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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Erstes Kapitel. Die Abfahrt der Händler

Vom Rhein und von Rheinländern habe ich eine Geschichte zu erzählen, aber nicht von dem tätigen Geschlechte, das heute auf den hellen Raddampfern den Strom hinauffährt, auf der Eisenbahn seine Ufer entlang saust und an den gewaltigen Dampfhämmern steht, um Panzerplatten von Stahl zu schmieden. Auch nicht von den Erbauern der hohen Dome will ich berichten oder vom Waffenklang in den Ritterburgen. Von da an tausend Jahre zurück, und der runde, kurzgeschorene Kopf dunkeläugiger Römer schaut von den Wällen der Kastelle auf dem linken Rheinufer sorgenvoll über den Strom nach den undurchdringlichen Wäldern, in denen sich ungeheure Kraft regt. Und wieder mehr als tausend Jahre zurück, und auf dem linken Ufer des heiligen Stromes dehnt sich derselbe Urwald wie auf dem rechten, blonde, hochgewachsene Ansiedler kämpfen einen Jahrhunderte langen, zähen Kampf mit den zwergenhaft kleinen, wilden Urbewohnern. Noch war die Herstellung eiserner Waffen und Werkzeuge nicht bekannt; selten verirrte sich, von streitbaren Händlern herbeigetragen, ein Bronzegerät zu den Kämpfern; meistens klang Steinaxt auf Steinaxt, wenn feindliche Stämme um die Entscheidung rangen. Davon berichtet meine Geschichte.

An einer Stelle, wo die Berge vom Ufer etwas zurücktreten und die verschlungenen Wipfel des Waldes eine Lichtung freilassen, hat sich der Strom in zwei Arme geteilt, die eine große, langgezogene, von Weiden umgrenzte Insel einschließen. Der eine, der rechten Uferseite zugekehrte Arm ist reißend und tief, der andere am linken Ufer erscheint seichter und teichartig still. Mitten in diesem flachen Nebenstrome liegt rechteckig und ziemlich ausgedehnt ein Pfahlbaudorf. Auf dicht gestellten, beindicken Pfählen ruht ein Rost von oben geglätteten Baumstämmen, und auf diesem erheben sich Holzhütten; lehmbeworfenes Weidenflechtwerk bildet die dünnen Wände, die ein Dach von leichtem Schilfrohr deckt. Ein schmaler hölzerner Steg führt weithin von der Ansiedlung zum linken Ufer, ein breiterer auf die Weideninsel. Ein ausgetretener Weg läßt an der Außenseite die Hütten umschreiten, andere Pfade drängen zwischen die Hütten bis zur Wohnung des Häuptlings, die neben dem großen Versammlungshause liegt. Zahlreiche Einbäume sind an Pflöcken im Wasser in der Nähe der einzelnen Behausungen befestigt, Kähne aus einem großen Baumstamme mit Hilfe des Feuers ausgehöhlt und zugespitzt. Es ist spätes Frühjahr, das Hochwasser hat sich noch nicht verlaufen und steht noch um dreiviertel Mannshöhe unter dem Roste, das die Wohnungen trägt, später, im Sommer wird es so tief sinken, daß man nur mit einer kurzen Leiter zu den Einbäumen auf dem Wasserspiegel kommen kann.

Schwanke Nebel entsteigen dem regungslosen, klaren Wasser, Frühmorgen ist es, unaufhörlich schreit der Sumpfsperling im dichten Uferschilf, von der Weideninsel tönt das langgezogene Muhen der Kühe und das Meckern der Ziegen; hier und da kann man durch das Gebüsch die weidenden Tiere sehen. Ein zarter blauer Schein im spiegelnden Strome verrät, daß sich der blasse Himmel aufklären und daß es ein heller Sonnentag werden wird, wenn erst die Nebel gefallen sind.

