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Die Patentochter des alten Fritz

Henny Koch: Die Patentochter des alten Fritz - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorHenny Koch
titleDie Patentochter des alten Fritz
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
illustratorH. Grobet
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150619
projectidf5c0c5f6
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»Er« ist da.

Über das Schlachtfeld hatte sich die Nacht gesenkt. Deckte gnädig mit ihrem Schleier alle Not und alles Grausen. Aber sie stillte nicht das fließende Blut, tat den Schmerzen nicht Einhalt, dem Jammern und Stöhnen der Todwunden, glich nicht aus die Qual, die ein Bruder dem andren geschaffen hatte. Wohl hatte sie dem Morden Einhalt getan, hindern konnte sie es nicht.

In ihrem Schutze zog ein Reitertrupp über die grausige Stätte, da der Bruderzwist schaurige Ernte gehalten hatte. Jede kurze Weile scheuten die Pferde zurück vor etwas, das ihnen stumm und starr den Weg sperrte, eines Menschen tote Form. Es wohnt den edlen Tieren eine zarte Scheu inne, mit ihren Hufen über eines Menschen Körper wegzusteigen, den Haß und Mordgier, an der Kriegsfurie Fackel entzündet, da niedergeschmettert haben.

Bild: H. Grobet

»Wir sollten Licht haben, Messieurs. Es ist ein schauriges Reiten so in der schwarzen Nacht. Auch kenn' ich mich nicht mehr aus auf dem Wege in dieser Obskurität und vermeinte, ihn doch genau zu kennen.« Es war eine befehlgewohnte Stimme, die dieses sagte.

Just da tauchte am Wege, der Straße, die von Leuthen nach Lissa führt, eine dunkle Masse auf, die sich schwärzer gegen den schwarzen Himmel hob.

»Ein Haus, Majestät. Wird wohl ein Krug sein, wie sie dergleichen gastlich hier des öfteren am Wege stehen.«

»Man sieht Licht durch die Spalten des Ladens, poch Er den Mann heraus!«

Den Schlägen mit dem Pallasch gegen die Tür tat die sich alsbald auf. Ein Mann stand im herausfallenden Lichtschein mit hilflos erschreckten Augen und von Sorgen gefurchter Stirn, wie solches des Krieges harte Zeit leichtiglich schafft. Er stand mit gebeugtem Rücken und zitternden Knieen. »Was befehlen die Herren?«

»Licht, Mann, und weis' Er uns die Straße nach dem Lissaer Schloß!« Wiederum sagte dies die befehlgewohnte Stimme.

Mit einer Laterne war der Mann in kurzem bereit, dem Befehle nachzukommen.

»Faß Er mein Pferd am Steigbügel und komm Er mit!« So erklang es von derselben Stimme wie zuvor.

Der Mann blinzelte nach oben und durch ihn hin fuhr ein Etwas, das ihm den Rücken straffte. War das nicht des Preußenkönigs Majestät selber, an dessen Steigbügel seine Hand nun lag? Jedeiner im Lande kannt' ihn nach Schildereien und vom Ansehen. War's doch schon über anderthalb Jahrzehnte her, daß er um das Schlesische Land rang mit den Österreichern, die Herren hier bleiben wollten. Ob zu Rechtens oder nicht? Wie konnte das der geringe Mann entscheiden? Der diente dem, der just obenauf war und litt bittre Not bei dem Streite.

Die Katholischen im Lande waren für die Maria Theresia, ihres Glaubens halber, die Evangelischen wünschten dem Preußischen Fritz den Sieg, und daß er ein Held war, wie keiner desgleichen auf Erden weilte, das erkannten sie alle, die Katholischen und die Lutheraner.

Der Krüger berichtete derweilen auf Befragen, daß viel hohe österreichische Herren heute schon des Weges gezogen seien, auch Einkehr bei ihm gehalten hätten.

»... und, Herr König,« so schloß er mit schlauem Blinzeln, »am besten sind die, mit Verlaub, auf die Herren Preußen nit zu sprechen, ist auch am Ende kein Wunder, ha, ha!«

»Kennt Er mich denn, Mann?«

»Wer sollt' des Fritzen Majestät nit kennen, Herr König? Ist wohl keiner im Lande, der nit wenigstens eine Schilderei von ihm gesehen hat. Ha, ha, ha!«

»Weiß Er, wohin die Herren geritten sind?«

»Schätz' wohl nach Lissa, Majestät. Im Schloß dort ist gut sein.«

»Just dahin will ich auch.«

Dem Mann blieb der Mund offen stehen, wie er an dem Reiter hinaufsah. »Wenn ich raten darf, Herr König – –« Da blitzten ihn im Laternenschein die Königsaugen an, er verstummte. Brummte nur was, das klang wie: »... forcht sich vor dem Deubel nit.« Wen er damit meinte, sagte er nicht.

Hinter dem König und seinen Husaren her, daß es solche waren, hatte der Mann desgleichen im Laternenschein erspähet, hinter des Königs Zug her rumpelte und polterte es schwerfällig und mühsam. »Kanonen,« dachte der Mann und erschien ihm des Königs Vorhaben schon weniger bedenklich.

So war man bis dicht vor Lissa herangekommen. Da fiel ein Schuß. Ein österreichischer Posten hatte die Nahenden erspäht und alarmierte die Seinen. Man hörte andre herzueilen und es fielen mehr Schüsse.

Der König hatte sein Tier angehalten, da der erste Schuß ertönte. Er winkte den General Zieten heran, der mit einem Detachement seiner Husaren bei ihm war.

»Schick Er mal einen Seiner Kerle und laß Er dahinten vermelden, daß man uns einige Grenadierbataillone zur Verstärkung schicken soll. Die Brücke dort über die Weistriz müssen wir haben, ich brauch' sie morgen zur Verfolgung des Feindes. Darum bin ich hier. Und Er, Mann,« – dies galt dem Krüger – »mach Er sich heim und sei Er schön bedankt, hört Er! Er hat mir einen großen Dienst erwiesen. Ich werd' mich revanchieren, wenn ich erst Zeit hab'.«

Der Mann rückte an seinem Kappel. »Nit Ursach, Herr König, nit Ursach,« so stotterte er. War aber froh, daß er Fersengeld geben durfte, das Schießen war doch ungemütlich. So nahm er seine Laterne und riß aus. Ein paar Kugeln sausten dem enteilenden Licht nach, sie mußten aber nicht getroffen haben, denn das Licht entfernte sich immer rascher.

Und dann war Dunkelheit. Die Schüsse verstummten.

» Messieurs, wir warten, bis die Verstärkung kommt. Mutwillig darf keiner sein Leben aufs Spiel setzen, ein König erst recht nicht. Der hat noch höhere Obligationen. Warten wir also in Geduld.« – – –

Die ungebetenen, aber nicht weniger gut ausgenommenen Gäste der Frau Mutter waren befriedigt von dem ihnen Vorgesetzten Mahl. Friedlich hatten sie es sich in Stube, Diele und Küche bequem gemacht, es waren ihrer eine ganze Menge.

Welche rauchten, welche würfelten, welche schnarchten und andre brüteten über des Tages Unheil nach. Das waren meist die älteren bärtigen Gesellen, die Nachdenken gelernt hatten und das Leben nicht hinnahmen, wie's just kam mit Sonne und Regen, wie es die jungen Strudelköpfe dort taten.

An ihnen hing des Elfleins Blick gar mitleidig. Waren es auch Feinde »ihres« Königs, einerlei, sie hingen treu an ihrer Sache und das mußte man ehren, dachte das Elflein, wem auch die Treue galt.

Wunden hatte keiner von ihnen allen davongetragen. Sie hatten Glück gehabt, oder – – schnelle Füße, so dachte das Elflein wiederum. Und ein kleines geringschätzendes Lächeln huschte ihm übers Gesicht. Es enteilte in die Küche, allwo die Frau Mutter und Magdalene eifrigst hantierten.

Der lange Jost war nirgendwo zu sehen. Der lag oben in seinem Bett, streckte die steifen Glieder und schlief fest und tief. Davon hatte sich die Frau Mutter überzeugt, als sie zuvor nach ihm ausschauen gegangen war, in Bangen, da sie ihn nirgend entdecken konnte und sich sorgte, wenn sie seinen blonden Schopf nicht vor Augen hatte, eingedenk des also abenteuerlich verbrachten Tages. Mit vergnügtem Schmunzeln hatte sie den Schlüssel der Kammertür umgedreht, in die Tasche gesteckt – nun wußte sie ihr Kleinod geborgen.

