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Die Pfeifer vom Dusenbach

Wilhelm Jensen: Die Pfeifer vom Dusenbach - Kapitel 10
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typefiction
authorWilhelm Jensen
titleDie Pfeifer vom Dusenbach
publisherVerlag von B. Elischer Nachfolger
printrunAchte Auflage
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Neuntes Kapitel

Da klang's denn um etliche Stunden darauf wieder von Pfeifen und Geigen, Becken, Lauten, Harfen und Schalmeien, von Hörnergeblase und Flötengejubel, von Schreien, Singen, Geschnarr und Geschmetter in der langen Gasse zu Rappoltsweiler um die Ohren Guys, daß er kaum weniger betäubt als vor vier Jahren mit dem brausenden Schwarm durchs Nordertor hinauszog und, ehe er's noch für denkbar hielt, schon vor der Waldkapelle am hüpfenden Dusenbach unter der wogenden Volksmasse dastand. Hier war alles wie damals und geschah auch alles in unveränderter Weise, nur machte er keinen vergeblichen Versuch, mit in das Innere der Kirche zugelassen zu werden, und konnte doch gleichfalls nicht auf den Ahornbaum klettern, dessen grüner Laubast sich noch um etwas weiter droben zum offenen Fenster überbog. So wartete er seitab auf das Ende der Messe, und es dünkte ihn unsäglich lang, bis die herausschallenden Töne drinnen, das Läuten der Glöckchen, die Stimme des Priesters und der Chorgesang der Bruderschaft ein Ende nahmen. Dann hob sich ein Drängen und Aufstauen der harrenden Menge, wie die Wasser eines Bergstromes nach jähem Wolkenbruch sich stoßen und kreiseln, und der Jüngling reckte sich auf die Zehen, um über die Köpfe hin die Hervortretenden zu gewahren. Doch er konnte nur die hohe, am Schläfenrand heller ergraute Gestalt des Grafen Schmaßmann von Rappoltstein erblicken, alles andere verschlang das auf- und niederwogende Getümmel. Einzig Velten Stacher unterschied er noch, dessen Augen nach ihm umsuchten und der ihm winkte, mit unter die Baumrunde zur Abhaltung des Pfeifergerichtes zu kommen. Aber plötzlich befiel es Guy Loder mit einer knielähmenden Mutlosigkeit, daß er dem Zug nicht weiter nachfolgte, sondern unsicheren Fußes seitwärts schwankend, sich einsam auf ein Felsstück an dem plätschernden Gewässer hinsetzte. Er wußte nicht, was über ihn gekommen, daß er heut' Morgen plötzlich den kühnen Entschluß gefaßt, seine Prüfung zu bestehen, und sich zu derselben bei Gosfried Dürrschnabel gemeldet hatte. Nun saß er und rief sich ängstlich Wort und Weise des Liedes ins Gedächtnis, mit dem er seine Aufnahme in die Bruderschaft zu erringen trachtete. Oftmals hatte er's seit Jahresfrist schon, vorausdenkend, in Wald und Weg vor sich hingesungen, daß es ihm vertraut wie sein eigener Herzschlag geworden. Doch seit der letzten Mondnacht klopfte dieser ihm noch immer fremd und seltsam in der Brust, und ebenso klang das Lied ihm im Sinn, als sei's nicht sein eigen und könne ihn hülflos verlassen. So sprach er es sich leise vor, immer wieder vor Beginn, und die wolkenlose Sonne stieg höher über die Felsschlucht gegen Mittag. Es gab mancherlei Rechtsspruch, Zwistentscheid und Buße heut' zu fällen, daß die Gerichtstagung geraume Zeit anforderte, endlich klang statt ihrer die Stimme und das Spiel des ersten Bewerbers um den Ehrenpreis unter den Bäumen auf. Beifall belohnte dieselben, und andere Sangweisen reihten sich hinterdrein; wie in einem wachen Traum lauschte Guy hinüber. Begleitung auf der Geige und Guitarre wechselte mit der Zinke und Schalmei, aber fast jeder Reimspruch erklang, ähnlichen Lobpreises, von der unvergleichlichen Huld und Schönheit unserer lieben Frau von Dusenbach, wie Velten Stacher sich damals durch solchen den Kranz gewonnen. Weiter schritt der Wettgesang vor, und der Jüngling empfand dunkel, bald müsse der letzte anheben und danach er an die Reihe zur Bewerbung um seine Aufnahme kommen. Doch er blieb willenlos festgebannt sitzen; seine Glieder und seine Gedanken gehorchten ihm nicht, eine irre Scheu lag wie Bleischwere auf ihnen, unbewußt nur wiederholten die Lippen stets die Strophen seines Liedes.

