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Die Patentochter des alten Fritz

Henny Koch: Die Patentochter des alten Fritz - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorHenny Koch
titleDie Patentochter des alten Fritz
publisherLoewes Verlag Ferdinand Carl
illustratorH. Grobet
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150619
projectidf5c0c5f6
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Die Schlacht

Mittlerweile war der 4. Dezember 1757 herangekommen.

Trotz der grimmen Kälte stand die Frau Verwalterin Brömel unter der Haustür, hatte sich einen dicken Schal um die Schultern gelegt, worein sie auch die Hände wickelte, und spähte und lauschte und spähte. Sie trippelte von einem Fuß auf den andern, das galt aber nicht zumeist der Kälte, wenn die auch biß, sondern ward vielmehr durch die innere Unruhe erzeugt, die die Frau Verwalterin nun schon eine ganze Weile lang zwischen Herd und Haustür umtrieb.

Nun kehrte sie zum Herd zurück. »Ich weiß nicht, wo sie bleiben, Malene, sie müßten ja längst hier sein. Es ist ihnen sicher was zugestoßen! Herr du mein Gott, in diesen Unglückszeiten ist man ja seines Lebens nicht sicher, sobald man den Fuß außerhalb der eignen Schwelle setzt. Und der Himmel weiß, wie lange man noch Schutz in den vier Wänden hat. Malene, Malene, ich halt's nicht aus.«

Das große blonde Mädchen schaute mitleidig drein, ließ sich aber in seiner Beschäftigung des Kartoffelschälens nicht stören. Und ihr Beispiel wirkte. Die Frau Mutter griff nach einem Messer und hatte für die nächsten fünf Minuten Ruhe. Danach freilich fing das alte Spiel, das Pendeln zwischen Herd und Haustür, wieder an.

»Sie könnten ja noch gar nicht wieder dasein. Ängstige sich die Frau Mutter doch nicht so sehr. Die Fahrt hin und her will ihre Zeit, und dann die Geschäfte dort.« So wollte Magdalene trösten, aber es verfing nicht.

Der Herr Vater und Jost waren mit Vorräten nach Neumarkt, allwo sie Lieferung an altvertraute Kundschaft hatten, Butter, Eier, Hühner und dergleichen. Wollten dahingegen ein fettes Schweinlein einhandeln, der Frau Mutter Rauchfang und Speisekammer zu füllen. Wenn in diesen wilden Kriegsläuften eins aufzutreiben wäre natürlich, woran die Frau Mutter starken Zweifel hegte.

Darum lief sie so ruhelos zwischen Herd und Haustür hin, nicht wegen des Schweinleins wohlvermerkt, sondern weil ihr das Herze schwer war und voll banger Sorge um die Lieben, die sie nicht unter Augen hatte, die sie draußen wußte, vielleicht in Gefahr und Not.

Da tauchte an der Straßenbiegung eine kleine schmale Gestalt auf, die windschnell über den Schnee daherjagte. Die wirren Braunlocken wirbelten im Nordost, die Röcke wippten, alles an der kleinen Gestalt schien mitzufliegen. »Sie kommen, Frau Mutter! Sie kommen!« Es war das Elflein, das so daherwehte mit dem Nordost um die Wette.

Die Frau Mutter aber setzte sich kraftlos auf die Treppenstufen. »Auch das noch!« Und sie weinte hellauf. Sie vermeinte, des Elfleins Ruf gelte den nahenden Preußen.

Da war das Elflein auch schon heran, kauerte nieder und tröstete lindiglich: »Heil sind sie und ganz, Frau Mutter. Hab's gesehen, war ja bis zur Weistriz, da wo die Straße abbiegt. Der Herr Vater raucht und der Jost knallt gar vergnüglich mit der Peitsche. Mir scheint, sie müssen das Schweinlein erstanden haben.«

»Von wem faselt die Dirne?« Die Frau Mutter grollte, richtete sich aber auf.

Das Elflein machte große Augen, begriff dann rasch, und ein Schelmenlachen saß ihm um den Kirschenmund. »Nicht von meinem König, nicht vom eignen kleinwinzigen Ich, Frau Mutter, hab' die Lektion vom neulichen Abend begriffen. Der Herr Vater und der Jost kommen. Horch die Frau Mutter, da knallt schon des Goliath Peitsche.«

Die Frau Verwalterin stand nun wieder auf den Füßen. Aber der Schreck von zuvor steckte ihr noch darinnen, sie schwankte ein wenig.

Das Elflein griff stützend und erschreckt zu.

»Dein ›sie kommen‹ hat all diese Tage andern gegolten, Mädchen. So ist mir der Ruf in die Glieder gefahren. Laß gut sein, ist schon vorüber.« Sie fuhr dem Elflein über den Kopf. »Mach rasch, sie werden Hunger haben. Da sind sie schon.« Der Seufzer, der ihr die Brust hob, wälzte Zentnerlasten herunter.

Da ratterte der Wagen daher. Der lange Jost knallte und knallte ordentlich, als ob er's im Takt täte zu einem Jubelhymnus, der ihm im Innern brauste.

Der Herr Vater saß gebückt, aber er dampfte, die Pfeife war ihm nicht erloschen, was er auch erlebt haben mochte. Ein Schweinlein mit lustig geringeltem Schwänzchen aber war nirgend zu schauen.

Da seufzte die Frau Mutter tief. Ihr ging es wie den meisten Erdenkindern, da die große Sorge von ihr genommen war, drückte die geringere um so tiefer. Da sie den Herrn Vater und den Sohn in Sicherheit sah, faßte sie um so stärkeres Sehnen nach dem nicht vorhandenen Schweinlein.

Dem galt denn auch, wie es wiederum zumeist geschieht, die erste Frage: »Also kein Borstentierlein, Vater?«

»Nein, Weib, und kein Geld obendrein. Haben uns aber sonsten ungerupft ziehen lassen, hätten ja auch Pferd und Wagen und den Jost und mich dazu behalten können.«

Der Herr Vater sagte das sehr ruhig mit einem gewaltigen Zug aus seiner Pfeife. Er äugte seitlings nach der Frau Mutter.

Die machte ein sehr verdutztes Gesicht und beschaute sich bald den einen und bald den andern.

»Was soll das heißen, Vater? Denkst, ich kann Rätsel – –«

Da hielt sich der lange Jost nicht länger, dem der Respekt bis jetzt das Wort verschlagen hatte. »Die Preußen haben Neumarkt genommen, Frau Mutter. Der König selber hat seine Husaren geführt, noch ehe seine Armee anrückte. Die Besatzung ist gefangen. Uns haben Patrouillen eskortiert, da wir ahnungslos in die Nähe kamen und – –«

»Haben Sie ihn gesehen, Herr Vater?« Das Elflein verschlang ihn mit den Augen, der geruhig aus seiner Pfeife weiterdampfte, während er vom Wagen kletterte und die Pferde abzuschirren begann. Er winkte mit dem Kopf nach Jost hin, was so viel heißen sollte als: der hat das Wort.

Es war wohl Rück- und Vorsicht, die das Elflein sich zuerst an den Herrn Vater wenden hieß. Da dem Jost nun so von Obrigkeitswegen das Wort erteilet war, fuhr es mit Hast zu dem herum. »Ihr habt Ihn gesehen, Jost, he?«

»Wen?« fragte der und stellte sich dumm, aber ein Zwinkern war in seinem Auge. Und nun brach ein Leuchten vor. »Gesehen und – gesprochen, will sagen, sprechen hören. Da man uns und unsern Wagen eben aus den Marktplatz im Städtlein brachte, bog eine Kavalkade um die Ecke. Voran einer auf einem Schimmel, nicht groß von Wuchs, aber doch nicht zu übersehen. Er trug einen Dreispitz, und sein Rock war dunkelblau und hochgeknöpft. Nichts funkelte und gleißte an ihm wie bei den andern. Sein Auge blitzte über uns hin, so hell und durchdringend, wie ich noch kein Auge gesehen habe, da wußte ich, wer es war.

