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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 15
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
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Vierzehntes Kapitel

Kaum um eine Woche später aber hielt vor dem Konstanzer Südertor ein kleiner Reitertrupp, der ein Banner mit dem Wappenschild der Stadt Bern in seiner Mitte führte. Sie stießen, ihre Ankunft deutend, ins Horn, begehrten jedoch beim Wächter nicht Einlaß, sondern daß einige von den Herren des Rates auf der Mauer erscheinen und ihnen kurze Beredung verstatten möchten. Das geschah nach einer Weile, und der Sprecher der drunten Haltenden kündete hinauf, die gebietenden Herrn von Bern hätten sie abgesandt, in gutem Willen die Stadt Konstanz zu befragen, ob selbige für Schimpf und Schädigung, die in einer ihrer Herbergen Berner Kaufleuten zugefügt worden, den Verunglimpften rechtschaffen genugtun, und die Übeltäter zur Buße verhalten wolle? Darüber erhob sich Raunen und Lachen auf der Mauer, und es kam die Antwort herunter: Es wisse der Rat zu Konstanz nicht von Schimpf und Schädigung, nur daß in einer Schenkstube über Plapparte gelacht worden sei, wie's wohl jeglichem bei fröhlichem Trunk freistehe, ingleichen es mit anzuhören oder aus dem Gasthause davonzugehen. Würden sonder Zweifel sich gleicherweis dran mit vergnügt haben; entböten drum guten Willen zurück, doch vermöchten nicht Übeltat, vielmehr nur lustigen Spaß drin zu gewahren, der in schwarzgallig Blut fallen müsse, um ihm solch fälschlichen Leumund zu regen. Schweigend hörten die Reiter den Erwiderungsbescheid bis zum Schluß, dann versetzte der Anführer mit Gelassenheit, als ob er wohl nicht andere Entgegnung erwartet: »So habe ich von meinen Herren der Stadt Konstanz Absage zu tun, daß wir von Stund an außer Fried und Freundschaft mit ihr sind, ihre Bürger zusamt Hab und Gut greifen werden, wo wir sie antreffen, Eure Mauern berennen, wenns uns gut dünkt, und selber die Buße für den Schimpf uns erholen.« Auch der Konstanzer Rat mochte nicht andere Antwort erwartet haben, denn der Stadtschultheiß gab alsogleich darauf mit trotzigem Selbstbewußtsein Entgelt: »So vermeldet, wir würden Euern Bären von der Bissigkeit zu heilen wissen, wo wir ihn befinden; haltet aber im Gedächtnis, daß Konstanz eine freie Stadt des Reiches ist und daß seine Tatzen den Fängen des Adlers an unserer Mauer begegnen, dessen Zorn, wenn Ihr ihn aufweckt, gewaltige Sühne heischen wird.« Da flog zum ersten Mal ein Lachen um den ernsthaften Mund des Berner Abgesandten, und er gab kurz nochmals zurück: »Schätzet Ihr einen Bären auf sechs Plappart, so mögen wir wohl einem Adler mit dreien genug tun; lasset uns am Schluß fragen, wer besser gerechnet.« Und sein Fähnlein umschwenkend, ritt er mit seinem Geleit davon.

Als der Herbst aber die letzten braunen Blätter wirbelnd auf Feldern und Straßen umtrieb, fiel ein starker Berner Heerhaufen raubend, plündernd und Feuersäulen von brennenden Dörfern vor sich aufschickend, ins Konstanzer Landgebiet ein. Ein lächerliches Wort hatte zwischen den beiden Städten den »Sechsplappartkrieg« entzündet, doch auch dieser selbst war nur ein winziger Funken, der, erst an der Lunte weiterglimmend, die große Pulverkammer vom eisigen Quellbeginn des Rheines bis zu seiner versandeten Ausmündung in die Luft zischen, flammen und donnern lassen sollte.

Mancherlei Ortschaften hatte inzwischen Guy Loder mit Welf Siebald noch besucht und aus dem Treiben und Reden des letzteren in genügsamer Deutlichkeit abgenommen, daß derselbe allerorten in Städten und auf offenen Wegen unter abenteuerndem Volk nach starkknochigen, keckblickenden Gesellen umfahndete, solche mit Handgelöbnis und geringfügigem Angeld in Pflicht nahm und ihnen unter Zusicherung reichen Gewinnes Zeit und Ort für ihr Eintreffen kundgab. Wo dieses indes statthaben solle, für wen und zu welchem Zweck die Anwerbung geschehe, vermochte Guy nicht in Erfahrung zu bringen. Es lag ihm auch nicht sonderlich dran, vorzeitige Klarheit darüber zu gewinnen; jedenfalls gab es über kurz oder länger Fehden, Streit und Kampf und Anlaß, dabei zu Auszeichnung und Ehren zu gelangen. Ihm wars, wie zuvor Lied und Flötenspiel, so habe ihm unbewußt auch Waffenlust im Blut gesteckt und, hastig mit dem Schwertgehenk an der Seite aufwachsend, jeden anderen Trieb in ihm überwuchert; und ob ihn kein innerliches Band mit seinem Begleiter verknüpfte, trug er ihm doch Dank, daß derselbe sich in ernster Stunde seiner Ratlosigkeit angenommen und ihm den Weg erschlossen, seine unnütz gewordene Pfeiferkunst mit hoffnungsvollem kriegerischen Handwerk zu vertauschen.