Da dröhnte hastig herankommender Tritt über den Steingrund, eine Hand faßte ihn und Velten Stacher rief: »Hier – was treibst du? Ich such dich allerorten im Tal; schläfst du, Freund? Darfst kein Wimperzucken länger säumen, sonst kommst du zu spät.« Er rüttelte die Schulter des Träumenden, der ihm wortlos ins Gesicht blickte, rasch indes schlang der Pfeifer den Arm um ihn und zog ihn mit sich fort. »Bist zaghaft worden?« flüsterte er; »das geschieht jedem in letzter Stunde, weiß, daß du mit vollen Ehren bestehen wirst.« Und eh Guy Loder zur Besinnung gelangte, stand er unter den schattenden Bäumen im Kreise der Kopf an Kopf weit umhergedrängten Menge. Doch er gewahrte nichts von allen Gesichtern, auch nicht das des Grafen, der neben seiner Gemahlin unter einem Thronhimmel saß. Nur ein rotes Geflimmer vor den Augen erschien ihm als der Königsmantel Gosfried Dürrschnabels, und nun winkte dieser ihm mit dem silberumwundenen Stabe, denn der letzte Wettsänger hatte gerade seinen Vortrag geendet. Kaum jedoch rief ein Mund diesem Beifall, alle Blicke waren auf die anmutsvolle Hochgestalt des fremden, noch nie gesehenen Jünglings verwendet, der plötzlich in den freien Raum hineingetreten, und ein Raunen der Bewunderung, nicht der Weiber allein, lief von Lippe zu Lippe. Am Rand des weiten Kreises aber, wo derselbe sich gegen die Felswand zu verdünnte, stand zwischen den weißen Hörnern ihrer Ziegen Bettane und ein Goldgeleucht blitzte jählings in ihren grünen Sammetaugen auf. Unbeweglich sonst blieb sie, nur ihr Kopf neigte sich leise vor, als suche ihre Seele mit dem Blick statt des Ohres zu lauschen.

Auch davon nahm Guy nichts gewahr. Er hatte seine Flöte an die Lippen gesetzt und kurze Weise gespielt, und ohne es zu wissen, sang er schon die Anfangsstrophe seines Liedes darein:

Vergönnt mir zu treten in diesen Kreis
Und mit zu wetten um Kranz und Preis,
Wär's gar auch um den größten;
Ist jung mein Blut,
Hab' hohen Mut,
Deß will ich mich getrösten.

Es war aber, als er jetzt innehielt, nicht Eines allein, nicht die meisterliche Kunstfertigkeit seines Spieles oder die holdtönende Weise, nicht der leichte Wohlklang des Wortes oder das goldreine Hinströmen seiner Stimme, auch nicht eines, und das andere, vielmehr mit der schlanken, makellosen Gestalt und der edlen Freiheit ihres Wesens, dem jungen, mannhaft stolzen und doch magdlich weichen Antlitz und den leuchtenden Jugendaugen, die aus ihm glänzten, war's Alles in Einem zusammen, was sichtbarlich rundum in gleicher Mächtigkeit Blick und Ohr und Herzen befing. So zweifellos schien's nach dem ersten Anheben, daß keiner der zuvor vernommenen Sänger ihm bis an die Kniee hinanrage, und so entzückt saß selbst der Graf Schmaßmann von Rappoltstein, daß er vergaß, es sei nur ein Schüler, der seine Prüfung ablege, kein Bruder und Mitbewerber um den Ehrenpreis, und daß er mit einem Wink hinter sich seine Hand aufhob. Da trat, den Kranz in den Händen haltend, weißgewandet, nur mit einer blaßroten Rose über der Brust, ein Mägdlein vor, gerade auf der Grenze zwischen einem hochgewachsenen Kinde und dem Beginn lieblichen Jungfrauentums. Halb verborgen hatte sie gleich allen anderen auf den Jüngling hinübergeschaut, und ihr staunend-freudiger Blick sprach daß sie ihn wiedererkannt. Nun folgte sie dem Geheiß ihres Vaters, und ein leises Erröten jungfräulicher Befangenheit flog über ihre Wangen, doch ein kindliches Lächeln um die Lippen redete freundlichen Willkommengruß zu dem jungen Sänger hinüber. Nur um mehr denn Haupteslänge höher vom Boden als vor vier Jahren, war's noch immer, als falle ein Sonnenstrahl auf ihren Scheitel herab und werfe Goldglanz von ihm durch die Schattenrunde umher.

