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Die Patentochter des alten Fritz

Henny Koch: Die Patentochter des alten Fritz - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorHenny Koch
titleDie Patentochter des alten Fritz
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
illustratorH. Grobet
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150619
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Die Heimkehr

Es war am Abend des 18. August 1760. – In dem Verwalterhaus zu Lissa saßen alle seine Bewohner, Knecht und Magd inbegriffen, das Abendbrot zu nehmen.

Es saß auch einer mit am Tisch, den wir bis jetzt noch nicht persönlich kennen, von dem nur die Briefe berichtet haben. Der Kandidate Philosophiae Leisetritt, der blonden Malene Verlobter. Und müssen wir bei näherem Zusehen vollauf bestätigen, was die Briefe berichteten. Man schaute gern in sein kluges, angenehmes, freundliches Gesicht.

Am liebsten tat dies sichtlich die blonde Malene selber, denn soeben vergaß sie darüber zu beantworten, worum der Herr Vater sie just befraget hatte.

»Malene,« sagte der, »hast mir die Pfeifen zum Abend fein gestopfet?«

»Acht!« sagte die blonde Malene prompt und sehr triumphierend.

Da der Herr Vater aber nur zwei Pfeifen im ganzen besaß, so war diese Antwort nicht recht verständlich, erklärte sich nur damit, daß Malene dem Verlobten just eine geschälte Kartoffel aus den Teller legte, die sie also auszählte.

Ein Brummen des Herrn Vaters, ein Räuspern der Frau Mutter und ein gar vergnügliches Kichern der andern, zuvörderst des Elfleins, das noch gerade so federleicht und winzig und beweglich war, als wie wir es verlassen haben, machten die blonde Malene aufschauen.

Da sie aller Blicke auf sich gerichtet sah, schlug ihr eine schier erschreckende Glut über das liebe Gesicht. Die Blauaugen, die stets einen hilflosen Kinderblick hatten, schauten erbarmenswert verängstet drein.

Eben wollte die Frau Mutter dem armen jungen Blut zu Hilfe kommen, da pochte es nicht eben sanft am geschlossenen Hoftor.

»Geh Er, Michel, und schau Er, wer also zur Feierstunde stören kommet.« So befahl der Herr Vater dem Knecht.

Der raffte all seine Knochen von der Bank, war just nicht in Eile, die Beine unter dem gedeckten Tisch vorzuziehen. Er schlurfte über den Hof und unwillkürlich hielten die in der Stube den Atem an und lauschten seinen Tritten. Das Elflein, als die Quickeste und Beweglichste, wohl auch mit der größten Neugier Behaftete, war dem Michel auf den Fersen.

Derweilen pochte es wieder und stärker. Man hörte eine Stimme: »Hab' Botschaft für die Jungfer Mollwitzen. He! holla! aufgemacht!«

Jetzt war das Elflein vorndran. Es flogen die Riegel, die der Michel aus Fürsicht und Faulheit schon also früh vorgeschoben hatte, daß er danach ruhen könne mit vollem Bauch. Hui, wie sie klirrten!

Und dann hörte man des Elfleins klingende Stimme: »Vielen Dank auch, Nachbar. Eine Stafette hat Ihm den Brief gegeben, sagt Er?«

Drauf des Nachbars Brummbaß: »Ritt mir der Mann just über den Weg. Sagt, er habe noch mehreres zu bestellen. Soll ein heißer Tag gewesen sein, Jungfer, der 15. dort bei Liegnitz. Soll ein glorreicher Sieg sein für die Preußen, sagte er.«

»Hurra!« klang des Elfleins Stimme, »war an der Zeit, Nachbar! Ist mir schon gar das Herze gebrochen ob meinem Heldenkönig.«

»Hä, hä, ist ja von der Verwandtschaft,« meckerte der Nachbar.

»Geb Er mir nun fein den Brief, Herr Nachbar, und sei Er recht sehr bedankt, wird Botschaft sein vom Jost, dächt' ich, und – – –«

Es kam eine Pause. Man sah das Elflein den Brief aufreißen. Und dann kam etwas, dessen sich keiner je vermutete, das keiner je gesehen hatte von denen, die zuschauten.

Bild: H. Grobet

Das Elflein lag am Boden wie hingemähet. Lag da wie ein Lilienstengel, den versehentlich des Gärtners Schere getroffen hat. War auch so lilienweiß und zart. Hatte den Brief mit beiden Händen gegen die Brust gepreßt, hielt die Augen fest geschlossen und war kein Blutströpflein mehr in dem schlohweißen Gesichtlein.

Jammerten die Frau Mutter und die Malene hellauf. Und wußte keiner, wie sie so rasch zur Stelle sein konnten dort neben dem so jäh hingestreckten Kinde. Bettete die blonde Malene des Elfleins Kopf gar sänftiglich in ihren Schoß, hatte Wasser zur Hand, keiner wußte wie, und bestrich des Kindes Stirn damit gar lind und zart. Rief auch Kosenamen die Menge mit einer Stimme so lindiglich als einer Mutter Stimme.

Da die Frau Mutter das Elflein so wohl betreuet sah, griff sie nach dem Papier, das all dies Unheil angerichtet hatte. Da sie aber keine Brillen zur Hand hatte und auch sonsten nicht eben des Lesens allzu kundig war, so winkete sie den Kandidaten und Leisetritt herzu, als einen vom Fache.

»Les Er mir dies, mein Sohn. Hab' meine Brillen nit zur Hand, sonsten würd' ich Ihn nit bemühen.« War sich die Frau Mutter wohl bewußt, daß man sich nit sollt' vergeben eines Haaresbreite vor dem Jungvolk, war drum die Brille ein gar schicklicher Vorwand.

Und der Herr Kandidat Leisetritt hob das Papier zu den kurzsichtigen Augen, dicht unter die Nase, fuhr ein Weniges zurück, bohrte die Nase noch einmal gegen das Papier, verfärbte sich erschrecklich und sah mit Augen um sich, die noch hilfloser waren als eines Kindes Augen.

Er stotterte: »Ich – ich – bitt' um Vergebung – – kann – kann nit – –.« Da saß der Leisetritt fest, wurde rot, verblaßte wieder, zog sein Schnupftuch vor, das umfangreich und von roter Farbe war, und wischte sich die Stirn, auf der des Schweißes Tropfen perlten.

