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Die Patentochter des alten Fritz

Henny Koch: Die Patentochter des alten Fritz - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorHenny Koch
titleDie Patentochter des alten Fritz
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
illustratorH. Grobet
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150619
projectidf5c0c5f6
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Briefe von drinnen und draußen.

 

Jost Brömel an die Seinen daheim:

»Im Lager vor Liegnitz. 27. Dez. 1757.

»Herr Vater, Frau Mutter und ihr Mädchen!

»Es sind nun schon an die drei Wochen, daß ich meines großen Königs Rock habe anziehen dürfen durch dessen und des Herrn Vaters Güte, was beiden ein großer Gott lohnen möge. Ich bin ein glücklicher Mensch worden, Herr Vater, möget dessen allzeit eingedenk sein, daß Euer Sohn Euch dies danken wird bis zum letzten Atemzuge. Möge es auch der Frau Mutter Trost sein.

»Derweilen hab' ich dürfen schon etliche Heldentaten der Preußen miterleben. Daß wir haben Breslau belagert und bedränget, trotz der Bärenkälte des heurigen Winters, werdet Ihr ja wohl anjetzo gehöret haben, wir lagen davor mit vierzehntausend Mann etwan und unsre Granaten und Bomben pfiffen gar mörderlich. Am einundzwanzigsten Dezembris ist es denen Herren Feinden danach zu viel worden, haben die Waffen gestrecket und soll außer der Besatzung eine gar reichlich gespickte Kriegskasse in unsres Herrn Königs Hände gefallen sein. Schätz' wohl, wird sie gut gebrauchen können, unser glorreicher Fritze. Hurra!

»Dann sind wir hierher vor Liegnitz gerücket. Haben dies die Herren Österreicher nur flüchtig befestiget gehabt. War ein Kinderspiel, es zu nehmen. Hat die Besatzung mit klingendem Spiel dürfen abziehen, sind aber weidlich Vorräte dahintenblieben für uns, was in sotaner bitterkalter Winterzeit nicht eben vom Übel ist, will mich bedünken. Wir sollen nun Winterquartier beziehen, sagen sie. Bestimmtes ist noch nicht kund worden.

»Wie habet Ihr daheim den Heiligen Christ verbracht? Ich Hab' Eurer gar viel gedenken müssen, derweilen mir die Christglocken aus der Liegnitzer Stadt über das weite Schneefeld in die Ohren tönten. Und ins Herz, Frau Mutter. Hat die Malene den Teig zu den Lebzelten fein eingeknetet wie sonsten wohl? Hat die Fritze Viktoria die Kerzen auch ohne meinen langen Arm am Baum befestiget und die Krippe fein sorgsam geschmücket und geordnet? Ich hab' viel heimdenken müssen, da die Glocken klangen.

»Soll nun mit allem Fleiß ans Einexerzieren gehen im Winterquartier, so sagen sie. Soll keine leichte Arbeit sein, denn die Herren Sergeanten und Korporals lassen nicht mit sich spassen. Auch die Herren Offiziers nehmen die Zügel stramm. Mir ist nicht bange. Will meine Pflicht tun als wie ein braver Soldat und Mensch. Auch hab' ich einen jungen Rittmeister, der mir nicht übel gesinnet scheinet. Ist ein Mensch, schön wie ein Bild. Gemahnet mich jeweilen an unser Fritze Viktörchen daheim, bloß daß die nicht halb so hübsch ist. Ha, ha! Nur daß er so braune Leuchtkugeln im Kopfe und so Ringellocken darauf hat. Auch ist er zierlich gewachsen, so daß ich ihn leichtiglich unter den Arm nehmen könnte. Aber ein strammer Husar ist er.

»Herr Vater, Frau Mutter, ihr Mädchen, lebet wohl! Nehme Euch alle der gütige Himmelsvater in seinen Schutz. Vergesset mein nicht!

Euer Sohn und Bruder
Jost Brömel.«

 

Fritze Viktoria an Jost Brömel:

»Herzlieber Goliath und Bruder!

»Wir alle grüßen Dich und danken für den schönen Brief, den ich Dir gar nicht zugetraut hätte, Goliath. Ich soll die Feder führen, sagen sie, da ich damit am besten umzugehen verstehe. Wieso ich zu dieser guten Meinung komme, ist mir nicht recht verständlich. Aber ich habe mich gefüget, wenn auch mit Widerstreben, denn ich wüßte mir Vergnüglicheres zu tun, als an Husaren und Goliathe schreiben. Glaubt's der Herr Bruder? Ha, ha!

»Vom Herrn Vater soll ich vermelden, daß er es nie anders vermeinet habe, als daß der Herr Sohn seine Pflicht tue, es bedürfe dessen keiner Worte, nur Taten. Seine Augen haben dabei aber gestrahlet, Jost, und die Tabakspfeife hat für zween Minuten Ruhe gehabt.

»Die Frau Mutter läßt viel tausendmal grüßen und ihr Schmerzensbub solle Obacht geben, daß er nicht zu tollkühn wäre im Reiten. So ein Gaul könne gar leichtiglich stolpern, fallen und dann ade grade Glieder und allerhand sonsten. In ihren Augen hat das Wasser gestanden, allwo es selten versieget, sofern sie ihres Buben denket.

»Malene lasset sagen: wenn der Herr Bruder dermaleinstens heimkehre, sollten die Lebzelten geraten wie seit der Weltenschöpfung nicht und Berge davon sollten ihm entgegenlachen und duften. Dabei hat ein Auge gelachet und eines geweinet, Jost. Wieso die Malene dies Kunststück fertigkriegt, ist mir annoch dunkel.

»Die kleine Fritze Viktoria aber fragt: Langer Jost, wann kommt die erste Schlacht? Und ihre Augen leuchten dazu und ihre Wangen glühen.

»Also Dein Rittmeister sieht mir ähnlich? Dummer Jost, wie kann man das wissen, wo ein Schnurrbart mitten in einem solchen Gesicht steht, he? Denn er hat doch einen, Jost? Sonst wäre er ja kein richtiger Reitersmann und gefiele mir kein bißchen. Dummer, dummer Jost!

»Übrigens, Jost, unser Heiliger Christ sah anders aus als sonsten wohl. Wir haben keine Lebzelten gebacken – gar keine, Jost – wir haben das Geld genommen und haben Wolle dafür gekauft und aus der Wolle werden Socken gestrickt – schwere, dicke Socken, Jost, die Nadeln sind greulich hart zu handhaben, puh! die Hände schmerzen mich, wenn ich die Dinger nur sehe. Für wen die Socken wohl bestimmt sind, Goliath? Riesengroß sind sie, der Fuß nimmt kein Ende!

»Und das ist unser Weihnachtsvergnügen gewesen. Ist es noch, denn die Socken, die Socken, Goliath! Was hast Du auch Füße wie ein Leiterwagen, he?

»Einen Baum gab's ebenfalls nicht. Dafür hab' ich die Krippe in der Stubenecke gar säuberlich geordnet. Die Frau Mutter wollte ein saures Gesicht ziehen, besann sich aber dann eines anderen, Besseren.

»›Weil die Kinder denn doch auch was haben wollen, Mann! Und ist recht so,‹ sagte sie zu dem Herrn Vater, und der nickte bloß, sagte kein Wort, weil ihm diesmalen die Pfeife zu schaffen machte, die nicht recht gestopft war.

»In die Christmette aber sind wir gewandert alle viere. Und war ein ernstes Schreiten über den stillen Schnee unter den stillen Sternen zum Klang der Glocken. Was die uns alles zu sagen hatten, Jost. Sind niemalen sonsten noch so beredt gewesen. Nach Dir haben sie auch gefragt, Goliath, und sie lassen Dich grüßen viel tausendmal.

»Der Herr Vater, die Frau Mutter, Malene und ich, wir tun desgleichen. Und wir vergessen Dich nicht. Bist zu lang dazu, Langer! Ha, ha!

Deine getreue Schwester
Fritze Viktoria Mollwitz.«

P. S. Und grüß mir auch meinen Paten und Heldenkönig!

 

Jost Brömel an die Seinen.

»Schweidnitz, 20. April 1758.

»Lieben Eltern und Geschwister!

»Hab' können lang nichts von mir lassen hören. War harte Arbeit am Tag mit dem Einexerzieren, bis daß mein Gaul und ich waren zusammengewachsen als wie ein Leib. Ist dies anjetzo so weit und forcht sich der Jost Brömel und sein Gaul vor dem Deubel nit. Hab' aber die Frau Mutter nit Sorge derohalben, was unsres großen Fritzen Husaren sind, die wissen, daß keiner sein Leben leichtsinnig in die Schanzen schlägt, weil daß die Preußen in der Minderzahl sind und jedeinen Mann gebrauchen. Sind aber tapfer für doppelt so viele.

»Vor zween Tagen ist denn auch Schweidnitz im Sturm genommen worden mitten in der Nacht. Das war gar vergnüglich und haben die fünftausend Österreicher, die letzten, allwo sich im Lande Schlesien befinden, die Waffen gestrecket und – –«

»Lager bei Königingrätz, 15. Juli 1758.

»Vor drei Tagen sind wir hier eingerückt und will mich bedünken, als ob jetzo sollten ruhigere Tage kommen. Wäre auch not! Aber wie unser Herrgott und unseres glorreichen Königs Majestät wollen!

»Denke der Herr Vater, die Frau Mutter nicht, daß ich sie habe vergessen in all dieser langen Zeit seit den Tagen des Heiligen Christ. Lege derohalben den Zettel bei, woraus ich damalen vor Schweidnitz hab' angefangen über meine Lebensläufte zu berichten. Sind danach beschwerliche Tage kommen, haben zuzeiten nicht aus und ein gewußt, unser großer Fritze und wir, hätt' jedeiner sonsten klein beigegeben.

»Er nicht! Er nicht, der Glorreiche, der Große! Weiß sich überall zu helfen und aus der Schlinge zu ziehen. Der lebt nicht, der ihm gewachsen wäre. Und je toller sie ihn umdrängen und je dichter sie ihn in die Enge treiben, um so stärker, um so eiserner ist er. Ist ein Held mit jedem Blutstropfen. Hurra! Jetzo seh' ich die Fritze Viktoria die Leuchtkugeln rollen. Hurra! Hurra! Hurra!

»Hab' gar vieles zu vermelden, will aber zuvor der Frau Mutter versichern, daß ihr Bub wohlauf und getrost ist und noch alle seine graden Glieder hat.

»War also bei Schweidnitz damalen steckenblieben mit meinem Berichte. Zogen zunächst in Eilmärschen nach Mähren hinein, vor Olmütz, allwo die Belagerung anhub. Da war es mittlerweile Mai geworden.

»Derweilen sollen sich die Herren Feinde an den Grenzen des Böhmerlandes gar gewaltiglich verschanzet haben, allwo sie uns erwarteten.

»Unser Fritze tat ihnen aber den Gefallen nicht. Er ließ sie dorten die Wälder schlagen und ihre Verhaue machen, er drehte dem Generalfeldmarschall Daun eine feine Nase. Unser großer Fuchs!

»Aber das vor Olmütz wollte doch nicht so recht klappen. So flink wir gewesen waren, Fußvolk und Reiterei, so langsam kamen unsere Geschütze nach. Die Österreicher hatten mittlerweile Zeit, Lunten zu riechen und uns nach Mähren zu folgen. Doch hielten sie sich zurück und es kam zu keiner Schlacht. Derweilen hatten wir denn Olmütz richtig blockieret. Aber unsrer Geschütze waren annoch zu wenige und unser Heer war zu klein, die Feste rings einzuschließen, abzuschneiden vom Feinde.

»Es sind Tage kommen, an denen nur wenige Schüsse haben abgegeben werden können aus Mangel an Munition und die Belagerten haben können in den Pausen allemal ausbessern, was die Kanonen verstöret hatten.

»Dies war kein ersprießlich Tun, das konnte unsereiner sehen.