Dies zögernd herannahende Bildnis aber war das erste und einzige, was Guy Loder von allem rundum deutlich gewahrte. Einen Augenblick sah er mit weitoffenen Lidern darauf hin, dann gemahnte ihn ein dumpfes Bewußtsein, daß er nicht länger innehalten dürfe, sondern in seinem Gesange fortfahren müsse. Doch zugleich fühlte er plötzlich jedes Wort seines eingeübten Liedes im Kopfe ausgelöscht; er setzte die Pfeife an den Mund und blickte, als er noch einmal die Weise gespielt, ratlos auf und schwieg. Nur auf den Kranz und seine Trägerin in ihre wunderhellen Augen schaute er stumm hinein, bis eine raunende Unruhe und staunendes Verwundern summend um ihn zusammenrann. Da ging ihm plötzlich ein Zucken vom Scheitel zur Sohle, er hob die Stirn hoch empor und zu der Melodie seines Liedes kam ihm der Gesang anderer Worte über die Lippen, fremder, nicht vorher bedachter. Doch er brauchte sie nicht zu suchen, sie waren da, strömten ihm wie ein Quell, der klingend aus dem Felsschoß bricht, aus dem Herzen herauf, und weittönend scholl es durch die Talschlucht:

Von vielen Lippen hundertfach
Der lieben Frau von Dusenbach
Geschahen Lob und Ehren;
In meinem Sang
Solch Fürderklang
Drum mag sie wohl entbehren.

Ich sing Euch nicht von Holz und Stein
Noch toter Augen kaltem Schein
In enger Talkapelle;
Vom grünen Wald
Mein Mund erschallt
In weiter Himmelshelle.

Daraus mit warmem Augenlicht,
Mit holdem Mutterangesicht
Blickt nieder die Madonne;
Das ist, allzeit
In güldnem Kleid,
Die ewige Weltensonne!

Sie hält am Busen lieb und lind
Das Leben all, daß jeglich Kind
Von ihm genähret werde;
Wohin sie schaut,
Da steht als Braut
Hochzeitgeschmückt die Erde.

Und wonnesam und wunderbar
Ihr Himmelsebenbildnis gar
Läßt sie auf Erden scheinen;
Mit Lockengold
Und Augen hold,
Gleich blauen Edelsteinen.

Sie ist mein Traum und ist mein Tag,
Sie rief aus meines Herzens Schlag
Der Lippe Melodien;
Drum gönnet mir,
In Demut hier
Vor ihrem Bild zu knieen!

So sang Guy Loder, und sonder Besinnung, trunken aufleuchtenden Blickes trat er gegen Erlinde von Rappoltstein heran. Er nahm auch jetzt nichts gewahr, als sie allein, sah nicht die verdutzten Mienen der Hörer umher, nicht das schadenfrohe Zucken, das um die Mundwinkel manches Gesichtes der Pfeifenbrüder spielte. Ein anders geartetes Raunen als zuvor lief durch die Menge, und Rufe erschollen leiser und lauter: »Wem zu Ehren hat er gesungen? – Der Sonne? – Er ist kein Christenkind! – Er hat unsere liebe Frau von Dusenbach gelästert!« Doch er hörte nichts davon, dachte nichts, seine Kniee standen im Begriff, sich vor der reglos stehenden Grafentochter zur Erde zu bergen. Da reckte sich plötzlich der rote Königsmantel, so hoch es ihm möglich fiel, dicht vor ihm auf, und mit einer Stimme, die im Bestreben heißester Entrüstung und mächtigster Wirkungsausübung zur Fistel überschlug, rief Gosfried Dürrschnabel:

»Mit solcherlei Schimpfgesang trachtest du in unseren gottesfürchtigen Bund zugelassen zu werden? Gleiches hat diese geheiligte Talstatt nicht vernommen seit Erschaffung und Erhaltung der Welt! Willst nicht unserer lieben Frau von Dusenbach zu Ehren spielen und singen, vielmehr einer Lotterdirne, die du der Sonne gleichst, unter der sie irgendwo in Schanden umläuft? Kannst selber nicht von ehrlicher Geburt sein, wär' dir sonst die Bosheit im Mund gestockt! Bist ein ruchloser Gesell, der nimmermehr in die fromme Bruderschaft gelangt und den ich, der König, mit meiner Macht ausweise von diesem hochbegnadeten Ort! Geh' davon in Schimpf und Schande, du schnöder Lügenbold!«

