Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Wilhelm Jensen >

Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 14
Quellenangabe
pfad/jensen/dusenbac/dusenbac.xml
typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100326
projectidcda6713a
Schließen

Navigation:

Dreizehntes Kapitel

Still lag der See, und auf ruhig dahinschwebenden Flügeln zogen Störche durch die heitere Luft südlicheren Landen zu. Da und dort stach ein vorzeitig verdorrtes Blatt herbstlich aus dem Uferkranz der Wälder und Gärten, doch sommergrün spiegelten sich noch die Wiesen in dem kristallenen Gewässer und blickten die rinderbedeckten Matten von den Berghängen nieder. Kein Wintersturm war noch im Anzug, ringshin umbreitete sonniger Frieden den Kahn, der silberglimmernde Furchen hinter seinem Kiel zurückließ.

Aber, wenn's die Natur auch nicht wußte, es war ein trügerischer Anschein. Ob den bezopften Chinesen oder den hageren Söhnen der Wüsten Afrikas die Ehre der Erfindung zukam, Altiral von Prag oder Peter Lips, der jüdische Mönch Lorenz Vola oder der »schwarze Barthel« zu Freiburg den Ruhm mit größerem Recht in Anspruch genommen – gewiß blieb, daß sich ungefähr seit dem Beginn des Jahrhunderts die Entdeckung und der Nießbrauch einer zuvor unbekannten Mischung von Schwefel, Salpeter und Kohle unter den Menschen ausgebreitet hatte, welcher die besondere Eigenschaft beiwohnte, von einem hineinfallenden, noch so geringfügigen Funken mit blitzesgleicher Flamme, donnerartigem Krach und gewaltiger Verheerung ringsum in die Luft geschleudert zu werden. Einer mit solchem Pulver angefüllten großen Tonne aber glich gegenwärtig das weite Landgebiet, über dessen friedliche Natur die weißen Alpenhäupter nach Westen, Norden und Osten bis an die Donau, den Oberrhein und die Rhone hinüberschauten. Nicht im flimmernden Gras und im murmelnden Laub, doch in den Köpfen der Land- und Stadtbewohner dazwischen hatte die reizbare Mischung der toten Elemente eine verwunderlich anähnelnde Zubereitung gefunden, die vielerorten nur auf einen zufälligen, vielleicht lächerlichen Wortfunken harrte, um die ruhige Spätsommerwelt mit wildem Getöse zu durchlärmen. Denn gleich jenen drei Bestandteilen des Schießpulvers lagen eng zusammengerückt und vielfältig durcheinander gerüttelt in den eidgenössischen Landen dreierlei staatliche Gegensätze, deren nahe räumliche Begrenzung nicht mindere Feuergefährlichkeit mit sich brachte. Das waren die »freien Kantone« der Schweiz, die in sie hineingeschachtelten »Herrenländer« von Fürsten, Bischöfen und Rittern und diejenigen Städte, welche sich auch nach den Tagen von Morgarten, Sempach und St. Jakob dem Bunde der Eidgenossenschaft nicht angeschlossen hatten, sondern noch dabei verharrten, in der Fortdauer des alten Freundschaftsverhältnisses und Wehrbündnisses mit dem österreichischen Erzherzoghause ihren Vorteil zu gewahren. Zuletzt hatte das Jahr 1444 zwischen diesen stets aus- und gegeneinander strebenden Elementen einen Stillstand der Waffen herbeigeführt und seitdem, von kleineren Fehden abgesehen, Ruhe über ihnen gewaltet. Aber es war eine schwüle Ruhe, wie sie bei der Verdichtung heißer Dünste am Himmel herrscht; man hatte heimlich und laut jenen Friedensvertrag im Volksmunde mit dem Namen des »faulen Friedens« belegt, und von Jahrzehnten eifrig gehäuft, stand an jedem Ort, in jeder Brust und jedem Kopf die Pulvertonne bis an den Rand gefüllt.