»So rief denn unsres großen Königs Majestät den alten Zieten zu sich. ›General,‹ sagt er zu ihm, ›reit Er mir mal mit Seinen Kerlen was die Lappen stiegen zur Schlesischen Grenze, allwo ein Zuzug von Geschützen, Munition und derlei unterwegens ist. Geb Er den Gäulen die Sporen, General!‹

»›Sehr wohl, Majestät,‹ hat unser alter Zieten gesagt, und wir sind davongebrescht, als wäre der Deubel hinter uns her.

»Der war's nun nicht – aber die Österreicher. Die hatten Wind gekriegt von unsrem erwarteten Zuzug und – – Herr Vater, Frau Mutter, es war eine schlimme Sache. Hätt' können blutige Tränen weinen. Alles Draufgehen vergebens, alle Tapferkeit!

»Mitten in den Waldbergen, allwo die Wege sich mühsam und eng durchwinden, allwo die armen Gäule vor den schweren Kanonen nur mit Mühen vorwärtskeuchten, allwo schon dieserhalb alles ins Stocken kam, fielen sie über uns her. Waren urplötzlich von allen Seiten über uns! Waren ihrer wie Sand am Meere!

»Ihre Schüsse machten die Pulverwagen in die Luft sprengen, und in der grausen Verwirrung metzelten sie nieder, was vor sie kam. Waren zumeist Rekruten, arme junge Bürschlein aus der Mark und aus Pommern. Deckten mit ihren Leibern die Wege. Sind nur wenige am Leben blieben. Werden vieler Mütter Tränen drum geflossen sein und fließen.

»Wir von der Reiterei haben nit können wehren dem Morden. Haben für unser Leben zu fechten gehabt. Sind denn auch unter steten Scharmützeln bis an die Schlesische Grenze kommen, haben müssen die Zähne aufeinanderbeißen und haben geknirschet vor Wut, daß wir haben müssen unsern großen Fritzen so im Stiche lassen, derweilen er auf seine Husaren bauete.

»Sind nur ganz wenige Wagen bis gen Olmütz gekommen, sagen sie. Ist unsres großen Königs Majestät die Fortuna somit entgegen gewesen. Hat er nachgegeben als der Klügere, der er ist. Sie sagen, er hat seinen Rückzug ermöglicht durch eine schlaue Kriegslist, daß er hat Seinen Kurier gesendet mit Depeschen, die dem Kommandanten von Neisse vermeldeten, daß er solle Fourage für die anrückende Armee in Bereitschaft halten. Selbigen fingen die Österreicher ab und vermeineten unsern Fritzen auf dem Rückmarsch nach Schlesien. Beeileten sich, ihm die Wege zu verlegen. Derweilen ist unsres großen Königs Majestät gen Böhmen gerücket mit seinem Heer und seinem schweren Belagerungszug von viertausend Wagen! Wie die Österreicher sich dann also genasführet sahen, sind sie ihm nach wie's Wetter. Haben ihm können nit mehr viel anhaben, dem Großen. Bei Königingrätz hier, sind wir ja nun wohl alle im Lager geborgen einstweilen. Sie sagen, es sei der glorreichste Rückzug gewesen, den man je erlebt habe. Hat was von den alten Griechen gesagt, mein Herr Rittmeister und von einem Namens Xenophon oder so was. Wer das gewesen ist, weiß ich nicht. Aber meines Herrn Rittmeisters Augen haben dabei geglüht wie die Leuchtkugeln.

»Sie sagen auch, unser Herr König sei mehrmalen in Gefahr des Lebens gewesen. So soll ein Pandur aus ihn angelegt haben, derweilen er zu einer Rekognoszierung ritt. Da er solches merkte, hat er den Kerl mit den Königsaugen angeblitzt, hat seinen Krückstock gehoben und gedroht: ›Will er wohl keine Betisen machen, Mann!‹ Da hat der Kerl erschrocken sein Gewehr sinken lassen und hat dafür ehrfürchtiglich sein Käppel gelüftet. Hurra! unser Fritze! Kein zweiter wie er!

»Herr Vater, Frau Mutter, ich sende meine wärmsten Grüße. Vielleicht, daß die Fritze Viktoria wieder einmal schreiben möchte. Verlanget mich gar sehr, zu hören von daheim, denke gar viel dahin, zumeist in der Nacht, wenn alles still ist rings um mich her. Noch viel lieber wäre mir, wenn auch die Frau Mutter und die Malene einmal zur Feder greifen möchten, und mich hören lassen. Kann es dem Herrn Vater nit zumuten, dieweilen ich weiß, wie überlänget er mit Arbeit ist, auch daß die Feder just nit sein liebstes Werkzeug ist. Grüße ihn aber in Liebe und kindlicher Ehrfurcht; desgleichen die Frau Mutter.

»Malene und Fritze Viktörchen einen Brudergruß und sie sollen mein nit vergessen. Ich denke allzeit ihrer.

Euer geliebter Sohn und Bruder
Jost Brömel.«

 

Die Frau Mutter, Malene und Fritze Viktoria an Jost Brömel.

»Mein Sohn, mein geliebtes Kind!

»Dieweilen Du gerne auch von mir hören möchtest, so ergreife ich die Feder, wenngleich es ein ungewohntes Tun ist für Deine alte Mutter. Sie verhoffet, Du wirst können ihre Krakelfüße lesen, denket ihr kaum die Zeit, allwo sie zuletzt geschrieben hat. Muß gewesen sein, da ihr Bruder, Dein Oheim noch lebte, der Deines großen Königs Feldprediger war und hat uns das Kind, die Fritze ins Haus gebracht. Gott segne sie!

»Aber zu Dir, mein Sohn. Dein Vater lässet Dir sagen, daß er sich baß gefreuet habe ob Deinem schönen und anschaulichen Schreiben. Er hat selbiges seinem Herrn Grafen mitgenommen und ist ganz stolz gewesen auch über dessen Lob, so als ob er selbsten der Schreiber wäre. Er träget den Brief in seiner Rocktaschen und wie ich selbige am Sonntag hab' wollen leeren, hat er mich nit bitter angebrummet, alswie er selbiges gut verstehet, es aber niemalen übel vermeinet.

»Mein geliebtes Kind, ich danke Gott, daß er meinen Buben bewahret hat vor allem Übel, möge er auch fürderhin gnädiglich seine Hand halten über ihm, Amen. Wenn Du wieder berichtest, mein Sohn, schreib auch, wie es mit Hemden und Socken stehet, ob Du fein sorgsamlich damit umspringest und ob Du nit Mangel hast an irgend was. Schreib's Deiner Mutter, Jost, sie banget um ihres Buben Gesundheit, weßmaßen ein ganzes Hemde und unzerrissene Socken sein von der größten Notwendigkeit derohalben, denn ein Mann, wo sein Unterzeug nit hat im besten Stande, lässet sich auch sonsten gar leichtiglich verlottern an Seel' und Leib. Und denn taugen die Frauenzimmer auch nit besonders, wo die Sorge haben für ihn und sein Gedeihen und Deine Mutter möcht' tun ihre Pflicht und Schuldigkeit an ihrem Fleisch und Blut. Also die Socken, Bub, und die Hemden nit vergessen! Meine Krakelfüße sind um etliches zu groß geraten. Die Malene behauptet, wenn ich nit aufhöre, bleibe ihr kein Platz nit mehr für ihr Schreiben. So bescheide ich mich.

»Mein Bub, sei nit tollkühn mit Deinem Gaul. Mußt ja nit gerade immer vorn dran sein, gelt? Denk an Deine Mutter und ihr banges Herze daheim. Der Herr behüte Dich!

Deine alte Mutter.«

»Und grüß mir auch Deinen Herrn Rittmeister, der so gut ist, wie Du sagst, er soll fein gut auf Dich Obacht geben.«

»Lieber Bruder!

»Jetzo will ich Dir schreiben, weil daß Du doch auch gern einiges von mir hören willst. Unsre Kuh hat gekalbet, ein gar stattlich Kälblein. Und die Muttersau hat sieben Ferkel, weßmaßen du ermessen kannst, daß meine Zeit nit etwan untätig verstreichet. Auch heißt es sich tummeln von wegen daß die Ernten bald einsetzen wird und noch etliches zuvor zu beschicken bleibet, als wie der Flickkorb und die neuen Socken für Dich, von denen die Frau Mutter nit genug kann haben. Auch haben wir müssen ein ganz Stück Hemdentuch verschneiden, aus daß der Herr Sohn nit sollten Mangel leiden. Selbiges soll aber ein Geheimnis sein, ich bitte drum, sich nit etwan zu verplappern.

»Auf die Scheune hat der Herr Vater müssen ein neues Dach richten lassen, weil daß das alte es nimmer hat wollen tun. Der Herr Vater hat ein Erkleckliches drum geseufzet in sotanen bösen Zeiten, ist ihm aber nichts andres übrigblieben. Eine neue Kuh haben wir desgleichen eingestellet, da die rote Liese bald abgängig sein wird. Ist ein schön Tier, falb mit einer Blesse auf der Stirn. Schmeißet auch kein bißchen beim Melken, ist sanft wie ein Lamm.

»Eine neue Art, Brot zu backen hat mir auch die Frau Nachbarin verraten. Ist eine gar köstliche Art, mundet uns allen vorzüglich. Muß beim Einkneten immer gedenken, wie voll Lust ich es erst für den Jost tun werde, wenn er nur erst wieder heil und ganz daheim ist.

»Jost, mein Bruder Jost, warum hat es Dich so hinaustreiben müssen? Könnten so friedlich und in Freuen zusammen hausen, und die Frau Mutter brauchte nit so viel zu bangen und zu weinen, denn das tut sie, Jost, und vermeinet, keiner sähe es. Ich sehe es aber doch.

Deine Schwester Malene.«

»Haben mir nur noch ein gar winzig Ecklein von dem Papier übriggelassen, die zwei. Wo aber allemal zuletzt das Beste kommt – he, Jost? – so will ich weiter nit maulen, sondern schreiben.

»Hurra! Jost, muß das fein gewesen sein, wie die Pulverwagen prasselten und aufflogen und ihr draus wie's Wetter auf die Österreicher. Wenn ihr denen Feinden auch nit habt können was am Zeug flicken, hurra! ihr habt doch dürfen dreinhauen.

»Möcht' auch sein, dort, wo die Kugeln sausen, wo die Hiebe krachen, wo die Bomben platzen und die Kanonen brüllen. Dort lebt man. Hier ißt und trinkt und schläft man nur.

»Ich hab' Sehnsucht, Sehnsucht, aber nicht nach Dir, dummer Jost, bild' Dir nur das nicht ein – nach der Welt, nach dem Lärm draußen – – nach dem Leben!

»Grüß mir meinen König! Und schreib bald wieder. Deine Briefe sind für mich wie der Ostwind, der in Mittagsstille fährt.

Deine getreue Ziehschwester
Fritze Viktoria Mollwitz.«

 

Jost Brömel an die Seinen.

»Feldlazarett in der Nähe von Zorndorf, 30. August 1758.

»Herr Vater, Frau Mutter, Schwester Malene und Fritze Viktoria!

»Daß sich die Frau Mutter nit etwan banget um mich, wenn sie obiges lieset. Ich sitze hier von wegen meinem Herrn Rittmeister, der ein Weniges was abgekriegt hat in der großen Schlacht gegen die Herren Russen. Ist aber schon wieder auf dem besten Wege. Wäre auch ein großer Jammer gewesen um das frische, junge Blut. Die Schramme an der Stirn will aber allbereits wieder heilen. War ein Gottesglück, daß ich so dicht dahinter war und den Kerl, den Kosaken, just unter dem Arm kitzeln konnt', da er seinen Degen gegen meinen Herrn Rittmeister zückte. Ist gefallen wie ein Baum, der Deubelskerl.

»Aber ja nun hübsch der Reihe nach, Jost Brömel, hab' denen daheim gar viel zu berichten. Kommt diemalen das Fritze Viktörchen auf ihre Rechnung, denn es war eine große, wilde, blutige Schlacht, die bei Zorndorf. Aber entsetze sich die Frau Mutter nur nicht allzusehr, siehet ja, ihr Bub kann annoch schreiben.

