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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 19
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
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Achtzehntes Kapitel

Welf Siebald hatte dem Geheiß des Burgherrn Folge geleistet und sein Nachsinnen offenbar zu einem befriedigenden Ergebnis geführt, denn er trat zur bereiteten Abendmahlzeit in der Halle mit der Ansprache heran: »Gebt mir Urlaub zur Nacht, mein gnädiger Vater, daß ich Euer Gebot vollführe.« Überrascht sah der Ritter von Egisheim auf: »Wohin willst du? Was hat dein Hirn ausgebrütet?« Doch der Befragte lachte: »Verstattet mir die Antwort bis morgen, wenn ich heimkehre; ich bin nicht aus dem Nest der Henne, die gackernd umläuft, noch bevor sie das Ei gelegt. Aber vertraut darauf, Ihr werdet mit Eurem Sohn zufrieden sein, und der Herzog ingleichem.« Ein Blickaustausch ließ den Ritter nicht Weiteres begehren, und dieser frug nur: »Wie viel Knechte bedarfst du?« Die Antwort lautete kurz: »Eine halbe Mandel nehm ich mit mir.« Bertulf von Egisheim erwiderte befremdet: »Du gibst Rätsel auf; wo Gold ist, sind Wächter mit gutem Schwert; was willst du mit solcher Handvoll wider sie?« Allein unbekümmert fiel Welf Siebald ein: »Ich hab sie gut ausgewählt, daß sie sich vor Teufel und Hölle nicht fürchten, das heischt unser Ausritt mehr als Mut wider Hieb und Stich. Ehrt Ihr mich mit Eurem Geleit, Herr Ritter? Es ist des Herzogs Dienst, den Ihr mir auferlegt – oder bedarf Eure Ermüdung zur Nacht des Schlafes?«

Die Höflichkeit der an Guy Loder gerichteten Worte durchschimmerte aus der letzten Frage eine etwas wie leis spöttische Erwartung, daß der junge Ritter die Teilnahme an dem nächtlichen Auszug ablehnen werde, und rief das leicht erregbare Stolzgefühl desselben der früher oft empfundenen Überlegenheit seines ehemaligen Genossen gegenüber wach. Er versetzte rasch: »Ich bin nicht gewöhnt, zu Nutzen meines Herrn Beschwernis zu achten,« und lächelnd fügte er hinzu: »Auch Ihr habt mich einstmals gewöhnt, nicht nach dem Wohin und Wofür des Weges zu fragen; so will ich auch heut' nicht danach begehren, sondern nach altem Brauch mit Euch ziehen. Vielleicht kann mein Schwert Euch doch besser nützen, als Ihrs gedenkt.« – »Verargt mir meine vorige Frage nicht, Herr Ritter,« erwiderte Welf Siebald nun überaus artig; »ich gedenke Eures Mutes und Eurer Tapferkeit genugsam, um den hohen Wert Eurer Beihülfe zu schätzen, und habe nicht andere Antwort von Euch vermutet.« Gar zuvorkommend redete er jetzt während der Mahlzeit fort, und selbst der Burgherr ließ seine gewohnte Wortkargheit fahren und beteiligte sich hin und wieder an dem Wechselgespräch, daß Guy fröhlich beim Wein ward, die unbegründete heimliche Abneigung seines Gemütes gegen seine Wirte schalt und mehr und mehr hinschwinden fühlte. Wenn er nicht selbst redete, gedachte er im Zuhören der Vergangenheit, wie seltsam der Zufall ihm an diesem Tische den ersten Einschlag seines Glückes gewebt, daß er zum Mundschenk Karls des Kühnen bestellt worden, und seine Vorstellung schweifte weiter zurück, daß er hier wunderbarlich jetzt selbst als Ritter mit dem Ritter von Egisheim saß, vor dessen Grimm er einstmals als Knabe ins Felsgestrüpp des Dusenbachtales hinaufgeflohen. Der reichliche Trunk lies ihn plötzlich bei der deutlichen Erinnerung heiter auflachen, und wie Bertulf von Egisheim ihn darob befragte, entflog's ihm: »Werdet mir heut nicht mehr drum zürnen, Herr Ritter!« und er erzählte von dem unbedacht törichten Steinwurf, mit dem er damals den gerechten Ingrimm des Burgherrn aufgereizt. »Weiß nicht, was über mich kam,« schloß er frohlaunig, »mir war's, als hättet Ihr mir bitteres Unrecht gefügt und ich könnt nicht anders; vergebt mir's!«