Und bannend reckte Gosfried Dürrschnabel würdevoll sein Ebenholzszepter auf und hieb damit ein Kreuz durch die Luft vor den Jüngling, von dessen Augen jählings das rinnende Schleiergewebe herabfiel. Er stand, blutüberströmten Antlitzes, und sah zum ersten Mal all die Gesichter umher, die billigend zu dem Urteilsspruch des Pfeiferkönigs nickten; auch Velten Stacher erkannte er, wie derselbe erschreckt und scheu den Blick von ihm abwandte. Vor ihm saß der Graf Schmaßmann von Rappoltstein mit einem ungewissen Ausdruck. Er hielt die Augen prüfend auf den Ausgestoßenen geheftet, und ein Bedauern sprach aus seinen wohlwollenden Zügen; doch nun neigte sich seine Gemahlin mit gestrenger Miene, kurz flüsternd, zu ihm, und nach flüchtigem Zögern rief er den Namen seiner Tochter. Das alles hatte Guy Loder dunkelglühend wahrgenommen, aber jetzt erblaßte er wie ein Totenbild, denn auf den Ruf und das Winkgebot des Vaters trat Erlinde von Rappoltstein, schreckhaft zusammenfahrend, hastig mit dem Rosenkranz zurück. Betäubt starrte er drein, ihm war's wie im Traum der Nacht, als ob eine Schwanenjungfrau sich vor ihm in die Luft hebe und unerreichbar verschwinde; alles schwankte um ihn her, und er meinte, er stürze zu Boden.

Erst nach Stunden kam er zum Bewußtsein, daß er fortgegangen sein mußte und in Waldestiefe auf einem windgebrochenen Baumstamm saß. Vom Tal herüber tönten fröhliche Spielweisen und Stimmengejubel; unbekümmert um ihn ging das Fest dort weiter. Ein unsäglich bitteres Gefühl preßte ihm die Brust, doch er hatte keinen Namen dafür, wußte immer noch nicht, ob er wache oder schreckensvoll träume. Winterlich verödet lag die Welt um ihn, unablässig liefen ihm Frostschauer durchs Blut, zu Eis starrend drängte es sich ihm langsam schleichend, zum Herzen hinan. Nichts an ihm war mehr warm als seine rechte Hand, nur diese fühlte er, alles Andere war leblos, wie ihm nicht angehörig.

Darüber dachte er, undeutlich, ohne es zu wollen. Sonst vermochte er nichts zu denken, aber es hatte etwas Wundersames, daß ihn die Wärme überall verließ und diese Hand ihm allein blieb. Nur sie redete ihm mit stummer Sprache, daß er noch lebe.

Dann nahmen seine Augen zum ersten Mal etwas auf. Er öffnete die Lider und wandte den Blick zu der Hand hinunter, und diese schien ihm fremd, nicht wie sein eigen. Doch sie verschwamm ihm wieder vor dem Gesicht.

Plötzlich indes einmal erkannte er's, es waren zwei Hände, die sich um die seinige gelegt hielten, und aus ihnen floß die Wärme in sie hinein. Und wie er ausdruckslos darauf niederschaute, fügten sich zwei Arme und eine Gestalt den Händen an und saß Bettane zu seinen Füßen, und neben ihr kauerten ihre Ziegen reglos im Gras.

Traumhaft blickte er sie an; schon stundenlang hatte sie unbeweglich so unter ihm gesessen. Nun hob sie den Kopf, und ihre schönen Augen sagten, daß sie wisse, was ihm geschehen, und sein Leid kenne. Da kam's haltlos über ihn, daß er mit zitterndem Munde hervorbrachte: »O, wär ich bei dir da droben geblieben, Bettane!« und bitterlich schluchzend legte er die Stirn auf ihren flächsernen Scheitel. Sie rührte sich nicht, seine heißen Tränen liefen ihr an der Wange herab; nur dann und wann, wenn ein Tropfen ihr am Halse unter das dürftige Gewand niederrann, hob ihre Brust hastig einmal den verhaltenen Atem auf.

So blieben sie lange in der gleichen Stellung, denn Guy Loder fühlte kein anderes Begehr an Leib und Seele, als sich auszuweinen. Nur empfand er dabei, daß allmählich von der Hand aus die Lebenswärme in seine anderen Glieder zurückkehre; das Herz allein empfing sie nicht, sondern blieb todesfrostig und -traurig von ihr verlassen. Zuletzt richtete er seinen Kopf auf, doch es kam ihm kein Gedanke, daß die Anwesenheit Bettanes hier unten verwunderlich sei. Auch wie sie dann ein Schiefertäfelchen hervorzog und mit einem Griffel darauf schrieb, staunte und dachte er nicht darüber, sondern las die Worte: »Komm mit mir ins Dorf zurück!« und schüttelte nur stumm den Kopf.

