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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Vierzehntes Kapitel. Der letzte Sturm

»Zwei Kähne von Mitternacht!« klingt es von der Leiter hinunter.

Donndur, der mit dem alten Graun die Wilden auf der Weideninsel beobachtet, eilt an das untere Ende der Burg; es ist nichts zu erblicken.

Der Tag beginnt im Osten zu dämmern, bleich steht der Mond hoch über dem bedrohten Dorfe, kein Wölkchen treibt im düsteren Blau des Himmels.

»Wo sind die Kähne,« ruft Donndur hinauf.

»Hart am Ufer zur Rechten, im Schatten der Bäume.«

»Sind es unsere Kähne oder andere, eine Hilfe von Eso vielleicht?«

»Mir scheint,« klingt die Antwort von oben, »es sind unsere Kähne, jetzt greifen die Ruder ein, sie halten quer über den Strom auf die Weideninsel zu; auf der Insel wird es unruhig, sie rufen, sie winken sich zu, die Wilden dort, sie eilen an den Strand, sie haben die Kähne gesehen.«

»Vier Boote bemannt, die besten Kämpfer hinein, den Waffenbrüdern entgegen, ich sehe sie jetzt,« donnert die Stimme des Häuptlings.

Seiwo ist der erste, der in den Einbaum springt; schon stoßen die vier Schiffe ab und halten auf die beiden beladenen Boote zu, die von der Strömung abwärts gerissen, gewaltig mit dem Wasser ringen.

»Die Insel ist leer, alle Feinde schwimmen auf die Kähne zu, mehr denn siebzig Köpfe im Fluß,« schreit der Knabe von oben.

Nun legen die Boote um, und die sechs Vereinigten kämpfen mit den Schwimmern, mit Rudern, Beilen, Stangen und Lanzen stoßen und stechen sie nach dem Feind, der gerade auf die beladenen Einbäume den heftigsten Ansturm richtet; einen der beiden reißen die Wilden um, und gurgelnd versinkt die Ladung in die Tiefe, während der Kahn kieloben abwärts sich dreht.

Die befreundeten Schwimmer werden aufgenommen; Donndur ruft gellend den Falkenschrei, als er sieht, daß Usold wieder an Bord eines Kahnes das Beil schwingt.

Näher kommen die Rudernden, man hört sie keuchen, schon gelingt es von der Brustwehr aus einem Schützen, einen Pfeil in den Kopf eines nachschwimmenden Bergwilden zu treiben, da lassen die Verfolger ab und schwimmen auf die Insel zurück.

Spritzend sausen die Kähne im stilleren Wasser bei dem Pfahlbau weiter und verschwinden unter dem Rost. An der Landungsstelle empfangen sie Donndur und Graun; aufleuchten ihre Augen, als sie die Waffen sehen, welche den geretteten Kahn bis zum Rande füllen.

»Die kleinere Menge versank,« sagt der Händler, dann wirft er sich erschöpft hin, mit ihm die anderen Ruderer der beiden Kähne.

Aber nun kommen lange Kupferschwerter in die Hände der waffenlosen Männer, Pfeil- und Lanzenspitzen werden befestigt, in geschäftiger Eile arbeiten die Handwerker und die Frauen.

»Pfeilspitzen, um eine Woche lang zu schießen,« murmelt Graun jubelnd.

Donndur selbst bringt den Keuchenden Speise und Trank und berichtet über den nächtlichen Kampf. Seiwo steht leuchtenden Auges bei dem Vater. Er sieht die Waffenfreude der Gastfreunde und sagt flüsternd zu Suwil: »Jetzt sind wir wahrhaft reich.«

Der alte Händler nickt und springt auf: »Nun bin ich wieder nur ein Krieger, wie einst, als ich jung war!«

Da tönt ein Geheul der Wilden am linken Ufer.

»Was siehst du?« ruft Donndur hinauf.

»Sie bringen einen Gefesselten, sie schwingen die Äxte über ihm, sie stoßen ihn mit den Schäften, er schlägt die Arme auseinander, nun lauschen sie auf ihn, nun werfen sie ihn in seinen Fesseln neben die Feuerstelle.«

Da erzählt Suwil von dem nächtlichen Kampfe auf der Insel.

»Ist es Wutt?« schallt die Frage hinauf.

