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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 17
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
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Sechzehntes Kapitel

Hastig ritt der Herzog Karl von Burgund mit seiner kleinen Geleitschaft durchs Zwielicht und bald durch die Nacht am Rand des Wasichingebirges entlang gen Süden. Er hatte bei dem unbehülflichen Reitergebahren Guy Loders nur einmal den Kopf gedreht und kurz gesagt: »Wenn du fällst, sammle deine Knochen auf und hinke nach dem Eulennest zurück;« dann bekümmerte er sich nicht weiter um das Mitkommen des Jünglings. Diesem war's noch wie im Traum; er fühlte sich fortgetragen, fast ohne Bewußtsein, was ihn durchs Dunkel davonriß. Manchmal kam er zur Besinnung, empfand, daß er sich übelgebückt an Hals und Mähne seines Rosses festgeklammert hielt, und segnete die Finsternis, welche sein Ungeschick und die heiße Schamglut seines Gesichtes verbarg. Doch schon flogen seine Gedanken wieder, vom Körper abgelöst, irr in die Weite; ungelenkt folgte sein Pferd aus eigenem Antrieb den anderen nach. Unglaubhaft erschien ihm alles, und doch jauchzte stürmisch sein Herz ihm Gewißheit, daß er als Zeltknappe Karls des Kühnen hier ritt, als Edelpage des Herzogs, zu dem eine zornige Laune desselben ihn erhoben, um dem Ritter von Egisheim zu zeigen, er hebe empor und werfe nieder, wie's die Blutwelle seines Kopfes auftreibe. Aber dennoch hatte Guy in den hochfahrend blitzenden Augen des Gewaltigen gelesen, daß dieser nicht an jeglichem das Nämliche getan haben würde; darüber wallte ihm noch ungestümer die Brust als, über die märchenhafte Erhöhung des niedrigen Bauernsohnes zum Edelknappen selbst. Noch in seiner Glückseligkeit empfand er gemach schreckhaft deutlicher, daß alles in Wahrheit nur ein Traum sei, wenn er vom Sattel auf den Boden herabstürze. Er hatte den Herzog kennen gelernt und wußte, dieser würde nicht den Kopf wenden, um zu sehen, wo der tölpische Reiter am Wegrand liegen bleibe. Das überlief ihn siedend; alle namenlosen Hoffnungen seiner Zukunft hingen an dem Fehltritt, der Laune eines Tieres. Es ward ihm unmöglich, diese qualvolle Ungewißheit länger zu ertragen, seine rechte Hand löste sich von der Mähne des Rosses und faßte mit unbedachtem Ruck den Zügel. Das Pferd stockte und schnaubte, gesinnungslos schlug er ihm unwillkürlich die Fersen gegen die Weichen, und es schoß wieder dahin. Aber er saß halb aufrecht jetzt und fühlte sich nicht unsicherer als zuvor. Es galt nur, in der ungewohnten Bewegung das Gleichgewicht zu bewahren, den vollen Mut zu fassen, daß es möglich sei. Nun stieg der Weg eine Strecke aufwärts, die Pferde fielen von selbst aus dem Trab in langsameren Schritt und Guy ließ auch die linke Hand von ihrem Halt fahren. Dann hob der hurtige Lauf wieder an und erst nach einer Weile kam es dem jungen Reiter zum Bewußtsein, daß er sich ohne die vorherige Beihülfe im Sattel erhalten. Er begriff nicht, weshalb er nicht gleich so auf demselben gesessen; ihm war, als sei's dem Menschen angeboren, die Natur lehre es ihn von selbst, und er lachte über seine vorherige törichte Furcht. Doch ein anderer Feind bedrohte ihn jetzt: es war die zweite Nacht, die er ruhelos durchwachte, mit Übermacht packte das Schlafbedürfnis ihm die Augenlider und suchte sie herabzuzwingen. Das war ein gefährlicherer Gegner als das leicht zu beherrschende Tier unter ihm; manchmal fuhr er schreckhaft zusammen, denn er fühlte jäh, daß er trotz angestrengtem Kampf im Begriff gestandenen, zu unterliegen. Dann jedoch fand er eine seltsame Kriegslist gegen den Feind. In der Finsternis rief er das ferne Gesichtsziel seiner einstmaligen Hochgebirgseinsamkeit, die Schlösser über Rappoltsweiler, sich vor dem Blick auf. Sie winkten und leuchteten bald im Sonnenglanz, bald im weißen Mondlicht, und er ritt ihnen entgegen. Weit hinüber lagen sie noch, doch kam er ihnen näher. Schwer wollten die Wimpern ihm wieder fallen, da loderte der rote Fackelschein vor dem Tor der Ulrichsburg, von ihm bestrahlt wandte sich ein goldumflossenes Antlitz und schaute in die Nacht zurück. Wonach hatte es noch einmal, wie suchend, die Augen in die Mondhelle aufgehoben? Der junge Reiter wußte es nicht, aber sein Herz klopfte hastig mit lautem Schlag, und besiegt floh der Schlaf von den Lidern.