Ihr Gesicht redete still entsagend, sie hatte es auch nicht erwartet, nur ein leises Aufglimmen der Hoffnung ihre Hand über die kleine Tafel geführt. Ruhig saß sie wieder, griff darauf in ihre Tasche und holte ein Brotstück hervor, das sie Guy hinhielt. Er hatte seit der Morgenfrühe keine Nahrung zu sich genommen, doch er schüttelte wiederum lautlos den Kopf. Aber ihre Augen sahen ihn so bittend an, daß er nicht bei seinem Weigern beharren konnte, sondern sprach: »Wenn's dich freut – wir haben's wohl ehemals oft geteilt, Bettane – du bist gut – ich wollt, es wäre alles ein Traum gewesen, daß wir noch so beisammen säßen.« Die Tränen brachen ihm aufs neue hervor, wie er das Brot nahm und mit ihr teilte; sie hatte ihm die Worte vom Munde gelesen und ein stilles, beglücktes Lächeln ging ihr um die Lippen.

Schräg fiel schon die Nachmittagssonne da und dort zwischen die Stämme herein, manchmal redeten beide kurz durch Wort und Schrift miteinander, zumeist saßen sie schweigend. Guy dachte nicht daran, daß der Tag gehe, nicht wohin er wolle, wenn die Nacht komme, noch was er mit der Zukunft beginnen solle. Der Traum, den er vier Jahre lang heimlich in allen Sinnen getragen, war an der nämlichen Stelle, wo er begonnen, vom jähen Blitzstrahl zerrissen. Und seine eigene sinnberaubte Vermessenheit trug die Schuld daran, wie damals – leer, trostlos und gleichgültig lagen die weitergehenden Tage vor ihm, wie das Denken in seinem Gehirn.

Doch so weit war er zum Auffassen der Dinge um ihn zurückgekommen, daß er es wahrnahm, und überrascht dreinsah, als Bettane nach geraumer Zeit sich plötzlich vom Boden erhob und rasch mit einem Zeichen, dessen Bedeutung er nicht verstand, ins Walddickicht hineinhuschte. Die Hast und Sorgfalt, mit der sie sich verbarg, wies unverkennbar darauf hin, daß sie von jemandem nicht gesehen werden wolle; als Guy den Blick aus der Richtung wandte, in der sie verschwunden war, hörte er unweit vor sich leises Geräusch eines leisen Fußtrittes, und gleich darauf tauchte ein goldblondes Gelock am dichten Buschrand empor. Die Augen drunter, »hold gleich blauen Edelsteinen«, stutzten, wie sie des Jünglings ansichtig wurden; ihr Ausdruck sagte beredt, sie hatten nach ihm gesucht, und erschraken nun, da sie ihn gefunden. Und Erlinde von Rappoltstein hielt unschlüssig inne, die Haltung ihres Kopfes verriet, daß ihr Ohr mit einer scheuen Unruhe nach dem Festplatz zurückhorchte. Dann kam sie schnell auf ihn zu und sprach eilig:

»Seid Ihr noch hier? Ihr müßt fort!«

Er war in die Höhe geflogen, doch stand, keines Wortes mächtig, und sie fügte hastig drein: »Ich hab's gehört, der häßliche Pfeiferkönig und Andere wollen Euch Übles; sie haben's meinem Vater abgedrungen, daß sie Euch strafen dürfen, wenn sie Euch um die Stadt her antreffen.«

Nun stotterte es von Guy Loders Mund: »Laßt sie – mir gilt's gleich, was sie mir noch antun.«

Doch das Mädchen fiel ein:

»Mir nicht – so geht, weil ich Euch bitte – denn mir wär's, als trüg ich die Schuld daran. Ich erkannte Euch gleich, als Ihr kamt, obwohl Ihr gar hochaufgewachsen seid und viel anders ausschaut. Nein, Ihr seid gerad so geblieben wie damals, als wir am Bach miteinander spielten, habt nur andere Kleider, sonst nichts. Mich dünkt, es war eben erst, daß du mir deinen Namen gesagt, und ich weiß ihn noch gut. Was hast du denn Böses getan und gesungen, daß sie dir solchen Schimpf zugefügt? Ich begreif's nicht und glaube, sie sind neidisch auf dich, denn mir kam's so schön vor, was du gespielt, wie von keinem anderen.«