Schwerwolkiger Herbst war jetzt über die Lande gekommen, von vielfältigem Regenniedersturz bäumte der Rhein sich hochwogig unter den Brücken der Waldstädte Säckingen, Waldshut und Laufenburg empor, in welchen die beiden Wanderer geraume Weile Einkehr hielten; im Dezemberbeginn war's, als die mächtig umtürmte, stolz über den wilden Strom blickende Stadt Rheinfelden sich vor ihnen aufhob. Auch zu dieser lenkten sie hinüber, doch auf der langen, bedeckten Brücke traf sie vor dem Tore die Botschaft, die Berner lägen mit grimmiger Gewalt um die Mauern von Konstanz, das vergeblich bei Kaiser und Reich nach Hülfe umherrufe, und die Stadt werde nach wahrscheinlichem Bemessen sich binnen kurzer Frist dem Bären in die Krallen liefern müssen. Da drehte Welf Siebald vor dem Tor von Rheinfelden den Schritt zurück und lachte: »So haben die Plapparte noch reichlicher eingekauft als ich verhofft, und ist's Zeit, daß der Sperber in die Spatzen dreinfährt. Trag auch selber kaum einen Plappart mehr im Sack, und hast's verspürt, war gut vollgestopft, als wir selbander von der Dusenbacher Narretei abzogen. Ist auch von unseren Sohlen nicht gar viel mehr übrigblieben, müssen uns die Hufe frisch beschlagen lassen. Komm zur Schmiedstatt, denn es ist so weit, daß wir drin die Eisenschuh uns nicht allein über die Füße ziehen.«

Eilfertig begaben sie sich weiter stromab, doch so dichter Nebel fiel jetzt über Alles um sie her und blieb unbeweglich bei Nacht und Tag, daß Guy auf wenige Schritte weit nichts mehr zu unterscheiden vermochte. Er wußte nur, daß sie in westlicher Richtung fortgingen und daß bereits ihm aus alter Zeit bekannte Berggipfel des Schwarzwaldes ihnen zur Rechten aufragen mußten; aber das Auge gewahrte keinen Schimmer von Höhe und Niederung, nur den wechselnd steinichten und sumpfbrüchigen Weg hart vor dem Fuß. Kurze Stunden nach Mittag schon brach volles Dunkel herein, und an einem dumpfen Grollen, Fauchen und Zischen zu beiden Seiten bemerkte Guy Loder allein, daß sie abermals eine Rheinbrücke überschritten; sie mußten wieder den Boden des Elsaß betreten haben und sich geradeaus durchs breite Tal gegen die Bergwand des Wasichin wenden. Welf Siebald war nicht zum Reden aufgelegt, außerdem machte der schleunige Gang das Sprechen fast unmöglich. Ab und zu tauchte matt ein Lichtschimmer aus Nebel und Nacht, danach schien er sich zu richten. Dann verriet einmal ein dichteres Häuflein solch glimmender Irrwische die Häuser einer Stadt, doch bildete auch diese nicht das Ziel der Wanderung, sondern linkshin unter den dunklen Mauern hob der Weg sich nun aufwärts. Hartfelsiger Grund kündete, daß sie das Gebirge erreicht hatten und dran emporstiegen; ziemlich steil, doch auf erträglichem Pfad, ungefähr eine halbe Stunde lang, da hielten sie zum ersten Mal an. Von Kindheit auf mit der Bemessung von Berghöhen vertraut, schätzte Guy ihren Standpunkt auf ein halbtausend Fuß über der Sohle des Rheintales, vor ihnen lag hohes, schwarzes Gemäuer, Welf Siebald gab ein besonderes Zeichen mit seinem Horn, eine Zugbrücke fiel und sie schritten hinüber. Durchs Tor traten sie in den Innenraum einer offenbar weit umfangreichen Burg, einige Pechpfannen loderten, blendeten indes das Auge mehr, als sie ihm nützten, und ließen den Aufstieg mehrerer gewaltiger, in der lichtlosen Luft verschwindender Warttürme nur undeutlich ahnen. Nun geleitete der Wächter, mit dem Siebald kurze Worte getauscht, sie in eine Tür, und die bisherige tote, finstere Stille wich plötzlich einem geräuschvollen, von flackernden Kienspänen überhellten, bunten Getriebe. Es rasselte und klirrte von Schwertern, Streitkolben, Partisanen, Schienen, Eisenkappen, erzbesteppten Kollern, an denen in mehreren großen, flachüberwölbten Räumen wohl ein halbes Tausend emsig geschäftiger Landsknechthände prüften, Rost absäuberten und besserten; trotz dem dadurch verursachten vielfältigen Getöse lag indes dennoch etwas wie vorschriftsmäßig Gedämpftes in der eifrigen Geschäftigkeit. Gar manche Köpfe, über die Guys Blick hinfiel, erkannte er als solche, mit denen er zu Gersau in der Schenkbude und an anderen Orten zusammengesessen, doch bildeten sie immerhin nur eine Minderzahl des beträchtlichen Haufens. Sie achteten nicht auf ihn, und auch sein Auge streifte sie nur flüchtig; Denken und Empfindung in ihm waren von einem stürmischen Herzklopfen überwogt, daß Welf Siebald seine Verheißung wahr gemacht und das Tor einer stolzen Burg sich ihm aufgetan hatte. Wo diese vom Bergrand emporragen und wem sie zu eigen sein mochte, gab nichts ihm einen Anhalt, aber er sann auch kaum drüber nach; Waffen, Kampfbereitschaft und kriegerische Wettlaufbahn winkten ihm hier; in wessen Dienst, galt gleich. So durchschritten sie das ameisenhaft belebte Untergeschoß der Burg, stiegen gewundene Treppen hinan und gelangten rasch in eine hochgeräumige, von einigen Fackeln nicht übermäßig erleuchtete Schloßhalle. Es war frostig darin, leer, der Steinflur zerlöchert und die Ausstattung äußerst dürftig und unwohnlich; doch stand ein Tisch von dampfenden Speisen und grob-irdenen Weinkannen besetzt, an dem ein einzelner Mann mit kräftigem Gebiß geräuschlos kauend, späte Abendmahlzeit einnahm. Wie derselbe lässig den Kopf umdrehte, von dessen breitknochiger Stirn sich das ungebändigte Haar zu einem störrischen Schopfwirbel aufsträubte, kam's Guy Loder, daß er das Gesicht und die baumstarke Gestalt schon einmal gesehen; allein er wußte nicht, wann und wo; erst da sein Begleiter ihn leichthin als einen Wohlbekannten mit einem lustigen: »Eure Zähne mahlen gut,« ansprach, brachte die erwidernde Stimme des Hünen dem Jüngling ins Gedächtnis, daß es Armin Klee, der Schopfmüller von Mülhausen, sei. Er leerte zuvörderst den ungeheuren Krug, dann versetzte er, sich mit der wuchtigen Faust die herabgeträufelten Weinperlen aus dem flächsernen Bart wegtrocknend:

»Seid Ihr's, Wendelin? Haben Euch schon ehender erwartet, der Gestrenge ist wohl mit Eurer Sendung zufrieden. Verhoff, Eure Fiedler werden ein Stück aufspielen, daß die Klappersteine zu tanzen anheben.«

»Kommen wir gerad recht zur Nacht?« frug Welf Siebald begierig, doch der Müller fiel verdrossen umschlagenden Tones ein: »Heißt's ihn, nicht mich; er will noch zuwarten, denke, die Hähne solln's erst auskrähen, was für Mehlsäcke hier drunten im Keller liegen.«

»Habt Ihr aufgekündigt?« entgegnete der andere und Armin Klee stieß unter ingrimmiger Lache zur Antwort hervor: »Daß ich ein Tolpatsch wär! Hätt' Euch für besser im Hirn gehalten, Wendelin, zu glauben, daß der Kater vorm Mausloch miaut. Bin kein Rittersmann mit edler Junkernarrheit unterm Schopf; wer mir's Recht weigerte, ist gewarnt, dem nehm ich's – hiermit!« und der Müller hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Ziergeräte und Kannen klirrend wackelten. Doch gleich darauf dämpfte er die Stimme herunter: »Da kommt er, redet Ihr ihm zu, er gibt etwas auf Euch.«

Von einem Nebengemach dröhnte schwerschütternder Tritt heran, und eine langragende Gestalt trat, bis auf das unbedeckte Haupt in voller Eisenrüstung, durch die Tür. Nun fiel der Fackelschein auf ihr finster in sich verschlossenes, blasses Gesicht, und jählings lief Guy Loder ein unwillkürlicher Schreck vom Scheitel zur Sohle hinunter; es war der Ritter Bertulf von Egisheim. Blitzgleich durchzuckte es im nämlichen Augenblick den Kopf des Jünglings: er konnte nicht auf der Giersburg sein, o mußte er sich in der verfallenden Stammburg des Ritters über dem Städtchen Egisheim befinden, deren drei hohe Türme ihm Velten Stacher einmal, geisterhaft aus dem rinnenden Nebel herabdrohend, als Dagsburg, Walchenburg und Weckmund benannt und warnend beifügt hatte, sich gut auf der Hut vor ihnen zu halten, denn der Volksmund rede, der Rufacher Galgen sei gesundere Herberge als ihre Gastkemenate. Und zugleich ward es ihm deutlich, weshalb Welf Siebald am Abend des letzten Pfeifertages auf der Giersburg vorgekehrt, woher er seinen wohlgefüllten Säckel genommen, und daß er selber von jenem in den Dienst des Ritters von Egisheim angeworben sei.

Dieser erkannte jedoch offenbar den zum mannhaften Jüngling aufgewachsenen Knaben ebensowenig wieder, als Armin Klee es getan. Den Kopf hebend, trat er auf Siebald zu, und seine düstere Miene erhellte sich einen Moment um ein Geringes von kurzem, nickendem Lideraufschlag. »Rückgekehrt?« sprach er, soweit seine Stimme das Mürrische und Harte ihres Klanges abzuschwächen vermochte, mit wohlgefälligem Ton: »Hast gut ausgerichtet, womit ich dich betraut. Iß und trink, siehst aus, daß du's bedarfst. Wen bringst du mit?«

Der Befragte gab kurz über Guy Auskunft, und der Ritter maß diesen prüfenden Blickes. Die Betrachtnahme schien nicht zu Gunsten des Jünglings auszufallen, denn er zuckte geringschätzig die Achseln: »Hättest du mir nicht Bessere zugebracht, wüßt ich dir geringen Dank. Zieh ihm Weiberröcke an, und er wird wie eine Jungfer dreinschauen; warum ist er von der Pfeife weggelaufen?«

»Die Rappoltsteinschen haben ihm Schimpf angetan,« erwiderte Welf Siebald.

