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Die Pfahlburg

: Die Pfahlburg - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorCarl Ferdinand van Vleuten
titleDie Pfahlburg
publisherJos. Scholz, Mainz
printrun9.-11. Tausend
editorWilhelm Kotzde
year1911
illustratorRobert Engels
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20141216
projectid98225eb7
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Neuntes Kapitel. Die Verfolgung

Der Bärentänzer war unter den erdrosselnden Händen lautlos zusammengesunken, Seiwo losgeschnitten, und die gütige Gewitterwolke hatte keinen erhellenden Blitz aufleuchten lassen.

Nun tappen die vier in der Finsternis zurück und den Abhang hinauf.

Da gellt, als ein Aufschimmern der Wolkenballen die Flüchtigen schneller vorwärts eilen läßt, hinter ihnen her das schauerliche Geschrei aus der Schlucht, bald mehren sich die Stimmen, sie sind entdeckt.

Keinen Blick werfen sie hinter sich, kein Wort wird gesprochen, um den allein rettenden Atem zu sparen, nur Suwil drückt, weiterspringend, Seiwo ein Kupferbeil in die Hand, das er für ihn mitgenommen hat.

Schon klingen die Rufe der Verfolger etwas ferner, sie fahnden, wie es scheint, nach falscher Richtung.

Da hört Usold, der den anderen voraus ist, plötzlich ziemlich in der Nähe das langgezogene Heulen eines Hundes, dann ein Bellen. Fast steht er still, wieder vernimmt er das klägliche Bellen durch den spärlichen Regen.

»Das ist Uddo, ich kenne den Laut.«

Und ehe Keier warnen kann, ist Usold in der Richtung auf den Klang hin weitergelaufen, notgedrungen müssen die andern folgen.

Ganz nahe sind sie jetzt bei der Stelle, wo das Tier klagt, aber näher ertönen auch die zahlreichen Rufe der Bergwilden. Usold rennt weiter, unbekümmert, daß ihm Ast und Dorn die Haut zerfetzt.

Ein lang anhaltendes Wetterleuchten des abziehenden Gewitters zeigt eine Eiche, und mit beiden Vorderläufen aufgerichtet am Stamm Uddo, an der Schnur zerrend; es war dem klugen Hund gelungen, die lose geknüpfte Schlinge am Aste abwärts zu schieben auf den Stamm zu, bis er die Füße an die Rinde stellen und sich so stützen konnte.

Ein paar Messerschnitte zerreißen den Lederriemen, bellend springt Uddo an seinem Herrn in die Höhe, der weist ihn zur Ruhe und folgt den anderen.

»Usold hat das Leben der Männer für den Hund geopfert,« zischt Keier keuchend und wirft sein Bärenfell von sich, »die Zwerge sind uns schon auf beiden Flanken voraus, das Bellen wird sie leiten.«

Statt auf diese Beschuldigung einzugehen, fragt Usold mit leiser, ergrimmter Stimme: »Wer band meinen Hund an diesen Baum?«

Dann aber reißt ihn die Flucht mit, und er schweigt betroffen; durch das nasse Buschwerk und das versiegende Tröpfeln des Regens streben die Kundschafter mit den beiden Befreiten dem rettenden Strome zu.

Im ersten grauen Dämmer des Morgens kommen die Fliehenden mit heftig wogender Brust, die der versiegende, schnappende Atem zu sprengen droht, an das Tal, in dem um Mitternacht der Kampf mit den fleischtragenden Wilden stattgefunden hatte. Die Kiesbank hat unterdessen ihre trockene, weiße Farbe verloren und schimmert naßsilberig vom Regen.

Hinter den vieren her schallt der Lärm der Verfolger. Keier sieht sich um und möchte ein Ziel für seinen Bogen finden. Seiwo und Usold springen dem Hunde nach, der in großen Sätzen den ziemlich kahlen Abhang hinunterrennt.

Während Suwil und Keier den Voraneilenden folgen, tönt plötzlich vom gegenüberliegenden Bergkamm höhnisches Gebrüll, hier und dort zeigt sich eine Gestalt; die Bergwilden haben ihre bessere Kenntnis des Geländes benutzt, um auf einem kürzeren Wege an die andere Seite des Tals zu kommen, weil sie wußten, daß die Fliehenden jeden Falles bei ihrem Rückzuge dieses Tal schneiden mußten.