Die anfängliche Befangenheit war von ihr gewichen und ihr Kindermund unvermerkt in den alten Ton der Vergangenheit gefallen, von der sie sprach; mitleidsvoll traurig und halb freudig doch auch blickten ihre Augen ihn an. Er antwortete, als sie nun schwieg, mit mühsamer Sprache: »Habt Dank, edles Fräulein – wenn Ihr es nicht Böses beheißt, da mag's auch nicht gewesen sein –« doch hintendrein geriet's ihm ebenfalls ohne sein Wissen über die Zunge, daß er fortfuhr: »So erkannte ich dich auch also gleich wieder, und mir war's, als hättest du gerad erst gesprochen, wenn ich ein Pfeifer würde, gäbest du mir den Kranz.«

Sie nickte und schüttelte fast in einem. »Ich durfte nicht, mein Vater hieß es mich nicht.«

»Damals sprachst du ›gewiß‹, und ich weiß dein Wort noch: wenn die Anderen es nicht wollen, da flöchtest du zuvor einen zweiten und gäbst mir den. Ich hab's nicht allein gehört – der war auch dabei und sah's, wie du mir die Hand darauf gereicht.«

Guy Loder zog zu den letzten Worten den kleinen goldgrünen Stein an der Schnur vom Halse, und es flog Erlinde von den Lippen: »Hast du den bis heut' bewahrt? Das war hübsch von dir, Guy!« Aber gleich danach zog es ihr mit leiser Röte übers Gesicht, und sie fügte rasch hinzu: »Ich wußte es ja nicht und konnt' also den Kranz nicht flechten, und nun ist's zu spät und mag's wohl nimmer geschehen.« Mit einer schreckhaften Besinnung leicht zusammenfahrend, wiederholte sie: »Zu spät – es wird Abend, ich muß zurück, – sonst könnte man nach mir suchen –«

»Und wenn's jemand sähe, da würdest du's bereuen, daß du mich gewarnt?« fiel der Jüngling bang verhaltenen Tones ein.

»Nein – aber eilt, daß Ihr von hier fortkommt!«

Ihr Blick sprach das Nein noch deutlicher und setzte hinzu: »Mir möchten sie drum antun, was sie wollten, ich trüg's mit Freuden dafür.«

»Von hier fort – wohin und wozu?« rang sich ihm dumpf vom Munde. Doch gleich einem Widerschein des Blickes ihrer Augen leuchtete es einen Moment zwischen seinen Lidern auf und er rief mit gedämpfter Stimme:

»Sprich mir's noch einmal wie damals – mit deiner Hand – und redet sie wahr, so gib mir statt des Kranzes die eine Rose – dort –«

Er deutete auf den blaßroten Kelch an ihrem Gewande; sie stand ungewiß, dann reichte sie ihm die Rechte und löste mit der Linken die Rose von der Brust. Aber wie er die Hand danach streckte, ergriff sie hastig den kleinen Stein mit der Schnur, die jene noch gehalten, und sagte lächelnd: »Nun darf er mich nicht mehr verklagen, ich will ihn wieder dorthin bringen, von wo er gekommen.«

Da stand Guy Loder allein; wie ein letzter Sonnenstrahl war sie zwischen den Waldstämmen verschwunden. Kurze Weile verlief, da raschelte es im Gesträuch, weiße Hörner blinkten daraus auf und Bettane trat wieder zu ihm heran. Er achtete nicht auf sie, dachte nicht darüber, weshalb sie ihn vorhin plötzlich verlassen, und sie zog auch nicht ihr Täfelchen hervor, um es ihm zu sagen. Ihr Gesicht bückte sich nur einmal auf die Rose in seiner Hand nieder, und sie zog, tiefen Aufatmens, den Duft ein, als ob sie denselben prüfe; danach wartete sie ruhig, was er beginne.

Hierzu besaß er nicht mehr Rat und Gedanken als sie. Er ging jetzt vorwärts, vom ruhlosen Innern fortgetrieben, doch sein Kopf und sein Herz füllte ein undurchdringlicher, hin und wider jagender Nebel wie zuvor, als er gliedergelähmt auf dem Baumstamm gesessen. Ohne etwas davon wahrzunehmen, war er aus dem Felswald herunter auf den schmalen Pfad der Talschlucht gekommen und schritt denselben am Dusenbach entlang. Abgelöst vom Körper, irrten seine Sinne in der Vergangenheit umher; nun fiel sein Blick starr auf das hüpfende, spiegelnde Wasser und er stand an der Stelle, wo er mit dem Grafentöchterlein die Steinchen aus den rieselnden Wellen heraufgeholt. Unverändert war alles wie an jenem Tage, mit dem gleichen Silberton plätscherte der Quell, von seinem Grund schimmerten die hellen Kiesel, im scheidenden Lichte nickte drüber das grüne Laub, als schaue jedes Blatt ihm traumbekannt ins Gesicht. Nur er stand ausgestoßen, geächtet dazwischen; hierher zurückzukommen war sein einziges Trachten gewesen, nun hatte er's erreicht, und ein unermeßlich gähnender Abgrund trennte ihn von jener Stunde. Zum ersten Mal stieg wie ein dumpfes, fernes Grollen die Frage: »Warum?« in seiner Brust herauf.

