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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Schillers Gegenkandidat ist der Gastwirt Furtmüller. »Wie gut,« sagt Schiller, »daß sie diesen Spießer aufgestellt haben!«

»Na!« erwidert Schauer zögernd.

Immer dieses pedantische Na, immer dieses Flaumachen und Kritisieren, denkt Schiller, das verdirbt nur die Laune. Ich hab' ihn ja sehr gern, ich respektiere ihn von Herzen, aber dieses ewige Zögern und Zweifeln nimmt mir nur Kraft.

»Diesen dicken Spießer werd' ich doch unterkriegen!«

»Hoffentlich,« antwortet Schauer in dieser Bedächtigkeit, die einen rasend machen kann, »aber es ist besser, wenn Sie ihn nicht unterschätzen. Schließlich sind unter den zwölftausend Wählern etliche, denen ein Spießbürger nicht ganz unsympathisch ist.«

»Ein Wirt ist immer gefährlich,« sagt Hudalek sehr ernst. »Erstens hat er die Wirte im Bezirk für sich und zweitens die Gäste.«

»Fürcht' dich nicht, Schiller,« muntert Doktor Wisgrill auf. Schauer lächelt schief. »Unser Franzl wird's schon machen.«

»Werd' ich auch, trotz Ihrer Ironie. Überhaupt, was haben Sie gegen mich?«

46 »Aber, Wisgrill, wie empfindlich!«

»Sie haben immer einen höhnischen Ton gegen mich.«

»Aber, Franzl, ich bin doch ein Wisgrillianer! Sie können dem Schiller sehr nützen, Sie können ihm die Staatsbeamten und überhaupt die besseren Menschen zuführen.«

»Sehen Sie, jetzt höhnen Sie schon wieder!«

Schauer wendet sich an die anderen: »Also, bitte, höhne ich? Sie sind eben ein Sozialist für die eleganteren Leute. Ich könnt' Sie frozzeln, wenn ich wollt'. Ich könnt' Sie fragen, ob Sie ihre revolutionären Aristokraten zur Wahl bringen werden?«

Weiner schaut aus seinen Zeitungen auf.

»Ah, Sie wissen das noch nicht, Weiner? Der Doktor Wisgrill möchte die Aristokratie gewinnen. Mit Hilfe des Grafen Thurn will er den Fürsten Schwarzenstein überzeugen, und der soll dann den Kaiser organisieren.«

»Aber den Grafen Thurn hat er noch nicht!« schreit Helferich.

Wisgrill brummt: »Schon gut, witzeln Sie nur! Beim Angeln muß man Geduld haben.«

Schauer: »Schad' um die Zeit, dort finden Sie nicht einen brauchbaren Menschen.«

Weiner arbeitet Tag und Nacht für die Wahl. Er hat ein ganzes Büro von freiwilligen Hilfskräften geworben, stellungslose Handlungsgehilfen, Schwestern von verläßlichen Genossen, Studenten. Die sitzen von frühmorgens bis in die späte Nacht in der engen Kanzlei des Bildungsvereins und schreiben die Wählerlisten ab, sortieren die Adressen 47 nach Berufen und Gassen, versenden Aufrufe und Versammlungseinladungen. Die Beamten bekommen andere Aufrufe als die Arbeiter. Ein Aufruf wird in hebräischen Lettern gesetzt, ein Aufruf soll die Wirte gewinnen.

Schiller sieht mit Staunen zu, wie der kleine schweigsame, scheinbar lebensfremde Kommis aus der Glockengasse eine ganz raffinierte Technik der Agitation entwickelt. Nur die Aufrufe muß Schiller selbst schreiben, aber Weiner kontrolliert sie.

»Lieber Herr Schiller,« (es wird Weiner noch nicht leicht, die Leute, die er so verehrt, unter vier Augen als Genossen anzureden, in Versammlungen geht's), »da haben Sie den Aufruf an die Beamten zurück. Das ist zu hoch für die. Die Beamten wollen nur von Gehaltsregulierung hören, alles andere ist ihnen Wurst. Bitte, arbeiten Sie den Aufruf um.«

Am anderen Tag kommt er und bittet Schiller, er möge in dem Aufruf an die Wirte ein paar Worte über den mäßigen Biergenuß einfügen.

»Nein,« sagt Schiller, »das tu' ich nicht. Ich bin ein Feind der Sauferei, ich bin vollkommen überzeugt, daß die Deutschen nur deshalb so dick und spießerhaft werden, weil sie sich mit Bier vollschlemmen.«

Weiner wiegt bedenklich das Haupt: »Aber der Furtmüller erzählt in allen Versammlungen, daß Sie, wenn Sie gewählt werden, das Biertrinken gesetzlich verbieten wollen, wie in Finnland.«

»Ah, Dummheiten!«

Helferich kommt dazu: »Gar keine Dummheiten! Jetzt 48 wollen Sie noch den armen Leuten das letzte Vergnügen, das Glas Bier, nehmen?«

»Es bleibt nicht bei einem Glas!«

»Dann werden es zwei oder drei oder vier oder ein Rausch! Herrgott, gönnen Sie doch dem Volke auch ein Laster! Es ist ja grausam, was ihr alles von dem armen Volk verlangt. Sind Sie nicht auch Vegetarier? Und für die Kunst im Volk? Und wie all der Schwindel heißt? Geben Sie her, ich werde den Aufruf an die Wirte schreiben . . . Morgen werden Sie uns auch die Zigarre im Mund verbieten.«

»Wenigstens diese scheußliche Sorte,« sagt Schauer.

Den Aufruf in hebräischen Lettern schreibt Weiner selbst: »O, da kenn' ich mich aus.«

Ein paar hundert Arbeiter tragen Aufrufe und Programme und Einladungen jeden Abend aus. Leute, die bis Sieben und Acht in angespannter Arbeit stehen, sind glücklich, wenn sie bis zehn Uhr abends treppauf, treppab Schriften verbreiten dürfen. Der eifrigste ist der Schuster Huber. Er taucht am Nachmittag mit seiner Schwester Mizzi auf und holt sich »Munition«.

»Ist denn kein Aufruf konfisziert worden?« Die verbreitet der Schuster am liebsten. Wenn er so mit einem Pack Drucksachen an einem Wachmann vorbeigeht, dann grinst er ihn an. »Das möcht'st haben, was? Poli!« Der Polizist beachtet ihn nicht. Aber Huber kennt seine Leute. Sie stellen sich nur so gleichgültig, diese Kerle! Am liebenswürdigsten ist der Doktor Wisgrill mit dem Huber. Jedesmal erkundigt er sich nach dem Mizzerl. »Soll auch mithelfen, hübsche Mädeln nützen 49 dem Kandidaten! Wenn ich einmal kandidiere, ich hol' mir die Mizzi ab.« Einmal arbeiten die Agitatoren die ganze Nacht durch. Am Morgen ist der ganze Bezirk überschwemmt mit roten Zetteln, die kleben an allen Häusern, an jeder Planke, an tausend Firmenschildern, an allen Auslagefenstern, überall derselbe Vers:

»Wählt unsern Schiller!
Furt mit dem Müller!«

Der Einfall stammt von Hudalek, Runtz findet ihn großartig: »Das merkt sich die Masse! Ich erzähl' übrigens allen Leuten, die bei mir Bücher kaufen, daß er der Enkel von Friedrich Schiller ist. Vielleicht ist er es wirklich, was kann man wissen?«

Schiller selbst empfindet es sehr hart, daß er auch jetzt jeden Tag seinen Dienst in der Bank machen soll. Er kann sich erst von vier Uhr an um die Wahlsachen kümmern. Dann kommt er in die kleine, schlecht beleuchtete Kanzlei, wo die Schreiberinnen und die Studenten schuften, verfaßt die Aufrufe, korrigiert Bürstenabzüge, schreibt die Wahlnotizen für die Zeitungen, kontrolliert die Wahlkasse und fährt den Bezirk ab, um sich die Versammlungssäle zu sichern. Jeden Abend spricht er in zwei oder drei Versammlungen. Die schwerste Sorge ist die ums Geld. Hundert um hundert Kronen fliegen nur so für Drucksachen und Briefmarken zum Fenster hinaus. Eines Tages wird in der Kanzlei des Bildungsvereins ein junges Mädel ohnmächtig.

»Es ist hier aber auch eine verpestete Luft,« sagt Schiller zu Weiner.

50 Aber da läuft schon Runtz herbei und meldet, daß es dem Mädel besser geht. Sie hatte seit dem Morgenkaffee nichts im Magen.

»Kriegen die Schreiber nicht einmal ein Mittagessen?« fragt Schiller.

»Die meisten gehen nach Haus!«

»Die meisten,« schreit Schiller (er kommt in diesen Tagen leicht ins Schreien), »aber ich kann mir doch nicht von Leuten helfen lassen, die vor Hunger umfallen. Von morgen an, ich bitte Sie drum, Weiner, erhält jeder ein Mittagbrot hier!«

Das erhöht die Kosten, denkt Weiner, aber er fügt sich. Schiller hat von einem Onkel zur Wahl zweitausend Kronen geschenkt erhalten, aber wo sind die? In jeder Fabrik wird gesammelt, Arbeiterinnen, die elf Kronen Wochenlohn haben, opfern eine dem Wahlfonds.

Einmal kommt eine alte Dame in schwarzem Matronenkleid in die Kanzlei des Bildungsvereins und verlangt Schiller zu sprechen. Er ist nicht da, aber seine Frau arbeitet unter den Schreibern.

»Sie wünschen, bitte?«

»Hier sind tausend Kronen für die Wahl.«

»O, danke, wen darf ich in der Liste nennen?«

»Alles eins, schreiben Sie T. S.«

»Schön, aber ich muß Sie doch bitten, mir Ihren Namen zu sagen . . . Wir dürfen nicht Geld nehmen, ohne zu wissen, woher es stammt.«

Die kleine Dame wird verlegen. Ihr faltenreiches Gesicht verzieht sich zu einem Lächeln: »Muß das sein?«

51 Frau Anna sagt freundlich: »Es bleibt geheim, wenn Sie vielleicht wegen Ihrer Familie . . .«

»Nein, das nicht,« lächelt die alte Dame, »ich bin die Mutter vom Doktor Schauer, eigentlich eine Bourgeoise . . .«

Frau Anna ist schon die ganze Zeit klopfenden Herzens dagestanden. Es war etwas Zartes, Lautloses, Schwarz-verschleiertes an dieser alten Frau, das ans Herz griff. Nun nannte sie den verehrten Namen, da steigt der Jungen eine heiße Welle ins Gesicht, und plötzlich, sie konnte nicht anders, fliegt sie der alten Dame an den Hals.

