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Die Patentochter des alten Fritz

Henny Koch: Die Patentochter des alten Fritz - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorHenny Koch
titleDie Patentochter des alten Fritz
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
illustratorH. Grobet
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150619
projectidf5c0c5f6
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Menschen- und Völkergeschicke.

Der Mai hatte Einzug gehalten. Ein Mai wie er im Buche steht mit Himmelsblau, mit Sonnengold, mit Vogelsang und weißen Blüten. Überallhin hatte er die verstreuet, am kleinsten Busch waren sie hängengeblieben und der brüstete sich und tat wunders wie groß. War ein Freuen rings und ein Wachsen und Werden, das einem das Herze weitmachte in eitel Lust und Übermut.

Auch im Verwalterhaus zu Lissa war ein gar absonderlich Leben und Regen, ein festlich Treiben, wie es das alte Haus noch niemalen geschauet. Sollte ja eines seiner Kinder hinaustreten aus seinem Schutz in die Welt da draußen und beweisen, welch fürtreffliche Frucht hervorging aus seinen Mauern.

Stolz war das alte Haus auf die blonde stattliche Maid, die aus seiner Türen ausgehen sollte und es hatte sich einen grünen Fest- und Freudenschmuck um die altersgraue Stirn geschlungen, darunter es gar verwogen und absonderlich ausschaute. Grüne Girlanden wandten sich von Fenster zu Fenster und vor der Tür woben zartgrüne junge Birken einen frühlingsfrischen Baldachin.

In dessen Rahmen erschien soeben das Brautpaar. Er, der Leisetritt, schmäler noch und schmächtiger als sonst in dem schwarzen Festrock, der ihm fast bis zu den Knöcheln ging. Aber das Antlitz war das eines Verklärten und leuchtete in schier überirdischem Glanze. An seiner Zeiten die blonde stattliche Braut trug denselben Schein in dem lieben Gesicht. Der Myrthenkranz auf dem im Sonnengold hell aufleuchtenden blonden Scheitel stund ihr gar gut, wie Pfirsichblüten sah das Antlitz drunter vor. Gar stattlich wallte die schwarze Seide an ihr nieder, die Frau Mutter hatte hieran nicht gespart.

Die kam mit dem Herrn Vater hinter dem Brautpaar her, ehrbarlich und stattlich anzuschauen beide, recht ein Ehrfurcht gebietendes Elternpaar.

Und dann kam noch ein Paar. Er ein Hüne, blond und aufrecht, tappenden, unbehilflichen Schrittes, da ihn der Stelzfuß hinderte. Manch eines zuschauenden Mägdleins Auge folgte ihm wehmütig und des Erbarmens voll.

Die Kleine an seiner Seiten aber schaute hell darein wie der Maientag selber. Hüpfte gar leichtiglich dahin als wie ein Bachstelzlein, wippte das weiße volle Röcklein und hatte sich einen Apfelblütenkranz in die braunen Locken geschlungen, unter dem die braunen hellen Augen gar vergnüglich in die Runde lachten.

»Ist es dir nit gar genierlich, Fritze Viktörchen, mit einem Krüppel, wie ich einer bin, zur Kirchen zu gehen, he?« Mißtrauisch hatte sie des Jost Auge dabei gemustert.

Aber die Kleine hatte ihn angelacht: »Bist mein herzlieber Bruder Jost. Was du sonsten noch bist, weiß und sehe ich nit. Wo es dir nur nit genierlich ist, mit solch einem Flederwisch und halbwüchsigen Dinglein, das keiner noch nit für voll erachten möchte. Hat mir der Herr Vater erst vorhin die Wange gekoset und gesagt: ›bin froh, Kind, daß du so ein winzig klein Mägdlein bist, an das keiner wird denken, weil es daher huschet als wie ein Geistlein.‹ Hab' dem Herrn Vater einen Knicks gemacht und hab' gelachet, ist mir aber doch bitter eingangen, daß ich sollt' nit mitzählen dürfen von wegen meinem kleinen Maß. Was meinst, Goliath?«

Was er meinte, sagte er nicht, hätt' aber jedeine aus seinem Gesicht lesen können, was er dachte.

Tat es das Elflein auch und wurde rot über das ganze Gesichtchen, war ihm wenig behaglich dabei zumute.

Sie schritten alle zur Kirche hin. Ein stattlich Gefolge noch hinter den drei oben vermeldeten Paaren. Der Herr Vater und die Frau Mutter, desgleichen die Kinder des Hauses hatten gar viele Freunde.

Sie schritten durch die weit geöffneten Kirchentüren. Drinnen brauste Orgelklang, weihevoll und hehr. Dann war tiefe feierliche Stille.

Und wie sie danach wieder an das Gotteslicht, in die goldne Sonnen traten, da war aus dem Leisetritt und der blonden Malene, der Herr Organiste desselben Namens mit seiner Frau Eheliebsten geworden. Magdalena Brömel, des Verwalterhauses blondes Kind und guter arbeitsamer Hausgeist, war dahinten geblieben.

»Dein Weg ist mein Weg und dein Volk ist mein Volk,« so sagte sie hinfüro zu dem Leisetritt an ihrer Seiten und wandte dem guten alten Elternhaus den Rücken. Zog an seiner Seiten, des Leisetritt Seiten, hin in die ferne Stadt, allwo sie ihm das Heim, das er ihr bereitet hatte, wirklich zum Heim machen wollte als seine tugend- und ehrsame Hausfrau.

Einstweilen aber lenkte sie die Schritte noch einmal dem Elternhaus, dem zu ihrem Ehrentag bereiteten Festmahle zu. Und ihr war, als Seien die sonst so unebnen und spitzigen Pflastersteine der lieben, trauten Gasse, die ihr so wohl vertrauet waren, urplötzlich zu Wolken geworden, über die der Fuß dahinglitt wie im Traume. Und am blauen Himmelszelt schienen Engelein ihre Pausbackgesichtlein vorzustrecken mit weit geöffneten Mäulchen, aus denen ein Lobgesang strömte, der Ohr und Herzen füllete mit süßem Klang. Musiziereten auch deren etliche aus Geigen, Flöten und Zimbalum, die blonde Malene und Frau Organiste Leisetritt hörte es ganz deutlich.

War dann ein gar vergnügliches Festgelage daheim in der lieben alten Stube. Hatte die derlei nicht annähernd gesehen, seit der Jost als Windelkind dermalen war in den Bund der Christenheit aufgenommen und war als Sohn und Erbe gleich einem Prinzen gefeiert worden.

Was dermalen an dem blonden Mägdlein, das dem Bruder folgete, an Feiern versäumet worden, eben weil es nur ein Mägdlein war, das holeten der Herr Vater und die Frau Mutter anjetzo mit Bewußtsein nach. Hatten gelernet, wie hoch eine getreue Haustochter zu bewerten sei.

Bis tief in die Nacht dauerte das Feiern und ließ es sich der Herr Vater ein Erkleckliches kosten an Braten, Wein und Kuchen. Schalleten Gesang und Geigenspiel weithin über die nächtlichen Gassen und klangen der Männer Stimmen nit allzu wohllautend, denn allwo der Wein also reichlich fließet, wandelt sich der Mannen Art gar leichtiglich in geräuschvoll unschön Treiben.

Aber da die Mitternacht Einzug hielt, besann sich die Frau Mutter auf ihr gestrengstes Regiment und bedachte, daß Gastfreundschaft wohl eine fürnehme Tugend sei, daß aber trunkene Mannen gar wenig fürnehmen Anblick darstelleten und sie fegete ihr Haus rein mit freundlicher Gewalt.

Lagerte danach eine gar friedliche Maiennacht über dem alten Hause, deren sich aber die feier- und freudemüden Bewohner wenig oder gar nicht versahen.

Nur aus dem Giebelstüblein zuhöchst im Giebel streckte sich des Elfleins brauner Wuschelkopf, von dem die Apfelblüten längst gelöst worden waren, und versonnene Braunaugen blinzelten in den Zauber der Maiennacht.

Aber nicht allzulange, dann schlossen auch sie sich in friedlichem Schlummer. Langsam und feierlich vollendeten die Sterne ihre Bahn. – – – – – – – – – – – – – –

Es war still geworden im Verwalterhaus zu Lissa. Die blonde Malene fehlte gar sehr. Man hätte denken können, ihr Blut sei gar überschäumend und ihre Art laut und lärmend gewesen; so öde dünkete es die Ihren, seit sie davongezogen war. Und war doch solch still beschauliche, besinnliche Maid gewesen, die große blonde Malene, hatte kein unnötiges Wort gehabt und ihr Lachen war lautlos, saß in den Augen zumeist, und ihr Tun war allzeit still geschäftig, eines emsigen Bienleins Wirken.