Sie war dessen doppelt froh, denn wie sie eben die Treppe wieder hinunterschritt, fielen Schüsse draußen aus der Richtung des Weidendammes her.

Ob die Preußen kamen?xxx

Drunten auf der Diele war ein großes Lärmen. Die Soldaten drängten sich zur Tür hinaus in gewaltiger Hast. Nur die paar Schläfer ermunterten sich nicht, drehten sich vielmehr schnarchend auf die andre Seite. Der Frau Mutter Blick, als er sie streifte, verriet große Billigung.

»Die Preußen, Frau Mutter, die Preußen!« posaunte das Elflein und wollte desgleichen zur Tür hinaus.

Aber die Frau Mutter hatte es am Ohrläpplein, gar nicht allzu milde, und zog es der Küche und dem Spülstein zu: »Da gehörst du hin, Mädchen.«

Und wenn die Frau Mutter so dreinschaute, da wagte das Elflein nicht einmal zu maulen.

Es sah aber mit brennenden Augen um sich. »Sie haben die Gewehre mitgenommen, Malene!« Ganz empört klang das.

Die blonde Magdalene mußte nun doch ein Weniges lachen. »Wofür wären sie Soldaten, Fritze Viktörchen?«

Aber die Kleine lächelte gar nicht. »Sie schießen doch auf die Preußen, Malene.«

»Und die werden nicht mit Taubeneiern nach ihnen geworfen haben heute, oder?«

»Geh, du bist schlimm, Malene!« Tränen standen der Kleinen in den Augen.

Magdalene haschte sich das Elflein und küßte es.

Der Friede war besiegelt.

Die Schüsse draußen waren schnell verstummt. Und es währte auch nicht lange, da erschienen die ausgerückten Österreicher wieder und machten es sich jetzt alle bequem.

»Pah! war blinder Lärm. Hat einer von den Preußen geträumt auf seinem Posten!«

»Ha, ha, wo werden die in der Nacht hinter uns hersein!«

»Haben Besseres zu tun. Schlafen in ihren Biwaks und bis sie morgen auswachen, sind wir wer weiß wie weit.«

»Hat dann das Nachsehen, der Fritz, Donnerwetter ja!«

So schwadronierten sie und gähnten dazu herzhaft. Nicht lange und in jeder Ecke schlief oder schnarchte einer.

Das Elflein huschte wie ein Traumweiblein zwischen den Schläfern hin und her. Bückte sich hier und bückte sich dort, schleppte hier was zur Seite und dort etwas, war so geschäftig als wie ein Heinzelmännlein, stand mäuschenstill sobald einer der Schläfer sich rühren wollte und nahm alsbald das heimliche Treiben wieder auf, wenn die Störung vorüber war.

Sonderbar, wie sich in dem Elflein mit einem Male ein Ordnungstrieb zu regen begann, der ihm sonsten fremd war. Denn doch einzig der konnte es bewegen, so viele Gewehre, als es habhaft werden konnte, aufzuraffen, und sie fein säuberlich in einem der Riesenspinde des Zimmers nebeneinander zu reihen, den Schlüssel umzudrehen und den in dem Täschlein zu bergen mit einem Koboldlächeln freilich, das auf tieferen Sinn des Tuns schließen ließ.

Aber keiner hatte es gesehen, das Tun nicht zuvor, und nun nicht das Lächeln, dem noch was Hämisches beigemischt war. Die Österreicher schnarchten. – – –

Draußen in der Dunkelheit harrte noch immer der König mit seiner Begleitung. Majestät wurde ungeduldig. Ein Glück, daß das Dunkel die sprühenden Augen deckte, sie hätten sich davor gegrault, die es hätten sehen müssen.

»Schlafmützen! Schnecken! Mille tonnerres! Je m'en fiche! Mon général, jag Er einen Seiner Kerle ventre à terre, der König befiehlt ihnen, sich ein wenig zu depechieren. Mort de ma vie, hab' so was noch nicht erlebt.« Grollend war des Königs Stimme und dunkel, er war sehr geärgert, das hörte man, wenn man es auch nicht sehen konnte.

Aber da kam ein Ton durch die Nacht, der nicht zu verkennen war. Taktmäßiges Marschieren, die Verstärkung rückte an. Im Eilmarsch, war schon ganz nahe. » En avant, Messieurs! Herein ins Städtchen, die Brücke besetzt. Wir müssen sie haben!«

Im Geschwindschritt ging's nun dem Städtchen zu, der König an der Spitze. Die Straßen schienen leer, keiner hörte oder hinderte die Vordrängenden.

In den Häusern freilich war noch Licht und Leben, das sah man.

Dort liefen nun auch ein paar Leute, die was trugen, über die Straße.

Des Königs Falkenblick, der selbst das Dunkel durchschaute, entdeckte, daß es Strohbündel waren, die die Leute schleppten, und sie liefen alle in einer Richtung.

»Ihnen nach!« herrschte des Königs Stimme. »Dies gilt der Brücke!«

Wie vom Wind gepeitschte Schemen huschten die Preußen hinter den Strohbündeln und ihren Trägern her.

»Halt! Stillgestanden!«

Den Leuten entglitt, was sie hielten, so entsetzt waren sie.

Waren die Geister der Nacht lebendig geworden?

Da hielt einer hoch zu Roß. »Was soll's mit dem Stroh?« herrschte sie eine Stimme an, die Antwort heischte.

»Die Brücke!«

»Verbrennen!« also stammelten bleiche Lippen.

»Ha, ha, ob ich's nicht ahnte! Heureusement, nous sommes en temps, Messieurs! Laß Er die Brücke besetzen, General. Die Kanonen vor! Geben die Kerle nicht klein bei, dann drauf! Die Brücke bleibt unser, merk Er sich das!«

»Sehr wohl, Majestät.«

»Ich reite derweilen ins Schloß, weiß da Bescheid. Ist hier alles erledigt, mögen die Herren mir folgen. Bon soir!«

Der König ritt über die Brücke und verschwand im jenseitigen Parktor. – – –

Im Städtchen war's mittlerweile lebendig geworden. Aus einzelnen Häusern fielen Schüsse.

»Die Preußen! Die Preußen!« So lief es wie ein Lauffeuer straßauf, straßab. Die Österreicher kamen aus den Häusern vorgestürzt und sammelten sich truppweise an den Ecken.

Im Verwalterhaus ging es toll zu. Die Schläfer dort waren bei dem Schießen aufgefahren, tasteten erst noch schlafblind nach ihren Gewehren, kamen dann zu sich, hatten sich gegenseitig an den Köpfen, da jeder behauptete, der andre habe ihm sein Gewehr genommen. Die noch welche vorfanden, mußten sie schier mit Lebensgefahr gegen die andern verteidigen – es war ein Durcheinander, ein Getümmel sondergleichen.

Die Frau Mutter stand unerschrocken, weil reinen Gewissens, mitten in dem Tumult und erstaunte sich baß.

»Unsre Gewehre, Frau!« schrie ihr einer der Bärtigen ins Gesicht, »unsre Gewehre! Der Donner, wo sind unsre Gewehre hin?«

»Weiß ich's, Mann? Habt sie am Ende auf dem Hof gelassen, dächt' ich.«

Das war ein Wort zur rechten Zeit. Im Knäuel wälzten sich die Leute aus der Tür. Draußen ging dasselbe Suchen und Fluchen los, aber dann übertönten Schießen und Lärmen alles weitere.

Von der Brücke her donnerten die Kanonen. Wieder, noch einmal und wieder!

