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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 12
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
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Elftes Kapitel

So wanderten sie, wie vor vier Jahren Velten Stacher und Guy Loder, südwärts dahin, doch nur ein Stück Weges, denn vor der Stadt Kolmar bog Welf Siebald zur Linken ab, und sie schritten geradeaus durch weites, tellerebenes Land. Der Mond schwand und kurzes Zwittergrau umfing sie, dann hob sich im ersten Frühlicht die mächtige, älteste Felsenfeste des Oberrheintales, Breisach, von vieltürmigem Dom gekrönt, dicht vor ihnen empor. Guys neuer Weggenosse zeigte aber, daß er nicht nur feurigen Zehrtrunk, vielmehr ebensowohl reichlich klingenden Zehrpfennig im Sack trug, denn sie traten alsbald in eine Herberge, kräftigten sich nach der Anstrengung des eiligen Marsches durch Speise und Trank und holten vermittelst etlicher Raststunden den versäumten Nachtschlaf ein. Nach denselben führte Siebald den Jüngling in eine Gewerkstatt, wie damals auch der Pfeifer es getan, nur nicht in die eines Gewandschneiders, sondern zu einem Platner oder Waffenschmied, bei welchem er ohne Ansehen des Preises zwei lange, fast vom Gurt auf den Boden nachschleifende, trefflich gearbeitete Raufklingen erstand. Diese schnallte er sich selbst und Guy um und maß seinen Begleiter, als sie weiter gingen, mit befriedigtem Blick, denn der letztere trug zum ersten Mal eine Waffe an seiner Seite, und unwillkürlich hob das Gefühl und Aufstoßen des Schwertes ihm den Fuß zu kühner bewußtem Schritt. Doch schwieg Welf Siebald; erst als sie auf die lange Brücke hinausgelangten, unter welcher rauschend, wirbelnd und emporbäumend, damals noch, auf der östlichen Seite Breisachs, der Rheinstrom seine grauen Wassermassen fortwälzte, sprach der Hornbläser anhaltend: »Fühlst dich anders, seit du die Manneswehr an der Hüfte spürst? Ist ein klug Gebot, daß kein Dusenbacher sie tragen darf, würd ihm sonst bald das Lammsblut aus den Fingern jucken. Wirst die Tropfen davon, die noch hast, rasch herausspülen; gefällst mir, Guy Loder, bin dem Narrenschnabel zum Dank, hätt' mir keinen besser ausschauenden Kumpan auf den Weg schnattern können. Bist feingestaltem Herbergschild gleich, das guten Trunk für den Durst verheißt.«

Der Jüngling errötete über das ihm zugespendete Lob, das dem selbstempfundenen, zuversichtlicheren Klopfen seines Blutes entsprach, und versetzte, um nicht mädchenhaft stumm zu bleiben: »Weshalb gehen wir über den Fluß?«

»Hätten noch eine Weile drüben bleiben können,« erwiderte der Befragte, »ist aber mit unseren Eisenspinden besserer Weg hierseits als im Pfeiferland, denn wir haben nicht Zeit zu versäumen, daß einer uns auskundet, woher und wohin. Schau's dir an der Nas, möchtst selber auch die Frag' wieder aufbringen; je hurtiger du deine Beine auseinander tust, um so früher geben sie dir Antwort. Hab dir verheißen, trägst gut Glück in der Faust und im Fuß und wirst lustigere Brüder antreffen und Schwestern dazu.«

