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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Zwölftes Kapitel. Der erste Angriff

»Und nun die Fackeln wieder angezündet, daß alles hell werde, damit keiner dem Bau nahe komme, ohne gesehen zu werden. Steige auf die Leiter, Waldun, was siehst du?«

»Sie sitzen in Rotten um die Feuer, manche stehen am Ufer, andere treiben auf Baumstämmen nach der Weideninsel hinüber; das Licht unserer Fackeln erhellt den Strom bis weithin.«

»Sind die Boote noch sichtbar?«

»Nein.«

»Siehst du Wutt?«

»Nein, ich suche nach ihm, er ist nicht hüben und nicht drüben; auf der Weideninsel entfachen die Bergwilden jetzt auch ein Feuer.«

»Kannst du oben sitzen?« fragt der Häuptling.

»Ja, ich sitze auf der höchsten Sprosse.«

»So bleibe bis Mitternacht, dann wirst du abgelöst, ich stelle einen Knaben unten hin, der soll mir alles melden, was du berichtest.«

Donndur schreitet zu den Frauen: »Habt ihr den Männern Essen gebracht?« fragt er.

Als es ihm bejaht wird, läßt er die großen Töpfe mit Harzstücken auf die Herdstellen setzen, damit die zähe Masse ins Sieden gerate; auch kochendes Wasser läßt er bereit halten.

So geht Stunde um Stunde hin, und die Mitternacht naht heran. Da kommt der kleine Bote von Waldun zum Häuptling gelaufen.

»Sie löschen die Lichter, Donndur, sie rennen am Strand hin, in Massen stehen sie hinter dem Schilf und ordnen sich.«

»Sie kommen!« flüstert es durch die Reihen der Männer, mancher Arm voll Speere steht hinter der Brustwehr aufgerichtet. Graun aber legt seine Lederschnur wurfbereit hin und nimmt den Stein in die Hand.

Mit gedämpften Worten feuert Donndur die Streiter an; eine Frau naht sich und fragt, wohin die Töpfe mit dem glühenden Harz gestellt werden sollen. Donndur befiehlt, sie sollen auf dem Feuer bleiben und Holzlöffel sollen bereit gehalten werden.

Da ruft Wisent, der an der Rückwand des Dorfes mit einem Hirten hält, daß sie von der Weideninsel in schwarzen Scharen ins Wasser steigen, und zugleich springt der atemlose Knabe herbei, aber ehe er noch spricht, ruft Graun: »Dort kommen sie auch aus dem Schilf, mehr als hundert!«

Da erheben die Männer ihre Stimmen und rufen laut in die Nacht hinein ihren Schlachtruf: »Sonne, Sonne, sei mit uns!«

Der Häuptling befiehlt mit dröhnendem Worte, daß Harz und Wasser herbeigeschafft werde, auch schickt er den Knaben zu den Kriegern unten bei den Booten, damit sie aufmerken.

Die Wolken werden dünner, fast scheint es, als ob der Mond durchbrechen wollte, so hell sind die Fugen im treibenden Dunst.

Schnatternd fährt an der Weideninsel und im Uferschilf das Geflügel aus den Verstecken.

Dunkel kommt der Feind von beiden Seiten heran; viele schwimmen, andere, die es nicht können, halten sich an Holzstücken fest.

Zwischen den Männern hinter der Brustwehr tauchen die Knaben auf, sie haben ihre Lanze gefaßt, und ihr Auge blitzt; die Frauen stehen bei den Töpfen und tauchen die Löffel in die siedende Brühe.

Ein wildes Wettschwimmen ist es, ein Zappeln der dunkeln Glieder im Wasser und ein Auf- und Untertauchen der Köpfe, dazu die schnalzenden und brüllenden Laute der Anstürmenden.

Dagegen die Pfahlmänner ruhig, als wären sie aus Stein gehauen, nur die Frauen lärmen hinter den Streitern.

Näher und näher; schon scheint der noch halbverdeckte Mond so deutlich, daß man das Weiße in den Augen erkennen kann.

Da schwingt Graun zum ersten Male den Stein, und mit einem gurgelnden Schrei versinkt der vorderste der Wilden in die Flut. Schon ist der Wurfstein wieder an der Schnur zurückgezogen, schon saust er wieder; einen an eine Planke angeklammerten Arm trifft er, und der Verletzte greift zappelnd mit der anderen Hand ins Leere und versinkt.

Nun zischen Pfeile; Lanzen werden geschwungen und Feldsteine fliegen.

Kaum, daß die Schwimmer den Kämpfern hinter der Brustwehr Schaden tun können. Aber es sind zu viele, sie greifen schon mit den Händen nach dem Pfahlrost, andere suchen unter den Rost zu schlüpfen, die trifft die Wache bei den Booten mit Pfeilen und Lanzen.