»Herr du mein Gott, erbarme dich unser!« Die Frau Mutter lag auf den Knieen. Sie rang die gefalteten Hände und zitterte sehr. Aber sie ermannte sich rasch. »Lichter aus, Mädchen! Wir wollen kein Ziel abgeben für diese mörderischen Kugeln. Herr du mein Gott! und der Mann fort im Schloß. Was wird der erleben! Den Jost wenigstens hab' ich sicher. Jetzt die Tür verrammelt, Michel!« – das galt einem Knecht, der sein schreckensbleiches Gesicht zur Tür hereinstreckte – »flink, regt euch! Alle sollen ins Haus, da sind wir vorläufig am sichersten. Was treibt die Dirne?«

Dies galt dem Elflein, das gespenstisch im Dunkel – Magdalene hatte sich beeilt, der Mutter Befehl nachzukommen und überall das Licht gelöscht – also das Elflein huschte gespenstisch im Dunkel zwischen Spind und Fenster hin und her, und jedesmal, wenn es zum Fenster kam, tönte ein hartes Aufprallen irgendeines Gegenstandes draußen vom Hofe her.

»Was im hohen Himmel tut die Dirne?« fragte die Frau Mutter noch einmal.

»Die schaden keinem Preußen mehr,« kicherte das Elflein.

Aber da hatte es die Frau Mutter wiederum beim Ohrläpplein. »Jetzt erklärst du mir, Mädchen, was du da treibst. Hinter welcher Teufelei bist du wieder her?«

»Ein Dutzend waren es,« sagte das Elflein.

»Wirst du reden?« Das Ohrläpplein büßte mächtig.

»Hab' ihnen die Gewehre versteckt, Frau Mutter, dieweilen sie schliefen, schaden jetzo keinem Preußen mehr.«

»Und wenn sie dahinterkommen und dich füsilieren, he?«

»Ha, ha! sind schon wer weiß wie weit. Meines Königs Kugeln fegen reine. Und wenn sie kämen, Frau Mutter, die Österreicher meine ich. Draußen liegt die Bescherung. Kann einer dafür, daß sie vorher, da sie ausgezogen waren und wieder heimkehrten, nicht sorgfältiger mit ihren Waffen umgingen, he? Habt sie ja selbsten dessentwegen in den Hof verwiesen, Frau Mutter. Ha, ha, dorten können sie ihre Flinten auslesen, wenn sie suchen kommen sollten. Schätz' aber, die sind über alle Berge. Hurra! für die Preußen!«

Das Elflein wollte sich um die eigne Achse drehen, aber die Frau Mutter fing den Irrwisch beizeiten.

»Ist nicht Zeit zu derlei Allotria, Mädchen, wo draußen die Kanonen brüllen. Herr, Du erbarme dich unser.«

Das war der letzte Schuß gewesen. Der letzte dumpfe Hall der an der Brücke ausgepflanzten Geschütze. Keinen Ton hörte man noch von der Straße her. Eine Totenstille lagerte urplötzlich über dem Städtchen.

Aber im Hause selbst kam nun ein Laut von oben, der seltsamlich die Stille störte. Es trommelte einer an eine Tür, laut hallte es durchs Haus.

»Die Österreicher,« jammerte die blonde Magdalene, und schluchzte zum Herzbrechen. »Sie werden die Fritze Viktoria totschießen.«

»Papperlapapp,« lachte die gemütsruhig, »so schnell geht das denn doch nicht, Malene. Eine Weile bleib' ich schon noch bei euch.«

»Der Jost,« sagte die Frau Mutter ortskundig und grub in ihrer Tasche nach dem verborgenen Zimmerschlüssel. Zugleich setzte sie sich in Trab nach oben, ihr wohl verwahrtes Kleinod zu erlösen.

Denn dies »Kleinod« trommelte derweil recht ungebärdig.

Alle folgten der Frau Mutter, Magdalene, das Elflein, Michel, der Knecht, die zwei Hofmägde und der Junge, die alle sich in des Hauses Schutz geflüchtet hatten.

Oben trommelte der junge Herr immer toller und die Mägde kicherten belustigt. Die Frau Mutter beschleunigte ihre Schritte, die weiße Haube wippte nur so hin und her.

Dann steckte der Schlüssel im Schloß, die Tür öffnete sich. Man sah im bleichen Schein, der durch das Fenster fiel, des langen Jost Gestalt ragen.

»Weshalb hat die Frau Mutter – –?« In seiner Stimme grollte es wie ferner Donner. Aber mitten drin brach er ab.

Vom Fenster her, das er geöffnet hatte, wohl da ihn das Brüllen der Kanonen weckte, von: Fenster her kam ein eisiger Hauch. Rasch trat die Krau Mutter hinzu und wollte es eben schließen. »Bist des Teufels, Bub,« zankte sie, »willst dir durchaus den Tod holen, heute morgen im Schnee und nun in der eisigen Nachtlust? Marsch ins Bett oder – – –«

Was die Alternative sei, so weit kam die Frau Mutter nicht. Etwas machte sie aufhorchen und lauschen.

Was waren das für Klänge, die weither über das freie Feld kamen? Männerstimmen – – ein Choral? Was in aller Welt konnte das sein?

Dort sangen Tausende – man hörte es deutlich am mächtig schwellenden Ton – Tausende sangen dort ein frommes Lied, und wie die weihevollen Klänge näher und näher tönten, schwollen und stiegen, das ganze Weltall, wie es schien, mit ihrer Andacht füllend, da unterschied man deutlich auch die Worte: »Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut an uns und allen Enden.«

So sang das Preußische Heer, das aus einem Mißverständnis heraus seinem König, der nur eine Verstärkung verlangt hatte, nachrückte über das Schlachtfeld des Tages, sang es aus einem Munde, gewaltig, erhebend, zu den Himmeln steigend.

Ein bärtiger alter Grenadier hatte den frommen Sang angestimmt, da er der Opfer ihm zu Süßen dachte, an denen er vorüber, über die er hinzog, der Bahn des Heldenkönigs nach, der die Seinen zum Siege führte.

Und wenn er Opfer kostete, dieser Sieg – welcher Sieg hienieden hätte deren keine gekostet? – es war doch ein Sieg gewesen – – ein glorreicher Sieg. Drum:

»Danket alle Gott
Mit Herzen, Mund und Händen,
Der große Dinge tut
An uns und allen Enden!«

Der Bärtige hatte ihn angestimmt den Sang, alle waren sie eingefallen rings. Die Feldmusik nahm ihn auf, weihevoll, mächtig, überwältigend stiegen die Klänge himmelwärts.

Manch ein Ächzen und Wimmern verstummte, und aus manch einer todwunden Brust hob sich der fromme Sang den Wolken zu, darüber der Lenker der Geschicke thronte. Und die Nacht war minder schaurig und die Schmerzen minder brennend, und geballte Hände lösten sich und waren fromm gefaltet.

So zog das Heer der Preußen, an die fünfundzwanzigtausend Mann, seinem Heldenkönig nach über die Stätte, da er blutige Opfer von ihm gefordert hatte. Zog dem Helden nach ohne Weigern, ohne Fragen, ohne Klagen, Gott lobend, seinem Helden vertrauend in Begeisterung und nimmer sinkendem Mute.

Und immer mächtiger schwoll der Sang.

War es ein Wunder, daß des Preußenkönigs Majestät Heldentaten verrichtete als der Held, der er war, der Einzige, Große, so er dasteht in der Geschichte? Daß ihm nicht bangte, da die Welt wider ihn stand in Waffen? Daß er in frohem Mut mit den blitzenden Königsaugen auf seine Soldaten schaute und sich nicht vor dem Teufel fürchtete mit solchen Kerlen? War dies ein Wunder?

Da die Frau Mutter die mächtig schwellenden Klänge zu unterscheiden begann, da lag sie auf den Knieen, hob die Hände himmelwärts, aus ihren Augen fielen blanke runde Tränen und ihr Mund stimmte ein in den frommen Sang. Desgleichen taten die andern – aus des langen Jost Kämmerlein war eine Kirche geworden.

– – – Mählich wurde es draußen auf den Straßen lebendig. Die frommen Klänge waren erstorben, man merkte am Schüttern des Bodens nur das Herannahen einer großen Masse.

Da besannen sich die Leute auf ihr Elend. Womit sollte man aufs neue Hungermäuler stopfen? Ob es nun Österreicher waren oder Preußen. Ein Wehklagen hub an, die Luft zu füllen, darinnen noch die letzten frommen Klänge verzittern wollten.

Wohl kann sich die Seele aufschwingen, aber es ist ihr nicht gegeben, allzulange in reinen Sphären zu weilen, der Erde Staub haftet an ihren Fittichen, zieht sie erdenwärts aus Himmelsnähe. Die Sorgen des Alltags heischen gebieterisch ihr Recht.

