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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Achtes Kapitel. Vorbereitungen auf dem Pfahldorf

Noch während des Gelages hatte Donndur angeordnet, daß die Ställe auf den Pfählen in Bereitschaft gesetzt werden sollten.

Nun sind, während die Nacht niederzieht, beim Scheine von brennenden Fichtenscheiten die plattnasigen, dienenden Mägde, eine Beute früherer Rachezüge gegen die Bergwilden, zusammen mit den Frauen der Ansiedlung beschäftigt, die größeren Hütten auszuräumen. Man wählt diejenigen Gebäude aus, die möglichst nach der Mitte zu gelegen sind. Die bisherigen Bewohner werden in anderen Räumen untergebracht, der einfache Hausrat hinübergetragen. Hölzerne Pflöcke werden in die Wand eingetrieben, um die Tiere daran zu befestigen.

Dann kommt, vom Anruf der Frauen und des alten Wisent weitergeleitet, die Herde über den breiten Weg geschritten; die Kühe brüllen, weil sie die gewohnte Weide verlassen sollen; Ziegen, Schafe und Schweine rennen vorüber. Manches Tier muß mit Stockhieben und lautem Geschrei gestachelt werden, bis es sich durch den engen Eingang der Hütte hindurchwagt. Die Ziegen und Schafe folgen geduldiger, aber die Schweine richten durch unermüdliches Hin- und Herlaufen viele Verwirrung an.

Wenig hat gefehlt, daß eins der Borstentiere in die Gesellschaft der zechenden Männer eingebrochen sei; schon zeigt es seinen berüsselten, langen Kopf in der Türöffnung, da wirft der alte Graun mit einem Holzklotz nach ihm, und quiekend entweicht der erschrockene Vierfüßler.

Einige Frauen rupfen unterdessen trotz der Nacht Grasbüschel auf der Insel aus, legen sie zu Haufen und tragen sie in ein Vorratshaus auf den Pfählen, manche sammeln dünne Weidenzweige und Schilf, um es dem Vieh unterzulegen.

Die ganze Nacht hindurch ist das Dorf durch die Unterbringung der Weidetiere in Bewegung versetzt, Fackeln werden hin- und hergetragen, die verdrängten Bewohner richten sich lärmend in den neuen Wohnstätten ein und stellen ihren Besitz auf.

Unterdessen hat aber auch die Wachsamkeit der Männer zugenommen.

Die Handwerker und einige Alte nur trinken noch im Versammlungshause weiter, die jüngere Mannschaft ist unter Donndurs Aufsicht in mannigfacher Weise beschäftigt.

Ein Teil ist über den Steg nach dem Ufer gegangen und streift über die Hänge nach Bergwilden. Andere sind nach der Insel gezogen und schützen mit bewaffneter Hand die Arbeiten der Frauen; Wisents Fund ist nicht vergessen worden.

Zwei Boote mit Jägern sind nach dem anderen Ufer gefahren; sie wollen den Mondschein benutzen und einige Stücke Wildbret erlegen, um das Dorf für den Fall einer Belagerung mit Fleisch zu versehen.

Donndur schreitet mit Waldun um das Dorf herum; sie beraten darüber, wieviel Zeit es in Anspruch nehmen werde, die breite Brücke nach der Insel und den Steg nach dem Ufer einzureißen. Sie kommen jedoch überein, dies nicht eher vornehmen zu lassen, als bis die Kundschafter aus den Bergen wieder zurückgekehrt seien.

Schon vorher hat Donndur die Wachen verteilt; während die Hälfte der Waffenfähigen bis Mitternacht schläft, soll die andere Hälfte jetzt ihre Kriegsarbeit tun, um nachher der Ruhe zu pflegen.

Alte, schon schadhafte Einbäume werden mit vereinten Kräften aus dem Wasser gezogen und halb umgewendet als Brustwehren am Rundgange aufgestellt, dazwischen werden Holzbündel und Balken angebracht, welche die Frauen der Brücke zur Weideninsel entnehmen, indem sie anfangen, sie einzureißen.