Sinnverwirrend, ganz wie damals war alles. Von drunten scholl das Stimmengetöse um die Kapelle, und graues Zwitterlicht begann zu weben. Jetzt dröhnte auch ein sicherer Fußtritt auf dem harten Steinboden heran, es mußte wieder der Ritter von Egisheim sein, der einsam zu seiner Burg emporstieg. Wie ein Blitz schoß etwas durch Guy Loders Kopf; er wollte vortreten und sprechen: »Ich war's, der Euch hier mit dem Stein traf, zieht Euer Schwert und laßt mich's büßen!« Dann war's vorüber und brauchte er nichts mehr zu denken. Und wenn der Ritter ihn nicht mehr erkannte und verächtlich zur Seite stieß, lag ein Stein dort, ihn aufs neue zur Wut zu reizen. Danach streckte Guy die Hand und drehte harrend die Stirn.

Nun schlug ihm die Stimme des Herankommenden entgegen. Einen Augenblick stutzte derselbe, dann lachte er scharftönig:

»Bist du's, Junkerlein, und pfeifst dein Lied hier den Wasserratten, daß sie besser danach tanzen als die frommen Brüder? Verarg's dir nicht, ist 'ne klügere Sippschaft und kann dich lehren, die Zähne zu brauchen. Macht's dir Spaß, blas ich mein Horn dazu.«

Wortlos starrte der Jüngling in das unerwartet vor ihm aufgetauchte, frech-schöne Gesicht des Sprechers, das er einmal bei flüchtiger Begegnung auf der Landstraße so vor sich gewahrt; nur trug derselbe nicht mehr die damalige arg verwahrloste Gewandung, sondern neue stattliche Tracht saß ihm kleidsam angegossen am schlanken Wuchs. Der Stein entfiel aus Guys Hand und er stammelte: »Ich glaube Ihr seid Wendelin oder Welf Siebald, der Hornpfeifer, wenn ich Euren Namen richtig behielt –«

»Heiß mich, wie du willst,« antwortete dieser mit einem raschen, befriedigten Blick die geschmeidig-kraftvolle Jugendgestalt vor sich prüfend; »hast dich gut in Brust und Schultern gelegt, seit ich dich gesehen, Guy Loder.«

»Woher, wißt Ihr meinen Namen?« brachte der Benannte, verwirrt dem forschenden Auge des Hornbläsers ausweichend, hervor, und Welf Siebald lachte:

»Ich denke, der ist genug heut' in der Leute Mund, daß man ihn hören mag, ohne zu fragen. Velten Stacher, dein Lehrmeister, wird sich zwar hüten, ihn zwischen seine Muttergotteszähne zu nehmen, denn es brächt' ihm nicht viel Rühmens ein bei der Bruderschaft. Hättest einen guten Stein zur Hand für den, der kam, um dich nochmals zur Prüfung zu holen?«

Mit verständlichem Echo lief der spöttische Wortklang von der Felswand zurück, doch gleich darauf setzte der Sprecher veränderten Tones hinzu:

»Siehst nicht aus wie ein Hund, der den Stock leckt, mit dem er geprügelt worden. Laß den Bettel fahren, Guy Loder, und lache über den roten Lumpenkönig und seine Narrensippe! Willst mit mir gehen, so komm! Ich weiß Weg und Steg, ein Liedlein zu pfeifen um Geld und Gut und Gunst bei Herren und schönen Frauen, ohne die halb Gnadenunze fein Silbers auf der Brust.«

Da brach's wie ein Widerhall eines seiner Worte mit lautem, irrem Auflachen aus der Brust des Jünglings: »Der rote Lumpenkönig!« Das war's, das vergeblich gesuchte, erlösende Wort, das in seinem Blute gegrollt und dem heiß gährenden Ingrimm ein Ziel wies, sich darauf zu werfen. Wie mit der Hand greifbar, stand vor den Augen Guys plötzlich das wüste, klägliche Gemach neben der Sankt Arbogastkirche zu Rufach mit dem hagerschlottrigen Weibsbild am rauchigen Herd und der lächerlichen, kahlglatzigen Gestalt auf dem Holzklotz, die im buntgestückelten Lappenrock den Pechdraht durch das zerrissene Schuhwerk fädelte und sich jammervoll zappelnd unter den Blick und die knochige Hand des keifenden Weibes zusammendrückte. Und er stieß nochmals mit befreiendem Gelächter hervor: »Der rote Lumpenkönig und seine Narrensippe! Hab Dank dafür, Welf Siebald! Du kommst mir zur rechten Stund, ich gehe mit dir, wohin du willst!«

