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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 16
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Fünfzehntes Kapitel

Da ging ein gellender Aufschrei durch alles Land, auf das nah und fern die weißen Alpenzacken herabglänzten, denn wer die Kunde vernahm, wußte, was sie bedeutete. Der, welchen die Zungen aller Völker Europas seit einem Jahrzehnt als »Karl den Kühnen« bezeichneten, hatte dem nächtlichen Raubüberfall eines elsässischen Ritters beigewohnt. Das galt nicht der kleinen Stadt Mülhausen, sondern gewaltigerem Ziel.

Das Ziel aber kannte man von den Pyrenäen bis zu den Karpathen, vom Ärmelmeer bis zum Mittelmeer, und gleicher Weise zitterten in Paris König Ludwig IX. und in der Burg zu Wien der deutsche Kaiser Friedrich IV. bei jeglichem Hauch, der ihnen neue Kunde von dem geheimen Forttrachten nach demselben gab. In weiter Ausdehnung erstreckte sich das Herzogtum Burgund von der niederländischen Küste bis zum unteren Lauf der Rhone herab; durch Kriegsgewinn und Erbanspruch waren ihm im letzten Jahrhundert zahlreiche Fürstentümer, Grafschaften und Städte zugefallen; doch mangelte seiner Länge vielfach die Breite, wie ein trennender Keil schob besonders das Herzogtum Lothringen sich zwischen den nördlichen und südlichen Teil hinein. So hatte der Graf Karl von Charolais die Hinterlassenschaft seines Vaters Philipp des Guten als Herzog von Burgund angetreten und, kaum auf den Thron gelangt, keinen Zweifel belassen, was nach allen Windrichtungen seine Nachbarfürsten und Völker von ihm zu gewärtigen hatten. Mit unerhörter Kühnheit brach er sofort verheerend in Frankreich ein, bemächtigte sich durch Gewalttat des Königs und zwang diesen zu demütigendem Vergleich. Rastlos wälzte sein Heer sich herüber und hinüber, Schlacht und Sturm schritten vor ihm auf; wo sein Löwenhelm funkelte, war das Glück und der Sieg; als der gefürchtetste Kriegsfürst Europas stand er mit unablässig entblößtem Schwert. Nun begehrte er vom Kaiser Rang und Reich eines gallisch-belgischen Königtums, und zagend willigte der weinerlich-unmännliche Friedrich IV. ein, erbat nur als Gegenleistung für seinen Sohn Maximilian die Hand Marias von Brabant, der einzigen Tochter Karls. Doch die hochfahrenden Forderungen des letzteren ließen sogar den schwachmütigen Kaiser sich zu der unglaubhaften Tatkraft aufraffen, daß er Trier, den Ort der Zusammenkunft, unter plötzlichem Abbruch der Beredung verließ; seitdem wußte er, was ihm von dem burgundischen Herzog drohte; daß dieser nicht rasten werde, auch ohne die kaiserliche Beipflicht sein Ziel zu erreichen. Das war die Wiedererneuerung des Herzogtums Burgund zum alten, machtvollen Königreich Burgund, breit und ungetrennt jetzt von der Nordsee bis zum mittelländischen Meer hinunter. So bedräute er alles, was dazwischen lag: Lothringen, den Rhein, das Hochland vom Südabfall des Schwarzwaldes bis gegen die Alpenwand hinan. Manch reiches Stück dieser Lande hielt er bereits auf friedlichem Wege durch kluge Vorberechnung in seiner Hand, denn für die Darstreckung einer beträchtlichen Geldsumme hatte der verarmte, von Schulden erdrückte Erzherzog Sigismund von Österreich ihm seine Besitztümer im Elsaß und Breisgau verpfändet, und auf der unbezwinglichen Rheinfeste Breisach saß als Stadthalter Karls der Ritter Peter von Hagenbach, seinem Herrn gleichend an rücksichtsloser Willkür, Härte, Hochmut und unbeugsamem Trotz.

