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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Drittes Kapitel. Usolds Jagd auf den Wisent

Es ist der Morgen des nächsten Tages.

Nur wenig Nebel liegt heute auf dem Rheintale, milchweißes Sonnenlicht fällt in vollen Strahlengarben auf die wiederspiegelnde Flut, über der Weideninsel trillern die Lerchen, der laute Ruf der Hirten erklingt, und aus der Ansiedlung hämmert und tönt der vielstimmige Lärm fleißiger Arbeit.

Usold, Donndurs Sohn, hat schon einige Ruderschläge getan, um die Weideninsel zu umfahren und das rechte Stromufer zur Jagd aufzusuchen. Er ist allein in seinem schmalen Kahn, der außerdem noch verschiedene Netze, zwei Steinbeile und eine Feuersteinlanze mit dickem Schafte trägt. Bei beiden Werkzeugen ist der Stein mit Lederschnüren am Holze befestigt und mit Harz verkittet.

Donndurs Falkenschrei gellt zwischen den Gassen der Ansiedlung, deshalb hält der Sohn an.

Der Häuptling kommt an den Bord des breiten Steges, der zur Weideninsel führt.

»Mein Sohn soll nicht zur Jagd, ehe Donndur ihm ein gutes Wort mitgegeben. Usold soll heute die neue Axt des Händlers versuchen, ob sie so scharf in den Nacken des Wisent schneidet wie das Steinbeil!«

Damit hält der Häuptling die Kupferaxt hin, die an einem weißglänzenden, glatten Eschenstiel steckt.

»Ich habe mit Feuersteinen kämpfen gelernt, ich will heute nicht zu fremder Waffe greifen, vielleicht zerspringt sie, und der Stier bohrt mich in die Erde. Mit meinem Stein habe ich manchen Eber erlegt. Damit will ich auch heute mein Häuptlingswerk tun und mich am Wisent versuchen!«

Lächelnd nickt der Vater: »Mein Sohn ist klug, auch ich traue noch nicht der glänzenden, braunen Schneide, so scharf wie sie auch schnitt in Suwils Hand. Behüte dich die Sonne, Usold, mein Sohn!«

Schon kehrt sich Usold mit einem Gruße zum Ruder, da stürzt in einem weißen Leinengewande Ma, die graue Mutter, hervor, greift mit ihren behenden Fingern nach der Lehne des Steges und ruft: »Bleibe hier, Usold, mein Einziger, ein Rabe flog zu meinen Häupten heut früh, Unheil wird kommen, das kündet ihr Flug. Geh an anderem Tage zu deinem Häuptlingswerke, heute laß den Speer zuhause und suche nur den Salm!«

Einen Augenblick zögert der Sohn, dann, als er Donndurs lachendes Gesicht sieht, lacht auch er: »Ich hatte besseres Zeichen, die Sonne sengte mir die Augen, die Sonne soll mich leiten! Und diesen Abend, beim Dämmer der Nacht, sollst du mir die Leber des Wisent am Feuer rösten, Mutter!«

So ruft der Junge und rudert mit lautem Falkenruf an der Weideninsel vorbei, während Ma mit den weißen Haaren ihm brennenden Auges nachschaut.

Usold grüßt die Hirten auf der Insel und treibt mit kräftigen Schlägen seinen Kahn weiter in eine Bucht am rechten Stromufer, wo graue Sandbänke den Kranz des Schilfes unterbrechen; ein Bach mündet dort. An des Wasserlaufs Ende lenkt er seinen Einbaum, da spannt er quer durch den Bach sein unten mit angehängten Steinen beschwertes Netz. Nun steigt er aus, watet leise ans Ufer, klettert behende den Hang hinauf, geht landeinwärts, bricht dann mit lautem Ruf in den Bach nieder und treibt mit Lärmen und Stockschlägen die flüchtenden Fische ins ausgespannte Netz. Langsam zieht er es ins Boot, sieben Weißfische und ein armlanger Salm springen blitzend im Sonnenschein auf den Boden des Einbaumes; mit schnellen und geschickten Hieben erschlägt er sie.

Dann wickelt er das Netz zusammen und fährt weiter am Ufer hin, lautlos gleitet sein Kahn über die spiegelklare Fläche.

Flußabwärts richtet Usold die Spitze seines Bootes, er strebt nach den stillen Buchten vor den ersten Stromschnellen, viel Schilf wächst dort und breite Pestwurzblätter, hoher Froschlöffel und Teichrosen, weicher Modergrund wird gefestigt durch verstreute Weiden- und Erlenbüsche, deren frisches Laub saftig grünt.