Der Egisheimer hatte lautlos zugehört, nur sein Blick haftete mit einer weißen Starre unter den Brauen auf dem Gesicht des Sprechers. Auch noch, als dieser eine Weile geschwiegen, dann schlug er eine heisere Lache auf und gab zurück: »Ich entsinne mich wohl, Herr Ritter, der Stein traf gut. Ihr warfet ihn und vermeintet, Ihr könntet nicht anders, wußtet auch nicht warum?« und das tonlose Lachen rann ihm wieder in den aschfarbig verblichenen Bart. »Habt's gesprochen, es war ein närrischer Bubenstreich,« setzte er darauf hinzu: »nehmt Dank für den lustigen Schwank und trinket, Herr Ritter von Nancy!«

Es war spät geworden, die Nacht lag schon lange draußen über Gebirg und Tal; Welf Siebald mahnte nunmehr zum Aufbruch. Sie schritten zum Burghof hinunter, wo die ausgewählten Knechte bereits harrten; das schweifende Licht einer Pechfackel wies Guy lauter Züge von trotziger Frechheit, wie er sie selbst im Kriegslager nirgendwo in solcher Vereinigung beisammen gewahrt. Schnell saß der kleine Trupp im Sattel, der Ritter von Egisheim tauschte noch einen kurzen Blick mit Welf Siebald und sprach: »Reit guten Weg, mein Sohn, und bring mir heim, was ich dich hieß!« Dann verließen sie über die fallende Zugbrücke das alte Burggemäuer.

Dunkle Spätsommernacht war's, ohne Mondlicht, mit verhängten Gestirnen; wie sie ins Rheintal hinabgelangten, blieb die Bergkette ihnen als eine schwarze, nicht unterscheidbare Wand zur Linken; so zogen sie manche Stunde nordwärts hinauf, und um manche Stunde mußte schon die Mitternacht vorüber sein. Welf Siebald ritt neben Guy Loder, zumeist stumm, manchmal indes begann er ein Gespräch, das stets wunderlichen Verlauf nahm, als suchte er seinen Gefährten durch ein hämisches Wort zu reizen; doch jedesmal brach er schnell wieder ab und fügte eine gewandte Schmeichelei für den jungen Ritter hinterdrein. Diesem schoß einmal unvorherbedacht etwas durch den Kopf, daß er hastig frug: »Ist's heut nicht Pfeifertag, der Achte des Septembermonds?« – »Müsset's wissen, Herr Ritter, Euch liegt's mehr im Blute als mir,« entgegnete Siebald höhnend, setzte jedoch gleich hinzu: »Ihr habt Recht, sie heißen's heut Mariä Geburt, allein ich weiß, Ihr seid mutigen Geistes, der sich vor Götzen nicht fürchtet, wie Euer Arm nicht vor Menschen.« Aber Guy achtete so wenig auf die letztere Huldigung wie auf das vorausgegangene Spottwort. Ihn überfiel's mächtig, daß der kommende Morgen den Pfeifertag begann, wie andersartig dieser beim ersten und beim letzten Mal ihm das Herz durchstürmt. Gleich Flutwellen über ihn strömend, wachte jede Erinnerung auf; vergeblich suchte sein Auge im Dunkel, ihr Weg mußte sie nicht fern an Rappoltsweiler vorbeiführen, und wäre es Tag, müßten die Schlösser ihm entgegenwinken. Nur einen holdseligen Gruß, nicht zur Einkehr heut noch, denn die Dienstpflicht gebot anders als das heimliche Verlangen des Herzens; doch die Gedanken und Vorstellungen des jungen Ritters verweilten auf der unsichtbaren Burg und drängten zum ersten Mal ihm die Frage auf, wie sich der Graf von Rappoltstein droben in dem wilden um ihn her tobenden Widerstreit der Tage verhalte? Saß er ruhig hinter seinen festen Mauern, oder leistete er auch gleich dem Ritter von Egisheim Karl dem Kühnen Kriegsfolge und beherrschte für ihn mit gewaffneter Hand den Nordgau des Elsaß wie jener den Süden? Guy hatte niemals davon vernommen.