Auch aus der Frau Mutter Mund, der noch eben seinem Schöpfer fromm gedankt hatte, sprang nun die Sorge: »Malene, was setzen wir den Leuten vor? Essen werden sie wollen. Fromme Lieder machen nicht satt.«

Die blonde Magdalene sah still auf. Sie war am längsten in Himmelsnähe geblieben. »Wenn die Speckseiten alle sind, Frau Mutter, so rühren wir eine Milchsuppe ein. Kartoffeln munden herrlich dazu. Wenn sie nur was Warmes in den Leib kriegen, die Ärmsten. Sie mögen just so erfroren sein als wie der Jost es gewesen ist. Der hat auch ungefragt geschluckt.«

»Hast recht, Mädchen, was sorg' ich mich.«

Und wie die neuen, nun preußischen Gäste kamen, fanden sie eine trauliche Stätte an der Frau Mutter Herd, fanden gute Worte und helle Augen, fanden volle Schüsseln und herzlichen Zuspruch, und ihnen war wohl wie lange nicht.

Es wimmelte im Städtchen von Truppen aller Art. Die Einwohner nahmen auf, wen sie konnten. Aber es war viel Jammern. Die Kanonade von der Brücke her war mörderlich durch die Straßen gefegt, sie hatte hier und dort gar traurige Spuren hinterlassen. Es war ein Kreuz, in solchen Kriegsläuften leben zu müssen. Aus den Fittichen der armen Seelen lastete der Erdenstaub gar schwer. – – –

Es war gegen die zehnte Abendstunde, da der Herr Vater vom Schloß heimkehrte. Die Frau Mutter atmete aus, da sie seiner ansichtig wurde.

»Gut, daß du nun endlich da bist, Mann. Ich habe mich um dich gesorgt.«

»Hab' derweilen manches erlebt, Mutter.«

»Ist er wirklich da, Herr Vater? Die Preußen sagten so, als sie einrückten. Sagten, er sei im Schloß. Ist dem so, Herr Vater?« Das Elflein war nur Augen und die waren nur Frage.

»Wie viele liegen im Haus, Mutter?« fragte der Herr Vater dagegen. Tat, als sei das Elflein eine kleine Fliege, die ihm um den Schädel summe.

»Zwanzig Mann,« sagte die Frau Mutter derweilen, »liegen im Haus, auf einer Schütte im Speicher. Hab' von Decken hingeschleppt, was ich entbehren konnte. Im Stall und in der Scheune sind doppelt so viel untergekrochen, glaube ich. Hab' mich nicht allzuviel drum kümmern können. Hoffe, sie schlafen gut, die armen Teufel.«

Da war's, wo das Elflein sich dagegen empörte, lediglich als summende Fliege behandelt zu werden. Kurz entschlossen griff es dem Herrn Vater in seinen blonden Riesenbart und zwang also seine Augen auf sich. Und um auch seines Ohres habhaft zu werden, stellte es sich auf den nächsten Schemel und posaunte: »Hat der Herr Vater ihn gesehen?«

Derweilen die andern starr waren ob so viel Dreistigkeit, nickte der also überrumpelte Riese gutmütig: »Hab' ihn gesehen, Mädchen.«

»Er ist also da?« Wie das Elflein posaunte.

»Er ist da! Ist mutterseelenallein ins Schloß kommen, allwo die ganze Kaiserlich Österreichische Generalität tafelte, hat sich kein bißchen nicht gefürchtet. Ist in den Saal hineingetreten, darinnen all die Feinde saßen, ist stolz und langsam um die Tafel herumgegangen, hat seinen Hut auf einen Spiegeltisch gelegt und ist desgleichen stolz und langsam durch eine andre Tür wiederum hinausgetreten. ›War als wie sein eigener Geist,‹ sagt mein Herr Graf, der ihn allein von allen erkannt hat. Hatten gar wacker gezecht die Herren Generale, hatten nicht acht auf das, was um sie her passierte, hätten wohl auch eher den Gottseibeiuns in Person so um ihre Tafel herum zu spazieren vermeinet, als des Preußenkönigs Majestät. Mach es ihm einer nach, sich so allein in des Löwen Höhle zu wagen.«

»War ein Gottesglück, Herr Vater, daß ihn die Österreicher nicht vermuteten. Hätten ihm können bös was am Zeug flicken.« Das sagte der lange Jost.

»Pah! meinem König! Die!« Das Elflein war ganz Verachtung und Triumph.

»Hat das wohl auch empfunden als kluger Mann, der er ist neben dem Helden,« so nickte der Herr Vater seinem Sohne zu. »Ist drum lieber wieder stillschweigend aus der Höhle des Löwen verschwunden, bis daß die Seinen herankämen. Mein Herr Graf ist ihm nachgegangen und hat gesehen, wie gleich unten an der Treppe von den Seinen zu ihm stießen. Und da sind die Herren umgekehrt, die Treppen wieder hinauf und wiederum in den Saal getreten.« › Bon soir, messieurs!‹ hat der König dann gesagt und ist ein Staunen gewesen und Verwundern bei den Österreichischen Herren. Die waren auf den Füßen wie der Wind, und der König unterhielt sich gar leutselig mit jedem von ihnen, sagt mein Herr Graf.«

»Ja, hat denn keiner dran gedacht, daß der König gar leichtiglich gefangengenommen werden könne und ihrer Kaiserin, der Maria Theresia, damit ein großer Gefallen geschähe, Herr Vater?«

Es war wiederum der lange Jost, der also seinem Erstaunen Ausdruck gab.

Der Befragte schüttelte bedachtsam den Kopf. »Waren wohl zu überwältigt von dem allen. Ist auch einer der Herren Preußischen Offiziere nach dem andern erschienen, so daß sie schnell die Übermacht hatten. Scheint, daß die ganze Armee ihrem König nachgerückt ist. Der soll sich baß drob erstaunt haben, sagt mein Herr Graf.«

»Wird aber bei sotanen Umständen nichts dagegen gehabt haben, Vater. Und die Österreichischen Herren?« Es war die Frau Mutter diesmal, die also fragte.

»Sind schleunig alle davongeritten, dächt' ich. Hab' wenigstens Pferdetraben hinter mir gehört, als ich vorhin heimkehrte. Wird ihnen der Boden zu heiß geworden sein im Schloß, schätz' ich.«

»Was kein Wunder wär',« nickte die Frau Mutter. »Gehören auch zu den Ihren, mein' ich, und nicht an eine Zechtafel nach der verlorenen Schlacht, sollt' ich sagen.«

»Dort zechen jetzt die Herren Preußen mit ihrem König, Mutter.«

»Haben's schon eher verdient, Vater.«

»Er ist da! Ich werd' ihn sehen!« Es war das Elflein, das also jauchzte und dazu wie ein Brummkreisel herumfuhr.

»Hat just Zeit für dumme kleine Mädchen,« lachte der lange Jost.

»Er ist da! Ich werd' ihn sehen!« Das Elflein, es ließ sich nicht irren. Der Brummkreisel tanzte weiter.

Da griff ihn sich die Frau Mutter mit fester Hand. »Zu Bett jetzt, Mädchen, war ein heißer Tag heute und wer weiß, was morgen kommt.«

»Er ist da! Ich werd' ihn sehen!« Das Elflein blieb bei seiner Litanei. Die Frau Mutter zuckte die Schultern, der Riese lachte gutmütig vor sich hin, Jost tat dasselbe nur mit einem Stich ins Hämische. Magdalene aber legte den Arm um die Kleine und zog sie mit sich fort.

Aber noch, da schon das Licht gelöscht war, kam es von des Elfleins Lager her und klang als wie ein Vöglein zwitschert im Schlafe: »Er ist da, Malene, und ich – ich werd' ihn sehen!« – – – – – – – – – – – – – – –

Es war nicht viel der Ruhe gewesen in dieser Nacht, nicht im Städtchen, nicht im Verwalterhaus. Marschieren und Pferdetraben in den Gassen, Kommandos und Signale aller Art, das Brausen und Brodeln, wie es solch dichtgedrängte Menschenmassen notwendig erzeugen müssen selbst bei nachtschlafender Zeit. Ein Kommen und Gehen hörte nicht auf. Es war als wie des Meeres Brandung, die sich am Strande bricht.