»Muß aber zuvörderst von Cüstrin berichten, der armen Stadt, und wie die Russenhorden alldorten gehauset haben. Ist blieben kein Stein auf dem andern, also haben die Kanonen gefeget, und stehet kein Dach mehr über einem Haus, ragen die Mauern geschwärzet gen Himmel, denn allwo die Kugeln etwan etwas unverstöret gelassen hätten, da haben die Flammen das ihre getan. Ist ein Anblick gewesen, daß man hätt' können blutige Tränen weinen.

»Ist meines Herrn Königs Antlitz auch des Kummers voll gewesen, da er solches hat müssen sehen.

»Sind ihm die armen, verängsteten Menschen zu Füßen gefallen und haben ihm ihr Leid geklaget. Haben geseufzet und gestöhnet.

»Hat mein Herr König gesagt und ist ein Erbarmen in seiner Stimme gewesen, als wie unsres Herrgotts selber. ›Kinder,‹ hat er gesagt, ›hab' nit können früher kommen, sonsten hätt' euch das Unheil nit betroffen. Aber haltet den Nacken steif, habet fein Geduld, ich will euch allens wieder ausbauen.‹ So etwan soll mein Herr König gesagt haben. Selbsten hab' ich es nit gehöret, aber sie sagen so, die's gehöret haben.

»War ein Heldenstücklein von den Herren Russen, die wehrlose Stadt in Brand zu schießen, derweilen die Festungswerke unzerstört blieben. Dort hat ein braver Mann gesessen, hat dem Russen sagen lassen, wie er ihn zur Übergabe ausforderte: ›Nit bis zum letzten Schuß und letzten Mann!‹

»Meines Herrn Königs Majestät hat es ihm aber heimgezahlt, dem Russengeneral, dem Fermor. Hat lassen auf die Russenverschanzungen bei Lüstrin Feuer abgeben, so daß sich die Herren Russen eines Angriffs von dieser Seite versahen und derweilen lässet unser Heldenkönig, da die Nacht will hereindämmern, uns in aller Stille aufbrechen und über die Oder rücken, denen Feinden ein Schnipplein zu schlagen.

»Da wir im Aufbruch waren, ritt er unsre Reihen entlang. ›Kinder, wollet ihr mit?‹ So fragte er und seine Augen blitzten.

»Das taten die Unsern denn desgleichen, da wir ein jubelndes ›Ja‹ antworteten.

»Rief einer: ›Wofern wir nur ersten die russischen Beutepferde hätten, Majestät, schätz' wohl, sollt' dann noch flinker gehen.‹

»›Holen wir uns, mein Sohn, nur Geduld!‹ So unser Heldenkönig.

»Und unser Jubel war ohn Maßen.

»Und dann rücketen wir unaufhaltsam vor. Waren unsrer etwan 32 000 Mann gegen die 52 000 Russen. Zageten aber nit einen Hahnenschrei lang.

»War es denn auch andern Morgens um neune etwan so weit. Standen denen Herren Russen gegenüber. Hatten sich in einem riesigen länglich viereckigen Klumpen aufgestellet, Troß und Reiterei in der Mitten. Waren gar bedrohlich anzuschauen. Bangeten unser großer Fritze und wir aber kein bißchen.

»Drauflos wie's Wetter gegen die rechte Seite des Feindes. Unsre braven Kanonen taten auch das ihre wacker. Ganze Reihen der dichtgedrängten Feinde mäheten sie dahin. Da kam eine große Verwirrung über diese. Die Troßpferde im Innern des Vierecks brachen aus, auch die von der Reiterei waren kaum zu halten. Nun stießen unsre Schützen vor, aber in dünnen Reihen. Es gelang denen Feinden mit einem Geheul als wie von wilden Bestien: › Ara! Ara!‹ durchzubrechen.

»Nun aber unsre Reiterei unter dem tapfren Seydlitz vor! Brescheten daher als wie die Deubel, warfen nieder, was ihnen vor die Hufen kam, und was nicht niedergeritten war, dem fuhr die Klinge über den Schädel. Haben vieler Mütter Söhne müssen ins Gras beißen. Ist ein Metzeln gewesen, als wie sich's keiner einzubilden vermag, denn allwo einer am Boden lag, stunden sechs andre für ihn da. Mußten über Wälle von Leibern weg und ist ein Anblick gewesen, der manches Mannes Herz hat beben machen in Grauen und Erbarmen.

»Da war's, allwo ich meinem Herrn Rittmeister konnte zu Hilfe kommen. Macht ein größeres Aufhebens davon, als wie die Sache wert ist, sagt, der Jost Brömel habe ihm das Leben gerettet und er wolle dessen allzeit eingedenk sein.

»Gab noch viel Hin und Her in der Schlacht. Hab' berichten hören, daß von denen Russen seien über die eignen Bagagewagen kommen. Haben denen Branntweinfässern den Boden ausgeschlagen und haben sich besoffen mitten im Kampf als wie die Schweine; haben die Herren Offiziers, die solches wollten wehren, bedrohet, also daß sie mußten flüchten vor der eignen Mannschaft. Frag' den Herrn Vater, ob solches Feinde seien, vor denen ein Preußenherz müsse zagen.

»Aber gefochten haben sie wie die Bestien, muß ihnen der Neid lassen. Standen immer neue Scharen auf, und war ein Getümmel und Gedränge zuletzten, daß man hat nit vermögen Freund und Feind zu unterscheiden. Haben sich ineinander verbissen, als wie die wilden Tiere.

»Soll unsres Herrn Königs Majestät selbsten in Gefahr des Lebens gewesen sein. Sollen von denen Pagen, allwo immer müssen um ihn sein, viele gefangen, verwundet und getötet worden sein. War ein Staub und ein Pulverdampf, daß unsre Gesichter geschwärzet waren, als wie der Teufel Gesichter. War selbsten unsres Herrn Königs Majestät nur an der Stimme zu erkennen.

»Ja, war ein heißer Tag, der von Zorndorf, wird allen denken, die ihn heil haben überleben können.

»Haben gar viel Bravour bewiesen, die Herren Russen. Haben sich noch zweimalen gesammelt und zur Wehr gesetzet, in der Nacht und am anderen Morgen. War aber verlorene Mühe, haben sie geworfen, daß sie dann zuletzt das Aufstehen haben vergessen. Sie sagen, nur unsre bessere Kriegszucht habe uns den Sieg gebracht. Hurra, unser Fritze! Ich sterbe für meinen Helden, wenn es muß sein.

»Bange sich die Krau Mutter aber einstweilen nit, annoch sitzet ihr Bub hier im Lazarette und schreibet am Bette seines Herrn Rittmeisters.

»Für den hab' ich auch müssen in die Heimat berichten, dieweil er einen Stich in den rechten Arm hat abgekriegt zugleich mit der Schramme auf der Stirn.

»Ist von polnischer Herkunft, heißet Jaroslav von Rosowsky. Leben ihm nur noch Mutter und Schwester, derweilen der Vater gestorben ist, verunglücket auf der Jagd vor dreien Jahren. Ist mein Herr Rittmeister Erbe von einem großen Rittergut, das bislang die Frau Mutter verwaltet, bis daß ihm des Krieges Läuften gestatten, seinen Abschied zu nehmen, diemal er den großen König nit will verlassen, ehedenn der Streit ist ausgefochten um die Schlesischen Lande. Dünkete ihn sonsten als wie eine Fahnenflucht, sagt mein Herr Rittmeister und ich kann das gut verstehen. Wollt' jetzt auch nit mein Gewehr an die Wand hängen, ehevor wir Viktoria schießen dürfen. Hurra!

»Leben der Herr Vater und die Frau Mutter wohl, behüte der Herr in seiner Gnade dero werte Gesundheit, als wie ich dasselbige denen zwei Jungfer Schwestern wünsche. Und vergesset mein nit!

Euer Sohn und Bruder
Jost Brömel.«

 

Fritze Viktoria Mollwitz an Jost Brömel.

»Lissa, im September 1758.

»Lieber Goliath und Bruder!

»Soll Dir vermelden, daß Dein Brief uns alle sehr gefreuet und interessieret hat. Haben ihn dürfen nur zweenmalen lesen, wo er dann in des Herrn Vaters Taschen verschwunden ist, von allwo er nit wieder aufzutauchen pfleget. Die Frau Mutter hat ein Weniges geweinet, sind aber Freudentränen gewesen, daß ein gütiger Gott ihr den Buben hat bewahret und daß selbiger Bub gar so ein braves, tapfres Blut ist.

»Bin desgleichen stolz auf den Goliath, hat feine Sachen brav gemacht, daß er selbigen Russen nit hat lassen seinen Herrn Rittmeister totstechen. Wär' jammerschade gewesen um den netten Menschen.

»Hurra! Jost, muß das eine Schlacht gewesen sein! Hätt' mögen mitten drinnen stecken, wo die Kugeln am dichtesten fliegen. Das ist doch Leben!

»Aber wenn ich bedenk', daß ich müßt' sehen Blut fließen und Menschenaugen brechen, daß ich müßt' Todesschreie hören und Stöhnen der Wunden, da ist mir doch unser kleiner stiller Winkel lieber, allwo nit Tod ist und Not.

»Dieweilen ist auch unser Winkel gar nit so still, als wie er es zu sein pfleget. Vermein' mit dem Winkel dermalen des Goliath Elternhaus, was sonsten ein gar stattlich Haus ist. Hab' nur so die Redensart gebrauchet, façon de parler, nennet es der Welsche.

»Nun will der Goliath wohl wissen, was sich darinnen begibt, das ihm die gewohnte Ruhe verstöret. Ist nit gar viel mehr, als daß ein fremder Mann hat ausfunden, wie wohl sich darinnen lässet hausen und schmausen an der Frau Mutter Tisch. Nit daß er viel Lärm machete, ist das nit in seiner Art, heißet dazu auch Leisetritt, was ihm gar wohl anstehet, dieweil er ein gar höflicher, wohlerzogener, bescheidener Mensch ist, der der Frau Mutter ganzes Herze gewonnen hat. Ist lang und schmal, hat ein Gesicht wie Milch und Blut und Veilchenaugen als wie eine Maid. Hat eine weiche, leise Stimme und will ihm der Flaum eben sprossen, ist aber so blond, daß man ihn kaum siehet, was ihm einer Jungfer Ansehen verleihet.

»Schilt mich die Frau Mutter, wenn ich solches sage, ist ihr der Leisetritt gar lieb worden. Rühmet, daß dessen Frau Mutter sich nit müsse versehen, daß ihr der Sohn unter die Soldaten laufe, allwo ihm die Kugeln die graden Glieder verstümmeln möchten, dieweilen die Mutter es sich habe mit Sorge und Müh' angelegen sein lassen, ihn zu einem gesunden Menschen heranzuziehen, was niemalen ohne viel Fleiß und Not und manch schlaflosen Nächten sei zuwege zu bringen.

»Sage ich, Tapferkeit sei des Mannes führnehmste Tugend, sagt sie: Papperlapapp und ich sei ein Kücken, das die Nase noch nicht habe über den Zaun gestrecket und rede wie ein solches, weßmaßen ich nit solle reden, was ich nit verstehe. Wohingegen ich die Schultern zücke und die Nase rümpfe. Aber nit, daß es die Frau Mutter könne sehen, Hab' sie allzu lieb dafür.

»Die Malene sagt nichts – ist ja immer die Beste gewesen von uns. Hab' noch nit können herausfinden, wie ihr der Leisetritt gefällt. Hat eben alle Menschen lieb, die Malene, und vermeinet ihnen das Beste.

»Wieso der Leisetritt ist in unser Haus kommen, will der Goliath nun wissen?

»Ist ein Kandidate der Philologie aus Breslau und hilft hier Schule halten und denen bitterbösen Buben Mores lehren, dieweilen der alte Lehrer ist mit Tod abgangen und der neue noch nit ist ernennet und aufzogen.

»Hat er sich an den Herrn Vater gewendet mit einer Bitten, hab' vergessen, was es ist gewesen. Hat ihn der Herr Vater ins Haus beschieden und hat er so den Weg funden, auch den Weg zu der Frau Mutter Herzen. Wandelt selbigen Weg nun des Tags mindestens einmalen und freuet sich auch der Herr Vater, wenn er den Leisetritt siehet.