Ohne Anhalt und ohne Laut ging's dahin, nur einmal vernahm Guy an einem Ausruf, daß sie die burgundische Grenze erreicht hatten, und nach abermaliger langer Frist sah er wie gestern um die nämliche Stunde im frühesten Dämmergrau Mauern und Türme vor sich in die Luft steigen. Der Reitertrupp hielt, auf ein Losungszeichen öffnete ein Wächter eilfertig das Tor der Stadt Vesoul. Nun drehte der Herzog zum ersten Mal den Blick nach seinem neuen Knappen, der im falben Morgenschein hoch aufgerichtet neben ihm durch die verschlafenen Gassen ritt, und sagte scharf lachend: »Hast reiten gelernt zur Nacht, Junker?« Sie hielten vor einem hohen Gebäude, ein Wink Karls gebot Guy Loder, ihm nachzufolgen. Staunend gewahrte er im Schimmer des Frühlichts den üppigen Prunk der Palasträume, die sie durchschritten; im Vorgemach eines Saales hieß der Herzog ihn warten. Es dauerte lange, und der Jüngling setzte sich auf eine Ruhebank. Plötzlich fuhr er heiß erschrocken auf, der Schlaf hatte ihn jetzt unwiderstehlich überwältigt gehabt, die Stimme seines neuen Herrn riß ihn daraus empor. Verworren stammelnd, flog er in die Höhe, doch der Herzog drückte ihn auf die Bank zurück und sprach mild, fast schwermütigen Tones: »Schlaf, Knabe, du hast's verdient; ich wollt, meine Augen könnten's wie deine.« Er griff nach einem Mantel und deckte ihn über den Hingestreckten. »Solltest du mich einmal schlafend finden, so tu's mir auch.« Dann fügte er gebietend drein: »Heut darfst du ruhen, dann nicht wieder in meinem Dienst!« und schritt durch die Tür zurück.

Als Guy Loder am Mittag vom kräftigenden Schlaf erwachte, sah er sich in einer verwandelten Welt. Am Schluß eines glanzvollen Gefolges des Herzogs von Feldobersten, Grafen, Rittern und Herren ritt er in neuer kriegerischer Ausrüstung vor das Nordertor der Stadt. Auf einem weißgestirnten Rappen sprengte Karl der Kühne voran: kein Zug seines Gesichtes verriet, daß seit zwei Tagen und zwei Nächten kein Schlummer über seine blitzenden Augen gekommen. Es war nicht mehr der unscheinbare Soldknecht aus der Burghalle des Ritters von Egisheim; blickverwirrende Pracht umgab ihn. Über dem glitzernden, engschließenden Panzerhemd flog königlicher Purpurmantel, Rubinen und Smaragde funkelten am Wehrgehenk, vom Schwertgriff, ein goldener Löwe reckte drohend die Tatze von der Spitze des Helmes. Unter ihr, von der vorgestreckten Pranke behütet, flammte mit tausend Lichtern, blendend wie eine Sonne, ein wasserheller, kaum merkbar ins Gelbliche rinnender Stein: der größte, kostbarste, vielgeneidete Diamant, den die Erde besaß, einem Königreich gleich an unschätzbarem Wert. Aber dennoch bedüngte Guy Loder das Feuer der beiden lebendigen Karfunkelsteine darunter von noch mächtigerer, jedes Auge niederzwingender Glut.

Nun schlug brausender, tausendkehliger Jubelruf an sein Ohr, der weite Plan vor dem Tore Vesouls war von geharnischten Reitern und Fußvolk überdeckt, musternd sprengte der Herzog an den aufgereihten Gliedern entlang. Wie glimmernde Augensterne von Wölfen, Luchsen, Pantherkatzen folgten alle Blicke ihm nach; er war der Löwe, dessen bodenschütterndes Aufbrüllen sie gierig erharrten.