Das besserte sichtlich die Meinung des Ritters über den Beredeten etwas, denn er nickte flüchtig: »So mag er im Eisenkoller aufweisen, daß kein Dirnenblut in ihm steckt.« Er schlug bei den letzten Worten eine unwillkürlich hervorbrechende scharfe Lache auf und fügte, die Stirn wider Siebald drehend, bei: »In allen steckt's, kannst du dreinreden, denn es kommt nicht vom Vater allein. Aber ob's mehr von ihm gekommen, das macht's aus. Trink, Welf, ich sprach's, daß ich mit dir zufrieden bin.«

Er füllte selbst einen Becher und drückte Siebald mit der Hand auf einen Sitz am Tische nieder, während er Guy unbeachtet stehen ließ, und befrug den ersteren, ob er neue Botschaft von Konstanz mitbringe. Das gab mancherlei Antwort, in die Armin Klee dreinrief: »Den Humpen wollt ich dem trinken, dessen Zunge die Plapparte ausgebracht!«

»So trinkt ihn mir,« versetzte Welf Siebald ruhig.

»Du?« fuhr der Ritter überrascht, ungläubig auf, und Siebald berichtete lachenden Mundes. Der Blick des Burgherrn haftete mit einem absonderlich bohrenden Glanz auf ihm, bis er schwieg, dann stieß jener aus: »Das war meisterlich, Bursch! Nimm's nicht auf dich, wenn ich von schlechtem Weiberblut geredet, du hast bessere Tropfen in dir! Hättest andern Namen verdient! Deine Wohlfahrt!«

Er klirrte seinen Becher an den Welf Siebalds, der Müller leerte unter unbändigem Gelächter den Humpen und rief: »War ein guter Wind, der Euch vor vier Jahren nach Mülhausen wehte, Wendelin! Es bedünkt mich auch, wie der Herr Ritter spricht, Eure Mutter hat's versehen, Ihr hättet nach Eurem Ausschaun und Eurer Klugheit einen Junkernamen mit Euch auf die Welt bringen sollen.«

»Vielleicht trog mein Vater mich als Strauchdieb drum, Schopfmüller,« lachte der Angesprochene; doch jählings von seiner ungewohnt guten Laune umschlagend, fuhr der Ritter jetzt mit herrischem Gebot drein: »Was schwatzt Ihr Narrheit, als gäb's nicht anderes zu bereden! Wie viel Köpfe sind drunten?«

»Genug,« antwortete Armin Klee kurz.

»Ihr lügt!« stieß der Ritter plötzlich verwundersam angeschwollenen Zornes aus; »Euch kümmert's nicht, wenn's mißlingt, was morgen ist, und Euer Sack hat mir nichts zugebracht für die gierigen Mäuler, ob Ihr's vorher geprahlt!«

Der Müller warf einen Blick nach dem Fenster und versetzte: »Die Nacht ist schwarz, als hätten wir sie bestellt, und habt Ihr die Schlüssel, weis' ich Euch den Weg zu den Goldtruhen.« Und er blinzelte Welf Siebald an: »Eurem Wort vertraut der gestrenge Herr besser, begehrt Ihr's von ihm, daß wir nicht länger säumen.«

Aber mit heftigem Ruck sprang der Burgherr nun vom Sitz. »Was soll der Prahlmatz mir? Versucht's mit dem großmäuligen Burschen, wenn's Euch gelüstet, Müller! Bin ich der Herr oder er? Ich will nicht – heut nicht – wer will mich zwingen, wenn ich nein sage?«

Er setzte, groß ausschreitend, den Fuß gegen das Nebengemach, aus dem er zuvor gekommen. Eh er jedoch die Halle verlassen, flog sein Kopf plötzlich herum, denn eine Stimme hinter ihm frug:

»Was wollt Ihr nicht, Ritter von Egisheim?«

Niemand hatte während des letzten erregten Wortwechsels Acht darauf gegeben, daß die Tür von der Steintreppe her sich aufgetan und eine mittelhohe Mannesgestalt, schon seit einigen Augenblicken schweigsam zuhörend, hereingetreten war. Auch Guy Loder gewahrte dieselbe erst jetzt; das Fackellicht ließ die schmucklose Kriegsrüstung eines Soldknechtes erkennen, halb abgenutzte schwarze Arm- und Beinschienen, ein verschartetes Wehrgehenk fiel an der Hüfte nieder, den Kopf umgab ringsum bis auf die Schultern hinunter die enganschließende Eisenkappe, wie der gemeine Heerhaufen der Zeit sie in der Schlacht und beim Ansturm auf eine verteidigte Mauer trug, mit einfachem, schräg verstellbarem Fallgitter zum Schutz des Gesichtes. Verwundert drehten Armin Klee und Welf Siebald die Hälse nach der Richtung, aus der die unerwartete Stimme gekommen, der Ritter dagegen tat einen raschen Schritt vor. Unter den buschigen Brauen wetterleuchtete ihm Befriedigung, seinen Unmut rückhaltlos ungebändigt herausfahren lassen zu können, und rief:

»Wes erfrechst du dich, Stallbube? Wer hat dir verstattet, dich in den Herrensaal zu schleichen und zu fragen, was ich will oder nicht! Hinunter mit dir zu den Kellerratten!«

Doch der Angefahrene blieb unbewegt stehen und erwiderte:

»War's nicht Euer Wille, heut Nacht auszuziehen, so werdet Ihr's, wenn ich es Euch heiße.«

Das entloderte den hochaufgereizten Grimm des Burgherrn zu wildem Überkochen. »Hund von einem Soldknecht!« schrie er, »drohst du mir um deinen Lohn? Ich zahl ihn dir gleich!« Und mit knirschendem Gebiß riß er sein langes Schwert aus der Scheide. Aber der Bedrohte blieb ebenso furchtlos wie zuvor; unter der über ihm auffunkelnden Klinge schlug er gelassenen Armes das Visiergitter seiner Eisenkappe in die Stirn, und nur die freigewordenen Lippen stießen mit einem gebieterischen Nachdruck hervor: »Tod und Teufel, unsere Zeit ist kurz! Ihr werdet tun, was ich Euch heiße, Ritter!«

Einen Augenblick starrte der Ritter Bertulf von Egisheim den Sprecher jäh verdutzt an, die geschwungene Waffe fiel ihm aus gelähmter Hand und kollerte auf den Boden, dann stammelte er: »Vergebt mir, Herr –«

Doch der vor ihm Stehende fiel herrisch ein: »Schreit mich nicht an die Wände! Wollt ich's, ständ ich anders hier! Ich bin heut Nacht Euer Soldknecht, wie Ihr mich geheißen: will ein Probstück Eurer Kunst schauen. Der Bär hat seit ehegestern Konstanz in den Klauen; in einer Stunde seit Ihr bereit. Laßt mich und gebt mir für Hunger und Durst! Ich bin weit geritten, heut Euer Gast zu sein.«

Eine wundersame Verwandlung war über den Burgherrn gefallen; er verneigte sich tief und ebenso stand Welf Siebald demütig gekrümmten Rückens. Nur der Müller kannte offenbar den plötzlichen Ankömmling nicht, fühlte indes, daß die unerwartete Erscheinung desselben jeden vorherigen Widerspruch des Ritters mit Übermacht brach; so lachte Armin Klee, zur Seite getreten, breitspurig über die vom Dach herabgefallene Unterstützung seines nächtlichen Begehrens vor sich hin in den Bart. Staunend aber verwandte Guy Loder noch immer den gefesselten Blick nicht von dem Fremden. Im Moment, als derselbe über der unscheinbaren Landsknechttracht das Visier aufgehoben, war ein Doppelstrahl gleich dem Lichtblitz zweier Karfunkelsteine drunter hervorgeschossen, wie der Jüngling nichts ähnlich Glühendes, Pfeilscharfes, stolz Gebieterisches von Menschenaugen je gesehen. Dazu schien die mittelgroße Gestalt machtvoll in die Höhe zu wachsen, als ob sie über den hohen Wuchs des Ritters von Egisheim emporrage; ein dunkel umbartetes Antlitz in vollster Kraft des Mannesalters, von unbeugsamem Willenstrotz, hochfahrendstem Stolz und unbändiger Leidenschaft durchprägt, flammte aus der ärmlichen Eisenkugel heraus. Jede Regung der Miene sprach: Gegen diesen Willen gab es kein Wort, gegen den Arm keinen Widerstand; er zerbrach den Ungehorsam gleich dürrem Stecken, und die Erde konnte nichts tragen, vor dem sein zügelloser Mut und sein Kraftgefühl zurückschrak. Man brauchte seinen Namen nicht zu wissen; wie bei keinem Zweiten, der lebte, befiel die Übergewalt seines Hintretens mit niederbeugender Wucht, wie ein Sturmwind in Schilfhalme hineinstößt.

Nun drehte er geringschätzig den Kopf gegen Armin Klee, maß ihn kurz und frug:

»Seid Ihr der Müller, dem sie Recht geweigert? Wer Eure Faust trägt, hat das Recht. Sorgt, daß Eure Steine gut mahlen! Geht alle und legt Hand an! Wenn die Kanne leer ist, brechen wir auf. Du da bleib und schenke mir!«

Mit dem letzten winkte er Guy Loder, setzte sich an den Tisch und begann mit den Überresten der Mahlzeit seinen Hunger zu stillen, während der Ritter samt den beiden Anderen schweigend, ohne ein Wort des Einspruchs mehr, die Halle verließ. Der unvermutete Abendgast aß mit gleichgültiger Hast; wenn er den Becher geleert, schlug er ihn hart auf die Eichenplatte des Tisches, und hinter ihm harrend, füllte Guy neuen Trunk ein. So verging eine Weile, bis der Fremde einmal, sich schüttelnd, das Gefäß vom Munde setzte und laut ausstieß: »Keltert Euren Wein aus Schlehtrauben, däucht's! Foudre de Dieu gehört Mannescourage dazu, vor solchem Bärenblut nicht Fersengeld zu geben. Hält Eures hier davor Stich, ohne eine Fratze zu schneiden? Zeig's mir auf, Bursch!«

Sein Wink gebot dem Jüngling, gleichfalls einen Becher des herben Weines auszuleeren: dürstend nach langem Fasten nutzte Guy mit Freuden die Erlaubnis und trank, ohne eine Miene zu verziehen, mit sichtbarem Wohlbehagen. Von den Lippen des Zuschauers flog zum ersten Mal ein lustiges Auflachen, und er rief: »Gottsblitz, bist ein Maulheld, der mir über ist! Deine Zung schrickt vor des Teufels Leibtrunk nicht – oder war's kein Todesmut – Deine Haut schauet weiß drein – , bist auch umgeritten und möchtest gleiche Bravour mit den Zähnen kundgeben?«