Da saßen in der alten Reichsstadt Konstanz Welf Siebald und Guy Loder in einer Herberge beisammen. Sie lag nahe am Konziliumshause, wo vor nunmehr einem halben Jahrhundert Kaiser Sigismund mit drei Päpsten, dreißig Kardinälen, ebensoviel Reichsfürsten und zweitausend Erzbischöfen, Bischöfen, Äbten, Prälaten, Grafen, Doktoren, Priestern und Mönchen sich den Kopf über eine »allgemeine Kirchenverbesserung an Haupt und Gliedern« zerbrochen und zum Beweis ihrer redlichen Absichten zuvörderst Johannes Huß und seinem Begleiter von Faulfisch, genannt Hieronymus, kaiserliches Geleit, Wort und Treue gebrochen hatten, um ihre Asche in den grünwirbelnden Rhein zu streuen. Auch nicht weit vom Bodenseeufer lag die Herberge, denn man vernahm in ihr das Anglucken der Wellen, die der Nordostwind durch herbstliches Nachtdunkel vom schwäbischen Gestade herüberrollte, und im großen Kamin der Schenkstube loderte schon ein wärmendes und hellendes Scheitfeuer gegen die frühzeitige Kälte des Oktoberausgangs. So war's behaglich drin, und das weiträumliche Gemach wie seine Ausstattung entsprachen dem Ansehen, Reichtum und trefflichen Ruf der guten Stadt Konstanz; weniger einem gemeinen Gasthause glich's als einer vornehmen Zunft-Trinkstube, manch adelige Ritterzeche durfte sich schwerlich damit messen. Es saß auch eine hochachtbare Gesellschaft drin beisammen, kein wanderndes Volk von der Heerstraße, sondern lauter Männer mit dem Schwert an der Hüfte, denen man einflußreiche Bürgerwürde vom Gesicht las, zumeist augenscheinlich Inwohner der Stadt; linkshin an einem Wandtisch indes auch einige fremde Gäste, ihre Zwiesprache bekundete sie als gewichtige reisende Kaufleute aus Bern. Mit Trunk und Rede ging's lustig zu, am meisten jedoch durch Welf Siebalds Verdienst. Sein Mund war ein fliegender Born von Schwänken und launigen Kunden, daß beifälliger Ruf und vergnügliches Gelächter unter den Zuhörern kein Ende nahm; nur die Fremdlinge hielten sich in ernsthafter Beredung seitab. »Seid ein fröhlicher Junker, unserer Stadt zur Ehr mit Eurem Besuch!« sprach wohl der eine und der andere Konstanzer Bürger wohlgefällig und trank ihm zu, und der Belobte erwies artig seinen Dank durch gewandte preisliche Hervorhebung der rühmenswerten Stadt, die ihn herberge, und ihrer klugen mannhaftigen Bewohner. Auch der Wirt, dessen Verdienst der beredte Gast förderte, schmunzelte erfreut und mischte sich bei einer Wendung der spaßigen Unterhaltung drein: »Habt gewißlich manch guten Trunk über die Zunge gebracht, Junkherr, hab doch ein Fäßlein im Keller, wie's Euch noch nicht auf Weg und Steg begegnet sein mag. Was bietet Ihr Entgelt, wenn ich Euch den Bären damit anfülle?«

Er streckte die Hand nach dem Wandsims und hob einen mächtigen kunstvoll zu Bärengestalt gearbeiteten Erzhumpen herab. Um die Mundwinkel des Befragten flog ein unmerkliches Zucken und ebenso ein blitzkurzer Seitenblick des Augensterns zur Linken hinüber, dann rief er laut:

»Sechs Plappart!«

»Das ist gering für edlen Trunk,« lachte der Wirt mit gutem Recht, denn ein Plappart war eine von der Stadt Bern geprägte, fast winzig-wertlose Kupfermünze, »doch Euch schenk ich ihn umsonst für weiteren guten Schwank –«

Aber Welf Siebald fiel ihm laut-lustig ins Wort:

»Begehre nichts, was mir nicht zukommt; sechs Plappart dünken mich für einen Bären genug!«