Er war noch mehr: der Sturm, der Donner und der Blitz. Wohin seine unbändige Gewalt Guy mit sich riß, erfuhr dieser kaum. Das Heer brach auf und wälzte sich gegen Norden; es glich einem schießenden Bach, dem von allen Seiten brausende Wildwasser zuschäumten, so daß er in wenig Tagen zu breitwogendem Strom anschwoll. Und niederreißend ergoß er sich in die Lande, gegen die Burgfesten und Städte des Herzogs René von Lothringen.

Kaum mehr als die Namen der bezwungenen Mauern vernahm Guy Loder, dann wirbelte der Sturm ihn weiter. Er stritt in der Schlacht, er verfolgte den Feind, er hielt als Herold vor einem Tor und forderte die Verteidiger, sich seinem königlichen Herrn zu ergeben; wie lange er das alles schon tat, wußte er nicht mehr, nur an grünen Blättern sah er manchmal einen Augenblick, daß es Frühling geworden, und er fühlte heiße Sommersonne auf seinem Panzer brennen. Doch wie er sich nicht mehr vorzustellen vermochte, daß seine Hand sich einmal ängstlich in die Mähne des Pferdes geklammert, so war's ihm, als sei er im Kriegsgetümmel zur Welt gelangt, großgewachsen und habe nichts anderes um sich gekannt. Vor keinem Wettstück der Reiterkunst scheute er zurück, vor keinem feindlichen Gedränge. Wie sein Gebieter, kannte er kein Zögern, keine Furcht und stürmte achtlos vor, mit dem tollen Wagnis desselben bei Montlheri wetteifernd; wußte, daß er, von Übermacht bewältigt, fallen konnte, aber der Sieg mußte über seine Leiche nachfolgen, denn er focht für Karl den Kühnen, den Unbezwinglichen. Oftmals war dieser Augenzeuge der schrecklosen Tapferkeit Guy's, doch nie kam ein Wort des Lobes, der Anerkennung von den Lippen des Herzogs. Und der hastig zur entschlossenen Selbständigkeit der Manneskraft heranreifende Jüngling harrte nicht auf solchen Lohn. Es mußte so sein, er tat nur seine Pflicht; überall sah er das Wort des ersten Tages bewahrheitet: in dem Dienst des Gewaltigen durfte Niemand ruhen. Aber auch danach begehrte er nicht, in ihm selbst trieb ein ungestümer Drang nach rastloser Anspannung aller Kraft; Schwerthieb und splitternder Lanzen Geschetter, das Krachen der neu erfundenen Feuerrohre klang ihm wie Lockruf durchs Ohr ins freudig aufwallende Blut hinein.

Auch der Abend vergönnte ihm noch nicht die Ruhe, zu der Reiter und Fußknechte sich draußen um ihre lodernden Feuer hinstreckten. Dann mußte er des Zeltdienstes beim Herzog gewärtig sein und durfte nicht schlafen, wenn dieser ihn rief. Oft bekämpfte seine Jugend unnütz die schwere Müdigkeit bis lange über Mitternacht hinaus, doch manchmal erscholl plötzlich wider Erwarten der Ruf, der ihn noch in später Stunde hereinbefahl. Von den Kriegsplänen, über die er gesonnen, aufstehend, winkte Karl von Burgund ihm wortlos und streckte sich vollbekleidet auf seine harte Feldlagerstatt, und Guy wußte, was ihm zu tun oblag. Der Herzog hatte vernommen, daß sein Knappe die Pfeiferkunst erlernt, und ließ sich dann und wann von ihm mit der Flöte in den Schlaf spielen. Sanft und lieblich mußte es tönen und immer leiser ausklingen; er sprach einmal: »So wie du dem Mädchen spielen würdest, das du liebst.« Sein scharfer Blick flog dabei über die dunkel errötenden Wangen Guys, und er fügte wider seinen wortkargen Brauch hinterdrein: »Glaubst du, ich wüßte nicht, warum dein Arm tapfer und dein Herz mutig ist? Man ist's nur um drei Dinge: für den Ruhm, für ein Königreich oder für ein Weib. Die Flamme in deinem Gesicht redet, wofür du's bist. Spiele mich in Schlaf, glücklicher Knabe! Die beiden Erdendinge machen müde; du kannst wachen, denn deine Brust hat Himmelsglut. Laß dein Herz meine zur Ruh klingen.«