Mißtrauisch schier betrachtete die Frau Mutter sein Tun. Lag Mißbilligen und Staunen zugleich in ihrem Ton, da sie sagte: »Hab' in meiner Unschuld gedenket, jedweder Magister und derlei müsse jedwedes Geschreibsel ganz ohne weiteres lesen können. Seh', daß ich ein gar unwissend Weibsbild bin und daß man allertage noch Neues lernen kann, selbst wenn man eines Methusalem Alter erreichet. Verhoffe, der Herr Sohn werde nit auf sein Lesen hin geprüfet, falls es um Amt und Bestallung gehet. Sollte mir gar leid sein um mein Kind, die Malene.«

Die Frau Mutter war sehr ernstlich aufgebracht, was die weiße Haube andeutete, die nicht aus der Bewegung herauskam.

Und der Herr Kandidat Leisetritt stotterte weiter: »Ich – – kann nicht – – schlimme Kunde – –«

Da wurden der Frau Mutter Augen groß und starr. Und da war es, wo das hingemähte Kind, das Elflein, sich wieder auf sich selbst zu besinnen begann. Erst schlug es groß die Augen auf, noch lag ein Dämmern darin. Als sie sich aber der Frau Mutter dann zuwandten, die dicht herangetreten war, da flog erst ein zarter Rosenschein über das Liliengesichtlein und dann schlug helle Glut drüberhin. Aus den Augen, in denen nun Schreck und Entsetzen aufstiegen, flossen die Tränenbächlein. Auf den Knieen lag das Kind und hatte die Arme um der Frau Mutter Leib: »Wollet mir nit zürnen, Frau Mutter, Hab' ja die Schuld. Hab' ihm ja den Weg gewiesen dorthin, allwo ihn die grausame Kugel hat getroffen und hat ihm das Bein gekostet. Werd' meintag nit wieder froh werden können. Tret und stoß mich die Frau Mutter mit Füßen, hab's nit besser verdienet.«

Also schluchzte das Kind. Schluchzte wild und herzbrechend.

Und die Frau Mutter stand starr, stumm, versteint.

»Willt sagen, daß sie mir meinen Buben haben zum Krüppel geschossen, Mädchen?«

Das Elflein ließ den Kopf aus die Brust sinken als wie ein armes Sünderlein. Konnte der Frau Mutter nicht in die Jammeraugen sehen.

Ein ersticktes Schluchzen brach aus der Frau Mutter Kehle. War als wie der Laut eines zu Tod getroffenen Tieres. Machte das Blut gerinnen allen denen, die's hörten.

Aber da stand der Herr Vater schon neben der Frau Mutter, hatte den starken Arm um ihre Schultern gelegt und keiner hätte je den weichen Ton in des Herrn Vaters Stimme vermutet, da er sagte: »Kopf oben, Weib! Ziemet nit einer Mutter, also zu klagen, da ihr Kind noch lebet. Hätte die Kugel können sein Herze treffen, hätten wir keinen Sohn mehr gehabt. Was lieget daran, ob er ein Bein hat oder zween, wofern wir ihn behalten dürfen. Laß uns unsern Herrgott danken, Brigitta, daß er uns ihn also hat gnädiglich bewahret. Sollest nit zagen und kleinmütig sein, wäre ein Frevel an des Herren Gnade.«

Feierlich klangen des Herrn Vaters Worte über den stillen Hof. War der zur Kirche geworden. Und oben zogen die Sterne auf.

Die Frau Mutter hatte die gefalteten Hände zu ihnen gehoben: »Herr, wie du willt!« Und dann senkte sich ihr Blick und streifte das arme Sünderlein, das da noch immer vor ihr am Boden harrete. Und sie legte ihm die gefalteten Hände aufs Haupt: »Steh auf, Kind. Verhüte der Himmel, daß ich dir die Schuld aufbürdete an dem Jammer, der uns hat betroffen. Wir tragen ihn zusammen, wie er uns alle gleichermaßen trifft. Hebe den Kopf, Kind, hier nutzen nur Taten, nicht Tränen. Les Er uns jetzo den Brief, Herr Sohn, nun wird Er es ja zuwegebringen. Und verzeih Er einer alten Frau ein rasches Wort!«

Der Leisetritt stotterte noch immer und wischte mit dem roten Tuche, diesmal tiefer als die Schweißtropfen der Stirn. Und als er sich noch einmal geschnaubet hatte und ein Weniges geräuspert und die Kehle gekläret, las er mit leidlich fester Stimme des Rittmeister Jaroslav von Rosowsky Brief an die Jungfer Fritze Viktoria Mollwitz, den wir allbereits kennen.

Und da er zum Schluß gelanget war, sagte der Herr Vater: »Sofort wird das Pferd eingespannet, Michel. Bring Er den festesten Karren zur Stelle, schütt' Er tüchtig Stroh auf. Du, Mutter, schaffst Matratzen herbei, Kissen und Decken. Die Malene sorget für Letzung und Labung des Verwundeten. Die Fritze Viktoria – –«

»Ich komme mit, Herr Vater! Keiner kann mich abhalten, das zu tun. Ich hab' ihm hinausgeholfen, ich hol' ihn auch wieder heim. Einer Frauen Auge stehet schärfer, was einem Wunden nottuet, einer Frauen Hand fasset linder zu. Wenn der Karren stößet, will ich sein Haupt in meinen Schoß betten, ich will ihm die Hände unterlegen, wo ihn schmerzet. Wende sich der Herr Vater, die Frau Mutter nit dagegen, ich müßte den Gehorsam weigern. Ich kann nit dahintenbleiben!« So flehete das Elflein gar beweglich und war keiner dagegen.

Im Gegenteil. Der Herr Vater nickte dem Kinde zu und brummte ein weniges, das nach Zustimmung klang. Die Frau Mutter strich ihm über die braunen Locken: »Gott segne dich und bring mir meinen Buben heim, ich will es dir danken, so lange ich atme.«

Die Malene küßte und liebkoste das Elflein, und der Herr Kandidate hatte sich dessen Hand bemächtigt und schüttelte daran herum, als gölte es, einen Pumpenschwengel in Betrieb zu setzen. Bis das Kind sich wehrte und enteilte, sich für die Nachtfahrt herzurichten.