Über die Brücke fort, ließen sie die rundaufquellenden, rebbedeckten Kuppen des Kaiserstuhlgebirges zur Linken, stiegen den niedrigen Rücken des schmalen Dünberges hinan, wo aus der unermeßlichen Umsicht gen Straßburg hinab und gen Basel hinauf ihnen, nahe herzugerückt, der hohe, braunrote Spitzenbau des Freiburger Münsterturmes ins Gesicht grüßte, und wandten sich schräg hinüber der breiten, tannendunklen Mauer des Schwarzwaldes entgegen. An diesem schritten sie eilfertig entlang, nahmen am späten Abend, wiederum den Rhein querend, Nachtlager in einer Herberge zu Basel und gelangten, gar frühzeitig aufbrechend, schon vor der Mittagsstunde des nächsten Tages auf den Paßsattel des Hauensteinberges. Die Sonne stand ihnen gerade südher in die Augen, doch plötzlich gewahrte Guy Loder unter ihr dicht vor sich in schier endloser Zahl und Ausdehnung die blauen und weißen, bis zum Äther aufgereckten Zacken, die einstmals droben über Altweier gleich unverrückten Wolkengebilden ihm am fernen Ende der Welt den Himmelskreis beschlossen. Fast erschreckend nah und überwältigend lag das schöne Traumwunder wie mit einem Zauberschlage unvorbereitet ihm zu Füßen, rief in jähem Aufsturm ein Wogen des alten Kindheitsehnens seiner Brust wach, daß er atemlos ausstieß: »Gehen wir dorthin – zu ihnen?«

Aber Welf Siebald nickte nur gleichgültig, ohne den Blick zu heben: »Hab nicht Sorg, die Hamster und Dachse haben sich gute Löcher auch in die Wüstenei geschaufelt«, und er vergönnte keine Minute Anhalt und Rast. Sie tauchten wieder in ein breites Tal hinunter, drin die leuchtenden Spitzen dem Auge verschwanden, und wanderten an strudelndem Gewässer aufwärts; doch ein heimlich beseligender Gedanke förderte die Schritte des Jünglings, daß die geheimnisvollen krystallenen Märchengebilde nahe vor ihm dalägen, und es mußte ein guter glückverheißender Weg sein, der ihn denselben entgegenführte. Um manche Stunde später kamen sie an das alte Städtchen Sursee, von dessen dunklem Tor der doppelköpfige Adler des Habsburgischen Erzherzoghauses steingehauen herabdrohte; bis sie nach einem kurzen Vesperimbiß zur anderen Seite wieder hinauszogen, breitete im schon beginnenden Abendlicht die Spiegelfläche eines länglich schmalen, stillen Landsees sich ihnen zur Linken. Erstaunt sah Guy Loder darauf, denn er hatte noch niemals ein so breites Gewässer erblickt, und frug nach dem Namen. Welf Siebald deutete nach einem niedrigen Kirchturm jenseits des Spiegels hinüber und erwiderte: »Das ist Sempach, nach ihm heißt auch der See.« Er ward gegen seinen Brauch mitteilsam und knüpfte daran, daß dort vor bald einem Jahrhundert die Schweizer Stadtbürger und Bauern den edlen Herzog Leopold von Österreich mit vielen Tausenden seiner Ritter und Knechte durch List und Überzahl bewältigt und im Kampf erschlagen hätten: Unter verächtlichem Aufwurf seiner schon von Naturgestaltung stark vortretenden Lippen redete er weiter über die trotzige Frechheit der Kuhhirten, Mistbuben, Pfahlbürger und Pfeffersäcke, die seitdem sich vermessen, einen Eidbund unter einander zu schließen, die Burgen edler Herren im Schweizerland zu umlagern und zu zerstören und sich unbotmäßig gegen die hochmächtigsten Fürsten rings um sie herum zu verhalten. Sie dafür zu züchtigen, habe vor einem Menschenalter der König von Frankreich den österreichischen Herzogen wohl an dreißigtausend Armgecken zum Beistand geschickt, wild-unbändige Soldknechte, die der Connetable Bernard Armagnac geworben, daß sie nach ihm Armagnaken, doch in deutschen Landen arme Gecken oder arme Hechte, benannt worden. Die hätten auch bei Sankt Jakob an der Birs unweit Basel mehrere Tausend von den lumpigen Bauernrotten bis auf den letzten Mann ins Gras beißen lassen, sich danach aber in Raub-, Brand- und Plünderlust überallhin ins Elsaß, Schwaben- und Bayerland zerstreut, daß die »Schwyzer« wiederum mit einem blauen Auge davongekommen. Dadurch sei der Hochmut dieses störrischen Gesindels von Häringsnasen und Viehtreibern von Jahr zu Jahr immer höher noch ins Kraut geschossen; doch der Krug falle zuletzt einmal von der Stiege und platze in Scherben auseinander, und – Welf Siebald stand, mit blitzenden Augen nach dem Sempacher Turm hinüberblickend, still – er kenne einen, dem's lang das Blut gälle, die gemeinen Struppschädel von Bern bis Basel, Zürich und Sankt Gallen mit eisernen Ruten zu peitschen. Da werde viel Heulen und Winseln hier über die protzigen Äcker kreischen, und wessen Plempe weidlich dazu mitverhelfe, viel Ansehen bei Herren und Gold im Sacke heimtrage.