Und doch – wie fehlte sie allüberall.

Wie die Frau Mutter sie mißte in Küche, Haus und Keller, die treue hilfreiche Gefährtin, das können Worte nicht wiedergeben. Wohl mühete sich das Kind, die Fritze Viktoria, nach Kräften, das ihre zu tun, aber wie hätte sie es je der blonden Malene gleichtun können an Fleiß und Umsicht?

Jeweilen strich ihr die Frau Mutter über den Scheitel: »Bist mein gutes Kind, Fritze Viktörchen!« Aber es lag eine Nachsicht in dem Ton und ein Sehnen in der Krau Mutter Augen, die klarer redeten als Worte.

Und manch ein Seufzer flog auch von des Elfleins Lippen der großen blonden Schwester nach.

Der Herr Vater merkte erst, da er sie nimmer schauen konnte, wie gerne seine Augen auf der blonden stattlichen Tochter gerastet hatten, währenddess' er geruhsam sein Pfeiflein schmauchte; und dem Jost fehlte der Schwester tröstlicher Zuspruch, ihre milden, erbarmenden Augen, ihre kosende Hand erstaunlich. Fehlten ihm um so mehr, als sich eine Wand erheben zu wollen schien zwischen ihm und der kleinen Ziehschwester.

Genau wußte er seit wannen. An der blonden Malene Hochzeit war es zuerst gewesen, daß er Scheu in der Kleinen Augen hatte aufglimmen sehen. Und diese Scheu hatte sich bis zu diesem Tage nimmer verlieren wollen, so sehr die Kleine lachte, ihn neckte wie sonsten und sich mühte, nicht dergleichen zu tun.

Und er wußte auch desgleichen genau, was der Grund war zu dieser Scheu.

An selbigem Festtage mit seinem Überschäumen und seinem Gehenlassen hatte er, der Jost, sich nicht in der Gewalt gehabt wie sonsten wohl, war nicht auf der Hut, gewesen, genugsam zu bergen, was in ihm wühlete, wenn er die Kleine sah, die ihm nicht Schwester war, wenngleich sie ihn Bruder nannte.

Er hatte das Elflein erschreckt und gescheucht mit den heißen Augen, das hatte er wohl gesehen und war ihm seither auch nicht gelungen, das alte traute Wesen wieder wachzurufen.

Wollte und wünschete dieses auch gar nicht. Im Gegenteil, lechzete nach Klarheit und Gewißheit, als wie der Verdurstende lechzet nach einem Trunk frischen Wassers. Lange konnte er sich nicht weiter also quälen.

Sah die Frau Mutter wohl ihres Buben Not. Schüttelte die weiße Haube gar bedenklich, sagte aber kein Wort, nicht einmal zu dem Herrn Vater, weil daß die Mannen im allgemeinen keinen Blick haben für derlei und weil daß der Herr Vater im besondern keineswegs hellsichtig war. Dazu geneiget, über »Weibernücken« gar mitleidig und erhaben den Kopf zu schütteln und zu lächeln, wie unser Herrgott lächeln mag über der Menschlein kurzen Verstand. Schwieg also die Frau Mutter, hielt aber die Augen offen, absonderlich, wo ihr das Kind, die Fritze Viktoria, in den Weg lief. Seufzete dann des öfteren, schüttelte die weiße Haube stärker und wer genau hinhörte, konnte der Frau Mutter Seufzer verstehen, der meist also lautete: »Armer Bub! Mein armes Kind!«

Wer aber nun schlösse, daß sich der Frau Mutter Herz verhärtete gegen das Elflein, die arme elternlose Waise, der kannte die Frau Mutter schlecht. Gerecht war sie und gut und hatte ein warmes Herze, und dieses auf dem rechten Fleck – das Elflein war in treuer Hut.

Und kam ein Abend im Anfang des Junimondes. Die weißen Maienblüten waren verwehet. Knospete und sproßte es dafür um so reicher. Hatten die Bäume ihre kleinen vielversprechenden Früchte angesetzt, trieben die Sträucher kräftige Schößlinge, wollten die Rosen sich erschließen und tönete der Vögel Schlag gar eindringlich und verheißungsvoll. Tiefer blauete der Himmel und der aufziehende Mond stand darinnen, hehr und geheimnisvoll wie das Gottesauge selber.

In der Laube des Gartens am Verwalterhause, dort wo die Wasser der Weistriz träumerisch plätscherten und plauderten, saß das Elflein, saß Fritze Viktoria Mollwitz auf der Bank, hatte den Ellenbogen in den Fensterrahmen und das Köpflein in die Hand gestützt, schaute durch das Geißblattgeranke in den Mond, hatte sich und die Welt rings vergessen.

Sie sah drum auch nicht, daß ein Schatten jetzt über den roten Rosenbaum und dann über den Lilienbusch daneben sich senkte und so weiterglitt über all die Büsche und Blumen, die zu beiden Seiten den schnurgeraden Weg blühend säumten. Sie hörte die Tritte nicht, die gar nicht leise sich näherten, nein unregelmäßig und schwer dahertrappeten, woran der Stelzfuß und die Hünengestalt des Nahenden die Schuld trugen.

Des Elfleins Träume waren irgendwo im Mond, so eingehend hingen die Augen an dessen leuchtender Scheibe. Oder bereiseten sie sonsten ein Land? Wer wollte dieses sagen? Wer könnte bestimmen, welche Wege der Mägdlein krause Gedanken wandern?

Jedenfalls war es kein allzu vergnügliches Sichwiederfinden daheim in der Geißblattlaube, denn der Kleinen Gesichtlein zeigte sogar etwas wie Schreck, da sie den Störenfried erkannte.

»Was suchet der Goliath im Mondenschein, he? Vermeinete, ein Männertrunk und ein Männerwort mit dem Herrn Vater seien ihm bekömmlicher.«

»Hab' dich gesuchet, Fritze Viktörchen.«

»Von wannen käme mir die Ehre, Goliath? Ha, ha, ha!«

»Laß das Scherzen, Mädchen, hab' im Ernst mit dir zu reden.«

»Will der Goliath etwan wieder ausreißen, he?«

»Spott, Fritze Viktoria? Dächt', der da verbiete das Ausreißen.« Wies dabei den Stelzfuß und war ein Trauern in seiner Stimme.

Die Kleine schmolz. »Mußt nit klagen, Jost. Siehest nit, wie glücklich ohn' Maßen der Herr Vater und die Frau Mutter sind, daß sie ihren Buben wiederhaben dürfen? Weißt nit, was du ihnen bist?«

»Und was wär' ich dir, Fritze Viktoria?« Es war ein heiseres Flüstern.

Hell kam die Mädchenstimme dagegen und war doch ein leichtes Beben darinnen:

»Warst und bist und bleibst in alle Ewigkeit mein herzlieber Bruder Jost.«

»Und darf nit mehr sein? Bedenk' dich, Mädchen, hänget gar viel an deinen Worten.« War eine lange Pause. Es rauschte der leise Nachtwind in den Baumkronen, es stieg und schwoll der Blumen Duft, verschlafen zwitscherte ein Vögelein, neben der Mondenscheibe waren zwei funkelnde Sternlein erglommen. Lautlos wiegten sich die Geißblattranken, ihre Schatten huschten über die zwei jungen Gesichter.

Dann erklang die Mädchenstimme wieder, hatte was Wehes und doch was Festes im Ton, sagte nur: »Bruder Jost! Mein Bruder Jost.«

Und war desgleichen eine lange Pause danach. Lautloser, lastender als die zuvor. Kein Laut kam von des Mannes, von des Mädchens Lippen. Aber eine kleine Mädchenhand hatte sich tastend nach des Mannes Hand gestohlen, streichelte und koste da weich und lind, war auch nach kurzem, rauhem Widerstand geduldet worden. So saßen sie als Geschwister, Hand in Hand, eine lange Weile.

»Ist's darum, weil ich nur ein Bein habe, Fritze Viktörchen?« Demütig kam's und leise.