Donndur wendet sich an Waldun: »Der Bote, den wir zu den Vettern an den Drachenklippen schickten, wird schon hinter den Stromschnellen sein, mit Sonnenaufgang kann er an den Drachenklippen ankommen und Eso und seine Männer warnen; vielleicht auch, daß sie uns ein paar Boote mit Kriegern zur Hilfe schicken.«

Waldun hört nur mit halbem Ohre zu, er schaut scharf auf die dunkle Wasserfläche.

Donndur folgt seinen Augen und tut einen lauten Ruf; in den Wellen schwimmt mit schnellen Bewegungen ein Mensch.

Schon wollen sie die Waffen lösen, als vom Wasser her derselbe Ruf antwortet. Nach wenigen Augenblicken steht der Knabe neben dem Häuptling, welcher die Kundschafter abwärts gerudert hat; hochaufatmend schweigt er.

Donndur legt ihm die Hand auf die nasse Schulter und sagt lächelnd: »Ich fürchtete schon, daß mein Sohn nicht wiederkehren würde; sein Beil ist klein, seine Hände sind noch schwach, und die Wälder sind voll Gefahr.«

»Die Kundschafter sind gelandet,« antwortet der Knabe einfach, »ich ging am Ufer hin; nicht lange, sah ich Männer über den Strom setzen, an einem Baumstamm hielten sie sich fest, und Fleischstücke lagen auf der Rinde des Baumes befestigt. Da war ein Ulmenbaum, den erkletterte ich und verbarg mich im Geäst; fünf von den Wilden haben die Stücke des Wisent auf ihre Schulter geladen und sind in die Wälder gegangen, sechs andere aber schritten eilig am Ufer aufwärts, rot war ihre Stirn mit Farbe bemalt, sie müssen nahe bei dem Dorf im Hinterhalt liegen.«

Donndur gibt dem Knaben ein Steinmesser, das in seinem Gürtel steckt, und lobt ihn für seine Tapferkeit.

Da zerrt eine Frau den Beglückten schon weg und schließt ihn in ihre Mutterarme, ihr Sohn ist es, der sich heute erste Kriegerehre erworben, Keiers Sohn, des Pfeilschützen, der in den Bergen kundschaftet und den die beiden nun mit wachen Sinnen erwarten, bis ihnen Müdigkeit die Augen zufallen läßt.

Während Donndur und Waldun schlafen, sind andere Männer geschäftig.

Als nach Mitternacht stromabwärts ein Gewitter vorüberzieht, kann das Wetterleuchten die Brustwehr gegen das linke Ufer hin schon fast vollendet zeigen. Die Streifschar aus den Bergen ist zurückgekehrt, die Männer lagern dicht hinter dem Steg in einer Hütte an einem Feuer und berichten den aufhorchenden Frauen, daß der Feind ihnen nicht zu Gesicht kam.

Aber der eine bringt zwei wilde Gänse mit, die sein Pfeil im Röhricht getroffen hat, der andere hat einen Frischling erlegt, dessen grauschwarze Borsten neben ihm am Boden von den Flackerflammen so beleuchtet werden, daß sie sich zu bewegen scheinen; ein dritter hat am Ufer des Stromes nach Entennestern gespürt und bringt in einem groben Weidengeflecht eine große Menge Eier mit.

Obwohl die Männer mit lauter Stimme ihre Jagdabenteuer erzählen, liegt doch eine dumpfe Schwere über den Wachenden; sie fühlen, daß ein Wettersturm über dem Pfahldorf zusammenzieht, schwerer als das Gewitter, das drüben unschädlich stromabwärts verweht.

Keiner wagt die Geschichten vergangener Tage zu erzählen, aber alle denken daran, die Männer mit Ingrimm, die Frauen aber mit unfaßbarer Angst: die furchtbaren Qualen, welche die zu erwarten haben, die lebend in die Hände der Wilden fallen, langsam zu Tode gepeinigt zu werden, das Stechen mit spitzen Hölzern, das Versengen mit Feuer; daß die Flamme dies alles vielleicht verzehren werde, woran seit Jahrzehnten gearbeitet worden, alle Hütten, aller Hausrat und die Herden vernichtet werden können, daran denken die Wachenden und senken die Stirn.

Und an ihre Kinder denken sie und an ihr gräßliches Los in den Händen der Bergwilden.