Dorthin kommen oft am Morgen die gewaltigen Wisente aus den Bergen, um im kühlen Schlamm zu wühlen und Wasserwurzeln zu äsen.

Hier muß Usold warten und lauern, ob er ganz allein den Wisent erschlagen kann, um als Zeichen gewonnener Mannhaftigkeit den Hornschmuck des riesigen Tieres mitzubringen. Sie ist nicht leicht, die Aufgabe, aber die Sitte erfordert sie vom Sohne des Häuptlings; und Usold ist nicht in Sorge, daß ihm sein Angriff gelingen wird; seine einzige Furcht ist, daß die großen Tiere an anderer Stelle heute zum Wasser kommen.

Immer näher drängt er den Kahn durch Röhricht und Schilf bis ans Ufer, ein umgestürzter Ulmenbaum ermöglicht ihm an Land zu gehen. Begierig, sein Werk gut vorzubereiten, schlüpft er mit seiner schlanken, mit enganliegendem, abgeschabtem Leder bekleideten Gestalt durch die Niederung, um die Spuren zu untersuchen und festzustellen, ob gar die Wisente früher am Tage dort gewesen und schon wieder den Bergen zugeflohen sind.

Aber auf allen Gräsern, die von den zahlreichen breiten, zweigeteilten Stapfen niedergetreten sind, liegt noch in hellen Tropfen der Tau der Nacht.

Befriedigt schreitet der junge Jäger, nachdem er sorgfältig erforscht hat, wie weit das Moor ihn trägt, wieder zurück zu der liegenden Ulme, bindet den Kahn fest, nimmt sein Jagdgerät, ein aus breiten Hirschlederstreifen geflochtenes, weitmaschiges Netz, den Speer und die Äxte zu sich und verbirgt sich im krausen, krummgewachsenen Zweigwerk des gestürzten Urwaldbaumes.

Jetzt bewegt er die Hand nicht mehr, nicht den Kopf oder den Fuß, kaum daß seine Augen langsam spähend die Bucht mustern. Aber mit gespanntem Ohre horcht er, ob sich das dumpfe Donnergeräusch einer hinabziehenden Wisentherde vernehmen lasse.

Doch die Berggipfel scheinen verstummt; aber unter ihm im Sumpfwasser ist reges Leben, das schlanke Teichhühnchen mit der roten Wulstung des Köpfchens schreitet unhörbar über die Teichrosenblätter, die es mit seinen dünnen, grünen Füßen kaum berührt; das Bläßhuhn läßt am Rande des Dickichts seinen kurzen, klagenden Ton hören, dazwischen plärren die Frösche, und aus einiger Entfernung verlautet das Geschnatter der Enten und Gänse, die mit ihren breiten Schnäbeln auf dem Wasser nach Nahrung suchen.

Regungslos steht der zwei Fuß lange Hecht im seichten Gewässer und sonnt sich; wenn nicht hin und wieder eine zarte Bewegung durch seine Flossen liefe, würde man ihn für ein grünmoosiges Stück Holz halten, das, vom Wasser vollgesogen, auf den Grund gesunken ist.

Höher steigt die Sonne und blendet vom Spiegel der Flut zu dem Versteck Usolds hinauf.

Mehr als einmal zuckt es in seiner Hand, um mit der Lanze nach dem großen Hechte zu stoßen, aber er hält seinen Eifer zurück, um ihn der höheren Aufgabe aufzusparen.

Ein Knattern im Unterholz läßt ihn herzklopfend aufhorchen, doch mit schnellen Stößen verzieht es sich wieder; es war wohl nur ein Hirsch, der flüchtig durch die Äste brach.

Usold wartet.

Plötzlich steht ein grelles Bild vor seinem Gedächtnis, der blutige zerfetzte Leib des Jägers Bruma; zwei Sommer sind seitdem vergangen. Damals brachten ihn die anderen Jäger heim von der Wisentjagd; das Horn hatte die Brustseite aufgerissen und die Klauen die Knochen der Beine zermalmt; so lag er leblos im Kahn, und sein junges Weib schlug sich laut jammernd mit den Fäusten ins Gesicht. Und nun steht dies Bild wie ein Schrecken vor Usold, die Warnung der Mutter Ma fällt ihm ein, der Flug des Raben. Er beißt die Zähne aufeinander, wehrt sich gegen das unfaßbare Gefühl, aber die Angst greift mit unsichtbarer Hand an seine Kehle.