Dennoch fehlte es an Geld. Wenn Schiller Zeit hätte, würde er einige Leute aus seiner Verwandtschaft aufsuchen, keine Parteigenossen, aber aufgeklärte, vermögende Leute, die stolz darauf wären, wenn der Neffe Abgeordneter hieße.

Einmal abends sitzen Schiller und Doktor Schauer in dem zeitungüberschwemmten Redaktionszimmer allein.

»Ich geh' nicht mehr ins Büro! Ich halt' es ohnehin nicht aus, ich passe nicht zum Bankbeamten.«

»Machen Sie keine Dummheiten, lieber Freund!«

»Ah, Sie mit Ihrer ewigen Vorsicht! Dadurch habe ich mir zuerst die Musik verpatzt, jetzt ruinier' ich mir das Mandat, aber in siebenundzwanzig Jahren werde ich dafür pensionsberechtigt sein.«

»Auch nicht das Ärgste,« sagt Schauer gleichmütig, »glauben Sie, Klavierstunden geben ist angenehmer? Ein Beruf, mit dem Sie innerlich nichts zu tun haben, ist für Sie das beste. Übrigens, haben Sie schon versucht, um Urlaub einzukommen? Ich meine jetzt – für die Wahlzeit.«

52 »Nein.«

»Das würde ich an Ihrer Stelle versuchen. Der Furtmüller ist ein rabiater Antisemit, da werden Sie den Bankdirektoren noch als das kleinere Übel erscheinen.«

»Ich bitte diese Leute um nichts.«

Schauer schweigt eine Weile: »Ich weiß wirklich nicht, Schiller, ob Sie die Nerven für einen Politiker haben. Sie sind ja ganz herunter in der letzten Zeit, sehen miserabel aus, und Ihre Frau auch!«

Noch am Abend sieht Schiller seine Frau im gelben Licht der Kanzlei des Bildungsvereins genauer an. Wahrhaftig: sie ist fahl und hat schwarze Ringe um die Augen.

»Fehlt dir was?«

Anna lächelt schwach: »Nein.«

»Warum lächelst du denn?«

»Weil mich Doktor Schauer gestern hier dasselbe gefragt hat. Hat er vielleicht mit dir gesprochen?«

»Unsinn, deine Blässe fällt eben auf. Es ist überhaupt unnötig, daß du diese Schreibereien hier mitmachst. Wir haben Hilfskräfte genug.«

»Bitte!«

Ihre Oberlippe zuckt . . . Hier war sie mitten im Leben, hier hörte sie täglich, wie seine Chancen standen, hier sah sie ihn wenigstens regelmäßig am Abend . . .

»Ich falle sowieso durch.« Schiller sagt das ganz leise, die Worte ziehen ihm schwer über die Lippen, er sieht sich um, ob niemand ihn hört. Aber jetzt atmet er aus: »Ja, ja, ja, ich falle durch, ich glaube nicht mehr an den Sieg. Schauer hatte 53 ganz recht, die Furtmüller sind in der Majorität! Der Idiotismus ist undurchdringlich! Gestern ist es mir in einer Versammlung, wo lauter arme Teufel waren, passiert, daß nach einer Rede, die mich selber erregt hatte, weil sie durch den Anblick dieser abgerackerten Arbeitsgesichter entstanden ist, da ist es mir passiert, daß ein junger böhmischer Arbeiter auf die Tribüne trat und mich fragte: ›Alles ganz schön, was der Redner gesagt hat. Wir glauben ihm alles! Aber warum hat er kein Wort darüber geredet, daß die Juden vor Ostern den armen Christenmädchen das Blut abzapfen. He? . . .‹ Das war kein angeworbener Agitator, nein, ein braver Kerl sprach aus seiner entsetzlichen Nacht, und da gab es sehr viele, die da aufhorchten. Was soll man da antworten? Gibt es da noch Verständigungen? . . . Wir kriechen ja alle nur an der Volksoberfläche herum, tief drunten aber sitzen die Furtmüller!«

Anna kommen die Tränen in die Augen: »Du bist gleich ganz aus dem Geleise.«

»Ach was, ich bin eben nicht Hudalek, ich habe Nerven, ich sehe, ich höre! Ein Routinier werde ich nie werden. Übrigens,« Schiller klopft ihr lächelnd auf die Wange, »du hast viel zu reden, dir kommt doch jetzt jede Weile das Wasser in die Augen.«

Am anderen Tag wartet der Direktionssekretär früh im Büro auf Schiller. »Sie sollen um halb Elf zu Herrn Direktor Mandl hinaufkommen!« Was war los? Er hatte in dieser Woche zweimal das Büro geschwänzt. Vielleicht würde er pensioniert? Herrlich! Oder einfach hinausgeschmissen? Auch gut! Für die Wahl wäre das gar nicht schlecht! 54 Er sieht schon den Aufruf, der morgen an alle Wähler der Leopoldstadt hinausgeht: »Unser Kandidat – vom Großkapital gemaßregelt!« Ganz kriegslustig, hart klopft er um halb Elf an die Tür des Direktors Mandl.

»Herein!«

Schiller sieht sich in dem weiten braungetäfelten Raum um. Endlich gewahrt er den kleinen Mann, der in einem tiefen Fauteuil liegt.

»Herr Direktor, Sie haben mich zu sprechen gewünscht, ich heiße Gustav Schiller.«

»Ach so, Herr Schiller, ich hatte nicht das Vergnügen, Sie persönlich zu kennen . . . ein so berühmter Mann unter unseren Herren! Ich wußte es gar nicht, gestern wurde ich von befreundeter Seite darauf aufmerksam gemacht . . . Das Büro ist Ihnen jetzt wohl sehr lästig?«

Der kleine geschniegelte Herr Direktor kriecht aus dem Fauteuil hervor und bietet ihm lächelnd eine Zigarette an.

Schiller ist unsicher: »O nein . . . aber natürlich . . . nun, ich habe ja die Abendstunden.« Der Geruch einer unausstehlichen Pomade steigt Schiller in die Nase.

»Aber bitte, seien Sie nicht so vorsichtig. Wir sind ja gar nicht so schreckliche Kerle, wie man uns in den Wählerversammlungen malt. Ich meine damit nicht Sie, im Gegenteil, ich kann mir denken, daß ein Künstler wie Sie den Wahlkampf nicht gemein führt.«

Künstler? Was will er denn damit? denkt Schiller. Diese klebrige Anerkennung brauche ich nicht! »O, ich bin Beamter wie alle, ich bin kein Künstler.«

55 Direktor Mandl hört darüber hinweg: »Ich höre, daß Ihr Gegenkandidat, ein gewisser Furtmüller, eine so ordinäre antisemitische Agitation betreibt.«

»Allerdings.« Schiller starrt auf den geölten Scheitel ihm gegenüber und denkt: Aber eine so ekelhafte süßliche Pomade verwendet nicht einmal der Furtmüller.

». . . und da wollte ich Ihnen sagen, daß wir Ihnen, wenn Sie darum ansuchen, gern bis zum Wahltag Urlaub geben. Wir wollen die staatsbürgerlichen Rechte unserer Beamten nicht verkürzen.«

Der Direktor steht auf, tritt an Schiller heran, der vor der Pomade unwillkürlich zurückweicht, und reicht ihm leutselig die Hand.

»Ich danke vielmals.«

»Und wenn ich Ihnen sonstwie dienen kann . . .«

Schmier' dich nicht so scheußlich ein, denkt Schiller: ». . . Ich wüßte nicht, jedenfalls dank' ich . . .«

»Nun, Sie sind jedenfalls ein keuscher Politiker,« Direktor Mandl lächelt, »ich bin übrigens auch Ihr Wähler, ich wohne in der Praterstraße. Wie gesagt, wenn ich Ihnen sonstwie dienen kann . . .« Dabei fährt er sich mit der flachen Hand über die spiegelglatt geschmierte Frisur.

Schiller springt, von dem süßlichen Gestank befreit, über die Marmorstiege. Herrgott, wenn sogar diese Leute für ihn sind, dann stehen seine Chancen gar nicht so schlecht! Und natürlich nimmt er sofort Urlaub. Morgen ist er nicht mehr im Büro.

Abends erzählt er alles im Café Monopol. »Es ist doch ungewöhnlich anständig von dem Direktor Mandl.«

56 Schauer lacht: »Ich hab' mir's gedacht; ich kenne seine süße Pomade.«

Helferich murrt: »Eigentlich beweist das nur, wie schwach wir noch sind! So ein kühler Tatsachenmensch hält uns noch nicht für einen Gegner; ein blöder Wirrkopf, wie dieser Furtmüller, ist ihm unangenehmer.«

Runtz rennt im Café auf und ab und denkt darüber nach, was Direktor Mandl mit der Schlußbemerkung gemeint haben kann: »Wenn ich Ihnen sonstwie dienen kann . . .« Eigentlich ist es klar, unzweifelhaft ist es ein Wink mit dem Zaunpfahl. Es ist zimperlich, darauf nicht zu reagieren. Ein keuscher Politiker, deutlicher konnte Mandl nicht werden!

In einer Ecke setzt er Schiller auseinander, daß es falsch war, auf dieses deutliche Anerbieten nicht zu antworten. Wenigstens auf die enormen Geldmittel Furtmüllers hätte man hinweisen sollen . . .

»Runtz, ich bitte Sie, schlagen Sie sich das aus dem Kopf. Erstens mag ich von diesen Leuten nichts, und zweitens sind wir fertig, wenn das bekannt wird.«

Runtz hält das für falsch und zimperlich, aber, bitte, wie der Kandidat wünscht. Übrigens laufen zwei Tage später größere Beträge in die Wahlkasse ein. Runtz selbst sammelt erst fünfhundert, dann zweimal achthundert Kronen, am Wahltag noch sechshundert Kronen. »Unter meinen Bekannten.« Runtz hat jetzt einen Bücherladen in der Praterstraße. »Die feinsten Kunden kommen zu mir.«

Immer anspannender wird die Wahlarbeit.

»So reizbar war er nie,« sagt Frau Anna.

57 »Das begreife ich nicht.« Wisgrill streckt die Beine weit von sich. »Jetzt hast du vielleicht dreihundert Versammlungen abgehalten, jetzt mußt du die Geschichte doch schon im Schlaf machen.«

»Ja, wenn ich du wäre! Aber ich kann dieselbe Rede nicht zweimal halten, ich geniere mich vor mir selber.«

»Gustl, Gustl! Politik ist keine Kammermusik!«

Das ärgste waren die Branchenversammlungen, heute vor den Tischlern, morgen vor den Ratenagenten, übermorgen vor den Kellnern, und jede Rede muß für die angesprochene Branche adaptiert werden.

