Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Stefan Großmann >

Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Zweites Kapitel

Anna sitzt abends auf dem Balkon. Da klingelt's. Sie springt auf. Aber nein, fällt ihr mitten auf dem Wege ein, Gustav hat doch seinen Schlüssel. Plötzlich werden ihr die Füße bleischwer, und das Stück Weg bis zur Tür dauert endlos. Wenn es nur nicht wieder Runtz ist, der alle Weile eindringt und herumschnüffelt und sich nicht recht zu fragen traut, aber jedem Bett abguckt, ob es beschlafen, jedem Stuhl, ob er besessen war. Sein teilnahmsvoller Agentenblick ist zudringlich, seine mitleidsvolle, absichtlich zarte Stimme widerwärtig. Ich schaue durch das Guckloch, denkt Anna, und lasse ihn nicht ein, ihn nicht.

»Lassen Sie mich doch nicht gar so lange warten,« sagt eine Frauenstimme, »ich war schon dreimal hier, wo stecken Sie denn immer?«

Ganz glücklich wird das Gesicht der jungen Frau. die Tür fliegt auf, Anna beugt sich über die alte, magere Hand der Mama Schauer.

»Bin ich froh . . .,« murmelt Anna.

Die beiden Frauen sitzen auf dem Balkon. Ein Stückchen Wienerwald, ein dunkler Berghang vor dem erhellten Abendhimmel, ein paar gelbe Wiesen, rotbraunes Laub neben tiefdunkeln Nadeln ist von hier aus zu sehen.

104 Die alte Dame schaut herum: »Hier ist ja Frieden – das ist ja nicht mehr der Stadtwahnsinn.«

»Ja, Gustav braucht das.«

Nun hat sie, seit Wochen zum erstenmal, seinen Namen ausgesprochen, Gustav, ganz als ob alles in Ordnung wäre.

Die alte Dame nickt: »Ja, das braucht man, wenn man ruhig werden will . . . Aber sagen Sie, wo stecken Sie denn? Ich bin schon dreimal hier heraufgestiegen und habe vergebens geklopft!«

»Ich mache an der Klinik einen Kursus für Kinderpflege mit.«

Mama Schauer lächelt: »Ei, ei.«

Ein verkümmertes Lächeln verzieht Annas Mund: »Ach nein, liebe Mama Schauer, Sie sind im Irrtum.«

Plötzlich stehen ihre Augen voll Wasser.

»Nun, mein Kind . . .«

»Ich bin so dumm nervös, ich verachte mich selbst, Sie dürfen mich übrigens nicht mißverstehen, es ist mir nur plötzlich so schwer geworden, weil ich Mama Schauer sagte, das ist doch eigentlich eine Frechheit.«

»Kind! Da dürft' ich ja nicht mehr Kind sagen . . .«

Eine magere alte Hand fährt über die verweinte Wange einer Jungen. Noch singen Amseln.

O, bei einem Menschen still sitzen, fühlt Anna, das ist die Kräftigung, da kann man aushalten.

»So? Also einen Kursus für Kinderpflege, das ist nur recht.«

»Warum?«

105 »Im allgemeinen,« sagt Frau Schauer langsam ohne erkennbares Lächeln, »ich hab' es gern, wenn Frauen nicht nur sich pflegen.«

Pause.

Wie gut, sich streicheln zu lassen, denkt Anna, wie lange ist es her, daß mich eine sanfte Hand liebkost hat, und sie drückt die milde, alte Hand fest an ihre Wange.

»Ja, wir haben es nicht leicht,« sagt Mama Schauer leise, »wir Weiber, die neben Männern leben, die unbedingt die Welt umkrempeln müssen. Die Pfaffen haben ganz recht, daß sie ledig bleiben . . . Sie gehören nicht uns, diese Männer, die der Welt gehören. Mein Karl ist der beste, liebste Junge, den man sich denken kann, aber ich muß ihm wochenlang nachlaufen, wenn ich ihn zu Gesicht kriegen will . . . Als ich jung war, da wunderte ich mich immer, wenn ich sah, daß die Frauen von Politikern und von Staatsmännern oder Ministern einen solchen Haß auf die Politik haben. Als ich älter wurde und zusehen mußte, wie die Politik mir den ganzen Karl auffraß, denn ich habe gar nichts mehr von ihm, da verstand ich diese Frauen. Wenn sie's nur wüßten, diese Mannsleute, wieviel Verstand und Kraft wir nur dazu brauchen, ihre geliebte Politik nicht zu hassen! Haben Sie meinen Karl in den letzten Tagen gesehen? Schändlich abgearbeitet sieht er aus. Können Sie mir denn nicht helfen?«

»Ich? . . .ich? . . . Ihnen?«

»Ja, Sie mir! Ich muß meinen Karl da hinausbringen.« Die alte Dame deutet auf den Berghang. »Er hat auch 106 Nerven, wenn er's auch nicht haben will, sein Herz ist seit jeher schwach, eines Tages wird er hinstürzen, und es wird aus sein, wie bei meinem Seligen . . . Wenn ich nur wüßte, wie ich ihn für drei Wochen wenigstens da hinaus in den Wald bringen könnte. Solche Künste sollte man auch in der Kinderpflege lernen! . . . Sie können sich nicht vorstellen, wie besessen er jetzt arbeitet. Es ist ja niemand da, der ihn zurückhält! Und immer in diesem gräßlichen Zigarrenqualm, er raucht ja viel zu viel. Und die Zigarren von dem Helferich! Wenn ihm etwas Schlimmes zugestoßen ist, dann sagt er nichts, aber ich seh's, dann hat sein Arbeitswahnsinn keine Grenze mehr. Dann gibt es nichts mehr außer der Partei! Dieser schreckliche Kampf um die Wahlreform kommt ihm gerade recht! Es ist möglich, daß es im Herbst zum Generalstreik kommt. Zu Hause ist er nie, aber man trifft ihn jetzt auch nicht mehr in der Redaktion, einen Tag ist er bei den Bäckern, dann wieder bei den Eisenbahnern, morgen bei den Buchdruckern, jeden Tag wo anders . . . abends, knapp vor den Versammlungen, kann er für zehn Minuten nach Hause schauen und das kleine Mädel zu Bette bringen, meine Schwiegertochter ist ja über alle Berge, das wissen Sie ja. Vielleicht kommt sie morgen zurück . . .«

Mama Schauer seufzt.

Anna regt sich nicht. Sie denkt: Nur jetzt nicht reden! Schweigen, warten . . .

»Anna, Sie sind in der Partei zu Hause, sagen Sie mir, wie man das macht, daß Karl für drei Wochen weggeht . . .«

107 »Ja, wie? . . .« Da fällt Anna was ein. »Es gibt nur einen, der das durchsetzt: Helferich!«

Abendwind weht kühl von den Wiesen her, die alte Dame erhebt sich.

»Danke schön, morgen abend bin ich bei Helferich!«

In der Tür klopft Mama Schauer Anna auf die Wange. »Das ist mir ganz recht, daß Sie Kinderpflege lernen, Sie sind hübsch und appetitlich. Sie werden's noch brauchen!«

Anna lächelt. Das Lächeln bleibt wie vergessen auf ihrem Mund. Sie kommt zurück in das leere Zimmer, geht zum Spiegel, streicht den Scheitel nicht ohne Selbstliebe glatt und sagt langsam vor sich: »Nun hab' ich wieder einmal gelächelt . . .« 108


 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.