Da tönt oben von der Waldschlucht her ein taktmäßiges Brausen, und wie mit schweren Hämmern geschlagen brummt der Waldboden dumpf auf. Holz hört man splittern, das Knittern zertretener Gebüsche, immer mehr senkt sich der Lärm die Schlucht hinunter auf die Bucht zu.

Im Augenblick hat Usold alle Schreckbilder vergessen.

Erregt beschaut er, doch ohne sich viel zu bewegen, sein Gerät und macht sich bereit, mit einem Sprung auf dem Boden zu sein.

Nun durchbrechen die wuchtigen Wisente den dichteren Rand des Hochwaldes und stürzen sich in das mulmige Bruchland, die dünne Pflanzendecke schwappt unter den braunen stampfenden Hufen; sechs Tiere sind es, deren runde ungeheure Nacken bräunlich zwischen den Elsenbüschen auftauchen.

Bald teilen sie sich, drei gehen schnaufend flußabwärts der Äsung nach, zwei andere lassen sich nach einem kurzen Schlammbade wieder ans feste Ufer locken, wo sie das hohe Gras unter den Urwaldbäumen abrupfen.

Nur einer dringt auf das Versteck des jungen Jägers zu, offenbar begierig, im tiefen Schlamm zu baden und mit einer Moderkruste die quälenden Stechfliegen abzuwehren. Schon hat er eine schmale Sandbarre, die wie ein Damm, gleichgerichtet mit dem Flusse, den Ufersumpf in zwei Teile spaltet, überschritten und steht stromwärts gewendet bis an die Brust im quirlenden, brodelnden Moder.

Da springt mit unhörbaren Sätzen Usold über den Sanddamm näher, wie ein Wetter fährt das schwere Ledernetz an den gewaltigen Kopf.

Breitbeinig steht der Sohn des Häuptlings auf dem Sande, die Beile griffbereit, die Lanze in den Boden gestemmt.

Der Stier hat sich jäh umgekehrt, keuchend sieht er den winzigen Feind, mit dumpfem, brummenden Laut schüttelt er den Kopf, schlürfend zieht er ein Vorderbein aus dem Schlamm und sucht das Netz abzustreifen, da verstrickt sich auch der Fuß hinein, und als dieser wieder den Boden sucht, zieht das unzerreißbare Gewebe den Kopf mit hinunter.

Usold stößt den Schrei des Falken aus und wirft mit äußerster Gewalt die große Streitaxt gegen die Stirn des Wisentstiers, die sich ihm breit darbietet.

Fast verschwindet der sausende Stein im Schädel, quellendes Blut bricht vor, als die Waffe ins Wasser absinkt; geblendet vom roten Strom, schüttelt sich der Riese brüllend, erhebt sich aber, drängt mit den Hinterfüßen auf festeren Boden, zieht den Vorderkörper nach und zerrt nun mit verzweifelter Kraft an dem fesselnden Netz.

Schon will Usold mit dem Speer stoßen, da entsteht hinter den Kämpfenden ein Brausen, einen Augenblick nur blickt sich der Jäger um und sieht, wie die anderen Wisente fliehen; in diesem Augenblicke aber gelingt es dem Stier, mit dem zweiten Fuße das Netz zu sprengen, das blutende Haupt ist frei, der gewaltige Nacken senkt sich, der Schweif peitscht die Schenkel, in furchtbarem Ansturm drängt der Wisent auf seinen Gegner ein, die Lanze zerbricht, Usold rettet sich vom Sandriff durch einen Sprung in den Sumpf, der rasende Stier hinter ihm, die schwarze, mulmige Flut steigt dem verlorenen Kämpfer schon bis an die Brust, immer näher kommt das wütende Tier, bereit, seinen Angreifer in das nasse Grab niederzutreten.

Usold weicht keuchend, er fühlt, wie die Achsel schon genetzt wird, flüchtig denkt er an den Vater, an Ma, an den Raben, an Brumas aufgerissene Seite. Dunkel wird es vor seinen Augen.

Da hört er einen scharfen Ruf: »Zur Seite, Jäger, zur Seite!«

Hinter dem Stier ein Aufschlagen ins Wasser, ein Waffenblinken, und plötzlich, wie von einem Blitze getroffen, sinkt der Gewaltige der Berge um.