Das redete Welf Siebald mit einer wunderlichen Lustigkeit und Zuversicht, und Guy Loder hörte staunend zu, denn alles klang ihm neuartig, wildfremd und fast unbegreiflich. Velten Stacher hatte ihm niemals solcherlei Dinge gesprochen, sondern von Tag zu Tag nur fröhlich seine Kunst betrieben, sein Lied gepfiffen und am Abend unter heiterer Zwiesprache den Becher ausgeleert, daß es Guy nie in den Sinn geraten, es sei anderes, als eitel Friede und Freudigkeit in der weiten Welt. Nun vernahm er, daß hier, wo die hellen Quellwasser neben ihm rieselten, oftmals rote Blutbäche geronnen seien und in der Stille etwas darüber laure, wie ein hochkreisender Geier niederzuschießen und seine Fangkrallen abermals zu blutigem Kampf herabzuschlagen. Die ungewöhnliche Beredsamkeit seines Gefährten bedünkte ihn absonderlich, als habe derselbe seine Mitteilungen nicht ohne Zweck und Absichtlichkeit vorgebracht, doch mehr noch befremdete ihn die hochfahrende Art, mit der jener das Bürger- und Bauernvolk des Schweizerlandes mißachtete. So entfuhr's ihm, daß er versetzte: »Bist doch selber nur von niedriger Herkunft, wie ich eines Bauern Sohn bin, und hast geredet gleich einem Junker, der Lust dran findet, seinen Knechten die Peitsche auf den Rücken zu schlagen. Haben wir, däucht mich, wohl nicht Anlaß und Fug, zu wünschen, daß es unsern Brüdern so geschieht.«

Halb zornig, halb spöttisch auflachend, hielt Welf Siebald den Fuß. »Schwatzst noch aus Velten Stachers Ammenfibel und willst dein Lebtag ein Schwartenhals bleiben? Was weißt von meiner Herkunft und wer meine Brüder sind? Kenn' sie nicht, sitzen vielleicht wo im Grafenschloß und werfen einen von der Bank, der mich Oheim nennen müßt. Sollt ich mich darum schlechter halten als sie? Spür das Blut in mir, es ihnen gleich zu tun. Willst Bauernknechte deine Brüder heißen, da schlepp den Sack und führ die Hack und trag keine Schwertleit an der Hüfte! Hast's nicht in dir, daß du deine Geburt hinter dich werfen kannst und fühlst, die Kling in der Faust und der Will im Kopf macht den Junker, dann bist's nicht und wirst's nicht. Da kriech zu Kreuz vor Gosfried Dürrschnabels Stecken, denn er ist dein Bruder, nicht ich!«

