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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Kapitel

Stohandl sitzt nachmittagelang in Schauers Zimmer. »Was sagen Sie zu meinem Gegenkandidaten? Ihr Freund Wisgrill! Nehmen Sie ihn vielleicht noch in Schutz? – Hab' ich recht gehabt? Ein charakterloser Streber, sonst gar nichts!«

Schauer bietet ihm freundlich eine Zigarre an.

»Lieber Freund,« sagt Schauer langsam und reicht ihm gefällig ein brennendes Zündholz hin, »in einer großen Partei ist es nicht schwer, Charakter zu haben. Da trägt einen gewissermaßen der Strom! Wenn man nur ruhig ein paar Tempi machen kann und wenn man nicht ganz außergewöhnlich rabiat um sich haut, so schwimmt man von selber obenauf. Aber allein stehen und Charakter haben, das ist eine verzwickte Geschichte.«

»Wollen Sie ihn vielleicht noch in Schutz nehmen?«

»Gott behüte, es wird mir sogar Spaß machen, einmal gegen ihn zu reden, ich werde ihn nicht aufschlitzen, aber Sie werden doch zufrieden sein . . . Übrigens ist er sicher ein gefährlicher Kandidat, er hat gewiß die alteingesessenen Bürger für sich, der Furtmüller hetzt ihm die Gewerbetreibenden auf, der Schwarzenstein wird ihm schweren Herzens den Wahlfonds stärken . . . na, und die Pfaffen hat er ja jetzt auch für sich, was ich mir, nebenbei gesagt, vorläufig gar nicht vorstellen kann. Er ist gewiß das am meisten zynische 363 Luder gewesen, das mir je untergekommen ist. Das Pfaffentum hat ihn ausschließlich als erotisches Problem interessiert. Ich erinnere mich, daß er vor einigen Jahren, als er operiert werden mußte, durchaus nicht ins Währinger Sanatorium gehen wollte, weil dort Nonnen Pflegerinnen sind, er hatte Angst, wie er sagte, vor dem erotischen Mitleid.«

»Ah,« Stohandl lacht, zieht sein Notizbuch und kritzelt hinein, »gehen S', erzählen S' noch ein paar G'schichterln, die kann ich brauchen.«

Schauer nimmt ihm mit einem Griff das Notizbuch ab, reißt das Blatt heraus, schlägt das Büchel zu und übergibt es ihm wieder:

»Hören Sie auf, ich bin kein Privatdetektiv für Sie! Seid ihr denn alle närrisch geworden in diesem Wahlkampf? Gestern war der Hutterer da und hat verlangt, wir sollen der Liebesgeschichte mit der Mizzi Huber nachgehen. Hinausgeworfen hab' ich ihn!«

Stohandl zischelt: »Es geht halt nix über treue Freundschaft!«

Da nimmt ihn Schauer bei der Hand, die Finger Schauers liegen wie eine eiserne Klammer um sein Gelenk, Schauers Augenbrauen drohen: »Dummes Zeug! Ich bin gegen diese Methoden, weil wir, hoffentlich, in der Gemeinheit die Schwächeren sind! Ich will mit Ideen, nicht mit Skandalgeschichten kommen! Schließlich haben wir alle nicht bloß einen Kopf, sondern auch . . .«

»Wenn ich Ihnen aber nachweise, daß er das arme Mädel, die Mizzi Huber, an seinen Freund, den Fürsten Schwarzenstein, direkt verkuppelt hat?«

364 »Wenn Sie mir das nachweisen, dann glaub' ich's auch nicht!«

»Wenn ich's Ihnen aber schwarz auf weiß von der Huber selber bring'?«

»Dann phantasiert eine Theatergretl! . . . Übrigens, haben Sie's wirklich schwarz auf weiß?«

Stohandl kratzt sich: »Leider . . . noch nicht . . . aber jetzt werd' ich mir's eigens verschaffen.«


Eine Stunde später steht Stohandl im Vorzimmer des Fräulein Huber, Mitglied des Neuen Theaters. Das Stubenmädchen führt ihn in ein Wartezimmer mit rosaroten Tapeten, gelbseidenen Vorhängen, vergoldeten Sesseln und Tischen, Ottomanen mit Fellen, Polstern, Kissen. Ein Papagei kreischt. An den Wänden hängen kleine Photographien: Mizzi Huber als Page im seidenen Trikot, Mizzi Huber als Amor, halbnackt, Mizzi Huber in Venedig im Badekostüm, Mizzi Huber als Fürstin Demidoff in einem tiefdekolletierten Ballkleid, Mizzi Huber im Kostüm eines Husarenleutnants mit prallen Hosen.

