Fürstenwillkür erlegen wäre. Gerechtes Schicksal hatte den stolzen Übermut des gewaltigen Herzogs zu Boden gebrochen, aber widerspruchsvoll brannte dennoch zugleich ein tiefes Schmerzgefühl in Guy Loder's Brust. Mit trübschweifenden Gedanken blickte er schwermütig über das befreite, zauberisch in der Sonne leuchtende Rheintal hinaus.

Da trat Graf Schmaßmann von Rappoltstein in Helm und Rüstung zu ihm ein. Seine Augen strahlten freudvoll, er sprach:

»Ich komme, Euch Abschied zu bieten, Ritter, Ihr könnt Euer Wort besser einlösen, als wir verhofft, braucht meine Burg nicht vor Feinden zu schirmen, sondern ich bitte Euch, sie friedlich zu hüten bis zu meiner Rückkehr.«

Verwirrt sah Guy ihn an. »Wohin wollt Ihr?«

»Sind Eure Sinne noch verworren?« entgegnete Graf Schmaßmann erstaunt. »Vergebt, Euch geht's nicht an, doch einem Vater klingt Eure Frage befremdlich. Die Mülhausener lagern um Egisheim; es ist anders geschehen, als der Ritter gedacht, und ich hole meine Tochter ohne Lösegeld von ihm. Fahrt wohl, junger Freund, und bewahrt mein Schloß nach Eurem Gelöbnis.«

Er bot Guy Loder herzlich die Hand; doch nun fuhr dieser plötzlich mit heiß überglühten Wangen wie aus einem Traum empor und stammelte, die Hand des Scheidenden ergreifend: »Eure Tochter – so kann ich nicht als Wächter hier verbleiben, Herr Graf, denn mein Wort gelobte, Euch zu helfen, bis sie frei geworden. Ich kenne die Burg des Ritters von Egisheim, vielleicht vermag ich Euch dort besser zu nützen als andere – dann – wenn Ihr sie zurück habt – bin ich meiner Pflicht ledig – da laßt mich gehen.«

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