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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Kaffeehäuser sind Orientalismus, ich weiß, nichtstuerisches Lungern, Zeitverderben, das Hirn mit Zeitungswichtigkeiten ausfüllen. Schon gut. Aber es hat Zeiten gegeben (und sie kommen morgen vielleicht wieder), wo das Café das allgemeine Territorium war, freier als ein Klub, ungezwungener als ein Seminar, geladen mit allen elektrischen Strömen der Zeit. Hier im Café Monopol steckt der Musiker den Mediziner an, lernt der Volksredner vom ersten Helden, der Professor vom Propheten, die Frauenführerin von der Kokotte. Die Geister streifen sich zuweilen nur, zuweilen stoßen sie wütend aufeinander, zuweilen schmiegen sie sich parasitär aneinander, zuweilen sehen sie sich in die Augen und fliehen entsetzt voreinander. Aber es sind Elektrizitäten in dieser Luft, glaubt mir!

Schiller und Doktor Wisgrill treten ein. Es ist gegen halb Elf. Gelbes Gaslicht beglänzt die fahlen Marmortische. Ein Kellner schläft in einer Ecke, im Büfett sitzt ein blondes üppiges Fräulein und schreibt auf einem rosa Briefpapier an einen Eduard.

Aus einer Fensternische winkt eine Dame: »Da sind wir.«

Neben ihr sitzt ein Jüngling mit halblangem Haar und Arbeiterhänden. Frau Schauer stellt ihn vor:

»Genosse Hutterer.«

39 Wisgrill fragt: »Wo sind denn die anderen?«

Dora: »Hinten im Spielzimmer. Es wird etwas Wichtiges ausgekocht.«

»Warum kochen Sie nicht mit?«

»Wir sitzen hier und lernen Französisch, Hutterer und ich.«

Wisgrill hebt die Zeitung hoch, die sie in der Hand hat: Vie parisienne. Das lass' ich mir gefallen. Na, kapieren Sie schon was, Hutterer?«

Der junge Arbeiter wird rot, streicht mit der Hand durchs halblange Haar und sagt dann: »Genug!« In seiner Einsilbigkeit liegt Feindseligkeit.

Wisgrill tut, als bemerkte er es nicht, zieht sein silbernes Zigarettenetui aus der Westentasche und bietet Frau Schauer eine Zigarette an. Die besieht es von oben und unten:

»Was für ein reizendes Etui. Ganz einfach – Silber, kein Ornament, nicht einmal ein Monogramm, nur das Material – reizend. Sehen Sie, Hutterer, das ist schön. Jedes hineingekritzelte Zeug wäre häßlich.« Sie reicht es dem Jüngling.

Der nimmt es, anstandshalber, sieht es eine Sekunde an und sagt dann, immer mit derselben Kürze: »Das interessiert mich nicht.«

»Hutterer,« sagt Dora mit einem Gouvernantenton, »da haben Sie ganz unrecht, die Arbeiter sind leider noch für Makartbuketts und dergleichen. Ihr werdet noch den Zukunftsstaat altdeutsch einrichten!«

O, wie schnell die Silben über ihren rundlichen Mund kollern! Im Eifer fällt eine ihrer Locken über die Stirn, 40 und ihre lange, weiße Hand muß in der matten, rotbraunen Fülle wühlen, ehe das Haar wieder in Ordnung hält.

Wisgrill entschuldigt sich und steht auf, er muß doch hören, was die da hinten auskochen.

Schiller bleibt in der Nische, den beiden gegenüber.

»Was haben Sie denn da für einen neuen Schmuck?« Er deutet auf ein goldenes Medaillon, das ihr an einer dünnen Kette um den Hals wippt.

Dora beugt sich anbietend vor: »Sehen Sie sich's an.«

Schillers Hand ist ungeschickt, er kann es nicht gleich öffnen.