Die erste Morgendämmerung zeigt sich, die Kämme der Gebirge gegen Osten zeichnen sich scharf gegen den rötlichen Himmel ab.

Die Kühe beginnen zu brüllen, die Kälber blöken, im Schilf am Ufer setzt das vielfache Geschrei des Sumpfgeflügels ein.

Donndur ist schon wach, mit Graun, dem alten Sänger, der kaum geschlafen hat, wandelt er die Hütten entlang.

Auf sein Geheiß wird an einer versteckten Stelle der Weideninsel eine Hütte aufgebaut; keiner weiß wozu, bis endlich der Häuptling die Weisung gibt, daß die kriegsgefangenen Mägde dorthin zu schaffen seien, sie sprechen noch die Sprache der wilden Zwerge und sind ihres Blutes, sie könnten bei einem Sturm auf die Burg Feuer anlegen an die Hütten im Rücken der Kämpfenden.

Zwölf Mägde sind es, jammernd schreiten sie über die Brücke, sie haben in der Gefangenschaft nichts zu leiden gehabt, nun fürchten sie die Wut ihrer früheren Stammesgenossen.

Ma, die Graue, redet ihnen gütig zu und gibt ihnen Hoffnung, auch Nahrung trägt sie reichlich den Ausgeschlossenen hinüber.

Unterdessen werden alle Boote sorgfältig bis tief unter den Bau ins Halbdunkel gezogen, und eine Wache von vier Männern wird bestellt, um auf sie zu achten. Mit festen Lederriemen werden die Kähne an die Pfähle gebunden.

Unermüdlich tragen die Frauen die Brücke zur Insel ab, und als nur das hölzerne Gerüst übrig geblieben ist, helfen die Handwerker mit wuchtigen Axthieben nach, sorgfältig achten sie darauf, daß kein Holz verschleudert werde, und jedes Stück wird zur Verstärkung der Brustwehr benutzt, die jetzt schon bald den ganzen Umgang verkleidet.

Als der letzte Verbindungsbalken fällt und die Brücke auf etwa fünfzig Schritt weit vernichtet ist, schreien die Mägde auf der Weideninsel laut auf, jammernd laufen sie auf dem Weideland hin und her.

Am linken Ufer suchen die älteren Knaben runde, glatte Kieselsteine und bringen sie in Netzen nach dem Dorfe, wo sie hinter der Brustwehr zu Haufen aufgeschichtet werden.

Größere Feldsteine und Schieferplatten tragen die Frauen herbei, während die Jäger das nächste Gehölz am Ufer besetzt halten.

Donndur schreitet mit Graun, dem sich auch Waldun angeschlossen hat, die Hütten ab; sie sehen nach, ob das Vieh gut untergebracht ist, damit es nicht, beim Kampflärm sich losreißend, gefährliche Verwirrung in der Burg stifte.

Sie besichtigen die Vorratsräume: das Fleisch und Wildbret zählen sie, die aufgeschütteten Mengen der Getreidekörner und getrockneten Holzäpfel, die Körbe voll Linsen, Bohnen und Wassernüsse und die Säcke mit frischen und getrockneten Kräutern.

Wenn der Häuptling und seine Begleiter hier auch aufmerksam alles beachten, mit Freude erfüllt sie erst der Anblick der Waffenkammer.

Da liegen Äxte in Hirschhornfassungen, Messer mit langer Schneide, Dolche und zahllose Pfeilspitzen, daneben Bogen aus steinhartem Eschenholz, mit gedrehten Hirschdarmsaiten bespannt, über die glatten Wurfsteine, die in der Mitte eine Einschnürung zeigen, um den schmalen Lederriemen daran zu befestigen, streicht Graun mit seiner runzeligen Rechten, den größten Stein wählt er sich aus.

Von hier gehen die drei in ein paar Schritten zu der Holztreppe, die zu den Booten hinunterführt; ein junger Jäger sitzt dabei, fast, als wenn er unwillig sei über dies Wächteramt in der Sicherheit.