»Hab' dem Goliath nichts weiter zu vermelden. Gehet alles seinen Gang, als wie es ihn ist gangen, ehe denn die Welt geschaffen war. Wir essen, trinken und schlafen. Daß wir daneben auch arbeiten, brauch' ich dem Goliath nit weiter zu vermelden, sintemalen er die Frau Mutter kennet und ihre Art.

»Stricken diemalen immer noch Socken – Riesensocken, Goliath!

»Hab' ein Bündel Grüße aufgepacket von allen Seiten, daß ich vermeine, schier darunter zu ersticken. Nehm sie mir der Goliath fein ab, beseh' er sich, von wem sie sind. Sind auch welche drunter und nit die schlechtesten von der

Fritze Viktoria.«

 

Jost Brömel an Fritze Viktoria Mollwitz.

»In der Nähe von Dresden, Sept. 1758.

»Liebste Jungfer Fritze Viktörchen!

»Dank' Ihr von Herzen für den schönen Brief und möchte Euch alle vermahnen, was Weibsen sind unter des Herrn Vaters Dach, nit zu vergessen, daß des Königs von Preußen Majestät Husar Jost Brömel hat älteres Recht an die Liebe und Fürsorge derer daheim als der lange blonde Mensch und Leisetritt, so da schnüffelieret und scharmuzieret, allwo er nit ist berufen, also zu tun. Selbiges zur Kenntnis aller, denen es zu wissen nottut. Auch der Frau Mutter, auch der Jungfer Mollwitz und diesereinen erst recht. Ist so ein Flederwisch und Leichtfuß schon von wegen körperlicher Anlagen, daß man ihr baß muß zu Gemüte führen, als daß die Treuen ist der Frauen Krone. Amen. Wenn denen daheim überhauptens noch ist darum zu tun, zu wissen, allwo das Geschick des Krieges den Sohn und Bruder hin verschläget, so vermeldet er, daß der Zieten mit seinen Husaren, darunter auch dem Jost Brömel, hat müssen den Laudon im Schach halten, was er hat besorget, wo dann unsres großen Königs Majestät ist selbsten auf dem Plan erschienen, hat all die Seinen herangezogen und um sich versammelt und harren wir nun hier vor Dresden, ob es denen Herren Österreichern unter dem Daun gefallen wolle, sich uns zu einer Schlacht zu stellen. Besorgen aber, daß dem die Lust sei ausgangen. Hat sich gar fürsichtig und festiglich verschanzet in einem Lager, allwo er sich einnistet, als ob er wolle den ganzen Winter – –«

 

Fortsetzung dieses Briefes durch den Rittmeister Jaroslav von Rosowsky.

»Im Lager bei Bautzen, 16. Oktober 1758.

»Ich lege den angefangenen Zettel meines treuen Jost bei, auf daß die Seinen daheim sehen mögen, wie er ihrer allzeit in Liebe denket.

»Auch jetzt, da er hier im Lazarette und im Fieber lieget und ist kein Gedanke, daß er wird können schreiben vor den nächsten Wochen.

»Nun möchten sich aber die Seinen nicht ängstigen, so hat er mir ans Herze geleget zu sagen, vor allen nicht seine Frau Mutter, welcher Botschaft ich dieselbige Bitte beifüge. Nämlich ist gar kein Grund zur Sorge vorhanden. Der Jost ist ein Prachtkerl, der solch einen kleinen Aderlaß am Arm, wie ihm den die Kugel hat geschaffen, mit Lachen absolvieret. Auch ist die Kugel entfernet und der Arm wird seine volle Bewegungsfähigkeit behalten, sagt der Medikus.

»Ich will aber nun an meines treuen Jost Stelle ein Weniges berichten, wie er in solche Lage kommen ist. Er hat desgleichen selbiges Mal, wo er mich aus dem Feind herausgehauen hat, am Tag von Zorndorf, mit Gefahr seines Lebens, hat er desgleichen an die Meinen daheim für mich berichtet und es sich keiner Mühe verdrießen lasten. Was ich ihm nie genug werd' danken können und sollten er und ich gleich hundert Jahre leben, was nicht zu erhoffen wäre.

»Also: wie der Jost schon berichtete, hatten die Österreicher ein festes Lager bezogen und waren nicht herauszulocken. Da beschloß unsres großen Königs Majestät, dasselbe zu tun, und zwar bei Hochkirch, just unterhalb des Lagers der Herren Feinde.

»War ein gewagtes Stücklein, aber unsres glorreichen Königs Majestät fürchtet sich vor keinem Wagnis irgend welcher Art. Und seine Kerle, Grenadiers und Husars, desselbigen nit.

»Haben es aber diemalen dennoch schwer müssen büßen. Es hat dem Daun der Böse eingegeben, daß er uns sollte überfallen bei der Nacht. War in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober, da wir just sollten andern Tags das Lager aufbrechen, weil unser großer König alle Hoffnung aufgegeben hatte, den Feind vorzulocken aus seinem Verschlupf. In selbiger Nacht also, des Morgens so gegen den ersten Hahnenschrei, da fielen sie über uns her wie die Teufel, von vorn, von hinten, von überall. War ein gar blutiges Erwachen für unsre Tapferen. Hab' welche fechten sehen im Hemde, mit bloßen Füßen, aber Gewehre und Säbel hielten sie fest. Sind Wunder an Tapferkeit geschehen, haben aber den Feind nicht werfen können, der in Scharen über uns herfiel, als sei die Hölle losgelassen. Haben unsre eignen Kanonen genommen und gegen uns gerichtet, unsre Leute sind drauflos wie Löwen und Tiger, hat nichts genutzet. Man könnte blutige Tränen weinen, wenn man bedenket, daß solche Heldenhaftigkeit ist umsonsten gewesen. Auf dem Kirchhof bei Hochkirch haben sich die Unsern am längsten gehalten, Helden jedeiner. war ein Major von Lange, der sie befehligte, alle starben den Heldentod, hatten alle Kugeln verschossen und wehrten sich zuletzt mit Kolben und Bajonett. Umsonst!

»Feldmarschall Keith ist gefallen, der Prinz Franz von Braunschweig desgleichen, der Dessauer ist tödlich getroffen – haben teuer zahlen müssen. Teuer zahlen.

»Aber unsres großen glorreichen einzigen Königs Majestät zaget nicht.

»›Wo sind eure Kanonen, Kanoniers?‹ so hat er denen zugerufen, da die Truppen, oder was von ihnen geblieben war, dann an ihm vorüberzogen.

»›Hat sie der Teufel zur Nachtzeit geholet, Majestät!‹ So antworteten die Braven.

»›Jagen wir sie ihm bei Tage wieder ab, was Kanoniers?‹

»›Ist recht, Majestät! Mitsamt den Zinsen! Hurra! Hurra! Hurra!‹ Es war ein Jubel sondergleichen.

»Da lachte der König und seine Augen blitzten: ›Muß auch dabei sein, Kinder!‹ Das Hurra nahm kein Ende.

»Und so wenig unser großer Held sich unterkriegen lässet, so wenig tun es die, so die Ehre haben unter seinen Fahnen zu dienen.

»Nun soll aber vom Jost berichtet werden, wonach die Seinen gewißlich sich schon sehnen. Wollt' nur zuerst einen Überblick geben über das Große und Ganze. Denke, es sollte von Interesse sein.

»Der Jost war mitten drunter im Getümmel und der Tapfersten einer. Hat ihn just die Kugel ereilet, da er ein Trüpplein von denen österreichischen Teufeln hat in die Enge getrieben und wollt' ihnen den Garaus machen. Ich kam eben recht, ihm die treue Hilfe heimzuzahlen, die er mir bei Zorndorf hat geleistet. Sind demnach jetzo quitt. Werd ihn betreuen, als ob er mein eigner Bruder sei, ich verspreche dieses feierlichst. Möchten sich die Seinen dieserhalb keiner Sorge hingeben. Mein Ehrenwort darauf!

»Und lässet er nochmalen grüßen und sagen, daß er sich schon viel besser fühle, als wie am ersten Tag, und daß die Frau Mutter nicht solle bangen, Unkraut vergehe nicht. Er wolle selbsten schreiben, sowie er die Feder wieder könne menagieren, da es der rechte Arm ist, den sich die Kugel hat ersehen, was ich hätt' sollen gleich zum Beginn vermelden.

Empfehle mich.
Dero ergebenster
Jaroslav von Rosowsky, Rittmeister bei den Zieten-Husaren.«

 

Frau Brigitte Brömel an ihren Sohn.

»Mein geliebtes Kind!

»So ist es denn gekommen, wie Deine arme Mutter es hat kommen sehen. Sie haben mir meinen Buben zuschanden geschossen! Ich weine der Tränen ein ganzes Meer und Muttertränen fließen salzen. Mein Kind, mein Bub, komm heim! Komm heim zu Deiner armen Mutter! Sie hat nit Ruhe noch Rast, bis sie ihren Buben wieder unter ihrem Dache weiß, und wenn sie ihm die graden Glieder krumm geschossen haben. Laß die Großen ihre Händel selbsten ausfechten. Was kümmert Dich, wer Herr sei in Schlesischen Landen, ob die Maria Theresia oder Deines großen Königs Majestät, wie Du ihn nennest. Mir ist er hinfüro der, wo mir hat meinen Buben zuschanden schießen lassen, was ich kein bißchen groß und glorreich finden kann. Weshalb lassen die Menschen einander nit in Ruhe? Wär' ein Paradies auf Erden und wohl allzu schön für unsereinen.

»Der Herr Vater lässet grüßen. Gehabet sich nit so verzweifelt als wie Deine Mutter – wofür er ein Mannsbild ist – kann aber sehen, wie er sich sorget um seinen lieben Sohn.

»Komm heim, Bub!
Zu Deiner Mutter Brigitte Brömel.«

»Herzlieber, armer Jost!

»Muß Dir desgleichen ein Wörtlein sagen, gleichwohl die Tränen mich schier blenden. Kann mir meinen Bruder Jost gar nit vorstellen alswie einen kranken Menschen, der nit könne herumlaufen und tun, was er möge. Weine des Tags und weine des Nachts, wenngleich der Herr Kandidate mich will vertrösten, daß des Herrn Rittmeisters Brief doch das Beste lasse verhoffen. Hat eben keinen Bruder nit, der Herr Kandidate und weiß drum nit, wie einer Schwester möge zumute sein, die wo ihren Bruder liebet, als wie ich Dich liebe, Du mein guter Jost. Die Frau Mutter dauert mich ohnmaßen. Gehet mit Weinen zu Bette und erstehet desgleichen mit Weinen. Wie auch der Herr Vater wehren möge. Und hat selbsten eine graue Haarsträhne mehr gekrieget, der Herr Vater, und lässet seine Pfeife verkühlen, mehr als es sonsten der Brauch war.

»Nur die Fritze Viktoria hält den Kopf oben und hat helle Augen. Das macht, weil sie eben doch nit ist von unserm Fleisch und Blut, so lieb sie ist und so lieb wir sie haben mögen. Sie saget, sei aus des Herrn Rittmeisters Brief zu ersehen, daß gar kein Zweifel und Sorge brauche um Dich zu sein und daß wir müßten auf des Herrn Rittmeisters Wort trauen, weil er ein Ehren- und Edelmann sei, und daß er es wahrlich nit habe um uns verdienet, daß wir sein Wort bemäkeln und ihm nit Glauben schenken. Und sie saget, so ein Goliath wie Du vermöge einen Puff zu vertragen und sei nit Ursach, Deinetwegen den Kopf zu hängen, geschweige denn sich krank zu machen mit Grämen und Weinen. Und dabei blitzen ihre Augen und ihre Wangen glühen.

»Gibet ihr der Herr Vater recht und saget, sie solle dem Herrn Rittmeister gebührendlich danken, dieweil sie doch am ehesten mit der Feder Bescheid wisse, was sie auch versprochen hat zu tun.

Deine tieftrauernde Schwester
Magdalena Brömel.«

 

Fritze Viktoria Mollwitz an den Rittmeister Jaroslav v. Rosowsky.