Und Guy Loder folgte dem Geheiß und blies leis und lieblich die alten Weisen. Auch er selbst schloß die Augen dabei, traumhaft klang es durch das stille, nächtliche Lagergezelt, wie Blattgelispel und Quellgeriesel, wie summender Windhauch in goldener Sonnenluft auf einsamer Bergeshöhe. Zuweilen überkam's ihn, als spiele er wie einst den lautlos heranhuschenden, auflugend lauschenden Eidechsen, und er sah sie grüngoldig vom Felsgrund schimmern gleich zwei seltsamen, schweigsam leuchtenden Augen neben ihm. Dann fuhr jach seine nickende Wimper empor, und er flötete in der kurzen Nachtrast zwischen dem wilden Kriegsgetümmel von heut und morgen Karl den Kühnen von Burgund in den Schlaf. Die Lider des Herzogs sanken, doch ab und zu schlug er sie plötzlich einmal wieder auf und murmelte ein unverständliches Wort. Manchmal klang es zornig, manchmal seufzend; zuletzt ging gemeiniglich ein stilles, schönes Lächeln um seine Lippen, und er schlief. Dann bückte Guy sich behutsam vor und sah auf ihn hinab. Es konnte nicht köstlicheren Lohn für ihn geben, als in das königlich edle Antlitz zu schauen, dessen Augenblitze nicht mehr drohten, das vom großen Bezwinger der Menschheit gleich dem jedes anderen Erdenkindes ruhevoll beschwichtigt und hilflos dalag. Freudig klopfte es im Innern des Jünglings, sein gewaltiger Gebieter legte sich vertrauensvoll unter seiner Hut zum Schlaf, und ob ihm kein Lobspruch je vom Munde des Wachenden zufiel, empfand er stolz beglückt: das wilde, hochfahrende, von den Mächtigsten der Erde bang gefürchtete Herz in der jetzt so friedlich atmenden Brust spiele mit ihm nicht nur in wechselnder Laune, sondern sei ihm, auch wenn die Lippe stumm bleibe, gleichmäßig freundlich gesinnt. In manchem war die Welt heimlich anders, als sie schien, und das Menschenherz ein seltsames Rätsel. Gar grelle Widersprüche konnten darin nebeneinander wohnen: eisige Härte, vernichtender Herrscherstolz, unersättliche Ruhmgier bei einem schwermutsvollen Aufzittern der Seele, und der trotzige Hochmut eines Herzens, das nichts über sich kannte, frug nicht, ob jemand hoch oder niedrig sei, dem es seine Gunst zuwandte. In unscheinbaren Zeichen tat sie kund, daß sie da sei, und ein wonniges, namenloses Gefühl überkam Guy, das sei die Art jeden echten Menschenherzens; es wäge seine Neigung nicht nach vornehm und gering, sondern gebe sie mit freier Willkür als Geschenk hin. Und so mit beglückenden Träumen fiel der Schlaf auch über ihn, legte er auf unbequemer Ruhstatt sich mit geschlossenen Augen neben seinen Herrn zurück.

Von dem, was an großen Dingen der Welt um ihn her vorging, erfuhr er aber kaum mehr als der gemeine Haufen des unablässig hierhin und dorthin schwenkenden Heeres. Nur sah er seit manchen Wochen im Innern des Zeltes die Lippen des Herzogs täglich fester zusammengepreßt und noch düsterer als früher die Glut in den Augen darüber brennen; daran gab sich ihm das Heraufdräuen eines schwer zusammengeballten Unwetters zu erkennen.

Schon vom Sommerbeginn her waren sie öfters auf fremde, nicht lothringische Fähnlein gestoßen, bald fränkische, bald rheinländische; häufiger geschah dies jetzt von Tag zu Tag. Ein Raunen ging abends durchs Lager, ein Gerücht, dem jeder Mund hinzutat; nicht nur hier, sondern auch drunten am Rhein und droben an den Alpen Savoyens stehe Burgund in Waffen und Kampf, denn fast ganz Europa habe sich gegen den Herzog verbündet. Und so war's, schnell wuchs der umlaufende Ruf zur zweifellosen Gewißheit. Der deutsche Kaiser und der König von Frankreich, das österreichische Erzherzoghaus und die Eidgenossenschaften hatten sich gleichmäßig von den weitzielenden Plänen Karls des Kühnen bedroht gefühlt, ihre alten Zwistigkeiten untereinander beigelegt und mit dem Herzog René von Lothringen ein Schutz- und Trutzbündnis gegen den Allgefürchteten abgeschlossen. Von Ost und West, Süd und Nord drängten Heerhaufen wider ihn heran; Botschaften zurückgeschlagener und aufgelöster burgundischer Streitkräfte, eroberter Städte und Festen in der Freigrafschaft flogen, wie vom Wind getragen, durchs Lager.