»Mir fuhr Freude und Schreck zugleich durch alle Glieder.

»›Wer sind die Leute?‹ fragte er einen von denen, die uns geleitet hatten. In seiner Stimme lag's, daß er zu befehlen gewohnt war. Als man ihm geantwortet hatte, sagte er: »Man lasse die Leute unbehelligt ziehen mit Wagen und Pferden. Meine Schlesier sollen sich nicht über ihren König zu beklagen haben.«

»Und der Proviant, Majestät?« So fragte einer der Umstehenden.

»Bleibt natürlich dahinten,« sagte der König knapp und scharf. »Und dann zum Herrn Vater hin: ›Wird Er verstehen, Mann, he?‹ Und hat dann noch etliches gesagt in welscher Zunge.«

»Wird gewesen sein: A la guerre comme á la guerre,« lachte das Elflein, das bei einem Tanzmeister, der einstmals im Städtchen weilte, fränkisch tanzen und ein weniges fränkisch parlieren gelernt hatte. Da des Patenkönigs Zuschüsse dermalen noch flössen, hatte dies die Frau Mutter für geboten und wünschenswert erachtet. Als der Tanzmeister verzog dahin, von wo es keine Wiederkunft gibt, und die Königsgelder fast zugleich ausblieben, war auch des Elfleins »höhere Bildung« ins Stocken geraten. Und keiner vermißte es, keinen focht es an.

»Kann schon so geheißen haben,« meinte der Jost.

»Und was hat der Herr Vater drauf gesagt?« fragte das Elflein, und standen ihm Mund und Augen gleich weit offen.

»Nichts,« sagte der Jost. »Der Herr Vater hat nur am Käppel gerückt. Ob er die Pfeife dazu aus dem Mund genommen hat, ist mir nicht erinnerlich.«

»Mann, aber Mann, was soll der Herr König denken,« sagte die Frau Mutter vorwurfsvoll. »Sind doch nicht auf dem ersten besten Mist herangewachsen. Mein Bruder war doch sein Feldprediger und – –«

»Er hat mich verstanden, Weib, auch wenn ich nichts gesagt hab', ha! ha! Seine Grenadiere haben mir den Wagen abgeräumt, hui! hast du nicht gesehen, Butter, Bier, Hühner, alles. Haben nicht mal »groß Dank« gesagt. Und er hat dabei gesessen auf seinem Schimmel, und hat seine Lust daran gehabt. Ist ein Funkeln und Leuchten in seinen Augen gewesen, Mutter, daß man schier nit hat hinsehen können. Hab' nie solche Augen gesehen bis jetzt, leuchten als wie die Sterne und sehen einen bis auf die Knochen. Möcht' nit vor ihm stehen müssen mit einem schlechten Gewissen.«

»Hat er sonsten noch was gesagt, Herr Vater?« Das Elflein war Feuer und Flamme.

»Gewißlich ja. Hat sich submissest nach dero Jungfer Patin erkundigt und ob die Demoselle herangewachsen sei zu andrer Nutz und Frommen oder ob sie ein Giftpflänzlein worden, so da – –.«

Der Goliath hatte einen Rippenstoß weg, der nicht von schlechten Eltern war. Das Elflein aber flog über die Treppenstufen nach der Haustür und hörte noch eben, wie die Frau Mutter zu jammern anfing um ihre schönen zarten Hühner, um Butter und Bier, um alles, was verschwunden und um das, was dafür nicht erschienen war, das erhoffte Schweinchen.

Fritze Viktoria Mollwitz aber stand vor der blonden Schwester und berichtete sprudelnd, begeistert. Butter, Hühner und Bier spielten dabei keine Rolle, auch das Borstentierlein nicht. – –

Das Mittagsmahl war vorüber. Der Herr Vater und Jost hatten sich's baß munden lassen, die Fahrt hatte ihnen Hunger gemacht. Was sie in Neumarkt erlebten, focht sie weiter nicht an bei der Suppenschüssel und dem, was sonsten folgte. Das Elflein sah's mit Staunen. Ihm quoll der Bissen im Munde und alles an ihm fieberte.

»Ob sie schon bald kommen?« Ordentlich ein Jauchzen war in der Stimme.

Da fuhr die Frau Mutter herum und das Elflein hatte sie noch niemalen mit so zornig blitzenden Augen gesehen. »Fritze Viktoria, wenn du dich weiter so versündigst ob allem, was Menschlichkeit heißt, will ich nichts mehr mit dir zu tun haben, ich will derlei nicht mehr hören!« Und die Frau Mutter hatte die große weiße Haube und was darinnen steckte auf dem Tisch liegen und weinte, daß es sie nur so stieß.

Entsetzt schaute das Elflein drein und lag dann mit dem braunen Lockengewirr neben der weißen Haube und tat, was die tat.

Stumm, auch ein bißchen dumm sahen die andern zu, wußten nicht, wer mehr Mitleid brauchte, die weiße Haube oder die braunen Ringellocken.

Die weiße Haube richtete sich zuerst wieder auf, und der Frau Mutter Gesicht drunterher sah ein bißchen ungewiß um sich, neben sich. Und der Frau Mutter Hand strich lindiglich über die braunen Locken und der Frau Mutter weichste Stimme sagte: »Laß gut sein, Kind. Hilf du mir jetzt das Silberzeug verstecken und was wir sonsten nicht missen mögen. Wenn das Gesindel einrückt – –.«

»Die Preußen, Frau Mutter – –« Ganz entsetzt hauchte es das Elflein.

Da lachte die Frau Mutter schon wieder gutmütig. »Auch unter deinen ›Preußen‹ wird's Gesindel geben, das gibt's allüberall, wo Menschen atmen, bis hinauf zu dem Throne, der Rock tut's nicht. Übrigens hab' ich einstweilen die Panduren und Kroaten gemeint, Kind, tröste dich!«

Noch einmal lachte die Frau Mutter und das Elflein hing ihr am Halse.

Und danach eilten die Frau Mutter, Magdalene und das Elflein geschäftig, wichtig und geheimnisvoll hin und wieder. Sie schleppten hin und sie schleppten her, die Frau Mutter prüfte, wählte und verwarf, legte bald das eine beiseite und bald das andere. Dann war ein Säcklein der erlesensten »Schätze« gesichtet. Als es damit ans Bergen ging, begann die Not des Unschlüssigseins erst recht. Vom First zum Keller, von der Putzstube bis zum geheimsten Örtlein des Hauses wurde es getragen, es lag im Bettstroh, nur um zwei Minuten danach unter dem Sofa der Putzstube geborgen zu werden, unter der Mehltruhe lag's einen Hahnenschrei lang und ruhte dann dieselbe Zeit im Glasspind, um dann unter den Kohlen zu verschwinden. Und damit war's zum Ende seiner Pilgerfahrt gelangt. Gutmütigen Spottes voll – er galt ihr selber – scharrte es die Frau Mutter einmal noch aus seinem schwarzen Zufluchtsort zutage, wusch sich nun ärgerlich lachend die Hände und wies die Mädchen an, Stück für Stück an seinen altgewohnten Platz zu tragen. »Denn, Kinder,« sagte sie und der Schelm saß ihr in den Augen, »machen's dem Gesindel – nichts für ungut, Fritze Viktoria – machen es denen, die's haben wollen, ja nur leicht, wenn wir ihnen alles, was der Mühe lohnt, auch noch fein sorgsam zusammentragen, daß sie es ja gewißlich mit einem und demselben Griff fortschleppen können. Traget es nur fein säuberlich wieder dahin, von wo wir es genommen haben, es wird das Beste sein.« Dem Elflein war es fast leid um die vergnügliche Bergungsfahrt vom Keller zum Giebel, von Ost nach West.

Aber da kam anderes, das alle Gedanken in Anspruch nahm.

Von der Straße herauf tönte Pferdetraben, es mußte eine Menge Tiere sein, denn ein gewisses Schüttern des Bodens war zu spüren.

