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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Fünftes Kapitel. Der Schlachtgesang Grauns

Ebenso schnell, wie die Tränen der Frauen ausgebrochen sind, hat sie eine gebieterische Handbewegung Donndurs wieder gebannt. Geschäftig rennen sie nun in die Hütten, um den Männern das Mahl zu bereiten und den Mettrank herzurichten.

Andere tragen Felle von Hirschen und Stieren herbei und stellen runde Holzklötze zwischen die Versammelten. Da werden Weidenkörbchen mit gedörrten Holzäpfeln gebracht und Haselnüsse in einem Ledersack.

Auch einen Topf mit gekochten Kornelkirschen schleppt ein altes Mütterchen herbei; fast erblindet ist sie, aber jeden Kirschenbaum in den Wäldern weiß sie, sammelt, wenn die Kirschen reifen, Tag für Tag, trocknet sie auf heißen Steinen, und keine versteht, aus den geschrumpften Früchten eine so wohlschmeckende Brühe herzurichten; schon stehen die Töpfer dabei und fischen mit ihren langen Fingern den köstlichen Inhalt aus dem Behälter; sie schnalzen mit der Zunge, und ihr Gesicht, das eben beim Kriegslärm finster geworden war, hellt sich auf.

Die alte Ma bringt den großen junkernden Jagdhund Usolds, Uddo, und bittet Donndur, ihn an die stärkste Lederschnur zu legen, so zerrt das edle Tier, weil es seinen Herrn in der Jagdausrüstung nach den Bergen fahren sah.

Und Donndur befestigt ihn an dem Riemen, aus Hirschleder geflochten, dem stärksten, den er hat.

Unterdessen ist mannigfaches Essen aufgetragen, Ma bringt in der großen Schüssel den roten Salm, ein Schinkenstück des Schweines dampft in einem breiten Gefäße. Dazu liegen Sauerampferblätter auf den Klötzen, auch stehen Teller mit heißem Mehlbrei da.

In den geräumigen hölzernen Bottich füllen die Frauen den Mettrank.

Da kommen, ehe das Schmausen und Trinken beginnt, sechs schlanke Mädchen in der ersten Blüte der Jugend mit weißem Linnengewand und bekränzen den mächtigen Stierschädel, der der einzigen gegen Abend gewendeten Lichtöffnung gegenüber an der Holzwand hängt, mit Teichrosenblättern und Hopfenranken; dicht schaukelt das grüne Gewinde von den braunen Hörnern herab.

Und Donndur nimmt die Schüssel, die gemeinsamem Trunke dient, füllt sie mit süßem Met, schüttet den Schaum vor dem Stierkopf zur Erde und tut dann selbst den ersten Zug.

Nachdem er getrunken, reicht er Graun, dem Meister des Wurfsteins, die Kufe, der sie schlürfend bis zur Neige leert.

Während nun die Frauen das Feld räumen, hebt laute Geselligkeit der Männer an; bald muß der Metbottich nachgefüllt werden, und an dem Eingang des Versammlungshauses lauern mit leuchtenden Augen die Knaben, bereit, die leeren Schüsseln zu den Müttern zu tragen, um neue Speise zu holen, aber auch begierig, ruhmvolle Taten der Helden preisen zu hören.

Denn schon hat Graun den bauchigen, hohlen Weidenast hervorgezogen, der, mit einem Fell und darüber mit drei Saiten bespannt, den Heldensang mit seinem summenden Brummen begleiten soll.

Wisent aber, der Hirt, hebt sich auf, als er gesättigt ist, und schreitet zu seiner Herde.

Waldun, der Wächter, nimmt sich noch einen Krug Met mit, dann aber wandelt er den äußeren Weg um die Häuser herum, späht mit scharfem Auge nach den Ufern und achtet, daß kein Feind sich zeige.

Graun, von den Männern gedrängt, nimmt die Trommel auf die Knie, rupft an den Darmsaiten und läßt das Rehfell erdröhnen. Dann beginnt er, halb sprechend, halb singend; bei den letzten Worten der Sätze hebt er die Stimme, daß die Holzverkleidung der Halle zittert.

»Blanke Fische schwimmen im Strome, Hechte, Barsche, Maifische und Salme, nach Mittag und Mitternacht sollen sie in unseren Netzen sein, soweit unsere Kähne rudern können.«

»Dazu helfe uns die Sonne!« fallen die lauschenden Männer ein, und Graun fährt fort:

»Es wohnten Männer auf Pfählen eine Tagesfahrt aufwärts am Zusammenfluß der Ströme, gleichen Stammes wie Donndurs Geschlecht; wohl uns, daß sie nicht mehr uns drohen. Flinke Fischer waren es auf starken Booten, geschwinde Jäger und Lanzenschwinger.«

»Wohl uns, daß sie uns nicht mehr drohen!« ruft die Menge, und Donndur nickt in Erinnerung an vergangene Zeit.