»Und wenn du deren viere – –« Da war sich das Elflein der Sonderbarkeit seines Ausspruchs bewußt, und ein Lachen wollte es ankommen. Erstickte aber alsbald, da ein Mondenstrahl über des andern Trauermiene huschte.

»Laß mich deine herzliebe Schwester bleiben, Jost, mein Bruder, hab' dich so lieb, wie nur immer eine Schwester einen Bruder lieben kann. Hänget mein Herze an dir, als wie an einem leiblichen Bruder, glaube mir. Stoß mich nit von dir, Jost. Hab' ja keinen sonsten in der Welt, als euch, Jost. Wüßt' nit, wohin den Fuß setzen, dürfet ich nit bei euch verweilen. Wollst ein arm Waislein austreiben, Bruder Jost? Willst mir alles nehmen, was ich liebhabe?«

Herzbeweglich flehte das Stimmlein. Der, dem solch Flehen galt, nahm sein Herz in beide Hände: »Will dir ein getreuer Bruder sein alsfort, bis an meines Lebens Ende, so helfe mir Gott!«

War als wie ein Schwur. Und wenngleich ein Schmerz in der Mannesstimme nachzitterte, war ein Ton darinnen, der war wie Erzes Klang.

»Herzensdank, mein Bruder Jost,« hauchte ein feines Stimmlein.

Wie eines Vögleins Zirpen klang es an des Mannes Ohr. Er war schon eine Strecke weit dahin zwischen den Blumen, die den Weg säumten. Ihm dufteten sie nimmer an diesem Abend und des Mondes Licht hatte seinen Schein verloren. Mühseliger und schwerer war sein Schritt, da er seinen Schmerz bergen ging in der Stille seiner Kammer.

Die Frau Mutter hatte mit wachem Auge ihn ausgehen sehen zuvor im Mondenschein. Tränen waren ihr über das Gesicht gelaufen: »Mein armer Bub!«

Sie hörte ihn wiederkehren, hörte seinen schweren Schritt, wußte, welch eine Last er mit sich hineintrug in seine stille Kammer.

»Hilf ihm, Herr des Himmels!« Also flehte die Mutter für ihr Kind.

Und sie lauschte dem leisen Tritt, der kurz danach über die Dielen huschte. Nicht leicht und schnell wie sonsten in jungfrischer Kraft – auch hier hatte des Lebens Gang ein Bündelein zu tragen auferlegt.

Und die Frau Mutter nickte: »Ernst ist das Leben und keinem ist beschieden, nur zu lachen. Wichtlein, mein armes.«

»Willt nit das Licht löschen, Weib? Möcht' anjetzo meine Ruhe haben.« Also brummte der Herr Vater und warf sich ungeduldig nach der andren Seite.

Da verlöschte das letzte Licht im Verwalterhause zu Lissa. Nur der Mond hatte das Regiment und stieg höher und höher, und leuchtete gleich hell als wie an jedem Abend sonsten. Was sind den Gestirnen Menschengeschicke? – – – – – – –

So gingen die Tage hin und war in dem Verwalterhaus zu Lissa, als ob es immer so gewesen wäre. Der blonden Malene Spur als Haustochter wollte sich verwischen, die Frau Kantorin Leisetritt in Breslau war an ihre Stelle getreten. Des Haussohnes Jost Kriegs- und Wanderjahre verblasseten; wäre der Stelzfuß nicht gewesen und der Lärm von außen, der ihrer stets gemahnete, es hätte jeden bedünken mögen, der in Haus und Hof so unermüdlich Tätige habe niemalen seinen Posten verlassen gehabt. Wie ein schlimmer Traum waren die Sorgenjahre dem Herrn Vater, der Frau Mutter.

Und das Ziehkind des Hauses, Fritze Viktoria Mollwitz?

Gleich als wie durch alle die Jahre, Monden und Tage schlüpfte das Elflein mit der Geschmeidigkeit des Eidechsleins auch durch diese hin, mit Schelmerei, mit Necken und Lachen wie einst. Vielleicht, daß bisweilen ein Quentlein mehr Ernst in seinen Reden, seinem Tun, ein Weniges mehr Träumen in seinen Augen war. Stand ihm aber wohl an. Ein Abbittendes war in Blick und Ton dem Pflegebruder gegenüber und das war das Einzige, was an den Mondenabend in der Geißblattlaube gemahnte. Sonst ging, wie gesagt, alles seinen alten, geweisten Gang.

So geruhig das Leben im Verwalterhaus sich abzuspielen anschickete, so wenig wollte es Ruhe werden draußen in der Welt. Und wollte des Krieges Ungewitter sich hinwiederum über dem schlesischen Lande entladen.

Die Russen unter Butturlin und die Österreicher unter Laudon gedachten sich hier zu vereinigen und gemeinsam dann dem preußischen Helden und König den Garaus zu machen. Ihre Gesamtmacht war ihm weit mehr als das Doppelte überlegen. Sie vermeinten, ihn nun sicher zu vernichten.

Er, der Große, Unerschrockene aber, der nie frischeren Mut hatte, als wenn die Wolken sich am dichtesten um ihn ballten, die Blitze am feurigsten niederzüngelten, er eilte heran, die Feindespläne zu stören, womöglich die Vereinigung beider Heere zu hintertreiben.

Es glückte nicht. Bei Striegau standen die geeinten Feinde, an die hundertvierzigtausend Mann gegen Friedrichs, des Helden, fünfundfünfzigtausend!

Ein Angriff wäre Wahnsinn, ein unnützes Aufopfern gewesen.

So hoffte der kluge Held auf einen andern Bundesgenossen, den Hunger, da die Speisung solcher Massen naturgemäß mit großer Schwierigkeit verbunden sein mußte.

Er bezog mit den Seinen ein Lager bei Bunzelwitz, dessen starke Befestigungen wie durch Zauber entstanden schienen. Die ganze Armee beteiligte sich an den Schanzarbeiten, Tag und Nacht. Kein befestigtes Lager nur, eine Festung mit Wällen, Gräben und Batterien fanden dann die Feinde, als sie nach Erledigung der eignen Maßregeln über Stellungnahme und Angriffspläne vorrückten, nach dem Feinde Ausschau zu halten. Eine Festung, über Nacht aus dem Boden gezaubert!

Rings lagerten nun die feindlichen Heere, der große König und die Seinen konnten stündlich eines Angriffs gewärtig sein. So galt es Aufmerken bei Tag und bei Nacht. Redlich teilte der Held die Mühen der Seinen. Er wachte mit ihnen, schlief mit ihnen auf Stroh am Lagerfeuer. Ein Strom der Begeisterung und des festen Willens ging von ihm aus die Seinen über.

»Wenn der Fritz bei uns ist, fürchten wir den Teufel nit, der muß sich vor uns fürchten!« so sagten und so fühlten sie.

In des Helden Brust sah es nicht ganz so zuversichtlich aus. Er wußte, einem ernsten Angriff der Feinde würde er nicht widerstehen können. Als der große Weise, der er war, hatte er richtig gerechnet auf Bundesgenossen, die nicht Kämpfer waren und doch gewaltig für ihn stritten: neben der Massenverpflegungssorge die Uneinigkeit der wider ihn Verbündeten.

Davon mag ein Brief erzählen, den der Rittmeister Jaroslav von Rosowsky an Jost Brömel schrieb. So schrieb er:

»Im Lager zu Strehlen, Dezembris 1761.

»Mein lieber Jost, Lebensretter und Kamerade!

»Da ist denn allbereits viel Wasser eure Weistriz hinuntergeflossen, seit man Ihn hat heimgebracht als Einen, der fürder müsse verzichten auf ein frisch und fröhlich Reiterleben. Tut mir in der Seele leid, misse Ihn auch ungern und noch immer, denk' Seiner oft und viel, wenn gleich Er wohl vermeinet hat, Er wäre längstens vergessen, da mein versprochenes Schreiben sich erst nach Jahresfrist einstellet, die kleinen Zettel ungerechnet, die Ihm zu Anfang Kunde gaben. Ist eben die Feder eine Waffe, die den ehrlichen Reitersmann schwerer dünket zu handhaben als der Pallasch. Weiß Er ja selber, Jost Brömel, oder hat Er die Reiterzeit schon vergessen, he?