Der Wirt ging, gleichzeitig indes erhob sich von dem Tisch der plötzlich aufhorchenden fremden Kaufleute der Zunächstsitzende, trat hochemporgerichtet gegen Siebald hinan und sagte mit verhaltener Erregung:

»Ich verhoffe, Ihr meinet nicht uns mit Eurem Spruch, Herr.«

Der Angeredete drehte den Kopf herum, der eine Miene unübertrefflicher Verwunderung auswies, und antwortete harmlos lachend:

»Was begehrt Ihr? Womit soll ich Euch vermeint haben? Seid Ihr ein Bär?«

Ein schadenfreudig greinendes Raunen über die Erwiderung umlief den Tisch der Konstanzer, dem Berner indes schlug Röte ins Gesicht, und er versetzte heftig:

»Ich frug, ob Eure Plapparte auf den Berner Bären gemünzt waren?«

Das rief heiter schallende Lache aus Welf Siebalds Kehle. »Ihr tranket wohl doppelt, Herr, und schaut die Dinge mit dem Fuß nach oben. Mich bedäucht, der Berner Bär münzt die Plapparte, deßleider, denn er hat eine Bärenzunge, die ihre Jungen zu dünn leckt.«

Der Ton seiner Stimme klang harmlos wie zuvor, doch in den Worten barg sich ein fein hervorzüngelnder Hohn, der die Berner Kaufleute sämtlich aufspringen und mit den Händen an ihre Schwertgriffe fahren ließ. Sie riefen durcheinander: »Welcher Frechling spricht das? Straft den Buben, den schandmäuligen Krautjunker!«

Der Bedrohte war, furchtlos über sie hinblitzenden Auges, einen Schritt zurückgetreten, riß seine Waffe von der Hüfte und entgegnete mit einem noch immer meisterlich gespielten, halb ungläubigem Erstaunen:

»Ich glaubte, in edler Gesellschaft zu trinken, nicht unter Strauchkleppern und Bärenhütern. Ist das Bürgerstolz und Gastfreundschaft dieser Stadt, daß sie ihre Gäste von Petzen anfallen und sich selbst mit ihren Tatzen ins Gesicht schlagen läßt? Klingt als ein artiges Schmeichellob für Euch, ihr Herren, mit einem Frechling und Buben am Tische zu sitzen! Will Euch nicht längere Schande damit bereiten, noch hier dem Hausfrieden Abbruch tun lassen; komme vor die Tür hinaus, wer einen Plappart von mir begehrt!«

Seine Hand stieß die Klinge mit verständlicher Deutung in die Scheide zurück, und er drehte sich gegen den Ausgang; doch ein Dutzend Arme der jetzt gleichfalls ringsum vom Sitz emporgeschnellten Konstanzer streckte sich aus, ihn zu halten, und laute Rufe flogen durcheinander: »Laßt Ihr einen edlen Gast unserer Stadt von den Bärenhütern beschimpfen? Wollt Ihr Euch einen Ring durchs Maul ziehen lassen und am Stock tanzen, wenn sie aufspielen? – Heißt den Junker es uns nicht zum Unglimpf rechnen und werft die Plapparte hinaus!«

Der Wein lachte und schrie von den Zungen, mit unverkennbar nüchternen Zügen standen die Berner Herren halb verdutzt dem plötzlichen Getobe gegenüber, einer derselben versuchte zu reden: »Ist's Euer Bedacht, Gastrecht in Konstanz zu brechen?« aber vielstimmig überscholl's die Worte: »Hinaus mit den Bären! Laßt sie draußen in die Nacht brummen! Laßt die Plapparte vor der Tür plappern und klappern!«

»Plapparte – Plapparte – Plapparte!« jauchzte, lachte, lärmte die zehnfach überlegene Anzahl der Konstanzer. Der Wirt kehrte in diesem Moment aus dem Keller zurück und sah starr verwundert in das während seiner kurzen Abwesenheit losgebrochene Getöse, doch Welf Siebald riß ihm schnellen Zugriffs den weingefüllten Bärenhumpen aus der Hand, schwang sich, denselben hoch über sich hebend, auf einen Sessel und rief: »Euch zum Dank dies, Ihr Herren, und Eurer edlen Stadt, die nicht hochmütigen Schimpf an einem Gaste duldet! Wollt Ihr gewahren, wie man einen störrischen Bären zwingt?« Und das große Gefäß an die Lippen setzend, leerte er es auf einen Zug aus.