Doch nur Guy sah im verschwiegenen Zelt die finster brütende Miene seines Herrn. Wenn dieser seinen Rappen bestieg und durch die Truppenreihen dahinritt, flammte sein Gesicht heller denn jemals von übermütiger Heiterkeit und stolzer Siegeszuversicht. Er lachte, und luftiger Scherz flog ihm von den Lippen, staunend horchten die Ohren auf seine ungewohnt sprudelnde Laune. Es konnte doch nicht sein, das Unheil sich nicht so unabwendbar rings um ihn auftürmen, wie das böse Gerücht von allen Seiten rief. Sein Mund spaßte laut, als bedürfe es nur seines Anhauches, um die schwarzen Wetterwolken zu zerblasen, denn wo er selbst zum Angriff vorsprengte, war noch immer der Sieg wie von je.

Da stand er jetzt mit seiner Heermacht vor Nancy, der Hauptstadt Lothringens, der letzten noch unbezwungenen Feste des Landes. Jeder wußte, das Morgenlicht werde den Beginn einer großen Schlacht sehen, denn der Herzog René hatte sich unter Zuzug von Truppenhaufen seiner Verbündeten mit dem Rest seiner Streitkraft zur Verteidigung der gewichtigen Stadt hierher gewandt. Schlaflos verbrachte Karl von Burgund die Nacht, mit dem ersten Schimmer des Tages erscholl sein Ruf. Doch er wies den herbeieilenden Knappen zurück und befahl den Junker von Loder. Von dem ließ er sich ohne ein Wort die Rüstung anlegen; nur als Guy ihm zum Schluß den Löwenhelm darreichte, traf ein sonderbarer Blick des Herzogs in seine Augen, und dieser sprach kurz, auf den unschätzbaren Diamanten deutend: »Verlör' ich ihn und du fändest ihn auf, ist er dein.« Nun drückte er sich rasch den Helm aufs Haupt und trat hinaus. Trompeten schmetterten der aufglühenden Sonnenscheibe entgegen, mit Blitzesschnelle hatte die Schlacht begonnen. Es war ein Ringen ungefähr gleicher Kräfte, weithin gedehnt tobte der Kampf unter den Mauern Nancys, manche Stunde lang ungewiß schwankend. Dann hob unverkennbar der Sieg an, sich auf die Seite der Burgunder zu neigen; gleich jedem seiner Ritter kämpfte der Herzog selbst überall im Vordertreffen gegen den weichenden Feind, und überall blinkte das Schwert Guy Loders neben ihm. »Sieg, Herr!« rief er jetzt im heißen Rausch, »sie fliehen!« Da schlug Karl von Burgund plötzlich seinem Roß die Sporen so tief in die Weichen, daß ein Blutstrom hervorschoß und das schmerzgepeinigte Tier ihn mit wildem Aufsprung jählings allein in die Mitte eines fliehend aufgestauten feindlichen Haufens hineintrug. Das war nicht Tapferkeit, nicht tollkühne Verwegenheit mehr, sondern entsetzenvolles Unheil und sicheres Verderben. Guy Loder schrie gellend auf, um ein halb hundert Schritte befanden die nächsten burgundischen Reiter sich zurück; jeder der feindlichen Knechte kannte den Goldhelm Karls des Kühnen, ein Jubelgeschrei brach in die Luft und ein Dutzend Speere schwangen sich gegen ihn. Mit wuchtiger Faust hieb der Herzog die nächsten in klirrende Splitter, doch etwas fremdartig Langsames, Zögerndes lag in dem Wiederaufheben seines Schwertes – mit einem herzstockenden Schreck durchzuckte es, lähmendem Blitz gleich, Guy vom Scheitel bis zur Sohle. Er verstand plötzlich den seltsamen Blick seines Herrn und wußte, es war kein verhängnisvoller Zufall, sondern Karl von Burgund hatte vergeblich den Tod gesucht und wollte fallen. Ob er diese Schlacht noch gewann, war umsonst; es stand schlimmer, als einer außer ihm zu ahnen vermochte, unabwendbar erdrückte ihn rundum die zehnfache Übergewalt halb Europas, und sein Stolz wollte seinen Sturz nicht erleben, über seiner Leiche einen letzten Sieg hinterlassen.