Denn das war's, was den wilden Aufschrei durch alle Lande gellen ließ; nicht daß ein Feind, ein mächtiger Kriegsherr die Stadt Mülhausen bei Nacht zu überfallen gesucht, sondern daß Karl der Kühne von Burgund es gewesen. Jeder wußte, sein Zorn über einen fehlgeschlagenen Angriff kannte keine Grenzen, und er kam zurück. Und jeder wußte, wem es galt: daß er bereit war, seine gewaltige Planung ins Werk zu setzen, und einen Rechtszwist des Müllers von Mülhausen nur zum Vorwand genommen, um die mit der Stadt verbündete Eidgenossenschaft zu einem Auszug wider den Ritter von Egisheim aufzureizen, wie die Bedrängung der Stadt Konstanz durch den Berner Bären jenem als Begründung seines Friedensbruches an Mülhausen dienen gesollt.

Und alle kannten sie ihn, daß kein Mitlebender auf Erden ihm an Ruhmsucht, Herrschbegier, Unersättlichkeit und Verwegenheit glich, keiner an Willenskraft, unerbittlichem Starrsinn, Jähzorn, heißem Blutrausch und wildester Todesverachtung. Fast als Jüngling noch hatte in der Schlacht bei Monthleri sein kampflechzendes Ungestüm ihn nach Durchbrechung des Feindes in die fliehenden Massen desselben hineinstürmen lassen, daß er plötzlich allein mit seinem Stallmeister unter zehnfacher Überzahl gestanden. Sie riefen ihm zu, sich zu ergeben, und sein Begleiter fiel, tödlich getroffen, neben ihm, doch schwer verwundet, kämpfte er mit unbändigem Trotz fort und erzwang sich die Frist, daß sein Reitergefolge nachzukommen und ihn noch lebend zu befreien vermochte. Seit dem Tage nannte, bewundernd und bangend, die Welt ihn le Téméraire und wußte, daß er nicht zurückschrak, die Sterne des Himmels zu packen, wenn Begehr nach ihnen in ihm auflohte. Die Sprache enthielt keine Worte für ihn, welche Furcht, Übermacht und Unmöglichkeit bezeichneten; zerstörend, die Völker zertretend, gewährte er den Niedergebrochenen unerwartete Freiheit; wie sein Zorn jäh zu tötendem Grimm aufloderte, so traf auch einem Blitz gleich seine Neigung, Gunst, königliche Großmut. Landsknechtfaust und Feldherrnblick in der Schlacht vereinigend, war er so klug und weitumschauend wie von persönlicher Tapferkeit; doch alles in ihm überragte maßloser Stolz, der nichts auf Erden über sich und seinen Willen kannte.

Nun saß er in einem Gemach des Dagsburgturmes auf den drei Echsen. Er war ungnädig, mißgelaunt und wortkarg, der Ritter von Egisheim vermochte ihm kaum eine barsche Entgegnung abzugewinnen, obwohl er durch sein unterwürfiges Behaben deutlich an den Tag förderte, wie eifrig er die Gunst seines hohen Gastes zurückzuerlangen trachtete. Unverkennbar knüpften sich alle Hoffnungen des verarmten Burgherrn an die Unterstützung und das große Ziel Karls des Kühnen; er sprach's aus, daß er nicht das Geld in der Truhe habe, um den nach Löhnung begehrenden Heerhaufen zu besolden: »Warum habt Ihr Mülhausen nicht?« erwiderte der Herzog kurz, »dort hättet Ihr gefunden, was Ihr braucht!« Dem Ritter entflog: »Wären wir inmitten der Nacht gekommen – es war zu spät – ich wollte den Angriff auf günstigeren Zeitpunkt verschieben –« doch Karl von Burgund fiel ihm ins Wort: »Rad und Rabenstein für Eure Memmen! Sie trugen die Schuld, Ihr alle! Geht der Tag noch nicht? Ich bin nicht gelaunt, mehr Zeit unter Eurem Gerümpel zu verlieren!«

Er sprang unmutig auf und sah in den nebeltrüben Tag hinaus, dessen Schwinden er zum Fortritt mit seiner geringen Begleitung abwarten mußte. Der Ritter stand erschrocken, zuletzt faßte er Mut zu fragen: »Soll ich die Knechte fahren lassen?«

Nun stampfte der Herzog auf den Boden: »Was ficht's mich an? Fragt's Euch selbst!«

»Mein Säckel gibt Antwort,« versetzte der Burgherr kleinlaut.