»Ausfuhren am Morgen zwei Männer aus Donndurs Dorf, mit Netzen zum Fischen stromaufwärts am Strand; fröhlich waren sie, reichen Fischfangs gewärtig. Ihre Netze wurden entwendet, der Kahn zertrümmert, einer entwich verwundet. Drei Boote aus Mittag vom Zusammenfluß der Ströme kamen und taten es, nicht dulden wollten die Männer unsere Netze in ihrer Nähe, einen aber erschlugen sie, blutend fiel er ins Wasser.

»Auf sprang Donndur, als die Kunde kam, in der Runde rief er die Jäger und Hirten, keiner blieb zurück. Zweimal zehn Boote bemannte er mit Männern, mit Beilen, Schwertern, mit Bogen und Pfeilen, mit Lanzen und jeglichen Waffen, da rissen die Ruder das wogende Wasser, da hielten die Helden vor Abendrot noch am Pfahlbau der Feinde, da nahmen wir vier Boote den Räubern weg, vier Boote mit Fischen, Netzen und Fleisch, die Männer aber traf unsere Waffe zu Tode.

»Da kamen die Tapferen mit dreißig Kähnen zum Kampf auf dem Wasser, dunkel war es schon und graue Dämmerung, doch wir rächten den erschlagenen Fischer und trieben sie zurück in ihre Pfahlburg, manchem von ihnen sank das Haupt in die Flut.«

»Doch als wir stürmten gegen die Hütten, traf uns traurige Schickung, zwölf unsrer Jäger und Fischer erschlug da die Streitaxt. Bis Donndur uns rief in die Sicherheit des Ufers; da war kaum einer, dem nicht blutig die Stirne troff.«

»Sie sahen uns flüchten dem heimischen Dorf zu, höhnisch lachten sie hinter uns her, doch in der nächsten Bucht, durch die Biegung verborgen, sammelten wir uns wieder, wartend bis Mitternacht.«

»Da ließ Donndur drei Kähne bringen, mit Weidenruten banden wir sie zusammen, Reisig füllten wir hinein und dürres Schilf und Harz von den Fichten.«

»Um Mitternacht fachten wir lodernde Glut in den Kähnen, mit ruderndem Boote schleppten wir sie nahe zum hölzernen Bau, weiter trieb sie die Strömung, aufprasselte bald die züngelnde Lohe aus den Hütten.«

»Die Löschenden schlug unsere wütende Waffe; schreiend entfloh der Feind auf den Kähnen, auf rauchende Stümpfe der Siedlung schaute die Morgensonne.«

» Die Männer haben uns nimmermehr Fischer erschlagen auf unserem Fluß!«

»Die Männer haben uns nimmermehr Fischer erschlagen auf unserem Fluß,« rufen die Gelagerten auf den Fellen, und die Knaben am Ausgang wiederholen es mit blitzenden Augen.

Und unerschöpflicher Redestrom ergießt sich über die alte Zeit, über die Kämpfe der vergangenen Tage und den Ruhm der Vorfahren; Donndur aber bringt Graun den Mettrank.

Unterdessen schreitet Waldun, der Wächter, beharrlich den Umgang der Pfahlburg auf und ab.

Da kommt Wutt zu ihm, grinst und sagt: »Waldun hat Laubblätter auf den Augen, oder seine Blicke sind matt geworden vom Mettrunk.«

Schon hebt der Wächter die Hand, um den Frechen zu schlagen, da zischt dieser schnell: »Hörte Waldun am Ufer dort die Enten und Wasserhühner aus dem Schilf mit Geschrei flüchten? Wutt sah die Köpfe der wilden Bergmänner hinter den bewegten Büscheln!«

Erregt schreitet Waldun auf die äußerste Kante des Umgangs und sucht dort nach der bezeichneten Stelle.

Diese Zeit benutzt Wutt, um mit der Strömung abwärts zu schwimmen, gerade gedeckt vor dem spähenden Blick des Wächters. Vor ihm her aber paddelt, schneller als er, ein Hund, und beide verschwinden bald in Weidengebüschen des Ufers.

Als Waldun wieder beruhigt seinen Rundgang aufnimmt, haben sich die Zweige hinter Wutt schon geschlossen, und der Wächter hört nur das zerrende Bellen eines Hundes aus dem Walde tönen.

Da erhebt sich im Versammlungshause vielstimmiges Heilrufen, eine beschattende Wolke ist verzogen, ehe die Sonne sank, und der letzte Sonnenstrahl streift durch die schmale Lichtöffnung hell den blumenbekränzten Stierschädel, ein günstiges Vorzeichen, das die Männer mit Waffen schüttelnd begrüßen.

Donndur aber gibt seine Weisung für den nächsten Tag, jedem erteilt er seine Arbeit.

finis
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