Eine Stunde danach ratterte der Karren vom Hofe, der den Sohn und Erben heimholen sollte als wunden Mann.

Gleichmütig schauten die Sterne darauf hernieder, wie sie einstmalen aus den in strotzender Jugendkraft Ausziehenden niedergeschaut hatten.

*

Die Augustsonne stand in Mittagshöhe und ihr Strahl wies unbarmherzig auf die blutigen Greuel unter ihr: sehet, solches tuet ein Menschenbruder dem andern! Es war das Schlachtfeld bei Liegnitz, über das der Karren ratterte, stieß und schwankte. Er hatte nicht leichte Bahn. Hier hielten ihn die Leiber toter Pferde auf, die in scheußlichem Knäuel getürmet lagen, mit ihrer Wucht alles deckend und begrabend, was auf ihnen gekämpft hatte. Dort war ein verlassenes Geschütz quer über die Straße gelagert, mit den Hinterrädern tief im Grabenrand verbohret. Und dazwischen war die Straße mit toten Menschen besäet, des grausamen Krieges blutige Saat.

Der Karren wand sich durch alle diese Hindernisse. Die daraus saßen, starrten mit Augen um sich, die der Schrecken weitete. Längst war dem Herrn Vater die Pfeife erloschen und das junge Kind an seiner Seiten hatte keinen Blutstropfen in dem schlohweißen Gesicht. Es wies mit der Hand in die Schreckensrunde und sie zitterte wie das Laub der Espe: »Herr Vater, schauet also der Krieg aus?« Die Augen waren dem jungen Kinde wie erloschen und die Stimme hatte heiseren Ton.

Der Herr Vater nickte schwer: »Tod ist er und Schrecken und ein Elend der Völker.«

»Muß er denn sein, Herr Vater?«

»Weiß nit, sie sagen so.«

»Kann das sein, Herr Vater, daß unser Gott lässet solches zu, wo er doch die Liebe ist und das Erbarmen?«

Des Riesen Haupt war auf die Brust gesunken. Er schüttelte es schwer und nur mühsam rang er sich die Worte ab: »Versteh' gar wenig vom Weltenregiment, Kind. Hab' allweil alles auf Treu und Glauben hingenommen und bin gut dabei gefahren. Tu' du dasselbige. Ist neben dem Schrecken und der Not viel Schönes und Gutes unter der Sonnen. Vielleicht, daß unser Herr mit dieser Kriegesnot uns will prüfen auf Herz und Nieren, als was in uns ist, an Mut in den Männern und in der Frauen Brust. Ist leichter, selbsten eine Kugel fangen, als einer Mutter Antlitz schauen, der sie den Sohn getroffen haben. Kann die Miene von des Josten Mutter nit vergessen, da wir sind ausgezogen nach ihrem Buben. Stärke sie der Herr!«

»Hat der Herr Vater recht. Möcht' selbsten lieber der Jost sein in all seinen Schmerzen, als die Fritze Viktoria, wo ihn hat hinausgetrieben. Will niemalen wieder den Krieg preisen, wo ich jetzo weiß, wie er ausschauet.«

»Redest so jung wie deine Jahre, Kind. Ist gleich alles dunkelste Nacht oder hellste Sonnen. Ist ein vornehm Ding um Mannesmut in der Schlacht, um Königstreue und Liebe für sein Land.«

»Mag sein, Herr Vater, jedennoch Blut und Wunden sind ein hartes Zahlen.«

Der Karren war mittlerweile weitergerattert auf seinem Schreckenswege. Jetzt kam er an eine Stelle, wo es keinen Ausweg mehr zu geben schien.

Es war eine Brücke, die als einzige über das Sumpfgelände des Schwarzen Wassers führete, das sich unweit Liegnitz der Katzbach eint. Hier mußte ein schwerer Artilleriekampf stattgefunden haben. Es türmten sich die Leichen gar gewaltig. Hier hatte der Daun mit seinen Österreichern den Übergang erzwingen wollen, seinerseits dem Laudon zu Hilfe zu kommen und in die Schlacht einzugreifen. Aber der Zieten hatte ihm den Plan versalzen mit seinen Husaren und mit geschickt aufgefahrenen Kanonen. Der Daun hatte abziehen müssen.

Hatte aber manch einen tapferen Husaren gekostet, dies Zietenstücklein – dem das Leben und dem die geraden Glieder, so dem Jost Brömel das Bein.

Hierher hatte man die auf dem Karren gewiesen, da sie in Liegnitz forschen kamen und fragen nach dem wunden Wann.

Der alte Fritz war mit den Seinen bereits am Tag der siegreichen Schlacht weitergezogen, wie er denn nimmer rastete und rostete, sondern jedes Ding zum Grunde durchführte, jeden Sieg ausnutzte zum Äußersten, größester Stratege, der er war. Für ihn gab es kein Ausruhen auf Lorbeeren, nur ein rastloses Vorwärts.

So war es gekommen, daß auch der Rittmeister Jaroslav von Rosowsky nicht mehr zur Stelle war, Auskunft zu geben, wo er den wunden Jost untergebracht hatte. Man sagte den beiden, die nach ihm forschten dort in der Stadt, daß hier die Husaren zumeist gelitten hätten, daß wohl der Wunde in einem Dörflein daherum würde zu finden sein.

So hielt der Karren jetzt hier an den sumpfigen Wassern, die sich träg und dunkel durchs Gelände wanden, tote Leiber überspülend von Mensch und Tier, rotes Lebensblut trinkend, das ihr dunkles Wasser noch dunkler färbte.

»Winket dort drüben ein Kirchturm, Herr Vater. Wenn wir dahin führen? Vielleicht daß wir dorten unsern Jost fänden.« Des Elfleins helle junge Augen hatten erspähet, was den Augen des Riesen entgangen war.

Er wendete den Kopf seiner Tiere dahin. Die traten nur langsam und vorsichtig aus, kein Zureden gütlich und mit der Peitschen half. Die edle Kreatur, das Pferd, scheuet sich, irgendeines Mitgeschöpfes Leib mit den Hufen zu berühren. Der Mensch scheuet sich nicht, den Mordstahl in die Bruderbrust zu senken.

