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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Zweites Kapitel. Wutt

Als Wutt vom Fußtritte Donndurs ins Wasser gestoßen war, schwamm er zwischen den Pfählen bis mitten unter das Dorf, an die dunkelste Stelle. Hier hält er keuchend inne, späht sorgfältig nach allen Seiten, ob ihn niemand verfolge und hebt sich dann aus dem Wasser, er steht auf einem breiten Baumstumpf, der oben vermorscht, bis an den Wasserspiegel ragt. Die dunkeln Augen unter den vorgewölbten Augenbrauen und der flachen, niedrigen Stirn funkeln Rache und Gier.

Nach Art der Kinder spricht er halblaut mit sich selbst. »Donndurs Kehle werde ich zuhalten, ehe die Sonne zwanzigmal aufgegangen ist. Die Waffe des Händlers will Wutt in der Hand haben und dem Häuptling in die Brust stoßen, die Pfähle will ich abschlagen, ins Wasser soll das Dorf sinken, nur Wutt will leben, und alle Rinder und Ziegen und Beile und alles soll sein in seinen Händen!«

Mit knirschender Wut schüttelt er an einem der Pfähle, die dicht bei ihm, das graue Balkenrost über ihm stützen. Der rührt sich nicht.

Vorsichtig schwimmt Wutt nach dem Rande der Ansiedlung; wo es heller wird, birgt er sich hinter den Stämmen. Er sieht, wie die beiden Händler abfahren und den Strom hinuntergleiten, da flammt seine glühende Habsucht jäh auf, das rotglänzende Waffenstück des Händlers muß er haben.

»Wutt will dem Kahn folgen und wenn es drei Sonnenuntergänge dauert, er wird warten, bis beide Männer schlafen und wird sie überfallen. Wutt will die Waffe in seiner Hand haben.«

Nun schwimmt er zur Seite und nimmt eine Tierhaut von einem ihm wohlbekannten Pflock, wo sie verborgen hing. Es ist ein Ziegenfell, die Beine und der Hals sind mit dicken Lederstreifen zugebunden, an der Bauchgegend ist es sorgfältig zugenäht und mit Harz verschmiert. Wutt löst an einem der Beine die Schnur und setzt das Ende an den Mund; pfeifend fährt die Atemluft hinein; oft setzt Wutt wieder an, allmählich füllt sich die Haut mit Luft und nimmt eines Tieres Gestalt an. Endlich ist der Sack prall und Wutt bindet das Beinende wieder doppelt zu. Dann kichert er.

»Dem armen Wutt hat keiner einen Einbaum geschenkt, da nähte sich Wutt seinen eignen, damit schwimmt er zu den Nestern der Enten und trinkt die Eier, damit schwimmt er zu den Salmen und ersticht sie im seichten Wasser, damit schwimmt er hinter den Händlern im Kahn und lauert, wenn sie schlafen!«

Bis auf ein letztes Fell, das seinen Gürtel trägt, hängt er die Kleidung an den Pflock, sein Steinbeil und ein Feuersteinmesser schiebt er fester ins Leder, dann ergreift er die Beinenden des geblähten Luftsackes und läßt sich langsam und geräuschlos flußabwärts treiben, kaum, daß ein Teil seines Gesichts übers Wasser vorragt, und auch das duckt er noch hinter die tief in der Flut liegende Haut.

Je schneller der Fluß dahineilt, je mehr Wutt sich von der Ansiedlung entfernt und in die Stromschnellen bei der Vereinigung gerät, desto mehr taucht er auf, desto eifriger hilft er mit. Er lenkt ans rechte Ufer, im Schutz des Schilfes drängt er mit einer Schnelligkeit weiter, die nur seine lange Übung in dieser Schwimmkunst ermöglicht.

Schon sieht er weit vor sich den Einbaum der Händler, wie er, im Astwerk verstrickt, nur mühsam von den beiden Fahrern gelöst wird.

Er kennt jede Stelle, an der die Bergwilden zu stehen pflegen, um Hechte aufzustechen oder Wassergeflügel zu beschleichen. Zwei von ihnen glaubt er zu sehen, doch sind sie von wehendem Schilf verborgen; da erblickt er weiterschwimmend, wie die beiden Händler ihren Kahn an die kleine Insel treiben.