»War am Tag bei Liegnitz, daß Er hat bluten müssen, Mann, oder trügt mich mein Gedächtnis? Könnt' einen nit wundernehmen, sehe gar vieler Mütter Söhne bluten an meiner Seiten. Dann kam für uns Husaren ein lustig Reiterstücklein, da wir den Kolbergern zu Hilfe eileten. Heidi! flott war's, hättet sollen dabei sein, Jost Brömel! Vermeineten die Russen und Schweden, unser großer Fritze rücke an mit seiner ganzen Macht, kriegten nit bitter das Laufen. Haben viele das Schwimmen gelernet, retteten sich nur mit vielen Mühen auf die Schiffe, waren die russische und desgleichen die schwedische Flotte aufgefahren, Kolberg zu verderben. Nahmen also Reißaus und war den braven Kolbergern Luft geschaffet. Hatten sich gar wacker gehalten in ihrer Bedrängnis.

»Haben aber dennoch die Kerle, die Russen, zu Land unsres großen Königs Residenz nit übel gebrandschatzet, haben das Charlottenburger Schloß, wo er seine liebsten Kunstschätze barg, sagen sie, gar mörderlich zerstöret und geplündert. Hat unser Fritze nit können rechtzeitig kommen, solche Greuel zu verhüten. Hat aber die bloße Kunde seines Anrückens, hat sein bloßer Name die Feinde dermaßen geschrecket, daß sie sind zerstoben als wie Spreu zerstiebet im Winde. Hat unser Held nit müssen weiter in die Mark vorrücken, hat können sich wieder denen andern Feinden zuwenden, die derweilen das sächsische Land wieder besetzet hielten.

»Und kam dann der Tag bei Torgau. Werdet davon gehört haben, Jost Brömel, und daß es unsrem alten Zieten vergönnet war, seinem und unsrem großen König und Helden den Tag zurückzugewinnen, der schon verloren war.

»War ein heißer Tag, Jost Brömel, aber der glorreichsten einer. War mir vergönnet, unsrem Königshelden die Kunde zu bringen von dem endlichen Siege. Werd' dies nimmer vergessen, Jost Brömel, und wenn ich eisgrau bin und ein Greis am Stabe.

»Saß der Heldenkönig, den selbsten eine Kugel getroffen hatte, so war er mitten im Gedränge gewesen, saß der Held in einer kleinen Dorfkirchen in des Schlachtfelds Nähe. Draußen loheten die Häuser des Dorfes, war ein Jammern und Klagen. Innen im Kirchenraum war Totenstille, gähnende Nacht, nur erhellet von einem armseligen Flämmlein an des Altares Stufen. Und dort saß unser großer Fritze, hatte die Hände über der Brust gekreuzet und die Königsaugen starreten trübe ins Weite.

»›Majestät,‹ sage ich, ›mein General lässet vermelden, daß der Tag Euer Majestät sei. Der Feind ist geworfen.‹

»Hättet sollen den Freudenblitz in den Königsaugen sehen, Jost Brömel! Leuchteten auf einer Sonnen gleich. Fuhren über mich hin mit sengender Glut, senkete aber die meinen nit. Wußte, solch einen Augenblick erlebete ich nur einmal. Sah mit Strahlen in die Königsaugen. Redeten Welten.

»Sagte aber der Königsmund nur: › Merci, Monsieur!‹ Wandten sich Majestät dann der gähnenden Schwärze im Raume zu, wo ich anjetzo Gestalten zu unterscheiden vermochte – des Königs Suite, viele verwundet wie er – und war ein Triumphierendes in der Königsstimme, klang als wie Posaunenton: › Eh bien, mes braves! Hab' ich es nicht gesagt? Die Batallje ist unser. Ich kenne meinen alten Zieten doch!‹

»Und wandten sich Majestät danach zu mir: ›Vermeld' Er Seinem General meinen Königsdank, mein Sohn. Nehm' Er selbsten auch meinen Dank für die Kunde, die Er mir gebracht hat. Bin Ihm sehr obligieret.‹ Sprach's und wandte sich.

»Hab' wollen etwas sagen vom überreichen Lohn, der für mich darin gelegen habe, Überbringer solcher Kunde sein zu dürfen, hab' wollen submissest stammeln, wie ich solches nimmer vergessen werde und dergleichen mehr, waren aber Majestäts Augen schon in Weiten und Majestät humpelten nach den Stufen des Altares, allwo Sie sich niederließen, Depeschen zu schreiben und Ordres zu geben.

»War also abkömmlich und trabete durch die Nacht, mein Herz dem galoppierenden Tiere voraus bei meinem General, dem ich den Königsdank zu bringen hatte.

»Hab' dann auch sehen dürfen, wie die zwei Helden sich andern Tages begegneten. Weinete unser Heldenfritze und konnte nit ein Wörtlein sagen, da er seinen alten Getreuen umarmete. War ein Anblick, Männertränen zu rechtfertigen. Hab' mich der meinen nit geschämet, Jost Brömel!

»Ist dann ein Winter kommen voll Nichtstun und Langerweile. Haben zu Leipzig im Quartier gelegen. Soll sich unser Held, der Fritze, nit übel vergnüget haben mit denen Herren Dichtern und Musikern, diemalen er gleich groß ist in den Künsten des Friedens als wie denen des Krieges. Soll sich selbsten der Poetica befleißen, sagen sie. was für mich noch viel erstaunlicher ist, als daß er vermag, denen Feinden aufs Kollett zu rücken, als wie nur er es verstehet.

»Sind dann, wie der Lenz ist kommen, ins schlesische Land eingerücket, was Er so gut wird wissen, als ich es Ihm sagen kann, Jost Brömel.

»Haben wollen denen Herren Feinden die Rechnung versalzen, also, daß sie nit kunnten sich vereinigen. Ist aber nit gelungen, sintemalen die Fortuna ein launisches Frauenzimmer ist, war und bleibet, insonderheit die Kriegsfortune.

»Haben müssen bei Bunzelwitz ein Lager beziehen und uns allda verschanzen gegen die Herren Feinde, wo uns waren überlegen um fast zween Dritteile.

»Haben geschanzet Tag und Nacht, Jost Brömel, Offiziers und Mannen. Haben denn auch denen Herren Feinden ein Schnippchen geschlagen, wie sie anrücketen, vermeineten uns schon in der Falle zu haben und uns also verbarrikadieret fanden. Sollen sich nit übel erstaunet und baß erzürnet haben. Hat einer dem andern die Schuld geben und ist Streit und Hader gewesen, also daß sie nit konnten zu einem festen Plan und Entschluß kommen, uns anzugreifen.

»Also blieb es während dreier Wochen, Jost Brömel. Haben viel Not und Entbehrung gehabt, wir Eingeschlossenen und Abgeschnittenen. Haben müssen Tag und Nacht auf unsrer Hut sein, daß nit der Feinde Übermacht uns überrumple. Wären verloren gewesen allesamt.

»Taten aber nit dergleichen, die Herren Feinde. Wagten sich nit an uns und unsern Helden heran, der unter uns war als wie ein guter Kamerad, Not und Arbeit teilete, hier mit Zuspruch kam und dort mit anfeuerndem Beispiel. War als wie ein Vater, ein Bruder und ein Freund. Hält' jedeiner von uns mögen den letzten Blutstropfen für ihn hingeben.

»War in der Frühe des 1O. September, da sahen wir die Russen abrücken in dichten Scharen. Sollen sich mit dem Laudon nit haben vertragen können und war dieserhalben wie immer in der Welt: wo zween sich streiten, profitieret allemal der Dritte.

»Auch der Laudon mit den Seinen zog sich danach in eine feste Stellung zurück. Wir waren frei!

»Vierzehn Tage durften wir im Lager rasten, unser König und Vater wollte dieses so. Dann haben wir das Lager abgebrochen und gedachten, den Laudon aus seiner Stellung vorzulocken. Was der nit einging. Im Gegenteil. Da wir dieserhalben von Schweidnitz abgerücket waren, zween Tagemärsche weit, überfiel er die Feste und zwang sie in seine Hände. Hatte somit festen Fuß gefasset für den Winter im schlesischen Lande und war darwider nichts zu machen.

»Sollen alle, die davon verstehen, sehr gebeuget gewesen sein. Nit also unser Held und König. Lässet den Mut nicht sinken, erst recht nit, wo's am tollsten stürmet wider ihn.