»Lissa, im Oktober 1758.

»Hochmögender und sehr geehrter Herr Rittmeister!

»Der Herr Vater und die Frau Mutter lassen Dero Gnaden gebührendlich danken, daß Dero Gnaden die Güte hatten uns von des Jost Brömel Befinden gütigst Bericht zu geben. Auch des Jost wirkliche Schwester Magdalena und ich, seine Ziehschwester, schließen uns diesem Danke desgleichen an. Wir verhoffen, als wie es uns auch Dero Gnaden Versicherung in Aussicht stellet, daß sich der Jost, unser Sohn und Bruder, ehestens von seiner Verwundung wird erholet haben und sein, als wie er gewesen ist, da er uns verlassen hat, gesund und munter.

»Dasselbige verhoffen wir auch von Dero Gnaden, seinem Herrn Rittmeister, dem wir zu lebenslangem Danke uns verpflichtet fühlen. Möge ihm ein guter Gott verlohnen, was er an des Herrn Vaters und der Frau Mutter Buben tut. So soll ich es von denen beiden bestellen, was ich hiemit gebührendlich tue.

Dero Gnaden gehorsamste Dienerin
Fritze Viktoria Mollwitz.«

»Und sollten der Herr Rittmeister nur gütigst Obacht haben, daß der Bub, der Goliath, keine Dummheiten nit mache, lässet die Frau Mutter noch recht herzlich bitten, seien ein gar leichtsinniges Blut, der Jost natürlich.

»Und möcht' ich, Fritze Viktoria Mollwitz, dem Herrn Rittmeister noch zu vielen Malen danken für die großartig wundervolle Beschreibung des nächtlichen Überfalls der Herren Österreicher bei Hochkirch. Hab' blutige Tränen vergossen ob des Mißgeschickes, das meinen Heldenkönig hat betroffen. Aber er wird es denen Herren Feinden schon ausweisen, ist ihnen noch nie nichts schuldig blieben. Wieso ich einen besonderen Anteil darf haben an meinem großen König, mag Dero Gnaden der Jost berichten.

»Laß ihn auch schön grüßen!

Nochmals Fritze Viktoria.«

 

Jost Brömel an die Seinen.

»Glogau, im Oktober 1758.

»Herr Vater, Frau Mutter und Ihr, meine geliebten Schwestern!

»Da ist der alte Jost wieder, die Frau Mutter kann anjetzo wieder hell aus den Augen sehen. Unkraut vergehet nit. Aber ich danke für alle Liebe, so aus allen denen Worten gesprochen hat, hab' sie in meinem Herzensschränklein eingezeichnet, allwo sie dauern werden bis zum letzten Tage.

»Ist mein Arm wohl annoch ein bissel steif, was man aus meinen Krakelfüßen ersehen kann, aber versichert mich der Herr Medikus, daß selbiges werde weichen, wofern ich noch ein Weniges Ruhe gebe und nit erzwinge allzu früh wieder auszurücken ins Feld. Hab' mich denn auch gefüget, was der Herr Vater und die Frau Mutter daraus ersiehet, daß ich bin hier in guter Hut, dieweil unser Heldenkönig mit dem Heere ist nach Schlesien gerücket, allwo er Neisse will zu Hilfe eilen, das der Feind hart bedränget. Hat aber vorher für seine Verwundeten Sorge getragen, unser Vater und Held, hat sie hierher nach Glogau verbringen lassen. Siehet nun die Frau Mutter, wie vernünftig ihr Bub ist? Wär' wundersgern mit ausgezogen ins liebe Schlesische Land und sitzet stattdessen hier fest, wohl auch im Schlesischen, aber untätig und so gut als wie gefangen.

»Muß nun noch ein Weniges berichten, wie mein Rittmeister hat für mich Sorge getragen, als wie eine Mutter für ihr Kindlein. Kann ihm nimmer des Dankes genug wissen dafür. Wird auch die Frau Mutter selbiges in einem feinen Herzen bewahren, des bin ich gewiß. Und kann der Herr Vater seine Pfeifen nun wieder in Ruhe schmauchen, wofür ich dem Himmelsherrn auf den Knieen danke, nit etwan für das Rauchen, sondern für die große Liebe und Fürsorge, die aus des Herrn Vaters Tun wird kund. Danke ich ihm dafür aus Herzensgrund. Will ihm auch ehestens in allem zu Willen fein, wenn ich erst wieder daheim werd' einrücken dürfen, ist doch nirgendwo so viel Liebe für ein Kind, als wie in der Eltern Herzen. Und ist nirgendwo so traulich und geruhsam als wie daheim.

»Muß aber der Jungfer Fritze Viktoria Mollwitz noch ein Weniges berichten, was sie wird ganz absonderlich interessieren.

»Hat nämlich mein Rittmeister, da er einmal beim Verbinden des Arms zugegen gewesen ist, den Ring gesehen, den mir mein liebes Fritze Viktörchen hat mit ins Feld geben als Schutz und Hilfe. Hab' ihn niemalen von dem Ort gelassen, allwo sie ihn mir selber hat geborgen. Glaub' auch daran, als wie ans Evangelium, daß er die Feindeskugel hat gelenket, daß sie mir nit hat können meinen Arm zerschmettern, sondern ihn nur hat gestreifet. Werd' es Dir nie vergessen, mein geliebtes Fritze Viktörchen!

»Aber nun seh' ich Dich die Leuchtkugeln rollen und die Stirne kraus ziehen:

»›Lahmer Goliath, kannst nit ein bissel flinker zu machen?‹

»Ein klein bissel Geduld, Fritze Viktörchen!

»Also, wie mein Herr Rittmeister den Ring siehet, fasset er danach und schießet ihm eine Blutwelle ins Gesicht: ›Woher stammt dieser Ring, Mann?‹

»Ich berichte denn und erzähle, wie ihn mir unser Fritze Viktörchen habe mitgeben in ihrer Schwestergüte als Schutz und Amulett. Von deren Abenteuern und Herkunft hatte ich dermalen schon berichtet, wo sie hat den Brief an meinen Rittmeister geschrieben.

»Er hat den Ring sich lange besehen, hat ihn hin und her gewendet und wieder besehen, aber gesagt hat er nichts weiter. Hat ihn mir dann auch wieder stumm zurückgeben.

»›Verwahr' Er ihn wohl, Jost. Hat ihm einmal Glück gebracht, wird es auch fürderhin tun. Gehet nichts über einer reinen Frauen Liebe, Mann!‹

»Womit er wohl die Frau Mutter wird gemeinet haben, denn – – – – –

»Habet mir ja von der Frau Mutter neuem Herzenssohn kein Sterbenswörtlein weiter vermeldet. Gehet der Leisetritt noch aus und ein unter des Herrn Vaters Dach? Strecket er annoch die Füße unter der Frau Mutter Tisch? Und hat er desgleichen noch Quartier in deren Herzen? Besorg', mög' selbiges blockieret finden, wenn erst der Jost wiederum Einzug hält. He?

»Sind lange Stunden hier im Lazarette. Hat jegliche sechshundert Minuten anstatt deren sechzig, als wie uns der Schulmeister hat eingebläuet. Scheinet auch die Sonnen nur halb so hell in Glogau als anderwärts, insonderheit im Feldquartier, unter den Augen meines Herrn Königs. Daß ich wiederum dürft' mitreiten, mitkämpfen. Mein einzigster Trost in meiner Ungeduld ist der, daß es der Winterzeit zugehet, allwo das Kriegshandwerk must ruhen von ihm selbsten.

»Nehme der Herr Vater, die Frau Mutter meine herzallerbesten Grüße. Sind auch welche drunter für denen zwei Jungfern Schwestern.

Euer geliebter Sohn und Bruder
Jost Brömel.«

 

Frau Brigitte Brömel an ihren Sohn.

»Lissa, im Dezember 1758.

»Mein Bub, mein geliebtes Kind!

»Mußt nit meinen, weil ich heut erst schreibe und Wochen dahingegangen sind, seit uns Dein lieber Brief hat vermeldet, wie Du wieder so viel besser seiest und uns Dein Schreiben hat gezeiget, daß sie Dir Deinen lieben Arm doch nit haben nehmen können, die mörderlichen Kugeln, mußt nit vermeinen, Bub, daß Deine Mutter nit habe Dein gedenket in jeder Stunde des Tages und der Nacht.

»Sind aber gewesen gar arbeitsame Wochen mit Schweineschlachten, Wäschefest, Lichterziehen und derlei, daß Deine Mutter hat müssen alle ihre Gedanken zusammenhalten, wenn sie hat wollen ihre Pflicht tun, als wie es sich gebühret. Wozu noch sind hinzukommen die Vorbereitungen für den Heiligen Christ. Denn wenngleich wir wollen fein stille tun, als wie es Leuten ziemet, die ihren einzigen Sohn müssen haben da draußen, wo die mörderlichen Kugeln fliegen, und als wie es sotane Kriegsläuften von selbsten mit sich bringen, so will dennoch das geringste auch beschicket sein, mein Sohn.

»Derohalben kommet mein Dank- und Jauchzbrief für meines Buben glückseligste Bewahrung für dem Schlimmsten erst heute. Ist mir die Feder auch ein fremd Werkzeug, dem ich nit sonderlich bin zugetan. Tuet aber meiner Liebe zu meinem Kind keinen Abbruch nit.

»Was redest Du, mein Bub, von dem Leisetritt? Höret sich an als wie Eifersucht. Hab' müssen recht herzlich lachen und ist das erste Lachen gewesen, das mir ist aus dem Herzen kommen, seit man mir hat die Kunde geben, daß eine Kugel meinen Buben hat angeflogen. Ist ein lieber Mensche, der Leisetritt, mag ihn gern leiden, brauchet einer Mutter Fürsorge, dieweil er einer ist, der sich nur schwer kann selber vorstehen. Aber mein Bub ist er nit. Reichet in einer Mutter Herze keiner an ihr Kind heran.

»Hab' die Fritze Viktoria noch inniger in meinem Herzen beschlossen, als sie es fürdem schon ist gewesen, seit ich hab' vernommen, wie sie sich ihres Kleinods und einzigen Erbes hat begeben, meinem Sohn zu Schutz und Schirme. Segen über das Kind, unsres Herrgotts reichsten Segen!

»Dein Vater rauchet in Frieden, mein Sohn, und sind seine Augen diemalen hell und klar. Er vermeldet Dir, daß er die Tage zähle, bis daß der anbreche, der ihm solle den geliebten Sohn wiedergeben. Dieses sind seine Worte, Bub.

»Die Mädchen – – aber sie wollen dem Bruder selbsten schreiben. So leget Deine Mutter die Feder nieder und tuet dieses nit ungern. Mein Bub,

Deine Mutter.«

»Herzlieber Bruder Jost!

»Die Fritze Viktoria sagt, ich müsse den Vortritt haben. Sei es also. Wenngleich ich lieber den schwierigsten Brotteig knete, als mit denen Federn umgehe.

»Möchte zuvörderst auch meine große Liebe vermelden und die große Freude, daß wir unsern Jost wieder gesund und wohlauf vermuten dürfen.

»Weßhalben so viele Wochen verflogen sind, ehe daß wir konnten von uns lassen hören, hat schon die Frau Mutter vermeldet und bleibet mir nur hinzuzufügen, daß es sind saure Wochen gewesen.

»Haben auch dieweilen einen Sonnenblick gehabt, womit ich die Spinnabende will vermeinet haben, allwo uns der Herr Kandidate Gesellschaft leistet und aus einem guten Buche vorlieset. Träget uns dermalen aus dem Messias vor, den ein gewisser Herr Klopstock hat verfasset. Muß gar absonderlich schön sein, denn der Herr Kandidate ist gar nimmer er selbsten, wenn er darinnen lieset. Rollet seine Stimme wie Donnerton, oder ist wie ein Säuseln der Lüfte. Glühen ihm die Wangen und leuchten seine Augen wie Sterne. Mag ihn besonderlich gerne anschauen, wenn er so lieset. Verstehe nit allens, wie es der Herr Klopstock vermeinet, sehe aber, wie absonderlich schön und herrlich es sein muß.