»Sie kom– –« Das Elflein besann sich beizeiten und verschluckte die letzte Silbe mit einem scheuen Seitenblick nach der Frau Mutter hin. Aber dann war es draußen wie der Nordost ein Blättlein verweht, stand an der Haustür und spähte aus, zitterte vor Erregung und Erwartung.

Über die Brücke drüben, die die Weistriz überquert und nach dem herrschaftlichen Schlosse führt, das in vornehmer Abgeschlossenheit inmitten des weiten herrlichen Parkes liegt und, sich im silbernen Wasser des Sees spiegelnd, von vergangenen Zeiten träumt, kommenden entgegenharrt, über diese Brücke bewegte sich ein Reiterzug.

Es funkelte und gleißte von Metall und Farben, Sporen und Degen blitzten, goldstrotzende Uniformen blendeten das Auge, die edlen Tiere tänzelten. Es war kein gewöhnlicher Reitertrupp, der dort über die Brücke zog, so viel sah die Beobachterin da auf der Vortreppe des Verwalterhauses, sah Fritze Viktoria Mollwitz. Und sie sah auch – daß es keine Preußen waren, wie sie mit Herzklopfen und schier versagendem Atem vermeinet hatte.

»Österreicher,« sagte da auch die Frau Mutter, die daneben stand und die Augen gegen den Sonnenglast auf dem Schnee mit der Hand beschattete, »Österreicher. Müssen hohe Herren sein, man sieht es an den Monturen. Wie das glitzert und gleißt. Sollt' einer denken, daß in den wilden Kriegsläuften annoch so viel Gold vorhanden wäre, Mannskleider dermaßen damit zu behängen.« Und die Frau Mutter schüttelte mißbilligend die weiße Haube.

Derweilen war die stolze Kavalkade allbereits drüben durch das geöffnete Tor des Parkes verschwunden. Der lange Jost, der sich zum Schauen näher herangemacht hatte zur Brücke, stiefelte mit Siebenmeilenschritten auf die Seinen dort auf der Vortreppe des elterlichen Hauses zu.

»Ist Ihrer Kaiserlichen Majestät von Österreich, der Maria Theresia Generalität. Der Lothringer voran. Hat ihn doch gesehen, die Frau Mutter? Der auf dem Wallach ganz vorn?«

»Schiert mich wenig, mein Sohn, sofern ich nicht näher in Berührung mit ihnen komme. Werden ihre Not haben drüben im Schlosse, so viele Mäuler wollen gestopft sein und tun's bei derlei vornehmen Herren nicht Kartoffeln und Speck allein. Möcht' nicht in der Mamsell Heimlichen ihrer Haut stecken dermalen. Wird nit wissen, wo ihr der Kopf stehet.«

Aber da kam, was der Frau Mutter desgleichen heiß machen sollte. Es trabte und dröhnte wiederum und ein Schüttern füllte abermals die Luft, machte den Boden wanken. Fußvolk, Kanonen, Reiterei schob sich in buntem Zuge daher. Im Handumdrehen war der Ort in ein Heerlager verwandelt. Alle Häuser füllten sich mit Einquartierung. Auf dem Marktplatz wurde abgekocht, reges Soldatenleben war in den Straßen. Die österreichische Generalität hatte einen Teil der Truppen nachgezogen, wie es der Komet tut mit seinem Schweif.

Auch im Brömelschen Hause waren alle verfügbaren und nicht verfügbaren Räume besetzt. Und immer noch drängten sich neue Behausung Suchende hinzu. Die Frau Mutter hatte alle Kraft nötig; die weiße Haube und was darinnen steckte, hochzuhalten. Aber sie tat es mit Würde und wagte keiner der ungebetenen Gäste ein ungebührliches Wort oder Verlangen.

Auf dem Herd prasselte ein Riesenfeuer, Riesentöpfe standen dran, worinnen unglaubliche Mengen von Kartoffeln dampften, würziger Ruch gebratenen Specks stieg verlockend auf und weckte bei allen, die ihn rochen, sehnsüchtig drängende Gefühle. Die blonde Magdalene und das Elflein tummelten sich mit der Frau Mutter um die Wette und dann war alles bereit. Die zwanzig und mehr Gäste konnten befriedigend gespeist werden und die Frau Mutter dankte innerlich ihrem Herrn und Gott, daß ihre Gäste zu seinen anspruchsloseren Erdenkindern gehörten, von denen es heißt: Ihrer ist das Himmelreich.

Das Elflein schleppte getreulich immer neuen Vorrat herzu, wo es Lücken entdeckte, viel freundliche Blicke folgten ihm. Der blonden Magdalene in ihrer Stattlichkeit galten deren viel huldigende; freundlich und ruhig waltete sie ihres Amtes.

Der lange Jost saß mitten unter den Schmausenden und hatte viel zu fragen und hatte viel zu hören.

»Glaubt man denn, daß es zu einer Schlacht kommen wird?« fragte er jetzt, wandte sich dabei an einen bärtigen Sergeanten, der just ein halbes Pfund Speck zumal samt einer dampfenden Kartoffel unter dem Bart einschob. Auf die Antwort hatte er zu warten, bis Kartoffel und Speck versorgt waren, was nicht allzulange Zeit in Anspruch nahm. Der Sergeant war sichtlich ein Eßkünstler.

»Schlacht? Pah! Hauen den Fritz mit seinem Häuflein einfach in die Pfanne, daß er das Aufstehen vergißt. Schlacht? Pah!« Und ein zweites halbes Pfund Speck und eine zweite Kartoffel folgten der Prahlerei.

»Wenn er den Pfannenstiel nur nicht umdreht und selbsten damit um sich haut, ha, ha, ha!« lachte es hinter dem Großmaul. Das Elflein hatte just dabeigestanden und alles gehört. »Soll sich auf derlei verstehen, sagt man.«

Der Bärtige fuhr wild starrend herum. »Wer ist hier preußisch, he? Ketzerisch!« Das Elflein fing unerschrocken seinen Blick auf, hielt ihm freundlich die Schüssel hin und ein drittes halbes Pfund Speck besiegelte die Versöhnung.

»Wie heißt das Jüngferlein?« fragte der Bärtige kauend.

»Fritze Viktoria Mollwitz, zu dienen.« Das Mollwitz klang wie Trompetenton.

Der Bärtige stutzte. »Mollwitz? Kurios. Hab' den Namen doch schon gehört.«

»Ganz recht,« lachte das Elflein wie ein Kobold, »war da, wo der Preußenkönig den Stiel einmal umkehrte, Ihr wißt ja.« Sie fuhr mit dem Arm durch die Luft, als wolle sie dreschen. »Das ist lang her, so alt wie ich bin und seitdem hat er's noch besser gelernt.«

»Die Jungfer weiß ja genau Bescheid,« sagte der Bärtige so obenhin und wendete sich wieder den Kartoffeln zu.

Die Frau Mutter aber zog sich das Elflein beiseite und verbot sehr ernst derlei Geplänkel.

»Wenn sie mir meinen Patenkönig verschimpfieren, grau Mutter, soll ich das ruhig mit anhören und kein Wörtlein sagen dürfen?« Ganz kläglich klang's.

»Schweigen am rechten Ort ist eine große Kunst, man muß sie beizeiten üben.«

»Wär's nit falsch, Frau Mutter?«

»Klug, Fritze Viktoria Mollwitz. Reden wo's keinem nützt und sich selber nur schadet, ist dumm. Einstehen für eine Sache, wo's drauf ankommt, und wär's mit dem eignen Blut, ist groß. Merke dir das!«

»Ich will's, Frau Mutter.« Das Elflein hing demütig den Kopf. Aber dann hob sich der mit einem Ruck und die Augen blitzten: »Meinen König lass' ich mir aber doch nit verlästern, das kann die Frau Mutter nit verlangen.« Sprach's und entwischte eilends. Dachte, wenn ich's nicht mit anhören muß, dann ist's ja gut. Tu' der Frau Mutter den Willen und mir auch, hurra!