Da strauchelte neben ihm das Pferd Welf Siebalds in einer Aushöhlung des Bodens, und Roß und Reiter stürzten. Der letztere richtete sich eilig unverletzt wieder empor, doch das Tier blieb liegen, und als er es nach einer Weile mühsam auf die Beine zurückgebracht, schleppte es hinkend mit dem rechten Hinterfuße nach. So ging Siebald, das Pferd am Zügel führend und auf Besserung desselben wartend, eine Zeit lang nebenher; aber als er sich endlich wieder in den Bügel schwang, verweigerte es trotz Hieb und Spornstoß noch immer schleunigen Gang. Zornig fluchend stieß er aus: »Maulwurfsvieh! haben die heiligen Nothelfer dir die Augen ausgekratzt? Der Tag kriecht herauf, bis wir hinkommen! Die Pest über deine Schneckenbeine! Wir können nicht mehr geradeswegs unter dem Narrennest vorbei!«

Nach einer Weile säumte sich in der Tat falb der östliche Himmel und ließ drüben über der Rheinebene von dem dunklen Wall des Schwarzwaldes die runde Scheitelkuppe des Kandelberges sich in einen bleichen, stahlfarbigen Schimmer aufheben; die Tagdämmerung im Anfang des September stieg noch früh über der schlafenden Welt empor. Nun sprach Welf Siebald verdrossen: »Zu spät! wir müssen auf einem Umweg zu unserer Andacht!« Und er lenkte vom ebenen Talboden linksauf in die Vorhügel des Gebirges, wo sie im zwitternden Grau schlechten, steinigten Weg verfolgten. Eine Strecke lang nahm Waldgestrüpp sie in die Mitte, das nach keiner Richtung etwas erkennen ließ als anwachsende Helle über den Köpfen, dann senkte der Pfad sich abwärts, ein lustig schäumendes Wasser rauschte vor ihnen, zwischen dessen moosigem Geblöck sie zur anderen Seite hinübersetzten, und auf einmal fiel es schreckhaft von den Augen Guy Loders. Sie hatten, über die Vorberge aufbiegend, die Stadt Rappoltsweiler mit ihrem engen, fast ganz von den Häusern ausgefüllten Schluchteinschnitt umkreist, und er befand sich im Sprengbachtal, dessen plätschernde Wellen ihm einstmals in seinem weißen Schafsfell die Lider zugemurmelt. Greifbar deutlich sah er die heitere Lebendigkeit vor sich, die ihn beim Erwachen an jenem Frühlingsmorgen begrüßt, die vorüberwandernden Bauern und Bürger von Markirch, das tannenreisgeschmückte Ochsengefährt, von dem lachende Frauen und Mädchen die bunten Kopftücher und geflügelten Hauben nach ihm umgedreht und eine gerufen hatte: »Da liegt ein Schaf beinah im Wasser.« Die Stimme klang ihm, wie eben erst verhallt, im Ohr, dann zerrann jäh das Trugbild der Phantasie vor seinen Sinnen. Nur die tote Landschaft sah ihn mit den gleichen Felsgesteinen, Bäumen und Wiesengründen an; wohl war's erster Frühmorgen des Pfeifertags wie damals, aber die fröhliche Kunst berief niemanden heute gegen Rappoltsweiler heran. Leer und tot lag die Straße, die nach Markirch über den Bergsattel führte, kein erwartungsvoller Fuß eilte des Weges, kein Lied und kein Lachen tönte drauf. Alles Leben hatte sich scheu hinter feste Mauern geflüchtet, lautlos und reglos war nur die Natur geblieben wie einst.