Der Befragte stand wortlos, sein Gesicht war in der Tat nach der rastlosen Marschanstrengung des Tages farblos gewesen, jetzt floß Röte vom Trunk darüber, mehr jedoch noch von der unerwarteten Ansprache des Namenlosen, dessen Züge einen Augenblick ihre herrische Strenge abgelegt und, von heiter aufsprudelnder Laune übergoldet, so gewinnend dreinblickten, daß Guy kaum das nämliche Antlitz vor sich zu gewahren glaubte. Ein hinreißender Zauber umspielte die lachenden Lippen desselben, die ohne eine Erwiderung abzuwarten, mit schalkhaftem Ton nachfügten: »Schmalhans ist wohl Küchenmeister auf Eurem Raubnest? Bist hungrig, Kamerad? Sitz hin? Die Faust steckt im Magen, und du sollst sie noch brauchen zur Nacht.«

Er faßte Guys Arm, zog ihn, auch in seiner Scherzanwandlung keinen Widerspruch noch Aufschub duldend, an den Tisch nieder und schob ihm, was noch an Speisen übrig geblieben, hin. Dann hielt er die Augen mit Gefallen auf den jetzt frank und frei hungrig Zugreifenden verwandt und frug nach kurzer Weile: »Bist du des Hauses Sohn?«

Guy schrak zusammen, eine Empfindung, als ob er sich einer Täuschung schuldig gemacht, schnürte ihm plötzlich wieder befangen die Brust, daß er halb stotternd hervorbrachte: »Nein, Herr – ich bin nicht von edlem Blut – nur eines Bauern Sohn –«

Doch wegwerfend fiel der andere ihm ins Wort: »Edles Blut? Wer hat's? Der zuletzt auf der Mauer ist und den Feind an der Kehle packt! Mit der Faust, wenn's Schwert bricht! Hast's gesprochen, schaust nicht nach edlem Blut aus, Milchbart!«

Er sprang auf; das flüchtige Gefallen, das er an dem Jüngling gefunden, war sichtbar von anderen Gedanken verdrängt und ausgelöscht. Auch Guy erhob sich, Stirn und Wangen dunkel von Blut überströmt, doch der Fremde achtete nicht mehr auf ihn. Ungeduldig schritt er einigemal, ab und zu das Schwert auf den Boden stoßend, in der Halle hin und her, dann wendete er sich dröhnenden Schrittes gegen die Tür. Diese öffnete sich, bevor er sie noch erreichte, und er fuhr zornig heraus:

»Schlaft Ihr drunten? Ich bin nicht gewöhnt, auf Schneckengezücht zu warten! Mein Pferd! Ich reite zurück, wenn Ihr noch unfertig seid!«

Der eintretende Ritter von Egisheim verneigte sich jedoch tief mit der unterwürfigen Entgegnung: »Es ist alles bereit, Herr.« Die Fußtritte der Beiden klirrten hastig die Stufen draußen hinab, und Guy Loder stand allein in der großen Burghalle. Er suchte über das zu denken, was er seit einer Stunde erfahren: den Ort, wo er stand, die Menschen darin und ihre Reden, aber alles schwirrte ihm im Kopf durcheinander. Unablässig drängte der seltsame strenge Gast sich ihm, wie noch leibhaft dastehend, vor die Augen und scheuchte jeden anderen Gedanken. Wer mochte es sein, vor dem selbst der stolze Burgherr wie ein Nichts sich bog? Er redete deutsch, indes mit einem Anklang fränkischer Sprache, von der er dann und wann ein Wort einmischte. Hochbewußt über jeglichem klang sein Gebot, befahl sein Handwink, doch fast ebenso unwiderstehlich hatten die ritterliche Anmut seines scherzenden Mundes, der Zauber seiner heiter aufblitzenden Augen den Jüngling bewältigt. Und heiße Schamglut brannte diesem noch immer im Antlitz über das geringschätzige Wort, mit dem der Unbekannte von ihm aufgesprungen, von dem »Milchbart«, dem er nicht Mut und Tapferkeit zugemessen.

Da kam eilig ein Fuß die Treppe herauf, und Welf Siebald trat ein; sein Blick lief nach etwas um, das er in der Halle vergessen. Er war mit Brustharnisch und Helm bekleidet; Guy erkannte ihn erst, als derselbe, seiner ansichtig werdend, ihm verwundert zurief: »Stehst im Schlaf? Worauf wartest du denn, Narr? Die Vordersten haben schon das Tor hinter sich! Soll'n die Plapparte etwa zu dir kommen?«

Achtlos wollte er wieder hinauseilen, doch nun sprang der Jüngling, aus seinen Sinnen auffahrend, ihm nach, faßte den Arm Siebalds und stieß fieberhaft aus:

»Hast du auch Waffen und Rüstung für mich? Gib sie mir – ich will's ihm zeigen, daß mein Blut nicht feig ist!«

»So mach hurtig, daß wir nicht zu spät zum Tanz kommen! Willst dem Ritter zeigen, daß du kein Feigling bist? Der Leu hat ihm auch die Pranken gewiesen, daß seine Hoffart ins Mausloch gekrochen! 's ist lustige Nacht und des Müllers Schopf unser Leuchtspan!«