Damit schritt Welf Siebald, es war schwer zu scheiden, ob mit gemachtem oder wirklichem Unmut, voraus, und beschämt folgte Guy hinterdrein. Er hatte wohl knabentöricht geredet und sein Weggenoß den richtigen Verstand, daß es anders in der Welt zuging, als die Vögel in Wald und Busch sangen, und daß der, welcher ein Hohes zu erreichen trachtete, sich nicht selber als niedrig und unwert dafür bedünken durfte. Nur ein Wort war's gewesen, das achtlos über die Zunge des Hornbläsers gefallen, doch gleich einem blitzgeschwind aufwuchernden Samen hatte es vor der Einbildungskraft des Jünglings einen Stamm und Geäst und rauschendes Laubwerk zu hochragendem Baum in die Luft getrieben, daß man in dieser verwandelten Welt kein Junker von Geburt zu sein brauche, sondern bei gutem Glück auch der heiße Wille und die Tatkraft dahin zu bringen vermöge, gleich einem solchen, Einlaß heischend, an das Tor einer stolzen Ritterburg anpochen zu können. Und Guy Loder fühlte trotzende Jugendstärke und unbeugsamen Mut in seinem Blute anschwellen, das ihm die Stirn mit siedenden Strömen übergoß. Seine Torheit scheltend, wanderte er hastig hinter dem Vorausschreitenden her, bis er wieder an die Seite desselben gelangte, und ging so schweigend noch eine Weile, dann frug er:

»Wer ist's, von dem du gesprochen, daß er die Schweizer mit eisernen Ruten zu züchtigen im Sinn trägt?«

Mit so verändertem Ton gegen zuvor klang die Frage an Welf Siebalds Ohr, daß dieser, überrascht den Kopf drehend, ausstieß: »Hoho, bist aus der Windel gekrochen und spürst das Haar überm Zahn wachsen? Wer's ist? Seinen Namen pfeift man nicht in den Schwyzer Wind, Flaumbart; der Leu brüllt nicht zuvor, ehe er die Tatze reckt. Aber siehst du ihn, da weißt's, daß er's ist. Er tragt den Löwen auch auf dem Haupt, und seine Augen drunter sind wie der Karfunkelstein. Sein Bart ist noch nicht greis, und sein Mund fragt nicht, ob edles Blut die Lippen rot macht, die er küßt. Fragt auch nicht, ob ein Junker ihm dient, vielmehr ob er's werden möcht! Nun du kennst ihn und weißt, wer er ist.«

Lachend setzte der Sprecher, ohne weiteres beizufügen, den Weg fort; eine fremde Blutwallung durchwogte die Glieder und Gedanken Guys. Er sann umher, wer der Ungenannte sein möge, doch die Schilderung paßte auf niemanden, den er mit Augen gesehen. Die Frage blieb ihm im Munde stecken, ob sie des Weges zögen, um den Löwenbehelmten hier anzutreffen, denn er wußte zuvor, daß er keine Antwort darauf erhalten werde. Aber es konnte kaum anders sein, und mit fiebernder Ungeduld harrte er des unbekannten Zieles ihrer Wanderung. Die Nacht fiel jetzt ein, sie schritten noch manche Stunde im Dunkel, dann in Mondeshelle; ein hoher, wildzerklüfteter, jäh abstürzender Berg kam ihnen näher, dessen obersten Gipfel ein weißschimmerndes Wölkchen gleich einer Tarnkappe verdeckte. Welf Siebald sah auf und sprach: »Das Wetter wird gut, Pilatus trägt 'nen Hut; das wird ihm Lobgeheul bei den hübschen Brüdern und Schwestern eintragen.« Vor ihnen lag jenseits eines wildschießenden Gewässers eine schlafdunkle, vielgetürmte Stadt; sie gingen über eine lange, bedachte, hohlschollernde Holzbrücke, und Siebald schlug dröhnend mit dem Hammer ans Tor. »Wo sind wir?« frug Guy. »In Luzern,« antwortete sein Begleiter, und der Wächter kam, prüfte ihre Anzahl und ihr Aussehen und ließ sie mit mürrisch-verwunderlichem Scheltwort über das nächtliche Einlaßbegehren des Gaunerpacks, das sich bei Tag einfinden könne, ins Innere der Stadt.