»Ja, ja,« sagt Wisgrill. »Die Revolution mit besonderer Berücksichtigung der Zahntechniker und Flaschenbierhändler.«

»Man kommt sich selber so schäbig vor, wie der Medizinmann bei den Kannibalen, mit hundert Fläschchen, blau, rot, gelb etikettiert, für jede Krankheit andere Tropfen, und keiner will anständig krepieren.«

Wenn Schiller jetzt nachts einige Stunden im Bett lag, verfolgte ihn noch der Obmann der Drechsler: »Warum haben Sie denn kein Wort über die Drechsler gesagt?« Und Runtz brummte ihm ins Ohr: »Heute streuen Sie einmal ein hebräisches Wort ein, ich lern' es mit Ihnen, da werden Sie die ganze Glockengasse für sich haben!« Da stand er vor zweitausend Horchenden und bemühte sich, das hebräische Wort anzubringen, aber der Gaumen wollte nicht mit, er krächzte und stöhnte, es ging nicht. Runtz stand vor der Rednertribüne und sagte ihm halblaut ein. Aber er verstand nicht. 58 Wie gebannt starrte er zu Runtz hin, es entstand eine furchtbare Pause in der ungeheuren Versammlung. Runtz schrie ihm das Wort hinauf, aber er vernahm wieder nur ein Krächzen. Da stand er, starrte zu Runtz, stockte, und die Versammlung johlte schon. Nicht ein Wort brachte er hervor, der Mund war ausgedörrt, er wollte reden . . . es ging nicht! Hinten im Saal aber schrien besoffene Kutscher: »Hoch Furtmüller! Hoooch! Hoooch!«

Da erwachte er und sah seine Frau vor sich: »Du hast so gestöhnt im Schlaf, Gustav.« Gott sei Dank, es war also nur ein Traum.

Nach den Versammlungen pflegte Schiller noch für eine halbe Stunde in die Redaktion der Volkszeitung zu kommen. Es tat wohl, sich dort auf einen Diwan niederzulassen und von der Wahl zu reden.

»Jetzt sollten Sie auch noch was Anständiges treiben, nicht nur dieses Wettrennen,« sagt Schauer, »das ist das Unerträglichste am Kandidieren. Zuletzt ist man nur noch Favorit. Keiner behält die Besinnung. Statt sich sechsmal am Tag einzubleuen: ›Du bist im Parlament einer von dreihundert Schwätzern, es ist nichts Besonderes dahinter,‹ statt dessen denkt keiner mehr an diese lächerliche Statistenrolle, sondern jeder wird ein verrücktes Rennpferd: Nur vorwärts, das Rennen machen, und so spornen sie sich und peitschen sich, und die Zunge hängt ihnen aus dem Halse . . . ich sag' das nicht, um Ihnen den Elan zu nehmen, aber Sie schauen schon ganz verdächtig aus, Sie rechnen auch schon ganz unbedingt mit einem Sieg. Ich glaub's ja auch, aber ein 59 bißchen bremsen würd' ich mir doch – innerlich. Ist Ihre Frau vielleicht auch stark engagiert?«

»O,« erwidert Schiller, »meine Frau sieht die Dinge sehr phlegmatisch an.« Dabei denkt er: Das war jetzt nicht edel, ich habe sie jetzt auf meine Kosten banalisiert.

»Phlegmatisch? Das ist sehr nützlich! Ich habe sie immer für eine gescheite Frau gehalten. Warum verstecken Sie sie denn vor uns?«

Nächstens sitzt Anna nach der Versammlung nachts in der Nische im Café Monopol.

Frau Dora Schauer sitzt neben ihr: »Es ist falsch, daß Sie eine hohe Frisur tragen. Sie sollen bloß einen einfachen Scheitel tragen, ganz glatt, die braunen Haare nach rechts und links gekämmt.«

Ihre weißen Finger greifen flink ins Haar der jungen Frau, mit zwei Griffen steckt sie die Flechten um.

Anna spürt, daß sie errötet.

»Laß doch die junge Frau!« sagt Schauer mit einem merkwürdig verweisenden Ton, »arrangier' dich selber auf Einfachheit.«

Dora lächelt: »Ich hab' kein Talent zur Schlichtheit.«

»Das glaub' ich,« sagt Schauer laut.

Schiller sieht etwas abgespannt aus.

»Wenn Sie gewählt sind, nehmen Sie sofort drei Wochen Urlaub, und dann fahren Sie nach Italien,« sagt Dora, »ich werde Ihnen eine Route zusammenstellen, von Turin bis Taormina, davon werden Sie noch als Großvater träumen und Ihren Enkeln erzählen, natürlich, wenn solche vorhanden 60 sind.« Dabei sieht sie Anna so ungeniert ins Gesicht, als wollte sie hier öffentlich, vor allen Leuten, eine unglaubliche Frage stellen.

Schauer blickt aus seiner Zeitung auf und sagt beinahe drohend:

»Was hast du denn heute schon wieder?«

»Ich könnte dich dasselbe fragen!« Dora funkelt vor Zorn. Nach einer Weile sagt sie zu Schiller: »Kommen Sie, Schiller, setzen wir uns an den nächsten Tisch! Ich werde Ihnen erzählen, wo Sie in Turin, wo Sie auf dem Lido wohnen müssen. Ich werde Ihnen von der Campagna erzählen und von Sizilien. Das wird Ihnen gut tun nach so viel Glockengasse und Volkertplatz und sonstigen Stinkgegenden.«

Schauer hört nur die letzten Worte. Er sagt nur: »Sehr geschmackvoll!«

Eines Abends kommt Schiller nach der Versammlung in die Redaktion. Aus der Stiege stößt der Abgeordnete Stransky auf ihn:

»Was ist denn los?«

»Die Mizzi ist abgängig!« sagt Stransky.

»Wer?«

»Die Schwester vom Huber.«

»Die Stupsnase? . . . Seit wann denn?«

»Ich bin auf dem Weg zur Polizeidirektion,« sagt Stransky und schwenkt seine schwarze Tasche, als läge die Mizzi schon da drin, »ich denke, meine Intervention wird die Behörde aufpulvern, sie ist seit drei Tagen verschollen.«

In Schauers Zimmer wird über Mizzis Schicksal beraten.

61 »Huber, bitt' Sie, holen Sie mir ein Glas Bier,« sagt Helferich. Der Schuster läuft, und Helferich schließt sorgsam hinter ihm die Tür: »Es ist möglich, daß das Mädel nach Ungarn verschleppt worden ist.«

Schauer sagt zu Wisgrill: »Vielleicht hat er sie geprügelt. Das kann auch unter Genossen vorkommen. Sie ahnen gar nicht, was alles gemütlich nebeneinander in einem Schädel Platz hat, die himmelblauesten Schwärmereien und daneben die rohesten Regungen. Wir sind so einfältig und stellen uns immer eine gewisse Ordnung im Hirn vor, aber was für ein Durcheinander ist da möglich.«

Wisgrill steht auf und sagt: »Wetten wir, daß ich sie in drei Stunden finde?«

Helferich knufft ihn in den Bauch: »Sollten Sie das Mädel versteckt halten?«

Schauer murmelt: »Die Nachtcafés hat Helferich schon abgesucht!«

Huber ist wieder zurückgekommen und sagt: »Wer hat denn dem Abgeordneten Stransky angeschafft, daß er zur Polizei geht? Was geht denn das die Polizei an? Wenn die Polizei das Mädel auffangt, dann ist erst das Malheur fertig. Dann stürzt sich vielleicht so ein Kerl von Kommissär über sie!«

»Unsinn, Huber, kommen Sie mit mir, in zwei, drei Stunden haben Sie Ihre Schwester! Ich kann darauf wetten, daß wir sie finden . . . Kommen Sie auch mit, Helferich? Die Zeitung ist ja fertig. Herr Doktor Schauer, Sie sollten auch mit, ich zeig' Ihnen einmal das wirkliche Volk, das 62 Sie ja doch nicht kennen . . . Weiner wird Nachtredaktion machen.«

Die ganze Gesellschaft fährt in den Prater. Wisgrill voran, laufen sie von einem Ringelspiel zum nächsten, von der Dame ohne Unterleib zum großen Chineser. Es ist Nacht. Aber bei jedem Karussell streichen ein paar fünfzehn-, sechzehnjährige Freundinnen um den grün beleuchteten Flitterputz und sehen gierig nach den aufgedonnerten Damen oder den drallen Köchinnen, die auf samtrot oder blaugelb überzogenen Pferden reiten, während ein Werkel kreischt und zwanzig silberne Glöckchen klingen. Soldaten stehen hier stundenlang und sehen dem hurtig kreisenden Durcheinander zu. Beim Absteigen helfen die Soldaten den Damen und zwicken die Absteigenden schnell in die Wade oder in die Schenkel.

Helferich drängt immer gleich zum Weitergehen.

»Warum denn so eilig,« sagt Wisgrill, »da sollten Sie aufpassen. Hier ist das unveränderliche, das nichtarrangierte Volksleben. Auf diesen blauen Schimmeln wird noch im Zukunftsstaat geritten werden!«

»Hoffentlich,« sagt Schauer, »das macht gar nichts. Jeder anständige Arbeitsmensch braucht seinen großen Chineser und sein Hutschpferd. Man kann nicht ununterbrochen die Menschheit befreien, das hält man nicht aus.«

Helferich meint: »Aber die Mizzi kann, während ihr Geist verzapft, in einer Donauau liegen und zugrundegehen.«

»Nein!« erwidert Wisgrill ganz bestimmt, »die Mizzi ist dort drüben, beim Fünfkreuzertanz!«

63 Sie kommen in einen großen Tanzsaal. Es riecht nach Schweiß, Bier und Ofengasen. Um das eigentliche weite Tanzgebiet ist eine hölzerne Barriere errichtet. Dahinter stehen die Zuschauer.

Drinnen tanzen Soldaten und Ammen, Arbeiter und Dienstmädchen, Kellner und Huren, gelegentlich ein aufgeputzter Kommis, dann wieder fünfzehnjährige Landmädchen und Tramwaykutscher. Die Musik wiederholt ununterbrochen dasselbe Walzerthema, Trompeten schmettern durch den Saal, Tschinellen krachen.

»Passen Sie gut auf, Helferich, hier ist das junge Volk, das echte, nicht durch Bildung verfälschte,« sagt Wisgrill. »Schauen Sie sich das Mädel da an, die beinah bewußtlos auf ihrem Tänzer liegt, er muß sie schleppen, die tausend Zuschauer sind gar nicht da für sie, oder da, diesen schweren Menschen, ich glaub', das ist ein Schlosser, wie der sich müht, ein bissel leichter aufzutreten. Oder da – dieses Stubenmädel, wie die den Mund fest zupreßt und ängstlich Distanz hält aus Angst, daß . . .«

»Hier könnte die Mizzi sein,« sagt Schauer, in das Gewühl blickend.