»Ja, Wutt ist es, er kriecht und bittet die Häuptlinge, sie stoßen ihn mit den Füßen, er spricht und spricht, nun reißen sie ihn auf, jetzt kann ich ihn nicht mehr sehen, sie haben ihn aufwärts hinter die Bäume geschleppt.«

»Welch Unheil wird uns Wutt jetzt ersinnen?« fragt Donndur.

»Daß ihn die Axt träfe, ehe er es ausspricht,« antwortet Graun.

Mit den neuen, ungewohnten und scharfen Waffen ist neuer Mut in die Reihen der Pfahlmänner gekommen, die Frauen reichen ihnen Brot zu essen, und mancher verzehrt schnell eine Mehlsuppe.

Die Sonne hebt sich über die Berge und funkelt rot auf den Schwertern, deren Wucht und Führung mit vielen Luftschlägen von den Kriegern erprobt werden.

»Die Sonne, die Sonne wird uns helfen!« rufen die Männer.

Suwil späht mit dem Häuptling nach dem Ufer.

»Sieht Donndur drüben hin, wo die Holzstämme liegen?« fragt der Händler.

Zugleich klingt die Stimme des Knaben vom Ausguck herunter: »Sie sind an unserem Holzplatz, sie werfen die fertigen Stämme ins Wasser, sie verbinden sie mit dem Floß, das dort in der Bucht liegt, sie reißen Weidenzweige ab und knoten die Stämme zusammen, hundert Hände arbeiten.«

»Das Floß,« schreit Donndur entsetzt, »wir haben es vergessen.«

»Zu oft hat Wutt meinen Gesang gehört, er will zeigen, daß er gut aufgemerkt hat,« lacht der alte Graun grimmig.

Breit und lang formt sich das Floß; mit Lärmen und Getöse fügen die Bergwilden die Stämme aneinander, so wächst es und wächst.

Nicht ratlos warten die Pfahlleute, sie verstärken die Brustwehr am oberen Ende, wo man den Ansturm des Flosses erwarten muß, Waffen rüsten sie her und tragen sie dahin und halten Feuerbrände bereit, aber verglichen mit der rasenden Geschäftigkeit der Feinde stehen sie doch untätig und sehen zu, wie das Werk hergestellt wird, das ihre Vernichtung beabsichtigt.

Dicke Bündel von grünen Zweigen türmen die Bergzwerge auf, um sich dahinter zu verbergen vor den Geschossen, große, flache Schieferplatten schleppen sie vom Abhang herbei, um sie auf das Floß zu legen, Schilf und Blätter schütten sie in die Fugen.

Je weiter die Sonne rückt, desto lauter schwillt der siegesgewisse Streitruf der Bergwilden an.

Der Knabe oben meldet getreulich jede ihrer Bewegungen, aber auch vom Rost her kann man nun schon sehen, wie sie in Massen neben dem Gebälk im Wasser stehen und dieses in die tiefere Strömung zu ziehen versuchen.

Endlich wird das ganze, ungefüge Floß flott und treibt, von vielen Händen gestoßen und gedrückt und von Stangen geleitet, langsam in die Richtung nach dem oberen Ende der Pfahlburg hin. Ein Feuer flackert am Ende, das der Angriffseite abgewandt ist; daneben liegt gefesselt Wutt; so meldet der Knabe herunter.

Vorn, wo die Landung des Flosses an den Pfahlbau zu erwarten ist, droht die Wehr der grünen Bündel und dahinter hundert Bewaffnete; was schwimmen kann, schwimmt noch nebenher.

Nun will, an einem Ende von der Strömung stärker erfaßt, der schwere Bau sich drehen, knarrend zerrt sich die lose geschnürte Weidenverflechtung auseinander. Schon schreien die Pfahlleute jubelnd auf, da lenken die Schwimmer herbei und richten das Floß wieder gerade. Nun fliegen die ersten Pfeile, Graun wiegt schon den Wurfstein in der Hand und sucht sich sein Ziel.