Sprachlos stand im Beginn des anderen Morgens Guy Loder am Uferrand des Vierwaldstätter Sees, der noch tief überschattet lag, während die Spitzen der gewaltigen Bergwände umher überall sich im ersten Frühstrahl röteten. Vorherbstlich weiße Nebel wallten da und dort über die unbewegte Wasserfläche, sie rollten sich auf und hoben sich an den dunklen Felsstürzen in die Höhe, daß der Blick plötzlich wie hinter fortgezogenen Laken in schimmernde Weiten hinausfiel, wo ringsher aus den Lücken fern und nah von grünen Gestaden Häuser und Türme aufblinkten und wieder verschwanden. Hoch darüber ragten wie ein Kranz blendender Sommerwolken sonnbestrahlte Schneehalden vom blauen Himmel herab.

So voll leuchtender Schönheit war die fremde Welt, in welche Guy ahnungslos nächtlicher Weile hineingewandert, daß er mit schier betäubten Sinnen davor stand und sich wie ein Kind von der Hand Welf Siebalds auf die Bank eines großen flachbordigen Fährschiffes niederziehen ließ, das leer am Brückendamm dalag, »'s wird voll, wollen uns nach vorn setzen,« sagte der Hornbläser mit einem Aufklang des mißächtlich junkerhaften Tones, der manchmal durch seine Stimme drang; »man weiß nicht, welcherlei Lausevolk einem zu dicht an den Leib wächst.« Achtlos erwiderte der Jüngling nur: »Fahren wir dorthin über den See?« Siebald nickte, und Guy wandte in trunkener Freudigkeit den Blick wieder in die märchenhaft winkende Weite hinaus.

Er sah nicht, daß allgemach sich eine absonderliche Gesellschaft am Ufer und in dem breiten Fahrzeug ansammelte. Langsam kam zuerst ein lahmer Greis auf Krücken von der Stadt herangehinkt, ein Blinder am Stab, von einer frechblickenden Dirne gefühlt, folgte ihm und andere an Leib und Gliedern verkrüppelte Gestalten schleppten sich hinterdrein. So begann es sich gleich einem Stein heranzuwälzen, Männer und Weiber, jung und alt, nicht alle mit sichtbaren Körperschäden, doch auch die, welche heile Gliedmaßen zur Schau trugen, fast ausnahmslos mit unheimlich-verschlagenen oder wildbärtig-verwahrlosten Gesichtern. Den meisten las man ihr Gewerbe an der Erscheinung ab, sie gehörten sämtlich zur Sippe der auf Wegen und Stegen »fahrenden Leute«, Bettler, die ihr Gebrest für Almosen aufwiesen, umziehende Gaukler, Possenreißer, Mummenschanzler und Klopffechter um Heller und Pfennig, schweifende Strolche ohne besonderes Anzeichen, wodurch sie ihren Unterhalt erwürben. Auch junge Kerle und Dirnen mit bläulichem Weiß um die blitzend schwarzen Augensterne und gleicherweise blauschwarzem, glänzendem Haar fanden sich drunter, deren fremdartig geschnittene Züge sie sofort als »Kaltschmiede«, »Ismaeliten« oder »Zingani« kundgaben, da und dort sah ein ursprünglich feiner geartetes Gesicht hervor, das einem mittellos herabgekommenen, zerlumpt vagierenden Bacchanten angehören mochte. Jeglichem stand das Gepräge des »unehrlichen Volkes« aufgedrückt, dem nirgendwo ein Recht, seine Fertigkeiten zu üben, und sein Dasein zu fristen, gewährleistet ward, das sich aber trotzdem auf allen Landstraßen und Märkten, in Dorf und Stadt umtrieb. Die meisten sahen sich nicht zum erstenmal, sondern ihre Begrüßung offenbarte, daß sie sich schon mancherorten angetroffen; Zuruf und Ansprache flogen buntscheckig in deutscher und welscher, fränkischer und hispanischer Zunge durcheinander, vielfach in einem Sprachgemisch, das Worte von allen entnahm und sie durch völlig unverständliche Ausdrücke verband, mit denen nur die Sprecher und Angesprochenen sich genau vertraut zeigten. Mehrere starkknochige Bootsknechte kamen nun hinzu und forderten, bevor sie das Schiff in Bewegung setzten, von jeglichem ein geringfügiges Fährgeld ein, das unter vielfältigem Widerspruch, besonders der Weiber, aus den schmutzstarrenden Kleidern und Säcken herausgefingert ward; dann schlugen breitschaufelige Ruder ein und trieben das schwerbeladene Fahrzeug langsam in den smaragdfarbigen See hinaus.