Sie kamen nur ruckweise von der Stelle, aber es kam dennoch die Zeit, wo der Karren vor dem Pfarrhause des kleinen Dörfleins hielt, dessen Kirchturm des Elfleins Augen zuvor erspähet hatten.

Ein weißer Kopf sah zum Fenster heraus. Schaute mit klugen, verstehenden Augen.

»Kommet wohl nach einem Wunden forschen, Leute? Liegen der armen Kerle eine blutige Menge bei uns auf Betten und auf Strohschütten, wie es sich just trifft.«

»Wären Hochwürden gar sehr verbunden, wollten Sie uns dahin weisen, wo wir forschen könnten. Such' meinen Sohn, den Jost, sollen ihm haben das Bein abgeschossen. Wenn Hochwürden vielleicht – –«

»Mann, liegen gar manche von selbiger Art hier herum. Was gelten da gerade Glieder, was ist rotes Lebensblut in diesem Kriegsgreuel?«

»Ist mein Bruder groß und blond als wie der Herr Vater hier. Ist nicht so leichtiglich zu übersehen, der Goliath. Wenn Hochwürden nachsännen?« Also zirpte des Elfleins helles Stimmchen und war ein gar bewegliches Flehen in dem jungen Gesicht.

Hochwürden besah sich den Riesen, besah sich noch eingehender das Kind an seiner Seiten und ein Schein flog über sein trübes Gesicht. Keiner hatte noch je ohne Wohlbehagen dem Elflein in die Braunaugen geschaut.

»Kann dem Jüngferlein mit dem besten Willen leider nit dienen. Tät's gerne sonsten. Hab' nur auf die Wunden geschauet und aus die grausamen Leiden, nit auf den Mann. Hab' so viel Not und Jammer gesehen, daß es mir ein Berg ist worden, der mich mit seiner Lasten schier will erdrücken. Aber fahret mal dort nach der Scheunen des Großbauern Mettler. Mich dünket, dort seien die meisten verstauet von denen, die dafür zahlen, daß die Händel sind gesetzet in die Welt. Vielleicht, daß das Jüngferlein besser dahintenbliebe. Ist kein Anblick nit für Frauenaugen, Frauenherzen, die weicher sind geschaffen als wie der Mannen ihre.«

»Scheu' mich nit, Hochwürden. Bin kein zimperlich Mägdlein. Hat der Jost mitten im Greuel und Kugelregen müssen ausharren, werd' ich ihm doch beistehen können in seiner Not. Würd' mich der Sünd' fürchten, sollt' ich davor zagen.«

»Also redet eine tapfre Magd. Segne sie der Herr!« Er hielt die zitternden gefalteten Hände wie zum Segen dem Kinde entgegen. Das beugte den jungen Kopf und auch der Herr Vater hatte den seinen entblößt. »Fahret denn mit Gott! Und Segen auf euren Weg!« Er schloß das Fenster.

Weiter ratterte der Karren der bezeichneten Scheune zu. Den beiden darauf schlug das Herz wild und laut. Nun kam die Entscheidung. Würden sie den Jost – und wie würden sie ihn finden?

Schon wie sie dem offnen Scheunentor zufuhren, drang ihnen ein Ächzen und Stöhnen ans Ohr, wie es die schmerzgeschlagene Kreatur hat. Sie sahen auf Stroh niedergestreckte Menschenleiber dicht gereiht, sahen beim Näherherankommen blutige Verbandlappen, schmerzverzerrte Mienen, Augen, aus denen Verzweiflung und Todesnot starrten.

Wohl schoben sich der erbarmenden Helfer und Helferinnen eine Zahl an den Lagern hin, aber ihnen war nicht gegeben, der Not und den Schmerzen Einhalt zu tun, sie konnten nur mildern und lindern.

Da das Ächzen, das Stöhnen gar so herzbeweglich laut wurde, hatte sich der Herr Vater mit Sorge nach des Elfleins schlohweißem Gesichtlein umgeschaut. »Willt nit lieber ein Endlein weiterfahren, Kind? Werd' schon selber nachsehen nach dem Buben.« Und er drängte seiner Begleiterin die Zügel zu.

Aber wie ein Eidechslein war Fritze Viktoria schon vom Karren geglitten.

»Bang' sich der Herr Vater nit um mich. Bin kein bissel zag. Wär' eine Schanden auch bei meinem Namen.« Da wollte das Kind lächeln, aber die zitternden Lippen erlaubten es nicht. Es winkte nur mit der Hand und stand unter dem Scheunentor, ehe ihm der Herr Vater Einhalt tun konnte.

Und in Anbetracht dessen, daß des Elfleins Eidechsengestältlein leichter an den Lagern der Wunden vorbeischlüpfe auf der Suche nach dem Bruder als er mit seinem ungeschlachten Riesenleib, ließ es der Herr Vater bei des Kindes Willen. Saß und harrete. Lauschte den Jammerlauten und wollte sich ihm das Herz in der Brust schier umwenden.

Er sah das Elflein leicht wie ein Hauch sich durch den Jammer winden, sah es sich hier niederbeugen und dort, sah es hier kosend und tröstend über eine Hand streichen und dort ein sinkendes Haupt höher und behaglicher betten. Sah es da ein bereitstehendes Glas an dürstende Lippen halten, dann eine verschobene Decke zurechtziehen.

Aber immer glitt das Elflein weiter. Was es suchte, hatte es noch nicht gefunden. Dem Harrenden draußen sank der Kopf auf die Brust. Würde es möglich sein, aus diesem Meer von Jammer und Not, das winzige Teilchen herauszuheben, das doch für ihn und die harrende Mutter daheim alles bedeutete?

Ein Laut machte ihn aufschauen, hell war er und weh zugleich. Und das Elflein lag da drinnen, ganz hinten an der Wand, am Boden, hatte die Arme um eine Gestalt geschlungen: »Jost, Bruder Jost! Weil wir dich nur haben!« Ein Schluchzen war es jetzt, wild und weh.

Der wunde Mann da drinnen hob die Hand und legte sie auf den Braunkopf der vor ihm knieenden Gestalt. Doch war sie zu matt, sich da zu halten und sank schlaff wieder auf das Lager zurück.