Früh schon begann das Sammeln und Abziehen der einzelnen Regimenter, kaum daß der junge Tag noch grauen wollte. Es war ein Wühlen und Treiben als wie in einem Ameisenhaufen.

Früher noch schier – ein bleicher Mondrest stand noch am Himmel – war das Elflein aus dem warmen Nest geschlüpft. Da stand es geschmeidig mitten im Zimmer im Mondenschein und strählte sich die braunen widerspenstigen Locken, heute mit größerer Hingebung als je zuvor in seinem jungen Leben. Ein Glück, daß die Ringellöckchen vernünftiger waren als der unbarmherzig zausende Kamm, sich eigensinnig weiterringelten um die junge Stirn, statt sich hübsch glatt zu fügen, wie der Kamm es erstrebte.

Das Elflein seufzte tief im Kampf mit den Ringellöckchen, schüttelte dann aber den Kopf, daß sie flogen und tanzten und gab nach als die Klügere.

Schlaftrunken öffnete die blonde Magdalene die Augen: »Was tust, Fritze Viktörchen? Bist mondsüchtig worden, also daß du nimmer Ruhe im Bett findest?«

»Sehen muß ich ihn, Malene. Hör', wie sie schon rumoren draußen in den Gassen. Sput' ich mich nicht, so rückt er mir aus, eh' daß ich zur Stelle bin.«

»Wär' auch ein großes Unheil,« gähnt die Blonde.

Des Elfleins Augen sprühen Funken, man sieht's schier im Mondenschein. Aber Magdalene hat allbereits wieder die Augen geschlossen und ist dicht an der Tür zum Traumland.

Da ist's, wo ein verstohlenes Pochen an der Kammertür laut wird. Und eine Stimme flüstert: »Ich gehe in den Schloßpark. Kommst mit?«

»Hurra!«

War es das Elflein, das also gerufen hatte? Die blonde Magdalene konnte es nicht unterscheiden, denn eben trat sie ins Traumland ein. Des Preußenkönigs Majestät hielt da hoch zu Roß, schwenkte den Hut und winkte dem Elflein zu, das holdselig und anmutig heranschwebte und sich neigte als wie eine junge Königin.

Hatte den Ruf nun des Königs Majestät getan, oder die junge Königin?

Die blonde Magdalene quälte sich darum nicht, sie schritt geruhsam weiter aus des Traumlands krausen Wegen. – –

Derweilen huschten zwei Gestalten, eine gar lange und eine gar zierliche, durch das Tor des Parkes, der das Schloß mit seinen mächtig schützenden Armen umfängt. Alles ist noch nächtlich düster, und die Bäume greifen wie mit Riesenarmen zum graubleichen Himmel auf. Der fahle Mondschein hat hier nicht länger Macht, nur daß er mit den schwarzen Schatten der gewaltigen Stämme den Weg wie mit tiefen Gräben durchfurcht. Ein Raunen, wie es dem grauenden Tag voranzugehen pflegt, fährt durch die Kronen der Baumriesen, das kahle Geäst schlägt klappernd leise zusammen. Das Raunen wächst zum Rauschen, gewaltig ertönt die Morgensymphonie der sich neigenden, beugenden Äste.

Der lange Jost und das Elflein streifen nun am Wasser des Sees hin, darinnen sich die Mauern des Schlosses spiegeln. Dicht hält sich die Kleine bei dem Langen, das Morgenschauern in den Lüften, dazu die Erwartung machen ihr bange, ein wie tapferes, furchtloses Herzlein, das ihre auch sonsten sein mag.

»Jost! Jost! Wenn er schon gegangen wäre!«

»Wie wird er, Fritze Viktörchen! Bedenke, ohne dich gesehen zu haben!«

»Mach keine dummen Redensarten, Jost. Jetzt ist dazu wahrlich nicht die Zeit.« Würdevoll, als sei sie ihre eigene Großmutter, bedeutet ihn die Kleine.

Und er kichert verstohlen in sich hinein. Macht dazu Schritte als der Goliath, der er ist, bis ihn eine energische Hand am Rock faßt und zerrt.

»Denkst, ich habe Siebenmeilenstiefel an, Langer?« keucht ein Stimmlein.

Da mäßigt er seine Schritte, steigt einher, wie der Hahn im Hühnerhof.

Das aber paßt seiner Begleiterin erst recht nicht. Nun fliegt sie voraus, wie die Feder, die der Nordost wirbelt. Der Lange hat jetzt Mühe zu folgen.

»Denkst, er wartet, bis der Goliath Brömel daherstelzt, wie ein Puter, he?« zankt das Stimmlein von zuvor. Und dem Langen beginnt zu dämmern, daß die Frauen nicht allzu leicht zu behandeln seien, wie er den Herrn Vater schon manches Mal hat seufzen hören. Ja, man macht seine Erfahrungen mit den vorrückenden Jahren! Nun sind die zwei Nachtwandler dicht unter den Fenstern des Schlosses angelangt. »Wenn man nur wüßte, wo?« seufzt die Kleine, und es ist, als ob der ganzen Erde Weh auf ihren Schultern laste.

»Pscht!« macht der Lange und hat den Finger am Mund. Er weist nach einigen erleuchteten Fenstern hin, hinter denen man sich bewegen sieht. »Dort sind die Gastzimmer für hohe Herrschaften. Ich weiß es vom Herrn Vater. Wenn irgendwo, so ist er da, dächt' ich.«

»Jost!« Das Elflein hängt ihm am Arm, es zittert vor Erregung. »Jost!«

Sie stehen hinter einem Boskett, das sie deckt, und vier leuchtende Augen starren zu den Fenstern hin.

Dort drinnen muß es sehr lebendig sein. Schatten kommen und gehen. Jetzt ist die ganze Fensterreihe erleuchtet.

Die drunten im Schnee vertreten sich die Füße, aber das ist nur äußerlich, sie tun es mechanisch, innerlich glühen sie.

Einmal fährt sich das Elflein mit der Hand über die Stirn. »Jost, ist's nicht schrecklich heiß?«

Gutmütig lacht der Lange, sagt aber nicht nein.

Das dauert so eine geraume Weile. Derweilen steigt das fahle Dämmern höher und höher. Nun greift es schon unter das Baumgeäst, die Schatten schwinden. Eine blasse Helle läuft über den Himmel hin, die Schneedecke unten leuchtet auf, wirft ihren Wiederschein nach den grauen Schloßmauern, die sich lichter und lichter aus dem Baumdunkel heben.

Mählich erlöschen die Kerzen innen. Ein rötliches Fensterviereck nach dem andern verblaßt, um sich im Dämmern des nahenden Tages zu spiegeln.

Die drunten im Schnee harren und hoffen. Heiß brennen ihre Augen, fiebern von einem Fenster zum andern. Nur um Gottes willen nichts verpassen!

»Wenn du dich hineinschlichest, Jost? Irgendeiner wird dir Auskunft geben.«

»Daß sie mich jagen, he? Denkst, du willst ihn allein sehen? Ist auch mein Held.«

Der Lange trutzt. Das Elflein fleht herzbewegend: »Goliath!«

Im Tagesdämmern kann er just die flehenden Augen sehen. Weich ist er wie Wachs. Ein zweites: »Goliath!« der Kleinen treibt ihn in die Flucht. Mit Schritten, wie nur er sie hat, stapft er nach der verborgensten Hintertür. Und das Glück ist ihm hold. Nicht zwei Minuten und schon fliegt er zurück.

»Sind am rechten Ort, Fritze Viktörchen. Dort das dritte Fenster. Hab' die Mine getroffen, der Mamsell Heinemann ihre Nichte, weißt du. Sah todmüde aus, das arme Ding. Sind die ganze Nacht nicht aus den Kleidern gekommen, sagt sie. Sei eine grausige Arbeit mit all den Mäulern, die zu stopfen wären, und – –«

»Jost, wo doch mein König dabei ist!«

»Je, ja, denkst, der lebe vom Schlachtengewinn – –«

»Jost!!! Dort!!! Sieh!!!« Der Finger zittert wie Laub im Winde, womit das Elflein auf ein Fenster deutet, das ihnen just gegenüber ist.