Da erst drehte Guy Loder den Kopf und nahm erstaunt die absonderliche, hinter ihm zusammengerottete Sippschaft gewahr. Er sah auch, daß neben ihm Welf Siebald scharf musternde Blicke zwischen die raunenden, schwatzenden und kreischenden Köpfe hineinwarf, doch bald das Gesicht mit geringschätziger Achtlosigkeit abwandte. Und auch Guy dachte gleichgültig, so sei's auf einem Schiffe, das den Vierwaldstätter See überfahre, und sein entzücktes Auge schweifte wieder in die traumhafte Wunderwelt voraus, die sich allmählich jetzt heller und deutlicher erkennbar vor ihm breitete. Es war ein wonniges Verweilen über der grünquellenden Tiefe, deren perlende Wasser der gleitende Schiffsbug lautlos zur Seite drängte, und doch fuhr das mit den Rändern fast die Seefläche streifende Boot ihm auch zu langsam für den Flug seines vorauseilenden Verlangens. Manche Stunde dauerte es, bis zwei senkrecht niederstürzende, von beiden Ufern dicht gegeneinander gerückte Felsen, die wie ein Tor nur ein schmales, glimmerndes Wasserband zwischen sich beließen, aus der duftigen Weite merklich näher herankamen. Oft rasteten die Schiffer von der armlähmenden Anstrengung und fuhren mit kernigem Fluchwort in die Menge, wenn diese durch Gezänk und Stoß das Fahrzeug auf eine Seite hinüberdrängte; die Sonne des Septembertages begann schon wieder zu sinken, als das Boot durch den Engpaß der beiden »Nasen« hindurchschwamm. Da lag, fast plötzlich, eine vollkommen verwandelte Welt rund um den Blick. Von dem noch eben Gewesenen war nichts geblieben, neue Seefläche dehnte sich aus und andere, noch mächtigere Bergwände faßten sie rundum ein. Das Fahrzeug näherte sich dichter dem nördlichen Ufer und zog unter dem jäh abstürzenden Geklipp desselben entlang; kein Vorstrand ermöglichte hier einen Landweg, das tiefe, klare Wasser reichte überall bis an den Niederfall der turmhohen, wild durchschrundeten Felsenmauer hinan. Nur zwischen zwei riesig aufgezackten, überdrohenden Gesteinmassen, dem »Viznauer Stock« zur Linken und der »Hochfluh« zur Rechten, sattelte sich jetzt eine schmal ansteigende Bergschlucht ein, die bald erkennen ließ, daß kein anderer Zugang als vom See aus zu ihr hinführte. Steil schloß im Hintergrund die Rückwand des Rigiberges sie von der Welt umher ab, einige Matten, von weißbrodelndem Wildwasser durchtobt, krümmten sich noch an diesem empor, dann lagerte weglose Felsöde sich darüber. Drunten am Gestade allein verbreiterte der dürftige Einschnitt sich um ein Geringes, und von dort sahen die Häuser und der niedrige Kirchturm eines Dorfes herüber und stiegen ebenso im Widerbild aus dem stillen Seespiegel von unten herauf.