»Die Fritze Viktoria sagt, es sei langweiliges Zeug. Die ist aber immer ein Flederwisch und eine Ketzerin gewesen, sage ihr denn auch gründlich meine Meinung, weßmaßen sie das Näslein rümpfet und ihre Augen funkeln.

»Sitzen anjetzo und spinnen Haustuch. Vermeinet die Frau Mutter, daß wir es könnten in Bälde gebrauchen. Ist unser Vorrat ein großer, an die sieben Stück. Ist mein Linnen das feinste von allen, was mich mit Stolz füllet. Wenn ich nur wüßte, weßhalben die Frau Mutter so vergnüglich schmunzelt, wenn ich mein feines Linnen preise und liebkosend es mit der Hand bestreiche. Macht dann auch die Fritze Viktoria ihre spitzbübischsten Augen, wird mir heiß und kalt, und weiß nit warum. Sage dies auch und schmolle.

»›Malene,‹ jauchzt dann die Kleine, ›Malene, bist zu gut für diese Welt!‹

»Dann werd' ich aber ernstlich böse. Sag' Jost, ist Deine Schwester dümmer als andre? Was das nur bedeuten soll?

»Leb' wohl, mein Bruder. Schone Dich. Denk', wie Du uns allen nötig bist zu unsrem Glück. Der Herr behüte Dich und bewahre Dich uns!

Deine getreue Schwester
Magdalene Brömel.

» NB. Vom Herrn Kandidaten soll ich Dich unbekannterweise grüßen.«

»Alter Jost!

»Daß ich mich freue wie die andern, Dich wieder wohlauf zu wissen, sag' ich gar nicht, das weißt Du von selbsten.

»Aber, Jost, Goliath, was kann er mit dem Ring gemeint haben? Dein Rittmeister natürlich. Ich brenne und verbrenne vor Neugier.

»Hat er nie wieder was gesagt? Gefragt?

»Geh, Goliath, sei gut, tu den Mund auf, hab Mitleid mit mir.

»Kannst ihn nit fragen, wenn er von selbsten nichts sagt? Sag' ihm, die Fritze Viktoria Mollwitz vergehe schier vor Neugier und er sei schuld daran, wenn sie sich vollends verzehre. Schuld an ihrem Tode! Das wird er doch nit wollen. Ist ein viel zu ritterlicher Herr, will mich bedünken.

»Schaff' mir Kunde, Goliath!

»Ha, ha, Goliath, die Malene ist zu komisch. Solltest ihre großen staunenden Augen sehen. Und wie sie rot wird, wenn man was sagt und wenn man nichts sagt, nur blickt. Unsre große, blonde Malene!

»Die Frau Mutter will wehren, droht mir, wenn ich necke, sagt aber nichts. Es ist zum Totlachen, Jost.

»Ich mag aber den Leisetritt gern. Er hat dieselben staunenden Kinderaugen wie unsre große blonde Malene, Gott segne sie!

»Dich auch!

Fritze Viktoria Mollwitz.«

 

Jost Brömel an die Seinen.

»Im Lager bei Schmottseiffen, Juli 1759.

»Herr Vater, Frau Mutter, Schwester Malene und Fritze Viktoria!

»Euch allen zuvor die allerherzlichsten Grüße. Bin immer noch wohlauf und munter, wie ich von denen daheim dasselbige verhoffe. Ist eine gar lange Zeit verstrichen, daß ich nit mehr hab' von mir vermeldet. Ist auch nit viel zu vermelden gewesen, sintemalen unser Herr König und Herr uns nit hat geführet wider den Feind, sondern hat sich gar ruhig verhalten und hat wollen abwarten, was selbige Herren Feinde vorhätten.

»Ist uns nit so ganz rechte gewesen, Grenadiers, Musketiers, Kanoniers und Reitern, wird unser großer König aber schon wissen, was er tuet, sind wir dessen jederzeit eingedenk.

»Soll der Braunschweiger die Franzosen haben gestellet bei Bergen in der Nähe von Frankfurt am Maine. Soll ihm aber nit sein geglücket, sie zu werfen und sollen die Herren Franzosen sich wieder breitmachen in deutschen Landen. Wird ihnen unser großer König aber ehestens versalzen, wenn er erst seine Zeit wird für gekommen halten.

»Im Monat Mai aber hat unser Prinz Heinrich der Reichsarmee in Franken das Laufen beigebracht. Sollen gerennet sein als wie die Hasen bis gen Nürenberg und drüber hinaus. Hätt' doch unsereiner dürfen dabei sein!

»Sollen auch manniche Vorratsmagazine von denen Herren Feinden genommen worden sein, was diese wohl gar übel vermerketen.

»Wir sind derweilen mit unsrem großen König von Landshut, allwo wir dem Hauptgros der Herren Österreicher unter dem Daun auf die Finger sahen, denselbigen hierher nach Schmottseiffen nachgerücket. Wir verhoffen aus tiefstem Grund unsres Herzens, anjetzo von unsrem Helden desgleichen wieder ins Feuer geführet zu werden, denn solche Untätigkeit muß einem flotten Reitersmann baß zuwider – – – – – –

»Fürstenwalde an der Spree, August 1759.

»Hab' diemalen nit viel Gutes zu vermelden. Ist das Kriegsglück wider unsern großen König und uns gewesen. Lassen wir uns aber nit unterkriegen, nit unser großer Fritze und nit wir, Musketiers, Grenadiers, Kanoniers und Reiterei. Wollen es denen Herren Russen ein andermal schon weisen, daß es nit allerwege gehet, als wie bei Kunersdorf. Zollen an Zorndorf gedenken!

»Ist ein grausam blutiger Tag gewesen, der bei Kunersdorf. Rücketen um elf Uhr des Morgens gegen den Feind an. Warfen ihn auch als wie das Wetter von Hügel zu Hügel, allwo er sich verschanzet hatte. Stürmeten die Unseren durch eine wilde Schlucht, der Kuhgrund genennet, Felsenwände hinunter und wieder hinauf, ließen sich nit halten von nichts, war wunderbarlich und erstaunlich, diesen Heldenmut zu schauen, absonderlich in dieser glühenden, sengenden Augustsonnen.

»Waren die Herren Russen so verstöret, daß sie liefen als wie die Hasen.

»Waren siegreich bis des Nachmittags Glock fünf Uhr, wähneten den Tag unser, hatten gut zwei Dritteile des Feindes geschlagen und an die neunzig Geschütze erobert.

»Hätten uns sollen lassen genügen!

»Aber unser Held und König hat wollen den Feind zunichte machen, daß er das Aufstehen solle vergessen. Bedenkete nit, als wie die Seinen waren erschöpfet von diesem grausen Kämpfen in der sengenden Sonnen. Bedenkete nit, daß der Feinde waren noch zahllose und daß sie die Hügel oberhalb der unseren, so wir ihnen hatten entrissen, besetzet hielten, von wo ihre Kanonen, deren sie noch zahlreiche hatten, Tod und Verderben spieen in die Reihen der Unsern.

»Mit Todesverachtung stieß unser Fußvolk immer wieder vor. Umsonsten! Kam dann der Befehl an die Reiterei: ›Vorwärts! Drauf!‹

»Hatten lange darauf gebrennet. Stürmeten vor, Mann und Roß, als wie die Wilden. Umsonsten! Dreifach umsonsten!

»War uns die Beschaffenheit des Geländes zuwider, stürzeten unsereiner ein Teil in hinterlistig versteckte Wolfsgruben, mäheten uns die Kartätschen nieder, als wie des Schnitters Sense die Halme des Feldes.

»Und urplötzlich brach's mit Hurra! zu unsrer Seiten und in unsrem Rücken herein, das Verderben, die Laudonschen Reiter, die bis dahin hatten untätig zugeschauet und nun mit frischen Kräften kamen, uns zu zermalmen.

»Es half kein Mut, es half kein Todesverachten, wir wurden geworfen, zerstreuet. War ein Getümmel, ein Morden und grauses Hin und Wieder, daß keiner wußte, wo aus und ein.

»Stellete sich unser Held und König selbsten an die Spitzen – umsonsten! Waren der Feinde wie Sand am Meere.

»Zweimal ist unsrem Helden worden das Roß unter dem Leibe erschossen, zweimal hat ihn eine Feindeskugel troffen – zweenmalen hat ihn der Herr des Himmels und der Erden gnädiglich bewahret. Hat er dürfen heil und ganz unter dem toten Tier vorkommen, haben die Kugeln dürfen unschädlich abprallen an einem güldnen Etui oder dergleichen, das er hat in der Taschen gehabt.

»Sei dem Himmelsherrn ewiglich Preis und Dank dafür!

»Selbsten des Königs Beispiel und Bravour hat nit können das Unheil wenden. In wildem Getümmel retteten sich die Unsern. War gar ein betrüblicher Anblick. Wollt' jedwereinem das Herze bluten darob.

»Sind wir Husaren die Letzten gewesen, die das Schlachtfeld räumeten. Tue ich es nur mit Widerstreben und des Unmuts voll. Zwinget mich aber mein Rittmeister, von dessen Seite ich nit bin gewichen und hab' abhalten dürfen manch einen wuchtigen Feindeshieb, der ihm hat golten. Desgleichen er mich hat bewahret nach Kräften.

»Schaue ich mit Knirschen um mich und sehe abseits auf einem kleinen Hügel einen einsamen Mann, der da stehet und um sich schauet, als stehe er mitten im Frieden des Paradieses, nit auf dem grausesten Schlachtfelds, allwo der Tod Ernte hält ohn' Ansehen der Person. Ist nur ein Page bei ihm.

»›Wär' das nit dorten der König, Herr Rittmeister?‹ keuche ich.

»Schauet sich mein Herr Rittmeister um und sprenget mit verhängtem Zügel zu dem Sandhaufen, allwo unsres großen Königs Majestät einsam steht und furchtlos dem nahenden Verderben und heransprengenden Feinde entgegensiehet. Seinen Degen hat er vor sich in den Sand gestemmet und stützet darauf die beiden Hände. Der Page hält sein Pferd am Zügel.

»Mein Rittmeister flehet schon im Anreiten: ›Majestät! Denken Euer Majestät an Dero kostbares Leben! Zu Pferde, Majestät!‹

»Laß Er mich in Frieden, Herr! Allons! Wird doch irgendeine verwünschte Kugel für mich geben!‹

»›Majestät, ich flehe! Unser aller Heil hängt an Dero Leben!‹

»Da wendet sich ihm der König zu. Hätt' mögen aufheulen, so erloschen blicken die Königsaugen. Auch die Stimme klinget nicht wie eines befehlsgewohnten Königs Stimme, da sie saget: ›Wenn er denn meinet, Herr! En avant!‹

»Und wendet sich ein alter gebrochener Mann seinem Tiere zu, wobei ihm der Page und mein Rittmeister behilflich sind, es zu besteigen.

»Hätt' können blutige Tränen weinen.

»Waren mittlerweile die Kosaken schon dicht herangekommen, hörte den Vordersten schon keuchen. Hab' ihm eines auf den Pelz gebrennet, daß er das Aufstehen hat vergessen. Hat mein Rittmeister und unsre paar Kerle, die hinter uns drein geritten waren, dasselbige getan. Haben die Bärtigen, Wilden gestutzet und hat sich unser Held und König können derweilen in Sicherheit bringen.

»Was scherete uns die verlorene Batallje, wo wir unsern Helden in Sicherheit wußten, wollen es denen Schuften schon heimzahlen, wollen – – – – – – – – – – – –

»Köben an der Oder, Oktober 1759.

»Hab' müssen den Brief allbereits wieder liegen lassen.

»Sind denen Herren Russen gefolget bis allhier zur schlesischen Grenzen. Hat der Soltikoff seinen Vorteil von dem Kunersdorfer Siege wenig ausgenutzet, was unser Vorteil ist gewesen. Soll sein Zwist und Hader zwischen dem Daun und ihm, sagen sie. Sollen sie sich nur in den Haaren haben, wo zween sich streiten, gewinnet allemalen der Dritte.