Und da die hungrigen Magen gefüllt waren und die Gäste sich's alsbald auf der Strohschütte bequem machen wollten, da man nicht wußte, was der nächste Tag brachte, so kam das Elflein auch nicht wieder in Versuchung, für seines Paten und Königs Majestät eintreten zu müssen, und allen Teilen war gedient.

Der lange Jost brach noch eine Lanze für seinen Helden und König, da die gesättigten Gäste allzu stark zu bramarbasieren begannen – gefüllte Magen tun dies bekanntlich leichter als leere – hoch verwies ihn der Herr Vater gleichfalls zur Ruhe und ins Bett, wohin sich der Lange knurrend, aber wortlos verzog.

Der Dezember 1757 eilte dann ungestört und friedlich seinem Ende zu. – – – – – – – – – – – – –

Und es tagte der fünfte fahl und fern. Tiefe Stille war noch über ganz Lissa, selbst von den im Quartier Liegenden hörte man nicht einen Ton.

Da schlug sich am Verwalterhaus ein Laden zurück, leise, verstohlen, und ein blonder Wirrkopf streckte sich aus dem Fenster, ein junges Gesicht, dem der erste blonde Flaum unter der Nase sprossen wollte, lugte eifrig straßauf, straßab, hinüber zum Schloß, dessen steil anstrebender First kaum über die Baumkronen ragte.

Nirgends ein Laut. Noch Schlafesstille überall. Als ob man in tiefster Friedenszeit ruhte. Als ob nicht des Preußenkönigs Majestät – –

Da kriegte es der Blondkopf am Fenster mit der Unruhe, wollte sich eben eiligst zurückziehen, da pisperte ein Stimmlein von oben just über seinem Kopfe, da wo die Giebelstube der Mädchen war.

»Goliath, pst! Goliath,« pisperte das Stimmlein.

Der Blondkopf fuhr herum. »Was tust du schon auf, he?« Unwirsch war der Ton.

Ein Kichern kam von oben. »Schätz' just dasselbige, was der Herr Goliath zu tun belieben. Halt' ein bissel Umschau.«

»Kinder gehören ins Bett um diese Stunde.«

»Puh! Urgroßvater.«

Der Blondkopf wollte eben das Fenster schließen, da kam es eindringlichst von oben: »Ich komme mit, Jost! Nimm mich mit!« Es klang so flehend, so kläglich.

Ein Unmensch war der Lange nicht. Er ärgerte sich aber, daß ihn das Wichtlein durchschaut hatte. Mußte das seine Spürnase allüberallhin strecken? Weckte womöglich noch den Herrn Vater oder gar die Frau Mutter, und dann ade! du schönes Vorhaben.

Ganz grimmig war er.

»Jost,« klang das Stimmlein wieder, »ich weiß, du willst auskneifen, auf das Schlachtfeld womöglich – denn es gibt eine Schlacht, Jost, mir sagt's mein Herz, und du wirst ›ihn‹ sehen – Jost, nimm mich mit!« Der Lange hatte gar nicht gewußt, daß das Stimmlein so flehen konnte.

Aber er schüttelte nur die wirre Mähne und er schüttelte obendrein die Faust, knurrte: »Nichts da!« und war aus der Tür feines Zimmers, aus leisen Sockensohlen – wenn die Frau Mutter das ahnte – die Treppe hinunter.

Doch so schnell er war, eine andre war schneller gewesen.

An der Haustür, die schon im Spalt geöffnet war, stand ein schmächtiges Bürschlein. Er kannte das Kerlchen nicht, das ihm den Rücken drehte, und wollte sich eben baß verwundern, wieso der fremde Junge ins Haus kam – mochte ein Pferdejunge der Einquartierung oder derlei sein – da wandte das Bürschlein sein Antlitz ihm zu. Schelmenaugen funkelten ihn an, die er kannte.

»Die Fritze Viktoria! Wie kommst in die Kleider, he?«

»Hab' sie mir ausgeborgt, Goliath, wußte ja gewiß, daß du das im Schilde führtest. Ich komme mit.«

»Nicht mit mir!«

»Goliath!!!«

»Nicht mit mir, Fritze Viktoria!«

»Goliath! Aber Goliath!!!« Die flehenden Augen!

Aber die sah er nicht. Ganz Würde, ganz Mann, stand er vor dem Bürschlein. »Du gehst in dein Zimmer, Fritze Viktoria, und machst, daß du aus den Kleidern kommst. So was schickt sich nicht für eine ehrsame Jungfrau, wenn die Frau Mutter das sähe!«

Dem also gerügten Bürschlein, das ein Jüngferlein war, schoß Blutröte ins Gesicht. Die Augen blickten jetzt sehr ungewiß, aber der Trotz lauerte zuhinterst darinnen. »Dummer Goliath! Steht da und predigt als wie der Herr Pfarrer selber! Als ob mich das nur im geringsten scherte. So'n dummer langer Goliath!« So trumpfte das Bürschlein auf. Aber es hatte sich der Treppe zugewandt und war verschwunden, als habe die Erde es eingesogen.

Der Lange stand mit offnem Mund und starrte hinterher. Er wischte sich die Augen, hatte er recht gesehen? Nicht geträumt? Hatte da wirklich nur einen Augenblick zuvor das Elflein in Bubenkleidern gestanden und hatte mitkommen wollen? War's nicht etwan ein Spuk gewesen? Menschen von Fleisch und Blut verschwinden nicht so jählings.

Aber da beugte sich was über das Treppengeländer, das all seine Zweifel bannte. Lin rosiges Gesichtlein tauchte dort im Dunkel auf, grauer Tagesschein fiel just vom Flurfenster drüberhin, und ein rotes Zünglein zeigte sich flüchtig aber sonder aller Scheu. »Dummer Goliath!« zischte es wie ein Schlänglein. Ja, es war dennoch das Elflein und kein Spuk gewesen. Der Lange kicherte in sich hinein, da er die Vortreppe hinuntersprang und es klang wie das Kollern eines Truthahns. – – – –

Die Mittagssonne des 5. Dezember war heraufgestiegen. Im Laufe des Morgens hatten sich die Häuser des Städtchens nach und nach von aller Einquartierung geleert.

Trupp um Trupp war abgezogen.

Im Verwalterhaus saßen sie um den Mittagstisch, als sei Friedenszeit. Die Frau Mutter und die fleißige Magdalene hatten allbereits überall die altgewohnte Ordnung wiederhergestellt.

»Wo ist der Jost?« knurrte der Riese und Hausvater. »Hast den Burschen fortgeschickt etwan, Mutter?«

»Wie käm' ich dazu, Mann? Setzt' den Burschen lieber unter eine Glasglocke, als ihn bei sotaner Zeit auch noch hinauszutreiben. Ist mir nicht erinnerlich, ihn heute schon gesehen zu haben. Dacht', du habest ihn mitgenommen ins Schloß, Vater.«

»Sollt' mir fehlen,« knurrte der Riese. »Wissen die Jungfern etwan von ihm?« Ein Etwas, das er selber nicht bestimmen konnte, brachte ihn zu der Frage.

Die blonde Magdalene konnte der Wahrheit gemäß verneinen. Das Elflein half sich mit einer Gegenfrage.

»Weiß der Herr Vater, ob es zur Schlacht kommt? Den ganzen Morgen haben sie untätig verstreichen lassen.« Ein Mißbilligen lag im Ton.

