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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel

Ein Mann wartet auf dich,« sagt Anna zu ihrem Mann, der um fünf Uhr nach Hause kommt. Schiller brummt verdrossen: »Du hättest ihn wegschicken sollen, ich versteh' dich wirklich zuweilen nicht, du weißt, daß ich in der ersten Stunde der Freiheit, wenn ich dieses entsetzliche Gefängnis ›Büro‹ hinter mir habe, vor allem aufatmen muß.«

»Der Mann kommt aus einem äußeren Vorort. Ich kann ihn nicht den langen Weg nochmals gehen lassen.«

»Gut, gut! Ich weiß schon, daß du fürsorglich sein kannst. Führ' ihn in mein Zimmer, ich komme gleich.«

Einige Minuten später sitzen Anna und Gustav an dem gedeckten Tisch auf dem geschützten Balkon. Regentropfen trommeln auf die Leinenplache.

»Wieder ein Vortrag, den ich halten soll,« sagt Gustav, »die Leute überlaufen mich, bitte, schicke sie von nun an weg, auch wenn sie aus den äußersten Vororten kommen. Sie sollen schreiben, schriftlich sagt man leichter nein. Schriftlich sagt man auch leichter ja! Wenn der Volksverein für den einundzwanzigsten Bezirk schreibt, so ist das was anderes, als wenn der Herr Wiskocil oder der Herr Löwy lebendig vor mir steht. Ich verliere die Illusion, wenn ich 32 so einen Abgesandten sehe. Ich müßte eigentlich immer mit einer Binde vor den Augen reden. Wenn ich die Gesichter der einzelnen vor mir sehe, verliere ich allen Schwung. Ah, Anna, ich bin doch im falschen Fahrwasser! Die eigentlichen Redner und Führer tragen sie gern, diese Binde, sie sehen nicht, für wen und mit wem sie reden, es redet aus ihnen. Wenn ich mir den Tag nach einem siegreichen Generalstreik denke: Hudalek in der Hofburg, Helferich in dem schönen alten Ministerium auf dem Judenplatz. Stransky als Statthalter – na, ich danke. Nein, wer eine Bewegung mitmacht, sollte blind für den Menschen sein. Revolution, ganz schön, aber der Mensch stört dabei!«

Anna beugt sich über die Teekanne und schenkt, vorsichtig auf die Schale schauend, den goldklaren Tee ein. Ihre Stimme klingt sanft und behutsam: »Du hast heute im Büro viel zu tun gehabt, nicht?«

Schiller antwortet nicht, sieht über sie hinweg zu den Wiesen drüben in nebelnasser Ferne, als suche er dort Beruhigung. Endlich sagt er leise gereizt: »Ich versteh' schon, du willst sagen, ich sehe die Leute nur als Fratzen, sie sind es gar nicht. Das ist die Kreditbank, die mir diesen schiefen Blick gibt . . .«

Anna sitzt ganz betroffen da, sie schaut und schaut auf die blauweiße Teekanne und den chinesischen Drachen, der drauf gemalt ist.

Schiller, gereizt durch diese absichtliche Stille, schaut zu Wiesen dort drüben und sagt, um einen Ton besänftigter: »Siehst du, diese blaue Teekanne und hier der Fauteuil, 33 und dort die Zigarette, das alles ist schuld daran, daß ich diesen tierisch-mechanischen Dienst machen muß. Wenn wir die Kraft hätten, diese dummen Bedürfnisse einfach abzuschaffen, wären wir wirklich frei. Dann würden wir mit einem Pappenstiel auskommen, und ich wäre nicht zerstört durch den Verkauf meiner besten Zeit.«

»Gustav, ich brauche den Fauteuil und die Zigarette wirklich nicht, aber . . .«

»Ich weiß schon, was du sagen willst! Das ist Schauers Weisheit. Jeder soll ein paar Stunden Ziegel schupfen . . . Aber da genügt mir schon das Ziegelschupfen für die Partei.«

»Was für einen Vortrag wollte denn der Mann?«

»Der? Der war gewiß zuerst bei Helferich. Ich schlage ihm vor, über revolutionäre Weltanschauungen zu reden, aber da wird er verlegen und sagt: ›Vielleicht lieber etwas Praktisches.‹ Ich wette mit dir, daß ihm das Helferich eingeblasen hat. Ich höre den förmlich schreien: ›Er soll nur einmal vom hohen Roß heruntersteigen, der Herr Schiller, und über was Vernünftiges reden, wie es die Leute brauchen . . .‹ Die Leute, die Leute! . . . Er geht mir überhaupt schon auf die Nerven, dieser Helferich.«

Durch den Regen geht unten pfeifend ein Mensch, in seine Kapuze versteckt, mit Riesenschritten patscht er durch die Lachen. Jetzt klingelt er beim Tor: Doktor Wisgrill.