Hinter den Scheiben steht eine reglose Gestalt und sieht zum Himmel aus in die ziehenden Wolken hinein. Ein schmales Gesicht ist es mit scharf geschnittener Nase, und Augen, groß und leuchtend und durchdringend, forschend und durchbohrend bis auf der Herzen Grund und der Dinge Kern. Sprechende Augen, beredter als ein Mund. Über wen sie hinfahren, dem erforschen sie Herz und Nieren, prüfen ihn bis in das Mark der Knochen. Wehe, wer vor diesen Augen nicht besteht!

Ohne daß die Zwei dort unten im Schnee es sich sagen, wissen sie beide: Das ist Er! Er, der Herrliche, Große! Der Einzige seiner Zeit!

Sie halten sich an den Händen gefaßt. Alle Scheu ist von ihnen gewichen, weil sie sich selbst vergessen in Gegenwart des Gewaltigen, Großen.

Sie sind aus dem Gebüsch vorgetreten und wissen es nicht.

Nur Ihn sehen! Nur sich an Seinem Anblick laben! Weiter denken sie nicht. Und nun stehen sie dicht unter dem Fenster, hinter dem der Große, Allgewaltige in die ziehenden Wolken blickt. Und sinnt! Von neuem Siegesflug träumt! Ob der unter ihren Füßen knirschende Schnee sie verraten hat? Ob des Gewaltigen Sinnen von den Wolken sich zur Erde wendet?

Jedenfalls fällt jetzt sein Blick, und sein Adlerauge streift befremdet die zwei wie weltentrückt zu ihm Aufstarrenden. Ruht alsdann mit Wohlgefallen auf den jungen Menschenkindern, denen die Begeisterung die Gesichter überflammt mit heiliger Lohe.

Durch den jungen Burschen geht ein Ruck, da er die Königsaugen auf sich fühlt. Es ist, als wolle er sich zur Flucht wenden. Aber des Mägdleins Hand faßt blitzschnell zu und hält ihn fest. Unerschrocken leuchten ihre Braunaugen in des Königs Antlitz.

Das gefällt ihm baß, und da hat er auch schon das Fenster geöffnet und sie dichter herangewinkt. Der Bursche will entschlossener ausrücken, aber die ihn haltende Hand weicht nicht. Er muß sich fügen, muß sich am Ärmel heranziehen lassen und sieht just nicht sehr klug, auch nicht sehr männlich dabei aus. Dem König geht ein Lachen übers Gesicht und wohlgefälliger noch mustert er die entschlossene kleine Dame mit den Leuchtkugeln im Kopfe.

Jetzt knickst sie und sagt mit einer Stimme wie Vogelzwitschern: »Guten Morgen, Majestät!«

»Guten Morgen, Demoiselle. was tut Sie hier im Schnee mit dem Galan?«

»Ha, ha, ha! Ist ja nur der Jost, Majestät! Mein Bruder!« Ein Lachen wie ein Glöckchen.

»So, so! Sehen nicht wie Geschwister aus. Wer ist Sie, petite

»Zu dienen, Majestät, Fritze Viktoria Mollwitz!« Wie Trompetenton wird dies geschmettert, dazu ein Knicks so schelmisch und ein Kichern so hell.

Der König fährt sich über die Stirn und seine Augen forschen. »Wo hab' ich den Namen nur schon gehört?«

Da ein lauteres Kichern und ein schmetterndes Triumphieren in der Stimme:

»Nein König hat ihn mir doch selber gegeben! Ha, ha, ha!«

»Wieso dies, Demoiselle? Bin doch kein Pastor, daß ich wüßte.«

»Behüte, ha, ha, ha! Aber mein illustrer Pate zu dienen, Majestät!« Der Triumph in der Silberstimme.

Da fährt dem König ein Erinnern durch den Sinn. Er besieht sich die kleine Person mit ihren leuchtenden Braunaugen. Nickt, lacht ein Weniges. »Also so was ist aus dem Würmlein von damals geworden? Hm, hm! So, so!«

Die Kleine knickst und leuchtet stärker, kichert dazu verschämt, aber mit freimütigem Blick.

Und des Königs Majestät fährt fort: » A la bonne heure! Kann sich sehen lassen, die Demoiselle! Erinnre mich, ist ja wohl dermalen nach Lissa eskortieret worden zu meines Pastors Schwester. Lebt nicht mehr, mein braver Möller. Hat eine Kugel in die Brust gekriegt. Arriviert unsereinem leichtiglich in sotanen Zeiten. Hält man Sie gut bei meines Pastors Schwester, he?«

»Als wie ein eigen Kind, Majestät.«

»Bravo! Lob' ich mir! Hab' ja wohl die versprochene Ranzionierung vergessen aus die letzten Jahre. Schwant mir dergleichen. Sag Sie dem Nährvater, Demoiselle, der alte Fritz hab' ja denn andre Dinge im Kopf, als daß er an kleine Mädchen denken könne, ha, ha, ha! Hm – soll aber nicht wieder arrivieren, parole d'honneur! Hat Sie sonst noch einen Wunsch, mon enfant? Soll mir ein plaisir sein, ihn meinem Patenkinde zu erfüllen. Red' Sie sans gêne!«

»Meine Eltern, Majestät?«

Ein verhaltenes zitterndes Erwarten ist in der Stimme, groß und starr fragen die Augen.

»Kann Ihr hierin leider nicht zu Diensten sein, ma chère. Vraiement, bedaure sehr. Weiß selber nichts. Die alte Hexe ist tot, die sotanes Bündelein, darinnen die Demoiselle verpackt waren, in den dürren Armen hielt. Die Mutter war's aber sicher nicht, mon enfant, das will ich ihr beschwören, ha, ha, ha!«

Die also Beschiedene, Fritze Viktoria Mollwitz, das Elflein, hängt den Kopf und ein Tränlein rinnt ihr, ohne daß sie es weiß und ihm wehrt, über die Wange. Stumm betrachtet sie der König eine ganze Weile. Es ist was Weiches in seinen Augen und auch in seiner Stimme, als er nun sagt: »Und der Wunsch, ma petite

Da blitzt es in den Braunaugen auf, des Königs Patenkind wirft den Kopf zurück, daß alle Ringellöckchen nicken und wippen. Sie schiebt und zerrt an dem Langen herum, daß der möglichst dicht vor den König zu stehen kommt.

»Der da, Majestät, er will zu Dero Armee und der Herr Vater will's ihm nicht gestatten. Wenn aber Euer Majestät zu befehlen geruheten – –« Sie zupft und stößt an dem Langen herum, ihn möglichst günstig zu präsentieren.

»So steh doch gerade, Goliath,« flüstert sie hörbar, »mach doch kein Schafsgesicht, du! Was soll des Herrn Königs Majestät denken!«

Wie der König lacht! So vergnügt ist ihm lange nicht zu Sinn gewesen, selbst gestern nach der gewonnenen Batallje nicht.

»Ein schmucker Bursch! Nähm' ihn gerne. Aber allmächtig ist der alte Fritz nicht, Demoiselle

»Wenn der König befiehlt, Majestät?«

»Ihr Zutrauen ehrt mich, ma petite, ha, ha, ha! Will sehen, was sich tun läßt. Schick Sie mir den Nährvater, aber gleich, Demoiselle. Im Kriege zählen die Minuten doppelt.«

»Sofort Majestät!« Das Elflein fliegt über den Schnee, wie nur es fliegen kann.

Ihm nach schallt des Königs Kommando: »He! Holla! Stillgestanden! Ist ja behender, die Demoiselle, als wie die Biche, mein Windhund.«

Die also Befohlene ist im selben Tempo zurückgeflogen, steht nun bolzensteif und harrt des Königs Wort.

Der nickt huldvoll. »Und der eigene Wunsch he? Der für den Burschen da gilt nicht. Besinn Sie sich gut.«

Das Elflein hat die Hand an der Wange, neigt den Kopf und zieht die junge Stirn kraus im scharfen Grübeln. Dann: »Marketenderin möcht' ich werden, Herr König, und immer in Dero Gefolge sein.« – Es blitzen die Augen.

Über des Königs Antlitz fährt ein Lachen. Aber abwehrend hebt er die Hand. »Papperlapapp, ma petite, ist kein Gewerbe für ein honettes Frauenzimmer, sag' ich Ihr. Des Königs Patenkind muß einen braven Mann heiraten. Etwan den dort, he?« Er weist auf den langen Jost.