Bild: H. Grobet

So viel sah der Harrende draußen. Da war er vom Karren herunter und wußte selber nicht wie. Stand mit einigen Riesenschritten dort hinten bei den beiden, sagte nicht viel, aber strich seinem wunden Buben über den blonden Scheitel, lind als wie mit einer Mutter Hand. »Kommst heim, Bub!« Mehr sagte er nicht. Ja, noch: »Die Mutter wartet.«

Und in dem Schmerzensantlitz des Wunden glomm ein Schein auf, der es eine Weile erhellte, dann aber wieder erlosch. »Bringet ihr einen Krüppel heim, Herr Vater. Haben mir mein Bein genommen.« Er deckte die Augen mit der Hand.

Da neigte sich das Elflein über ihn und war eines Engels Erbarmen in seiner Stimme, da es sagte: »Wo sie dir nur das Leben gelassen haben, Jost, mein Bruder, was will das Bein besagen. Danken wir unsrem Herrgott doch auf den Knieen immerzu, seit wir das wissen, wie nahe unsrem Jost die mörderische Kugel ist gewesen. Wollen ihn doppelt liebhaben zum Ersatz.«

»Du auch, Fritze Viktörchen?« War ein Hungerndes in des Wunden Augen.

»Brauchst noch zu fragen, dummer Goliath!« So lachte die Kleine – das Elflein von einstens.

Ein Arzt war mittlerweile herangetreten und hatte dem Herrn Vater gerne verstattet, den wunden Sohn mit heimzunehmen.

»Haben alle Hände voll, Mann. Ist ein Segen, wo einer abkommt. Hat eine Riesennatur, euer Sohn. Wird den Transport aushalten können, dess' bin ich sicher. Kann ihn mit gutem Gewissen erlauben.«

»Und ich darf den Buben alsbald mit heimnehmen, Herr, weil daß die Mutter –«

»Fort mit ihm, Mann!« Der Arzt schlug dem Herrn Vater dabei auf die Schulter und lachte ihn an.

Aber wie sich der Herr Vater nun bückte und Miene machte, seinen Buben aufzupacken und alsbald mit sich zu schleppen, wie ein Jammerlaut des Wunden ertönte, der sich dessen nicht versah, da wehrte der Arzt unwirsch und ärgerlich. »Ist Er des Deubels, Mann? Denkt Er, es sei ein Pappenstiel, ein Bein zu verlieren? Müsset Euren großen Buben anjetzo behandeln als wie ein kleines Mutterkind!«

Der Riese war so erschrocken und zitterte, daß sich das Elflein seiner erbarmte. »Lasset uns die Matratzen hereinschaffen, Herr Vater. Dächte, wir sollten den Jost dann leichtiglich hinaus- und auf den Karren bringen.«

»Lässet sich hören, Jüngferlein,« lobte alsbald der Arzt, »scheinet mir ein recht vernünftiges kleines Frauenzimmer.«

Wie das Elflein vorgeschlagen hatte, also taten sie. Griffen noch andre mit an und der wunde Mann lag weich und gut gebettet auf dem väterlichen Fuhrwerk und war ihm alsbald schier wie ein Stücklein Heimat.

Er hatte aber die Decke, die seinen Verlust gnädiglich barg, mit zitternden Händen festgehalten und sie sich nicht nehmen lassen. Dabei hatten seine Augen angstvoll die der Pflegeschwester gesucht. Ob er sich scheute, ihr den Krüppel zu zeigen, der er war?

Und dann hatte er dem Arzt Lebewohl und Dank gesagt. Er hatte den Leidensgenossen rings, die ihm mit hungernden, neidvollen Augen folgten, Abschied gewinkt. Die Gäule zogen an und der Karren setzte sich in Bewegung.

Das Elflein hatte sich dicht zu dem Wunden gekauert und wo es sah, daß der ratternde Karren ihn schmerzte, schob es Kissen unter mit linder Hand. Und wie der Ärmste trotzdem nicht Ruhe finden konnte, da bettete es den Kopf des wunden Mannes in feinen Schoß, wehrte den Fliegen und den Strahlen der Sonne, daß sie ihn nicht belästigen konnten und sang ihn mit eines zwitschernden Vögleins Stimme zur Rast. Auf des schlafenden Mannes Antlitz lag dann ein Gottesfriede.

So ratterte der Karren der Heimat zu. Der Herr Vater tat das Seine, ihn in glatte Bahn zu lenken. Nie noch war den Gäulen so wenig Schnalzen und Peitschenzuspruch zuteil geworden. Es war ihnen auch nie noch so der Gangart Wahl überlassen geblieben – des Herren Vaters Antlitz war mehr dem wunden Sohne zugewendet, als daß es auf die Gäule achtete. War ein Glück, daß es so lenksame, vernünftige Tiere waren, in des Herrn Vaters Schule geschulet, wie er dann stets zu versichern pflegte, wenn er in späteren Tagen dieser Fahrt mit dem wunden Sohne gesprächsweise gedachte. Und er tat es oft, sie war das Abenteuer seines geruhigen Lebens mit ihren Schlachtfeldgreueln, Kriegesnot und Jammer. – –

Daheim wartete dann die Frau Mutter mit Schmerzen, Zagen und Beten.

Fein säuberlich gerichtet stand des Sohnes Zimmer, zur Aufnahme des Wunden bereit, wer noch ein Staubflöcklein irgendwo entdeckt hätte, der hätte ein Unmögliches geleistet, etwan wie das Eingehen eines Kameles durch ein Nadelöhr.

Blütenweiß waren des Lagers Laken und harrten zurückgeschlagen ihrer traurigen Beute. Blütenweiß waren die Dielen gescheuert und der darüberhingestreute Sand machte sie noch weißer. Ein zarter Lavendelduft zog durch den Raum, durch das geöffnete Fenster malten die Sonnenstrahlen goldige Muster aus Dielen und Wand. Ein Rosenstrauß stand auf der blitzblanken Tischplatte. Eben hatte ihn die Malene dahin gestellt und auf der Frau Mutter fragendes Blicken gesagt: »Soll doch auch was fürs Auge haben, der Jost!«

Und die Frau Mutter sah, daß der Strauß dem Raume ein Wohnliches gab und beließ ihn an der Stelle, dahin die blonde Malene ihn mit tränenden Augen getan hatte.

