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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel

Fünf Minuten vor neun Uhr zieht der Portier der Kreditbank tief seine Kappe:

»Ah, Herr von Schiller . . . Hab' schon gehört, Herr von Schiller treten wieder bei uns ein!«

Schiller tritt in die dunkle Torflur. Da rechts geht die große Privatstiege zur Wohnung des Direktors Mandl hinauf, diese teppichbelegte Stiege, die immer durch einen roten Strang abgesperrt ist. Nie noch hat man jemand über die Stiege gehen sehen . . . Da links liegen die Garderoben der Beamten. Hier stehen einige Kollegen, wechseln ihren Rock, schlüpfen in tintenbekleckste Bürojacken, deponieren Manschetten und Brieftaschen in ihren Kästchen . . . Schiller seufzt unwillkürlich auf. Mit einemmal fühlt er alle hellen Morgenstunden seiner Jugend, die hier in diesem halbdunklen Gang tagtäglich jählings abrissen. Frisch und singend ist er hier Tag für Tag eingezogen, die Tasche voll Melodien, und nachmittags um Vier ist er beschwert, ermattet, ausgesogen, mit beklommener Brust wieder an diesem Tor gestanden.

»O, Herr Kollege,« sagt ein Herr mit langgezwirbeltem Schnurrbart in Hemdärmeln plötzlich neben ihm, »welcher Glanz in unserer niederen Hütte.«

O Gott, denkt Schiller, jetzt beginnen die Gespräche mit den Kollegen.

377 »Kehren Sie wieder zu den Fleischtöpfen der Kreditbank zurück? In welche Abteilung kommen Sie denn? Vermutlich zu Runtz in die Korrespondenz?«

»Ja.«

Ein kleiner kurzsichtiger Mensch, der gerade den Kragen wechselt, winkt Schiller geheimnisvoll in eine Ecke.

»Mein Name ist Wertheimer, Genosse Wertheimer . . . Freut mich sehr, Sie wieder in unseren Reihen zu sehen,« er setzt den Zwicker auf, um Schiller genauer zu betrachten, »ich hoffe auf Ihren Beistand im Kampf der Bankbeamten gegen die da oben . . .« Er flüstert und deutet schüchtern mit dem kleinen Finger zur Privatstiege hinüber, »denn Sie müssen wissen . . . kommen Sie vielleicht einen Moment mit mir auf die Toilette, Genosse Schiller, hier nämlich gibt es immer Leute, die sich oben beliebt machen wollen, Sie müssen wissen, der Herr Runtz, der neue Prokurist, ist leider kein Freund unserer Bewegung, dennoch . . . die Bankbeamten sind aufgerüttelt! . . . Wir planen jetzt einen Vorstoß in Sachen des Quartiergeldes, das bisher nicht in die Pension eingerechnet wurde. Überall sonst, auch bei der Kommerzialbank, wird ein Drittel des Quartiergeldes . . .«

»Pardon,« sagt Schiller brüsk und geht auf einen kugelrunden kleinen Herrn zu, der eben eintritt.

»Knollmayer! Grüß' dich Gott!« So, denkt Schiller, während er dem Dicken die Hand reicht, jetzt bin ich wenigstens den Aufrüttler los! »Ich komme wieder zu euch!«

Der Dicke stutzt, sieht ihn mit kurzsichtigen Augen über die Brille hinweg an und murmelt: »Beileid!«

378 Schiller fragt freundlich: »Was macht deine Kleine?«

Aber der Kugelrunde hat die Uhr aus der Weste gezogen und flüstert: »Eine Minute vor Neun! Höchste Zeit . . . Der Prokurist steht dorten!«

Schiller dreht sich um. Wahrhaftig, mitten auf der Privatstiege steht Runtz mit einem Herrn, dem er nicht zuhört, und beobachtet den Aufmarsch der Beamten.

Schiller grüßt hinüber, artig, mit gezogenem Hut. –

Runtz dankt korrekt.

Nun steigt Schiller die Beamtenstiege hinauf, um in dem dämmerigen Vorzimmer der Direktion zu warten.

Ein neuer Diener, der Schiller nicht kennt, lädt ihn ein, bei einem langen Tisch Platz zu nehmen.