Wie unheimlich still das Alles war!» Traumhaft ruhten Guy Loders Augen darauf, doch nicht mit freudevoller Empfindung des Widersehens, zum ersten Mal überlief ihn ein unritterlicher Schauder über die große verödende Not der blutig wilden Kriegsläufte. Ein verworrenes Gefühl preßte ihm die Brust, gewaltsam trachtete er, sich demselben zu entreißen, und frug jetzt hastig: »Reiten wir nach Markirch hinüber?« Da bog im selben Moment Welf Siebald eilfertig seitwärts ins Dusenbachtal ein. »Hurtig!« stieß er gedämpft aus, »die Ohren der Bärenhäuter drüben wachen sonst auf!«

Dann geschah alles in äußerster Schnelligkeit, ehe Guy noch seine wunderlich treibenden Gedanken klar zu sammeln vermocht. Er sah sich weiter oben vor der Kapelle, seine Begleiter hastig abspringend und in diese hineinstürzen. Auch er folgte halb unbewußt nach; nun gewahrte er, wie Welf Siebald auf die Altarnische zulief, daran emporschnellte und rasch seine Hand nach dem lebensgroßen Bildnis unserer lieben Frau von Dusenbach vorsteckte. Unwillkürlich flog es laut vom Munde des jungen Ritters: »Was wollt Ihr?« Der Angerufene drehte zornig den Kopf und versetzte: »Halte dein Maul, Dummkopf – vergebt, waret Ihr der unbedachte Schreihals, Herr Ritter? Ich will das, was Holzpuppen nicht brauchen, aber Fleisch und Blut hat Bedarf danach; Ihr sagtet ja, es sei Pfeifertag heut', und wir sind unserer lieben Frau einen Besuch schuldig.« Und hämisch lachend riß er begierig die kostbaren Edelsteine von dem schweren Goldgewande des Madonnenbildes herab und stopfte seinen Sack damit.

Das war der Zweck, die Erklärung des nächtlichen Ausrittes, des Zornes Welf Siebalds über die Verspätung und der vorsichtigen Umgehung von Rappoltsweiler – Kirchenraub an den kostbaren Schätzen, mit denen die gläubige Frömmigkeit von Jahrhunderten das wundertätige Marienbildnis geziert. Durch manche Menschengeschlechter hatte es hier unbeschützt bei Tag und Nacht in einsamer Waldesstille gestanden und keines Wächters bedurft, da die Zeit unter vielen Millionen bisher keine Hand erschaffen, die sich anders als bittend nach ihm auszustrecken gewagt. Jetzt erkannte Guy, was Siebalds Antwort bedeutet, daß er sich eine halbe Mandel von Begleitern ausgesucht, die Teufel und Hölle nicht fürchteten. Mit grinsendem Hohngezerr halfen die gemein-frechen Knechtsgesichter ihrem Anführer bei der Plünderung, rissen Gold und Gestein an sich, und die liebe Frau von Dusenbach tat kein Wunder, lähmte ihre Angreifer nicht mit göttlicher Kraft, sondern ließ sich hülflos ihrer Krone, ihres Kleides und Schmuckes berauben. Wie sollten Holzglieder sich auch zur Wehr setzen, und es lag eine Wahrheit darin, daß Hunger und Durst der Lebendigen unter der Drangsal der Zeit gewichtiger in die Wage fielen als der glänzende Aufputz eines toten Bildes. Aber dennoch stieß etwas Rohes, Häßliches in dem Vorgang Guy Loder ab und zog ihn mit heftigem Widerwillen, nicht Augenzeuge desselben zu sein, aus der Tür ins Freie zurück. Er wollte sich in den Sattel schwingen und allein davonreiten, doch wie er hinaustrat, fiel ein erster Goldstreif der Sonne osther in die enge Talschlucht herüber. So friedvoll, feierlich still lag diese unter dem wolkenlos niederblauenden Himmel, nur der Dusenbach plätscherte leis helltönig von Stein zu Stein. Der junge Ritter konnte die Stätte so vielfältiger Erinnerung nicht verlassen, er schritt etwas abwärts, um das gedämpfte Stimmengesurre in der Kapelle nicht zu vernehmen, und blickte träumerisch auf die kleinen blinkenden, hüpfenden Wellen hinunter. Sein Herz schlug laut und pochte ihm das Blut heiß in die Stirn, daß er den schweren Helm vom Haupte nahm und neben sich aufs Moos legte. Dort hinüber, hinter der schwärzlichen, hoch aufragenden Felswand, nur kurze Wegstrecke entfernt, lag die Ulrichsburg, doch von hier aus war sie nicht zu erblicken.