Usold klammert sich an Sträucher und Röhricht und rettet sich auf den Sand. Vor ihm steht, das blutige Kupferschwert in der Hand, das Gesicht und die Arme von Dornen zerrissen, fast wie ein Bergwilder anzuschauen, sein Retter, Suwil, der Händler.

Beide keuchen und finden keinen Atem für Worte.

»Usold, Donndurs Sohn, kämpfte mit dem Stier,« sagt endlich mit heiserer Stimme Suwil.

»Suwil hat ihn errettet unter den Füßen des Stieres, Usold wäre jetzt ein Jäger in Wäldern der Mitternacht, wo die Abgeschiedenen jagen, Suwil hat ihm die Sonne geschenkt, Usold wird ihm Sommer und Winter danken und Suwil soll alle Felle ...«

Da unterbricht ihn der andere, jetzt schon ruhiger: »nach Fellen gelüstet es Suwil nicht, Suwil ist ärmer als der ärmste Hirt auf den Pfählen.«

Unterdessen haben die beiden aus den Resten des Netzes einen Strick gewunden und ziehen mit vereinten Kräften den schon versinkenden Wisent bis zur Hälfte auf den Sanddamm, erschöpft setzen sie sich dann auf die braune dichte Wolle, von der das Wasser stromweise abtropft.

»Warum spricht Suwil so traurig, da er Heldenwerk getan und den Wisent erstochen hat?« fragt Usold, dessen Glieder noch immer von der Anstrengung des Kampfes und der Lebensgefahr zittern, während er dem Händler, der finster dabeisitzt, die Rechte auf die Schulter legt. »Warum nennt sich Suwil arm und warum fährt er nicht mit Seiwo, seinem Sohne, zwei Tagereisen gegen Mitternacht auf dem Flusse?«

Da stöhnt Suwil tief auf: »Als ich wegfuhr, hatte ich einen Sohn. Usold fischte mit ihm den trägen Karpfen und folgte der Spur des Hirsches.«

»Seiwo liebe ich wie meinen Bruder,« unterbricht den Sprecher der junge Jäger, »was ist mit ihm?«

»Wir landeten, als die Sonne sank, an einer Insel, in der Nacht aber kamen die Bergwilden, überfielen uns in Überzahl, unser Boot hatte eine ruchlose Hand durchbohrt, so daß es halb voll Wasser lag, da schwammen wir nach dem rechten Ufer, manche der Bergwilden konnten nicht schwimmen, sie müssen auf Bäume geklammert hinübergetrieben sein zur Insel, andere aber, es waren wohl zehn, verfolgten uns bis ans Ufer. Wir flohen in die Wälder, aber bald trennte uns die Nacht, ich hörte Seiwos Ruf, daß er überwältigt sei. Mich verfolgten vier, einen erstach ich mit dem Schwerte, die anderen täuschte ich und strebte aufs Ufer zu, woher der Ruf kam, da sah ich im fahlen Mondschimmer, wie die Wilden Seiwo, Suwils einzigen Sohn, über den Fluß schleppten, an ein Holzstück gefesselt. Mit lauter Stimme rief er den Vater an, nach dem Pfahldorf zu fliehen und Hilfe zu erflehen, mit lauter Stimme rief Suwil, daß er es tun werde und daß er nicht ruhen werde, bis Seiwo wieder frei sei, da fanden die Wilden seine Spur wieder und verfolgten ihn brüllend, aber Suwil war wie ein Hirsch über den Bergwald, und sie verloren ihn ...«

Usold senkt die Stirne, kein Wort bringt er heraus, so ergriffen ist er von dem Schicksale seines jungen Freundes.

Da beginnt der Ältere wieder, und tiefer Gram furcht seine Züge: »Vielleicht ist er ermordet worden am Ufer bei der Landung, vielleicht haben ihn die Bergwilden mitten im Strome noch untergetaucht, vielleicht aber, und dabei erhebt der Vater sein verzerrtes Gesicht zu Usold und sieht ihn starr an, »vielleicht schleppen sie ihn nach ihren Höhlen in der Tiefe der Berge, um ihn langsam zu Tode zu quälen, als Schmuck ihrer scheußlichen Tänze.«

Wortlos hört der junge Jäger zu.