»Den Jost??? Ha, ha, ha, ha!!!« Die Kleine birst schier vor Lachen.

Der Lange ist rot bis unter die Haarwurzeln, sieht verärgert, unbehaglich und – ja dumm drein, aber er ballt die Faust im Sack.

»Kann Er nicht reden, mein Sohn? Einen Duckmäuser kann ich bei meinen Grenadiers nicht brauchen, sag' ich Ihm.«

»Halten zu Gnaden, Majestät, aber wo die Fritze Vik –»

»Recht hat Er, mein Sohn,« so unterbricht der König, »ja, ja, gegen die Weibsen kommen wir mit dem Mundwerk nicht auf.« Und er wendet sich zum Elflein:

»Also nichts mit dem da?« Er weist nach dem Langen.

Die Kleine schüttelt den Kopf, daß die Locken fliegen und kichert in sich hinein mit einem verstohlenen Blick nach dem Goliath. Sie sagt aber nichts.

»Und mit der Maketenderin ist's auch nichts, ma petite. Sie braucht kein schiefes Mäulchen zu ziehen drum, steht Ihr gar nicht zu Gesicht. Kreid' Ihr den nicht geäußerten Wunsch an, Sie kann ihn einlösen, wenn uns die Fortuna, das falsche Frauenzimmer, einmal wieder zusammenführt. Und nun lauf Sie und hol Sie mir den Mann, daß ich ihm klarlege, wie es eine Ehre ist, zu des alten Fritzen Grenadiers zu zählen. Aber sput Sie sich, der Krieg ruft! Adieu, mes enfants!«

»Adieu, Majestät!«

Der lange Jost macht seinen linkischen Kratzfuß. Fritze Viktoria reckt die kleine Person zu möglichster Höhe. Sie winkt mit beiden Händen: »Adieu, adieu Majestät! Adieu, Majestät!«

Aber das Fenster ist schon längst geschlossen, und der König zurückgetreten. Ein Verweilen nutzt nichts. So stürmen die beiden heim, der wichtigen Botschaft voll.

Der Herr Vater hat sich zuerst gewehrt, des Königs Ruf zu folgen. Ihm ist ungefähr so unbehaglich zu Sinn, wie dem Goliath zuvor unter den Königsaugen. Aber die Frau Mutter hat ein Machtwort gesprochen, und so steht er jetzt doch vor dem König. Dessen Worte haben ihn sogar schon bewogen, daß er eingewilligt hat, dem Sohne nicht länger entgegen zu sein.

»... obgleich es denn mein Einziger ist, und ein guter Bub, Herr König!«

»Werd' Sorge tragen, daß er an den rechten Platz kommt, schon der Bitte meines Patenkindes wegen. Ist eine charmante kleine Person. Mach' Ihm mein Kompliment, Mann, Er hat sie gut gehalten, wenngleich die versprochene Ranzionierung ausgeblieben ist, ha, ha, ha! Soll mir aber nicht wieder arrivieren, versprech' ich Ihm. Soll mir ein Ehrenpunkt sein von nun an.«

»Hab' die Dirne lieb, als wie meine eigne, Herr König.« Grollt ein Wehren in des Riesen Baß.

Der König versteht den Ton, hat seine Ohren zu hören, was auch nicht Worte gefunden hat. »Wenn Er sich denn absolut einen Gotteslohn an der Kleinen verdienen will, so laß Er das Geld liegen für ein Heiratsgut dermaleinstens, so Er es wirklich nicht benötigt. So, und nun geh Er. Ich hab' mich gefreut, einen braven Mann mehr kennen gelernt zu haben, ist allemal ein Gewinn. Was hat Er zu melden, Monsieur

Das gilt einem Offizier, der das Zimmer betreten hat und neben der Tür steht. Der Herr Vater macht seinen Kratzfuß, der verzweifelte Familienähnlichkeit mit dem seines Sohnes von zuvor hat, dann bringt er eiligst seine Riesenperson hinter der Tür in Sicherheit und atmet auf, als wär' er mit knapper Not dem Tod durch Henkershand mindestens entronnen, Schweißperlen stehen auf seiner Stirn, die er umständlich mit einem roten Tuche wischt. Dabei gerät er desgleichen etwas tiefer in die Augengegend, hat auch da zu tun. Ihn bedrängt der Gedanke an seinen Buben und dessen Los, das nun durch Königswort besiegelt sein soll, und ihm ist, als habe er ein Todesurteil unterschrieben.

Mas wird die Mutter sagen? – – –

Viel hat sie nicht gesagt, auch sie hat in der Augengegend gewischt, und dann hat sie ihm seinen Buben geschickt. Dessen Augen leuchten.

»Wollet mir zu Willen sein, Herr Vater,« sagt die Frau Mutter. Dank' es Euch so lange, als daß ein Atem in mir ist.«

»Besinn' dich wohl, Bub, noch ist es Zeit. Die Angeln treffen hart. Und ist nicht die härteste, die mitten ins Herze trifft.«

»Aber nicht alle treffen, Herr Vater. Und ist der Weg zu Ruhm und Ehren.«

Der Riese seufzt. »Also muß ja wohl ein tüchtiger Soldat reden und denken. So zieh denn hin in Gottes Namen und, Bub, daß du deinem Vater keine Schande machst!«

»Wo werd' ich, Herr Vater!« Jetzt glühen die Augen.

Und der Riese seufzt, zündet sich umständlich die Trostpfeife an und geht aus dem Zimmer.

»Jost! Jost!« schallt von draußen ein Stimmlein. »Wenn du Ihn noch einmal sehen willst, mußt du dich sputen. Er ist allbereits an der Brücke.« Und man hört deutlich Pferdetraben.

Der Gerufene kann nicht folgen, die Mutterarme liegen ihm zu fest um den Hals. Die Frau Mutter ist bei ihrem Buben, den sie nun bald hergeben muß. Sie ist gekommen, als der Herr Vater hinausging. Und sie sagt: »Jost, er bringt dir ein Opfer, das ihm Herzblut kostet, sei dessen allzeit eingedenk!«

»Das will ich, Frau Mutter,« sagt der Lange, und ihm ist wohl in den Mutterarmen, als sei er der winzige Hemdenmatz von dermaleinst und nicht der Goliath, der er ist.

Also kam es, daß Jost seinen König nicht abreiten sieht.

Derweilen glüht das Elflein draußen auf den Vorstufen der Haustür. Des Königs Majestät naht heran von dem Schlosse her. Es knickst und grüßt; wer ihn sieht, lüftet das Käppel oder schwenkt das Tüchlein. Nur freundliche Blicke folgen ihm, der die Welt mit seinem Ruhme füllt.

Fritze Viktoria Mollwitz dort oben auf den Stufen reckt sich auf, hebt den Arm, schwingt ihr Tüchel und winkt und winkt, lächelt, knickst, strahlt, glüht, leuchtet. Nun ist des Königs Majestät dicht heran. Ein blitzender Blick der Königsaugen fährt über die Kleine hin. Jetzt haben die Augen sie erkannt und es hebt sich die Königshand zum Gruße. Einmal. Zweimal. Galant neigt sich der König, als gölte es, ein Fürstenkind zu grüßen.

Und noch einmal wendet er den Kopf. Noch einmal überfliegt sein leuchtender Blick das niedliche Bild, noch einmal hebt sich die Königshand zum Gruße. Viel lächelnde, viel staunende Blicke aus dem Gefolge treffen das Elflein. Es ist selten, daß des Königs Majestät also huldvoll sich erweiset. Aber da sie sehen, wem diese Huld gilt, finden es die Graubärte begreiflich.

Dem Elflein aber ist zumut, als schritte es aus Wolken, als wüchse ihm eine Krone zu den Ringellocken heraus. Es streckt sich und hebt bedenklich das Näslein.

Kriegt aber alsbald einen kalten Guß auf all sein Feuer, da es in die Stube kommt und Mutter und Sohn beisammen findet.

»Wärst du nicht mein liebes Kind, Fritze Viktoria, ich konnte dir baß gram sein,« sagt die Frau Mutter, und es grollt in ihrer Stimme. »Deine Schuld ist es, daß der Bub nun seinen Willen haben soll!«

»Er geht mit meinem König, Frau Mutter, und er geht zu Ruhm und Ehren,« sagt die Kleine und sagt es etwas belehrend, von oben herab.