Da sitzt er und denkt: In einer halben Stunde hocke ich wieder an meinem Schreibtisch, schreibe fünfzig Briefe, die beginnen: »Auf Ihr Geehrtes vom 16. a. c. beehren wir uns höflichst . . .,« und fünfundvierzigmal im Tag die Schlußformel: »Indem wir Ihrer geschätzten Gegenäußerung umgehend entgegensehen . . .« Und er sieht dazu lauter hochgeschätzte, x-beinige, kleine Runtze, die umgehen und entgegensehen . . .

Dann erinnert er sich, wann er hier in diesem dämmerigen Zimmer das letztemal gesessen, damals brannte das Gaslicht, es war vor seiner Wahl, er hatte um Urlaub gebeten. Mandl war die Liebenswürdigkeit selbst, damals nannten sie ihn auch hier im Hause den »Kronprinzen«, damals war er am Beginne. Nun sitze ich da, schmählich besiegt, Herr Runtz grüßt mich gnädig von der Privatstiege her, Herr Mandl läßt mich einen halben Vormittag antichambrieren, und wenn 379 alles gut geht, kann ich teilnehmen an der Aufrüttelung der Bankbeamten und an dem Kampf um die Einrechnung des Quartiergeldes in die Pension . . .

Nach einer halben Stunde hört er jemand eilig kommen. Es ist Runtz, der mit gebogenen Armen, die Hand voll mit Briefen, an ihm vorbeiläuft, eine Sekunde stehenbleibt, ihm zuruft: »Waren Sie schon drin? . . . Bleiben Sie nur sitzen! . . . Sie werden gleich dran kommen!«

Dann dringt ein Herr sehr eilig ein, dem der Diener beflissen Pelz und Hut abnimmt und der sofort vorgelassen wird. Runtz sieht einen Moment durch die Tür: »Gedulden Sie sich, Schiller! In einer Viertelstunde!«

Schiller nickt wortlos . . .

Aus Langerweile öffnet er ein Fenster. Da sieht er in einen quadratisch gepflasterten Lichthof. In allen Fronten beleuchtete Fenster, gelbe Schreibtische mit grünen Lampen, Geschäftsbücher, Tabellen, Tintenfässer, Lineale, Löschrollen. Überall dieselben kurzsichtigen trüben oder geschniegelten Gesichter, diese runden Rücken, diese erstorbenen Augen, diese durchfurchten Wangen.

Er schaut in den Abgrund des Hofes und lächelt schief. Ich weiß schon, denkt er, jetzt kommt diese abgeschmackte Komödie vor mir selber, jetzt rede ich mir ein, ich könnte im ärgsten Falle da hinunter . . . Das gehört zu der dämmerigen Stube, in die es mich immer wieder drängt. Das hab' ich schon in der Schule gedacht, wenn ich hierbleiben mußte und allein im versperrten Klassenzimmer saß, das hab' ich beim Militär gedacht, wenn ich abends allein im 380 Mannschaftszimmer lag, und in der Nacht nach meinem Durchfall und damals in Florenz, als Dora in der Halle zum erstenmal auf Eroberungen ausging, und wie oft in meinem Kabinett in der Kreuzgasse, nicht nur, wenn die Schneider lärmten, nein, wenn sie still waren, so daß ich fühlen konnte, wie leer, wie ausgebrannt, wie erstorben ich selber bin . . . Ich müßte mich überrumpeln! Ich müßte mit dem Gedanken spielen, mich wie ein alter Schauspieler aufs Fensterbrett setzen, um mich selber mit dem Todesgedanken zu kitzeln, und dann müßte irgendeine Dora kommen und mir plötzlich mit energischer Kaltblütigkeit einen Schubs geben . . .

Die Tür geht auf.

Schiller hört seinen Namen rufen, läuft zurück.

Er tritt ein, verneigt sich. Direktor Mandl begrüßt ihn artig.

Schiller denkt: Er lädt mich nicht einmal ein, mich niederzusetzen!