Im Nu ist er mitten im Strom hinter einem mit dichtem Geäst und Wurzelwerk dahinrollenden, morschen, moosigen Buchenstamm.

> illustration: Robert Engels

So kommt er näher und erblickt die Landungsstelle der beiden.

Fast bis zum Munde versinkt er hinter der geblähten Haut, die er mit kaum merklichen Schwimmbewegungen allmählich vom Baume trennt und an die andere Seite des Inselchens lenkt.

Den Ziegenschlauch klemmt er zwischen Weidenwurzeln und bindet ihn fest, dann taucht seine schmutziggelbe Gestalt in den Schlamm des Ufers, bis sie noch unscheinbarer, noch weniger leuchtend aussieht.

Endlich, immer bei jedem Ruck vorwärts vorsichtig lugend, schlüpft Wutt wie eine Natter zwischen den Gebüschen hin, horchend, den Atem anhaltend, nähert er sich der Lichtung, die den mittleren Raum der kleinen Insel einnimmt, gerade sieht er noch, wie der Jüngere zum Kahne zurückgeht.

So wartet Wutt im Dickicht.

Die Sonne steht schon hoch am Himmel, der sich blau und wolkenlos über das frische, eben entfaltete Grün der Baumwipfel spannt. Im Uferschilf tönt das Geschnatter der Wildgänse und der Enten und das Locken der Wasserhühner, mit sausendem Flügelschlage segelt ein mächtiger Schwan das Tal hinauf.

Endlich sieht der Liegende, wie die beiden Händler mit den Fellen bepackt, nach dem auf Mitternacht zu gelegenen Teile der Insel schreiten.

Am Rande der Lichtung hin pürscht sich Wutt hinterher, niemand hätte denken können, daß soviel glatte, lautlose Bewegung in dem plumpen, kurzen Körper verborgen sei. Nun sieht der Schleicher, wie die beiden ihre Bündel auf den Boden werfen und sich im Grase zu schaffen machen.

Es durchfährt ihn, jetzt kann er zum Einbaum, das Schwert nehmen und was er sonst findet und ungesehen flüchten.

Aber etwas anderes läßt den schon halb Aufgerichteten niedersinken.

Die Händler heben eine breite Platte des Rasens auf, nun eine zweite, nun holen sie aus der Tiefe etwas hervor, die Augen des Spähers quellen fast vor, sein Herz pocht vor Gier: Schwerter, mehr als Finger an zwei Händen, gleißende Armringe, Äxte, Dolche, Messer, sogar Feuertöpfe aus dem braunen, klingenden, unbekannten Steine geformt, kommen da zutage.

Die Kehle schnürt sich dem verborgenen Wutt zusammen, so überwältigt ihn seine Entdeckung.

Donndur ist vergessen, nur die beiden Händler sollen jetzt sterben, damit Wutt seine Arme in die Masse des Schatzes vergraben kann, damit Wutt allein weiß, wo er zu finden ist.

Unterdessen schichten die beiden ihren Besitz wieder sorgsam in die Grube, nicht ohne daß Suwil oft um sich geschaut und sich versichert hat, daß niemand ihr stilles Geheimnis beschleicht. Schließlich werfen sie die beiden Fellbündel in die Versenkung und machen sich dann in stundenlanger emsiger Arbeit daran, jede Spur, daß unter dem geglätteten Rasen ein Schatz verborgen sei, zu verwischen.

Die Sonne rückt schon den Berggipfeln auf dem linken Ufer näher, als die Händler, zufrieden mit ihrem Werke, sich langsam zu dem Einbaum zurückwenden.

Bei ihrem ersten Schritte weicht Wutt nach rückwärts und kriecht zu seinem Ziegenschlauch.

Als aber Suwil und Seiwo, im Boot sitzend, einige der flachen, harten, mit Asche bedeckten Weizenkuchen verzehren, die ihnen der gastliche Pfahlbau als Reisekost mitgab, ahnen sie nicht, daß, wie ein Frosch ins Schilf eingebohrt, Wutt ihnen zusieht, von Hunger, aber mehr noch von Habsucht durchwühlt.