Da fuhr Guy Loder plötzlich sonderbar zusammen. Ein Ton hatt die Stille durchklungen, seltsam, als ob unsere liebe Frau einen Schrei hervorgestoßen. Noch einmal rang er sich jetzt unverkennbar von den Lippen eines Weibes, Rufe übertäubten ihn, dann tönte die Stimme Welf Siebalds jäh frohlockend von der Kapellentür: »Stopft ihr die Zähne mit ihrem Tuch! Das ist ein Jungfernfang, von dem wir nicht geträumt haben, mehr Gold wert als die bunten Fetzen von dem Holzleib da drinnen. Hurtig aufs Pferd mit ihr, und dankt unserer lieben Frau hübsch. Sie hat's dem Golddirnlein eingegeben, scheint's, hier nach altem Brauch heut mit dem Kranz die Huld zu tun.«

Unwillkürlich, gedankenlos vorspringend, eilte Guy der Kapelle zu. Er sah eine junge weibliche Gestalt sich vergeblich gegen mehrere der Knechte sträuben; offenbar war sie arglos in der sonnigen Frühstille von oben aus dem Dusenbachtale herabgekommen, um die Waldkirche zu besuchen, vielleicht bei der wundertätigen Madonna heimlich etwas zu erbitten; ihre eine Hand hielt noch einen Kranz von gelben Rosen. Nun rief sie noch einmal, ehe das Tuch ihr den Mund knebelte, um Hülfe, beim Ringen löste sich ihr langes Haar und flog ihr wie ein Goldschleier bis über die Hüften herab, und der junge Ritter stieß einen Schrei zugleich heißen Schreckes und herzstürmenden Glückes aus; es war Erlinde von Rappoltstein, nicht mehr an der Grenze zwischen hochgewachsenem Kinde und Jungfrau, sondern sonnenhaft darüber hinausgeblüht, ein holdseliges Wunder zaubervollen Frühlingstages. Blitzschnell hatte Guy die Knechte erreicht und rief: »Laßt das Edelfräulein! Seid Ihr von Sinnen! Es ist des Grafen von Rappoltstein Tochter!« Doch vor ihm lachte es von den Lippen Welf Siebalds: »Eben drum sind wir sehr bei Sinnen, sie mit uns zu nehmen, für des Herzogs Säckel und den unseren!« Guy blickte den Antwortenden einen Moment verständnislos an; nun rang das Mädchen, ihn erkennend, freudig aufleuchtenden Auges, doch sprachlos von der Knebelung des Mundes, die Hände gegen ihn hin, und wild-zornig packte der junge Ritter den nächsten der Gewalttäter mit der Faust und stieß herrisches Gebot drein: »Zurück! Bei meinem Schwert, der ist des Todes, der sie noch anrührt!« Durch Welf Siebalds Wimpern aber schoß ein heißer Strahl befriedigten, neidglühenden Rachegelüstes, seine Hand zuckte nach der Hüfte und er schrie höhnisch: »Ho, Pfeifritter, so wetten wir nicht! Das ist wider des Herzogs Dienst – Ihr zeugt's mir!« Und mit pfeifendem Hieb fuhr sein aufgerissenes Schwert geradeaus auf den helmlos unbewehrten Scheitel Guy Loders herunter. Wie ein umstürzender Baumstamm fiel dieser, blutüberströmt, reglos zu Boden; Siebald rief, sein Frohlocken kaum bemeisternd, noch einmal: »Ihr zeugt's mir Alle, er wollt uns mit Gewalt an des Herzogs Dienst hindern!« dann murmelte er, gesättigt sich weidenden Glimmerblickes: »Da lieg in deinem edlen Bauernblut, Gimpel! – Mir die Golddirn!« Fort! hob er befehlend die Stimme hinterdrein, warf die widerstandslos gebundene Erlinde von Rappoltstein vor sich auf den Sattel, doch nicht in den seines eigenen, fußschleppenden Pferdes, sondern auf das Roß Guy Loders und nach wenigen Augenblicken stob der kleine Reitertrupp windschnell wieder zum Sprengbachtal hinab. Kaum eine Viertelstunde lang hatte er die einsame Waldschlucht belebt gehabt; es war immer noch früher Morgen und das enge Dusenbachtälchen lag friedlich schön im Geflimmer der aufsteigenden Sonne wie zuvor. Nur zerflatterte gelbe Rosenblätter deckten verstreut da und dort den Boden von der Kapelle, von deren Altarnische das liebreiche Bildnis unserer lieben Frau wunderlich gewandlos auf zerschlagene Geräte und Scherben bunter Glasgemälde herniedersah, und ohne Laut und Regung lag draußen der junge Ritter Guy Loder von Nancy auf dem Fleck, wo er zu Boden gestürzt. Aus breiter Wunde sickerte das Blut noch unter seinem dichten Haar hervor, ein Tropfen rann an seiner Schläfe und fiel in einen duftenden Rosenkelch, auf den der Sturz ihm den Kopf hingebettet, als habe äffender Zufallsspott seinen Scheitel im Tode mit dem Kranz des Pfeifertags geschmückt.