> illustration: Robert Engels

Jauchzend schallt Antwort von der Schar, die den Kundschaftern auf den Fersen ist; nun sind sie eingekreist. Aber bei der schnellen Flucht können die Verfolger den Abstieg nicht wagen, ohne den Verfolgten einen neuen Vorsprung zu gewähren. So laufen sie den Kamm entlang und suchen oben durch Abkürzung an den Biegungen des Bachbettes vor die Fliehenden zu kommen.

Keier und Suwil erkennen zu gleicher Zeit die Gefahr, Suwil blickt auf das schlaffe Gesicht Seiwos und sieht, daß sein Sohn nicht mehr weiter kann.

»Wir müssen kämpfen,« sagt er zu Keier.

»Hier sind wir bald umringt und erliegen,« antwortet der mit flackernden Augen und fliegendem Atem.

Seiwo merkt, wie er zurückbleibt: »Ich will stehen,« keucht er, »ich kann nicht mehr, ich will ... rettet euch!«

Suwil selbst erschöpft, reißt seinen Sohn beim Arme mit fort.

Keier späht beim Fortstürzen, jede Klippe der Felsen faßt er ins Auge, ob sie einen Fleck für eine Verteidigung darbiete; jedes Gehölz, jeden Baum mustert er.

Da ragt, mitten ins Tal geworfen, eine gewaltige Schiefermasse auf, wie ein Kegel steht sie trotzig in die Höhe, von der Seitenwand des steilen Tales durch eine tiefe Kluft getrennt, nach den drei anderen Richtungen hin ist sie vom Bach umströmt.

»Hinauf!« schreien Keier und Suwil fast zu gleicher Zeit.

Wie der Fisch, den ein Angler ans Land gezogen, mit den schnappenden Schlägen seiner letzten Lebenskraft dem rettenden Wasser zuspringt, so schwingen sich die vier nach oben. Steine kollern unter ihren Sätzen, kurzes Gehölz bricht, aber schon ist Keier angelangt und hilft den ganz erschöpften Seiwo, den Suwil zieht, auf die kleine Fläche des Kegels bringen.

Usold und der Hund dringen nach.

Es ist zwischen den jäh aufgerichteten Klippen Raum für einige Büsche, hinter denen sich die Kundschafter notdürftig verbergen. Seiwo schließt die Augen, während seine Brust in kurzen, pfeifenden Stößen arbeitet; an den Fels gelehnt, liegt er da, Suwil kniet neben ihm.

Keiner kann sprechen; auf der schmalen Spitze hört man nur, einem Sägewerk vergleichbar, das schnaufende Atemholen der Männer und das Hecheln des Hundes.

Stille ist es auch auf den beiden Bergkämmen rechts und links, das Geschrei ist verstummt; Keier kriecht bis an den Rand der Fläche und schaut, von einem Busche gedeckt, nach dem Feinde aus, Usold beobachtet in entgegengesetzter Richtung.

Keier sieht an einer Stelle die Gebüsche sich bewegen; abwärts, auf den Bach zu, schreitet das kaum merkliche Schwanken der von dem rötlichen Morgenlicht erhellten Zweige fort. Endlich lugt unten ein Wilder, dessen zerfetzter Kopfputz schief überm Ohr hängt, nach der Klippe hinauf.

Zugleich flüstert auch Usold, oft vom mühsamen Arbeiten seiner Lunge unterbrochen, daß die Zwerge auch von den gegenüberliegenden Bergkämmen hinuntersteigen, acht Männer hat er gezählt.

Der Bogenschütze bedauert, daß der Späher unten vielmal zu weit liegt, um von seinem Pfeil erreicht zu werden, damit verschwindet jener aber schon wieder, und es entgeht dem scharfen Auge Keiers nicht, daß er mit seinen Begleitern die Schlucht hinaufschleicht, welche den von den vier Flüchtlingen eingenommenen Kegel vom Gebirge trennt.

Schon ist das Atmen der Männer ruhiger geworden, und auch Seiwo hat sich erholt, hartnäckig verschweigt er dem Vater, daß brennender Durst ihn verzehrt.

Keier ruft Suwil und Usold auf, um die Waffen bereit zu halten, es sei der Angriff von der Schlucht her zu erwarten, zugleich legt er einige Pfeile neben sich, nur wenige behält er noch in dem ledernen Köcher.

»Seiwo soll nach dem Bach zu blicken, damit nicht in unsern Rücken die Zwerge hinaufklettern,« ruft der Pfeilschütz halblaut.