»Sind dann gen Strehlen gezogen, allwo der König Quartier hat. Das Heer ist ringsum in den Dörfern verstauet. Werden den Winter hier ausharren müssen. Will Ihm noch vermelden, daß der Khan der Tataren hat Botschaft gesendet, daß er unserm Helden wolle im nächsten Jahre Hilfe leisten gegen die Russen. Hat unsres Königs Majestät den Gesandten gar huldvoll aufgenommen. War ein gar schnurrig Ding, die fremden Kerle zu sehen mit ihren zottigen Gäulen, selber so zottig wie die.

»Ist unsrem Helden jedwede Hilfe recht gegen die Widersacher, die zahlreich sind wie Sand am Meere. Soll auch der Türke, der Sultan, uns helfen wollen, sagen sie. Uns kann's recht sein!

»Und muß Ihm noch Eines vermelden. Ist ein gar schändlicher Anschlag gewesen gegen unsres Helden Leben oder Freiheit. Haben ihn wollen lebendig oder tot denen Feinden ausliefern. Ist ein Baron Warkotsch gewesen, wo unsres Herrn Königs Majestät des öftern hat aufgewartet – hab' ihn selbsten gesehen in Woiselwitz – allwo der König sein Quartier hat aufgeschlagen. Dabei hat der Verräter alles ausspionieret, auch daß unser Held nur eine kleine Bedeckung hat herangezogen zu seinem Schutz. Hat sich der Baron mit einem feindlichen Oberst verbündet, hat ihnen ein Geistlicher Zwischenträger gespielet.

»Wollte aber der Herrgott nit, daß sein größter Held hienieden also schmachvoll verdürbe. Hat er dem Jäger eingeben, der die Briefe vom Baron an den Geistlichen zu überbringen hatte, daß er Verdacht faßte. Wie er wieder sollte Botengang tun, öffnete er den Brief und fand den schändlichen Verrat.

»Mit verhängtem Zügel sprengte er zu unsres Königs Majestät, den Brief abzuliefern. Las der von dem Komplotte wider Seine Höchsteigne Person und ergrimmete baß. Gab Befehl, die Verräter festzunehmen. Entkamen aber beide durch List. Soll unsrem Heldenkönig nit eben unlieb gewesen sein, dieweil er eine Scheu verspüret, Bluturteile zu unterzeichnen, sagen sie.

»Soll dann auch mit Lachen das Urteil an denen Bildnissen der Verräter haben vollstrecken lassen, dieweilen ihm deren Personen waren abhanden kommen. Soll gesaget haben: ›Wird kein Schade drum nit sein, so estimiere ich. Werden nit mehreres taugen als die Herren selber.‹

»Worinnen er hat recht gehabt.

»Und noch Eines, Jost Brömel, ehedenn ich die Feder aus der Hand legen kann, dies höchst beschwerliche Instrumente.

»Will Er der Demoiselle Pflegeschwester meine submissesten Exküsen vermelden, daß ihr der Ring, wo ihr ein kostbares Eigentum ist, noch nit wieder ist zugestellet worden. Hab' ihn selbsten noch nit wieder erlangen können, weiß aber, daß er in den besten Händen ist. Die Demoiselle Pflegeschwester möge sich dieserhalben einstweilen gedulden und ein Nachsehen haben mit mir als dem einzig Schuldigen. Ich lasse mich derselben zu Gnaden empfehlen.

»Euch einen ehrlichen Reitergruß, Jost Brömel.

Euer Rittmeister, so gewesen ist,
Jaroslav von Rosowsky.«

*

Und so kam der erste Mond des neuen Jahres 1762 herauf.

Am fünften Tage dieses Mondes geschah in der fernen Stadt Petersburg ein Ereignis, das allen politischen Dingen eine neue Wendung geben zu wollen schien. Die Kaiserin Elisabeth von Rußland, des großen Preußenkönigs erbittertste Feindin, legte sich hin und starb.

Ihr Neffe, Peter der Dritte, war ein glühender Bewundrer und Verehrer des großen Heldenkönigs, dem er als leuchtendes Vorbild nacheifern wollte.

Sofort ging eine Gesandtschaft an Preußens König ab, die diesen der wärmsten Freundschaft des russischen Herrschers versichern, ihm Waffenstillstand und Friede antragen sollte. Der kam am 5. Mai zustande. Alle russischen Truppen räumten besetztes preußisches Gebiet. Das russische Hilfskorps unter Tschernitscheff, das noch bei den Österreichern stand, erhielt Befehl, zu den Preußen zu stoßen und unter des großen Königs Leitung gegen die bisherigen Verbündeten zu kämpfen.

Im preußischen Volk, im Lager, herrschte eitel Wonne. Man hoffte den Krieg, der nun bereits 6 Jahre gewütet hatte, rasch zum glücklichen Ende führen zu können.

Friedrich zog seine Hauptmacht in Schlesien zusammen, wo er den entscheidenden Schlag gegen die Österreicher zu tun hoffte. Doch verzögerte sich der Angriff durch die Verhandlungen mit Rußland, und die Feinde gewannen Zeit, ihre Stellungen bei Schweidnitz aufs sorgsamste zu befestigen. – – – – –

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Im Lenz des Jahres 1762 kam die Kunde aus der Stadt Breslau, daß allda im Hause des Kantors Leisetritt ein junger Kantor und Organiste Einzug gehalten habe, der verspreche, in die Fußtapfen des Herrn Vaters und der Frau Musika zu treten, da seine Augen allbereits so blau und kinderfromm in die Welt schaueten, als wie des Herrn Vaters und Kantors seine, und die Stimme absonderlich hell und melodisch zum Himmelszelt steige, ganz anders als gewöhnlicher Kinder quiekende Schreistimmlein. Kurzum der neue Erdenbürger, der da Einzug gehalten habe im Kantorhaus zu Breslau, sei ein Himmelswunder, wie es sicher seinesgleichen nirgendwo gebe in dieser Welt der Unvollkommenheiten.

Also oder sehr ähnlich schrieb der junge Vater und Organiste Leisetritt. Und er schrieb weiter, die Frau Organistin und junge Mutter lasse bitten, daß Bruder und Schwester möchten kommen, das kleine Weltwunder und junge Organistlein über die Taufe zu halten, als dessen hochmögende und sehr geehrte Paten, so da versprächen, an Elternstelle dem kleinen Weltwunder einen gedeihlichen Fortgang zu schaffen, so es den leiblichen Eltern aus irgendeinem Grunde nit möge vergunnet sein, selbigen Weltwunders Blühen und Gedeihen selbsten zu fördern und zu erleben.

Selbiges, nur mit weit schöneren Schnörkeln und bilderreichen Redewendungen verbrämet, war der Kern des Schreibens, das der Herr Vater an einem sonnigen Lenzmorgen in Händen hielt und das zu entziffern ihm weidlich warm machte. Also, daß ihm die Pfeife schier erlosch und er gar unbehaglich an dem Käpplein rückte und also brummte:

»Möcht' wissen, weshalben der Leisetritt nit reden und schreiben kann, als wie es andre Menschen tun. Möcht' er jedwedes unnötige Wort müssen schlingen, also daß es ihm die Kehle würgete, solches ist mein Wunsch.«

»Sei nit unbillig, Mann,« lachete die Frau Mutter dagegen, »gehören Schnörkel und schöne Reden zu seinem Handwerk, als wie der Pflug und die Mistgabel zu dem deinen. Gott zum Gruß, Herr Großvater von solchem Enkelein!«

Standen aber dabei der Frau Mutter die hellen Tränen in den Augen und lief sie ein Weniges ohne Zweck und Ziel im Zimmer hin und her, als wie es sonsten nit ihre Art war, rückete hier einen gradstehenden Stuhl schief und klirrte dort gar bedrohlich mit einer Tasse, die als Zierat auf der Kommode stand. Und dann weinete sie mit einem Male hellauf: »Mich leidet es nit daheim. Ich muß nach den Kindern sehen. Sage mir keiner was dagegen, ich kann nit bleiben, ich kann es nit. Hu–hu–hu–hu!«

Selbiges war eine neue Erfahrung für den Herrn Vater und machte sie ihn ganz blaß und hilflos als wie ein kleines Kind. Er nahm die Pfeife aus dem Mund, schreckhaft weiteten sich seine Augen und er erhob sich halb von seinem Sitze, konnte aber nicht auf die Beine finden, dieweilen die so zitterten.

»Mutter,« stammelte er, »Mutter!«

Die weinete lauter und die weiße Haube schwankte als wie ein Segel im Winde. Dem Sohn und Goliath Jost erging es ähnlich als wie dem Herrn Vater. Auch er kannte sich nimmer aus in der Frau Mutter und erschreckte sich nicht wenig. Wovon sein Äußeres Kunde gab.