»Bitt' mir aus, Mädchen, daß der Bub nit Tränen siehet, wenn er einziehet. Soll merken, wie uns sein Leben mehr gilt als sein Bein.«

»Wohl, Frau Mutter, will also tun. Aber wird die Frau Mutter – –?«

»Was täte nit eine Mutter für ihr Kind? Hab' einer Löwin Kraft.«

Also berühmte sich die Frau Mutter.

Da hörte man fernes Räderrollen. Es fuhr durch die Frau Mutter hin wie ein lähmender Schreck. »Sie kommen, Malene!«

Und mit fahlem Angesicht saß die Frau Mutter auf einem Stuhl, da ihr die Füße versagten. Mit klammernden Händen griff sie nach der Tischplatte, da sich das Zimmer um sie zu drehen begann.

»Frau Mutter! Frau Mutter!« So jammerte die Malene, der solche Erfahrung von Schwäche bei der Frau Mutter ein Neues war.

Aber da war diese auch schon wieder sie selber. Hoch aufgerichtet stand sie, hob die gefalteten Hände nach oben: »Ich danke Dir, Herr, daß Du mir meinen Buben wieder schenkest. Ein zweitesmal in Deiner Barmherzigkeit.« Und dann winkte sie stumm der Tochter und ging festen Schrittes dem Wagen entgegen.

Wie sie just unter die Tür des Hauses trat, bogen die Gäule um die Ecke des Hoftors. Der Herr Vater winkte mit der Pfeifen in der einen und der Peitschen in der andern Hand. Er wies nach hinten und nickte, als solle ihm der Kopf durchaus von den Schultern. Und dann legte er den Peitschenstiel an die Lippen, da er sonsten keine Hand frei hatte. »Bscht!« machte er so durchdringend, als er konnte, »bscht – bsch – scht!«

Und die Frau Mutter stand schon neben dem Wagen. Ihre Tränen flossen, daß sie sie schier ungeduldig wischte, schuldbewußt nach Malene schaute und sich einen festen Ruck gab. Da war sie sie selbsten.

Das Elflein hob ihr das blutleere Gesichtlein zu: »Da ist er, Frau Mutter. Hat ihn die Fahrt ein Weniges ermüdet. Ist sonsten nit eben gar so hinfällig gewesen. Nur Mut, Frau Mutter, ist unser alter Goliath!«

Die Frau Mutter starrte nur immer auf den Kopf, der in des Kindes Schoß gebettet lag. Konnte dies Schmerzensantlitz, dies weiße, schmale, ihres Buben Antlitz sein? War dieser Todwunde ihr lebensfrischer, froher Bub?

Da sah sie in ein paar geöffnete Augen. »Mutter!« sagte eine leise Stimme, »Frau Mutter! Da bin ich wieder.«

Ja, es war ihr Bub! Ihr wiedergeschenkter Bub.

»Weil du nur da bist!« Mehr sagte die Frau Mutter nicht. Tat aber um so mehr.

In einer Viertelstunde lag der wunde Mann so weich gebettet im Sonnenzimmer mit dem Rosenstrauß vor Augen, daß ihm war, als seien des Krieges Greuel – des Krieges Wonnen nur ein Traum gewesen, ein wüster – ein herrlicher Traum.

*

Wieder war es die Zeit des Heiligen Christ geworden. Auf dem schlesischen Lande lag eine dichte Schneedecke, lag Friede einstweilen.

Nach dem siegreichen Tage von Liegnitz hatte der große König versucht, die Feinde ohne Rast zu verfolgen und sie nach Böhmen abzudrängen.

Doch hatte sich Feldmarschall Daun in den Bergen gut zu verschanzen gewußt und ließ sich auch in seiner Zauderart nicht vorlocken.

Dann traf urplötzlich die Kunde ein, daß die Russen unter dem General Tottleben in die Mark einrückten, daß Berlin bedroht sei.

Da machte der große König sich auf, in Eilmärschen der bedrohten Residenz zu Hilfe zu eilen. So früh langte er nicht an, daß er die Russen hätte aufhalten oder verhindern können, seine geliebte Königsstadt zu besetzen. Aber der Klang seines Namens, der Ruf: »Er kommt!« hatte das Land rein gefegt wie mit eisernem Besen. Der König hatte nicht nötig, weiter in der Mark vorzudringen.

Dies war um so besser, als seine Anwesenheit in Sachsen sehr vonnöten war. Dies ganze Land war allbereits wieder in den Händen der Feinde, weil Friedrich, da er im Sommer nach Schlesien abzog, nur geringe Kräfte hatte hier zurücklassen können. Die Reichsarmee hatte ohne allzu große Opfer sich fast des ganzen Landes bemächtigt.

Glückte es den Feinden nun, den Helden und Preußenkönig hier festzuhalten, so rückten die Russen, die nur darauf warteten, ungehindert ein zweites Mal in der Mark ein, und die war verloren.

Aber je unübersteiglicher sich die Ereignisse vor dem Helden türmten, je mehr er in die Enge getrieben wurde, um so unvergleichlicher wuchs sein Mut. Nie war er größer, als wenn ihn die Gegner schon ganz klein zu haben glaubten.

Und so kam auch diesmal der glorreiche Tag von Torgau, wo sich des großen Königs und seiner Preußen unübertroffenes Heldentum aufs neue in strahlendem Glanze zeigte.

Lange schwankte die Entscheidung. Über die Hälfte stärker waren die Feinde und hatten dazu äußerst günstige Stellungen auf Anhöhen, die von den Preußen erst erstürmt werden mußten. Gegen Abend schien der Sieg auf seiten der Österreicher und Feldmarschall Daun ließ allbereits Kuriere nach Wien abgehen, die Siegesbotschaft zu melden.

Des Königs Majestät war auch im dichtesten Kugelregen nicht von den Seinen gewichen. Zweimal hatten ihn mörderische Kugeln gestreift. Einmal war er vom Pferd geworfen worden. Als die Nacht einbrach, mußte er der Übermacht weichen.

In einem Dorfkirchlein ließ er sich verbinden und schrieb dann, vor dem Altar sitzend, Befehle und Depeschen. Ein lastendes Schweigen war um ihn in der gähnenden Finsternis der kleinen Kirche, die von der einzigen Kerze neben ihm erhellt, nur undurchdringlicher drohte.