Der Riese paffte ein Weniges – er hatte den Teller fortgeschoben und die geliebte Pfeife vorgelangt – und dann sagte er: »Mein Herr Graf meint, es werde sich überhaupt um keine Schlacht handeln. Der Lothringer sei seiner Sache ganz sicher. Die Handvoll Preußen, die Berliner Wachtparade, wie er sagt, werde schnell erledigt sein. Seine Durchlaucht, der Prinz Karl von Lothringen sei ein ritterlicher Herr, sagt mein Herr Graf, er habe verschmäht, die Preußen in seinem gefestigten Lager zu empfangen, drum sei er hierher ausgebrochen, sich keiner ungroßmütigen Vorteile gegen sie zu bedienen. So denke auch der Feldmarschall Daun. Mein Herr Graf ist des Rühmens voll der österreichischen Herren.«

»Hm–hm–hm!« räusperte sich da jemand, und das Räuspern klang schier verächtlich. Es war das Elflein, das also seinen Gefühlen Ausdruck gab.

Aber keiner hatte Zeit, drauf zu achten, ein andrer Ton machte alle auffahren und lauschen.

Ein dumpfer Knall, dem ein Schlittern und Dröhnen folgte, füllte die Luft. Ein zweiter ward laut, ein dritter. Eine Kette davon, und nun konnte man sie nicht mehr zählen. Es dröhnte und schütterte zu Häupten und dasselbe Dröhnen und Schüttern teilte sich dem Boden mit. Leise klirrten die Fensterscheiben und sachte begannen die Türen in ihren Schlössern zu schüttern. Was tot und stumm war bis dahin, schien Ton und Leben zu erhalten. Es knisterte in den Wänden, der alte Kachelofen warf weit die Feuerungstür auf, daß die Flammen des gewaltigen Buchenscheites herauszüngelten und einen Glutschein über die Dielen warfen. Schier unheimlich und gespenstisch war dies anzusehen.

Sie waren alle in die Höhe gefahren, die um den Tisch saßen. Und wie sie auf den Füßen standen, fühlten sie das Schüttern des Bodens erst recht.

Und ein dumpfer Knall jagte den andern dort draußen in der Ferne, wo sie nun miteinander rangen auf Leben und Tod.

Denn daß eine Schlacht im Gange war, unterlag nun weiter keinem Zweifel. 1 Uhr schlug es just vom Kirchturm.

Der Herr Vater hatte sein Käpplein vom Haupte genommen, er hatte die Hände samt der geliebten Pfeife drin gefaltet. Desgleichen tat die Frau Mutter und ihr Gesicht war so weiß als wie die Haube, die es rahmte. Die blonde Magdalene zitterte wie Laub der Espe. Des Elfleins Augen aber leuchteten aus einem schlohweißen Gesichtlein schier übernatürlich.

Draußen dauerte das Dröhnen und Schüttern.

Eine Weile lauschten alle noch stumm, dann sagte die Frau Mutter, und war ein Schüttern auch in ihrer Stimme als wie das des Erdbodens zu Füßen: »Faßt an, Mädchen, es tauget nicht müßig stehen, derweilen da draußen Ströme von Blut fließen. Lasset uns Lager bereiten, daß wir den Wunden tun können, was Christenpflicht erheischet!«

»Und der Jost, Frau Mutter?« Die blonde Magdalene stammelte es aus bleichen Lippen, ihre Augen flossen über.

»Laß das Weinen, Mädchen, es macht untüchtig, wo man Kraft und guten Willen braucht. Wo so vieler Mütter Söhne in Not und Gefahr sind, sollte ich ungebührlich um den meinen klagen, der sich aus Übermut in Gefahr begeben hat? Ich befehle ihn meinem himmlischen Vater, er wird ihn mir bewahren. Und nun ans Werk, Mädchen!« Also sprach die Frau Verwalterin, stand und blickte wie eine Heldin. Ganz scheu sah ihr Riese sie von der Seite an, faßte nach ihrer Hand und quetschte die unmenschlich. Dermaßen konnte er seinen Gefühlen leichter Ausdruck leihen als mit der Zunge.

Dann gingen alle ans Werk, die Frauen zu ihrem vorbereitenden Samaritertun, der Herr Vater zurück zu seinem Herrn Grafen, allwo es viel zu bedenken und anzuordnen galt. Den Knechten hinterließ er zuvor Weisung, da Jost nicht zur Stelle war, der dieses sonsten zu beschicken hatte. – –

Im obersten Giebel des Hauses hatte sich das Elflein eine Luke geöffnet, stand und lauschte dem fernen Getöse der Schlacht. Es hatte die Hände gefaltet und gegen das Herzlein gepreßt, das so wild tanzte und schlug, daß das Elflein es ordentlich hüpfen zu fühlen vermeinte. Die brennenden Augen bohrte es durch das mählich sinkende Dämmern des Tages dorthin, von wo das Lärmen tönte. Ein Feuerschein lohte von dorten zuweilen auf, um im Grau zu versinken; je mehr dies sich breitete, um so feuriger lohte der Schein. Und nun hörte man auch ganz deutlich knatternde Gewehrsalven. Das Elflein vermeinte sogar Wut- und Jammergeschrei zu vernehmen. Immer schlohweißer wurde ihm das Gesicht, immer fester preßten sich die verkrampften Hände gegen die junge Brust.

»Herr du mein Gott!« so flehte es inbrünstig, »laß ihm und den Seinen den Sieg. Er ist so ein großer Held, Herr du mein Gott, er hat's verdient. Denn er ist auch ein guter Mensch, der sich der Not erbarmet. Er hat mich nicht lassen umkommen und vergehen in der Schneenacht dermalen. Er hat sich meiner angenommen, daß ich zu guten Menschen kommen bin, die es mir wohl vermeinen, armes Waislein, das ich bin. Nimm Du dafür Dich seiner in Gnaden an. Du mein Herr und Gott, verleihe ihm Kraft und Stärke, daß er die Feinde werfen wird, als ein Held, der er ist und war und bleiben wird. Amen!«

Also flehte das Elflein im Dämmern der sinkenden Nacht, die dem fernen Ringen ein Ende machte. Mit dem Aufziehen der Sterne verebbte das Dröhnen und Schüttern, verklangen die knatternden Salven, verglomm der jäh auflohende Schein. Totenstille lagerte sich dort, wo der Schnitter Tod so grausige Ernte gehalten hatte.

Dem lauschenden Elflein war, als höre es jetzt das Stöhnen und Jammern der Sterbenden und Todwunden, und es floh mit einem Entsetzensblick aus dem nachtdunkeln Speicherraum nach unten, wo Malene und die Frau Mutter wirkten beim tröstlichen Licht.

Da prallte es just gegen einen an, der sich verstohlen zur Haustür hereinschob. »Jost!« jauchzte es aus, »Goliath, daß du nur wieder da bist!« Und es hing dem Langen am Halse, lachte ein Weniges und weinte ein Weniges und benahm sich so verdreht, wie es eben nur das Elflein fertigbrachte.

Der Lange stand mit einem Schafsgesicht, ließ das Elflein tun und segnete sich nur, daß keiner es sah, denn der Flur war dunkel und keiner war zugegen.

Aber da fiel ein breiter Lichtstrom über die Diele. In der geöffneten Küchentür stand die Frau Mutter, hielt beide Hände ausgestreckt, wankte ein wenig und wäre gefallen, wenn ihr langer Bub sie nicht mit raschem Griff aufgefangen und gestützt hätte. Das ihn behindernde Elflein war zur Seite geflogen.

»Jost!« jubelte, nein schluchzte auch die Frau Mutter. »Jost, daß du nur wieder da bist!« Und die Frau Mutter benahm sich in ihrer Art genau so unverständig wie das Elflein. Sie streichelte an ihrem Buben herum und weinte dazu und streichelte wieder. Und genau so ungewiß und scheu wie bei dem Elflein ließ der Lange diesen mütterlichen Liebeserguß über sich ergehen und genau wie bei des Elfleins Überfall segnete er sich, daß keiner Zeuge war außer den Mädchen, denen derlei in den Kram paßte, denn Weiber sind ja alle gleich.

So sagte sich der Lange schier geringschätzend innerlich, wischte aber dabei verstohlen die Augen und segnete sich zum drittenmal ob der Dunkelheit des Flurs. Magdalene, die Blonde, Geruhige, begrüßte dann den Bruder nach dessen Geschmack mit Handschlag und freundlichem Blick.