So blieb es manche Stunde lang, bis gegen den Mittag hinan, zum ersten Mal seit vielen Jahren tonlos und leblos an diesem Tag unter dem grünen Blätterdach um die Waldkapelle. Dann kam ein Schritt vom Sprengbachtal her leistönend durch die Felsschlucht herauf, und die Sonne gewahrte das einzige Bild, das der Tag heute hier mit sich brachte, wie sonst. Zwischen ihren ruhig wandelnden Begleiterinnen kam Bettane dahergegangen.

Sie wußte auf ihrer stillen Berghöhe nichts von Hader und Waffengetöse hier unten, der Wind trug's nicht zu ihr empor. Wie alle Mal am Pfeifertag hatte sie sich mit der Morgenfrühe auf den Weg durch die weiten, dunklen Wälder gemacht und wohl mit Verwunderung die Reglosigkeit drunten am Sprengbach wahrgenommen. Aber nach gewohntem Brauch schritt sie gleichmäßig weiter neben dem plätschernden Dusenbach aufwärts. Nun fiel ihr Blick über den einsamen, unbeweglichen Körper vor der Kapelle, und großstaunend, doch ohne Scheu trat sie hinzu. Im Moment aber, als sie das Gesicht auf das Antlitz des leblos Daliegenden vorblickte, brach herzdurchschneidend ein erster Schrei ihres Lebens von den stummen Lippen Bettanes. Wie aus einer gewaltsam zersprengten Brust kam er, so voll tödlich hervorbrechenden Wehs, als müsse auch aus ihr das Lebensblut verströmend nachschießen, und gleich einer ungeheuren Anklage gegen die Erde, die es geduldet, gegen Himmel und Sonne, die unbeweglich dazu dreingeblickt, lief von den Felswänden der Rückhall des furchtbaren Aufschreies durch das stille Dusenbachtal empor.

Aber dann hatte der Jammerausbruch des Herzens auch wie ein Sturm die lähmende Betäubung von ihrer Seele abgerissen, sie kniete neben dem Reglosen und begann jetzt mit seltsam ruhigen Händen ein schwieriges Werk, ihm den schweren Eisenpanzer von der Brust abzulösen. Die Bewegungen ihrer Finger glichen denen einer Nachtwandelnden, so selbständig, ohne Beihülfe der unverwandt auf dem atemlosen Antlitz unter ihr haftenden Augen, vollzogen sie ihren Zweck. Endlich war dieser erreicht, ihre Hand öffnete das Wams unter dem Harnisch und legte sich auf das Herz Guy Loders. Dann atmete die Brust Bettanes zum ersten Mal langsam tief nach Luft; ganz leise, kaum einem anderen als ihrem unglaublich fein geschärften Gefühl bemerkbar, schlich noch eine Lebensregung in dem Herzen.