Da kam die Freudenkunde: Zieten hat den Feind geworfen! Der Sieg ist dennoch unser! Hurra für den Tag bei Torgau!

Derweil der große König mit den Seinen die Höhen umging, darauf der Feind sich verschanzet hatte, und von dem abgeschlagen wurde, hatte Zieten, dem Befehle gemäß untätig geharrt, um in die Schlacht im gegebenen Augenblick mit frischer Kraft einzugreifen.

Als er lange umsonst geharret hatte und es schon gegen Abend ging, gelang es ihm, den Österreichern gegenüber gleich feste Stellungen einzunehmen, anzugreifen und das Geschick des Tages zu wenden.

So durfte sich der große König ein neues Lorbeerreis um die Stirne winden. Der Tag von Torgau war am dritten November gewesen. Die vorgerückte Jahreszeit gebot, die Truppen in die Winterquartiere zu führen.

So endete der Feldzug des Jahres 1760. – – – –

All dieses hatte der genesende Jost mit dem größten Interesse verfolgt. Daß er nicht dabei hatte sein können bei einem so glorreichen Tage, wie der von Torgau war, kostete ihn manche trübe Stunde.

Und daß er voraussichtlich nie mehr wieder den Fahnen seines Helden würde folgen können, damit war er innerlich noch lange nicht fertig.

So war der Heilige Christ herangekommen.

Nie noch hatten es die Mutter und Malene so eifrig gehabt mit Lebzelten backen und Vorbereitungen zu dem Feste.

Das erste, das der Jost wieder daheim feiern sollte!

Im ganzen Hause roch es nach Gebackenem und nach Tannengrün. Jeder war in seiner weise geschäftig, nur der Jost saß untätig und starrte durchs Fenster in den verschneiten Hof.

»Willst nit ein bissel helfen, die Krippen richten, Goliath? Bringst doch den Schnee nit zum Schmelzen und wenn du noch so lang drauf hinstarrst.«

»Laß mich in Frieden!«

»Bist ja gar ein höflicher Mann worden, du! Lernet man solches bei denen Herren Preußen, he?«

»Rühr' mir daran nit!« Die Stimme donnerte.

Das Elflein duckte sich und war sein Gesichtlein ein Weniges verblüfft. Schüttelte sich aber schnell, als wie das Kätzlein, dem das Fell naß geworden ist. War auch ein Schein verstehenden, erbarmenden Mitleids in den Augen, da es dem Rauhen nun über den Blondschopf strich: »Geh, Goliath, sei gut!«

Er war der Milde noch nicht zugänglich und schüttelte die kosende Hand ungebärdig ab.

Ein Weilchen hantierte das Elflein geschäftig weiter. Dann schob es dem Brütenden wortlos zwei Wollschäflein und den Schäferhund zu, die einige Beinlein eingebüßet hatten. »Geh, Goliath, kann die Krippen nit aufstellen, ehevor die heil sind. Willt mir nit helfen?«

Und der Jost bastelte wortlos an den Schäden, seine Miene erhellete sich und er half alsdann der Kleinen eifrig bei der Arbeit.

So wollte der Heilige Christ auch in sein Herze einziehen. –

Es war im Abenddämmern. Der Herr Vater kam vom Schlosse und von seinem Grafen heim. Hatte gute ermunternde Worte hören dürfen, des Lobes viel für Treue und Gewissenhaftigkeit im Amte. Hatte der Herr Graf seiner vollsten Zufriedenheit Ausdruck gegeben, und des Riesen Kinderaugen strahlten hell, lag ein Schein in seinem Antlitz. War ihm drob auch die Pfeifen erloschen, die er kalt im Mundwinkel hielt; passierete ihm das nicht gar oft.

Die Frau Mutter war mit ihrem Herrn Eheliebsten in die Kammer gegangen, ihm beim Kleiderwechsel behilflich zu sein. Erheischete doch der Heilige Christ, daß man sich der Werkeltagstracht entledige.

Des Riesen Stimme dröhnte und war ein froher Ton darinnen wie lange nicht. »Und, Mutter, hat mein Herr Graf gesaget, wie er wolle den Jost gerne dermaleinstens zu meinem Nachfolger erküren, derweil er von gutem Schlage sei, der Treue halte und Redlichkeit. So sagte mein Herr Graf, Mutter. Und hält' ich annoch nur einen Wunsch im Leben, Mutter, daß der Bub möge sich besinnen und mir und dem Herrn Grafen zu Willen sein. Möcht' alsdann freudig sterben.«

Solches hörte der Jost ganz deutlich, der nebenan in der Stuben saß und wiederum in den Schnee starrte. Und er hörte die Frau Mutter mahnen:

»Laß den Buben, Mann. Muß ersten mit sich selber abschließen. Ist jungem Blut gar bitter, die Hand des Schicksals spüren: du mußt also! Siehest nit, wie er sich wehret, mein armer Bub? Könnt' blutige Tränen weinen. Muß noch allweil das Herz in beide Hände nehmen, wenn ich den Stelzfuß sehe.«

»Haben wir ihn nit gewarnet, Mutter?« Des Riesen Baß grollte.

»Gewarnet, Mann? Gehet ein jeglicher seinen Weg und ist der Eltern Weisung, wo ein Kind strauchelt, es zu stützen und zu heben. Nit grollen und sagen: wärest du den andern gangen, den ich dir habe weisen wollen. Tauget nit, Mann. Laß den Buben, er findet heim. Ist ja dein Bub, Mann.« War ein tief Zärtliches in der Frau Mutter Stimme, also wie es der Jost nimmer noch gehöret hatte.

»Und der deine, Mutter!« War derselbe Klang auch in des Herrn Vaters Stimme. Und der Jost ließ das Haupt auf die Fensterbrüstung sinken, weinete heiße Tränen, ganz ungescheuet, sah es ja keiner. Und selbige Tränen spületen ihm allen Trotz und allen Hader mit dem Geschick von der Seelen. Ging ein warmer Strom durch ihn hin: der ist noch kein Verlorener, dem so viel Liebe wird, der so viel geben darf. Und das ist kein verlorenes Leben, das andern zur Freude gewendet werden kann, dem gegeben ist, andern einen Herzenswunsch zu erfüllen. Der Herr Vater soll den seinen haben.