Aber jetzt sind die Bergmänner nicht machtlos und unfähig selbst Waffen zu schleudern, wie beim ersten Ansturm; unaufhörlich prasselt jetzt vom Floß her ein Hagel von Pfeilen, Steinen und Lanzen. Wenn er auch nicht den Schaden tun kann, wie in den Reihen der dicht gedrängten Wilden die Wurfwaffen der Pfahlmänner, so liegt doch hinter der Brustwehr schon mehr als einer mit der Todeswunde.

Gellend rufen Donndur und Usold ihren Schlachtschrei, grollend antwortet hinter dem grünen Wall auf dem Floß das zischende Heulen der Bergzwerge.

> illustration: Robert Engels

Nun stößt der Bau an einer Seite an die Pfähle, langsam folgt die andere, nun liegt er breitseits, und der Kampf Mann gegen Mann beginnt. Donndur schwingt eine gewaltige Keule und zerschmettert den Schädel des ersten, der nach dem Rande des Pfahlrostes greift, sausend blinken die roten Kupferschwerter durch die Luft, Graun schmettert mit der Axt die Angreifer nieder.

Die Frauen werfen kochendes Harz in die aufbrüllenden Massen.

Noch ist es den Wilden an keiner Stelle gelungen, die Brustwehr zu übersteigen, aber sorgenvoll sieht Donndur, wie die Reihen der Seinen gelichtet sind.

Wutt liegt gefesselt weit zurück hinter dem Feuer, das auf den Schieferplatten brennt; wenn er nicht hin und wieder die blanken, tückischen Augen rollen würde, könnte man ihn für einen Erschlagenen halten. Gern würde Graun einen Stein auf ihn werfen, aber der schwere Kampf läßt es nicht zu.

Da tönt plötzlich hinter den Verteidigern ein kurzes, kläffendes Bellen, Uddo hat sich losgerissen und fliegt wie ein Bolzen ins Wasser, kratzt sich aufs Floß, schießt auf den gefesselten Verräter zu und zerfleischt dem Brüllenden das Gesicht mit wütenden Bissen. In seiner Todesangst wälzt sich Wutt in die Wellen, aber auch dort läßt ihn das rasende Tier nicht los; dumpf krachen die Knochen des Röchelnden, und mit zerbissenem Genick sinkt Wutt in die Tiefe.

Nun aber flieht der Hund, als ob er Schläge seines Herrn fürchte, spornstreichs über die Boote wieder in die Hütte des Häuptlings.

Mit neuer und immer neuer Wut greifen die Wilden an, die Äxte zerschmettern ein Stück der Brustwehr, Donndur, der sich den Andringenden entgegenwirft, taumelt, von einem Keulenschlag betäubt, rückwärts, und die Belagerer gewinnen das Rost, neue folgen, und nun steht die Übermacht der Wilden auf gleichem Boden gegen den zusammengeschmolzenen Haufen der Pfahlleute.

Suwil und Seiwo, von Usold begleitet, stürzen auf Grauns lauten Ruf von der Inselseite, die sie bewachten, und fallen die Eindringlinge an; manche tiefe Wunde schneiden die Schwerter, aber die Wilden reißen die Schutzwehr herum und verschanzen sich dahinter. Donndur, noch wankend von dem Schlage, will wieder gegen sie an, aber die andern halten ihn zurück; zischend läßt Graun, hinter einem Bottich hockend, den Wurfstein spielen.

Aber die Bergleute fallen jetzt auch vom Floß her die eingeengten Verteidiger an.

Schon sind die Frauen schreiend in die Hütten geflohen und türmen Gerät an den Türen auf; dazu brüllt das unruhig gewordene Vieh in den Ställen, und an einer Stelle des Dorfes steigt Rauch auf.

Mit blutunterlaufenen Augen starrt Donndur auf die beginnende Niederlage der Seinen. Suwil, Seiwo und Usold kämpfen mit wenigen Jägern verzweifelt gegen die Übermacht.

Da springt, wie eine Erscheinung, mit geschürztem Gewande, den linken Arm mit Fellen umwunden, ein Weib durch die Reihen der Pfahlmänner und schwingt eine Axt in der Rechten.

Mit riesigem Schritte setzt es über die Brustwehr, welche der Feind sich aufgerichtet hat. Keiers Weib ist es, und Keiers Sohn ist ihr dicht auf den Fersen; eins der Kupferschwerter blitzt in seiner Hand.