Und dann saß der Lange, als ob er nicht weggewesen sei, in der Küche bei Mutter und Schwestern. Er saß vor einem Berg von Nahrungsmitteln aller Art und wenn das Elflein nur den Mund öffnete, hob die Frau Mutter gewichtig die Hand: »Nicht stören, Mädchen, siehst nicht, daß der Bub halb verhungert ist.« Und schob ihm Proviant zu neuem Angriff hin.

Als er befriedigt aufseufzte und den Teller seitab rückte, holte die Kleine tief Atem, öffnete gleichsam die Schleusen und der lang gedämmte Strom wollte sich ungehindert ergießen: »Warst auf dem Schlachtfeld, Goliath? Wer hat gesiegt? Hast du Ihn gesehen? Was hat Er – –«

Den Strom bei Beginn zu hemmen, wäre der Frau Mutter nicht gelungen, das sah sie mit dem Blick der klugen Frau, die sie war. So ließ sie ihn ein Weniges daherbrausen und dämmte erst, da bei dem nötigen Atemholen eine natürliche Stockung entstand. Da aber dämmte sie kräftig.

Ihre Hand legte sich dem Elflein auf den Kirschenmund. »Jetzt wird nichts gefragt und nichts geredet, Mädchen, bis der Herr Vater da ist. Ich hab' den Hofjungen nach ihm geschickt. Er sollte doch gleich wissen, daß der Ausreißer sich heil und ganz wieder eingestellt hat. Er hat sich bitter gesorgt, wie ich, und der Herr Sohn soll sehen, wie er das verantwortet, daß er die Eltern in solche Not gebracht hat.« Dies war der erste Vorwurf, den der lange Jost hörte, und war dazu von dem liebevollsten nassen Blick der Mutteraugen begleitet.

Und da hörte man auch den Herrn Vater schon herantraben und war ein Schüttern dabei, ein Weniges linder nur, als das zuvor beim Hall der Geschütze. In der Tür stand der Riese, ein Licht in seinen Augen. »Weil er nur da ist, Mutter! Hast ihm gehörig die Meinung gegeben, he?«

»Gehörig,« nickte die ernsthaft und war dasselbe Licht in ihren Augen, »fast so gehörig als du, Mann.« Ein Schelmenlachen spielte ihr um den Mund.

Und nun saßen alle um den Tisch und lauschten dem, was der Lange erzählte. Die Rede kam ihm erst stockend vom Munde, aber in seinen Augen blitzte ein Feuer, das sich allmählich auch den Worten mitteilte.

Das Elflein hatte sich so dicht zu ihm herangerückt, daß es ihn schier behindern wollte, aber er sah, wie es ihm die Worte vom Munde ablas und konnte es nicht übers Herz bringen, solches zu stören. Auch entzündete sich gemach seine Eitelkeit an dem glühenden Interesse, das seine Worte zu wecken vermochten. Solches war ihm noch selten widerfahren.

Und er berichtete: »Es war ja wohl noch ganz dunkel als ich ausrückte. Ich denk', gehst mal so gegen Neumarkt zu, wirst dort am ehesten die Preußen treffen. Und richtig, wie ich durch den dicken Schnee stolpere und just in die Landstraße einbiegen will – war bis dahin querfeldein gerannt, immer der Nase nach – und – –«

»Jung' und deine Stiefel! Muß dir ja das Wasser zu den Schäften hereingelaufen sein!«

»Soll's wohl, Frau Mutter, aber was liegt daran!«

»Laß ihn doch reden, Mutter, und unterbrich ihn nicht immer.«

»Ist das erste Wort, was ich sage, Vater, und die Stiefel – –«

»Wie du zur Landstraße kamst, Goliath –« Das Elflein hilft ihm auf die Spur zurück, der Unterbrechungen ungeachtet.

»... da seh' ich richtig von Neumarkt her die Preußen anrücken. Ich halt' mich in gebotener Entfernung, aber folgen muß ich ihnen, so viel steht fest.«

»Bist ein ganzer Kerl, Goliath!« Bewunderung blicken des Elfleins Augen.

»Bsch–sch–sch!« rufen der Herr Vater und die Frau Mutter fast gleichzeitig.

»In langem Zug rücken sie an mir vorüber, Grenadiere, Füsiliere, Reiterei, Artillerie. Der, den ich suche, ist noch nicht darunter gewesen. Ich steh' versteckt zwischen zwei Schneewehen, kann sehen und werde nicht gesehen. Keiner hat wenigstens noch nach mir umgeschaut, sie sind alle zu sehr beschäftigt mit dem, was kommt. Und alle sehen sorglos, fast froh aus und alle haben helle Augen. Keinem scheint der Gedanke zu kommen, daß er in den Tod ziehen könne. Auch die Reden, die sie führen – ich kann hören, was sie sagen, denn ich stehe nahe an der Straße – sind guten Muts und aller Zuversicht voll. Als ob sie zu einem Feste gingen und nicht zu einer Schlacht, so sehen sie aus und so reden sie.«

»Mir will die Ungeduld kommen und die Angst, ob ich ihn nicht am Ende doch verfehle, auf den ich vor allen warte, da kommt in einem kleinen Abstand von den andern ein besonders glänzender Reitertrupp heran. Den auf dem Schimmel vorn im unscheinbaren, fest geschlossenen Rock, den kenn' ich, noch eh' ich die Leuchtaugen sehe, die keiner vergißt, der einmal hineingeschaut hat.

»Ganz versunken reitet er daher. Wie er noch einiges von meinem Versteck entfernt ist, winkt er einen Offizier, einen Husaren herzu. Deutlich hör' ich ihn sagen: › Monsieur, ich werd' mich heut in der Bataille mehr exponieren müssen als sonst. Nehm' Er fünfzig von Seinen Husaren und laß Er mich der Canaille nicht in die Hände fallen. Bleib' ich, so bedeckt Er mich mit Seinem Mantel, läßt einen Wagen holen und schafft mich fort. Reinem sagt Er ein Wort, hört Er, die Bataille geht ihren Gang und der Feind – – wird geschlagen. Hat Er verstanden?‹

»›Sehr wohl, Majestät,‹ sagt der Husar,« sprengt davon und bald seh' ich ihn mit seinem Trüpplein wiederkehren.

»Ich schleich' mich nun am Wegrand hin, die Schneewehen sind mein Glück, denn hinter ihnen kann ich mich bergen. Den König und seine Begleiter lass' ich nicht aus den Augen.

»Man hört die vorrückenden Truppen mit einem Male singen. Wie ein Choral klingt's, ich unterscheide deutlich: ›Gib, daß ich tu' mit Fleiß, was mir zu tun gebühret‹. Wie's weitergeht, weiß ich nicht.«

»Wozu mich Dein Befehl in meinem Stande führet, gib, daß ich's tue bald, zu der Zeit, da ich soll und tue ich's, so gib, daß es gerate wohl.« So helfen die Frau Mutter und die blonde Magdalene nach, und haben fromm die Hände gefaltet.

Jost nickt. »So war's. Brausend kam's daher und so voll Andacht. Es kam einer herangesprengt, ein Offizier, verhielt seinen Gaul dicht beim König und fragte: »Sollen die Leute schweigen, Majestät?«

»Behüte, mon cher. Laß Er sie nur singen. Müßt' mit dem Deubel zugehen, wenn der Sieg mit solchen Kerlen nicht unser wäre. Allons

Hab' ihm dabei just in die Augen sehen können, die er nach meiner Seite wandte, glänzten wie die Sterne.

Und nun kam's zum Stillstand. Dort sah man die Feinde, lange Reihen Kavallerie zuvörderst. Ich hörte, wie der König und seine Umgebung debattierten, ob dies wohl schon einer der Flügel der feindlichen Armee sei. Ich hatte mich wieder ziemlich nahe heranmachen können, diesmal kroch ich im Gestrüpp.«

»Und deine Kleider, Bub!«

»Bscht–bscht–scht!« Der Riese war sehr unwirsch und die Frau Mutter verstummte ganz erschreckt. Aber ihre Augen waren ein Vorwurf.