»Aber hat derweilen ein andrer gar übler Feind unseres Herrn Königs Majestät gepacket und zauset ihn annoch ohn' alles Erbarmen.

»Lieget er krank allhier darnieder, so daß er sich nit kann von der Stellen rühren. Soll ihn das Zipperlein gepacket haben und gar jämmerlich zwicken. Hat er sich lassen seine Herren Generals kommen und hat also zu ihnen geredet: › Messieurs, hab' Sie hierher berufen, daß Sie sehen, wie des Königs Krankheit keine erlogene ist. Sagen Sie dasselbige allen meinen braven Soldaten. Ist diese Kampagne auch nit eben eine günstige für uns gewesen, so wollen wir doch später allens wettmachen. Sagen Sie das, Messieurs, und daß nur der Tod mich könne von meinen braven Soldaten trennen.‹

»So etwan soll unser Herr und König gesprochen haben und hat dabei gar jammerwürdig ausgeschauet, dieweilen Siechtum und Gebresten nit fragen, ob sie eines Königs Majestät oder einen Bettler anfallen mögen.

»Herr Vater, Frau Mutter und ihr Mädchen, flehet mit uns, daß ein guter Gott unserem Herrn König in Bälde Dero hohe Gesundheit wiederschenke.

»Wir tun es allzeit. Ist ein gar betrüblich Harren in solcher Untätigkeit.

»Womit ich bin in aller schuldigen Ehrfurcht und Liebe

Euer getreuer Sohn und Bruder
Jost Brömel.«

 

Fritze Viktoria Mollwitz an Jost Brömel.

»Lissa, im November 1759.

»Lieber Bruder Jost!

»Hab' wollen nur sagen, wie mich meines Helden- und Patenkönigs Krankheit baß betrübet. Verhoffe aber, daß diemalen das Zipperlein schon Abschied hat genommen und daß unser großer Held wieder der ist, der er war. Hätt' nit können ertragen, daß er stürbe, ehevor ich ihn hält' dürfen Wiedersehen und er mir hätt' erfüllet den von mir geäußerten Wunsch, als wie er hat versprochen selbiges Mal im Schnee vor den Fenstern des Schlosses. Weißt noch Jost, Goliath? Hat selbiges Mal Dein Glück begonnen und verhoffe, daß meines desgleichen einstmalen wird kommen. Ist fein, einen Wunsch frei zu haben ans Schicksal.

»Da wir diemalen von Wünschen reden, erfüllten und unerfüllten, Jost, will ich Dir von etwas sagen, das sich allhier unter Deines Herrn Vaters Dach zuträget. Gehet der Herr Kandidate Leisetritt darinnen aus und ein als wie zuvor. Hat er in den Augen geschrieben einen Wunsch, der nit allzu schwer ist zu erraten. Ist es gar vergnüglich zu schauen, wie ihn selbiger Wunsch umtreibet und ihn bald heiß, bald kalt, bald rot, bald blaß werden lässet.

»Und ist es noch vergnüglicher zu schauen, wie dieses sich widerspiegelt im Antlitz unsrer großen, blonden Malene. Muß eine unsichtbare Macht sein, allwo ihre Süden spinnet vom einen zum andern, denn flammet der Leisetritt, so flammet die Malene und erlischet die Glut in seinem Antlitz, so verbleichet das von Malene schier erbarmenswert. Was das nur sein mag, Jost?

»Ich schau' vom einen zum andern und in meinen Augen muß etwas sein, das die Glut unweigerlich entfachet. Weiß nit, was es ist. Weißt Du's etwan, Goliath? Erscheinet dann der Herr Vater und brummet ein Weniges, wie ihm dieses nit ungewöhnlich ist, so verlischet die Glut und ein Hilfloses ist in den vier Kinderaugen. Denn solche sind es, Goliath, und wenn sie ausgewachsenen Menschen eigen gehören. Nur wenn die Frau Mutter in ihrer Güte ist zugegen, sind die beiden sie selbsten. Lachen und reden und tun wie andre Menschen.

»Hab' meine besondere Freude dran, das Feuerwerk zu entzünden. Drohet mir dann die Frau Mutter, ist aber ein Leuchten in ihren Augen und ich sehe den Schalk darinnen. Und wo der hauset, Jost, da ist der Ernst kein absonderbar bedrohlicher. Was das wohl werden will, Jost, mein Bruder?

»Magst den Namen Leisetritt? Ich nicht. Vermahnet allzusehr an Katzenpfoten. Hab' meintag die Katzen gehasset. Ist aber der Kandidate ein gar unschuldig, aufrichtig Blut, der kein Wässerlein vermag zu trüben. Ist ihm der Name angeflogen, ohn' daß er sich hat können wehren, als wie dem Blinden die Ohrfeig'.

»Muß ich nit meinem Patenkönig gar absonderlich dankbar sein, daß er mir hat einen Namen geben, der mich nit zeichnet als wie mit einem Male? Hätt' mir können mancherlei anhängen als wie Deubelsdank, Entendreck, Katzenwadel, hätt' mich desgleichen nit können dagegenstellen.

»Hat Dein Herr Rittmeister einmal wieder nach der Fritze Viktoria Mollwitz gefragt? He? Sei kein Holzblock, Goliath!

»Soll ein Schock Grüße vermelden. Mag der Herr Bruder sie sich selbsten verlesen. Sind auch darunter vom Leisetritt, auch vom

Fritze Viktörchen.«

 

Jost Brömel an die Seinen.

»Freiberg in Sachsen, Januar 1760.

»Herrn Vater, Frau Muttern und denen Jungfern Schwestern vermelde ich die treusten Grüße im Neuen Jahr, die herzallertreusten wünsche für allseitiges Wohlergehen. Ist anjetzo schon der dritte Heilge Christ, den ich muß fern von daheim verbringen und Hab' diemalen in denen schönen Tagen viel Not und Kälte müssen ausstehen, so daß es baß ein Wunder scheinet, wie einer von den Unsern noch hat seine Glieder unverfroren am Körper. Gehet doch nichts über das Elternhaus, allwo die Scheite im Ofen knistern und die Frau Mutter schiebet die Äpfel in die Röhren und das Zimmer duftet lieblich und köstlich. Hätt' mögen dürfen dabei sein, hab' gar viel müssen heimdenken.

»Ist aber mit der Kälten und Not also gewesen. Zogen wir dermalen im November, wo unser großer König wieder leidlich beihanden war und das Zipperlein ihn hatte aus den Krallen gelassen, nach Lachsen, allwo unsres Königs Majestät Bruder, Prinz Heinrich von Preußen, hatte sich gar wacker gehalten und sich seines hohen Bruders höchstes Lob verdienet, so sagten mein Herr Rittmeister. Standen die Dinge in Sachsen dermalen gut und lieferten wir dem Feind ein Gefecht bei Krögis, das ihn nit bitter verdroß.

»Aber die Fortuna, wo die Glücksgöttin und ein Frauenzimmer ist, sagt mein Herr Rittmeister, ist launisch wie alle Weibsen, so sagt er. Unsrem Helden und König weiset sie für ein Weilchen gar den Rücken.

»Weßmaßen ein Korps, das dem Daun den Rückzug sollte abschneiden unter dem General Kinck, sich hat müssen der Übermacht ergeben, die es hat rings eingeschlossen trotz verzweifeltem Wehren. Sind zwölftausend Mann kriegsgefangen worden.

»Desgleichen geriet ein andres Korps der Unsern unter dem General Dierecke bei einem nächtlichen Übergang über die Elbe in den Eisgang, kamen viele um und gerieten die andern in der Österreicher Hände. An die fünfzehnhundert Mann.

»Aber unser Fritze und Held hat sich nit lassen unterkriegen. Hat den Daun im Schach gehalten, daß der nit hat können vorrücken. Blieben die Unsern trotz Eis und Schnee und gottsjämmerlicher Kälte im Heldlager bei Wilsdruf. Hat müssen' der Daun und die Seinen dasselbige tun.

»Haben immer unser vier Bataillone die andern abgelöset, daß die sich wieder könneten auftauen in den umliegenden Ortschaften. Legeten wir uns des Nachts im Lager in den Zelten übereinander wie die Heringe im Faß, nur um ein bissel Wärme zu haben, wären sonsten erfroren, dieweil kein Feuer nit konnt' die grimme Kälte zwingen. War kein vergnüglich Leben. Aber alles für unsren König!

»Hat uns denn auch endlich der Braunschweiger eine Verstärkung gebracht, so daß wir konnten richtig Winterquartier beziehen, was uns allen nit zuwider war. Sind hier in Freiberg und in der Nachbarschaft gut versorget, kümmre sich die Frau Mutter nur nit weiter um ihren Buben. Ist ihm kein Übles geschehen. Danke dem Fritze Viktörchen für den schönen Brief. Hab' müssen recht herzlich darob lachen. Hat mich auch über manches beruhigt. Hab' gedenket in meinem Sinn, des Leisetritt Wege gehen wo anders hin. Hätt' ihm nit wollen raten.

»Hab' der Fritze Viktoria auch noch zu vermelden, daß mein Herr Rittmeister sich hat vor ein paar Tagen meinen Schutz- und Schirmring, wo der Fritze Viktoria Erb und Eigentum ist, daß er sich hat lassen den ausborgen, ihn heimzusenden in seine Heimat.

»Hat sich weiter nit ausgesprochen, weshalben und wieso. Hat ihn mir nur gefordert, und da er ein gar rechtlicher und besinnlicher Herr ist, so wird er schon wissen, was er tuet. Hab' ihm drum selbigen Ring auch ohne Widerrede gelassen und denke, die Fritze Viktoria wird mir dieses nit übel vermeinen. Wer weiß, was daraus dürft' entstehen. Hab' kein Urteil nit, auch kein Vermuten. Traue nur meinem Herrn Rittmeister durch dick und dünne und soll das Fritze Viktörchen dasselbige tun. Wird nit sein übel beraten.

»Grüße den Herrn Vater und die Frau Mutter viel tausendmal. Lasse meine Gedanken gar viel in denen lieben Räumen daheim spazierengehen und weiß erst anjetzo ganz, wie traut sie sind. Grüße auch die Jungfern Schwestern beede. Heb' der blonden Malene den Finger zu: Jungfer, Jungfer, was machet sie für Sachen? Freu' mich, wenn die Glut aufblühet in dem lieben Gesicht, als wie es der Kobold, das Fritze Viktörchen, hat beschrieben.

»Kommet auch für den Kobold die Zeit. Will mich dann baß dran freuen.

Euer geliebter Sohn und Bruder
Jost Brömel.«

 

Frau Brigitte Brömel an ihren Sohn.

»Lissa, im Mai 1760.

»Mein Bub, mein geliebtes Kind!

»Ich habe Dir heute zu vermelden nebst meiner herzinnigsten Liebe, daß Du habest einen Bruder bekommen. Und zwar mit unsrer allergrößten Billigung Deines Herrn Vaters und meiner.

»Deine Schwester Magdalena, unsre gute, treue Malene, hat sich entschlossen, dem Herrn Kandidaten Aloisius Leisetritt die Hand zum ehelichen Bunde zu reichen, dieweil sie ihn schätzet und liebet und dies zu Rechtens.

»Er ist desgleichen Deinem Herrn Vater und mir, Deiner Mutter, ein gar sehr erwünschter Eidam und verhoffen wir, daß er Dir und Du ihm brüderlich zugetan sein mögest. Kann mich für ihn verbürgen, ich, Deine Mutter. Gehet nun schon eine geraume Zeit bei uns aus und ein und ist kein falsch Äderlein an ihm erfunden. So verhoffen wir unsres Kindes, unsrer guten Malene, Glück. Amen!

»Soll das junge Paar aber noch eine Weile warten, dieweil der Herr Kandidate annoch nicht festiglich amtlich bestallet ist. Wird noch ein Jährlein oder so dauern, wofür ich meinem Herrgott aus ganzem Herzen dankbar bin, denn dies zweite Kind auch wegzugeben, ehe mir mein Bub wiedergeschenket ist, vermöchte ich nur schwer.