Vom Versammlungshause her kommen drei Gestalten. In der Mitte schreitet ein hochgewachsener, schwerer Mann von etwa sechzig Jahren. Gelbweiße Haare trägt er in einem Schopf auf dem Scheitel zusammengebunden, ein breiter Bart von grau-rötlicher Farbe hängt auf seiner Brust, blau blitzen seine kühnen Augen, die Rechte hält er an die Hüfte gestemmt, während seine linke ein Feuersteinbeil in Hirschhorneinfassung an einem Riemen befestigt, der die schmiegsamen Hirschfelle zusammenhält, die ihn umhüllen. Das ist Donndur, Rasas Sohn, der Häuptling des Pfahldorfes. Neben ihm schreiten rechts und links zwei schlanke, sehnige Männer. Der eine ein Kind noch beinahe, aber schon gebräunt, der andere bald ein Greis, aber noch jugendfrischen Auges und gewaltiger Arme. Beide schleppen große Ballen von kostbarem Pelzwerk vor sich her, so daß ihr blondes Haar und die kluge Stirn kaum hervorlugen. Sie sind mit Leinengewändern bekleidet, über die weiche Gemsenfelle gehängt sind. Waffen tragen sie nicht bei sich, aber ihre gespannten Arme und ihr straffer Nacken erzählen von mancher kühnen Waffentat. Das ist Suwil, der Händler von den Seen, die gegen Mittag bei den Schneebergen liegen, und Seiwo, der Junge, Suwils Sohn.

Unterdessen sind die drei am Rande der Siedlung angekommen, und mit einem dumpfen Schalle fliegen die beiden Pelzbündel in einen bereitstehenden Einbaum, der durch bessere Bearbeitung und größere Länge fremden Ursprung verrät. Suwil, der Ältere, stellt außerdem noch ein schweres Kästchen von Eichenholz ins Boot, springt selbst nach, öffnet es und zeigt dem Häuptling noch einmal den Inhalt. Gespannt verfolgt er die Wirkung des Betrachtens auf dem Gesichte Donndurs. Es sind Beile, Dolche und Messer von der in diesem Pfahlbau noch unbekannten roten Kupferbronze.

»Ich kann nichts mehr von dir eintauschen, Suwil, mein Gastfreund, sagt Donndur lächelnd, ich habe keine Felle mehr, um sie dir als Gegengabe zu geben, du hast alle mitgenommen, und unsere Kochtöpfe und Steinbeile magst du nicht ...«

»Ich will im nächsten Frühjahr wiederkommen,« entgegnet Suwil, »sammle nur fleißig das Pelzwerk, ich habe noch Beile und auch Schwerter, wie dieses hier!«

Damit greift Suwil auf den Boden des Einbaumes, zieht sein eigenes, glänzend braunes Schwert hervor und schwingt es sausend über seinem Haupte. »Mit solchem Schwerte würdest du die Bergwilden oben,« er zeigt nach den Bergen hin, »leichter von deinen Herden fernhalten können und schneller den grimmigen Urstier erschlagen.«

Donndur nickt. »Ich will im Herbste und im Winter die beiden Äxte und das Messer von dem neuen Steine, den mein Gastfreund Suwil Kupfer nennt, erproben. Im nächsten Jahre werde ich Felle genug haben, um meine besten Krieger und Jäger mit den neuen Waffen zu begaben, wenn sie sich bewähren. Zuviel Felle verlangt Suwil für ein einziges Messer!«

Der schlaue Händler zuckt mit geheimnisvoll gerunzelten Brauen die Achseln: »Wir steigen im glühenden Sommer über die Schneeberge, die gegen Mittag liegen, wir kämpfen in den Gluttälern mit den Lindwürmern, die den Kupferschatz bewachen, mancher verblutet im Kampf mit den wütenden Hütern, ist da ein Bündel Felle für ein Messer zuviel?«

»Ich wollte, daß ich Suwil bei der Bergfahrt und dem Kampf mit den Lindwürmern begleiten dürfte«, ruft Donndur und reckt seine mächtige Gestalt in die Höhe, »wohin will mein Gastfreund jetzt fahren, nach Mittag oder nach Mitternacht?«

»Nach Mitternacht will ich zu der Ansiedlung an den Drachenklippen!«

»Dort wohnt Eso, meiner Mutter Bruderssohn, will Suwil mein Bote sein?« fragt der Häuptling.

»Gern will ich es tun,« entgegnete der Händler.

Da fordert Donndur die Beiden auf, noch einmal in seine Behausung zu kommen, um ihnen einen Topf Weizenkörner mitzugeben, die Eso zur Aussaat benötigt.