Jost war im Zuge, ihn hielt nun nichts auf.

»Zur Attacke, Messieurs,« rief der König, »wollen's gleich loshaben, ob wir schon vor dem Gros der Armee stehen.«

»Und es bließ zum Angriff. Hui! wie die Feinde flogen. Wie Spreu im Winde zerstoben sie vor den hitzigen Preußischen Husaren. Line ganze Menge wurde gefangengenommen.«

»›Wohin mit ihnen, Majestät?‹ fragte der Husarenoberst und salutierte vor seinem König.

»›Laß Er sie die Front entlang nach Neumarkt führen, Monsieur, das gibt den Unsern Courage.‹ Ein Lachen war in des Königs Stimme. ›Und zähm' Er die Kampflust seiner Husaren, hört Er. Erst muß ich klar sehen, welche Ausstellung die Feinde haben. En avant, Messieurs

»Vor den Seinen her trabte der König einen Hügel hinauf, der sich gerade vor ihm erhob.

»Ich kroch nach auf dem Bauch im Gestrüpp.«

Der Riese streckte beschwörend die Pfeife nach der Frau Mutter hin, irgendeiner Unterbrechung gewärtig. Aber die Frau Mutter war von denen, die da Nutzen zu ziehen verstehen aus jeglichem Erleben. Sie schwieg, sah nicht um sich, und der Riese machte ganz erstaunte dumme Augen.

»Und – und weiter?« drängte das Elflein und keuchte schier vor Erwartung.

»Ganz kahl war der Hügel, auf dem nun der König hielt, nur an einer Seite zog sich mein Gestrüpp hin. Vorsichtig lugte ich heraus. Es war wie ein herrliches Bild, den König auf seinem Schimmel sich gegen den Himmel abheben zu sehen. Da stand er ganz allein, die Suite war abseits unterhalb. Er schattete die Augen mit der Hand und schaute reglos ins Weite.

»Eilig kroch ich nach, denn ich hörte die Husaren, die er sich zur Leibwache bestellt hatte, heransprengen. In meinem Gestrüpp war ich sicher. Und wie ich um den Hügel herumgekrochen war, sah ich die Österreichische Armee da unten aufgestellt, wohl über eine Meile lang zogen sich ihre Reihen hin, just hinter Leuthen, das den Mittelpunkt bildete.

»Lange hielt der König wie ein Steinbild so still. Dann winkte er und einer seiner Generale sprengte heran.

»Hell und scharf war seine Stimme, als er sagte: ›Laß Er die Leute nach links abrücken und dem linken feindlichen Flügel in die Flanke fallen. Sie vermuten offenbar unsern Angriff von rechts von wegen der kleinen Attacke vorhin. Dort haben sie Verstärkung herangezogen. En avant! Drauf wie's Wetter!‹

»Ich denke bei mir, die Österreicher werden die Falle schon merken, man schiebt doch nicht eine ganze Armee unsichtbar von einer Seite zur andern. Aber nein! Man sieht die Feinde ganz unbekümmert weiter ihre Truppen nach rechts zusammenziehen, und die Preußen rücken um Hügel herum, die sie decken, unbehelligt nach links. Wenn die Österreicher es sahen, so müssen sie gedacht haben, die Preußen ziehen ab und wollen keine Schlacht, anders kann ich mir's nicht denken. Ich fiebre nur so in meinem Gestrüpp.«

»War's denn nicht eiskalt so im Schnee?« fragt die blonde Magdalene leise.

»Kalt? Ha, ha, ha! Den drei Männern im Feuerofen muß zumute gewesen sein wie mir. Ich dampfe! Wenn's noch fünf Minuten länger dauert, halt' ich's nicht mehr aus, so denke ich.

»Da schlägt eine Uhr von Leuthen her. Ich zähle – will zählen. Nur ein Schlag. 1 Uhr! denke ich und – – Herrgott! ist die Hölle los?

»Das kracht und wettert und schmettert und dröhnt und brüllt und donnert und rollt und stöhnt und schüttert und bebt und wankt und saust und zischt und hallt und braust in den Lüften, unterm Boden, von vorn, von hinten, rechts, links, allüberall. Und es blitzt auf, hier, dort, wohin man sieht, es pfeift durch die Lüfte, es zischt und birst.

»Die Hölle scheint wirklich losgelassen.

»Mir will nun doch ein bissel bang werden, ich ziehe den Kopf ein wie eine Schildkröte in meinem Gestrüpp, und ich lieg' bocksteif. Läuft mir auch mit einem Male sonderbar kalt den Rücken hinunter, wo mir zuvor so heiß war, daß ich vermeinete, es nit aushalten zu können. Will eben alles erst gewohnt sein, seht ihr.«

Ein scheuer Blick streift die Zuhörenden. Die schauen zurück just nach Temperament: der Herr Vater ein Weniges ungewiß, die Frau Mutter den lebendigen Vorwurf im Antlitz, mit Angst gemischt, die blonde Magdalene schieres Entsetzen, das Elflein mit brennenden Augen und Wangen.

»Weiter!« flehen die, »weiter!«

»Wie der Höllenspuk eine Weile so gedauert hat, und ich den Kopf wieder zu heben vermag, weil ich mich mittlerweile ein bissel dran gewöhnt habe, seh' ich, daß die Feinde drüben links, da wo die Preußen einhauen, allbereits ihre Reihen aufzulösen und zu weichen beginnen. Sind Württemberger und Bayern gewesen, hab' ich dann gehört. Dauert nur ein klein Weniges, so stürmen sie in wilder Flucht daher auf Leuthen zu, die Preußen mit Hurra! wie's Wetter hinterher.

»Von Leuthen her, wo sich die Österreicher fest verschanzt zu haben scheinen, empfängt sie knatterndes Gewehrfeuer. Sie schießen in der Verwirrung von dort aus die eignen Verbündeten. Und da sieht man auch schon, daß der ganze linke Flügel ins Wanken kommt und sich in wildem Durcheinander auflöst.

»Hättet die Preußen daherstürmen sehen sollen, Herr Vater. Wo die einfielen, da gab's keinen Widerstand, das sah man. Das war wie ein einziges brüllendes Ungetüm, das alles vor sich niederwirft.

»Der einsame Mann aus seinem Schimmel da oben steht wie ein Erzbild, seine Augen sprühen und leuchten. Ich kann es deutlich sehen, denn ich habe den Kopf gewendet und muß zu ihm hinschauen, denke, er ist wie Gott-Vater selber, dem Donner und Blitz zu Willen sind.

»Nun hebt er die Hand, deutet mit ihr nach Leuthen hin und sagt etwas, das einem seiner Generale gelten muß, die ein Weniges unterhalb auf ihren Tieren halten, reglos wie er.

»Was er sagt, kann ich nicht verstehen in dem Höllenlärm rings. Nun da der Kampf sich so dicht herangezogen hat, kommt zu den andern erschrecklichen Tönen auch noch das Schreien und Wüten der Ringenden, das Stöhnen und Jammern, das Wimmern und Ächzen der Wunden, der Sterbenden. Um unsern Hügel herum liegen derweil schon viel stille Menschen in den Schnee gestreckt.

»Aber an dem, was nun kommt, weiß ich, was der große Lenker der Schlacht auf seinem Hügel hier oben gesagt hat. Die Preußen scharen sich dichter zusammen und wenden sich gegen das Dorf zum Angriff. Das bietet dem Feinde gute Deckung, alle Gehöfte sind dicht verrammelt und aus allen schießt es mörderlich. Es scheint Wahnsinn, dagegen angehen zu wollen.

»Ich hab' mich halben Leibs aus meinem Gestrüpp aufgerichtet, jedeiner hätt' mich sehen können, aber wer hatte Zeit dazu? Mir war's, als müsse ich dem Steinbild da oben zurufen: laß ab! wie darfst du so viele in den Tod senden?