»So füllt ihn,« stieß Karl unwirsch heraus, »das Gold wächst auf der Straße!«

Da kam ein Knappe und meldete, daß die Mittagsmahlzeit bereit sei. Einen Augenblick verharrte der Ritter unschlüssig, dann verneigte er sich vor seinem Gast und sprach ehrerbietig: »Wenn es Eurer königlichen Gnaden gefällt –« Die Anrede wirkte besänftigend auf den Erzürnten, er nickte mit der Stirn, schritt in die Halle vorauf und setzte sich an den für ihn und seinen Wirt gedeckten Tisch. Als er nach dem Becher griff, drehte er den Kopf. »Wo ist der Bursche, der mich zur Nacht bedient hat?«

Der Ritter sann einen Moment nach, schickte dann eilig in das Untergeschoß der Burg hinab und gab dem schleunig heraufgeholten Welf Siebald einen Wink, sich zur Aufwartung hinter den Sessel des Herzogs zu stellen. Dieser aß und trank, aber nach einer Weile stieß er aufblickend aus: »Du siehst ihm ähnlich, doch du bist nicht mein Mundschenk von gestern. Gottes Blitz, Ritter, warum betrügt Ihr mich?«.

Sprachlos verwundert sahen sie ihn an, er fügte drein: »Holt den anderen!« Niemand wußte wen, der Burgherr machte eine hastig fragende Gebärde gegen Siebald, der, in seinen Gedanken umhersuchend, frug: »Vermeint Eure Durchlauchtigste Hoheit meinen Begleiter, der gestern Abend mit mir hierher gekommen – Guy Loder beheißt er sich?«

»Weiß seinen Namen nicht,« entgegnete Karl, »den von edlem Blut!«

Der Ritter hatte eilfertig schon wieder einen Boten fortgesandt und rief dem überrascht, befangen eintretenden Guy entgegen:

»Hast du gestern abend Seiner Königlichen Gnaden aufgewartet?«

Errötend und stotternd bejahte der Angesprochene, zugleich fiel der Herzog ein: »Tritt heran, du bist's. Ich trog mich in dir, du warst kein Milchbart, nur ein Narr. Willst du als Zeltknappe in meinen Dienst?«

Der Jüngling stand keines Lautes mächtig, nur sein Blick sprach freudetrunkene Bejahung. Um die Lippen des Egisheimer dagegen fuhr ein verdrossenes Zucken und er sprach eilig: »Es wäre nach meinem Rat weislicher, erhabener Herr, wenn Ihr Eure hohe Gunst dem anderen zuwendetet.«

»Hab Euren Rat nicht befragt!« erwiderte der Herzog gleichgültig; doch der Burgherr wandte ein: »Ihr redetet von edlem Blut, das fiel diesem zu.«

Er deutete auf Welf Siebald, aber der Herzog gab spöttischen Tones zurück: »Hab es nicht bei ihm gewahrt, noch daß Ihr viel Urteil darüber besitzt. Täuscht Euch, Ritter, der Narr da war der einzige unter Euch, bei dem ich edles Blut klopfen sah. Trink! Hast bessern Trunk heut morgen verdient!«

Mit Wohlgefallen auf Guy blickend, reichte er diesem einen eigenhändig angefüllten Becher; dem Ritter jedoch stieg das Blut rot ins sonst bleiche Gesicht, und ein inneres Aufkochen seiner Brust nur mühsam niederdämpfend, versetzte er rasch:

»Mit Verlaub, nicht ich, sondern Eure Hoheit täuscht sich. Hier kann ichs wohl ohne Schiedspruch von anderen erhärten, denn dieser ist ein Bauernbube; doch dem dort werdet Ihr edles Blut nicht abreden, er trägt mein eigenes in sich –«

Das letzte war ihm im heftigen Drang, seinen hochfahrenden Gast der Fehlbarkeit zu zeihen, wider Bewußtsein und Wollen entflogen. Von der unbereiteten Kundgebung wie blitzgetroffen, stand Welf Siebald wortlos, nur Flammen eines stürmisch auflodernden Frohlockens schlugen ihm über die Wangen; staunend haftete der Blick Guys auf seinem Begleiter, dessen Züge ihm eine Überraschung gleich den seinigen verrieten. Doch nur eine winzige Zeitspanne blieb ihnen zum Fassen des unbedacht hervorgeratenen Wortes, denn Karl der Kühne fuhr jäh vom Tisch empor, den seine Faust klirrend zurückstieß, und rief:

»Gottes Tod, Ritter von Egisheim, wollt Ihr mich Lügen strafen? Ich will Euch lehren, was edles Blut ist; mein Mund macht's dazu, nicht Eurer! Geht, Junker von Loder, und gebt Auftrag, meine Pferde zu rüsten; wählt eines für Euch, das Euch gefällt! Er war ein Bauernsohn, Ritter; nun ist er Euch gleich. Versucht's bei Kaiser und Reich, Eurem Bastard das Nämliche zu tun!«

Der Herzog trat ans Fenster und warf einen prüfenden Blick hinaus; als er sich wieder umwandte, hatte der plötzliche Einfall, mit dem er den Burgherrn gedemütigt, ihm das wallende Blut beschwichtigt, und der Anblick der noch scheu verstummten Gesichter schlug seinen Zorn in heitere Laune um. Er lachte und sprach:

»Der neue Junker mag sich bei Euch bedanken, Ritter, Ihr verhalft ihm dazu. Ich nehm ihn nicht umsonst von Euch; mein Statthalter Hagenbach in Breisach wird Euch Zahlung leisten, daß Ihr Eure Knechte einen Monat lang halten könnt. Dann füllt Euren Säckel selbst. Wenn das neue Jahr kommt, soll Mülhausen mir die Huld tun; sorgt, daß ich nicht vor störrische Tore gerate! Habt Dank für den Mundschenk, doch schafft Euch besseren Wein, bis ich wieder bei Euch einkehre. Kein Geleit! Es ziemt einem Ritter von edlem Blut nicht, einem ›Hund von Soldknecht‹ vor das Tor seiner stolzen Väterburg nachzufolgen.«

Spöttisch verklang als Scheidegruß das Wort, mit dem der Burgherr ihn bei seiner nächtlichen Ankunft bewillkommnet hatte, und die »stolze Väterburg« gesellte sich als ein höhnischer Stachel dazu, der Zeugnis ablegte, daß Karl von Burgund auch eine unbeabsichtigte Verletzung seines Hoheitsstolzes nicht vergab. Den kurzen Abschied mit gebieterischem Handwink begleitend, schritt er zur Tür, wendete sich auf der Schwelle noch einmal und sprach zurück:

»Wenn die Rappoltsteinischen zum Lothringer halten, tut mirs kund und laßt Eure Rüden besser packen als heut Nacht. Im Sack soll's Euch dann nicht gebrechen; Ihr wißt, daß ich guten Dienst lohne, und die Ulrichsburg däucht mich als Lehensschloß nicht verächtlicher als die Giersburg.«

Nun stieg er die Schneckentreppe hinab. Die beiden Zurückbleibenden verharrten stumm; Welf Siebald stand abgewandt, unsicheren Ausdrucks am Fenster und blickte auf den Burghof nieder. Doch nach kurzer Weile schnitt ihm ein höhnisches Zucken um die Mundwinkel; drunten schwang der Herzog sich in den Sattel und hieß seinen neuen Knappen das Nämliche tun. Aber dieser hatte noch niemals ein Pferd bestiegen und mühte sich vergebens; über die Gesichter der umstehenden Knechte lief ein Lachen. Gleich darauf verstummte dies jedoch und wandelte sich zu schreckhaften Mienen, offenbar von einem drohenden Flammenblick Karls des Kühnen betroffen; hurtig streckten mehrere Hände sich vor und halfen dem Jüngling in den Bügel. Er saß mit hochrotem Antlitz; wie der Zug sich in Bewegung setzte, griff seine Linke unwillkürlich nach der Mähne des Rosses; so folgte er dem Herzog durchs Tor. »Viel Glück auf den Ritt, edler Bauernjunker!« knirschte Welf Siebald zwischen den Zähnen. Dann drehte er sich entschlossen um, trat gegen den Burgherrn hinan und hob mit erkünstelter Ehrerbietung die Stimme: »Daß Ihr wahr geredet, Herr, fühl ich in mir selbst, denn mein Blut bereitet dem Euren nicht Schande. Doch bereuet Ihr, daß Euer Mund es gesprochen?«