»Hier muß sie sein,« sagt Wisgrill, »hier sind alle Mizzis!«

Viele hundert Paare tanzen und trampeln vorüber, ganz versunkene Tänzerinnen, denen der Schweiß über die heißroten Backen rinnt, freche Liebeswerberinnen, die schon nach einem anderen ausspähen, während noch die rote Hand eines Braven breit auf ihrem Rücken liegt, anständige, zur Erde blickende Tanzpaare, die sich in beherrschter Erregung nicht 64 zu nahe kommen, leicht angeheiterte Bürschchen, mit zurückgeworfenem Kopf, denen die Beine nur so fortfliegen, Soldaten, denen der Tanz nur keuchende Einleitung ist zu dem Gang auf nächtliche Wiesen . . .

»Mizzi!« schreit Huber.

Wirklich, da tanzt sie mit einem blutjungen Soldaten. Sie hört den Ruf nicht und tanzt weiter, mit ganz kleinen Schritten, behutsam, zu Boden schauend, leicht gerötet, in ihrem weißen Sommerkleid, auf dem der Soldat seine Hand abgedrückt hat. Einen kleinen Schwips scheint sie zu haben; denn sie wird leicht schwindlig, und sie tritt schnell aus der Reihe.

»Huber,« sagt Wisgrill, »lassen Sie lieber mich mit der Mizzi reden. Bleibt ihr derweil bei ihm.«

Gleich darauf tritt Wisgrill mit Mizzi zum Tanz an. Mizzi ist ein wenig beschämt, weil ein so nobler Herr mit ihr tanzt. Über Wisgrills Arm guckt sie neugierig zu den anderen. Sie tanzt ganz leicht, immer fast auf den Zehenspitzen, und der kleine Schwips macht sie noch gewichtloser.

»So,« sagt Wisgrill, während er sie zum Bruder bringt, »und jetzt gehen wir alle gemütlich nach Hause. Sie, Huber, zanken nicht! Ich hab' der Mizzi schon die Leviten gelesen.«

»Wie unhygienisch so ein Tanzsaal ist, da fliegen die Bazillen nur so herum,« sagt Helferich.

»Unsinn, diese Tanzsäle sind wichtiger als die Versammlungen! Da geschieht was für die Menschheit! Was, Mizzi?«

Am Sonntagnachmittag vor der Wahl erklärte Frau Dora in der dumpfen Kanzlei des Bildungsvereins: »Nein, Schiller, 65 Sie bleiben heute nicht hier! Sie sehen ja schon jämmerlich genug aus. Gehen wir in den Prater. Doktor Wisgrill, kommen Sie mit? Schade, daß Ihre Frau nicht da ist, Schiller.«

Schiller flüchtet zu Weiner: »Da, schauen Sie den an, der kommt überhaupt nicht mehr an die frische Luft.« Weiner sitzt, über seine Wählerliste gebeugt, und hört nicht einmal zu.

»Sie gehen mit, Weiner!«

Weiner schaut gar nicht auf. Er zuckt nur mit den Achseln; das heißt: Eure Dummheiten gehen mich gar nichts an.

»Dann bleib' ich auch!«

Weiner sieht jetzt Schiller mit Hundeaugen an und sagt: »Ihre Nervosität nützt nur dem Furtmüller.«

Endlich haben ihn alle hinausgedrängt. Sie stehen in der Taborstraße, da pfeift Wisgrill einem Fiaker, die drei, Schiller, Wisgrill, Frau Schauer, steigen ein: »In den Prater!« Dora sitzt zwischen den beiden Herren, sie hat nur ein ganz dünnes Sommerkleid an, Schiller fühlt die Wärme ihres Fleisches, er hat ihre schönen braunroten Haare ganz nahe vor sich und ihren kinderschlanken Hals, um den die Löckchen wehen.

Jetzt kommen sie in eine Proletariergasse. Die ist leer und schwarz. Dann und wann ein offenes Fenster, in dem ein Mensch in Hemdärmeln liegt, vor manchem Haustor hockt eine breite Fleischmasse, die Hausmeisterin.

In der leeren Gasse grüßt plötzlich jemand.

Wisgrill lacht: »Ein Wähler!«

Nun biegen sie in die breite Straße zum Prater ein. Hier 66 wimmelt es von Sonntagsspaziergängern. Arbeiter mit ihren Kindern, schwer trottende Spießer, Ladenmädel im Sommerschmuck, hinter ihnen Kommis, die kavalierhaft ihr Stöckchen schwingen, eine Kette Buben zieht frech durch das Gedränge, Hausierer bieten kleine rote Luftballons und Gebäck an, Kindertrompeten quietschen, aus dem Prater hört man schon den blechernen Lärm der Musikkapellen. Es ist die Armut, die in den Sonntag zieht.

Nur dann und wann knarrt neben ihnen ein Wagen.

Plötzlich ruft jemand vom Trottoir her: »Hoch Schiller!«

Im Gedränge hat ihn einer erkannt und grüßt herüber, andere lachen und glotzen.

Jetzt grüßt wieder einer, jetzt bleibt eine ganze Gesellschaft stehen und winkt herüber. Einer schreit wieder: »Hoch Schiller!« und schwenkt den Hut dem Fiaker entgegen. Es ist der Schuster Huber mit seinem kleinen Bruder und mit der Mizzi im weißen Kleid. Er hat einen Riesenpack »Munition« unterm Arm, Mizzi muß die Aufrufe verteilen. Huber lacht zum Wagen hin und blinzelt zu dem Wachmann, der sein Agitationswerk nicht gewahrt.

»Komm lieber zu uns, Mizzerl,« ruft Wisgrill.

»Schweig!« Schiller stößt ihn in die Seite.

Diese Erholungsfahrt ist ihm eine Marter. Er hört im Geist die armen Leute reden. Haben sie nicht recht? Es gibt nichts Sinnfälligeres als dieses Bild des Reichen im Fiaker, und neben ihm viel langsamer, beschwert und müde, trotten die Sonntagspilger. Und noch dazu dieses Sitzen zu dreien, vor aller Welt! Peinlich!!

67 Am Praterstern grüßt jemand aus der Straßenbahn. Es ist Hudalek. Er schaut ernst und, glaubt Schiller, vorwurfsvoll drein.

»Na,« tröstet Wisgrill, »in der Hauptallee haben wir Ruhe, das Volk wälzt sich seitwärts zu den Bierlokalen, wart' nur ein bißchen.«

Hier ist's wirklich still. Nur ein paar Wagen in der endlosen, schnurgeraden Allee. Rechts und links halten leere Reitwege das Gedränge der Spaziergänger fern, und das Laub der alten Kastanien verhindert die Aussicht. Man hört die Hufe der gemächlich trabenden Rosse.

Wisgrill sagt, während er seinen Spitzbart zupft: »Ich möchte jetzt was sagen, aber ich trau' mich noch nicht!«

Frau Dora: »Nur heraus damit.«

»Sie werden mich nicht erschlagen, aber Schiller . . . Nun, ich frage Sie, gnädige Frau, pardon, Genossin, Schiller, sagen Sie ehrlich, ist's nicht schöner ohne Volk? . . . Manchmal nur, versteht sich . . .«

Dora dreht sich zu Schiller: »Nicht so schwermütig, Gustav!«

Zum erstenmal nennt sie seinen Vornamen.

Er antwortet nicht.

Da schiebt sie ganz langsam – unter der Decke – ihre Hand nach vorn und drückt die seine. Ihre vereinten Hände liegen versteckt unter der Decke. Niemand weiß von diesem Händedruck, niemand weiß, wie lange, wie fest er diese schöne, glatte, heiße Hand in der seinen behalten.

Schiller schließt die Augen und hört nur die Hufschläge der gemächlich trabenden Rosse.

68 Ein Ruf weckt ihn, er läßt die zarte Hand los, jemand hat »Hallo, Doktor Wisgrill!« gerufen.

Eine Equipage mit galloniertem Diener hält neben ihnen an . . . Zwei Herren sitzen im Wagengrund. Doktor Wisgrill beugt sich hinaus, begrüßt die Herren, drückt ihnen die Hand. Der Jüngere sagt:

»Eben hat Durchlaucht von Ihnen geredet.«

Frau Schauer sieht Schiller an: Aha!

Jetzt sagt der ältere Herr langsam, ein bißchen durch die Nase: »Wenn es nicht unartig gegen Ihre Gesellschaft wäre, hätten wir Sie eingeladen, bei uns einzusteigen.«

Wisgrill dreht sich zu seinen Gefährten und fragt mit einem ziemlich ernsten Gesicht: »Wären Sie sehr böse?« Zu Schiller flüstert er schnell: »Das ist wichtig!« Dann empfiehlt er sich von beiden und steigt mit Hilfe des livrierten Dieners in den Wagen der Durchlaucht.

»Er wird noch eine Dummheit machen mit seinen aristokratischen Bekannten,« sagt Schiller.

»Der und Dummheiten? Bei dem ist alles Politik! Ich glaube, wenn der seine Geliebte umarmt, so berechnet er mitten in der Brautnacht alle politischen Konsequenzen. Wisgrill und Dummheiten! Der ist nicht so einfach wie wir.«

Die Worte kollern über ihren Mund, aber die weiße Hand kriecht wieder unter die Decke, ein Frösteln fliegt über die Frau, sie flüchtet in Schillers Hand.

So sitzen sie nebeneinander, wortlos, lange. Die Hufe traben gemächlich durch die schnurgerade Allee. Es wird Abend. Beide schweigen, aber dieses Schweigen verbindet 69 und lehnt sie aneinander. Ganz unten im Prater, es dunkelt schon, schlägt er fast feierlich die Decke zurück, nimmt ihre weiße wohlgepflegte Hand zwischen seine mageren Hände und drückt, tief über sie gebeugt, einen langen Kuß darauf.

Zurück im Dunkel. Unter der Decke hält er fiebernd ihre Hand.

 

Das war Sonntag. Montag ist die große Wählerversammlung, zu der auch die Gegner kamen. Schiller und Furtmüller sollen sprechen. Am Nachmittag hat sich Schiller in einer Kellnerversammlung vorgestellt. Gegen acht Uhr kommt er in den großen Galeriesaal des Hotel Union. Das Parterre ist überfüllt, die erste und die zweite Galerie voll gepfropft, aber andere Gesichter als sonst, rotbraune, dicke Menschen, nicht Arbeiter, nicht Schreibtischmenschen, sondern Fuhrleute, Hausmeister, Wirte sind da. Ein Kreischen, Zischeln, Summen, Grölen füllt den Saal.

Zuerst soll Schiller sprechen, dann Furtmüller.