»Unerbittlich wies aber seine Hand – und ich sah, daß er erneuten Befehl gab. Da rückte die Garde vor, dichtgeschlossen in langen Reihen. Der sie befehligte, ritt voran. Man sah ihn stutzen, da er überschaute, vor welche Aufgabe ihn sein König stellte. Aber da war schon einer vorgesprungen, ein Offizier mit einem glühenden Heldengesicht, der rief seinen Soldaten etwas zu und eilte auf ein versperrtes Tor los, aus dessen Ritzen und Spalten es von Gewehrläufen starrte. Im Nu war das Tor eingedrückt, aufgerissen, waren der Tapfre und seine Helden alle in die Bresche eingedrungen.

»Das alles ging viel schneller, als ich es erzählen kann, so schnell, daß die also Überraschten kaum zum Schießen kommen. Mit Hurra! drängen nun die Preußen in den Engpaß ein, andre Zugänge werden aufgerissen, ein wilder Kampf wogt in den Straßen des Dorfs. Es ist ein hartnäckiges Ringen, die Preußen dringen vor, um wieder geworfen zu werden, vor und zurück, vor und zurück.

»Immer noch wie ein Steinbild sitzt der einsame König auf seinem Schimmel. Seine Augen brennen in seltsamem Feuer. Da sehe ich just, wie ein Blitz, ein Leuchten durch sie hinfährt, ich wende den Kopf nach dem Kampfplatz und sehe, daß der Feind aus dem Dorf zu weichen beginnt, daß Gehöft um Gehöft von den Preußen genommen und besetzt wird.

»Und nun sind alle Feinde aus Leuthen verdrängt, überall drinnen haben sich die Preußen festgesetzt und ihnen bietet das Dorf nun die Deckung, die es den andern zuvor geboten hat. Die Feinde aber weichen weiter zurück und setzen sich auf den gegenüberliegenden Höhen fest. Hu! greulich haust das preußische Geschützfeuer in ihren Reihen. Wieder ist's, als ob die ganze Hölle losgelassen sei. Und so geht's endlos weiter. Endlos!

»Es schlägt wieder einmal aus der Leuthener Turmuhr. Das erstemal, daß ich's wieder hör' seit jenem einen Schlag, der dem Höllen- und Schlachtenlärm voranging. Ich zähle: eins, zwei, drei, vier. Vier Uhr! Ich hätt' es auch sonsten wissen können, denn über das Schneefeld zieht schon ein leises Dämmern, 's ist eben ein Dezembertag, der früh zu Ende geht.

»Da braust österreichische Kavallerie heran, will den Preußen in die Seite fallen, aber die Preußischen Reiter, die dort von links kommen, hui! wie's Wetter über sie her. Der Boden dröhnt, so breschen sie heran, schwingen die Pallasche mit Hurra! Man weiß und fühlt, ihnen widersteht nichts. Es ist grausig zu sehen, wie die Reiterhaufen sich ineinander verhauen.

»Aber es währt nicht lange, da fliehen die feindlichen Reiter, die Fußvölker folgen – – der ganze Feind ist auf der Flucht. Sie fliehen in wilder Unordnung, retten sich über die Weistriz, aber sie müssen viele Gefangene dahintenlassen. Wär' die Nacht nicht so schnell hereingekommen, mich deucht, die Preußen hätten nicht gar allzuviele von ihnen übriggelassen.«

»Und Er, Jost? Und mein König?« Das Elflein starrte.

Jost lachte es an. »Ja, denk, von dem hab' ich mit einem Male nichts mehr gesehen. Als die Kavallerieattacke kam und man sah, daß die Schlacht so gut wie entschieden war, kam einer herangesprengt und rief: »Der glorreichste Sieg, den Majestät noch errungen haben. In vier kurzen Stunden, solche furchtbare Übermacht zu werfen, das macht Majestät keiner nach. Majestät sind der größte Held des Jahrhunderts!«

»Und was sagte Er?« Des Elfleins Augen glühten.

»Ich gratuliere Ihm zur gewonnenen Bataille, Herr Feldmarschall!«

»Sonst nichts?« Enttäuscht blickte das Elflein.

»Sonst gar nichts. Und er wiederholte dieselben Worte, da der andre nichts darauf erwidert hatte. Sagte noch einmal, ›ich gratuliere Ihm zur gewonnenen Bataille, Herr Feldmarschall!‹ Und das betonte er mit erhobener Stimme.

»Nun bedankte sich der andre sehr, das verstand ich, sonst aber nichts weiter, wie ich dann vorsichtig in meinem Gestrüpp abseitskroch, denn ich denk', nun wird's aber doch Zeit, daß du dich davonmachst, sonsten greifen sie dich, und wer weiß, ob sie dich nicht als Spion hängen und – –.«

»Jost! Um Gottes willen, Jost!« Die Frau Mutter und Magdalene zetern also.

Der Riese lacht: »Aber da sitzt der Musjöh ja heil und ganz, Mutter.«

»Das verstehst du nicht, Vater, wie einen die bloße Möglichkeit – –« Sie ist ganz weiß und ihr laufen die Tränen über die dicken Wangen.

Das Elflein kennt kein Erbarmen, es drängt: »Und, Jost, und?«

»Ja, da sagen zwei, die just vorüberreiten: ›Eben hat der König den Dessauer zum Feldmarschall gemacht.‹

»›Hat's redlich verdient, der Moritz,‹ sagt der andre.

»Da wußt' ich, was das vorhin zu bedeuten gehabt hat. Und ich bin davongejagt im Dunkel, keiner hat was von mir gewollt. Hab' gedacht, die Frau Mutter wird sich ängsten und – ja und Hunger hab' ich auch gehabt, ja.«

»War wohl der dringendere Grund?« lacht die Frau Mutter, ist aber kein Zürnen in ihren Augen.

»Was ist das?« fragt der Herr Vater, nimmt die Pfeife aus dem Mund und horcht auf. Draußen wird's lebendig. Man hört Pferdetraben, hört taktmäßiges Marschieren, Kommandorufe.

Die Tür wird aufgerissen. Der Pferdejunge streckt sein pfiffiges Gesicht herein. »Die Österreicher sind da in hellen Haufen. Auf dem Schloß wimmelt's von hohen Herren. Der Herr Graf läßt sagen, der Herr Verwalter – –«

Weiter kommt der Junge nicht. Er sitzt auf dem Boden, reibt sich verdutzt die Schulter, an der ihn der Riese aus dem weg geschoben hat und sieht dem so dumm nach, als er es nur fertigbringen kann, und das ist nicht wenig.

Der Riese aber stapft schon über den Hof und die Frau Mutter sieht nicht viel anders als der Junge hinter ihm drein.

Wenn's der Herr Vater so mit der Eile kriegt, dann ist schlimme Zeit. Wie heute hat sie ihn noch nie rennen sehen. Ihr wird recht bänglich zumut.

Aber ihr bleibt nicht Zeit, zu sich selber zu kommen. Das Haus hat sich im Handumdrehen mit Österreichern gefüllt, die allerlei Anliegen haben, zuvörderst solche den Magen betreffend, und sie eilt mit den Mädchen, die zu befriedigen, denn die Leute sind unwirsch und scheinen nicht mit sich spassen lassen zu wollen. Kein Wunder, denkt die Frau Mutter, wo sie von einer verlorenen Schlacht kommen. Sie ahnt, daß das nicht allzuleicht zu tragen ist. Wenn sie mal den kürzern zieht ihrem Riesen gegenüber – allzuoft passiert dies ja nicht – ihr fährt ein Schmunzeln übers Gesicht, da sie solches denkt – ja, dann ist ihr auch nicht am lieblichsten zumut, und sie denkt, bei Männern und Soldaten muß dies noch schlimmer sein.

Die Österreicher haben sich über der Frau Mutter Verköstigung und Güte nicht zu beklagen, tun es auch nicht. – – – –

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