»Na, raten Sie.« Dabei legt sie die wohlgepflegte Hand über ihren Hals, der aus der weißen Krause schlank hervorwächst.

»Eine Photographie?«

»Natürlich.«

»Schauer?«

»Nein.«

»Die Kleine?«

»Ja, den Engel.«

Und sie öffnet das Medaillon und beugt sich wieder hinüber. Schiller ertappt sich bei dem Gedanken, daß er jetzt die Spitzen ihres Hemdes und den weißen Ansatz ihrer Brust sehen kann.

»Ist es nicht entzückend?«

Schiller ist etwas geistesabwesend: ». . . Ja.«

»Ah, Sie sind auch so ein Barbar! Haben Sie keinen Sinn für Kinder? Ich teile die Menschen ein in Barbaren und Menschen. Barbaren sind Menschen, die mit Kindern nicht spielen können, Menschen sind selber Kinder.«

41 O, wie die Weisheiten schnell über ihre Lippen kollern! Wieder legt sie die lange, weiße Hand über das Medaillon, beugt sich zurück und flüstert halblaut:

»Ich könnte nicht leben ohne den Engel.«

Dann dreht sie sich zu dem Jüngling und schlägt ihm die Vie parisienne aus der Hand und fragt: »Et vous, aimez-vous les enfants?«

Ganz sicher erwidert der junge Mann: »Oui, madame.«

»Spricht er nicht schon ganz gut? Schiller, sagen Sie.«

Aber gerade jetzt wird die Tür des Spielzimmers geöffnet. Schauer, Hudalek, Wisgrill, Helferich und Weiner kommen heraus. Runtz ist den anderen hastig vorausgezappelt: »Guten Abend . . . Na, ich gratulier', Genosse Schiller.«

Noch aus einiger Entfernung poltert Helferich los: »Das sieht Ihnen ähnlich! Warum sind Sie denn nicht hereingekommen?«

Hudalek tritt an ihn heran, mit der ganzen Gewichtigkeit seiner breiten Masse: »Also, ich gratulier' Ihnen, Genosse Schiller, Sie sollen in der Leopoldstadt kandidieren!«

Schiller ist starr: »Lächerlich, das Mandat gehört doch dem Doktor Schauer.«

»Beruhigen Sie sich,« sagt Schauer, »setzen Sie sich nur wieder nieder. Das Mandat gehört Ihnen, wenn Sie nämlich siegen.«

»Das ist sicher,« schreit Runtz.

»Sicher ist gar nichts, und was mich betrifft, wissen Sie, ich bin ein bissel eigensinnig, ich möchte in einem Arbeiterbezirk gewählt werden!«

42 »Jetzt, lern' Wienerisch!« sagt Wisgrill.

Helferich brummt: »Oder jüdeln.«

Hudaleks Hundertkilogestalt steht noch immer wie eine Mauer vor Schiller. Jetzt legt er ihm die feiste Hand auf die Schulter:

»Selbstverständlich kommt der Vorschlag vorher noch in die Bezirksversammlung.«

»Die werden sich wen bessern finden als mich.«

»Mein lieber Genosse Schiller, wenn wir Sie vorschlagen.«

Bei diesen Worten scheint Hudalek noch um zehn Kilo schwerer zu werden. Seine große runde Pratze klopft dem Kandidaten begütigend auf die Schulter.

Wisgrill lächelt: »Jetzt zitterst du vor der Bezirksversammlung?«

»Aber Schiller,« sagt Frau Schauer, »Doktor Wisgrill ist für Sie! Unser Franzl wird's schon machen.«

Schiller sitzt da unter diesen schwätzenden, lachenden, durcheinander kreuz und quer schreienden Leuten in der Nische, und ihm ist, als müßte er in die Luft springen vor Freude. Ganz still sitzt er da. Plötzlich fühlt er einen Blick auf sich, hinter ihm sitzt Doktor Schauer. Schiller dreht sich um. Der kleine Mann nickt ihm freundlich zu, wie wenn er sagte: »Dir gönn' ich's.« Am liebsten möchte Schiller aufstehen und den Führer beiseite nehmen und ihm ganz still etwas geloben, ihm die Hand drücken, noch einmal den guten Blick dieses großen Auges empfangen. Während er sich zu Schauer wendet, fühlt er, daß sich eine glatte, kühle Hand auf seine legt. Er zuckt zusammen.