Da ist auch der große viereckige, ins Wasser versenkte Holzverschlag, in welchem die lebenden Fische zur Nahrung für das Dorf aufbewahrt werden. Dank der fleißigen Tätigkeit, welche die Fischer in den letzten Tagen entwickelt haben, ist er voll von verschiedenen Fischen, wie ein Netz; oft springen sie aus der Enge in die Höhe über den Wasserspiegel.

Mit dem gellt von der Weideninsel ein mehrstimmiger, heller Ruf.

Der Häuptling eilt noch ein paar Stufen die Treppe hinunter, um einen Überblick zu gewinnen, da kommen die Jäger vom jenseitigen Ufer wieder; mehrere Rehe liegen in dem Boote, darüber aber schwingt sich die breite Krone eines Hirschgeweihs. Mit Jubel werden die Ankommenden von der Jugend empfangen, die Knaben machen sich keuchend daran, mit vereinten Kräften den Hirsch aus dem Einbaum zu heben.

Nun scheint die Sonne über die Bergkante ins Tal, und kaum fallen ihre ersten Strahlen auf das Wasser, da fängt es an zu dampfen, und bald beginnt dichter Nebel zu spinnen.

Allmählich versinken die beiden Ufer in dichtes Grau, während die Berge noch dunkel über dem treibenden Gewölk sichtbar sind.

Da läßt Donndur, der einen unvermuteten Überfall befürchtet, alle Frauen und Männer vom Ufer zurückrufen, und als keiner mehr fehlt, reißen schnelle Axthiebe den schmalen Steg vom Ufer ab ein; ein paar Pfähle bleiben stehen, aber dem andrängenden Feinde darf auch nicht für zehn Schritte ein Zugang näher an die Burg heran gelassen werden.

Je höher die Sonne steigt, desto dichter werden die Schwaden, und bald versinkt sie selbst in dem unheimlichen, grauen Dunst.

Donndurs Augen blicken finster. Graun legt die Wurfsteine zurecht; an zwanzig Schritt langer leichter Lederschnur der glatte, schwere Stein, so legt er einen neben dem anderen zum Griff bereit.

Hinter der Brustwehr stehen die Männer, die Hand am Beil; der ißt noch einen Weizenkuchen, den seine Frau ihm reicht, jener schlürft eine warme Suppe.

Der Nebel ist nun so dicht, daß man kaum das Wasser unten von dem Pfahlrost aus erkennen kann.

Da taucht plötzlich, ganz als wenn er da ein wenig gebadet habe, Wutt hinter den Kähnen unter dem Rost auf und schwimmt auf den jungen Wächter zu; der wundert sich nicht weiter darüber, denn solches regellose Kommen und Gehen ist man bei Wutt gewöhnt.

Es lohnt sich nicht einmal, ihm einen Fußtritt zu geben.

Der Schwimmer schlüpft an dem behaglich Ausgestreckten vorbei.

»Wutt schnattert vor Kälte wie eine Ente,« ruft der ihm nach.

»Wenn der Häuptling den Steg einreißt und Wutt im nassen Nebel laufen muß, weshalb soll er dann nicht schnattern,« antwortet der und macht sich fort.

»Wutt hat wieder in einem Rehlager gelegen die Nacht lang, nun vertreibt ihn der kalte Nebel,« murmelt der junge Jäger vor sich hin.

Wutt aber drückt sich an den Hütten entlang, er sucht eine bestimmte; als er sie gefunden hat, späht er zuerst, ob niemand ihn beobachte, dann springt er hinein.

Der Häuptling schreitet zwischen den wehrhaften Männern; als er sogar den lehmbedeckten Töpfer mit einem Beile bewaffnet hinter der Brustwehr findet, lobt er ihn, weicht aber lächelnd zurück, als der Töpfer ein paar gefährliche, zackige Lufthiebe mit seiner Waffe ausführt.

Dann aber gewinnen Donndurs Augen wieder einen sorgenvollen Ausdruck; auf fünf Schritte könnte bei diesem Nebel ein Feind heranschwimmen, ohne daß man etwas von ihm wahrnehmen könnte; so kann jeden Augenblick furchtbarer Kampfruf erdröhnen.

Aber ein anderes beunruhigt ihn fast noch mehr.