Welf Siebald riß Guy an der Hand in die Rüstkammer der Burg hinunter, und nach kurzer Frist trat der letztere umgewandelt draus hervor, eisengewappnet vom Scheitel bis zum Fuß; eine Schutzkappe für den Kopf hatte gefehlt und Siebald, zur Hast treibend, ihm einen Ritterhelm mit wallender Feder aufgedrückt. Der Burghof war schon leer, als sie hinausgelangten, doch auf dem Bergweg, der ins Rheintal hinabführte, erreichten sie den Nachtrab des schleunig aufgebrochenen Heerhaufens. Fast lautlos bewegte sich dieser langsam durch das tiefe Dunkel, nur da und dort schlug flüchtig ein Geklirr auf, das rasch der pfeifende Dezemberwind verschlang. – Am manchmal hervortauchenden und schnell wieder schwindenden Schimmer eines Sternes ließ sich erkennen, daß sturmgepeitschte Wolken droben flogen, sonst nahm das Auge kaum etwas gewahr. Es mußte über Mitternacht hinaus sein, ab und zu tönte die Stimme des fremden Ankömmlings auf der Burg mit einem gedämpften Fluch in deutscher oder fränkischer Sprache, der zu hurtigerem Vormarsch trieb. Als sie die ebene Straße drunten angetroffen, ging es schneller; Abbiegen zur Rechten deutete Guy, daß der Zug sich gen Süden wandte. Die schwere ungewohnte Rüstung machte ihm anfänglich das Mitkommen mühevoll, raubte ihm fast den Atem, doch ein fiebernder Wille beherrschte seine Glieder und Sinne. Lieber tot am Wege hinstürzen, denn als ein lebender Schwächling zurückbleiben! Und statt schlimmer zu ermatten, fühlte er allmählich mit der Gewöhnung an die drückende Eisenlast seine Jugendkraft zuversichtlicher darunter trotzen. Er ging allein und dachte über das Ziel des nächtlichen Marsches, wußte indes keine sichere Vermutung zu gewinnen: nur daß ihr Auszug im Zusammenhang mit dem zwischen Bern und Konstanz losgebrochenen »Sechsplappartkriege« stand, war sonder Zweifel, sowie daß derselbe einen heimlichen Überfall bezweckte. Doch der Weg bis zur schweizerischen Grenze war zu weit, als daß sie diese vor Tagesanbruch erreichen konnten; so vermochte er sich seine Frage nicht zu beantworten. Auch galt's ihm gleich, gegen wen er seine Waffe führen sollte. Ein Kriegsmann hatte nicht danach zu fragen; nur für den Ritter von Egisheim hätte er widerwillig Solddienst getan, offenbar aber war dieser nichts als ein Werkzeug in der Hand, dem Willen und den Plänen eines Mächtigeren, dem die Bereitschaft Guys mit freudigem Herzklopfen entgegenschlug. Kein Mann hatte je mit Blitzesgeschwindigkeit solche Herrschaft über ihn gewonnen; für ein Wort, einen Blick von ihm ging er blindlings gegen jeglichen durch Nacht und Todesgefahr. Manche Stunde verrann, fast im Lauf bewegte jetzt der Heerhaufen sich vorwärts; links hinüber begann der Schwarzwald von einer fahl aufdämmernden Färbung des Himmels abzustechen. Es war noch keine erste winterliche Morgenhelle, doch ein Vorbote derselben; immer schleuniger wälzte sich der Zug durch die sinkende Nacht.

Dann stockte er jäh, und plötzlich sah Guy Loder dicht vor sich eine hohe, schwarze Ringmauer aufsteigen, dahinter ragten, im ersten trübfalben Schimmer verschwimmend, Türme, die er schon einmal gewahrt. Doch nur die Erkenntnis durchschoß ihm den Kopf: es waren die der Stadt Mülhausen, dann blieb ihm nicht Zeit und Fähigkeit mehr zum Denken. Im Nu hatten die vordersten der Soldknechte mitgeführte Sturmleitern an die Mauer gelegt und kletterten wie Katzen hinan, andere drängten nach: der Schopfmüller, Armin Klee, war unter den ersten und rief: »Ich zeig Euch den Weg zum Tor!« – »Brecht auf!« fiel anfeuernd die Stimme des Namenlosen ein, »Fässer und Dirnen drin sind Euer!« Und er lachte hinterdrein: »Ich gönn Euch ihr Schlehenblut!«

