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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 11
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
correctorreuters@abc.de
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Zehntes Kapitel

Drüben auf dem abendlich umdunkelten Felsrücken jedoch vernahm Guy Loder den Ruf und erkannte die Stimme seines alten Behüters, Lehrmeisters und Freundes, und es fuhr ihm mit einem Zucken vom Scheitel zur Sohle, wie einem, der aus schwerem Albdrucktraum aufwachen will, daß er jäh den Fuß anhielt und die Lippen zum Erwidern anschickte. Aber hastig schloß die Hand seines neuen Gefährten sich ihm auf den Mund und derselbe raunte spöttisch dazu: »Bist ein furchtsam Küchlein, das piepsen muß, wenn's die Gluckhenne hört? Mich däucht, sie hat dir übles Futter gescharrt, und hab' gemeint, du seist ein Falk, den's nach besserer Kost gelüstet. Kehr um, meine Hand hält dich nicht, wenn's dir im Tränensack brennt, bei dem roten Lumpenkönig zu flennen, er möge dir mit seinem Bakel den Rücken streichen, daß du ein Dusenbacher Narr würdest gleich den Anderen!«

Da schossen heiße Schamglut, Groll und Grimm aus dem fiebernden Blut des Jünglings wieder empor, er biß die Zähne aufeinander und ließ sich lautlos in einen nun beginnenden dunklen Waldeingang hineinziehen. Der Ruf Velten Stachers drang nicht mehr hinter ihm drein, fast lichtlos war's, doch unverkennbar hatte Welf Siebald den Weg öfter zurückgelegt und wußte ihn auch in der Finsternis zu verfolgen. Sie umwanden einen zur Linken anragenden, tannenbewachsenen Kegel auf halber Höhe des Berges, dann stiegen sie etwas abwärts, und der Hornbläser mahnte flüsternd zu geräuschlosem Gang, denn es sei nicht nötig, daß einer von der Sippe drüben ihr Vorbeikommen bemerke. Völlig Nacht war's geworden, als sie wiederum in freie Luft hinausgelangten, und überrascht gewahrte Guy weithin gedehnt zahlreiche Lichtfunken, glimmernden Glühwürmchen ähnlich, tief unter seinen Füßen. Das mußte die Stadt Rappoltsweiler sein, und er wollte seinen Begleiter gerade drum befragen, als dieser, anhaltend, zweimal kurz in sein Horn stieß, daß es einem nächtlichen Eulenschrei gleich klang. Bald darauf erscholl wie eine Antwort unweit von ihnen ein rasselndes Geklirr, Welf Siebald wisperte nur: »Wart hier kurze Frist, ich kehre rasch zu dir,« und verschwand, behutsam vorschreitend, im Dunkel, das Guy Loder nichts als eine drohend schwarz gegen den Himmel aufgetürmte Felsmasse mehr ahnen als erkennen ließ. Nur rechtshin, in der nämlichen Höhe des Bergrückens und, wie es schien, kaum weiter als doppelte Steinwurfslänge entfernt, tauchte jetzt ebenfalls da und dort, nahgesellt, ein Lichtschimmer aus der Nacht, doch tanzte er wie ein Irrwisch, ohne etwas um sich her zu erhellen, hin und wieder.

So wartete der Zurückgebliebene, noch immer unfähig, seine Gedanken fest auf irgend etwas zu richten. Es trieb und wogte durch seinen Kopf, und stürmisches Klopfen in der Brust hämmerte ihm dazwischen; er sann nicht darüber, wo er gegenwärtig sei, was sein neuer Genosse in der Finsternis hier treibe, noch wohin dieser ihn führen möge. All sein Trachten und Blutwallen war auf Wettmachung des ihm angetanen Schimpfes verwandt, doch auch dies heiße Begehren irrte ziellos in ihm hin und her. Nachtversunken lag die Welt um ihn und vor ihm, nur unendlich fern glänzte ein einziger heller Himmelsfleck herüber. Dort leuchtete ein Sonnenstrahl auf den Goldscheitel Erlindes von Rappoltstein, und dorthin mußte er noch einmal, um vor ihr zu Boden zu knieen, ihre Hand an seiner Schläfe zu fühlen, wenn sie ihm den Kranz auf die Stirn setzte, und dann die Augen zu schließen, um ewiglich davon fortträumend, nicht mehr zu erwachen.