Die einzig Besonnene von allen blieb die Kleinste und Jüngste, das Elflein. Das sah mit hellen Augen, in denen das Koboldlachen saß, von den verängsteten Mannen zu der weißen Haube und was darunter schluchzte und war desgleichen ein Lachen in seiner Stimme, da es rief: »Was stehst und hältst Maulaffen feil, Goliath, he? Flink anspannen! Ich leg' derweil der Frau Mutter Sachen bereit. In einer halben Stunde kann sie abfahren. Ich sorg' daheim für den Herrn Vater und den Goliath. Die Frau Mutter kann gut abkommen. Ein Schock frische Eier lieget auch parat. Wie wird unsre Malene sich freuen!«

Ob über die Eier oder die Frau Mutter, erörterte die Kleine nicht weiter, sie schlüpfte aus dem Zimmer und man hörte ihre hastenden Tritte auf der Treppe. Ihr Wort war Erlösung für alle. Der Herr Vater und Jost stießen an der Tür schier mit den Köpfen zusammen, so eilten sie, den Befehl des Anspannens auszuführen.

Die weiße Haube stand strack und der Frau Mutter Antlitz darunter leuchtete unter Tränen als wie ein Aprilentag.

»Ja, lässest mich denn fahren, Mann? Kann ich denn fort?«

»Braucht dich keiner hier,« knurrte der Herr Vater.

Das hätte die Frau Mutter nun baß wurmen können, aber sie wußte, wie es gemeinet war, und war nun helle Sonnen in ihrem guten Gesicht.

War danach ein gar geschäftiges Treiben und Hantieren im Hause. Der Frau Mutter befehlgewohnte Stimme erschallte oben und unten, auf dem Speicher und im Keller, den Mägden Unterweisung zu geben. Konnte einem Unbeteiligten schier die Angst ankommen, ob solchem Hin und Her.

War aber zum Glück kein Unbeteiligter da, denn jeder stand auf seinem Posten. Wie danach der Wagen vorfuhr und die Peitsche ausfordernd knallte, dauerte es nur eine kleine Weile, bis die Frau Mutter reisefertig erschien.

Nun wollte ihr doch schier bange werden vor ihrem großen Unterfangen. Allein war sie noch nie »in der Welt draußen gewesen« und Breslau dünkte sie gleich dem Nordpol entfernt. Da war es ihr denn gar tröstlich, als sie ihren Buben auf dem Kutschbock thronen sah und ein hörbarer Seufzer erleichterte ihr das Herz.

»So leb' denn wohl, Mann. Ich muß zu dem Kind,« das war ihr letztes Wort an den Herrn Vater, der dabeistand und qualmte, daß man sich schier nicht in seine Nähe wagen konnte. Er knurrte einiges, das man nehmen konnte, wofür man wollte.

Die Frau Mutter nahm es sichtlich als einen Gruß an die ferne Tochter, denn sie nickte: »Will's dem Kind bestellen, Vater, und sie wird es dir auch danken, daß du mich ziehen lässest. Gott behüte euch alle!«

Damit zogen die Gäule an und der Wagen holperte übers Hofpflaster.

Noch einmal wandte sich die Frau Mutter, winkte dem Elflein zu: »Gott segne dich, Kind! Vergiß mir die Ferkel nicht, hörst du!«

Das war ihr wirklich letztes Wort. Dort rasselte der Wagen hin.

Sie mußten sehen, wie sie ohne die Frau Mutter zurechtkamen im Verwalterhaus zu Lissa. – – – – – – – –

Und dann kam ein Tag, ein goldner Maientag, in dessen Herrgottsfrühe der Wagen wiederum vor der Tür hielt, die zwei erkorenen Paten des jungen Weltbürgerleins dort im Kantorhaus zu Breslau zur weihevollen Tauffeier dahinzubringen.

Den Herrn Vater hatte kein gutes und kein böses Wort bewegen können, freiwillig aus seinem Frieden hervorzukommen. Da saß er an seinem schweren Eichentisch mit der Pfeife geruhsam im Munde und sah hinter dem abrollenden Wagen her, ein Zwinkern in den Augen und Eigensinn – Verzeihung – festen Willen um den Mund. Wenn die Brigitte, sein Weib, sich nach ihm sehnte, wie sie geschrieben hatte, mochte sie heimkommen. Er würde sich nicht aus seiner Ruhe aufstören lassen, nicht um den König von Preußen etwan, wenn der nicht kam, ihn aufzustören, wohlvermerket, viel weniger um so ein winziges Menschlein und wenn's ein Weltwunder war, wie der junge Organiste und Posaunenbläser dort im Kantorhaus zu Breslau.

Mochten die Weibsen und der Leisetritt, der selber ein halbes Frauenzimmer war, das Ihre tun in Bewunderung und Verhimmelung. Für derlei war er nicht zu haben. Er gönnte dem Buben und Enkel alles Gute und Schöne, aber – sollte mal erst heranwachsen und zeigen, was an ihm war. Freilich, die Malene war alleweil ein Prachtmädel gewesen, wenn er der Mutter nachschlug, dann war es nicht gefehlt, dann schadete auch die Frau Musika nit, von der der Leisetritt fabelte, die sein, des Herrn Vaters, Mißtrauen weckte. Was hatte das Frauenzimmer mit dem Büblein, seiner blonden Malene Kind, zu tun? Also sinnierte der Herr Vater und sein Pfeiflein dampfte.

Derweilen fuhr der Wagen mit dem jungen Menschenpaar durch das Maiensonnengold, paßte so recht in dieses und das frische Maiengrün hinein. War auch Sonne von innen und junges frohes Freuen am Leben. Wenn auch der Jost die Geißblattlaube und den Mondenabend darinnen nicht vergessen hatte, so war dem doch der Stachel genommen und er konnte sich ohne Herzweh an des Elfleins Schwesterliebe laben. Das zeigte ihm diese denn auch sonder Scheu und waren die beiden die besten Kameraden geworden. – – – – – – – – – – –

In der Prunkstube des Kantorhauses zu Breslau waren alle schonenden Hüllen von Malenens Stolz, den Polstermöbeln, genommen worden, zum erstenmal seit sie vor Jahresfrist hier Einzug gehalten hatte mit ihrem neuen Hausrat als junge Frau Kantorin. Die Sonne warf goldne Lichter über die mit weißem Sand bestreuten Dielen und alles blitzte in funkelnagelneuer Pracht.

Unter der offnen Tür stand die junge Mutter und lauschte den Schritten, die sich die Treppe herauf näherten. Schritte von vielen, von allen ihren Lieben, die ihr den kleinen Sohn im Triumph heimbrachten, als Mitglied der Christenheit. Namenlos war der kleine Erdenbürger vor einer Stunde auf der Großmutter Arm ausgezogen, die sich das nicht hatte nehmen lassen wollen, als Aloisius Peter Michael Fritz Jost Leisetritt hielt er hinwiederum Einzug im Elternhause, von Vater, Großvätern und Paten mit überwältigender Namenzahl belastet und war derselbe rotnasige Schreihals mit dem Runzelgesichtlein geblieben, in dem nur die Eltern und allenfalls die Großmutter das Weltwunder erblicken konnten, als das es der glückliche Vater beschrieben hatte.

»Da seid ihr ja! Und nun flink, der Kaffee wartet. Ihr müßt hungrig sein.« Ganz Hausfrau war die blonde Malene. Nein, nur noch Mutter, als sie danach ihren vielnamigen Jungen im Arm hielt.

Eine frohe Runde saß dann um den Tisch in der Prunkstube, auf dessen schneeweißer Decke Malenens bunt gemalte Tassen mit Goldrand sich gar stattlich ausnahmen. Und dieser stolze Kuchen! Hoch, wie ein Turm aus entsprechend breiter Basis. Der Frau Mutter und Malenens gemeinsames Kunstwerk.

Der Herr Kantor Leisetritt und glückliche Vater ließ es sich dann nicht nehmen, mit salbungsvollen Worten, wie sie ihm reichlich zu Gebote standen, seinen Sohn und Erben als nunmehro vollgültiges Glied der Christenheit im Elternhause zu begrüßen, schloß daran die Begrüßung der lieben Verwandten und gab der Hoffnung Ausdruck, daß diese es sich noch recht lange in seinem Hause gefallen lassen möchten, »allwo ihnen in dreifacher Glut Herzen heiß entgegenloheten, Kindesherzen und geschwisterliche desgleichen.«

Mit leuchtenden Augen lauschte die blonde Malene. Stolz rötete ihr die Wangen und Bewunderung heischend suchten ihre Augen die der andern.

