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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel

Gut zwei Stunden wartet Mama Schauer in dem dunklen Vorzimmer der Volkszeitung. Der Schuster Huber, der nach seiner letzten Arreststrafe (wegen Wachebeleidigung) Redaktionsdiener geworden ist, hat ein frisches Glas Wasser neben die »Frau Mutter« gestellt, von Zeit zu Zeit kommt er zu ihr und vertröstet sie: »Aber er kann nix dafür, der Herr Sohn, heut ist große Vorstandssitzung.«

»Ich will ja gar nicht zu meinem Sohn, ich will zu Helferich.« Huber murmelt: »Ja, ja,« als wenn er sagen wollte: Das kennen wir, Mutterl, die gnädige Frau geniert sich nur.

Um halb Neun stolpert endlich Helferich, die Zigarre im Mund, die Kellertreppe herunter.

Huber meldet: »Da wartet die Frau Schauer.«

Helferich denkt schon: Nun, der werd' ich die Leviten lesen, aber dann sieht er in der Ecke nicht die junge Frau, sondern eine alte Dame in Schwarz.

»Schafskopf, die Dame wartet nicht auf mich!«

»Doch, auf Sie, Helferich!« sagt Mama Schauer, sich erhebend.

»Ach, Sie sind's, gnädige Frau,« und während er sich zu Huber wendet: »Sie sind doch ein Schaf, das ist ja nicht die Frau Schauer, das ist die Mama Schauer.«

109 Sie treten in Helferichs Zimmer. »Herrgott,« sagt die alte Dame, »haben Sie denn niemand, der diese Zeitungsberge wegräumt?«

»Das bekäm' dem schlecht! Ich war sechs Tage fort, bei meiner Tochter in Kärnten, da ist ein Rückstand angewachsen. Da muß ich mich erst durchfressen.«

Jemand grüßt hinter einem ungeheuren Zeitungsberg, der auf einem Tisch liegt:

»Guten Abend, gnädige Frau.«

Es ist Weiner, der hier im Zeitungsmeer schwimmt.

»So,« fängt die alte Dame an und richtet sich – vor dem Angriff – ihre schwarze Spitzenhaube, »waren Sie also doch ein paar Tage fort, das freut mich.«

»Nicht zu meinem Vergnügen,« brummt Helferich, »ich bin ein Städter, ich brauche diesen Naturschwindel nicht, aber was will man machen? Ich habe als junger Mensch eine Tochter verbrochen, die hat vorige Woche geheiratet. Gegen solche Überfälle ist man wehrlos . . .«

»Ich habe keine Tochter, aber ich habe einen Sohn! Sagen Sie, Helferich, Sie sind doch sein Freund, Sie müssen doch sehen, daß er noch magerer ist als sonst, und seine Augen liegen ganz tief, und Huber hat mir erzählt, daß er dreißig Zigarren im Tag raucht . . .«

»Weiß schon, Mama, was Sie wollen, weiß schon! Haben ganz recht, Schauer soll auf vier Wochen hinaus, an einen Kärntner See, das tät' ihm gut, das braucht er, und der kleine Wurm, die Gertrud, auch. Gestern habe ich sie gesehen, diese Spatzenbeine, das Mädel ist ja viel zu mager.«

110 In diesem Moment läuft Huber herein: »Helferich . . . sofort zum Herrn Doktor . . . Es ist jemand gekommen, ein Fürst, glaub' ich, mit dem Doktor Wisgrill.«

Eine Viertelstunde sitzt die alte Dame nun allein neben Helferichs Schreibtisch. Dann steht sie auf, geht zu Weiner und sagt: »Ich warte draußen . . .«

Weiner wird hochrot, fühlt, daß er die Dame unterhalten soll, greift zu einer Zeitung und bietet sie ihr an:

»Wenn Sie vielleicht lesen wollen.«

»Danke, nein.«

Nun sollte ich als wohlerzogener Mensch aufstehen und nicht von meinem Schreibtisch aus mit ihr reden, denkt Weiner, aber da gewahrt er ein kleines weißes Bändchen, am Ende ein bißchen verschmutzt, das ihm unten aus der Hose guckt. Wie ärgerlich! Wenn er sich jetzt hinunterbeugte, dann würde sie das Bandel erst recht bemerken.

»Wie lange arbeiten Sie hier?« fragt die alte Frau.