Nun erhob sie sich und sah kurz umher; die vorherige besinnungslose Angst ihrer Züge beherrschte ein wundersamer Ausdruck sicheren Willens. Sie trat rasch in die offene Kapellentür, nahm, ohne die Verwüstung darin erstaunten Blickes aufzufassen, eine Altargerätscherbe vom Boden, füllte Wasser in diese am Dusenbach und kam zurück; den Kopf Guys sanft in ihren Schoß bettend, wusch sie ihm behutsam das Blut vom Gesicht fort und untersuchte, vorsichtig Haar um Haar entfernend, die vom Stirnrand bis ans Hinterhaupt reichende Wunde. Diese klaffte breit, doch auch in ihr stand die Blutung, und das Mädchen riß Streifen von ihrem Gewande und legte die in das kühle Wasser getauchten zwischen die Wundränder hinein. Es war, als ob der Schwergetroffene eine Linderung brennenden Schmerzes empfinde, denn zum ersten Mal regten sich seine Lippen mit einem leisseufzenden Laut. Sie blieben halb geöffnet danach, als zögen sie unmerkbar Atem ein; die Hand Bettanes kehrte ab und zu nach dem Herzen zurück, ein wenig kräftiger schien sich der Schlag zu verstärken.

So saß sie, auf das leis wachsende Leben des todbleichen Antlitzes in ihrem Schoße wie mit den Augen niederhorchend, und in diesen wuchs allmählich auch der alte grüngoldene Glanz, als sei eigentlich nichts Entsetzenvolles geschehen, vielmehr als sei's ein traumhaftes Glück, so in der tiefen Waldstille einsam zu sitzen und sorglich von Minute zu Minute mit frischer Benetzung das verwundete Haupt des Bewußtlosen zu kühlen. Dann und wann einmal sah sie auf, doch offenbar blickte sie nicht verlangend nach einer Beihülfe umher, kurz nur schlug sie die Lider, wie mit einem lautlosen Dank zwischen ihnen, zur Sonne empor, und das seltsame Lächeln, das sie einstmals von dem Knaben neben sich auf der Berghöhe gelernt, ging wie ein holder Märchenschimmer um die Lippen ihres unschönen Gesichtes, wenn sie den Blick wieder auf die zart behütete Stirn in ihren Händen zurückwandte.

Wie die greisenhaften Züge Bettanes aber ihre traurige Naturmitgift nicht verändert hatten und ihre Zunge keine Sprache erlangt, so vernahm auch ihr Ohr so wenig wie von je, hörte nicht, daß nach einer Weile drobenher aus der Verengung des Dusenbachtales ein lauter Ruf scholl: »Sucht überall im Walde, von hier kam der Schrei!« Eilige Fußtritte klangen bald nachher über Felsgeröll abwärts, allein erst an einer Kopfdrehung der neben ihr kauernden Ziegen nahm Bettane gewahr, daß hinter ihr etwas an sie herannahe. Wie sie gleichfalls nun umschaute, blickte sie in ein schon dicht herzugekommenes, ihr bekanntes Gesicht, das ihr keinerlei Sorgnis, sondern ersichtlich ein jähes Gefühl der Freudigkeit einflößte, denn es war dasjenige Velten Stachers. Er trug noch das Silberbildnis unserer lieben Frau von Dusenbach um den Hals, doch nicht auf schmuckem Wams wie früher, vielmehr über dem eisenbesteppten Koller eines Kriegsknechtes; er war heut kein Pfeifer mehr, sondern der Drang der Zeit hatte ihn mit dem Schwert unter die Dienstmannen des Grafen Schmaßmann von Rappoltstein gestellt. Eines lebendigen Wesens in der Schlucht ansichtig werdend, rief er im hurtigen Lauf: »Hast du des Grafen Tochter gesehen? Sie ist in der Früh heimlich aus der Burg gegangen und nicht wiedergekehrt – wir hörten droben einen Schrei, als käm's von hier.«