Nur wie das Zucken einer Wimper durchschoß diese Erkenntnis Guy Loders Kopf, dann dachte, wußte er nichts mehr. Er war dem Herzog nachgestürzt, sein Pferd bäumte sich inmitten eines betäubenden Gerassels von Lanzen, Streitkolben und Schwertern. Mit hochgehobenem Schild die eine Seite Karls deckend, hieb er blindlings vor sich hinaus; von einem Speer durchbohrt, stürzte sein Roß und schleuderte ihn vornüber. Da brausten die burgundischen Reiter wutbrüllend heran, vor ihrem Prall stoben die schon zur Flucht gewendeten Feinde mutlos auseinander, unbeweglich hielt der Herzog auf dem jäh leer und einsam um ihn gewordenen Platz. Nur aus einer Schulterwunde tropfte ihm Blut über den Panzer, vor ihm richtete Guy sich halb betäubt vom Boden empor und sah mit trunkenem Jubel in den Augen auf den Geretteten. Doch nur ein wortloser, wie von der Sehne tödlichen Hasses geschnellter Blitzpfeil schoß ihm als Entgegnung ins Gesicht, dann sprengte der Herzog davon.

Die Schlacht war gewonnen, das halbe Heer Renés von Lothringen deckte die Walstatt, er selbst irrte flüchtig aus seinem jetzt völlig eroberten Lande gen Ost. Mit einem schutzsuchenden Trupp seiner zersprengten Scharen drangen die Burgunder gegen das Tor von Nancy, kopflos ließen die Wächter dies geöffnet und flohen, Geschrei und Getümmel erhob sich in den Gassen. Draußen in der Mittagssonne hielt der Herzog vor seinem Gefolge, aber kein Zug seiner Miene gab Siegesfreudigkeit kund, er lachte nicht mehr, wie sein Heer es seit Wochen stets gewahrt, schweigend, ausdruckslos blickte er vor sich hin. Nun kam ein Zug von Nancy her gegen ihn heran, greise Männer in feierlicher Gewandung, der bestürzte Rat der verteidigungslosen Stadt. Barhäuptig warfen sie sich, die Torschlüssel darbietend, auf die Kniee und baten demütig um Schonung der Stadt. Doch wie abwesenden Geistes gingen die Augen Karls von Burgund flüchtig über sie hin, und mit lässig-gleichgültiger Bewegung winkte seine Hand ihnen kurz Gewähr.

Da flog auf fast niederbrechendem Pferd ein Reiter heran. Man sah, es war ein Bote, der Nacht und Tag geritten sein mußte, er und sein Roß trieften von Schweiß. Unfähig, einen Laut aus verschnürter Kehle hervorzustammeln, reichte er dem Herzog stumm einen Brief. Der brach das Wachssiegel, doch im nächsten Augenblick schlug es ihm wie eine Feuerlohe ins Gesicht. Reglos las er, unmerklich nur zitterte das Blatt in seinen Fingern. Dann flog sein Kopf plötzlich suchenden Blickes herum, und er rief laut hallend:

»Junker von Loder!«

Der Gerufene schrak heftig zusammen; er hatte nach dem Verlust seines Pferdes noch zu Fuß weitergekämpft und stand jetzt unfern am Rand des berittenen Gefolges von Hauptleuten und Herren. Ungewiß tat er einen Schritt vor und zauderte wieder; aber der Herzog war seiner ansichtig geworden und gebot herrisch: »Tritt heran!«

Nun gehorchte Guy; mit jähem Schwung schnellte Karl der Kühne sich vor ihm aus dem Sattel. »Kniee nieder!«

Gedankenlos und sinnbetäubt folgte der Jüngling dem Geheiß, und sein Schwert von der Hüfte reißend und über dem Kopf des Knieenden aufschwingend, rief der Herzog:

»Du hast uns das Leben erhalten, Junker von Loder; wir danken dir, denn wir gedenken es noch zu nutzen. Du warst treu, tapfer und furchtlos; was deiner Jugend fehlt nach Brauch und Vorschrift, legen wir dir zu und zählen jeden Mond, den du uns gedient, für ein Sonnenjahr. Steh auf von unserer Hand als Ritter des Königreichs Burgund!«

Dreimal senkte sich zur Schwertleite die funkelnde Klinge des Herzogs, doch nicht flach nach der Sitte, sondern scharftönig schlug er auf die Nacken- und Schulterbrünne des Jünglings, daß jeder Hieb diesem dröhnend die Glieder durchfuhr. Aber verwirrter noch im Gemüt als haltlos taumelnden Fußes, hob er sich schwankend nach dem Gebot empor; er begriff nichts, sah nichts, nur sein Ohr umwogte ein brausendes Getöse. Jubelstimmen waren es, blitzgleich lief die Kunde, welche der Bote überbracht und jetzt, zur Sprache gelangt, mitgeteilt, von Mund zu Mund, daß der Kaiser Friedrich IV. und König Ludwig XI. sich von ihren Bundesgenossen losgesagt und in Ost und West ihre Heermassen zurückgezogen hatten. Und die Bestätigung der Botschaft war von den Lippen des Herzogs geflogen in dem stolzen Wort: »Das Königreich Burgund.«

Nun faßte Karl der Kühne die Hand des jungen, noch ungläubig dreinstarrenden Ritters, legte ihm den andern Arm um den Nacken, beugte sich vor und erteilte ihm den Bruderkuß. Unhörbar für jedes andere Ohr raunte er dazu: »Der Diamantstein ward heut nicht dein; ich weiß, dir ist's lieber, daß ich ihn noch hüte,« und einen Moment heftete sich ein Blick des Dankes aus heimlicher Herzenstiefe herauf in die Augen des wundersam schönen, selig rot überglühten, ritterlichen Jünglings. Dann wandte sich der Herzog zurück und sprach laut:

»Legt die Goldsporen an! Nach unserer Stadt Nancy sollt Ihr Euch Ritter Guy Loder von Nancy benennen – wen sucht dein Rabengesicht?«

Abbrechend war er gegen einen anderen, durch das Stabgefolge herankeuchenden Boten umgefahren. Dieser stammelte:

»Großmächtigster Herr, straft mich nicht für meine Botschaft – ich komme vom Elsaß – .« Ängstlich stockte er:

»So sprich, stotternder Hund!« donnerte der Herzog. »Was krächzt deine Gurgel?«

Der Bote hob flehend die Hände. »Die eidgenössischen Städte und die elsässischen haben die Bürger von Breisach zum Aufruhr gestiftet, Euren Landvogt Peter von Hagenbach gefangen, auf der Folter befragt und mit dem Henkerbeil gerichtet.«

Einen Augenblick blieb es totenstill, und nur ein rüttelnder Schauer überlief Guy Loders Rücken bei der jähen Umänderung der Miene des Herzogs. Fremd verzerrt, wie er es noch nie gewahrt, mit leichenhafter Blässe starrte das Gesicht desselben den Boten an; die Kiefer zitterten, gleich einer von ihrem eigenen Gift gelähmten Schlange zischte die Zunge ohnmächtig zwischen den Zähnen. Dann kam ein gellender Wutschrei, und ihm nach brach es aus der keuchenden Brust:

»Brand und Blut über sie! Henker und Hölle auf die Aasbrut! Tausend für den Einen! Einstampfen in ihre Mistpfützen will ich das Bauerngeschmeiß! Den roten Hahn über ihre Städte!«

Wildlodernd flogen seine Augen; es war wieder Karl von Burgund, dem kein Mitlebender auf Erden an Jähzorn, heißem Blutrausch und unerbittlicher Rachsucht glich. Nun richtete er sich hoch in den Bügeln und rief:

»Nehmt Geleit, Ritter von Loder! – Eh der Morgen kommt, seid Ihr bei dem Ritter von Egisheim und bringt ihm mein Gebot, meine Städte Mülhausen und Breisach in Asche zu legen! Seinen Kopf drauf, daß ich keinen Stein mehr von ihnen finde, wenn ich komme! Bringt mir Botschaft nach Bern, daß es geschehen; Ihr sollt zum Lohn die Bärenknechte tanzen sehen! Tod und Pestilenz, was steht Ihr noch und gafft?!«

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