»Scher dich zur Dielen, Goliath. Hab' allhier zu tun, ehevor der Heilige Christ Einzug halten mag.«

Also vertrieb das Elflein den Träumenden aus dem finsteren Zimmer. Dann hantierte es wie ein Wichtlein so emsig und heimlich. Man hörte seine huschenden Tritte und sein summendes Stimmlein in einem frommen Liede. – – –

Hell strahlten die Kerzen vor der Krippe, die in dem Winkel neben dem Ofen aufgebauet war. Ein Stern leuchtete drüber, den das Elflein gar erfindungsreich irgendwie befestigt hatte, die Kleine war sehr stolz darauf.

Aber heller leuchteten die Augen derer, die um den Tisch saßen, worauf die Frau Mutter und Malene soeben das leckere Festmahl angerichtet hatten.

Kurz zuvor hatte der Jost sich einen Stoß gegeben und dem Herrn Vater seine Absicht kundgetan, diesem hinfüro in allem zu Willen zu sein.

»Erachte es für meine Pflicht und Schuldigkeit, wo der Herr Vater mir zuvor desgleichen ist zu Willen gewesen, wo es ihm so sauer ist worden und gegen all sein Wollen und Wünschen gangen. Möcht' dem Herrn Vater nach Kräften heimzahlen anjetzo.« So hatte der Jost gesagt, als wie ein guter, gehorsamer Sohn, als wie ein Mann, wozu ihn das Geschick mit hartem Schlag gehämmert hatte. Und es war eitel Freude gewesen bei den Seinen. Nie noch hatten auch seine Augen so hell gestrahlet, seit ihm das Geschick den Stelzfuß angeschnallet hatte, statt des eignen gesunden Beines.

Gegen den Feind angehen, der mit Schwertern und Kanonen, mit Granaten und Haubitzen anrücket, ist ein gar stolzes, männlich Tun. Gegen das eigne ungebärdige Wollen und Wünschen angehen und es niederringen, ist ein Ding, das gar often noch mehr Mut erfordert und wenn ihm keine Lorbeerreiser winken.

Jost Brömel hatte in dieser Christnacht einen guten Kampf gekämpfet.

Des Herrn Vaters und der Frau Mutter Augen leuchteten.

Zum Genuß des Festmahles aber sollten alle annoch nit gelangen, denn wie sie sich eben am Tisch niederlassen wollten, klangen über den Hof leichte Tritte. Ein heller Bariton sang gar paßlich die erste Strophe des Weihnachtssangs:

»Vom Himmel hoch, da komm' ich her, und bring' euch frohe neue Mär.«

Weiter kam der Sänger nicht, denn ein Wirbelsturm hatte die große Malene gepackt und hatte sie dem Sänger entgegen- und an die Brust geweht, keiner wußte wie: »Alois! Aloisius!« hatte das große blonde Mädchen dazu gejauchzt.

Ja, er war es, der Leisetritt und Herzliebste der blonden Malene, der also zum Heiligen Christ ins Haus schneiete. Und sich sichtlich selbsten für die schönste Gabe erachtete, so als wie ein Triumphator schauete er drein.

Da er den Herrn Vater und die Frau Mutter in Eile begrüßte, ließ ihm sein Mädchen nicht eben übermäßig viel Zeit dazu, sondern zog ihn in Hast vor den Bruder: »Dies ist unser Jost, Aloisius. Ihr müsset Brüder sein!«

»Bin dessen mit Freuden gewärtig und begrüße den Herrn Bruder aufs wärmste.« Wußte seine Worte gar zierlich zu setzen, der Herr Kandidate, was dem Jost abging, war aber dessen Händedruck dafür von einer Gewalt, die dem Leisetritt schier einen Schmerzenslaut entlockte. Blieb aber tapfer, dachte nur in seinem Sinn, werd' mich ein andermal vorsehen vor diesem Schraubstock, könnt' mich sonsten leichtiglich ein paar Finger kosten und dann ade Orgelspiel, wo doch der Grundstock war zu meinem Glück.

Und er besann sich, daß er habe eine große Kunde zu vermelden.

»Herr Vater, Frau Mutter, wollet schleunigst die Hochzeit ausrüsten. Bin wohlbestalleter Kantor und Organiste an der Stadtkirche zu Breslau. Ist mir schon seit einer Wochen kundgetan, hab' aber wollen die Botschaft selbsten bringen zum Heiligen Christ. Vermeinete, sei eine willkommene Gabe.«

»Womit der Herr Sohn vollständiglich im Rechte ist. Sage meinen allerschönsten Glückwunsch. Freu' mich der wohlverdienten Ehre. Aberst, ehevor der Lenz will Einzug halten, wäre an eine Hochzeit nit zu denken, will dieses dem Herrn Sohne alsbald vermeldet haben. Und beißet daran keine Maus kein Fädelein ab. Brauchet nit also das Maul schief zu ziehen und den Kopf zu hängen alle beide, will solches wohl erwogen und vorbereitet sein. Soll mir das Kind, die Malene, nit aus dem Hause stürzen, als ob es hinter ihr brennete. Ist ungeziemendlich für eine ehrbare Jungfer. Also vermeine ich.«

Wenn die Frau Mutter also redete und die Haube ihr also im Nacken saß, weil daß sich der Kopf nicht steil genug recken konnte, so wußte jedwereiner, der's hörete und sah, daß die Frau Mutter vermeinte, was sie sagte, und daß ehender der Himmel einstürzete, als daß die Frau Mutter um eines Haares Breite wich von dem, was sie gesagt hatte.

Der Leisetritt und seine blonde Malene waren denn auch keine Kampfnaturen, sondern gute brave Kinder, in der Furcht des Herren und der Herren Eltern erzogen. Und sie wehrten kein bißchen und es gab keinen Mißklang in des Heiligen Abends Friede und Freude.

Und wie danach die Christglocken um die mitternächtige Stunde über das weite Schneefeld klangen, da tönten sie wenigstens für das Verwalterhaus in Lissa die rechte Weise: »Ehre sei Gott in der Höh', und auf Erden Fried' und den Menschen ein Wohlgefallen!« – – – – – – – – – – – – – –

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