Er stutzte, denn nun erkannte er das stumme Mädchen, das er schon zweimal hier betroffen; sie hatte seinen Ruf nicht verstanden, er war noch zu weit entfernt gewesen, als daß sie ihm die Worte von der Lippenbewegung ablesen gekonnt, und sie deutete nur auf das Gesicht des schwer Verwundeten in ihrem Schoß. Wie blitzgetroffen zuckte Velten Stacher bei dem plötzlichen Anblick, Tränen schossen ihm von der Wimper, mit krampfhaftem Griff faßte er die Hand des anscheinend leblos Hingestreckten, und erst als er Wärme in derselben fühlte, kam ihm mählich die Besinnung zurück. Eine wunderliche Unterredung hob zwischen ihm und Bettane an; beiden war die Auffindung Guys im Dusenbachtale ein unverständliches Rätsel, und beide verstanden sich untereinander kaum besser – wenigstens Velten Stacher das Mädchen nicht; sie las dagegen jetzt aufmerksam von seinem Munde, daß er ihr sagte, nach allen Richtungen lasse der Graf von Rappoltstein seine seit dem Frühmorgen verschwundene Tochter suchen. Da lief ein Licht durch Bettanes Augen, sie streckte rasch die Hand zu Boden und hob eine bisher nicht von ihr beachtete, blutbesprengte gelbe Rose gegen den jungen Kriegsmann auf. Dieser begriff nicht, was sie damit ausdrücken wolle; hastig zog sie ihr Schiefertäfelchen hervor und schrieb darauf: »Sie war hier; wo die Rose ist, war sie auch; er wollte sie vor etwas beschützen, darum liegt er jetzt so.« Aber Velten Stacher schüttelte nur wieder mit dem Kopf, denn er verstand auch heut noch so wenig zu lesen wie früher. Statt dessen nahm er mit schier ungläubigem Staunen die goldenen Sporen an den Füßen des jungen Ritters gewahr; aufstehend und in die Waldkapelle hineintretend, sah er nun die Verwüstung drinnen, das beraubte Bild unserer lieben Frau, und undeutliche Mutmaßungen, was hier vorgefallen, drängten sich ihm durch den Kopf übereinander. Auch den Helm Guys fand er etwas abseits am Bachrand, derselbe beließ keinen Zweifel, daß er einem Ritter angehöre; eine Fülle unlöslicher Rätsel blieb, doch es war nicht Zeit und Ort, darüber nachzusinnen. Die Begleiter Velten Stachers hatten sich nach vergeblichem Umhersuchen angesammelt, nichts gab über Erlinde von Rappoltstein Auskunft. Ihr Führer hieß sie jetzt eine Tragbahre aus Baumgezweig anfertigen, Bettane häufte sorgsam weiches Blattwerk über das Geäst, auf welches der Verwundete vorsichtig gebettet ward. Velten Stacher hob ihn mit den Anderen und trug ihn, das stumme Mädchen schritt hinterdrein und ließ, zur Obhut gegen jeden Unfall, die Hand nicht von dem Kopfe Guys. Ihre Züge drückten Freudigkeit über die tatkräftige Hülfe aus, die ihm zu teil geworden, doch in der Tiefe ihrer Augen lag eine heimlich zurückgedrängte Trauer, daß er nicht ihrer Hand allein mehr anheimgegeben sei. Ihr Blick redete, sie habe ihn gefunden, ein flüchtiges Weilchen habe er ihr angehört, nun verliere sie ihn wieder mit jedem Schritt. So wanderten sie langsam-vorsichtig durch das enge Dusenbachtal aufwärts.

Der Emporgetragene selbst aber wußte nichts davon. Nur einmal schlug er plötzlich weit die Augen auf, denn ein lautes Getöse und Durcheinanderrufen von Stimmen riß ihn aus der Besinnungslosigkeit. »Habt ihr sie?« rief's, und er sah enttäuschte Gesichter über sich. Von diesen kannte er zwei: den Grafen Schmaßmann von Rappoltstein und den Herzog René von Lothringen, und wie ein Blitz schoß es ihm durchs Gehirn, daß der letztere von Nancy hierher geflüchtet und mit dem rappoltsteinschen Hause verbündet gewesen sei. So hatte er gegen den Vater Erlindes die Waffen geführt, war Gefangener auf der Ulrichsburg, und so hatte die Verheißung Welf Siebalds sich ihm mit bitterem Hohne erfüllt.

Doch weniger ein Denken als die Empfindung eines Momentes war's, sogleich von ungeheurem, betäubendem Schmerz überdrängt. Er gewahrte nichts mehr, wie mit einer Eisenfaust preßte es ihm die Lider wiederum herunter, und er fiel in auslöschende Bewußtlosigkeit zurück.

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