Die Frau Mutter nickte ihr zu: »Er versteht's, Malene, hat das Wort auf der Zunge und die Töne an den Fingerspitzen, wie es seinem Gewerbe zukommt. Aber nichts für ungut, Herr Sohn, fahren tu' ich mit den beiden heim heute abend. Will mich mein Gewissen als Gattin und Hausfrau nimmer länger entschuldigen. Hab' schon allzulange mich meiner Pflichten entschlagen; vermeine, es sei an der Zeit, des Herren Vaters Geduld nit länger auf die Proben zu stellen. Was saget die Jungfer, he?«

Das galt dem Elflein, das mit Schäkern neben Malene und dem Kindlein saß und sich damit vergnügete, eines ihrer braunen Haare dem winzigen Wichtlein unter die Nase zu halten, was zur Folge hatte, daß die Fäustlein das rote Näslein dergestalt bearbeiteten, daß es gleich einem Karfunkelstein glühte. Als sich ein Niessturm einstellte, verbat sich Mutter Malene diese Mißhandlung ihres Fleisches und Blutes.

»Bist noch immer derselbige Kindskopf, Fritze Viktörchen, he?«

»Behüte! Ahnst ja gar nit, wie besonnen und weise ich geworden bin.«

Die Frau Mutter und Jost kriegten es zumal mit einem gar gewaltsamen Räuspern, das die Kleine mit herausforderndem Blick erwiderte: »Etwan nit, he? Hast was sagen wollen, Goliath? Frag' die Frau Mutter nur bei dem Herrn Vater an, ob er nit ist zufrieden gewesen mit meinem Regiment, derweilen die Frau Mutter ausgerissen waren, ha, ha, ha!«

»Scheinet mir hoch an der Zeit, daß ich wiederkehre, Mädchen, und die Zügel strammer fasse. Ist dies auch eine Sprache, wie sie sich gebühret zwischen Mutter und Kind? Besinn sich die Jungfer Naseweis!«

Aber das Elflein hatte die Arme um der Frau Mutter Hals und sah ihr mit warmen Augen tief ins Herze. »Nit zürnen, Frau Mutter, sind ja nur Worte.«

»Willt nit selber ein Weniges länger bleiben, Fritze Viktörchen? Willt nit sehen, wie der süße Bub – – –?«

Da setzte die berühmte Stimme des »süßen Buben« ein, die Stimme, die zu solch großen Hoffnungen berechtigte, da sie nach der Eltern Ansicht geradewegs ihm von Frau Musika als Angebinde in die Wiege geleget war, und wo er die ertönen ließ, war für kein ander Wort mehr Raum.

Sie lauschten mit Lachen und mit Geduld, Kaffee und Kuchen trösteten.

Und dann kam die Zeit zur Abfahrt heran. Die Frau Mutter blieb trotz Flehens der Tochter bei ihrem Entschluß und auch das Elflein wollte sich nicht halten lassen.

»Ist's wegen dem da, Kind?« Die blonde Malene zwinkerte zu dem blonden Bruder hinüber und war ein Necken in ihren Augen, da sie dies dem widerspenstigen Elflein zutuschelte.

»Was denkst?« wehrte sich dieses und lohte ihm heiße Glut übers Gesicht, »wir sind Bruder und Schwester!«

»Weiß er's gewiß?«

»Hab's ihm gesagt an einem Mondenabend in der Geißblattlaube, Malene.«

»Armer Jost! Vermeinte, der Schatten in seinen Augen gölte dem entschwundenen Soldatenleben. »Bist gewiß, daß du nein sagen mußt, Kleine?«

»Ganz gewiß, Malene.«

»Schade drum. Ist die Krone in der Frauen Leben, einen guten Mann gewinnen.«

»Pah!« machte die Kleine und drehete sich auf dem Absatz. »Leb' wohl, Malene. Sei bedanket für alle Liebe und guten Ratschläge.«

Der Abschied, den die Frau Mutter nahm, war kurz und nicht allzu schwer. Sie wußte ihre Tochter in guter Hut, mitten im Glücke mit Mann und Kind. –

Wohl war noch nit Frieden geworden nach all der langen Zeit, aber man versah sich nun doch eines raschen Endes, da das russische Bündnis dem Kriege nicht länger förderlich schien. So war nach innen und außen alles gekläret und die Frau Mutter konnte sich leichten Herzens von ihrer blonden Malene, der Frau Kantorin Leisetritt, trennen.

Dahin fuhr der Wagen in die linde Lenznacht hinein. Sie hatten eine lange Fahrt vor sich, aber Jost hatte in weiser Voraussicht an Stroh nicht gesparet, auch etliche Wolldecken zugefüget, so konnten die Frau Mutter und das Elflein es sich gar bequem machen, derweilen er wachte und die Tiere lenkte.

Schon schnarchte die Frau Mutter recht erheblich und im Sternenlicht sah er des Elfleins Gesicht mit geschlossenen Augen liegen. Da träumte er in die Sterne hinein, zog gar manch ein Bild an seines Geistes Augen vorüber von dem, was gewesen, was war und was hätte sein können. Als tapfrer Reitersmann aber raffte er sich zusammen, er war ja noch so jung, und das Leben war lang. – Vieles konnte noch kommen und brauchte nicht notwendig Trauriges zu sein.

»Ist's die Blonde nit, so ist's die Braune,
Was schiert den Reitersmann Weib oder Laune?«

so summte der lange Jost unternehmend vor sich hin. Dachte, es höreten dies nur die Sterne.

Aber in des Elfleins Träume klangen diese Worte desgleichen hinein und lag was gar Tröstliches für die Kleine darinnen. Wurde ihr Träumen alsbald zu einem festen Kinderschlaf. –

 

Der Rittmeister Jaroslav von Rosowsky an Jost Brömel.

»Unterwegens nach Sachsen, nachdem daß die Feste Schweidnitz ist gefallen. Im Oktober 1762.

»Weiß nit, als wie das Nest benamset ist, Jost Brömel, allwo wir heute Rast halten. Wird Er sich baß erstaunet haben, daß kein Wort mehr von mir ist eingetroffen seit meinem Schreiben aus dem Strehlener Lager vom Dezembris vorigen Jahres.

»Hat uns das Geschick des Krieges hin und her gewirbelt, so daß einem rechten Reitersmann nit ist Zeit blieben für Allotria.

»Ist in allen denen Jahren des Krieges nit so ab- und aufgangen mit uns als wie in diesem selben Jahre. Hat uns wollen bedünken ganz zu Beginn, als sei das Glück uns hold, da die russische Kaiserin Elisabeth, unsres Herrn Königs Majestät allergrößeste Feindin, ist zum Sterben kommen.

»War ein Freuen und Frohlocken, da der neue Kaiser, wo unsrem Helden wohlgesinnet war, ist ans Ruder getreten. War alsbald ein Waffenstillstand vereinbaret und dahinter ein Friede. Sollten die Russen uns Helfershelfer werden gegen die andern Feinde, wo alsfort noch zahlreich waren wie Sand am Meere. Stieß alsbald der Tschernitscheff zu uns mit seinem Korps und gedachten, denen Herren Österreichern nun das schlesische Gelüste vollends auszutreiben.

»War anders beschlossen im Rate des Himmels. Der russische Kaiser, unsres Heldenkönigs Bewundrer und Freund, mußte von Mörderhand fallen und seine Gemahlin Katharina hassete hinwiederum unsern Helden.

»So zitterte das Zünglein der Wage, darauf unsre Geschicke werden abgewogen, hin und her und bedurfte es eines Helden Geist und Mut, selbigem standzuhalten. Unser Held wankete keinen Augenblick, trotzdem dieser neue Schlag ihn traf, da er just ausholete, den Daun zu zermalmen.

»Hatte sich der auf den Höhen bei Burkersdorf verschanzet, als wie in einer Festung, schier uneinnehmbar erschien seine Stellung. Aber was dünkete unsern Fritze unmöglich? War entschlossen zum Sturm.

