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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 2
Quellenangabe
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100326
projectidcda6713a
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Erstes Kapitel

Noch einmal sattelt mir den Hippogryphen
Zum Ritt ins alte romantische Land!
Oberon.

Einem fallenden Glutballe gleich stieß die Sonne auf den hügelgewellten Horizont des weiten lotharingischen Hochlandes, aber von Südwest her schob blauschwarzes, fliegendes Sturmgewölk gegen sie hinan. Es veränderte in jedem Augenblick seine Gestalt; wie ein wilder Jagdzug wälzte es sich herauf, dumpf knurrende Rüden umkreisten ihn. Manchmal funkelten ihre schillernden Augen; da reckten sich gigantische Leiber vor, Rosse und Reiter, geharnischt, mit wehenden Helmbüschen. Reisige Massen drängten dichtgeballt hinterdrein, die Pferde bäumten, gelb, blau und blutrot blitzten die Waffen. Dann rollte, luftverfinsternd, das Gestampf und Getümmel der Schlacht an den öden Bergen des Wasichin um, wie das fünfzehnte Jahrhundert den Wasgau benannte.

Eine Häuser- und menschenleere Hocheinsamkeit war's. Nur in tiefer Ferne, nicht mehr erkennbar, lagen drunten im Oberrheintal Städte und Dörfer, hier oben sah der Blick rundhin kein Anzeichen von Menschenleben. Raben krächzten, und der kreisende Weih schrie scharftönig herunter, doch auch sie bargen sich vor dem Grimm des ausbrechenden Unwetters. Wie fluglahm herabfallend, stürzten sie in die schwarzen Tannenwälder nieder, aus deren unabsehbarer Decke sich der nackte Hochkamm des Gebirges aufgipfelte.

Ihm entgegen wand sich ein kaum zu unterscheidender schmaler Steig. Er glich nur einem Wildpfad, verlor sich oft in Busch und Gerank, und Quellbäche rieselten in ihm entlang. Aber ab und zu verriet er wieder Spuren eines von Karst und Axt durch die Wildnis gebrochenen Saumweges. Dann und wann, bei einer Lichtung des dunklen Gezweigs, tauchte westwärts der kahle Doppelhöcker des »Brüschbückels«, an Farbe und Gestalt einem gespenstischen Riesenkamelrücken ähnlich, über den Waldmassen in die Luft. Auf sein aschgraues Gestirn loderten die ersten Blitze herunter; unsichtbar tief unter ihm zur Rechten, in enger Talschlucht geborgen, mußte die halb rappoltsteinische, halb lothringische Stadt Markirch liegen, »wo man in Elsaß knetete und in Lothringen buk.«

Ein Fußtritt knackte dürres Holz, und es raschelte im Gestrüpp. Jemand mochte von der alten Hohenstaufenstadt Kaysersberg oder von Schnierlach aus sich einen Pfad übers Gebirge nach Markirch hinüber suchen. Noch der Schritt tönte nur langsam zwischen den Rottannen herauf, in Pausen verstummte sein Laut, als ob der Wanderer erschöpft anhalte.

Da hob ein Kopf sich nun ins Freie, wo auf haidigem Grund nur die Krummholzkiefer und da und dort ein Eichenbaum noch aus dem Felsboden aufwurzelten, und eine flüchtige Spanne Zeit lang sah man ihn, geblendet von dem blutroten Sonnenfeuer umgossen. Aber es war kein Mann, sondern ein junges, hochgewachsenes Weib. Sie ging in der ärmlichen Volkstracht des Landes, ein grobes Gewand fiel ihr vom Nacken lang bis auf die Fersen, während es nach vorn, wunderlich verkürzt, die Füße in plumpen Schuhen und seine Knöchel darüber unbedeckt gewahren ließ. Die letzteren hatten nichts von dem derben Knochenbau einer Bauerndirne, und auch das weiße, mit einem alten Schleierrest umwundene Gesicht sprach nicht von harter Arbeit in Sonnenbrand und Regen. Noch schnitten sich unjugendlich tiefe Leidfurchen durch die Stirn, und die blauen Augen drunter lagen glanzlos in dunkle Höhlungen eingesunken. Kraftvoll, fast von unnatürlicher Wucht des Körpers erschien ihre Gestalt, allein der Anschein trog, sie war von aller Kraft verlassen. Ihre Brust keuchte wie unter einer erdrückenden Last, sie griff mit den langen mageren Fingern einer schönen Hand nach dem dürren Geäst eines blitzzerspaltenen, abgestorbenen Kieferstammes, um die brechenden Kniee daran aufrecht zu halten.