»O, nicht lange, nur abends, höchstens bis zwölf oder ein Uhr.«

»Und am Morgen sind Sie in Ihrem Geschäft?«

»Erst um Acht.«

»Und wann kommen Sie hinaus, ins Freie, ins Grüne, mein' ich?«

Da blickt Weiner rund um sich auf alle Zeitungsregale an den Wänden, faßt sich ein Herz, stopft blitzschnell das Hosenband in den Schuh, kommt näher und sagt einfach: »Wohin? Hier ist's doch schön und kühl.« Dann bemerkt er, daß die alte Dame lächelt und fügt hinzu: »Sonntag nehm' ich 111 mir einen Stoß Zeitungen und fahre zur alten Donau, leg' mich in die Auen und lese dorten.«

»Das muß herrlich sein,« sagt Mama Schauer. »Aber könnten Sie nicht einmal den Stoß Zeitungen zu Hause lassen und nur so in den Auen liegen?«

»O ja, das könnt' ich, aber . . . Vor einem Monat da hat Huber, der neu war, Samstag abend die Redaktionszimmer abgesperrt, da ging ich so ohne was Lesbares hinaus, aber es war nicht das richtige. So träge und ohne Beschäftigung im Gras liegen, wie ein gedankenloser Bourgeois . . .«

Die alte Dame lächelt.

»Ja, denken Sie, ich bin eine alte, unverbesserliche Bourgeoise, ich kann stundenlang in meinem Garten sitzen . . . ohne Zeitungen. Aber ich störe Sie mit meinem Gerede, Sie wollen arbeiten, und ich will Sie um Gottes willen nicht auch zum Faulenzer und Bourgeois machen . . . Ich warte sehr gern draußen beim Huber!«

Weiner begleitet sie zur Tür. Mama Schauer nickt ihm lächelnd Dank. Plötzlich bemerkt er, daß ihm unten wieder das schmierige Hosenbändchen hervorguckt! Herrgott, vielleicht hat sie deshalb gelächelt! . . .

Draußen in dem karg beleuchteten Vorzimmer sitzt Huber mit seiner Schwester Mizzi und seinem zehnjährigen Bruder Vinzenz.

Die alte Dame setzt sich gefaßt in eine Ecke.

Mizzi ist in ein paar Monaten ein großes Mädel geworden, unter dem leinenen Waschkleid spitzen sich die jungen Brüste, die stumpfe, kleine Nase strebt kindlich-frech in die Welt.

112 »Du bist viel zu nachgiebig zu dem Lausbuben,« sagt Mizzi zu dem älteren Bruder.

Der kleine Vinzenz wetzt mit seiner kurzen ledernen Hose auf dem langen Tisch; jetzt stößt er mit dem nackten Fuß nach der Schwester.

»Was verstehst denn du?« antwortet Huber, »was braucht denn der Vinzenz die dumme kapitalistische Schreibweise zu lernen? Bis er groß ist, da haben wir diese dumme Rechtschreiberei längst abgeschafft! Das haben die Reichen nur eingeführt, damit wir armen Leute noch schwerer schreiben lernen! Ich lern' mit ihm Böhmisch, damit er seine Arbeitsbrüder versteht, nächstes Jahr lernen wir dann Englisch, das ist nötig. Nicht, Genossin Schauer? . . . Jetzt ist der Vinzenz sieben Jahr'. Bis der fünfzehn oder zwanzig Jahr' alt ist, derweil ist dieser verdammte Kapitalismus längst kaputt. Nicht, gnädige Frau? . . .«

Vinzenz nickt: »Siehst du, Mizzi!«

Aus ihrer halbdunklen Ecke fragt die alte Dame:

»Aber das hat Ihnen doch nicht mein Sohn gesagt?«

»Gesagt? Der red't überhaupt viel zu wenig! Aber wenn wir diese Polizeiwirtschaft noch zehn Jahr' mitmachen, so ist das lang genug. Sonst gewöhnt man sich noch an die Knechtschaft! Nicht?«

»Ja, natürlich, Herr Huber, aber vorsichtsweise sollte der Bub doch rechtschreiben lernen, man kann sich leider nicht bestimmt darauf verlassen.«

»Siehst,« sagt die Mizzi zum Schuster, »du mit deinen schönen Reden.«

113 »So soll er also die ganze Polizeischule mitmachen? Christenlehre, Beichtengehen, Rechtschreiben, falsche Geschichte, falsche Naturlehre, falsches Lesebuch!«

»Ja, du lieber Gott, eigentlich haben Sie recht,« sagt die alte Dame, »die Arbeiter sollten sich vielleicht eigene Schulen machen.«

»Unsinn, da kommt gleich die Polizei hin!« erwidert Huber ingrimmig. »Ich lern' ihm schon das Wichtigste, Erdäpfel graben, dreschen, Böhmisch, sich selber Stiefel machen, das muß er können.«

Mizzi aber fährt dem kleinen Vinzenz in die Haare und beutelt ihn: »Siehst du es, du mußt ordentlich schreiben lernen, hat die gnädige Frau gesagt.«

