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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Elftes Kapitel. Vater und Sohn

Als die Kundschafter gegessen haben, gehen sie, um sich zu ruhen. Usold in die Hütte des Häuptlings, Suwil und Seiwo in eine andere Behausung, die Ma ihnen zeigt. Alle drei wollen beim ersten Waffenlärm geweckt werden.

Kaum liegen sie auf den Fellen, als sie, von den Anstrengungen der letzten Tage ermattet, in einen bleiernen Schlaf versinken. Noch versucht Seiwo zum Vater zu reden, aber der Schlummer schneidet ihm die Worte ab, und auch Suwil hört nicht mehr.

Als die Händler erwachen, steht Usold vor ihnen und ruft sie an.

»Wir haben eine Leiter mitten im Dorf aufgerichtet und befestigt, von ihrer Höhe aus kann man die Wilden beobachten. Wutt ist bei ihnen, und sie sitzen zusammen und beraten, Wutt, der uns die Waffen wegschüttete!« fügt der junge Kundschafter erklärend bei und berichtet über den schweren Verlust.

Dann eilt er aus der Hütte, um zu seinem Vater an die Brustwehr zu treten. Suwil und Seiwo reiben sich den Schlaf aus den Augen und springen auf.

»Suwil soll eine Weile noch bei seinem Sohne bleiben,« sagt Seiwo ernst.

»Seiwo möge nicht so finster sein,« entgegnet der Vater und schließt den wiedergewonnenen Sohn in die Arme, »es wird alles gut werden, Suwil und Seiwo werden die Heimat wiedersehen und reiche Schätze mitbringen.«

»Seiwo will keine Schätze, die Untreue ihnen in die Hand spielt,« antwortet der junge Händler.

Betroffen blickt ihn der Vater an: »Wie meint Seiwo das?«

Seiwo ergreift die Hand seines Vaters und fragt bewegt: »Hat Suwil seinen Gastfreunden, die in Not sind, die Waffen auf der Insel angeboten?«

Ängstlich reißt der Alte die Augen auf: »Wie sollte ich den Pfahlleuten die Waffen geben, da ich doch nicht weiß, ob nicht morgen früh leere Wasserfläche ist an der Stelle, wo heute das Dorf steht. Wer gibt mir dann meinen Besitz wieder, den ich mein Lebenlang mühsam zusammengearbeitet habe mit manchem Weg und manchem Kampfe, wenn die Pfahlmänner morgen früh flüchtend in alle Winde verstreut sind?«

Da richtet sich Seiwo steil auf: »Suwil weiß, wie ich ihm noch, als wir flohen vor den Bergwilden, gedankt habe für die Befreiung. Nun aber will ich so sprechen: lieber wäre ich bei den Höhlen von den Weibern der Wilden gequält und erstochen worden, als daß ich Suwil solche Worte noch einmal reden hören möchte.«

Nun wird auch der Vater erregt: »Weshalb mühen wir uns denn, weshalb bleiben wir nicht auf den Seen am Schneegebirge wohnen und warten, bis wir sterben auf dem Fellager? Weshalb ringen wir uns durch tausend Gefahren durch und ertragen die Unbill endloser Fahrten? Warum sollten wir dann nicht lieber unseren Kupferschatz in den Strom versenkt haben, damit ihn nie mehr jemand berühre? Weshalb schenken wir die Äxte und Kessel nicht den Kindern zum Spielen? Dann bin ich ja dreißig Jahre lang ein Tor gewesen, der besser Kühe gehütet hätte ...«

»Mein Vater soll nicht zornig werden,« spricht Seiwo zurücktretend, »aber das will ich ihm sagen: Wenn Suwil, der Händler, den Gastfreunden, die ihren besten Krieger für ihn opferten, nichts von den verborgenen Waffen sagt, wird sein Sohn in dem Augenblicke, da sich die Wilden zum Kampfe gegen die Pfahlburg drängen, sich hoch über die Brüstung heben und den ersten Speer, der fliegt, mit seiner Brust auffangen; ich kannte meinen Vater als einen Helden im Streite, eines Ehrlosen Sohn mag ich nicht sein; wenn Suwil seinen Waffenplatz liebt, gut; dann mag er seinen Sohn sterbend aufheben und auch noch zu den Schwertern und Armringen legen, und dann mag er den Schatz in die Heimat bei den Schneebergen schleppen und sich rühmen, der reichste Mann auf den Seen zu sein, dann mag er sich Rinder, Schweine und Ziegen eintauschen, soviel er will, und in seiner Hütte sollen die Körner in hohen Haufen liegen und Felle und Kupfer und Flachs und Gewänder und alles, was er will; seinen Sohn aber mag er, ehe er in die Heimat rudert, in den Strom werfen, daß die Fische ihn fressen, besser ist das noch als elend dahinleben und wissen, daß man eine elende Tat getan und den Gastfreund in der Not verlassen hat.«

Hoch aufgerichtet steht Seiwo vor dem alten Händler, der sinkt auf das Lager zurück und stützt den Kopf in die Hände; beide Männer sind still.

