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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Zehntes Kapitel. Wutt wird entlarvt

Als die Sonne wieder ihre ersten Strahlen durch den sich lichtenden Nebel auf das Pfahldorf schickt, trifft sie die Männer noch in derselben Ordnung hinter der Brustwehr wie am frühen Morgen.

Zu wogenden Schattengestalten geballt, treibt der grauweiße Dampf stromabwärts, es ist, als ob ein Rudel grauer Wisentochsen über die Fläche jage.

Unablässig schweifen Donndurs Augen über die Ufer, die allmählich wieder sichtbar werden.

Von der Weideninsel her kommt ein ängstliches, leises Klingen, die verstoßenen Mägde singen mit zitternden Stimmen ein Lied, das sie sonst zusammen mit den Frauen anstimmten, wenn sie im Herbst die Körner aus den Weizenähren rieben; so rührend und hilflos klingt's, daß Ma zum Häuptling geht und ihn für die Mägde bittet.

Der schüttelt das Haupt: »Weiß Ma nicht mehr, daß sie vor zwei Wintern entweichen wollten zu den Bergwilden? Meine Kinder muß ich schützen; diesen Mägden traue ich nicht, wenn die ersten Speere hin und herfliegen oder gar, wenn die Wilden in unsere Hütten dringen sollten!«

Da wendet sich Ma ab und horcht traurig auf den verstörten Gesang, der immer lauter anschwillt.

»Sie wollen sich mutig singen,« sagt sie dann mit einem bangen Lächeln.

Da entsteht in den Bergen ein Lärmen, die vielverzweigten Wipfel geben lauten Widerhall, bald scheint es näher zu sein, bald ferner; Uddos Gebell hört man und die übermächtige Stimme Suwils, der nach dem Pfahlbau herunterschreit.

»Vier Boote hinüber. Bewaffnete hinein!« ruft Donndur.

Acht Männer springen hinunter, und bald gleiten unter eiligen Ruderschlägen die Einbäume aufs Ufer zu.

»Halt!« ruft der Häuptling dröhnend über das Wasser, als sie nahe am Schilfgürtel sind.

Gehorsam stoßen die Ruderstangen hemmend ins Wasser.

Das Tosen der Verfolger und der Schlachtruf der Kundschafter hat sich bis hart an den Strom hinuntergezogen.

»Ich höre nicht den Hirschruf Keiers,« sagt Donndur zu Graun, der neben ihm steht.

»Keier will seine Stimme für unsern Kampf sparen,« lacht der grimmig auf und wühlt in seinem langen, weißen Bart.

Uddo bricht zuerst durchs Schilf, ihm folgt Usold auf dem Fuße; aufatmet der Häuptling, als er seinen Sohn lebend weiß; nun ist auch Seiwo zu sehen, der gegen einen unsichtbaren Feind aufschreiend ein Beil schleudert und sich dann in den Fluß wirft, endlich schreitet Suwil dicht hinter seinem Sohne, er wirft eine schwere Last ins aufbrodelnde Wasser und zieht sie hinter sich her zum nächsten Einbaum.

Aufrecht stehen die Männer in den Booten, die Lanzen erhoben, schon saust eine und sitzt federnd in der Brust eines Bergwilden, der sich zu unvorsichtig zeigte.

Aber hinter dem Schilf heulen die Enttäuschten wie Wölfe in der Nacht.

Schon sind Seiwo, Usold und Suwil in den Kähnen, auch hebt Usold seinen Hund hinein, Suwil aber hält gebückt einen Arm ins Wasser, so rudern sie zurück nach der Landungsstelle.

»Suwil hält einen Toten mit der Hand im Wasser fest,« sagt Graun gepreßt.

Es graust den Männern.

Suwils Kahn ist der erste, der anlegt.

Die Frau Keiers erwartet ihn schon. Der Knabe, von verzweifeltem Schluchzen geschüttelt, nimmt den toten Vater, dem eine furchtbare Wunde vom Halse nach der Brust zu klafft, aus der Flut in die Höhe. Die Züge der Mutter aber scheinen versteinert, sie jammert nicht, sie nimmt ihren Toten sanft in die Arme und trägt ihn, ohne daß sie eine Träne auf seine zerrissene Brust fallen läßt, nach ihrer Hütte.

Donndur möchte wohl zu der Frau, aber der Augenblick verlangt seine volle Aufmerksamkeit. Während er das Ufer beobachtet, treten die Kundschafter näher.

Suwil berichtet, er schnappt nach jedem Worte nach Luft: »Sie tanzten den Bärentanz, sie trugen Kriegsschmuck, mehr als zweihundert sind zusammen, sie haben Feuer gebrannt, und auf fernen Bergen wurde geantwortet. Ein Wetter kam, wir befreiten Seiwo, wir flohen, sie folgten uns, Keier war unser Führer, der Tapferste war er, wir kletterten auf einen Fels, viele erschlugen wir, Keier erschlug am meisten; Nebel kam, wir flüchteten weiter. Bis an den Bergrand kamen wir, da strauchelte Keier im Angesicht der Pfähle; den letzten Pfeil hat er verschossen, da kämpften wir, jeder gegen drei, Keier aber traf die Wunde, aufschrie er und sank um, ich trug ihn hinunter und barg ihn vor der Schande.«

Der Häuptling senkt das Haupt und sagt: »Wir werden seinen Tod rächen. Suwil sei Dank!«

»Dank sei dem Häuptling für die Befreiung Seiwos!« antwortet der.