Kaum ist Donndur mit seinen beiden Begleitern zwischen den Hütten verschwunden, als sich über das nächste Dach eine gedrungene Männergestalt hebt, auf den Einbaum der Händler losfährt, Suwils Schwert ergreift und damit wieder hinter dem niedrigen Dache einer Hütte verschwindet. Schwarzes, straffes Haar liegt wirr um ein tonfarbenes, wie gedunsenes Gesicht, zerfetzte abgeschabte Felle bedecken einen kurzen, unschönen Leib.

Kaum ist die seltsame, lautlos und geduckt hinschleichende Erscheinung verschwunden, kommen die Drei wieder; Seiwo trägt den Topf mit dem Saatgut. Suwil und sein Sohn springen wieder ins Boot und lösen den Riemen, mit dem es an einem Pfahl befestigt ist.

Da wird Suwil blaß, bückt sich und sucht auf dem Boden des Einbaumes. Seiwo begreift, was dem Vater fehlt; beide werfen erregt die Bündel der Felle hin und her.

Mit hochrotem Gesicht erhebt sich Suwil und fragt den betroffenen Donndur: »Hat der Häuptling in seinem Dorfe Kinder, die nach den Waffen der Männer greifen? Eben zeigte ich Donndur mein Schwert, und nun ist die Stelle leer, an der es lag.«

»Auf diesen Pfählen hausen keine Diebe«, antwortet der mit gerunzelter Stirn. »Der braune Stein wird zwischen die Felle gerutscht sein, ich will meinem Gastfreunde suchen helfen, kein Kind der Pfähle würde es wagen, das Schwert des fremden Kriegers zu berühren, der mein Gastfreund ist!«

Aber wie sehr die drei auch alle Bündel umwälzen, das Schwert findet sich nicht.

Da richtet sich Donndur auf: »Kein Kind aus den Pfählen würde es wagen, aber ich weiß einen, der ist ein Dieb von Anbeginn. Folgt mir, Männer!«

Nun suchen die drei in den Hütten, mit Windeseile laufen sie von einer zur andern, endlich sieht Donndur wohl den, den er im Sinne hat, verfolgt den Fliehenden und erreicht ihn noch gerade, als er über einen niedrigen Hüttenrand ins Wasser springen will. Und richtig hat er das Schwert Suwils noch im Gürtel stecken, der gelbe, kurze, schwarzhaarige Mensch, welcher sich nun mit scheuen Augen am starken Arme windet.

Mit einem hellen Schrei stürzt Seiwo vor und entreißt dem Erbärmlichen die gleißende Waffe des Vaters; Suwil steht mit untergeschlagenen Armen dabei und nimmt das Schwert mit leisem Lächeln. Damit schüttelt Donndur den Dieb, wie der Hund eine widrige Kröte schüttelt, ohne sie totbeißen zu können; zwei Hiebe gibt er ihm mit der Faust in den Nacken, daß der Gefangene mit den Zähnen knirschend zusammenknickt. Aber plötzlich stößt der Häuptling ihn mit gewaltigem Fußtritte weg, so daß er in weitem Bogen ins Wasser aufschlägt, wie eine Ratte schießt er mit langen Ruderstößen schwimmend zwischen die Pfähle und verschwindet.

»Der Häuptling hat ein schwarzes, krummbeiniges Rind unter seinen weißen, schlanken Rindern!« lacht Suwil, während die Drei wieder zum Einbaum gehen.

