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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Teil

Erstes Kapitel

Politik ist ein Wintergeschäft.

Hinter angelaufenen Scheiben, in überfüllten Verhandlungssälen, bei dampfendem Tee, in qualmigen Wirtshausstuben, in zigarrenduftenden, in fest verschlossenen Redaktionszimmern, da läßt sich der Faden der Politik spinnen. Aber im Sommer? Wer könnte im Sommer, durch den See schwimmend, an die Reform des Preßgesetzes denken? Ausgenommen der Redakteur Helferich, der einmal auf dem Dachstein, zweitausend Meter hoch, ein paragraphiertes Unfallversicherungsgesetz geträumt hat! Ist ein Mensch denkbar, der in einer Sommernacht, im Freien liegend, zum Sternenhimmel aufschauend, die Erhöhung der monatlichen Mitgliedsbeiträge der Wahlvereine überlegt? Ausgenommen den Parteisekretär Hudalek, dem es während der Flitterwochen gelang, im Ehebett einen Verrechnungsfehler in der Liste der Organisationen des XVII. Bezirkes zu entdecken! Kann man auf einem windfrischen Gipfel der Alpen, ins ausgebreitete Land schauend, an die Kandidatur für die Bezirksratswahlen der Leopoldstadt denken? Ausgenommen den Genossen Runtz, der auf dem Hochplateau der Rax die Wahlchancen der Bezirksratswahlen des nächsten Jahres beschwatzte!

98 Sogar das Café Monopol, obwohl hier achthundertundsiebenunddreißig Journale ausliegen, ist im August leer.

Nur in der Nische kleben allabendlich Helferich und Weiner, an Regentagen auch Runtz, zuweilen auch Wisgrill und Hudalek, manchmal kommt Schauer, an zwei Abenden tauchte Frau Anna auf. An den schwülsten Abenden, da es selbst Hudalek und Runtz ins Freie, wenigstens in die öffentlichen Gärten, treibt, sitzen Helferich und Weiner in der Nische. Auf dem Marmortischchen vor ihnen liegen so ziemlich alle achthundertsiebenunddreißig Zeitungen, und kein Kellner kommt und stört, indem er eine von den achthundert wegnimmt! Neben ihnen stehen zwei Sessel. Auf den einen legt Weiner die schon gelesenen Zeitungen, auf den anderen legt sie Helferich. Von Zeit zu Zeit tauschen sie. Jeder hat ein Glas Limonade vor sich. Helferich schmaucht eine seiner entsetzlichen Zigarren. Kein Fremder dringt hier für gewöhnlich nachts ein, in drei Stunden sind die achthundertsiebenunddreißig Zeitungen absolviert!

Alle Türen stehen weit offen. Draußen weht ein heißer staubiger Wind, manchmal beginnt es nach Mitternacht ein klein wenig zu regnen, die zwei in der Nische spüren nicht Regen, nicht Wind. Einmal gibt's ein fürchterliches Unwetter mit Hagel. Der Himmel kracht, Regenströme schießen jählings zur Erde, Gewitterstürme rasen auf die ausgedörrte Stadt.

Da steht plötzlich Wisgrill im triefenden Kautschukmantel vor Helferich und Weiner in der Nische.

»Was, ihr sitzt da?«

99 »Von wo kommen Sie?«

»Ich? . . . Seien Sie mir nicht böse, ich habe draußen ein Auto ohne Schutzdach stehen, ich will hier das Gewitter abwarten, darf ich hier Platz nehmen?« Er packt einen Sessel.

Helferich denkt: Wenn er jetzt nur nicht die gelesenen Journale Weiners mit denen Helferichs vermengt! Aber da hat Wisgrill schon mit roher Hand den einen Stoß auf den anderen geworfen! Weiner blickt traurig auf: Wenn man nicht einmal in Augustnächten hier ungestört lesen kann . . .

»Sagen Sie, Helferich, wohin gehen Sie denn heuer aufs Land?«

»Sie sind wohl wahnsinnig,« brummt Helferich.

»Wieso?«

»Wer macht denn die Volkszeitung, he, wenn ich weg bin? Sie? Oder Huber?«

»Zur Not könnte ich aushelfen.«

Da meckert Helferich: »Würde schön aussehen! Eine Zeitung für den Fürsten Schwarzenstein, was, he? Oder zur Gewinnung des Ballettkorps? Da, schauen Sie, dieser Berg ist täglich durchzulaufen!« Dabei weist er, nicht ohne Behagen, auf den ungeheuren Zeitungsstoß.