Es zögerte sich doch lange hinaus, ehe Welf Siebald zu ihm zurückkehrte, aber er maß die Zeit nicht, empfand ihre Dauer nicht. Auch daß allmählich sich die Nacht um ihn dämmernd mehr und mehr erhellte, nahm er nicht gewahr; erst wie mit einem blitzartigen Wolkenzerreißen vor dem Blick sah er, daß klares Mondenlicht alles weitum überfloß. Es war derselbe Mondglanz, der ihm gestern abend Velten Stacher in der Laube des Gärtchens gedeutet, in ihm selbst jählings, er wußte nicht warum, den Entschluß wachgerufen hatte, mit zum Pfeifertag zu gehen, und es schien ihm undenkbar, daß seitdem nur ein Tag verflossen sei. Wie ein ganzes Leben voll Hoffnung, zauberischem Sonnengeleucht, Finsternis, Qual und Leid wälzte es sich seit dem Fortgang von Sankt Pilt hinter ihm übereinander.

Doch zugleich fiel's ihm noch einmal von den Augen, daß er mit einem Schauer plötzlich erkannte, wo er sich befand. Die schwarze drohende Masse lag jetzt deutlich unterscheidbar, auf mächtigem Geblöck aus ringsum gähnenden Tiefen emporgetürmt, als die Giersburg über ihm; rechts hinüber, wo die Lichter nun matter flimmerten, perlte und rieselte der weiße Strahlenglanz wie mit silbernen Tropfen von dem Zinnengemäuer, den Giebelstufen, in den hohen Fensterbogen der Ulrichsburg. Ohne es geahnt zu haben, hatte er im Nachtdunkel zwischen den stolzen Schlössern gestanden, die ihm von Kindheit auf aus weiter Ferne so oft geheimnisvoll zugewinkt und geleuchtet.

War's ein Glück gewesen, daß er ihrem Wink damals gefolgt und zu ihnen herabgekommen? Er fühlte sich's kalt durchs Blut laufen; nur von fern waren sie so schön und hatten ihn gelockt, um ihn in der Nähe hart und höhnisch von sich wegzustoßen. Es gab kein anderes Glück, als droben auf der Berghöhe in Sonne und Wind zu liegen und die trügerisch gleißenden Burgen von weitem zu schauen, wo die einsame Stille keinen unüberbrückbaren Abgrund zwischen einem Bauernsohn und einem Grafenkinde ausbreitete, die summenden Bienen und die lauschenden Eidechsen nichts davon wußten, daß es Schimpf, Schande und unsühnbarer Frevel sei, statt einem toten Gebild aus Holz und Stein der warmen, liebreichen Sonne und einem holdseligen lebendigen Menschenantlitz freudigen Dank und pochendes Sehnen im Herzen zu tragen. Und Guy Loder hob den Fuß und wollte zurück auf den Weg, den Bettane jetzt mit ihren treuen Begleiterinnen langsam zur Heimat hinanstieg.

Da geschah zweierlei fast zu gleicher Zeit: es loderte und qualmte rot auf vor der hohen Torwölbung der Ulrichsburg, und deutlich erkannte der Jüngling über die schmale, tiefe Trennungsschlucht hinüber, daß der Graf Schmaßmann von Rappoltstein mit seiner Gemahlin und zahlreichem Gefolge auf den Anstieg von der Stadt Rappoltsweiler her in sein Schloß heimkehre. Das helle Mond- und Fackellicht zusammen aber wies ihm klar in Wirklichkeit darunter das blondumleuchtete Antlitz, das überall, wohin er sah, vor seinen offenen und geschlossenen Augen stand. Beim Eintritt ins Tor wandte es sich und blickte noch einmal zurück, als suche es nach etwas in der flimmernden Mondnacht, und zugleich schlug wieder das klirrende Rasseln an Guys Ohr. Zusammenfahrend gewahrte er nun, daß der Ton von der niederfallenden Zugbrücke der Giersburg herstamme; sie hob sich sofort wieder empor, und Welf Siebald schritt auf ihn zu und raunte: »'s war länger zu reden, als ich gedacht – was gaffst du so stier da hinüber, Weggesell? Möchtst auch lieber ein hochgebietender Graf auf Turm und Schloß sein als ein armer Schwartenhals mit leerem Sack? Ist uns nicht auf unserer Mutter Bank gepfiffen worden, sind drum Pfeifer, selber mit unserm Lied nachzubessern, 's gibt Würfel mit sonderem Spiel, weißt nicht vorher, ob sie dich nicht noch einmal da hinaufwerfen können, daß du nicht trocken zu schlucken und nachzugieren brauchst, wie sie sich an die gräfliche Tafel setzen. Komm fürder, wollen unsere Kunst probieren, ich sprach's dir schon, wir haben ein gut Stück Weges.«

Er lachte sonderbar dazu, aber die blitzartige phantastische Vorstellung, welche seine Worte in Guy Loders Kopf erzeugt, hatte den noch eben gehegten Vorsatz desselben jäh wieder überdrängt. Wie es geschehen könne und solle, dachte er nicht, doch daß der Sprecher es möglich hielt, sein Weg führe eines Tages da drüben in das hohe Burgtor mit hinein, hinter dem jetzt das rote Fackelgeloder auslosch, das beherrschte willenlos Leib und Seele des Jünglings vom Haupt bis zur Sohle herab. »Laß uns gehen!« erwiderte er mit einem fiebernden Klopfen des Herzens bis zu den Lippen empor, und weglos stiegen sie eilfertig in einer ausgedörrten Quellrinne gegen die Stadt Rappoltsweiler nieder. Sie traten jedoch nicht in diese hinein, sondern schritten unter ihrer hohen Ringmauer dem Rheintal zu ins Freie hinaus; dann drehten sie sich rechtsab, dem Gebirg entlang, nach Süden.