»Suwil soll die Geschichte dieses Menschen hören. Drüben, nahebei an der Talschlucht, hauste, als Donndur noch jung war, vor dreißig Sommern eine Schar von Bergwilden unter Schieferplatten in der Höhle. Zwanzig Rinder hatten sie uns in einer Nacht fortgeführt, die Saat vernichtet und die Hirten erschlagen. Da nahm Donndur seine Axt, und Rasa, Donndurs Vater, rief die Männer zusammen. Zwei Tage und Nächte schlichen wir um die Höhlen herum und erspähten unsern Vorteil. Da trugen wir in einer Nacht Reisig herab und Äste von den Fichten, jeder soviel er fassen konnte und schichtete sie vor der Höhle. Als der erste Weckruf der Bergwilden erklang, loderte schon die Flamme hoch. Erschlagen wurde mit hartem Stein, wer durchdrang durch den Qualm, ausgeräuchert wurden die Räuber wie die Dachse im Bau. Da blieb keiner lebend im erstickenden Rauch, siebzehn Rinder fanden wir noch niedergehauen im Dickicht mit Zweigen bedeckt. In der Höhle lagen die wilden Zwerge tot, nur ein Knäblein zappelte noch, das trugen wir, Rasa und Rasas Sohn, mit der Beute auf das Wasser zu den Pfählen. Ma, die Mutter meiner Kinder, zog es auf, Wutt nannten wir es, weil es solchen Laut ausstieß in den ersten Tagen. Wir formen Töpfe aus Ton und geben ihnen eine Form wie wir wollen, und ebenso schlagen wir Äxte aus Feuerstein, aber der Mensch wächst nicht, wie wir wollen. Nur ein Dieb wohnt auf den Pfählen, Wutt heißt er, nur ein Lügner sitzt in der Siedlung, Wutt heißt er, nur einer geht auf der Erde und schwimmt im Wasser wie ein Iltis mit bösem Gesicht; das ist Wutt, der dir das Schwert stahl, Suwil. Die Bergwilden drohen seltener unserm festen Dorfe, weiter zogen sie in die Bergklüfte, aber unter uns geht einer, der hat der Wilden Gesicht und haßt uns. Donndur hat ihn gerettet und Ma ihn als kriechendes Kind aufgezogen, Donndur ist ein Krieger vor dem Feinde, aber dem wehrlosen Schleicher das Messer in die Brust zu stoßen, das wagt er nicht, dann würde sich Donndur vor der Sonne fürchten. So liegt Wutt faul bei den Pfählen, stiehlt was er braucht, die eine Nacht schläft er im Heu der Hirten, die andere im Schilf der Mattenflechterinnen, die dritte streift er wie ein scheuer Wolf über die Berge und verkriecht sich in den Wäldern. Graun der Alte, der Jäger, der die Wurfkugeln schwingt, wie keiner, behauptet sogar, daß er die geflüchteten Bergwilden oben aus den Schluchten kenne und heranlocke zu unserer Siedlung. Und doch wagt Donndur nicht, ihm den Atem zu nehmen mit der Axt, Suwil mag den Häuptling deswegen einen Feigling nennen.«

Während Donndur diese Worte erregt vor sich hin spricht, sind Suwil und sein Sohn in den Einbaum gestiegen, haben den Riemen gelöst und nehmen die löffelförmigen Ruder zur Hand. Der eine sitzt an der Spitze, der andere am Stern des Kahnes, zwischen ihnen liegt der Topf mit den Körnern und die Ballen der Felle.

Nun steht Suwil bei den letzten Sätzen Donndurs auf und reicht ihm die Hand zum Abschied. »Keinen Vorwurf will ich Donndur sagen; den Hund, den man aufzog, ersticht man nicht gern, auch wenn er beißt. Lebe in der Sonne, Donndur, bis zum siebenten Tage, da will ich bei der Fahrt nach Mittag in deiner Hütte ausruhen!«

»Und du«, entgegnet Donndur, »fahre gut auf dem Strom, gib Eso, dem Vetter an den Drachenklippen in Mitternacht, die Hand von mir und sieh dich vor, daß du heil hinkommst, es sollen die Bergwilden wieder oft am Ufer lauern, und komme heil her am achten Tage!«

Auch Seiwo gibt dem Häuptling die Hand, dann greifen die Ruder in die Wellen und führen die beiden Händler schnell aus dem Gesichte des Zurückbleibenden.