Der besinnt sich, ob er näher kriechend, sein Steinbeil nach dem Älteren schleudern soll; aber er fürchtet die Unsicherheit seines Wurfes und die furchtbaren Waffen der Händler; er wünscht leidenschaftlich die Nacht herbei, er brennt darauf, daß die beiden wegfahren von der Insel, so sehr fühlt er sich schon als Besitzer des Schatzes. Er fürchtet aber auch, sie bei schneller Fahrt zu verlieren; er fürchtet, daß sie zur Nacht sich nicht lagern werden.

Während er so im Schilf vergraben, dem langsamen und mühsamen Kauen der Händler zusieht, schweift sein Auge zufällig über das linke Ufer. Bewegte sich da nicht etwas in der belaubten Krone des gestürzten Erlenbaumes, fast erschreckt bohrt er den Blick an die Stelle, die den Händlern durch ein Gebüsch verdeckt ist; jetzt unterscheidet er zwei Bergwilde, die mit aufgerichteten Speeren, auf Ästen sitzend, ins Wasser starren, um Hechte zu stechen.

Zuerst befällt ihn Furcht, als ob sie ihm den verborgenen Schatz rauben könnten.

Dann aber leuchten seine kleinen Augen jäh auf. Unhörbar flüstert er vor sich hin: »Die Bergmänner werden die Händler sehen und ihnen folgen, sie werden sie nachts am Lagerfeuer überfallen und ihre Knochen aussaugen, Wutt aber wird die Schwerter und Messer besitzen, so schwer als er tragen kann.«

Aber plötzlich scheinen die Bergwilden des Fischens müde zu sein, sie gleiten an den Ästen hinunter und verschwinden.

Wutt kocht vor Zorn, er schlüpft mit großen Ruderstößen, auf den Ziegensack gestützt, gegen den Strom an die Spitze der Insel; ein wenig aufgerichtet, läßt er fünfmal nacheinander den Ruf des blaugeflügelten Eichelhähers erklingen.

»Wutt kennt den Ruf der Bergmänner, er wird sie locken, wie ein Teichhuhn sein Junges lockt.«

Wirklich dauert es nicht lange, und das plattnasige Gesicht eines Wilden lugt durch die Weiden am Ufer.

Aber auch Suwil hat bei dem Ruf des Hähers verdacht geschöpft; lange mustert er aufmerksam die Gebüsche.

Unterdessen ist Wutt um die Insel herumgetrieben und erwartet an dem unteren Ende das Boot; oft zuckt es ihm in den Knien, um aus dem Wasser zu steigen, zu dem Versteck zu laufen und all seinen Besitz zu betrachten.

Aber er hält sich zurück und wartet, bis das Boot herankommt; vorher hat er aber drüben am Ufer hinter einem alten Weidenknorren einen Bergwilden angepreßt gesehen, jetzt, als der Einbaum erscheint, verschwindet der in den Kräutern.

So treiben Suwil und Seiwo, Suwils Sohn, von zwei Seiten verfolgt, in den lauen Frühlingsabend ihrer nächtlichen Lagerstätte zu.

Die ruhigeren Wellen klinkern an die Spitze des Kahnes, ein Reiher streicht am Ufer hin und stößt seinen heiseren Schrei aus.

Suwil horcht mit gespanntem Ohr in die Stille, nichts verrät, daß sie Gefahren bergen könne. Er beobachtet den Saum des Wassers, überall schwimmt das Geflügel, ohne sich zu fürchten, kein Mensch scheint in der Nähe.

Aus der Flut springen die Fische und versprechen schönes Wetter für den Tag morgen.

So lenken die Händler, als die Sonne ganz gesunken ist, den Einbaum zur nächsten Insel, um die Nacht zu ruhen und bei abwechselnder Wache den Aufgang der Sonne zu erwarten.

Wutt schwimmt, von der langen Arbeit ermüdet, keuchend am rechten Ufer hin und sieht, wohin die Händler zum Lagern sich wenden.

Die verfolgenden Bergwilden sind noch hinter einer Biegung des Stromes; ratlos werden sie gleich vor der dämmernden Wasserfläche stehen und den erspähten Kahn nicht mehr finden können.

finis
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