Wisgrill erschrickt: »Täglich? . . . Entsetzlich!«

Helferich und Weiner lesen weiter, Wisgrill vertilgt mit empörender Raschheit einige Gläser Bier. Nach einer Pause fragt er:

»Was macht denn der durchgefallene Kronprinz?«

»Wer? Ach, lassen Sie uns lesen!«

100 Weiner blickt auf und sagt: »Ich glaube, Schiller wird seine Stellung verlieren, er ist seit dem Wahltag nicht ins Büro gegangen. Wenn Runtz ihn nicht entschuldigt hätte, läg' er schon draußen.«

Helferich unterbricht: »Das wär' noch das wenigste. Aber nicht einmal zur Schlußsitzung des Wahlkomitees ist er gekommen.«

»Sapperlot,« sagt Wisgrill, »eine Vorladung der Behörde ignorieren, das ist das Ärgste! . . . Was treibt er denn eigentlich?«

»Schöne Sachen treibt er.« Helferich liest und spricht zu gleicher Zeit: »Er macht sich unmöglich, schädigt die Partei und ist undankbar gegen seine besten Freunde!«

»Na, na, na . . .«

»Lachen Sie nur, aber Sie werden schon sehen, was für ein scheußlicher Skandal da herauskommen wird. Die arme Frau tut mir leid!«

»Na, Herrgott, reden Sie doch nicht so herum, was ist denn los?«

Helferich und Weiner lesen weiter. ^

»Was los ist?« brummt Helferich schließlich, »ein zuchtloser Mensch ist er, der immer nur seinen Leidenschaften nachgibt.«

Wisgrill sagt: »Zeitunglesen ist auch eine Leidenschaft.«

»Glauben Sie, ich lese zu meinem Vergnügen den Grazer Generalanzeiger?«

»Ja, das glaube ich!«

Pause.

101 Helferich blickt auf: »Die Partei ist auch nur so eine hitzige Liebschaft für ihn, heute in Flammen, morgen im Katzenjammer, die Partei braucht aber besonnene, verläßliche . . .«

»Eheleute, ich weiß schon, Helferich, man soll mit der Partei schlafen wie mit einer alten Gattin.«

»Witzeln Sie nur, das ist ja Ihr Geschäft, lieber Franzl.«

Helferich gehört wieder seinen Zeitungen.

Nach einer Weile sagt Wisgrill behutsam: »Wie geht es Schauer?«

»Er arbeitet.«

»Sie sollten ihn zwingen, auf Urlaub zu gehen!«

Weiner erinnert daran, daß im Oktober der Internationale Kongreß in Rom ist.

»Ah, das ist angenehm, im Oktober will ich heuer in Italien sein.«

»Sie schon,« sagt Helferich, »das sieht Ihnen ähnlich, aber Schauer nicht!«

»Was hab' ich denn schon wieder angestellt?«

»Gar nichts, Sie denken an Ihr Vergnügen, Schauer denkt an die Partei. Im Oktober bringt die Regierung das neue Wahlgesetz ein, da wird Schauer hier sein.«

»Richtig! . . . Und wie geht's seiner Frau?«

Helferich brummt nur: »Lassen Sie uns lesen!«

Wisgrill fragt nicht mehr. Still trinkt er sein Bier.

Der Regen klatscht nicht mehr so heftig auf den Asphalt, kühl und feucht weht's durch die weitoffenen Türen herein.

»Na, ich gehe,« sagt Wisgrill und knöpft den langen Mantel zu.

102 An der Tür kommt ihm Helferich nach: »Sie sollten mit Schiller ein ernstes Wort reden. Er soll ja dieser Tage zurückkommen! Sie sind doch sein Freund! Nicht? Es kann der ärgste Parteiskandal werden! Wenn ein Klerikaler das edle Paar irgendwo gesehen hat! Na, ich danke . . . Von der Schändlichkeit gegen Schauer will ich gar nicht reden, vielleicht ist es ein Glück für den . . . Aber ein bißchen Vorsicht, das darf man doch verlangen.«

»Glauben Sie, daß da reden hilft?«

Helferich bemüht sich, heiter zu sein: »Unser Franzl wird's schon machen.«

»Wollen sehen! Adieu, Helferich, ich komme morgen oder übermorgen zu Ihnen auf die Redaktion.« 103


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