»Also, wir wollen es wieder versuchen, Herr Schiller, obwohl ich, aufrichtig gestanden, kein Freund dieser Renaissancen bin, wenn man so sagen darf, aber Herr Runtz ist Ihnen ein warmer Freund, und Sie sollen ja außerhalb Ihres Berufes sehr reizvolle Künste treiben . . . Also, wie gesagt, wenn Sie mit Ihrem seinerzeitigen Anfangsgehalt wieder eintreten wollen, nun, so wollen wir's wieder mal versuchen.«

Schiller verneigt sich, stammelt unverständliche Worte. Es ist wieder, als ob seine Stimme nicht mittun wollte.

»Schön, dann bitte, Herr Runtz, führen Sie den Herrn in die Korrespondenzabteilung . . . Leben Sie wohl, Herr Schiller, ich hoffe, daß Sie uns nunmehr bis ans Ende treu bleiben!«

381 Auf dem Gange sieht Runtz ein bißchen scheu von der Seite auf Schiller.

»Ich sehe, Sie verachten uns jetzt sehr, weil wir Ihnen nur den Anfangsgehalt und nicht den der letzten Jahre geben . . . Es war schwer genug, das durchzusetzen.«

Schiller erwidert gar nichts, er wird dem Bürochef vorgestellt, dem Bürochefstellvertreter, dem ersten Korrespondenten. In seinen Verbeugungen liegt etwas Mechanisches, als wenn eine fremde Kraft bei der Verneigung seines Oberleibes mithülfe.

Jeder fragt: »Stenographieren Sie? Wieviel Worte?«

Dann weist man ihm seinen Schreibtisch an, er erhält Briefpapier mit der Aufschrift: Kreditbank, kopflose Bogen für das Konzept, eine Löschwiege, ein Lineal, zwei Federstiele, zwei Bleistifte, zehn Federn.

Er nimmt, was man ihm gibt, seine Lippen scheinen Dank zu murmeln, er setzt sich stumm und willig an seinen Schreibtisch, räumt seine Schreibsachen in die Lade und nimmt, sowie der erste Korrespondent ihn mit einem Blick auffordert, den Bleistift gehorsam zur Hand. Schon steht der erste Korrespondent gemütlich neben ihm, hält einen Brief – in Gedanken die Antwort suchend – in der Hand und bohrt, in seine Probleme vertieft, mit dem Zeigefinger eindringlich in der Nase.

»Also fangen wir gleich an! . . . Mit Bezug auf Ihr Geehrtes vom 23. 3 a. c. beehren wir uns . . .«

»Pardon,« sagt Schiller, »einen Moment entschuldigen Sie mich noch.«

»Was?« fragt der erste Korrespondent erstaunt.

Aber Schiller ist schon bei der Tür, schon über den Korridor und drüben im gashellen Wartezimmer. Er geht eilig, aber fest, riegelt das Fenster zum Lichthof kräftig auf, steigt blitzschnell auf das Trittbrett, sieht hinab auf den grau gepflasterten Grund und fühlt, den Kopf zum Fenster hinausbeugend, die ganze Tiefe des Sprunges. Er spürt genau den Schwung, den er sich jetzt geben müßte, er spürt, wie ihm die Lichter der grünen Lampen entgegentanzen, er spürt die schwindlige Schnelligkeit, mit der sein Körper jetzt hinuntersausen wird, er fühlt sich selbst als breiige Masse da drunten, mit einem Wort, er erlebt seinen Selbstmord, bevor er ihn begeht . . .

Eine Hand legt sich auf seinen Arm.

Schiller wendet sich zurück. Es ist Runtz: »Lieber Herr Schiller. Was sind denn das für Anwandlungen? Was fällt Ihnen denn ein? Glauben Sie mir, auch Sie werden sich an den regelmäßigen Dienst gewöhnen. Und in der Gehaltsfrage werden wir noch mit uns sprechen lassen. Wer wird denn gleich zu den extremsten Mitteln greifen? Es gibt Mittelwege, lieber Schiller, Mittelwege! Schauen Sie mich an, ich habe die Zeiten der Gärung vollkommen überstanden. Nein, mein lieber Schiller, Sie werden hier noch Ihr vierzigjähriges Beamtenjubiläum feiern.«

 


 

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