Schiller ist in brillanter Verfassung. Er beginnt zuerst von den Kellnern zu erzählen, bei denen er heute war. Da sah er einen Pikkolo, einen bildhübschen blonden Buben, aber seine jungen Beine waren ganz verbogen von dem ewigen Herumlaufen und Herumstehen, und sein schöngeschnittenes zartes Gesicht war grünlich bleich von dem späten Zubettgehen und dem frühen Aufstehen: Das war vor einem Jahr ein aufgeweckter, schöner Junge, in drei Jahren Lehrzeit wird sein Körper ganz entstellt, sein Geist abgemüdet, seine Lebensgewohnheiten werden verdorben sein. Es fällt Schiller 70 gar nicht ein, den einen Wirt zu beschuldigen, der einzelne ist machtlos, aber dieser kleine, blonde Kellnerjunge mit den schon verbogenen Beinen repräsentiert eine Jugend. Wer sie jung und schön und unverbogen, tannengerade gewachsen haben will, der wähle und so weiter . . . Während Schiller redet, wird gehustet, bei einer Stelle, wo er von der ewigen Schlaftrunkenheit der Jungen redet, kräht einer in den Saal: »Kikeriki,« Schiller läßt sich nicht stören, Sessel werden gerückt, Kellner bieten frisches Bier an, Schiller spürt, daß ihm niemand recht zuhört, er redet weiter, aber es ist ihm, als spräche seine Stimme allein, gewissermaßen ohne ihn, er wird weitläufig, weiß, daß er schon längst hätte aufhören sollen, aber er kommt nicht in die Schlußstimmung (diese Empfehlungen am Schluß sind ihm überhaupt unerträglich), und seine letzte Aufforderung klingt schwunglos und unecht. Ein paar Leute klatschen und rufen Bravo, andere fangen an zu trampeln.

Da betritt ein kleiner kugelrunder Mann, Furtmüller, die Tribüne. Wie auf Kommando knattert ein Klatschen los, von der Galerie schreien wüste Stimmen: »Hoch! Hoch! Hoch! Furtmüller!« Der dicke Kandidat benimmt sich auf der Tribüne wie in seinem Schlafzimmer. Erst schenkt er sich ein Glas Wasser ein, zeigt es seinen Anhängern, »Wasser, bitte!« worauf ein Gelächter losplatzt, dann nimmt er einen Sessel, setzt ihn vor sich hin, so daß er die Lehne vor seinen Bauch stellt, und beginnt mit der ganzen Ungeniertheit eines alten Wirtes: »Meine hochverehrten Anwesenden! Ich hab' – keine kleine Angst gehabt, wie ich gehört hab', daß mein 71 Gegenkandidat der Herr von Schiller ist . . .« Auf der Galerie kichern sie schon und stoßen sich an, wie's jetzt lustig wird . . . »Meine Hochgeschätzten, ich bin ein alter Verehrer vom Schiller. Mit dem kann ein kleiner Gewerbsmann sich natürlich nicht vergleichen . . .« Jetzt lachen auch einige im Parterre . . . »Aber wie ich heute meinen sehr geehrten Gegner zum erstenmal gehört hab', meine Herren, da hab' ich mir gesagt, Andreas, hab' ich mir gesagt, das kann ja gar nicht der richtige Schiller sein!« . . . Jetzt quietscht der Saal, ein breites Kutscherlachen kugelt von der Galerie herunter, und unten schreit ein feister Armenrat schrill: »Großartig, bravo, Furtmüller!« Andere zischen. Furtmüller nimmt einen Schluck Wasser, dann packt er wieder seinen Sessel: »Ich glaube, unser Herr von Schiller ist nicht einmal der Urenkel von dem anderen Schiller, man merkt wenigstens nix von einer Verwandtschaft.« Wieder grölen die Kutscher. Eine spitze Stimme zerschneidet den wüsten Lärm: »Blöde Witze!« Da erheben sich die Hausknechte, Kutscher und Wirte, hundertfaches Geschrei tobt, Kutscherfäuste drohen zur Galerie, dicke Stöcke werden geschwenkt: »Hinaus mit dem Kerl!« Furtmüller aber schiebt seinen Sessel weg, geht an den Rand der Tribüne und klatscht dreimal in die Hände Ruhe: »Aber, aber, meine Herrschaften, regen Sie sich nicht weiter auf. Wenn dem Herrn meine Witze net g'fallen, so soll er halt auf die Witze vom Herrn von Schiller warten . . . Ein echter Wiener wird doch an Spaß verstehn! So fad wie die Norddeutschen, die mit an Leichenbittergesicht dahergehen, sind wir Wiener eben net. Und weil i grad von Leichenbitter 72 red', komm' ich gleich auf meinen sehr geehrten Gegenkandidaten zurück.« (»Großartig,« der dicke Armenrat schlägt sich auf die Schenkel, und wie auf Kommando klatschen die Kutscherhände zehnmal ineinander.) »Also, meine verehrten Herren, Sie wissen, mein Gegenkandidat ist ein trauriger Herr. Sind wir froh, daß er uns net gleich die Bierkrügeln konfisziert und dafür einem jeden ein Milchflaschel auf den Tisch g'stellt hat.« Die Kutscher schütteln sich. »Ja, meine Herren, net einmal das eine Krügel Bier vergönnt uns der Herr von Schiller. Wir sollen nur mehr Wasser trinken oder Milchbrüder werden, aber da tu' i net mit. Ich hab' schon seit dreiundfufzig Jahr' ka Milch trunken, seit ich nämlich Kundschaft bei meiner hochgeehrten Amme war.« Furtmüller stellt den Sessel hin, damit die Anwesenden Zeit haben, zu lachen, denn daß das ein Schlager war, das weiß er. Das Gelächter kracht pünktlich los, es legt sich nach und nach, und nun fängt Furtmüller sehr geschickt, nämlich ganz leise an, blinzelt gemütlich, reibt sich die fettgepolsterten Hände und sagt schmunzelnd: »Wissen S', aber ich glaub', immer ist er doch nicht so trist, der Herr von Schiller. Dann und wann fühlt er sich ganz wohl, glaub' ich, zum Beispiel, wenn er am Sonntag mit einem feschen Weiberl im Fiaker in den Prater fahrt . . .«

Jetzt steht Weiner vor der Tribüne, hochrot im Gesicht, er schreit: »Pfui Teufel!« und spuckt hinauf. Im Nu hat ihn der dicke Armenrat erwischt, packt den schwächlichen Menschen an der Brust und schüttelt ihn fast aus den Kleidern. Schiller sieht's, springt mit drei Riesenschritten über die Tribüne, donnert dem Armenrat ins Ohr: »Loslassen!« Der Herr 73 Rat schaut auf, sieht in das rasende Gesicht Schillers und – gibt nach. Auch Hudalek hat sich durchgedrängt und faßt den Armenrat am Handgelenk: »Nur Ruhe! Auslassen oder . . .«

»Was wollen denn Sie? Ich hab ihn ja schon losgelassen!«

Furtmüller hat sich inzwischen wieder an den Rand der Tribüne gestellt und klatscht wieder, sich tief in die Knie beugend, dreimal in die Hände. Dazu schreit er mit heiserer Stimme: »Passen S' doch auf, Herr von Schiller! Das Schönste kommt erst! . . . Geben S' doch nach, Herr Armenrat! . . . Aber, meine Herren, mir sind doch alle Wiener . . . nur immer schön gemütlich.«

Im Saale brüllen die Kutscher: »Ruhe! . . . Laßt's den Furtmüller reden . . . Auseinander . . . Setzen!«

Schiller, Hudalek, Runtz ziehen Weiner an ihren Tisch.

Hudalek sagt streng zu Weiner: »Sie müssen sich auch in jeden Skandal einmischen!«

Furtmüller steht jetzt gelassen auf der Tribüne, die Hände in den Hosentaschen, wiegt seinen Bauch und sagt mit verstellter Stimme, kichernd: »Ich weiß nicht, was denn die Herren so aufregt. Ist es vielleicht net wahr, daß der arme Sozialist, der traurige Herr von Schiller, gestern im Fiaker im Prater war? Und die Dame neben ihm war gar net so übel und hochelegant, wie sich's eben gehört zu an echten Wiener Fiaker.«

Im Saal wird's merkwürdig still.

Hudalek muß den Weiner fest am Arm halten: »Nur Ruhe.«

»Wir gönnen jedem seine Freud'. Hoffentlich hat der Herr von Schiller sich eine gute Stund' g'macht. Aber, bitte sehr, er soll uns andern auch was übrig lassen und uns net auf die 74 Milchflaschendiät setzen. Ich bin ein Mann, der's sagt, wie's ist, ich gehöre nicht zu die Herren Führer, die heimlich Wein trinken und öffentlich Milch predigen . . . Wenn Sie also einen geraden aufrichtigen Mann aus dem Volk wählen wollen, dann, bitte schön, wählen Sie meine Wenigkeit.« Ein ungeheurer Jubel geht los, ein Hochschreien und Applaudieren, ein Siegesjohlen und Bravoschreien, alles wie auf Kommando plötzlich endigend.

Runtz flüstert Hudalek mit roten Ohren zu: »Jetzt möchte ich reden!«

»Unterstehen Sie sich! Jetzt muß einer im Wiener Dialekt sprechen!«

»Na, und wenn? Ich sprech' schon beinahe fließend Wienerisch!«

»Still! Der Herr Gemeinderat Wisgrill wird reden.«

Schiller ist die ganze Zeit dagesessen, als ginge ihn das alles gar nichts an, er hat Furtmüller interessiert zugehört wie irgendeinem Vorstadtkomiker.

Der Vorsitzende erteilt irrtümlich, wie er später sagte, Herrn Schiller das Wort.

Aber der steht einfach bei seinem Tisch, geht gar nicht zur Tribüne und sagt nach kurzem Überlegen ganz laut mit unverändertem Gesicht, jede Silbe betont:

»Ich bin in meinem ganzen Leben nie der Gemeinheit Rede gestanden! Erwarten Sie nicht, daß ich auf die Niedrigkeiten des Herrn Furtmüller auch nur eine Silbe antworte!«

Die Versammlung ist ganz still, denn sie hält das für eine Einleitung. Aber da setzt sich Schiller wieder. Jetzt stürzt 75 der dicke Armenrat ganz nahe an Schillers Tisch und zischt ihm mit ganz hoher Stimme, während wüste Pfuirufe, dann wieder Biergelächter den Saal durchtosen, zu: »Sie sind entlarvt! . . . Entlarvt! Fiakersozi!!!« Das ist das Zeichen für die Galerie. Oben wird jetzt gepfiffen und gejuchzt. Einer trompetet durch die Hand und einer brüllt auf einer Automobilhupe. Eine Gruppe unten singt das Arbeiterlied, eine andere versucht die Volkshymne durchzusetzen. Die schrille Hupe auf der Galerie quietscht wahnsinnig. Mitten im Saal aber kreischt der dicke Armenrat auf dem Tisch stehend: »Fiakersozi! . . . Fiakersozi! . . .«

Hudalek steht neben Schiller, der unbewegt, nur wie ein Neugieriger zusieht. Jetzt fliegt ein Regen von Ansichtskarten von der Galerie und flattert durch den Saal. Alle drängen hin, um eine Karte zu erhaschen. Es sind Zeichnungen, die Schiller, im Fiaker sitzend darstellen, neben ihm ist eine verschleierte, pompös geputzte Dame. Unter dem Bilde steht: »Sonntagsvergnügen eines armen Arbeiterführers.« Runtz bringt Schiller eine Karte. Der regt sich kaum.