Da scholl's plötzlich droben: »Feinde! Räuber! Mordbrenner! Mordio!« Pfiffe gellten auf, Hornschmettern, Weckrufe, hundertkehliges Geschrei; die Türmer bliesen, nach wenig Augenblicken fiel wildes Glockengeläut drein. Oben auf dem Mauerrand sah man undeutlich die Vordringenden stocken, Schwerter und Kolben über sich schwingen; der Müller, im rasselnden Panzer wuchtig vor sich hinaushauend, schrie: »Verflucht! die Hunde sind aus dem Loch!« Wutgebrüll antwortete ihm: »Armin Klee hat die Stadt verraten! Heran! Packt ihn lebendig, daß er die Zunge vom Galgen reckt! Steine, Balken, Pech auf die Raubbrut!« Ein schrill überheultes Getümmel, Geklirr und Handgemenge erhob sich; offenbar war die Stadt Mülhausen nicht so schwach bewacht, wie die Überfallenden erwartet. Mit jeder Minute strömten halb unbekleidete, aus den Betten gefahrene Verteidiger herzu und warfen furchtlos die nackte Brust den Angreifern entgegen. Es gelang ihnen, diesen den Weg zum nahen Tore zu sperren, sie mit Überzahl gegen die Leitern zurückzudrängen, daß die Nachrückenden sich nicht auf den Mauerrand emporzuschwingen vermochten. Da und dort stürzte einer der Landsknechte schwer getroffen hintenüber in die Tiefe, seine Genossen wichen und schrieen: »Die Leitern frei!« rücklings wälzten sich von diesen die halb Emporgekletterten herunter. Der nächtliche Anschlag war mißglückt, alle Bürger der Stadt drängten in Waffen und Wehr zum Schutz. Armin Klee allein kämpfte noch mit Bärentrotz und -stärke auf der Mauer wider ein Dutzend seiner Mitbürger, doch aussichtslos und ohne Möglichkeit, die Leiter, welche ihn hinangetragen, wieder zu erreichen: »Wir haben ihn! Greift den Verräter! Mahlt ihn zwischen seinen Steinen zu Brei!« tobte es um ihn; nun stieß er ingrimmig durch die Zähne: »Habt mich erst – ein andermal, Ihr Grindköpfe!« und mutvoll wagend sprang er aus ihren zupackenden Fäusten mit gewaltigem Satz von der mächtigen Höhe herab. Einem Scherbenhaufen gleich glirrte und schetterte drunten seine Rüstung um ihn, und er lag einen Moment wie leblos; doch glücklicher Fall hatte ihn auf weichbrüchigen Bodenfleck stürzen lassen, und unerwartet hob er sich unter wildenttäuschtem Rachegeschrei der von oben Nachschauenden plötzlich mit einem Ruck wieder auf und hinkte, eine Schimpfgebärde mit der Faust machend, ziemlich unversehrt davon.

Unweit von ihm aber stieß in der etwas angewachsenen Morgenhelle der Urheber des nächtlichen Angriffs zwischen laut knirschenden Zähnen wutzischend hervor: »Tod und Teufel, Ritter von Egisheim, sind das Eure Beißzähne? Zum Henker mit Euch! Auf die Peitschbank mit Euren Memmen! Poltron, Schurken seid Ihr!« Und sein Schwert reißend, hieb er einem der vergeblich Anstürmenden über den Scheitel, daß der Getroffene taumelnd in die Kniee brach. Gleich darauf griff er den Zügel seines Pferdes, sich in den Sattel zu werfen, da erklang ein Ruf neben ihm: »Werft mich nicht zu ihnen, Herr – der Milchbart holt Euch den Klapperstein vom Stadthaus drinnen! mir nach, wer Mut hat!« und blindlings lief Guy Loder auf die verlassenen Leitern zu. In der wallenden Helmbuschzier wie ein junger Ritter erscheinend, stieg er hastig allein einige Sprossen hinan; niemand folgte ihm, verwundert blickten die Verteidiger, ohne ihre Hand zu rühren, von droben auf ihn nieder. Erst als er fast die Halbhöhe der Mauer erreicht, flog ein Wurfbalken streifend an ihm vorbei, riß ihm den Helm vom Kopfe und das lange Haar rollte ihm flatternd in den Nacken. Doch ein irrer, besinnungsloser Glanz strahlte todverachtend aus seinen Augen; die Waffe über das unbeschützte Haupt aufschwingend, hob er den Fuß weiter empor, wie mit Gedankenschnelle war alles geschehen. Und so stieß jetzt der Namenlose, sein Pferd lassend, ein heftiges »Narr« von den Lippen, sprang jählings auf die Leiter zu, packte unbekümmert um die nun auf ihn herabprasselnden Wurfgeschosse mit Riesenkraft den Arm des Jünglings, riß ihn herab, und, den Schild über seinen Kopf breitend, mit sich in Sicherheit zurück. Das Fallgitter war ihm aufgeflogen, und wie bewußtlos schaute Guy einen Moment in diese funkelnden Augensteine seines Retters; dann schwang dieser sich wortlos auf sein Roß. Der Versuch, Mülhausen durch einen Handstreich zu überrumpeln, war mißlungen, und hurtig wälzte der abgewiesene Landsknechtshaufen sich durch die regentrübe Morgenluft wieder gen Norden davon.

Viel Durcheinanderruf, Zornausbruch und Hohngeschrei folgte ihm drobenher von der Stadtmauer nach: »Da zieht das Raubgesindel ab! Kommt wieder, wenn Eure Hirnknochen Lust tragen! Helft Eurem Müller mahlen! Wir mahlen rot, ob Knecht oder Junker!« Doch plötzlich überhallte ein Stimmenruf das frohlockende Getöse: »Lacht nicht! Läutet Sturm in Stadt und Land bis nach Bern hinüber! Das war kein Raubritterüberfall des Egisheimers! Saht ihr den Knecht, der den tollen Junker von der Leiter zurückriß? Sein Visier flog – weß Aug ihn einmal gesehen, vergißt ihn nicht! Ich sah ihn zu Lüttich, als er die reiche Stadt erstürmt und das Blut der Weiber und Greise auf den Gassen floß! Er hielt zu Roß am Markt und sprach wie mit einer Zunge von Eis: ›Solche Frucht trägt der Kriegsbaum.‹ Stecht mir die Augen drauf aus dem Kopf – es war Charles le Téméraire der Herzog von Burgund!«

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