Es wäre jetzt die Zeit, daß die Kundschafter zurückkehren müßten, wenn sich ihre Fahrt gut erledigt hätte. Der Häuptling fürchtet für Usold, seinen Sohn, dessen jähe, unbesonnene Tapferkeit er kennt; er fürchtet, daß Seiwo, sein Gastfreund, vielleicht schon erlegen sei, daß die Kundschafter abgeschnitten im Gebirge umherirren; er bereut fast, dies schwere Meisterwerk von Usold gefordert zu haben.

Ma, die dem Häuptling ein Gebäck aus Weizenkorn und Äpfeln bringt, redet kein Wort, aber an ihren gesenkten Augen erkennt er ihre Trauer.

»Ma sagte, daß Uddo fort ist?« fragt er unsicher.

»Uddo ist seinem Herrn nach in die Berge, er hat den starken Riemen abgerissen und mitgezogen; es blieb ein handlanger Stumpf am Pflock zurück.«

»Solches Band kann Uddo nicht zerreißen,« sagt Donndur nachdenklich.

»Wer sollte ihn losgeschnitten haben?« fragt Ma tonlos.

»Ich weiß es nicht,« antwortet der Häuptling kurz.

Schwer und dick liegt der Nebel, er bewegt sich nicht mehr, jeder Wind ist erstorben; wie eine Wand liegt der Dunst, jeden Ruf und Schall dämpfend, rund um die Pfahlburg.

Manchmal hört man fern verklingend die Klagen der fremden Mägde auf der Weideninsel aus dem Dämmer tönen, wie man wohl in der Nacht aus der Luft den Ruf der heimatlosen Kraniche vernimmt, man sieht sie nicht und weiß nicht, wohin das Schicksal sie treibt.

Da kommt eine weinende Frau langsam durch die Reihen der Krieger gegangen. Nebel hängt sich in ihr aufgelöstes, blondgraues Haar, Tränen laufen unaufhörlich aus ihren Augen, sie drückt die Hände an die Schläfen und murmelt vor sich hin: »Ich habe es gesehen, ich habe es gesehen.«

»Weshalb weint das Weib Keiers, des Bogenschützen, so sehr?« fragt Donndur betroffen, während Ma die Schluchzende stützt.

»Ich habe es gesehen,« antwortet die Frau mit hohler Stimme, »Keier sah ich, da ich schlief, er kam zu mir blutend, in der Brust klaffte die Wunde, er kam aus dem Totenland in Mitternacht, er schüttelte den blutigen Kopf und sprach nicht, er ist erschlagen, Keier, er ist erschlagen!«

»In den Träumen wohnt keine Wahrheit,« sagt Donndur leise, von dem Jammer der Frau und der verzweifelten Sicherheit ihrer Worte erschüttert.

»Keier wird kommen, vielleicht schwimmt er jetzt schon auf die Pfahlburg zu, mit Usold, Suwil und dem geretteten Seiwo; wir werden die Kundschafter ehren,« fährt der Häuptling eindringlich fort.

Einen flüchtigen Blick wirft die Frau auf die undurchdringliche, schweigsame Nebelschicht, dann wimmert sie auf: »Er kam, da ich vor Müdigkeit entschlafen war; er war stumm, er sah mich nur an mit Totenaugen, als wenn er fragen wollte, wie ich schlafen könne, da er im Dickicht erschlagen liege; ich weiß es, ich weiß es ...«

Während die Umstehenden mit erschrockenen Augen auf das Weib starren, das wie eine Seherin, die Arme erhoben; die zerwühlten Haare in verkrampftem Schmerz schüttelt, drängt sich der Knabe Keiers durch die Menge; mit finsterem Blicke faßt er die Mutter an, mit aufeinandergepreßten Lippen führt er sie wortlos in ihre Hütte.

Den wartenden Männern graut die Furcht den Rücken hinunter, aber die Stirnen krausen sich, die Waffen werden fester gefaßt, die Füße stellen sich breiter auf den Balkenrost, der nun die ganze Heimat bedeutet.

Und die scheuen Stimmen der Frauen und Kinder, die aus den Hütten herüberflüstern, wirken eine wilde Entschlossenheit in den kampfbereiten Kriegern.

finis
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