Während Seiwo, nun schon wieder kräftiger, diesem Wunsche folgt, legt Keier plötzlich so schnell, daß man seinen Bewegungen kaum folgen kann, einen Pfeil auf den Bogen und schießt. Ein greller Aufschrei folgt, und, sich vorbeugend, gewahrt Suwil, wie der dunkele Körper eines Feindes von Platte zu Platte abstürzt und ins aufspritzende Wasser sinkt.

Ein Geheul antwortet dieser Tat. Zugleich ruft Keier dem Suwil ein Zurück zu, denn ein Hagel von Pfeilen, Lanzen und Steinen geht über die Kuppe nieder.

Suwil hat sich hinter eine Schieferplatte gelegt, hervorlugend gewahrt er, wie die beiden Horden sich in der Schlucht treffen und nun hinter verstreuten Steinblöcken liegend zusammen flüstern.

»Keier wollte, er hätte in den nächsten Augenblicken zehn Arme, um zu schießen; nun werden sie anstürmen,« flüstert Keier.

Und wirklich läuft eine Bewegung durch die Reihen der unten Liegenden; sie springen auf und schwingen sich in wilden Sätzen den jähen Abhang hinauf.

Schon vorher hatte Suwil eine breite Schieferplatte aus ihrer verwitterten Unterlage gelöst, nun schiebt er sie an den Rand der Fläche.

Keier schießt ruhig wie auf der Jagd; die dreißig Schritte aufwärts kosten die Stürmenden drei Krieger. Da endlich legt Usold mit Hand an, und mit grollendem Poltern rollt der breite Stein mitten in den Knäul der andringenden Wilden; eine Lücke reißt er, die sich nicht mehr schließt, aber immer sind es wohl noch fünfzehn Feinde, die nun rund um die Klippen zerstreut, die Höhe zu gewinnen suchen.

»Das war der erste Hieb!« schreit Seiwo von seiner Stelle her, ein Zwerg war unter dem Schutze der Felsen leise zwischen den Büschen aufwärts geklettert. Schon springt er gegen Seiwo an, da trifft ihn die Kupferaxt des jungen Händlers mitten auf die Stirn, und zappelnd wälzt er sich im Todeskampf hinunter in das Gewirr der Schieferzacken, die ihm den Körper zerreißen.

Wie die Eidechsen gleiten da die übrigen wieder in die Schlucht zurück, und, ohne daß Keier noch für einen seiner letzten Pfeile ein Ziel findet, tauchen die Krähenfederflügel hinter das regungslose Schutzdach der Zweige unter.

Aber nun fassen die Bergwilden einen anderen Plan, regelrecht verteilen sie ihre Kräfte rund um den Felsen, einige besetzen die Schlucht, ein anderer überschreitet den Bach und hält auf dem jenseitigen Ufer Wache, andere nisten sich hinter den Klippen des Berges ein. Zwei aber gehen oben an den Rand des Gebirges; ein Feuer lassen sie auslodern, nasses Gras werfen sie hinein, denn der dicke, braune Qualm wolkt in die Höhe.

Auch schreien sie gellend laut den Ruf der Ohreule über die Täler hin.

»Sie geben sich Zeichen,« sagt Suwil, »sie locken die anderen Bergwilden herbei, noch ein paar Stunden, dann werden wir hundert um uns haben, dann können wir unsern Todesschrei rufen.«

»Den Hunger wollte ich tragen,« sagt Seiwo, »aber die Zunge verlangt nach Wasser, ich kann nicht mehr ...«

Unterdessen hat sich die Sonne blaß über den Bergrand gehoben. Nebel treibt talaufwärts, wie ein dicker Strom kommt der Dunst geflossen, schon wird das Bachbett verhüllt; milchweiß steigt die graue, undurchsichtige Luft von Klippe zu Klippe, bald ist auch die Kluft, welche die meisten Feinde birgt, kaum mehr zu sehen.

»Seid ihr bereit?« fragt Keier fast unhörbar, »das ist Rettung!«

Usold löst den Hund und nickt, Suwil und Seiwo fassen ihre Waffen.

»Das ist ein Geschenk der gütigen Sonne,« sagt Keier feierlich; dann klettert er den anderen voran, die jähen Klippen an der Bachseite hinunter, in die scheinbar bodenlose, unermeßliche Tiefe.

Fast sind die vier unten, als ein Stein polternd sich löst; und zugleich schrillt von oben der zornige Schrei der Zwerge, sie haben gleichfalls den Nebel benutzt, um einen neuen Sturm zu wagen.

Sie finden die Fläche leer.

Wieder beginnt die stürmische Flucht auf die Heimat zu.

finis
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