Hudalek hat eine Karte aufgefangen und sagt langsam zu Schiller: »Ob das alles taktisch richtig war, Genosse Schiller, das werden wir noch erörtern.« Ganz unnatürlich feierlich klingt das Wort »erörtern«.

»Bitte!«

Einen Moment lang ist es ruhiger geworden. Da legt Hudalek die Hände wie zu einem Sprachrohr vor den Mund und trompetet: »Herr Gemeinderat Wisgrill – bittet – ums–Wort!«

76 Wisgrill steigt auf die Tribüne und beginnt unbekümmert, ob er gehört werde, zu reden. Die Leute sehen, daß da oben einer spricht und werden ruhig. Es fällt Wisgrill gar nicht ein, die Stimme anzustrengen. Sollen die anderen still werden! Wirklich, Beruhigungslaute: »Ssst! Sch . . . Sch . . . Ssst!« sausen durch den Saal, endlich hören ihn alle.

». . . nicht als Politiker rede ich zu Ihnen. Fällt mir gar nicht ein. Ich gehöre ja – leider oder Gott sei Dank – keiner bestehenden Partei an. Ich glaube auch nicht, daß ich Ihre festen, wahrscheinlich wohlüberlegten Überzeugungen in einer Viertelstunde umkrempeln könnte. Meine Herren, auch nicht als Sohn einer alten christlichen Familie erbitte ich Ihre Aufmerksamkeit, sondern ich muß es Ihnen gestehen, als der eigentliche Verbrecher, von dem heute hier die Rede war . . . Ich muß Ihnen nämlich bekennen, die Fiakerfahrt im Prater habe ich auf dem Gewissen, ich und eine hochanständige Dame, eine verheiratete Frau, die Sie alle als Gentlemen, die Sie sind, wohl nicht mit dem Schmutz der Politik bewerfen werden.«

Schiller verzieht den Mund. Jetzt hat er ein Gefühl wie jemand, dem ein Regenwurm in den offenen Mund gekrochen ist: Pfui Teufel, das nennt man politische Diskussion! . . .

»Meine sehr geehrten Herren. Es gibt vielleicht naive Gemüter unter Ihnen, die meinen, für den Reichsrat kandidieren sei ein Vergnügen (einer kichert auf der Galerie), »aber ich sage Ihnen, vor allem ist es eine Riesenarbeit. Mein alter Schulfreund Gustav Schiller war am Sonntag so 77 erschöpft, daß ich und jene mütterliche Freundin ihn kurz entschlossen aus der Wahlkanzlei hinauswarfen und ihn in einen Fiaker steckten. Ich frage Sie, meine Herren, namentlich die Herren Gewerbetreibenden, und insbesondere die Herren Fiaker und Kutscher, wohin kommen wir, wenn dem einzelnen schon eine kurze Praterfahrt vorgeworfen wird?«

Ein »Sehr richtig!« purzelt plötzlich von der Galerie.

Wisgrill dreht sich direkt zu Furtmüller: »Mein lieber Herr Furtmüller, ich bin seit Jahren Stammgast in Ihrem Wirtshaus, ich habe bei Ihnen schon delikat gegessen und getrunken, wir Freunde des Volkes sind ja meistens auch Freunde eines guten Tropfens, und wenn Sie meinen alten Freund Schiller fragen, ob er dem Arbeitsmann lieber eine gebratene Gans und eine Flasche Gumpoldskirchner oder ein Hausbrot mit einem Sodawasser gönnt, so wird er sich nicht für das Sodawasser entscheiden.« (Das Lachen auf der Galerie wagt sich stärker hervor.) »Nein, mein lieber Herr Furtmüller, Sie als alter Wirt sollten das wissen: Jemandem eine Zeche vorwerfen, entschuldigen Sie, daß ich das offen sage, das ist eine Gemeinheit! und ich begreife meinen alten Freund, daß er darauf nur mit Verachtung geantwortet hat!«

Der liebenswürdige Redner ist allmählich pathetisch geworden, von oben prasselt Beifall auf ihn herunter, unten entsteht ein widerwilliges Gebrumm, aber alle spüren: Der beherrscht den Saal! Wisgrill redet Hochdeutsch, zuweilen verspricht er sich scheinbar und verfällt in ganz wienerische Töne, als ob er zeigen wollte, daß er das 78 Hochdeutsch nur gezwungenermaßen als Feiertagskleid trage, sein natürliches Gewand ist ungenierter.

». . . ich habe oft bei Ihnen gespeist, Herr von Furtmüller, aber meine Rechnung hat leider nicht nur aus Mineralwasser bestanden; muß ich fürchten, daß Sie jetzt hergehen und enthüllen: Dieser Schurke und Volksbetrüger, der Wisgrill, hat am zwölften Februar bei mir zwei oder drei Flaschen Gumpoldskirchner Auslese getrunken! . . . Nein, meine verehrten Anwesenden, mit dieser Methode wäre dem Wirt nicht genützt, mit dieser Methode hat man vor anständigen Gewerbsleuten kein Glück, mit dieser Methode würde man den ehrenwerten Stand der Fuhrwerker und Kutscher einfach zugrunderichten. Es würde ja keiner mehr eine Fahrt wagen!«

Ein Kutscher explodiert schon: »Bravo, Wisgrill! Nieder mit Furtmüller!«

Jetzt wirke ich, spürt Wisgrill, jetzt muß ich schließen: »Das ist Ihre Methode, Herr Furtmüller, eine miserable Methode. Unsere Methode ist die umgekehrte. Wir wollen die Kundschaft vergrößern, nicht verkleinern! Ja, wäre es denn so schrecklich, wenn der Arbeitsmann so entlohnt wäre, daß auch er einmal an einem Sonntag mit seiner Familie in einem leichten Wagerl aufs Land fahren könnte? (Jetzt habe ich den Saal!) Das ist unsere Methode, die Methode, neue Konsumenten zu schaffen, die Methode Karl Marx, die Methode Doktor Schauer, die Methode Gustav Schiller. So, jetzt entscheiden Sie!«

Hudalek klopft Wisgrill auf den Rücken: »Sie haben uns heute herausgerissen!«

79 Runtz watschelt lachend heran: »Großartig! . . . Christlicher Patrizier!«

Wisgrill sieht ihn an: »Na, Sie Jüngling aus Krotoschin! Bin ich das vielleicht nicht?«

Weiner sitzt neben Wisgrill und sagt nichts. Wisgrill zapft ihn gutgelaunt an:

»Wie waren denn Sie zufrieden, Weiner? Sie sind doch ein repräsentierender Mann des Bezirks!«

Weiner zuckt die Achseln: »Sehr schlau.«

»Das ist alles, Herr? Ich vertrage auch mehr Lob. Ihnen zuliebe hab' ich den Karl Marx eingeschmuggelt!«

Weiners ernste Judenaugen schauen auf: »Traurig genug, daß man so schlau sein soll!«

Am Abend vor der Wahl werden die Versammlungen früher geschlossen, weil die Wahlmacher schon um vier Uhr früh in den Agitationslokalen sein müssen.

In der Früh' klebt an allen Wänden das Bild Schillers in der Equipage, neben der verschleierten Dame.

Schiller ist gar nicht schlafen gegangen.

Schon um sechs Uhr rücken die Arbeiter truppweise, nach Fabriken geordnet, zu den Wahllokalen.

Schiller steht vor einer Schule, in der gewählt wird. Er sieht den fast militärischen Aufzug der Proletarier und murmelt aufatmend: »Darauf kommt es an, auf geordnete Regimenter.«

Um acht Uhr kommen die ersten einzelnen, dichter hintereinander, als Schiller vermutet hatte. Wieder diese dicken, schnapsgeröteten Kutschergesichter – ist denn die Welt 80 von Kutschern besiedelt? – aber auch magere, korrekte Beamte, dann wieder gutmütige, phlegmatische Bürger, die behäbig, staatsbürgerbewußt eintreten.

Schiller sucht jedes Gesicht zu ergründen. Unmöglich, denkt er, zu entscheiden, ob das einer der Unsern ist oder ein Gegner! Anna bringt ihm vormittags eine belegte Semmel: »Iß doch.«

»Sieh dir,« sagt Gustav mit einem bösen Lachen zu seiner Frau, »bitte, die Gesichter an. Du meinst ein gottverlassenes, nichtiges, leeres Gesicht als das eines Feindes zu erkennen, aber da zeigt sich's, daß er mit offenem Stimmzettel für mich stimmt. Daneben ein freies, belebtes, beseeltes Gesicht, und es ist doch ein Furtmüllerwähler. Ist das nicht schrecklich, daß die höhere Gesinnung nicht die Züge verändert? Noch vor drei Wochen hätte ich mir angemaßt, vom Antlitz jedes Vorübergehenden herunterzulesen, wohin er gehört. Jetzt weiß ich, daß nur wir, ein paar Menschen, die Politik als Schicksalssache fühlen, die anderen bleiben an der obersten Oberfläche . . . Viele leben noch gar nicht in ihrem Jahrhundert. Stell' dir vor, daß Anton Bruckner in diesem Bezirk wohnte. Er würde den Furtmüller wählen, jawohl, Bruckner!«

Runtz schleppt im Automobil die eleganten Wähler.

Mittags bringt er den Direktor Mandl zur Urne. Sie begegnen Schiller.

Mandl fragt: »Na, sind Sie mit mir zufrieden?«

Schiller verneigt sich dankend.

»Das haben Sie alles dem da zu danken,« sagt Mandl und deutet auf Runtz.

81 »Wenn eine Stichwahl kommt, schicken Sie ihn nur wieder zu mir!«

Schiller versteht nicht recht . . .

Runtz drängt: »Herr Direktor, wir haben keine Zeit, ich muß noch ein Dutzend Herren holen.«

Nachmittags, knapp vor Schluß der Wahl, begegnet Schiller einer Droschke, in der fünf Personen aufeinander hocken. Beim Kutscher sitzt ein sechster. Der dürre Gaul keucht über das Pflaster.