Durch das Rauchloch in dem Dache schaut die graue Dämmerung schon in das Gemach, dichtes Gewölk ist am Himmel aufgezogen, immer schwärzer wird es, und feiner Regen rieselt auf das deckende Schilf.

Mit zerbrochener Stimme beginnt der Vater wieder zu sprechen: »Seiwo soll mich anhören: Habe ich denn für mich die Felle gesammelt und das Kupfer und die Herden in der Heimat? Wird nicht mein Haar grau und mein Arm kraftlos? Bin ich nicht morgen vielleicht in den dunkelen Totenwäldern in Mitternacht, ruft mir nicht die Eule schon zu, daß es Zeit ist? Was soll das mir alles, Waffen, Kupfer und Besitz? Für Seiwo sammelte ich, für Seiwo fuhr ich gefährliche Fahrten; Seiwo, mein einziger Sohn, soll ein mächtiger Häuptling werden in den Dörfern bei den Schneebergen, er soll herrschen über die Ansiedlungen als ein gewaltiger Krieger, dazu zog ich ihn, er soll herrschen als der Reichste, dazu fuhr ich dreißig Jahre durch Elend, Not und Gefahr; und nun, da ich von letzter Reise letzte große Beute mitbringen will, soll ich alles wegwerfen und wieder arm werden, so arm, daß ich Seiwo, meinem Sohn, kaum ein einziges Beil hinterlasse.«

Wieder schweigen beide; so dunkel ist es geworden, daß sie sich kaum noch erkennen können.

Da kniet Seiwo bei seinem Vater nieder und ergreift seine Hand: »Als Seiwo klein war, hat ihn Suwil die Jagd, das Bergsteigen und das Rudern und das Schwimmen gelehrt, und Seiwo lernte es besser, als alle anderen; als Seiwo größer wurde, lehrte ihn der Vater die Waffen tragen und gebrauchen, und Suwil mag sich des Sohnes nicht schämen. Ein erwachsener Krieger ist Seiwo geworden, und als er mit Suwil auf die Fahrt ging, da war jede Tat, die Suwil tat, so klar wie die Sonne und eines Kriegers wert. Das ist besser und mehr wert, als ein Einbaum voll Beile und Kupfergerät und besser als zwanzig Packen kostbarer Felle. So soll es auch bleiben. Seiwo will nicht mehr drohen. Suwil betrachte seinen Sohn, er ist stark und jung, er wird sich schon Würde erkämpfen in der Heimat. Seiwo will bitten, daß sein Vater zu Donndur gehe und so zu ihm spreche: Auf der ersten Insel stromabwärts liegt ein Schatz von Waffen, für jeden deiner Kämpfer ein Schwert und Messer und Pfeile und alles, was er braucht, in Hülle und Fülle. Dann will Seiwo seinem Vater mehr noch danken, als für die Befreiung aus den Händen der Wilden.«

Mit einem heftigen Ruck fährt Suwil in die Höhe, er legt seinem Sohne die Hand auf die Schulter und kommt seinem Gesichte so nahe, daß Seiwo den funkelnden, blauen Schein der Augen sehen kann.

»Suwil wird zum Häuptling gehen, wie Seiwo es wünscht, aber eines verlangt der Vater von seinem Sohne: Suwil wird mit zwei Kähnen jetzt in der Nacht versuchen, die Waffen zu holen, aber Seiwo bleibt auf der Pfahlburg; nicht noch einmal will ihn Suwil auf einer jener Inseln verlieren!«

Traurig senkt Seiwo den Kopf; aber der alte Händler schreitet zu Donndur und redet lange mit dem Häuptling.

Es ist finstere Nacht geworden, ununterbrochen rinnt ein weicher Regen auf die Hütten, und wenn nicht ein paar große Feuer am Ufer aufflammten, wüßte man nicht, daß dort eine Gefahr lauere.

Plötzlich zerreißt ein wildes Weibergeschrei und Wehklagen die Stille, von der Weideninsel her kommt es, hinter dem dichten Schleier der Nacht tönt Ächzen und dumpfes Stöhnen und verwirrtes Rufen in fremder Sprache, dann wird es wieder still.

Der harte Donndur fährt von dem Todesschrei zusammen, als ob ihn ein Felsblock auf die Schulter getroffen habe.

»Die Mägde auf der Weideninsel,« sagt Graun, »die Wilden haben die Insel besetzt und fanden die Hütte, sie wähnten, daß wir es seien, und freuen sich am Mord. Jetzt sind wir von zwei Seiten eingeschlossen. Jetzt werden wir den ersten Sturm erleben!«

Donndur gibt mit gedämpfter Stimme Befehle: »Zwei Boote gelöst, die besten, die wir haben, die Fackeln gelöscht, sechs Jäger fahren mit Suwil, der sie führt, die Ruder mit Flachs umwickelt, die Waffen bereit, und dann gerudert, so leise und so schnell, als es geht.«

Usold springt, nachdem er eilig den Hund festgelegt, in den ersten Kahn, der bereit ist. Und lautlos verschwindet Suwil mit den beiden Booten ins Dunkel.

finis
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