Jetzt schütten die Frauen das Harz aus den Töpfen, brüllend flüchten die Geblendeten mit zuckenden Bewegungen rückwärts.

Da schallt lautes Rufen von der anderen Seite des Dorfes. Die Weideninsel hat mehr Feinde entsandt, als der Späher dachte, und an der Stelle der eingerissenen Brücke ist es den Stürmenden gelungen, auf das Rost zu kommen.

Dahin eilen Donndur, Seiwo und Graun; da sind wohl schon fünfzig Wilde, die sich in einer Hütte halten, und im Kampfe Mann gegen Mann fällt Wisent mit zerschmetterter Schulter zu Boden. Waldun will ihn rächen, aber auch ihn trifft ein scharfes Wurfbeil der wütenden Angreifer an der Schulter.

Da ergreift Donndur, seiner Riesenkraft sich erinnernd, einen großen Webstuhl; mit mächtigem Schwung wirft er ihn in die Reihen der Wilden, nach springt er, und seine Waffe, das Kupferbeil Suwils, mäht in der gedrängten Masse. Graun und Seiwo folgen ihm, und mit gräßlichen Schreien entweicht der Rest durch die zerschmetterte Wand der Hütte ins Wasser.

Wieder nach vorn eilen die Kämpfer, aber auch dort ist der Angriff abgeschlagen, und die Feinde fliehen in dichten Scharen dem Ufer wieder zu.

Doch liegen sechs Männer erschlagen hinter der Brustwehr, vom Schwungbeil der Stürmenden getroffen, und ein junges Weib kniet neben einem Knaben. Zehn Winter ist er erst alt, und schon färbt das Todesblut aus einer Stirnwunde seine blonden Haare dunkel.

»Die Sonne, die Sonne behütet uns!« rufen die Männer.

Aber Donndur schreitet durch die Reihen und zählt die Waffen mit gerunzelter Stirn und verschleierten Augen. Er schickt einen Knaben auf die Leiter; das Kind ruft mit heller Stimme, was es sieht.

»In die Wälder schlüpfen sie, keinen sehe ich mehr am Ufer, ihre Verwundeten tragen sie mit sich; nein, hinter den Weidenbüschen halten welche, und dort in den Ästen der Erle sitzen welche.«

»Und die Weideninsel?« fragt Donndur hinauf.

»Da lagern sie hinter dem Gebüsch; ich sehe nur, daß es viele sind.«

»Sie werden in die Wälder flüchten, und wir werden frei sein,« jubelt eine Frau.

Verweisend antwortet ihr der Häuptling: »Sie werden nicht fliehen, jetzt lassen sie nicht ab; und es ist auch besser. Jetzt sind wir gerüstet, über acht Nächte wären wir es vielleicht nicht.«

Der volle, blanke Mond steht über dem Pfahldorfe, und die verglimmenden Fackeln werden ins Wasser geworfen. Silbernes Mondlicht flutet auf das kleine, tapfere Volk hinter der Brustwehr; eine rege Tätigkeit beginnt. Aus Stöcken werden Pfeile geschnitzt und zugespitzt, aber das Holz hat nicht die Wucht des scharfen Steines. Hausrat und Ackergerät wird für die Benutzung im Kampfe zugerichtet; neues Harz wird gesotten.

Bekümmert schreitet Donndur mit dem alten Graun die Reihen ab; mancher Mann hat keine Axt mehr, weil er sie in der Glut des Gefechtes dem andringenden Feinde entgegenschleuderte. Und auch von den Wurfsteinen sind nicht wenige unbrauchbar geworden.

»Wir werden mit den Fäusten kämpfen, Donndur,« sagt Graun, und der Schimmer des Vollmonds flimmert über seinen weißen Bart.

»Wenn wir die Waffennot wenigstens gewußt hätten, als wir den Boten an Eso bei den Drachenklippen abschickten. dann hätte Eso uns sicher auch beigestanden; so kennt er unsern Verlust nicht und kommt vielleicht nicht,« entgegnet Donndur.

Dann wenden sich die beiden zu Waldun, der, blaß mit zerschmetterter Schulter, auf den Fellen des Versammlungshauses liegt.

»Waldun kann bei dem nächsten Angriff der Zwerge keine Waffe halten, auch zittert es ihm vor Augen, so schwach ist er; aber wenn sie in die Hütte dringen, will Waldun ein Messer in die linke Hand nehmen und den Feind bestehen.«

Die beiden Krieger gehen nun an das untere Ende der Pfahlburg und schauen voll Sorge nach den beiden Kähnen aus.

finis
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