43 »Erschrecken Sie doch nicht gar so,« sagt Frau Dora lächelnd, »ich wollte Ihnen auch gratulieren.«

Von der anderen Seite beugt sich Schauer zu ihm hinab und flüstert ihm ins Ohr: »Penize . . . Penize!«

»Waaas?«

»Richtig, Sie sind ja ein Germane. Das heißt: Geld! Diese Wahl wird Geld kosten.«

»Lächerlich, das bring' ich auf!«

»Na? . . . Und wer wird Ihnen bei der Wahl helfen, haben Sie schon darüber nachgedacht?«

»Sie, hoff' ich.«

Schauer legt ihm wieder begütigend die Hand aufs Knie: »Sie sind doch ein ›Künschtler‹. Ich kann Ihnen ja in ein paar Versammlungen reden, aber ich frag' Sie, wer hilft Ihnen bei der eigentlichen Arbeit?«

»Doktor Wisgrill, mein alter . . .«

Schauer schweigt, sieht den blonden Menschen an, lächelt, will was sagen, verschluckt es, rafft sich auf und wirft leise, ohne Aufregung, die Worte klar und deutlich hin:

»Darauf würde ich mich an Ihrer Stelle nicht einlassen!«

Schiller ist ganz perplex, aber da nimmt ihn der kleine, energische Mann bei der Hand, führt ihn zu Weiner hin, der sich an den großen Zeitungstisch zurückgezogen hat, und deutet auf ihn:

»Das ist der Mann, den Sie brauchen und der Ihnen bei der Wahl helfen wird. Der wird arbeiten!«

»Den kenn' ich ja, er ist ein wahrhaft begeisterter Mensch!«

44 »Nein,« sagt Schauer, »das allein wäre unwichtig, aber er setzt seine Begeisterung in Arbeit um, das ist das Entscheidende!«

Beim Fortgehen lauert ihm Runtz auf: »Genosse Schiller, seien Sie ganz unbesorgt, ich bin in der Bezirksversammlung. Passen Sie auf, wie ich für Sie arbeiten werde, und ich hab' einen kolossalen Anhang in der Leopoldstadt, als Buchhändler mein' ich.«

Es ist halb drei Uhr nachts, da steht Gustav Schiller wieder vor dem Landhaus in Döbling. Er schleicht in die Wohnung, zündet eine Kerze an, entkleidet sich, fährt ins Nachthemd und sieht nach, ob Anna schläft. Da liegt sie, wie im Frost zusammengehuschelt, das Gesicht in die Kissen gedreht, das Nachtjäckchen über dem Hemd. Gustav schwankt, ob er sie wecken und ihr's sagen soll.

Die Schlafende dreht sich unruhig in den Kissen, als wenn sie sich vor etwas verbergen müßte. Vielleicht belästigt sie das Licht der Kerze? Sie wirft sich auf die andere Seite und stöhnt im Schlafe.

»Anna . . . Anna, ich werde Abgeordneter!«

Im Schlaf hat sie den Kopf gedreht. Angst, Gereiztheit, als wäre sie im Schlafe verfolgt, liegt auf dem jungen Gesicht. Die Augenbrauen sind streng zusammengezogen, der Mund ist ein wenig geöffnet, als schmachte er.

»Anna . . . ich werde Abgeordneter!«

Anna schläft.

Schiller knöpft den Kragen ab: Ich lass' sie schlafen, denkt er, aber so ist unser Beisammensein . . . 45


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