»Ah, ein warmer Tee, das tut gut, Frau Anna.« Er hat den Regenmantel mit einem Schwung abgeworfen, der wie ein Bekenntnis zur Jugend war, putzt nun, plötzlich alt und kurzsichtig, die trüben Gläser seines Zwickers klar. 34 Dann setzt er ihn auf sein dünnes, spitzes Gesicht, guckt orientierend von der Frau zum Manne, von dem Mann zur Frau:

»Was denn los? Stimmungen? Parteigenossen und Stimmungen? Unnötig, sagt Schauer.«

»Ein Vortrag bei den Gürtlern morgen paßt Gustav nicht. Was soll denn er über Organisation sagen? Das hat er doch schon dreißigmal erzählt.«

»Aber, liebste, beste Frau Schiller, dazu ist ja die Politik da! Politik ist die wiederholte Wiederholung des wiederholt Gesagten. Wir sind in erster Linie tüchtige Phonographen.«

»Um Gottes willen, reden Sie vor Gustav nicht über Phonographen und Grammophone, da wird er noch wilder.«

»Ja, lieber Freund, ich glaube, du bist in einem gefährlichen Irrtum. Du möchtest immer nur frische, eben reif gewordene Wahrheiten sagen. Du, da such' dir ein anderes Geschäft aus, in der Politik ist das unbeliebt und gefährlich.«

»Ich weiß schon, jetzt kommt deine alte Walze: Politik ist keine Kammermusik. Schon gut, schon gut . . . Aber da lauf' ich lieber gleich zu meinem Klavier!«

»Sei nicht gleich so wild. Ich nehme dir den morgigen Vortrag ab!«

Frau Anna lächelt: »Unser Franzl wird's schon machen, wie Hudalek sagt.«

Frau Anna und Doktor Wisgrill sind allein auf dem Balkon, fast im Dunkeln.

Drinnen sitzt Schiller und spielt Klavier.

»Was hat er denn?«

35 »Nichts, wahrscheinlich das Wetter.«

Der Regen rauscht, die Wiese duftet herüber, aus dem Zimmer fließt gelbes Licht in den Abend, und das Klavier erbebt unter dem Spieler. Gott weiß, was der spielt: die Revolution oder die verhaltene Rede, irgendein ungeheures, anschwellendes Heer, vielleicht den Auszug aus Ägypten, dann die furchtbare Stille in den leer gewordenen Hütten der ausgewanderten Juden und plötzlich wieder den drohenden, dröhnenden Aufmarsch oder den fürchterlichen Krach in der Versammlung, dann auf einmal ein Kichern, ein ganz hohes schrilles Kichern, ein Höhnen, wie Doktor Wisgrills Stimme, wenn er etwas ganz Zynisches sagt, Politik ist Phonographentum, jetzt hört man fast ein Grammophon quietschen, und plötzlich bricht ein Donnerwetter herein, es kichert zum letztenmal, denn nun dröhnt und donnert ein letztes Gericht, Häuser fallen. Chöre singen, Berge kreißen, die Welt gebiert ein neues Zeitalter. Zuletzt singt eine leise Stimme. Plötzlich kracht der Klavierdeckel herunter, die Hände fallen in den Schoß.

Schiller tritt lachend in die Balkontür: »Hast du's gehört, wie ich dich zerschmettert habe?«

»Na, und deiner Frau hast du das Leben geschenkt?«

Gustav sieht sie an, klopft ihr auf die Wange: »Gnadenweise, das letztemal.«

Anna lächelt, räumt den Tisch ab: »Wir könnten hineingehen. Es wird kalt.«

Sie zündet die Hängelampe an.

»Es regnet nicht mehr,« sagt Wisgrill auf dem Balkon.

36 »Und die Schwüle sind wir los, Anna,« ruft Schiller, »ich habe eine Idee. Fahren wir in die Stadt hinein, ins Café Monopol, heut bin ich den Menschen geneigt, und außerdem treffen wir Schauer.«

Wisgrill zwinkert: »Und seine Frau.«

»Und natürlich den neuen Macher, wie heißt er gleich?«

»Weiner.«

»Aber nein, das ist ein guter Junge, den andern, deinen Freund!«

»Runtz. Brauchbarer Bursche, wie Schauer zu sagen pflegt.«

Schiller holt schon seinen Kautschukmantel: »Na, kommst du, Anna?«

»Ich hab' nichts anzuziehen.«

Schiller stöhnt: »Siehst du, Wisgrill, das ist auch Wiederholung des wiederholt Gesagten. Komm, wie du bist, 's ist doch ganz ordentlich!«

»Nein!«

»Du, Anna, könntest du dir nicht einmal so ein einfaches Prinzeßkleid machen wie die Frau Schauer, ganz leicht, am Hals ausgeschnitten, eine weiße Krause oben – das sah doch sehr geschmackvoll aus und war doch gewiß sehr billig, nicht, Wisgrill?«

»Na . . . Ja.«

»Also kommst du, Anna, oder nicht?«

»Nicht!«

»Siehst du, Wisgrill, so ist sie!«

»Was soll denn ich im Café?«

37 »Nichts, was soll ich denn dort? Menschen sehen, Menschen hören, reden, dich verändern.«

»Danke . . .«

Durch die regenduftenden Straßen gehen Schiller und Wisgrill. Schiller hüpft zwischen den Lachen.

»Ich glaube, der Regen hat mir wohlgetan, ich könnte jetzt springen, so leicht fühl' ich mich . . . Heut soll der Helferich mir kommen! Die ›Leute‹! Und jetzt halt' ich just den Vortrag bei den Gürtlern, über Organisation!! Und ich werde denen was erzählen, von der Organisation des Sonnensystems bis zur Organisation des Protoplasmas und vom Verein der Gürtler bis zu einer fünfhundert Millionen starken Generalstreikorganisation über Europa! Den Leuten werden die Ohren klingen . . . Ah, der Regen! Wie das duftet! . . . Wie langweilig, daß Anna nie unter die Leute mag!« 38


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