»Mizzerl!« Jemand faßt sie von hinten am Kinn, »Mizzerl . . . Sapperlot, bist du ein fesches Mädel geworden!«

»Nicht wahr, Wisgrill,« sagt der Schuster, »das ist ein Mädel!«

Wisgrill setzt sich gemütlich auf den Tisch, behält die Hand des Mädchens und tätschelt sie. »Was willst denn werden, Mizzerl?«

»I geh' zum Theater.«

»Ah!«

»Ja, in vierzehn Täg geh' ich zu einer Lehrerin.«

»Wann nur das Geld langt,« murmelt Huber, »Talent hat sie. Die kann Ihnen deklamieren! Sag' schnell was auf, Mizzi.«

Mizzi wird hochrot: »Na, jetzt net.«

»Komm einmal zu mir,« sagt Wisgrill, der Kleinen wieder 114 unters Kinn greifend. »Ich werd' dich in eine Theaterschule geben.«

Frau Schauer hustet . . .

»O, Pardon, gnädige Frau,« Wisgrill nähert sich ihr, »so im Dunkeln? Hab' Sie gar nicht bemerkt . . . Es ist ein wichtiger Besuch bei Ihrem Herrn Sohn. Das kann noch eine Stunde dauern!«

»Ja, dann geh' ich.«

In diesem Augenblick öffnet Doktor Schauer die Tür seines Zimmers und ruft: »Wisgrill, kommen Sie nur. Die Exzellenz, Pardon, Durchlaucht, verzeihen Sie, unsereins kennt sich da nicht recht aus, die Durchlaucht will schon gehen . . .«

In diesem Augenblick erscheint ein sehr langer, sehr magerer Herr in schwarzem Gehrock in der Tür, Zylinder, graue Handschuhe in der Rechten, er spricht mit sehr hoher, leicht wienerischer Stimme: »Hat mich unendlich gefreut, unendlich . . . schade, daß Herr Doktor heute so okkupiert sind . . . ich hoffe im Interesse der Sache Herrn Doktor bald wiederzusehen, wir sind ja quasi Kampfgenossen . . .«

»Quasi!«

». . . und überdies bin ich ja ein langjähriger Verehrer Ihrer glänzenden Artikel . . .^

»Die schreibt der!« . . . Schauer deutet auf Helferich, der hinter ihnen herauskommt.

»Wenn Herr Doktor vielleicht mit Herrn Gemeinderat Wisgrill und mir auf die Jagd gehen wollten, da könnten wir in aller Ruhe . . . ich hab' ein kleines Schloß im Semmeringgebiet.«

115 »Sehr liebenswürdig, aber wir schießen leider nur in der Zeitung . . .«

»Ausgezeichnet, aber hoffentlich auf das richtige Wild. Nicht zu hoch und nicht zu tief, hehehe, hat mich sehr gefreut!«

»Guten Abend!«

Wisgrill begleitet Durchlaucht zum Wagen.

Auf der Gasse sagt Durchlaucht: »Ein nicht sehr sympathischer Herr.«

»Aber tüchtig, Durchlaucht!«

»Sie hätten mir diesen Besuch ersparen sollen, Wisgrill.«

»Durchlaucht, das sind nur die Umgangsformen, die . . .«

»Und erst der andere, der Helferich. Wisgrill, ist das vielleicht ein Jud'?«

»Zwei, Durchlaucht!«

Da lacht der Fürst, steigt in den Wagen und grüßt mit der Hand: »Servus, Wisgrill. Und Samstag abend seh' ich Sie.«

Wisgrill geht zurück. Doktor Schauer steht bei seiner Mutter und schaut sie an.

»Sie sind heut schlecht gelaunt, schade! . . .,« sagt Wisgrill.

Da tritt der kleine Mann ganz nahe an ihn heran und sagt scharf: »Ich erlaube mir keine Launen, wenn es sich um Parteiinteressen handelt. Aber dieser Fürscht ist schlauer als Sie. Der steckt Sie noch in die Tasche.«

»Ach, larifari.«

Schauer geht zu seiner Mutter zurück: »Ich muß dir noch etwas sagen.«

Wisgrill fährt mißgestimmt in seinen Überzieher:

»Wollen Sie mir noch was sagen, Schauer?«

116 »Nichts! Aufpassen sollen Sie!«

Wisgrill geht im Zimmer auf und ab.

»Doktor,« sagt er schließlich, »kommen Sie Sonntag mittag zu mir, machen Sie mir die Freude, und Sie auch, Helferich, ich will in Ruhe mit Ihnen reden.«

»Gut,« sagt Schauer, »ich komme mit Helferich.«

Dann geht er langsam zu seiner Mutter, setzt sich mit ihr in die dunkelste Ecke und sagt: »Dora ist heute früh zurückgekommen.« 117


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