Einen Augenblick sind die Wilden wie gelähmt, da schmettert auch schon die Axt des Weibes in die Reihen, und das Schwert des Knaben fegt eine blutige Gasse.

Suwil und die anderen stürmen nach, und während Weib und Sohn unter den Streichen der Wilden zusammenbrechen, gelingt es den Pfahlmännern, den Gegner in die Ecke des Umganges zu treiben; die Wilden dringen in die Eckhütte und setzen sich darin fest.

»Sie kommen von der Insel,« schreit der Knabe von der Leiter her; treu ist er auf der Wache geblieben, nun aber, als er die Schwimmer in dichten Scharen auf das Floß zu halten sieht, klettert er schnell herunter, ergreift eine Waffe und eilt in den Kampf.

Die Schwimmer kümmern sich nicht um das verlassene, totenbedeckte Floß, sie streben der Ecke zu, werden von den Volksgenossen hinaufgehoben, und eine zweite Hütte fällt in die Hand der verstärkten Feinde.

Hinter dem Weidenflechtwerk entspinnt sich ein zähes Gemetzel, aber Donndur verzweifelt. Schritt für Schritt rücken, ihren Krähenruf schreiend, die Wilden vor. Obwohl jetzt des Häuptlings gewaltige Stimme alle Wachen herbeiruft, immer noch sind die Feinde in doppelter Überzahl.

Über die Leichen der erschlagenen Helden geht der erbitterte Kampf hin und her, mit Steinen, Pfeilen und Lanzen und Äxten, hüben und drüben.

Graun blutet aus einer tiefen Wunde an dem linken Arme, aber wie ein Felsen steht er im Gewoge des Handgemenges.

»Graun, es geht zu Ende!« ruft Donndur.

»Von uns wird keiner mehr ein Lied singen!« antwortet der alte Sänger.

Da tönt plötzlich ein helles Rufen, und Ruder klingen hinter dem Dorfe; zischend fliegen mehr als zwanzig Kähne um die Ecke; blonde Männer schreien herüber.

Da jubeln die Pfahlleute auf.

Donndur zeigt den Feind und ruft mit donnernder Stimme die Kunde: »Eso, Rettung!«

»Eso, Eso, die Männer von den Drachenklippen!«

»Die Sonne, die Sonne wird uns leuchten,« rufen die Männer.

Schon springen die Helfer grüßend über das Floß auf das Pfahlrost; fünfzig Kämpfer stürmen in die Schlacht, begierig, alte Wunden zu rächen.

Auf brüllen die eingepferchten Bergwilden, in ihrer eigenen Totenkammer haben sie sich eingenistet.

Von zwei Seiten dringen die Pfahlmänner an, Suwil und Seiwo springen in den dichtesten Knäul, da stürzt der Ältere getroffen nieder, und über dem Verwundeten ringen die anderen.

Schon hängt eine Streitaxt über Seiwos Kopf, da schneidet der gefallene und verletzte Suwil ihrem Träger die Fußsehnen durch; aufkreischend stürzt der hin, aber dem alten Händler gehen die Schatten des Todes über die Augen.

Da wütet die Axt im engen Raum, da entkommt fast keiner, eingeklemmt zwischen Hüttenwand und Gegner verbluten Scharen der Bergwilden, wenige nur springen verwundet ins Wasser.

Von den Krähenflügeln rettet sich wohl kaum einer nach der Höhlenschlucht, um die Niederlage zu melden.

Die Helden auf den Pfählen heben die kampfmüden Hände zur Sonne hoch und danken. Blaue Frühlingsluft strahlt vom Himmel, und das glühende Tagesgestirn steigt siegreich zur Mittagshöhe.

Nun mag wieder Gedeihen und Freude in die Pfahlburg einkehren. Suwil und Graun, die sterbenden Helden, und viele getreue Männer haben sie mit ihrem Blute geweiht. Ernst stehen Donndur, Seiwo, Usold, Eso und die anderen Krieger bei den Toten und bedenken das letzte Wort des greisen Sängers: Morgen früh Kriegsfahrt nach den Höhlen der Zwerge in den Schluchten!

Euer muß alles Land werden, soweit man sehen kann von den höchsten Bergen, und euer muß es bleiben, bis der letzte blonde Streiter hinzieht nach den Totenwäldern in Mitternacht!

finis
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