Schweigsam wanderte Guy Loder dahin, es überkam ihn wunderlich, die nämliche Landstraße war's, auf der er heute vor vier Jahren zur gleichen Stunde mit Velten Stacher vom Pfeifertag davongezogen. Ebenso umglänzte ihn die weiße Mondnacht, floß ihr Licht so weich durch die linde Luft, lagen die Schatten über Stein und Wiesengrund schlafend, ohne Laut und Regung hingestreckt. Auch der Schatten, der neben dem seinigen auf den Weg vorausfiel, gemahnte ihn an denjenigen des Pfeifers, und ebenso hob Welf Siebald jetzt laut die Stimme und sang:

Ich gieng für einer frau wirtin haus,
Man fragt mich, wer ich were;
Ich bin ein armer Schwartenhals,
Ich eß und trinke geren.

Man fürt mich in die Stuben ein,
Da bot man mir zu trinken;
Mein Äuglein ließ ich umbher gan,
Den becher ließ ich sinken.

Man satzt mich oben an den tisch,
Als ob ich ein kaufmann were,
Und da es an ein zalen gieng,
Mein seckel, der war lere.

Und da man nun sot schlafen gan,
Man wies mich wol in die scheure;
Na stund ich armer Schwartenhals,
Mein lachen ward mir teure.

Und da ich in die scheure kam,
Da fieng ich an zu nisten;
Da stachen mich die hagedorn,
Darzu die rauhen distel.

Da ich des morgens frü aufstund,
Der reif lag auf dem dache,
Da must ich armer Schwartenhals
Meins unglücks selber lachen.

Ich nahm mein schwert wol in die hand,
Ich gürt's wol an die seiten,
Da ich kein Geld im seckel hat,
Zu fußen must ich reiten.

Ich macht mich auf, ich gieng davon,
Ich macht mich wol auf die straßen;
Da begegnet mir ein kaufmann gut,
Sein tasch must er mir laßen.

Ebenso wie Velten Stacher einstmals hier auf demselben Weg sang Welf Siebald ein Lied in die Mondnacht hinaus, nur war's gar anders an Wort und Weise und klang Guy Loder nicht wie damals bis ins Herz hinein, wie ein Grüßen, Winken und Leuchten einer neuen, fremden, wunderreichen Welt. Fremd und sonderlich zwar scholl's und tönte das kurze Lachen des Sängers hinter den Strophen drein wie der schrille Ruf eines umkreisenden Raubvogels. Zum ersten Mal kam Guy der Gedanke, weshalb sein Begleiter auf der Giersburg vorgekehrt sein möge und weshalb die Zugbrücke sich dort hurtig vor ihm niedergelassen, doch er brachte keine Frage darüber hervor, sondern drehte, als jener sein Lied geendet, den Kopf nur mit dem Wort: »Wohin geht unser Weg?«

Da schlug Welf Siebald ihm auf die Schulter: »Weißt, woher du kommen bist? so frag nicht, wohin du gehst. Wirst's schauen, und ist lustigere Sippschaft als die hinter uns; denke, wir finden Leute dort, die besser durch die Luft zu pfeifen verstehen als deine Flöte. Schau da, mich däucht's, unsere Schatten passen wohl zueinander, als wär's ein Zwilling, den das Mondweib auf die Erde geworfen. Tu einen guten Schluck, Milchbruder, er ist von adeligerer Kelter, als sie ihn drüben in der Pfeiferherberge zur Stund' durch die Kehle würgen.«

Er zog eine weidenumflochtene Wanderflasche hervor, die Guy dürstend an die Lippen setzte, und ein Trunk feurigen Weins durchströmte ihm heiß das Blut. »Woher kommt der?« frug er.

»Fragst immer, wohin und woher?« lachte Welf Siebald; »tu den Mund auf, wenn's gluckt, und mach die Finger zu, wo's dir in die Hand fällt, Schwartenhals, das ist aller Kunst Anfang und End! Wenn du's wissen mußt, 's ist ein Zehrtrunk, auf den du droben im Mondschein gewartet; wer will, daß gut läuft sein Gaul, der stopft ihm Hafer ins Maul.«

Und vorwärts ausschreitend summte er in den Nachtwind:

Begegnet mir ein Kaufmann gut
Sein tasch must er mir laßen.

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