Der Ritter von Egisheim hatte in dumpfem Brüten gestanden, jetzt fuhr er auf: »Hast mit frechem Maul gestern deinen Vater Strauchdieb beheißen, so behalt ihn! Wollte, du hättst andere Mutter gehabt – eine andere – da brächt ich's durch bei Kaiser und Reich, daß du dich Welf von Egisheim benennen solltest! Doch du hast nichts von der –«

Der Sprecher starrte mit seinen tiefliegenden Augen wie gedankenabwesend in Welf Siebalds Gesicht; dann, als ob er aufwache, stieß er heftig sein Schwert wider den Steinflur. »Hölle und Henker, es gilt gleich, wir halten fortan miteinander! Du bist mein Sohn, und so soll man dich ehren! Geh und leg ritterliche Rüstung an! Wir können nichts ohne ihn und nichts wider ihn, aber dem Stallbuben, der unserem Blute den Schimpf getan, wirst du den Junker lohnen, Welf! Sein Dirnengesicht kochte mir Glut im Leib, als ich's sah, wußte nicht warum. Nimm Knechte, reit hinüber zum Landvogt nach Breisach und sprich, dein Vater, der Ritter Bertulf von Egisheim, sende dich um die Hülfssteuer, die der Herzog mir zugesagt. Pest und Prahlmaul, seine blinde Tollheit hat den Anschlag auf Mülhausen zunichte gemacht, nicht wir! Aber duck dich vor seiner Laune, Welf; wir tun's mit Kaiser und König. Wenn sie mich nach der Ulrichsburg hinüberspringen läßt, ist die Giersburg dein! Jetzt die Plapparte von Hagenbach, daß wir seine wilde Narrheit wettmachen!«

Welf Siebald bückte sich in demütiger Dankesäußerung und küßte die Hand des Ritters:

»Seid unbesorgt, mein gnädiger Herr Vater, Ihr werdet mit Eurem Sohn zufrieden sein und er keinen Schimpf auf unserem Blute ungerächt lassen. Jetzt erkenn ich's, warum Ihr stets huldreich Eure Hand über mir gehalten und mich mit Eurem Dienst betraut, daß ich's meiner schönen Mutter guten Diensten verdankt.«

Es lag etwas Niedriges, widrig Abstoßendes in den entwürdigenden Worten, mit denen die schmeichelnde Unterwürfigkeit des Sprechers wegwerfend seiner Mutter gedachte, doch war's offenbar nicht dies, was den Ritter wiederum verwunderlich wie zuvor auffahren ließ, denn seine Entgegnung bestätigte heftig die unkindlich-mißächtliche Äußerung des Sohnes:

»Deine Mutter? Trügst du etwas von ihr in dir, hätt' ich dich als Pfeifer auf der Straße gelassen! Eine Viehmagd war's, der ich einen Goldgulden nachwarf – geh – ich will nicht denken, wer du hättest sein können, sonst reut's mich, was mir im Zorn aus den Zähnen geflogen! Führ mein Gebot aus, Bankert!«

Geschmeidig verneigte Welf Siebald sich und verließ die Halle. Der Burgherr sah ihm kurz nach, doch nicht mit dem Blick eines Vaters, eher Widerwille als Liebe stach unter den düsteren Brauen hervor. Nun wandte sein Auge sich eine Weile reglos in die jagenden Wolken der früh und schwermütig einfallenden Dämmerung hinaus; um die hohen, finsteren Bergtürme trieb der Wind flatternde Schatten durch die Regenluft, schwarzes Gevögel, das krächzend herabschnarrte; winterlich war es draußen, unwirtlich drinnen zwischen den öden Mauern. »Raben und Nachtgezücht,« sprach er, ohne es zu wissen, laut vor sich hin, »keine weiße Taube mehr.« Hohltönend kam eine Stimme von den Wänden der leeren Halle zurück; erschreckt und frostüberlaufen fuhr er zusammen, holte einmal aus schwer erweiterter Brust tiefen Atemzug und schritt eilig ins Nebengemach hinüber.

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