Der geht langsam zwischen den Hütten, sieht zu, wie die Töpfer aus ringförmig aufeinander gelegten schmalen Tonwürsten ein Gefäß aufbauen und glätten, um es dann am offenen Feuer hart zu backen. Er überblickt die Arbeit der Netzflicker, welche die von den großen Hechten und Salinen zerrissenen Netze wieder herstellen. Er nickt den Frauen und Mädchen zu, die Matten flechten aus storkigem Schilf und dem Baste der gefällten Bäume. Die jungen Frauen haben ihre kleinen Kinder in einem Leinenwickel auf dem Rücken hängen, damit sie bei der Arbeit nicht von ihnen gehindert werden, neugierig gucken die blauen Äuglein nach dem großen Manne, der vorübergeht. Auch wirft er einen Blick in die eigene Hütte, wo die alte Ma an einem hohen hölzernen Rahmen sitzt und mit ihren beiden Töchtern, umgeben von den kriegsgefangenen Mägden, die weichen Fasern des Flachses zu Geweben herrichtet. Schließlich schreitet er über die breite Brücke nach der Weideninsel, freut sich über die grasenden Kühe und Ziegen und sieht nach, ob der Zaun, welcher um die grünenden Weizenfelder gezogen ist, von den Tieren auch nicht niedergetreten wurde. Von der linken Uferseite her klingt der Laut zahlreicher Äxte. Da werden Bäume gefällt für neue Häuser, denn das Dorf wächst, am Ufer sieht er hinter dem grünen Kranz des Schilfes den hohen Stapel bearbeiteter Stämme liegen, die dort noch zugespitzt und beim Pfahlbau eingerammt werden sollen. Viele Stämme sind schon zu einem breiten langen Flosse verbunden, das, im Wasser ruhend, darauf wartet, nach der Pfahlburg gefahren zu werden.

Überall wächst es und gedeiht, ein frohes Lachen drängt sich auf Donndurs Züge, als er in einem Winkel der Weideninsel den Lärm der spielenden Kinder hört. Er breitet die Arme aus und schaut dankbar nach der heiligen Sonne, die wie eine blasse Scheibe im treibenden, dünnen Nebel steht.

Dann stößt Donndur den scharfen Ruf des Falken aus, von einem Gebüsch am Ufer antwortet es ebenso. Dahin wendet sich jetzt der Häuptling, um seinem Sohn Usold zu helfen, der dort mit dem alten Graun dem Fischfange obliegt.

*

Unterdessen treiben die beiden Händler schon aus dem stilleren linken Stromarme in den reißenden rechten. Die Wellen kullern, zu den Seiten werden die Ufer des vereinigten Flusses rauher, Baumstämme liegen quer im Strom, mit ihrem Astwerk die Durchfahrt hemmend, Baumriesen hängen, von beiden Seiten halbentwurzelt, über und drohen zu fallen; auch Felsenbänke ragen auf oder lauern dicht unter dem Wasserspiegel, mit schärferem Zischen der wogen ihre gefährliche Nähe andeutend. Angestrengt arbeiten die beiden Männer, hier darf man nicht sprechen; jeder Augenblick ist für den Unkundigen voll Unheil.

»Mit dem Fellwerk geht der Kahn zu tief, es kann uns in den Tod ziehen,« sagt Seiwo schnell.

»Wir müssen es ins Verbörgnis bringen, ich werde dich hinführen,« antwortet der Vater, indem er mit gewaltigem Schaufelhieb das Boot aus der Nähe einer scharfen Schieferklippe birgt, »noch einige hundert gute Ruderschläge, dann sind wir bei der Insel«.

»Mich drückt es, Vater; zehn Felle geben wir den Männern, die von jenseits der Schneeberge kommen, für ein Kupferbeil und hundert lassen wir uns von Donndur wiedergeben, weshalb betrügen wir unsern Gastfreund? Ich sah Suwil, meinen Vater, mit dem Wolf und dem Bären kämpfen und über Eisklippen in den Schneebergen klettern, da schien er mir herrlicher als hier, wenn er für ein Kupferbeil hundert Felle einhandelt ...«

»Achte auf die Strömung, du Schwätzer,« ruft Suwil und lenkt mit äußerster Kraft den Kahn am krausen Geäst einer treibenden Eiche vorbei. »Man sieht, du fährst zum erstenmal mit, rede nicht, Seiwo, gehorche!«

Seiwo faßt sein Ruder fester und schweigt, er kennt die böse Falte auf der Stirn seines Vaters. Die Ufer weichen nun wieder etwas voneinander, die Strömung wird lässiger, eine schmale Insel taucht in der Mitte des Flusses auf.

»Da ist sie schon,« ruft Suwil.