Schiller beißt die Zähne zusammen: daß sie sich nicht schämen, diese sechs bestialischen Gesellen, so öffentlich das Roß zu malträtieren. Da winkt ihm der eine vom Kutschbock, es ist Doras Lehrling, der Genosse Hutterer mit den Locken, er winkt und lacht Schiller zu und schreit über die Gasse: »Die fünf hab' ich noch eingefangen, wir fahren ins Wahllokal.« Schiller erkennt den Jüngling, geht ganz nahe an den Wagen und wirft ihm die Worte ins Gesicht: »Schämen Sie sich!«

»Waas?«

»Schämen Sie sich! Es gibt auch eine Ausbeutung der Tiere!«

Hutterer wirft wütend die Locken zurück: »Sie sind wohl übergeschnappt? Aber bitte, wir können auch aussteigen, dann versäumen wir die Wahl. Fünf Stimmen . . .«

»Beglücken Sie nicht mich, sondern dieses arme Roß! Steigen Sie nur aus, es ist ja scheußlich . . . Das wär' was zum Photographieren für den Furtmüller!«

Ah ja, das begreift Hutterer. Die Gegner könnten draus Kapital schlagen! Also, zwei Herren aus dem Wagen!

82 Um vier Uhr wird die Wahl geschlossen. Die Macher sitzen wieder dicht gedrängt in der dumpfen Kanzlei des Bildungsvereines.

Weiner hat in der Mitte des Tisches Platz genommen. Er hat eine Tabelle vor sich. Gerüchte, Beschwerden, Drohungen, Gelächter, Wetten, Erklärungen schwirren über seinen Kopf. Er sitzt über seine Tabelle gebeugt, aus jedem Distrikt soll ihm durch einen Radfahrer jedes Teilresultat gemeldet werden.

Die kleine Kanzlei muß abgesperrt werden. Die Leute können kaum mehr nebeneinander stehen, so dicht ist das Gedränge.

»Na,« fragt Schiller, »bin ich schon durchgefallen?«

Er glaubt keinen Moment daran und ist so sicher, daß er scherzt.

Weiner zuckt die Achseln: »Vielleicht . . . Stichwahl.«

»Im Ernst?«

Da zwängt sich der erste Radfahrer durch. Es wird totenstill. Man hört Weiners schwere Atemzüge. In diesem Distrikt ist Furtmüller mit zweihundert Stimmen im Vorsprung!

»Verloren,« sagt Hudalek breit und ruhig.

Niemand wagt ein lautes Wort.

Endlich sagt Runtz: »Ein Distrikt! Was kann man wissen.«

Der zweite Bote. Hundert Stimmen schreien ihm entgegen. Alles drängt sich um ihn. »Furtmüller vierzig Stimmen Vorsprung.«

Beklemmende Stille . . .

83 »Es wird doch besser,« schreit Runtz.

Frau Anna schleicht nach hinten. Dort hinten hockt auf einem Tisch Schiller mit steinernem Gesicht. Seine Beine baumeln gleichgültig herunter. Sie nimmt seine Hand.

Er lächelt schief: »Willst du mich trösten?« Ganz kalt ist seine Hand. Er denkt: Ich wüßte eine Hand, die mir mehr wert ist als diese ganze blöde Wahl . . .

In derselben Sekunde zieht Anna ihre Hand zurück.

Schiller fühlt sich fast ertappt:

»Was hast du, Anna?«

Sie sieht ihn an, streicht mit der Hand, sich selbst beruhigend, über ihren glatten Scheitel, und sagt: »Nichts . . . Dort kommt wieder ein Radfahrer.«

Ein Arbeiterdistrikt. Schiller sechshundert Stimmen Vorsprung. Ein Aufatmen, beinahe ein Singen geht durch die dumpfe Kanzlei.

Sogar Hudalek wird bewegt, geht zu Schillers Tisch, klopft ihm auf den Rücken und sagt aufmunternd: »Na, es kann noch gehn!«

Schiller lächelt flau und läßt seine Beine baumeln: »Auch gut.«

Er wartet nur auf einen Menschen. Wenn die eintritt! Da öffnet sich die Tür, und Doktor Schauer und Frau Dora kommen aus dem Zentralwahllokal. »Dort wird schon ›Hoch Furtmüller‹ geschrien,« sagt Schauer, »wie steht's denn, Weiner?«

Jetzt drehen sich alle zu dem kleinen blassen Menschen, der über seiner Tabelle brütet, notiert, addiert, vergleicht und nun die melancholischen Augen langsam hebt, etwas 84 sagen will . . . aber die Lippen sind ausgetrocknet, kein Wort kommt aus seinem Mund.

»Bringt ihm doch ein Glas Wasser!«

»Nichts,« flüstert Weiner, »danke . . . wir sind besiegt!« Er schaut zu Doktor Schauer auf. Seine Lippen zucken, allmählich füllen sich seine schwermütigen Augen mit Tränen, und plötzlich überfällt es ihn . . . ein Ruck, und durch den mageren Körper dieses schweigsamen Menschen zuckt ein unaufhaltsames, ein nicht zu beherrschendes Schluchzen.

». . . Aber, Weiner,« sagt Frau Anna ganz frisch und stark, »lieber Freund . . . Was liegt denn dran?«

Ganz still ist's einen Augenblick. Das Schluchzen des Wahlleiters zieht alle Kehlen zusammen.

Da drängt ein junger Mensch hervor. Er schlägt Weiner auf den Rücken und sagt: »Schäm' dich! Was liegt denn dran? So siegen wir das nächste Mal.« Es liegt eine Unbeirrbarkeit in der Stimme, eine Festigkeit im Gesicht dieses Jünglings, dem lange blonde Haare um die Ohren liegen, die alle bezwingt.

»Bravo, Hutterer,« ruft Schauer lustig, »na, so sind wir besiegt. Das ist auch ganz gesund, das kräftigt auch!« Schauers schmales Gesicht ist ganz Wille, ganz Spannung. Er vertieft sich in Weiners Tabelle, sein Gesicht wird ganz hart.

Dora tritt zu Schiller:

»Verzeihen Sie, ich muß nach Hause, der Engel ist krank.«

Schiller fragt bebend: »Kommen Sie vielleicht nachts ins Monopol?«

»Nein.«

85 Es ist so still im Zimmer, daß man ihr Flüstern hört.

Doktor Schauer fährt aus Weiners Tabellen auf und dreht sich um: »Bist du noch da, Dora?«

Jetzt sieht Schiller in Schauers Gesicht.

Irgendwo hat er einmal gelesen: »Blitz meiner Augen, fahre nieder!« Das ist Schauers Blick in dieser Sekunde!

Schiller gewahrt es jetzt nicht, daß Dora noch neben ihm steht und ihm die Hand entgegenhält.

Ein Bote kommt mit dem Schlußresultat:

»Furtmüller siebenhundert Stimmen Majorität!«

Schiller fühlt Schauers Blick auf sich, er springt vom Tisch: »Also – zum Hotel Union!«

Dort im Galeriesaal warten sie, eng aneinandergepreßt.

Schiller und Schauer treten ein, es wird ruhig im weiten Saal. Einer ruft: »Hoch Schiller!«

Aber Schauer winkt ab, und in dieser kleinen unfrohen Handbewegung liegt schon die Ankündigung der Niederlage.

Es zischelt, noch ehe ein Wort geredet wird, im Nu bis in die letzte Reihe im Saal: »Besiegt . . . Furtmüller gewählt.«

Plötzlich schreit einer wie toll: »Pfui! Pfui! Pfui!«

Wie ein Peitschensausen schwingen sich diese Pfuis durch den Saal und schwellen an, jetzt rast ein tausendstimmiger kreischender Schrei der Wut, der Enttäuschung, des Fiebers empor, ein ganz langer, wüster schriller Schrei, der wie ein Pfeifen ausklingt, und nur zuletzt läuft noch ein Schluchzen nach . . .

Schiller steht auf der Tribüne und kann im Rauschen der Wut lange nicht reden, obwohl Hudalek mit stumpfem 86 Gleichmut unermüdlich die Glocke schwingt. Immer sieht Schiller Schauers eisernes Gesicht vor sich. Für dieses Gesicht, das fühlt er, werde ich jetzt sprechen!

Endlich wird's still, und Schiller redet ganz ruhig, ohne eine Spur von Weichheit oder Schwäche: »Freunde! Was in dieser Stadt gemein, kleinlich, denkfaul ist, das hat heute gesiegt! Die Gemeinheit ist immer noch stärker, als wir dachten. Nun, das ist für uns ein leidenschaftlicher Zwang, selber noch fulminanter alles Kleinliche, Gemeine, Denkfaule zu bekriegen. Unsere Gegner nennen uns fanatisch. Wir waren es nicht oder nicht genug! Wohlan, wir wollen in dieser Stunde schwören, Fanatiker, richtige, wilde, unbeirrbare Fanatiker, eiserne Menschen zu werden! Mit diesem Schwur gehen wir nach Hause. Ich danke allen, die mit Hingabe gearbeitet haben!«

Er spürt, wie die festen Blicke Schauers auf ihm liegen, und er redet unter dieser Aufsicht. Nach Schluß hört er Schauers Stimme neben sich: »Ganz gut hat er das gemacht!«

Tausend Hände haben sich erhoben.

Ja, das ist ein Schwur!

Nun sieht man Hudalek auf einem Tisch stehen, mit den Armen dirigierend: »Abmarsch durch die Langegasse, achtet nicht auf die Polizisten draußen! Wir gehen ruhig nach Hause! . . . Nur Ruhe . . . Nur Ruhe!«

Eine Gruppe beginnt zu singen. Vom Gesang besänftigt, mit fiebernden Augen, ziehen sie nach Hause.

Schauer ist mitten in der Menge verschwunden. Auch Frau Anna ist fort. Sie hat oben auf der Galerie eine alte Dame in Schwarz entdeckt . . .

87 Jetzt erwartet sie die Dame auf der Galeriestiege. Es dauert lange, die anderen sind schon heruntergepoltert, da steigt die Greisin vorsichtig, aufs Geländer gestützt, herunter.

»Ich helfe Ihnen, gnädige Frau,« sagt Frau Anna.

Mama Schauer lächelt: »Gehen Sie lieber zu Ihrem Mann. Dort gehören Sie hin.«

»Ach,« erwidert Anna, »der braucht mich heute nicht.«

Die alte Dame sieht ihr ins Gesicht. Das ist, denkt Anna, das große Auge, der durchdringende Blick des Sohnes: »Was denn, Frau Schiller?«

»Nichts . . . An solchen Tagen ist Schiller in der Redaktion oder allein.«

Die alte Dame lächelt: »Ist er denn schon so oft durchgefallen?«

»Gnädige Frau, kommen Sie mit mir durch die Küche, so entgehen Sie dem Gedränge.«

Draußen in der stillen Nebengasse hängt sich Mama Schauer in Annas Arm:

»Ja, ja, wir lassen uns von ihnen viel zu viel erziehen! Mein Sohn behandelt mich auch ganz miserabel. Sie tun nur so, als ob sie zu uns gehörten . . . Was nützt es uns, daß sie uns erzählen, daß sie uns lieben. Wir wollen es spüren, bei ihnen spüren!«

Dabei lächelt die alte Dame und streichelt Annas Hand.