»Wirst's nicht bereuen!« entgegnete der Hornbläser, erfreut aufblitzenden Augenlichtes und mit hastigem Eifer den Arm des Jünglings ergreifend. »Hab' also doch nicht umsonst meine Sohlen zum albernen Gedudel am Dusenbach abgetragen. So komm und wasch dir den Schimpf ab, wir haben weiten Weg!«

Er zog Guy mit sich, den Waldpfad weiter hinan, nur einmal wandte derselbe noch den Kopf und frug fast unwirsch: »Was willst du?« Unbeachtet hatte Bettane neben den Beiden gestanden, ihre Tafel hervorgezogen und ein paar Worte darauf geschrieben. Nun hielt ihre eine Hand ihn zurück, während die andere ihm die Schrift entgegenhob, und er las: »Geh' nicht mit ihm!«

Doch sein Trachten und Denken war anderswo, und ihre Augen redeten, daß sie auch diesmal keine Hoffnung gehegt, er werde auf die lautlose Sprache hören. Kurz den Kopf schüttelnd, faßte er nur ihre Hand jetzt und sagte: »Du kennst nicht, was mich treibt, Bettane, aber nimm Dank, daß du mich vorhin zu trösten gesucht.« Nun tat sie mit ruhiger Bewegung etwas Seltsames, denn sie nahm die Rose, die er noch wie von Beginn gehalten, öffnete rasch sein Wams über der Brust und legte sie ihm aufs Herz. Nur ganz leise streifte ihre Hand dabei über die Stelle, wo ein kleines Narbenmal noch Kunde von den Zähnen des Wolfes gab, die einstmals sein Leben dort bedroht. Dann stand sie, sah ihm nach, wie er, von seinem neuen Genossen zur Eile angetrieben, bergan unter dem überhängenden Laubgezweig verschwand: und schritt langsam abwärts zur Kapelle unserer lieben Frau von Dusenbach hinunter.

Hier war es still geworden, denn der Pfeiferzug und die Volksmenge hatten den Platz verlassen, um nach Rappoltsweiler zurückzukehren. Nur eine einzelne Gestalt wandte sich noch mit umsuchenden Augen hierhin und dorthin; wie das Mädchen mit den beiden Ziegen daherkam, erkannten sie sich wechselseitig und traten aufeinander zu. Keiner wußte den Namen des Anderen, nur daß sie sich einmal vor Jahren fast auf der nämlichen Stelle hier gewahrt und Guy Loder zwischen ihnen gestanden, und hastig richtete Velten Stacher eine Frage nach ihm an Bettane. Sie brauchte nicht auf die Bewegung seiner Lippen zu achten; ohne Zweifel, was er zu wissen begehre, schrieb sie auf ihre Tafel, daß Guy mit einem fremden Pfeifer, dessen Aussehen sie schilderte, davongegangen sei. Doch Velten Stacher blickte begehrlich, achselzuckend auf die Schrift, ihm war die Kunst zu lesen nicht minder fremd, als Veit Loder droben im Gebirgsdorf. Es dauerte ein Weilchen, bis sie dies begriff und bis ihm verständlich ward, daß sie keine andere Sprache zu führen vermöge; dann wies sie den Weg am Dusenbach aufwärts und machte ein angstvoll bittendes Zeichen dazu, das ihn zur Eile antrieb. Er faßte offenbar den Sinn von beidem auf, denn sein Fuß flog hurtig in der gedeuteten Richtung davon. Am murmelnden Gewässer lief er durch den Wald auf dem mählich ansteigenden Pfad empor, bis das schon tiefdunkelnde Laub sich um ihn lichtete und er auf eine freie, nur mit gelbblühendem Ginster bedeckte Felshalde hinausgelangte. Aber dort schieden sich drei Wege auseinander, nur eben noch sichtbar blickte rechtsher gegen den Himmel das machtvolle Turmgemäuer der Burg Hochrappoltstein herab, die graue Dämmerung ließ sonst kaum in Steinwurfsweite etwas mehr gewahren, und nichts gab auf die lauten Rufe des Pfeifers Antwort.

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