»Und just da, Jost Brömel, traf die Kunde ein, daß in Rußland ein andrer Wind wehete, daß alle russischen Armeen wieder zum Angriff gegen uns schreiten sollten, daß Tschernitscheff mit seinem Korps uns zu verlassen habe.

»Wehe! da soll unser Fritze doch einen Augenblick gezaget haben, sagen sie. Aber dann war sein Plan fertig, ein Plan, des Helden wert, der er war, ist und sein wird in alle Ewigkeit. Ist keiner unter der Sonnen, der ihm gleichkäme. Wird niemalen ein zweiter erstehen wie er! Heil ihm und Gloria!

»Er ließ den Tschernitscheff kommen und beredete ihn, daß er dreien Tage möge verziehen, ehedenn er zum Abzug rüste. War ein Wagnis für den Russen, das ihm hätte können den Kopf kosten. War aber ein treuer Verehrer von unsres Heldenkönigs Majestät, könnt' ihm nit zuwider sein.

»Geschah denn also der Sturm gegen die gewaltig befestigten Höhen von Burkersdorf und Leutmannsdorf, wobei die Russen untätig zuschaueten, aber von denen Österreichern als Feinde estimieret waren, denen man Widerpart zu halten und Truppen entgegenzustellen habe, was ihre Kräfte zersplitterte.

»Das war ein Sturm, Jost Brömel! Hättet sollen dabei sein! Ging die schier senkrechten Wände hinauf, war kein Haltens bei Mann und Roß. Und wo die Pferde nit konnten Fuß fassen, die Kanonen zu ziehen, da halfen Menschenkräfte nach. War ein Unaufhaltsames in diesem Stürmen, als wie ein Wetterstürmen in der Natur. Zogen sich denn auch die Feinde immer entsetzter tiefer und tiefer in die Berge zurück, vermeineten, dies könnten nit Menschen sein von Fleisch und Blut, die also ihr Leben in die Schanze schlügen für ihren König und Helden, jedeiner selber ein Held!

»Unser war der Tag, Jost Brömel! War einer der glorreichsten, die ich habe erleben dürfen. Hab' auch einen Hieb abgekrieget über den Schädel, da ich mit einem Kerl um eine Fahne rang, die er nit lassen wollte. Hab' vermeinet, das Weltall berste, da ich stürzete als wie in einen Abgrund. Ist kein Jost Brömel dagewesen, der mich hätt' mögen aus dem Getümmel bringen. Lag wie gefället und war das Letzte, ehedenn mir die Sinne vergingen, daß ich zwei Roßbeine sah hoch über meinem Kopfe, die mich zu zerschmettern droheten im nächsten Augenblick. Da hab' ich die Augen geschlossen und bin bereit gewesen zum Sterben als wie ein guter Reitersmann. » Vivat, Fridericus Rex!« Also Hab' ich noch gerufen und dann Hab' ich nichts mehr von mir gewußt.

»Da ich bin zu mir selbsten kommen, Jost Brömel, waren schon die Sterne am Himmel. Ich Hab' mich aufgesetzet und hab' gelauschet. Stille rings. Und dann hier ein Stöhnen und Wimmern, dort ein Ächzen, auch ein kerniger Reiterfluch. Vorsichtig hab' ich an mir heruntergetastet, alle Glieder schienen beieinander, nur im Schädel summete und brummete es sonderbar. Da mußt' ich der Rosseshufe denken, die ich zuletzt geschaut, wie sie über mir dräueten und mußte denken, welch eine edle Kreatur solch ein Roß ist, daß es des Menschen schonet mit Bedacht, der ihm unter die Hufe gerät. Meine Hände umspanneten noch das Fahnentuch, die Feindeshände, die es gehalten hatten, waren erstarret, ich konnte es leichtiglich lösen.

»War ein gar junges Blut, ein Milchbart, dem annoch kein Flaum um den Mund sprossete. Hab' dem Bürschlein die Augen zugedrücket, hab' ihm das Haupt auf einen Grasbüschel gebettet, der von Blut verklebet war. wo mag eine Mutter um dies junge Blut weinen?

»Mit meiner Feldflaschen hab' ich dann noch manch einen getränket, da ich vorwärtskroch, Freund und Feind. Und dann bin ich irgendwie zu den Unsern gestoßen, weiß nit wie, auch nit, nach wie langer Zeit.

»Ist mir noch etlichemal gewesen, als ob ich sei erwachet aus einer Ohnmacht, hab' mich des öfteren noch müssen ausraffen und weitertasten.

»Wie dann der junge Tag grauete, haben mich von den Unsern unter einem Strauch erspähet. Sollen durch das Fahnentuch aufmerksam geworden sein, das im nahenden Tag ausleuchtete. Haben mich zu einem Verbandplatz gebracht, allwo sie mir den Schädel rasieret haben, daß ich dreinschauete als wie ein neugeboren Kindlein. Dieses war am 21. Juli passieret, Jost Brömel. Hab' dann ein paar Wochen gelegen, von denen ich nit viel weiß, war verlorene Zeit.

»Hat mir aber unser Herrgott, als ein gütiger Vater, den Wunsch erhöret, daß ich mög' bereit sein, wiederum zu meinem König und Helden zu stoßen, ehevor der letzte Akt dieses großen Krieges sich abspiele.

»Ist mir unser Herrgott also gnädig gewesen. Bin eben noch zurecht kommen, die Feste Schweidnitz am 9. Oktober fallen zu sehen.

»War eine gar mörderliche Granate, die ihren Weg fand in die Pulverkammer des Forts. Geschah eine Detonation, als solle die Welt in ihren Grundfesten erbeben, hab' meintage nit dergleichen gehöret. Schütterten die Berge rings und war, als ob der Himmel wolle einstürzen. Dieses war das Ende.

»Die Besatzung ergab sich als Kriegsgefangene – die schlesischen Lande sind anjetzo von dem Feinde gesäubert. Wir sind unterwegens nach Sachsen, allwo Prinz Heinrich sich noch mit den Reichstruppen herumschläget.

»Wollen dem bald ein Ende machen. Wo unser Fritze eingreifet, da gibt es keinen Widerspruch. Unser Helde!

»Weshalb ich Ihm dieses alles berichte, was Er vielleicht allbereits vernommen und ausführlicher vernommen hat, als ich es Ihm vermelden kann? Wes das Herz voll ist, Jost Brömel, des gehet der Mund über. Was sollte ein Reitersmann, sofern er sich mit der Feder befasset, andres zu berichten haben als von Kampf, Sieg und Wunden?

»Aber ich schreibe Ihm auch, um zu sagen, daß Er möge der Demoiselle Pflegeschwester, so sie haben Fritze Viktoria Mollwitz getaufet, daß Er ihr möge berichten, wie ich ihr Einiges mitzuteilen hätte und nur darauf harrete, daß Friede würde, wie es ja jetzo allen Anschein hat, um persönlich zu erscheinen, ihr ihr Eigentum, den Ring, wieder zuzustellen, woran sich allerhand knüpfet, das unsereiner nit könne zu Papier bringen, dieweil einem Reitersmann die Hände zusamt dem Kopfe nur gering nach derlei stehen. Müßte schon ein Federfuchser sein, dem gegeben wäre, solches klar schwarz auf weiß auseinanderzusetzen. Bitte daher, die Demoiselle Pflegeschwester möge sich freundlichst noch eine kleine Weile gedulden, bis daß die Friedenssonne wiederum lachet über der Erden. Wird dann ein gar besonderes Lächeln haben für sie, des bin ich gewiß.

»Empfehle mich der Demoiselle ganz submissest. Grüß Er mir Seine Eltern, Jost Brömel. War eine gute Zeit mit Ihm dermalen. Tut mir leid um Ihn.

»Sein Rittmeister und Kamerade
Jaroslav von Rosowsky.«

Da Jost diesen Brief laut vorbuchstabieret hatte im Kreise der Seinen, griff sich die Kleine, so mit der » Demoiselle Pflegeschwester « gemeinet war, griff sich Fritze Viktoria Mollwitz ans Herze mit beiden Händen, hatte große erschreckte Augen und hauchte: »Ob er von meinen Eltern – – –? Ob es solch ein Glück – – –?«

Da sie die Blicke rings sah, in denen Befremden und Trauer war, besann sie sich.

»Ich habe ja euch! Ihr habet mich nit darben lassen an Liebe und Sorge. Lohne es euch der Herr! Meine Heimat ist bei euch!« Also sprach sie. – – – – – – – – – –

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