Schiller steht vor der Tür des Saales, ganz im Finstern, der Zug der Hinausströmenden muß an ihm vorbei, und er hört einen Mann nachrechnen: »Diese Wahl hat, gering geschätzt, zwölftausend Kronen gekostet.« Da spürt er, daß 88 die kleinen Gedanken wie Läuse sich doch in die innere Welt derer einnisten, die er eben als Fanatiker angeredet hatte. Ach Gott, das alles war Deklamation, denkt er, und nicht einmal meine eigene. Schauer hat aus mir geredet.

Hudalek tritt zu ihm: »Genosse Schiller, morgen abend halten wir Schlußsitzung des Wahlkomitees,« dabei legt er ihm gewichtig die Hand auf die Schulter.

Schiller faßt Hudaleks Hand und führt sie energisch herunter. Keiner soll ihn jetzt berühren! . . . »Schön. ich weiß.«

Eine Kette Polizisten pflanzt sich vor den Saalausgang.

Ein paar junge Leute lachen ihnen noch aus dem Saal höhnisch zu: »Nur schön ruhig . . . immer ruhig.«

Sofort drängt Hudalek mit der Macht seines Bauches zu ihnen: »Ruhe! . . . Provoziert wird nicht! Verstanden?«

»Na, na, na,« die Bürschchen gehen eingeschüchtert weiter, zehn Schritte entfernt, schreit einer höhnisch: »Nur Ruhe . . . Nur Ruhe.«

Aber ins Freie gelassen, hört die Menge plötzlich irgendwo im Finstern das aufregende Getrappel der Polizeirösser. Sofort staut die Menge, die Leute drängen aneinander, hinter dem Wall von Menschen blitzen jetzt blanke Polizeisäbel. Da bricht noch einmal ein rasender Wutschrei aus den Kehlen, die Fenster der Gassen fliegen auf, jetzt wird vom dritten und vierten Stock aus gerufen und mit Tüchern gewinkt, aber Hudalek hat Dutzende Helfer bekommen. Mitten im Knäuel der Erregten steht immer mindestens ein Mann, der nicht ohne Strenge sagt: »Ruhig, Genossen, ruhig . . . wir lassen uns nicht provozieren.« Das wirkt 89 wie eine chemische Säure, die Wildesten werden still, und nur die Blicke zu den Mann an Mann gereihten Polizisten strotzen von Beleidigungen.

Plötzlich steht ein kleiner Kerl vor dem kommandierenden Polizeikommissär zu Pferd.

»Zieh' ab, blöder Reiter!«

Der Kommissär will offenbar keinen Skandal haben und sieht geflissentlich auf die andere Seite.

Der Schuster Huber schreit aber halbheiser: »Furtmüllergarde, pfuuui! Furtmüllerwächter, schämt euch!«

Jetzt sagt der Reiteroffizier streng:

»Entfernen Sie sich ruhig, Sie kennen wir!«

Hudalek ist schon zur Stelle.

»Ruhig, Huber, wir gehen nach Hause.«

Huber stößt den Schmerbauch von sich: »Immer nur ruhig, ruhig, ruhig . . . da schau, wie sie lachen, die Furtmüllerg'sichter.«

»Reg' dich nicht auf, Huber,« Hudalek versucht sanft zu reden.

»Ich bleib' da, er kennt mich und ich kenn' ihn – den da!«

Das magere werkstattbleiche Gesicht des Schusters ist verzerrt, alles Blut steigt ihm plötzlich zu Kopf, er haßt diese Kerle in Uniform . . .

Bis in den Saal hinein geht ein Zischeln: Polizei ist da. Es wird was geben!

Der Strom der Abziehenden stockt, ein Geschiebe und Gedränge entsteht, die Kette der Wachleute schwankt . . .

Nun hört man die kratzende Stimme des Kommissärs: »Auseinander! . . . Im Namen des Gesetzes . . . Auseinander! . . .«

90 Sein Säbel fliegt silberhell aus der Scheide.

Da stieben sie zur Seite.

Nur einer steht, und seine Augen treten aus den Höhlen: »Dich kenn' ich! . . . Pfui!«

Da haben ihn auf einen Wink zwei Polizisten gefaßt und hinter die Kette geschleppt. »Furtmüllergarde!« ganz heiser ist der Schuster schon.

Hudalek aber steht mit ausgebreiteten Armen unter den Gaffern und dirigiert mit Bauch und Stimme: »Ruhe . . . nur Ruhe! . . . Wir lassen uns nicht provozieren.« Dann tritt er zu dem Berittenen: »Versorgen Sie den Säbel, Herr Kommissär, und ich garantiere Ihnen, daß die Gasse in fünf Minuten leer ist . . .«

Wirklich, in fünf Minuten werden die Fenster geschlossen. Weit und breit kein Schreier mehr, ein Hausmeister steht vor dem Tor, blickt durch die leere Gasse, zieht den Schlafrock eng um die fröstelnden Beine und brummt: »So, jetzt ist wieder Ruhe für einige Jahre!«

Schiller ist zuletzt in eine Nebengasse entschlüpft. Mit langen Schritten läuft er über das hallende Pflaster. Ins Café Monopol geht er nicht. Wozu? Er weiß ganz genau, was dort in der Nische gekocht wird. Helferich wird das Wort an sich reißen. »Na, was hab' ich gesagt? Das ist kein Kandidat, das ist schon der Messias,« oder sonst einen Witz. Hudalek wird die Hände auf den Bauch legen und mit der Bedeutsamkeit der Parteiregierung erklären: »Er ist leider kein Taktiker,« Runtz wird Weiner ins Ohr sagen: »Na, sag', Leopold, wäre ich nicht der Richtige gewesen?« Wisgrill 91 wird alle Leute fragen, ob sie seine letzte Rede gehört haben, ohne die es noch viel ärger gewesen wäre. Schauer aber wird dasitzen, zuhören und schweigen. Wird das Geträtsche zu arg, so wird er einfach sagen: »Ruhe! Schiller ist ein sehr brauchbarer Mensch!« Brauchbar, das war Schauers höchstes Lob. »Wir sind alle nur Ziegelsteine zu einem Bau.« Auch eine Wertung!

Da fällt Schiller ein: Anna wartet vielleicht im Café! Sie soll nicht stundenlang dasitzen, nein, sie such' ich auf. Ich geh' nur einen Moment ins Café und sag' ihr Guten Abend.

Die gelben Vorhänge hängen vor den Fenstern des Cafés. Auch die Nische ist verhängt. Schiller steht auf dem gegenüberliegenden Pflaster und blinzelt hinein. Wie ich mich belüge, sagt er sich, während er auf den Zehen steht, ich suche doch die andere, ich suche doch nur Dora . . . Da hocken sie beisammen, Helferich schreit, Runtz grinst aus Gefälligkeit, Weiner bohrt in der Nase. Wisgrill streckt lang die Beine von sich und klopft sich auf die karierte Hose, Hudalek setzt ein Bierglas an den Mund, Anna sitzt in der Ecke und legt ihre Hand auf die Stirn, nur ganz flüchtig, man soll nicht sagen, daß sie heute tragische Gesten hat, dann sitzt sie wieder starr und schaut zur Tür.

Schiller hält sich, während er rekognosziert, an einer Straßenlaterne an. Plötzlich sieht er am Ende der Gasse, einen Moment lang vom krassen Licht einer Bogenlampe beleuchtet, Doktor Schauer langsam mit seiner Mutter kommen.

Nur ein Gedanke brennt in ihm: Jetzt such' ich Dora auf! Ich stehe nur vor ihrem Haus, oder ich gehe nur an ihre Tür, 92 reich' ihr die Hand und küsse ihre weißen Finger. Ich will ihr nur zeigen, daß mir diese Wahl ganz Wurst ist, es war vielleicht überhaupt ein Unsinn, daß ich mich mit Herrn Furtmüller in eine politische Schönheitskonkurrenz eingelassen habe, aber sie soll sehen, wie glatt das an mir herunterläuft. Wichtig ist – eine weiße Hand zu drücken!

Schiller steht auf einem dunkeln fremden Gang. Er brennt ein Streichholz an und sieht auf einer breiten Tür ein Messingschild: »Dr. Karl Schauer«. Er lächelt, klopft, horcht in fremdes Dunkel, klopft ein zweites Mal, hustet, um sich gewissermaßen zu legitimieren, horcht . . . Jetzt raschelt etwas hinter der Tür, etwas Weißes steht im Türspalt.

Schiller sagt: »Dora«. Die eigene Stimme kommt ihm plötzlich fremd vor: »Erschrecken Sie nicht! Ich geh' sogleich wieder, ich hatte nur das Gefühl, ich muß heute noch Ihre Stimme hören!«

»Gustav . . .« Zwei weiße Hände tasten nach seinem Kopf.

Plötzlich fühlt er ihren Hals an seiner Wange, sein Mund spürt die Wölbung zur Schulter, dann fühlt er ein Pressen starker Arme um seinen Körper, ein heftiges Anschmiegen, ein kraftloses Nachlassen, ein Streicheln . . . An seiner Hüfte spürt er ihre Hand.

Eine Kinderstimme weint irgendwo drinnen im Dunkeln. Dora ist plötzlich weg. Aber aus dem Türspalt langt noch einmal ihr nackter Arm heraus . . .

Schiller steht wieder auf der Straße.

Die warten noch im Café. Aber was gehen ihn jetzt Hudalek und Furtmüller und Runtz und Stransky an? 93 Schauers Blick in der Wahlkanzlei fällt ihm ein, dieser Gewitterblick zu Dora, als sie neben ihm stand. Unsinn, das Kind ist krank, er wollte, daß sie nach Hause geht. Und wenn es ein anderer Blick war? Nun, wenn? Was soll ich denn tun? Soll ich jetzt ins Café gehen, ihn beiseite rufen: »Genosse Schauer, seien Sie so freundlich, überlassen Sie mir gefälligst Ihre Frau!« O, wie gut das jetzt wäre, Säbel gegen Säbel loszugehen! . . . Ich bin abgeschmackt, sagt sich Schiller, mit dem Säbel gegen einen alten Mann! . . . Nein, es gibt nur eines: Mit ihr auf und davon! In Sizilien herumsteigen oder auf einem großen Dampfer nach Japan fahren oder in Indien landen . . .

Als Anna gegen drei Uhr nachts nach Hause kam, da findet sie ihn nicht am Klavier, wie sie gedacht hatte, sondern er steht in seinem Zimmer und packt Koffer.

Sie geht nicht zu ihm hinein, sondern schleicht auf den Zehen, damit er sie gar nicht höre, in ihr Schlafzimmer. 94

 


 

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