Seiwo, der Sohn, schweigt unlustig, hilft aber dem rudererfahrenen Vater den Einbaum in die nötige Richtung auf die Insel zu treiben. Suwil sieht sich die Ufer scharf an, jeden Baum streift sein Blick, jedes Buschwerk mustert er. Lange weilt sein Auge auf dem Strom, er späht, ob sich irgendwo ein Fahrzeug zeige, auch erforscht er die Insel, ob auch kein scharfer Pfeil die Ankömmlinge aus dem Schilfe und dem Weidendickicht treffe. Dann, als er nirgendwo eine Spur der gefürchteten Bergwilden entdecken kann, wirft er mit jähem Ruderschlag, den der Sohn geschickt unterstützt, das Boot herum und treibt es in eine kleine Bucht auf der Insel. Der Einbaum knarrt auf dem Kies, Suwil läuft auf dem feuchten Ufersand hin und her und sucht nach Spuren; während Seiwo, noch immer stumm, den Kahn behütet, streift der Vater mit gesenktem Blick über das Inselchen, nichts entgeht ihm, jedes geknickte Ästchen wird betastet, jede Höhlung im Grase untersucht. Schließlich scheint er befriedigt und wendet sich nickend der Landungsstelle wieder zu.

»Unser Versteck ist unberührt.«

Der Sohn nickt, ohne zu antworten.

Da lacht Suwil und spricht: »Mein Sohn mag nicht mit seinem Vater reden, weil er dem großen Donndur nicht zuviel Felle abnehmen mochte. Ich will jetzt meinem Sohne ein Kriegsstücklein aufgeben. Auf dieser Insel ist ein Versteck mit Waffen und Vorräten, suche es, Seiwo, Suwils Sohn! Zeige, daß du etwas gelernt hast.«

Mit einem Ruck ist Seiwo aus dem Boot. »Die Kundschaft mag Seiwo lieber hören, als von Fellen. Mein Vater wird im Boote warten!« Schon verschwindet er zwischen den Weiden, während Suwil auf der Grasnarbe am Wasserrande sitzend, aufmerksam den Strom ins Auge faßt. Es scheint ihm, als wenn sich oben von einem herantreibenden Baumstamm ein dunkles Stück losgelöst habe, schneller schwimme und dann hinter der Spitze der Insel verschwinde. Aber er beruhigt sich, es ist wirklich nur ein moosbewachsener, morscher Stamm, der langsam näher treibt.

Damit kommt Seiwo wieder und setzt sich wortlos neben den Vater.

»Mein Sohn mag reden!«

»Suwil hat unter einem gehorsteten Weidenbaume sein Verbörgnis eingerichtet, dort am unteren Ende der Insel.«

»Wie fandest du es, mein Sohn,« fragt der Vater überrascht.

»Mein Vater hat mit einem kupfernen Messer den Boden ausgestochen, der Kupferschimmer glänzte an einer Scholle ...«

Da legt Suwil dem Sohne die Hand auf die Schulter und sagt ernst: »Mein Sohn wird ein großer Krieger sein, ein Jäger und ein Bergsteiger, er soll ein gewaltiger Häuptling werden, deshalb will Suwil die Reichtümer des Landes zusammenschleppen, damit sein Sohn nicht zurückstehen muß!«

»Lieber will ich Suwils Kunstfertigkeit mit dem Ruder lernen und seinen Angriff auf den Feind, lieber sähe ich ihn gegen die Wilden in den Bergen kämpfen,« antwortet Seiwo in warmem Tone, »als auf Krämerwegen seinen Besitz in den Sand scharren.«

»Rufe die wilden Zwerge in den Bergen nicht herbei, Seiwo, über Nacht kommen sie sonst und ihre Überzahl erstickt uns. Keine Gegend des Stromes ist so sehr noch von ihnen bewacht, wie diese hier, mancher Händler ist im Uferschilf verfault. Graun, der Alte, wußte es: oben in der Höhlenschlucht, eine Tagereise landeinwärts, hausen sie in Erdlöchern, Wilde sind es, die kein Brot backen, die keine Rinder und Schweine zähmen, in ewiger Kälte dämmern sie hin und, wen sie fangen, den binden sie an den Pfahl und schlachten ihn wie einen Hirsch ... Aber jetzt hilf mir die Felle zum Verbörgnis tragen!«

finis
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