Der alte Graun aber denkt an seinen hochgemuten Waffengefährten Keier, mit dem er manche Jagd und Kriegsfahrt zusammen gemacht hat, knirscht mit den Zähnen und greift erregt nach den Wurfsteinen und seinem Beil.

Usold hat die Hand des Vaters in der seinen und berichtet von dem angebundenen Hunde.

Damit erhebt sich in den Hütten ein Kreischen und gräßliches Schreien, und das kluge Bellen Uddos gellt dazwischen.

Der Hund war kaum auf dem Pfahlrost, als er die Schnauze senkte und knurrend umher suchte.

Bald verschwand er in einer Hütte.

Der Häuptling und die anderen, dem wütenden Getöse nacheilend, finden ihn endlich, wie er mit gesträubtem Haar in der Waffenkammer springt, während Wutt im Dachgebälk hängt, sein Knie blutend von den Bissen des wütenden Tieres.

Kaum sieht Wutt die Männer kommen, als er sich mit jähem Schwunge durch das Schilfdach drängt, über ein paar Dächer setzt und von oben herunter sich ins Wasser stürzt, hastig schwimmt er der Weideninsel zu und verschwindet in ihrem Schilf.

Bald aber hört man aus der Waffenhütte lautes Rufen, Graun und Waldun eilen herbei und finden Donndur und die Kundschafter am Boden knien.

»Unsere Waffen sind geraubt,« schreit Donndur. »Wutt hat sie wohl ins Wasser gestürzt.«

Donndur springt auf und rennt zu der Wache unten bei den Booten, die es hätte bemerken müssen. Sie ist nicht mehr da ... Unterdessen klingt schon wieder von der Hütte ein Anruf. Unter Fellen verborgen liegt der junge Wächter, kalt, ein Steinmesser im Rücken.

»Schlange, die ich großgezogen,« murmelt Donndur finster.

Die Steinbeile fehlen ganz, die zugerichteten Pfeile gleichfalls, nur die Messer und Lanzen sind noch da, dabei wurde der Verräter wohl von dem Hunde gestört. Die Krieger sehen sich an, die fehlenden Waffen sind unersetzlich.

Schnelles Fragen und Antworten; nun weiß Usold auch, wer den Hund an dem Eichenaste aufgeknüpft hat.

Hilflos sehen sich Donndur und Graun an: »Einen Sturm können wir aushalten, aber wer gibt uns die Wehr für den zweiten?«

Usold, der beste Taucher des Dorfes, jetzt wieder ganz bei Atem, springt kurz entschlossen ins Wasser, hochrot kommt er wieder nach oben, Haar, Schultern und Hände sind mit Schlamm bedeckt. Aber er hält ein Beil in der Hand.

»Sie liegen unten, aber zu tief, eins fand ich, aber fast erstickte mich der Moder und der Schlamm,« stößt er triefend hervor.

Donndur sieht die Unmöglichkeit ein, die versenkten Waffen aus dem Grunde des Stromes heraufzuholen. Er ruft mit lauter Stimme die Handwerker, alle irgendwie entbehrlichen Stangen sollen zugerichtet, im Feuer gehärtet und gespitzt werden, um als Wurfspeere die fehlenden Pfeile und Äxte wenigstens in etwas zu ersetzen, auch sollen alle Ackergeräte, besonders die Krummhölzer, bereit gelegt werden.

»Wenn Wutt wiederkommt, trifft ihn mein Messer,« sagt der Häuptling zu Graun.

»Der geht zu seinem Geschlechte, das schon draußen im Walde wartet, bald werden wir seine Taten sehen!« antwortet der Alte.

Die Kunde vom Verlust der Waffen hat im Dorfe Schrecken und Not verbreitet, die Männer stoßen Verwünschungen gegen Wutt aus.

Donndur zählt die Seinen, zweiundsiebzig Kämpfer sind es, er verstärkt die Wache unten bei den Booten; zehn Männer verteilt er unten an den Pfählen, damit kein Schwimmer heimlich von unten her eindringen könne. Dann gebietet er den Frauen, den Kundschaftern Speise und Trank zu geben.

Schon steht die Sonne hoch und beleuchtet die gerüstete Pfahlburg und die Massen der Bergwilden, die sich am Ufer sammeln, mit denselben warmen Strahlen. Mit seinem Falkenauge späht Graun hinüber und nennt den um ihn Stehenden die Herkunft der Wilden.

»Die Krähenfedern, das sind die von der Schlucht, die den Händler gefangen hatten. Drüben die mit den eng anliegenden Fellen, die Lanzen tragen, das sind die vom Mofluß, gute Schwimmer sind das und grimmige Krieger. Die Kleinen ohne Haarschmuck, das sind die Bewohner des Tales gegen Abend hinter den Bergen, sie schneiden den erlegten Feinden den Kopf ab als Siegeszeichen. Hei! wird das ein Kampf. Mehr als zweimalhundert sind es, und immer neue strömen herbei!«

finis
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