»Torheiten, Mädchen. Grade Glieder sind mir lieber als aller Ruhm und alle Ehren der Welten.« Jetzt weint die Frau Mutter.

Das kann die Kleine nicht sehen, und wenn es ihr gleich unverständlich ist und sie ein Weniges, ein ganz klein weniges mit Geringschätzung füllet. Sie hängt der Frau Mutter am Halse und kost und schmeichelt und tröstet und redet zu, lieb und lind, weich und warm, bis der Frau Mutter Augen und Stirne sich hellen wollen. Dann ist sie aus dem Zimmer.

Und wie sie danach verstohlen den Kopf wieder zur Tür hereinstreckt, ist die Frau Mutter gegangen und der Lange sitzt allein am Tisch, hat die Ellbogen aufgestemmt und die Hände vorm Gesicht.

Die Kleine schleicht herzu: »Ist es dir leid worden, Goliath? Hat dich etwan der Frau Mutter Furcht angesteckt?«

Da fährt er auf, und es ist, als wolle er dreinschlagen, finster ist seine Stirn, und seine Augen sprühen.

»Hu!« sagt das Elflein, »friß mich nur nicht, du!« Dann hat es den Arm um seinen Nacken und wie er wehrt, es hält fest. »Jost,« sagt es, und das Stimmlein klingt ganz feierlich, »ich hab' dir was gebracht. Ein Amulett, Jost. Es soll dich bewahren in Gefahr und Not. Es ist der Ring, das einzige, was ich von meinen Eltern hab', das einzige, was außer Linnen in dem Bündelein war, das sie der alten Frau mit mir aus den toten Armen genommen haben. Aus dem Linnen ist alles herausgeschnitten, was auf meinen oder meiner Eltern Namen hätte hinweisen können. Das Wappen im Ring ist unversehrt. Ich mag die Rose, die sich um das Schwert schlingt. Kraft und Schöne geeint, so leg' ich's mir aus. Ich hab' den Ring bis jetzt an einem Schnürlein um den Hals getragen und er hat mir all das Glück gebracht in meinem Leben, Jost, und ...«

»All das Glück!« Ganz verwundert starrt der Lange. Ist die Kleine doch ein mutter- und vaterlos Waislein, vom Geschick dahergewirbelt wie ein Läublein im Sturme. »All das Glück?«

»Ja, Jost! Ist es nicht ein unverdientes großes Glück, daß ich zu deinen Eltern kommen bin, bei ihnen meine Heimat hab' als wie ihre eignen Kinder? Ist es nicht ein Glück, daß ich hab' dürfen aufwachsen, von ihnen behütet und betreut, wie es nur leibliche Eltern können, daß ich meine gesunden Sinne und graden Glieder hab', daß ich meinen Patenkönig hab' sehen dürfen, daß er mir gnädig war und – und Jost, dies Glück, all dies große Glück.«

»Und den Ring willst du nicht lieber selber behalten?«

»Sieh, Jost, ich glaub' an seine Kraft. Und weil ich doch die Schuld trage, daß du nun in Krieg und Gefahr ziehst, so mußt du ihn nehmen, und er soll dich behüten und bewahren für die Frau Mutter und den Herrn Vater und für – –«

»Dich, Fritze Viktörchen?« Es glüht etwas im Blick des Langen, das die Kleine nicht versteht.

Sie zögert einen Augenblick, dann sagt sie freimütig: »Auch für mich, Jost, auf daß ich nicht so viel des Guten mit Kummer und Herzeleid vergelten müßte, denn sie sagen doch, ich trage die Schuld an deinem Gehen.«

»Und ich danke es dir bis zum letzten Atemzug, Fritze Viktoria. Und ich nehme deinen Ring, den ich dir hoffentlich unversehrt wiedergeben darf. Er soll dir noch viel Glück bringen, will's Gott.«

Ganz feierlich ist der Lange.

Die Kieme nestelt ihm das Schnürlein fest, hilft ihm den Ring bergen und bietet ihm dann die Lippen im Schwesterkuß. »Behüte dich Gott!«

»Amen!« sagt Jost, kindlich und fromm. – – – – –

Es ist nach Mittag dieses verhängnisvollen Tages. Der Herr Vater sitzt schon auf dem Wagen und knallt mit der Peitsche, schier ungeduldig.

Die Frau Mutter hält ihren Buben im Arm und kann ihn nicht ziehen lassen.

Die blonde Magdalene weint zum Erbarmen, ihre Augen sind verschwollen, so daß sie schier nimmer draus sehen kann.

Das Elflein steht dabei, weiß nicht, was für ein Gesicht es machen soll, weiß nicht, soll es dem Jost nachtrauern oder ihn beneiden.

Die Peitsche knallt ungeduldiger, lauter, dringlicher.

Die Frau Mutter richtet sich entschlossen auf, läßt ihren Buben aus dem Arm. »Ade, du mein Einziger,« sagt sie und kann nur stammeln.

Die blonde Magdalene weint nun laut und haltlos. Kaum daß sie ihr »Ade« stottern kann.

»Ade, Jost, mein Bruder Jost, ade!« schluchzt nun auch das Elflein, dem in dieser Scheidestunde all das Liebe lebendig wird, das ihm der Lange angetan hat, soweit es zurückdenken kann. »Ade, mein Bruder Jost!«

Lauter mahnt die Peitsche. Und der Lange schwingt die ungefügen Glieder mit einem raschen Entschluß auf den Wagen zu seiten des Herrn Vaters. Sonderbar verschwommen ist alles um ihn. Wie jetzt die Pferde anziehen, kann er kaum mehr das Haus, die Frau Mutter und die beiden Mädchen erkennen, die davorstehen. Und er greift nach den Augen. Wollen die ihm den Dienst versagen urplötzlich? Da hat er ein Feuchtes in Händen und Feuchtes rinnt ihm auch über beide Backen in den sprossenden Flaum. Da beißt er die Zähne zusammen. Sein: »Ade, ihr alle! Ade!« klingt frisch aus Mannesbrust. »Ade, Frau Mutter! Malene ade! Ade, Fritze Viktoria! Und vergeht mich auch nicht!«

Da ist der Wagen schon an der Straßenbiegung und die vertraute Stimme verklingt.

Wann wird sie wieder hier ertönen? Wird sie wieder ertönen?

Die Frau Mutter und Magdalene halten sich umschlungen. Das Elflein schleicht sich beiseiten in dem richtigen Gefühl, daß es für die Frau Mutter jetzt vielleicht besser sei, lieber ihr eigen unschuldig Fleisch und Blut zu umarmen, als das schuldbeladene, das all den Jammer hervorgerufen hat. – – – – – –

In der Nacht, als dann der Herr Vater zurückkehrt, berichtet er der Frau Mutter, die auf ihre Bitte und Geheiß alleiniglich ihn herbeigewacht hat, daß der Junge allbereits eingekleidet sei. Zu den Zietenhusaren sei er gekommen auf direkten Befehl von des Herrn Königs Majestät.

»Und hättest sollen des Buben Augen leuchten sehen, Mutter, da man ihm dies kündete. War eine Freude, es zu sehen. Und wenn ich es recht bedenke, Mutter, ist mir ein froher, lachender Mensch lieber als Sohn, denn so ein Kopfhänger und Duckmäuser, als wie der Bub ist gewesen in diesen letzten Zeiten. Meinest du nicht dasselbige Mutter?«

»Wohl, Mann. Aber sein Leben? Seine graden Glieder? Ist ein schmucker Bursche, mein Bub, möcht' ihn mir nicht lassen verschimpfieren durch eine tückische Kugel oder einen Schwerthieb.«

»Stehet in des Herren Hand, Mutter.«

»Wohl, Vater, aber ist ein ander Ding, ob ich hinter Mauern atme oder wo die Kugeln pfeifen.«

»Hätt'st ihn mögen in Watte wickeln, Mutter? Wie hätt' ein Mann draus, werden sollen, he?«

»Müssen uns also bei der Fritze Viktoria bedanken, he?«

»Wird wohl so sein, Mutter. Gott segne das Kind!«

»Sag' ich nicht nein, Mann. Nur – bloß –«

Da schnarcht er schon. Und der Frau Mutter Gedanken suchen den fernen Sohn. – – – – – – – – – – –

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