»Soll die Malene sich sein eilends an die Aussteuer machen, verbleibet ihr gar mancher Stich zu tun und mag sie jedem einen lieben Gedanken an den Leisetritt anhängen, dann wird ihr die Zeit schon nicht allzulange werden.

»Dem Herrn Vater gehet es gut. Wird ihm aber das Werken dennoch sichtlich beschwerlicher. Wäre allmählich an der Zeit, mein Bub, daß eine junge Kraft ihm zur Seiten trete.

Deine getreue Mutter.«

 

Magdalene Brömel an Jost Brömel.

»Herzlieber einziger Bruder!

»Die Frau Mutter hat Dir allbereits gemeldet, was sich hier hat zugetragen und bleibet mir nur zu sagen, wie ich meinem Herrgott allstündlich möchte aus den Knieen danken, daß er mir hat solch ein Glück bescheeret. Ist mein Liebster ein gar besonderbar guter Mensch, von dem ich nit verstehe, wie er mich hat mögen der Ehre wert erachten, an seiner Seiten durch das Leben zu schreiten. Will ihm aber sein eine allzeit treue und gehorsame Gefährtin, so helfe mir Gott der Herr!

»Daß ich dem Herrn Vater, der Frau Mutter, meinem herzlieben einzigen Bruder und dem Fritze Viktörchen nichts entziehe an Liebe, brauche ich wohl nit zu beteuern. Ist doch die Liebe als wie ein Licht. Zünde der Flammen und Flämmlein so viele dran an, als Dir beliebet, die erste erlischst drum nimmer.

»So ist es mit meinem Herzen bestellet.

»Schick' der Herr Bruder uns seinen Glückwunsch. Sehnen uns danach, mein Liebster und ich, vermeinen uns nit voll unsres Glückes freuen zu können, ehedenn wir von ihm wissen, daß er sich dessen mit uns freuet.

Deine getreue Schwester
Magdalena Brömel.«

 

Kandidat Leisetritt an seinen Schwager Jost Brömel.

»Wertgeschätzter und sehr geehrter Herr Bruder!

»Sintemalen und alldieweil es mir also vorbehalten war von einem gütigsten Geschick, daß ich sollt' dürfen gewinnen das große und gute Herze Dero hochgeschätzten Jungfer Schwester, meiner herzinnigst geliebten Braut, so kann ich nicht umhin und erachte es unter sotanen Umständen für meine erste Pflicht und schönes Vorrecht, daß ich sollt' den wertgeschätzten und hochgeehrten Herren Schwager – so er, will's Gott, wird in Bälde heißen dürfen – recht herzlich bitten, daß er mir möge eines Bruders Liebe schenken, als wie ihm mein Herze gleich eines Bruders Herze entgegenschläget.

»Verhoffe nit eine Fehlbitten zu tun und verharre
in höchster Wertschätzung und Ergebenheit
Dero gehorsamer Diener, Schwager und Bruder
Aloisius Leisetritt
Kandidate Philosophiae.«

 

Fritze Viktoria Mollwitz an Jost Brömel.

»Dummer Goliath!

»Weißt nun, was der Leisetritt hat wollen, he?

»Strahlen und glühen die zwei als wie die Sonne, wenn sie mit dem jungen Tag über die Berge steiget, ist schier beweglich anzuschauen. Sind wie die Kinderlein. Des Himmels reichsten Segen über unsre Malene! Wenn Du ihr leuchtendes, liebes Gesicht sehen könntest. Und scheuet kein bißchen, daß sie solle mit der Zeit hören auf den sanftmütigen Namen Leisetritt! Sagt, er sei ihr lieber als einer, der viel Lärmen mache. Sagt, Sanftmut sei des Herzens fürnehmste Tugend. Sagt, fein stille sein und ohne viel Rühmens als ein Natürliches seine Pflicht tun, sei das Größeste. Sagt, einer, der aufbaue und stille Schätze sammle, sei ihr lieber und erachte sie ihn für größer, als einen, der niederreiße und dreinhaue mit dem Schwert. Solltest sehen, Jost, wie unsrer stillen, blonden Malene Augen dabei glühen und wie ihr Mund beredte Worte findet, der sonsten wohl im Schweigen groß war. So ändern die Zeiten und die Menschen, Jost.

»Ist aber der Leisetritt wirklich ein lieber Mensche, den man muß hochstellen und liebhaben. Für seinen Namen kann man ihn nit zur Verantwortung nehmen, trüget selbigen als wie ein notwendiges Übel mit Geduld und Ergebung.

»Strahlet auch die Frau Mutter, wenn ihr liebes Auge die beiden streifet. Und ersticken wir schier in Linnen, Jost. Scheinen alle Stuben damit vollgefüllet zu sein. Ist mir ein Rätsel, wie die Frau Mutter und die Malene sich durch diese Berge durchfinden. Wird mir schier gar zu bunt. Brenne deshalben gar häufiglich durch an die Weistriz, in die Wiesen, in den Wald. Scheinet die Maiensonne gar golden und sind noch niemalen so viele Vergißmeinnicht gestanden im grünen Gras, wo es das Wasser bespület. Ist ein vergnüglich Wandern und pflücken.

»Was kann Dein Herr Rittmeister wollen mit meinem Ring? Ich zermartre mir das Hirn darob. Gefällt ihm vielleicht also, daß er sich will einen gleichen beschaffen lassen? Aber, Jost, Bruder, sag ihm, daß er sich mög' beeilen mit dem Rückgeben. Nit, daß ich allzu neugierig wäre – brauchst nit zu lachen, Jost – aber ist mir um meinen Bruder, der solchen Schutzes muß entbehren, als der Ring verleihet, wie ich fest davon überzeugt bin als wie vom Evangelium.

»Jost, geh nit dahin, allwo die Kugeln am dichtesten fliegen. Warte, bis daß Du den Ring wieder habest, dann bist Du gefeiet. Sollt' mir leid tun um Dich, mein Bruder Jost. Leid auch um der Frau Mutter ihren Buben.

Deine Schwester
Fritze Viktoria Mollwitz.«

 

Jost Brömel an die Seinen.

»Im Lager vor Dresden, 28. Juli 1760.

»An den Herrn Vater, die Krau Mutter und denen Jungfer Schwestern, sowie an den neuen Herrn Bruder und Kandidaten Leisetritt

die allerherzlichsten und wärmsten Grüße.

»Hab' diemalen nit viel Gutes zu vermelden, dieweil das Weibsbild, die Fortuna, alsfort noch beliebet zu trutzen mit unsrem Helden und König. Scheret uns aber den Deubel. Vergunnen ihr nit die Ehr', daß wir uns sollten deshalben bekümmern. Tun als sei gar kein solches Weibsbild nit vorhanden und bedrängen den Feind, allwo es uns zu tun vergönnet ist.

»Hat zuersten der Fouqué mit seinen Dragonern bei Landshut dran müssen glauben. Haben die Feinde sein Korps niedergemachet und ihn selbsten gefangengesetzet. Soll er sein Leben nur seinem Reitknecht verdanken, der ihn mit Gefahr seines Leibes hat geschützet, da er vom Rosse gestürzet am Boden lag und denen feindlichen Hieben nit kunnt Widerpart tun.

»Soll unsern König und Helden die Kunde gar verwunderlich gereizet haben, nun einen Streich zu führen, dessen sich keiner vermutete.

»Gab den Befehl zur Belagerung der sächsischen Königsstadt. Am vierzehnten Juli begannen also unsre Geschütze zu donnern. War ein gar schauerliches Bild, wie alsdann ein Brennen anhub in der unglücklichen Stadt. Hatten auf dem Turm der Kreuzkirche selbsten Kanonen aufgepflanzet und bedrängeten damit die Unseren. Dünkete denen alsbald ein gar willkommen Ziel und währete es nit lange, bis daß die Kirche in Flammen stund. Soll eine heillose Verwüstung und Verstörung sein drinnen in der unglückseligen Stadt.

»Hat sich der Kommandant gar wacker gehalten und auf Entsatz durch die Reichsarmee gebauet, wo aber nit ist wahr worden. Dahingegen rückete der Daun von Schlesien her wieder vor und ist denn auch bald wiederum vor Dresden erschienen, uns nit zur großen Freude.

»Sind wir mit dem Zurückwerfen von Ausfällen nit allzu glücklich gewesen. Ist auch ein großer Transport aus Magdeburg, dessen wir dringend benötigt waren, denen Herren Feinden in die Hände gefallen. Scheinet sich alles wider uns zu kehren, als auch noch gestern der Fall von Glatz ist kund worden.

»Hat drum unser Held und König es für das Beste befunden, daß wir sollten die Belagerung von Dresden aufheben. Ist also der Befehl kommen, daß wir uns sollten anschicken, morgen gegen den Abend zum Aufbruch bereit zu sein. Meint mein Herr Rittmeister, es würde geradewegs ins schlesische Land gehen. Hurra! Wollt' ich meinem Herren und Gott danken dafür. Fange doch allbereits an, ein Sehnen zu verspüren, wieder die Heimat zu sehen: den Herren Vater, die Frau Mutter – ach, die vor allen – die Jungfern Schwestern und auch den neuen Herrn Bruder, der mir ist so baß rekommandieret und ans Herze geleget, allwo ich ihn gerne ausnehmen will als meiner liebsten Schwester Malene Herzallerliebsten. Gelüstet mich sehr, ihn kennen zu lernen.

»Wollt' also mit Freuden vermelden, daß wir wiederum in die Nähe der Heimat kommen. Freue mich als wie einer, der der Schulbank entrinnet und zu Muttern darf. Hurra! Soll das Fritze Viktörchen nit allzu wichtig tun mit ihrem Ring. Bin auch ohne ihn dem dicksten Kugelregen gefeiet genübergestanden dort bei Gödau, wo es unsres Königs Majestät selbsten fast wäre übel ergangen, hätte nit sein Page denen zwei Ulanen, wo den Spieß schon angeleget hatten auf unsern Herrn, können Einhalt tun, bis daß die nahe Verstärkung zur Stelle kam. So ist noch allens glimpflich abgangen. Auch ohne den Ring, Fritze Viktörchen!

»Leben der Herr Vater, die Drau Mutter wohl. Weiß nit, wieso es mich heute absonderlich dränget, zu sagen: auf Wiedersehen! Wird wohl sein, weil daß wir morgen ziehen dem schlesischen Lande zu.

»Denen drei andern desgleichen herzliche Grüße!

Euer lieber Sohn und dreifacher Bruder
Jost Brömel.«

 

Rittmeister Jaroslav von Rosowsky an Fritze Viktoria Mollwitz.

»Liegnitz, 16. August 1760.

»Hochgeehrteste Demoiselle!

»Ich habe der Demoiselle heute leider eine gar betrübliche Kunde zu geben. Nämlich ist Dero Pflegebruder, mein getreuer Jost, in der großen siegreichen Schlacht, so gestrigen Tages allhier stattgefunden hat, blessieret worden. Er hat einen schlimmen Schuß in sein linkes Bein bekommen und hat selbiges müssen werden amputieret, was ich der Demoiselle hiemit kund und zu wissen tun möchte, auf daß sie es geziemendlich könne den armen Eltern mitteilen. Für meinen treuen Jost habe ich gesorget, als wie es in den wilden Zeiten möglich ist, wäre aber vielleicht zu wünschen, daß er könne nach Hause spedieret werden, allwo ihm sorgsamere Pflege könne zuteil werden in seiner Lieben Kreise.

»Hätte ihn mögen selbsten dahin verbringen und der Demoiselle meinen schuldigen Respekt zu Füßen legen und sie bitten, zu pardonnieren, daß ihr Ring sich annoch immer nicht wieder in des Pflegebruders Besitz befindet, was aber bei sotanen Zeiten, die keiner Botschaft günstig sind, nicht zu verwundern ist, bin aber nicht abkömmlich von meiner Truppe.

»Die Demoiselle werden nach dem Gesagten aber schon das Rechte finden zu tun in Hinsicht meines getreuen Jost, des bin ich überzeuget.

Bin der Demoiselle ganz ergebenster Diener
Jaroslav von Rosowsky.«

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