Nun brach der Jubel noch ungestümer aus allen Kehlen. »Vergeßt nicht, sechs Plappart dafür zu zahlen, Ihr spracht recht, so viel ist der Bär wert!« Ohne ein Wort mehr wandten die Berner Kaufleute sich vor der dicht gegen sie hindrängenden Überzahl spöttischer Gesichter zur Tür und verließen die Gaststube; nur auf der Schwelle drehte der Vornehmste von ihnen noch einmal den Kopf und sprach drohend: »Die Plapparte werden Euch teuer!« Dann hatten sie rasch draußen ihre Pferde gesattelt, und nach wenigen Minuten verklang ihr Hufgetrapp durch den Nachtwind gegen das südliche Stadttor von Konstanz. Drinnen brauste das Gelächter unbändig fort, der Wirt rief: »Ich hatt' einen guten Schwank für den Bären von Euch gefordert, Herr Junker, aber für den füll' ich ihn nochmals an – ohne sechs Plappart!«

Hatte Welf Siebald gewußt, daß die beiden letzten Worte ein lächerlich klingender Funke gewesen, der in die große Pulvertonne zwischen den weißen Alpenköpfen, dem Rhein und der Donau gefallen, und hatte er ihn etwa mit wohlberechneter Absicht hineingeworfen? Seine harmlose Miene verriet so wenig davon, daß selbst Guy Loder keine Ahnung solches vorbedachten Zweckes beschlich. Unbefangen scherzte der erstere beim Becher über den hohlen Selbstdünkel und die stumpfen Krallen des altgewordenen Berner Bären fort, ergötzte seine Zuhörer weidlich mit mancher Mär von der täppischen Albernheit desselben und pries dankbar sein Geschick, daß er hier so mannhaft beherzte Beihülfe wider die ungeschlachten Tatzen gefunden, wie wohl keiner anderen Stadt Bürger sie also hochsinnig und kraftbewußt einem fremden, vom Übermut verunglimpften Gaste gewährt hätten. Doch als in der nächsten Morgenfrühe hinter ihm und Guy Loder das altersdunkle Tor von Konstanz sich geschlossen, drehte Welf Siebald den Kopf zurück und sprach mit höhnischem Zucken um die Mundwinkel:

»Sechs Plappart, Pfluggesell – hast du schon gewahrt, daß man verschabtes Kupfer in die Mäuler säet, damit ein Goldbaum draus aufschießt? Ich denke, manch Rabengekrächz wird um ihn schnarren –«

Verständnislos blickte Guy ihn an und fiel ihm ins Wort:

»War's dein Wille – kein, Zufall – daß der Zwist sich hob? Warum, wozu?«

Da lachte der Befragte: »Zufall ist alles, Knäblein, von unserer Mutter Wehstunde an, ob sie uns in ein Herrenbett legt oder hinter den Zaun an die Wegstraße wirft. Was unser Hirn kann, wenn die liebe Frau von Dusenbach es uns im Schädel belassen, ist, den Zufall am Schopf zu packen. Das hab' ich gestern Abend getan – wozu? – hoffe, du wirst's hören und schauen. Wenn die Spatzen sich balgen, stößt der Sperber drein, und stößt der Habicht auf ihn, ist's Zeit für den Geier, aus dem Horst zu schießen. Vorwärts, unsere Zeit ist kurz, denn die Plappartsaat kann hurtig aufgehen und die Sicheln müssen gewetzt sein.

Begegnet mir ein Kaufmann gut,
Den Plappart tät ich ihm lassen.«

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.