Es war der letzte Sonnenblick, in den ihre Augen hineingestarrt. Der Spätsommertag hätte noch eine Weile andauern sollen, denn der rote Himmelsball versank noch nicht, doch, die Strahlen auslöschend, peitschte der Sturm jetzt das wilde Wolkenheer drüber. Mit erstem Vorstoß hier oben packte es auch das Haar des jungen Weibes, riß den dürftigen Schutz davon und stiebte die langen weichen Fäden ihres goldblonden Gelocks flatternd von Schläfen und Scheitel zurück. Gedankenleer ging ihr Blick dem durch die Luft fortgewirbelten Schleier nach, mit rasender Hast hatte das schwere Gewölk im Nu die eben noch blaue Wölbung ihr zu Häupten überjagt. Nur ostwärts hinüber, gerad' in der Richtung der windenttragenen leichten Kopfhülle, lag noch ein kleiner heller Himmelsfleck, und in sein heiteres Licht stiegen weit drüben vom Rücken eines Vorberges des Wasgenwaldes die Zinnen und Türme dreier nachbarlich gesellter Burgen hinein. Seltsam flimmerte noch auf ihnen das letzte, einzige Glanzspiel der Sonne, und die hohlumränderten Augsterne des Weibes blieben starr darauf haften, wie in brennender Sehnsucht, noch einmal den winzigen Rest des Himmelslichtes in sich aufzunehmen. Doch nun schoß der dunkle Vorhang auch darüber hinunter und alles losch aus.

Die Wolke war auf den Bergkamm herabgekommen und umwogte sie. In langen, schleppenden Nebelkleidern zogen gespenstige Gestalten heran und tanzten im Kreis um sie rund; wie ein Hohnlachen raunte es von den unablässig auseinander rinnenden Zügen. Mit breiter, zornschnaubender Wucht fuhr der Wettersturm wider ihre Brust, rang mit ihr, sie zu Boden zu werfen. Ein Dutzend irr-angstvoller Herzschläge lang kämpfte sie gegen ihn mit dem unbewußten Willen des Lebens, und seine wilden Stöße fauchten ohnmächtig an ihr vorüber. Doch dann zitterte ihr ein plötzlicher Wehelaut von den Lippen, und sie fiel haltlos in die Kniee. In einem Moment der Stille war's, nicht der Feind von außen hatte sie bezwungen, sondern ein anderer in ihr selbst sie zur Erde gebrochen.

Regen schoß jetzt herab, und knatternde Schloßen zerschlugen die Nadelblätter der Eibe, unter der sie umgesunken dalag. Der Tag war in vorzeitige Nacht verwandelt, die nicht mehr wich; nur ab und zu zischte ein Schwefelblitz durch das Geprassel, und das Krachen des Donners rollte mit zehnfältigem Echo an den Bergwänden um. Doch sie hörte es nicht; in Pausen, die sich immer mehr verkürzten, rang sich ein dumpfes Stöhnen von ihrem Mund in die Finsternis. Ihre Hand griff aufzuckend über den Kopf empor, und die Finger umklammerten einen Gegenstand, auf den sie trafen. Blutstropfen quollen aus ihnen hervor, denn es war der Zweig einer Stechpalme, um die sie sich zusammengekrampft hielten, aber sie fühlte es nicht. Über ihr tobte der Aufruhr des Himmels fort, zuletzt übertäubte ein kurzer, geller Aufschrei sogar das Gebrüll der Wolken. Dann ward es totenstill droben und drunten. Nur geisterhafte blaue Flammen funkelten noch hin und wieder aus der verhängten Luft, und nur der Tropfenfall raschelte bei einem nachschauernden Windhauch vom Baumgezweig herab. Dann und wann tönte ein leises, schwachstimmiges Wimmern darein; wie die Nacht weiterschritt, sahen allmählich die Sterne auf die lautlos schlafende Bergwelt herunter.

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