Gegen dies Dorf aber drehte nun das Schiff seinen Bug, und eine allgemeine erwartungsvolle Unruhe hob unter seinen Insassen an, die sich nicht mehr von den Flüchen und Drohungen der Ruderknechte bemeistern ließ. Sie lärmten, schrieen, jauchzten und winkten mit Armen, Stöcken und Tüchern zum Ufer hinüber, wo eine dichtgestaute Menschenmasse des anlandenden Fahrzeuges zu harren schien. Es war später Nachmittag geworden, und im schräg vom Pilatus herabfallenden Sonnenrot erkannte Guy Loder zu seinem Erstaunen nach und nach deutlicher, daß die drüben angesammelte Menge fast ausschließlich aus gleichartig häßlich abstoßenden und unheimlichen Erscheinungen bestand wie die Bootsbemannung hinter ihm. Ebenso kreischten und zeterten, fochten sie mit Händen, Krücken, Hüten und Trinkgeschirren durch die Luft den Heranschwimmenden entgegen; die Willkommsgrüße hier und dort mischten sich mehr und mehr zu einem wüstgellenden, ohrbetäubenden Getöse ineinander. Mit einer Drehung lief jetzt rückwärts das Fährschiff auf den hier seichten Strand, und im selben Augenblicke auch wälzte sich die Sippschaft aus demselben wie ein heulendes Tierrudel, Lahme und Blinde in seinem Knäuel mitreißend, ans Land und balgte sich gierig um die zur Begrüßung ausgestreckten Zinnbecher und irdenen Krüge. Völlig allein standen in Nu an der Vorderspitze des Fahrzeuges Guy und Welf Siebald, und der letztere sagte verächtlich: »Laß die Luder sich erst verlaufen, eh wir den heiligen Boden mit unsern Sohlen küssen!«

Das löste zum ersten Mal Guy Loders unter den schönheitstrunkenen Augen bisher wortlose Lippen, und er frug mit einer unwillkürlichen körperlichen und gemütlichen Regung des Ekels: »Was ist das? Wo sind wir? Was sollen wir hier?«

Ein beißend höhnisches Zucken schnitt um die Mundwinkel des Befragten, und er lachte: »Gefällt's dir nicht? Scheint auch etwas von hochmütigem Junkerblut in dir zu kitzeln. Sind einstweil doch unsere Brüder und Schwestern von der Gauklerkilt zu Gersau, Rümpfnäslein! Siehst hübsch beisammen, was auf fünfzig Stunden in die Rund von Bettlern, Krüppeln, Quacksalbern, Seiltänzern, Klopffechtern, Narren, Falschspielern, Landstreichern, Weglagerern, Buschkleppern, Beutelschneidern, Strolchen und Abenteurern in schwäbischen, bayerischen, tirolischen, welschen und Schwyzerlanden umstreicht, denn heut ist ihr ›Landtag‹ im Freidorf Gersau, wohin nicht Büttel und Steckenknecht reicht und man Stäupbesen, Brandeisen, und Galgenstrick nicht kennt. Kannst ihnen auf deiner Pfeife aufspielen und brauchst nicht zu sorgen, daß sie mit dem Lohn kargen, denn was sie seit einem Jahr zusammengeflennt, -geschalkt und -gegaunert haben, muß bis übermorgen aus dem Sack. Darfst getröstlich zwischen sie drein, hier auf der Kilt gelten gut Recht und Gesetz, das nirgendwo aufgeschrieben steht, doch keiner wird sich an deinem Säckel vergreifen. Die Unehrlichen wollen auch einmal drei Tag lang ›ehrliches Volk‹ sein und waschen sich Lug und Trug im See vom Leib. Wirst verwundert dreinschauen, wie die Lahmen springen und die Blinden verliebte Augen nach Krügen und Dirnen aufreißen. Sind aber da und dort auch andere Leut drunter, Gesellen, die der Wind herumweht, und lieber ihr Eisen auf harte Schädel hämmern als in der Schmiede auf den Amboß, ihre Faust fragt nicht warum, sondern wofür. Nach solchen wollen wir Umschau halten, Pfeifjunkerlein, und ihnen ein gutes Liedlein vorsingen, daß ihr Blut im Kopf zu tanzen anhebt. Komm, das Lumpengeschmeiß hat den Weg frei gemacht, und ich denk's, wir liefen uns die Sohlen nicht umsonst ab zur Gaunerkilt nach Gersau.«

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