»Usold schweigt, weil er nicht verstehen kann, daß ein Händler, wie Suwil es ist, sich beschleichen läßt in der Nacht. Als wir an der Insel landeten, war sie leer, ich selbst suchte auf ihr hin und her. Keine frische Spur war zu finden. Auch die Ufer waren lautlos. Aber als die Dämmerung kam, rief oft der Schrei des Eichelhähers aus dem Dickicht, ohne daß Seiwo und ich den Vogel fortfliegen sahen. Und dann flammte ...«

»Der Schrei des Nußhähers ist der Ruf der Bergwilden, das sagt der alte Graun, und mehr als einmal haben wir sie damit in den Tod gelockt,« schiebt Usold ein.

»Und dann flammte,« erzählt Suwil weiter, »plötzlich, als es schon dunkel war, an der Spitze der Insel ein Feuerbrand auf, wurde von einem Arme rund geschwungen, und als wir mit den Waffen hineilten, war niemand zu finden. Wäre ein Schilfrand dort gewesen, hätte ich gedacht, daß der Feind sich dort versteckt hielt, aber es war ein abschüssiges kahles Ufer. Und da tauchten aus der Nacht, gerade als wir zum Boote gehen wollten, um den gefährdeten Ort zu verlassen, die Bergwilden auf, und als wir uns zum Boote durchschlugen, fanden wir es voll Wasser ... So kam es ... Nun wollte ich von der nächsten Biegung des Stromes aus hinüberschwimmen zum Pfahldorf und Donndurs Schutz anrufen, da hörte ich in diesem Moore den Lärm des Kampfes.«

»Suwil. Höre auf meine Worte,« sagt bewegt der junge Krieger, »wenn die Bergwilden Seiwo nicht sogleich erschlugen, sondern ihn über den Strom schleppten, so wollen sie ihn zum Kriegstanz aufsparen. Suwil, dein Sohn Seiwo lebt noch, denn nicht eher beginnt der furchtbare Tanz, bis die nächsten Stämme herbeigerufen sind zu dem Schauspiel, und dann gehen sie nachher auf den Kriegszug; so haben sie es vor vier Wintern getan, als die drei Hirten von der Siedelung an den Drachenklippen in ihre Hände fielen, zehn Tage lang saßen sie bei den Drachenklippen am Ufer, dann erst, als Donndur und die Unsrigen auf den Einbäumen unserm Vetter Eso, der dort Häuptling ist, zu Hilfe kamen, flohen sie ins Gebirge, die drei aber sind bei den Höhlen vorher gestorben, und ihren Todesschrei hat das schwelende Feuer erstickt ...«

Suwil schüttelt sich verzweifelt.

Da fährt Usold fort und legt seinem Retter die Hand in die Rechte: »Usold wird mit Suwil seinen Bruder Seiwo befreien gehen oder den Tod finden, Usold wird seinem Vater Donndur erzählen, wie Suwil ihn vor den Hufschlägen des Wisent gerettet hat, und Donndur wird ihn in seinen Schutz nehmen. Aber jetzt zum Pfahldorf!«

Suwil dankt dem jungen Krieger für sein Versprechen, dann stößt er mit großer Kraft sein Schwert in die Brust des toten Stieres. Das dampfende Blut fängt er auf und trinkt es aus den hohlen Händen mit gierigen Zügen. Auch Usold trinkt und fühlt neue Kraft.

Da fahren beide zugleich in die Höhe, etwa fünfzig Schritte abwärts raschelt das Schilf, und der runde, platte Kopf eines Bergwilden taucht auf, um, als er die beiden gesehen, wieder blitzschnell zu verschwinden.

»Zum Einbaum,« ruft Usold und springt voran.

Damit wird aber auch schon die Luft zerrissen von vielstimmigem mißtönenden Geschrei der Bergwilden.

»Sie haben meine Spuren doch wiedergefunden und verfolgt,« ruft Suwil, während er nach Usold in den Kahn springt, den dieser mit mächtigem Fußstoße von der Ulme ab ins tiefere Wasser treibt.

Schlürfend bricht sich der Kahn durch das Röhricht Bahn, acht oder zehn Wilde erscheinen zwischen den Büschen und stoßen Schreie der Enttäuschung aus.

Usold läßt gellend den Ruf des Falken ertönen.

Suwil hat in Ermangelung eines zweiten Ruders das Sitzbrett ergriffen und wühlt damit, im Boote kniend, das Wasser auf.

Vorwärts schießt der Kahn, quer über den Strom nach dem anderen Ufer.

Hinter ihm her schrillt das Lärmen der Bergmänner, die den Wisent gefunden haben und sich daran machen, die unverhoffte Beute zu zerteilen.

finis
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