Die Fenster sind fest geschlossen. »Puh,« stöhnt Stohandl, während er die Photographien gewissenhaft abguckt, »dieser fürchterliche Veilchenparfümgestank und die festgeschlossenen Fenster, wie bei einem Schuster!«

Mizzi tritt nicht ohne Würde ein, in einer spitzenbesetzten Matinee. Sie setzt sich an ihren Schreibtisch und fragt, mit einer einladenden Bewegung ihres bis zum Ellbogen nackten Armes: »Womit kann ich dienen, Herr Abgeordneter?«

Stohandl sitzt auf den weißen Kissen der Ottomane 365 einigermaßen unbehaglich. Er lächelt schief: »Sie erinnern sich wohl gar nicht mehr an mich? Ich war damals auch dabei, im Prater, wie Ihr verstorbener Bruder Sie gesucht hat!«

Mizzi spielt mit einem Papiermesser und sagt gleichgültig: »So?«

»Ja, aber deswegen komme ich natürlich nicht her . . . Was mich eigentlich herführt, ist die Frage, die einige Freunde Ihres armen Bruders beschäftigt hat, was denn nämlich mit dem kleinen Vinzenz geschehen ist.«

Da verliert Mizzi sofort alle Würde und Gespreiztheit, wirft das Papiermesser fort, dreht sich ganz zu Stohandl und sagt einfach froh: »Der ist natürlich bei mir! Ich halt' ihm einen Lehrer. Wissen S', mein armer Bruder war ein sehr guter Mensch, aber er war nicht genug streng. Jetzt muß der Vinzenz parieren und nachlernen, und dann möcht' ich ihn gern in die Kadettenschule geben. Er reitet so schön!«

»Soso,« sagt Stohandl und denkt: Wie komm' ich weiter?

Mizzi ist zutraulich geworden und sagt: »Der Fürst Schwarzenstein hat ihn in ein sehr feines Konvikt stecken wollen. Er hätt' das Schulgeld für ihn zahlen und überhaupt für ihn sorgen wollen, aber der Vinzenz bei den Pfaffen! . . . Nein, das paßt nicht!« Mizzi lacht, lacht mit dem Mund, lacht mit den Augen. Sie schüttelt das Lachen nur so aus.

»Wie ich sehe, sind Sie noch immer frei gesinnt.« Stohandl lächelt ein bißchen starr.

»Ja,« antwortet Mizzi freundlich. »Wann's mir gut geht, dann glaub' ich an gar nix! Nur wenn's mir schlecht geht, sind's nicht bös, Herr Stohandl, da geh' ich doch in die Kirchen.«

366 »Immer dasselbe mit den Damen,« sagt Stohandl elegant und holt seine Manschette aus dem Ärmel hervor. »Aber warum kommen Sie nicht lieber zu uns? Oft könnten wir Ihnen besser raten als die geistlichen Herren, die ja doch ziemlich weltfremd sind.«

»Ja, einmal wollt' ich wirklich in die Volkszeitung gehen.«

Stohandl langt förmlich nach der Antwort: »Warum?«

»Damals, nach dem Tod meines Bruders. Da hab' ich eine solche Wut auf die Polizei gehabt und auf die Regierung und auf den Fürsten Schwarzenstein, der war nämlich schon damals mein Freund, und da hab' ich ihn furchtbar schlecht behandelt. Vierzehn Tage hat er mir nicht unter die Augen dürfen, und einmal, wie er die Polizei hat verteidigen wollen, denken Sie sich, Herr Stohandl,« – Mizzi kichert und schaut sich um, ob, um Gottes willen, niemand sie höre – »denken Sie sich, da hab' ich ihm eine Ohrfeigen gegeben, und da war er beleidigt und ist fort, und ich war so froh über die Ohrfeigen, ich hab's in die Zeitung geben wollen! Aber es wär' doch gemein gewesen, und so hab' ich's lassen.«

»Hm, hm . . . Na, und dann sind Sie aber durch die Vermittlung des Doktor Wisgrill wieder gut geworden?«

»Ja, aber woher wissen Sie das?«

»Ich kann mir's denken. Er war sehr besorgt um Sie, der Herr Doktor Wisgrill.«

»Sie sagen das in einem so bösen Ton, Herr Stohandl.«

Stohandl sagt laut:

»Na, san ma ehrlich, der Wisgrill hat Sie loswerden wollen!«

367 Mizzi wird rot, nimmt das Papiermesser, spielt damit und sagt in halb gekränktem, halb feierlichem Ton:

»Herr Abgeordneter, das ist nicht sehr fein von Ihnen! Ich weiß schon, ihr habt alle einen großen Zorn auf ihn, weil er Bürgermeister geworden ist, und ich sollt' auch einen großen Zorn auf ihn haben, weil er geheiratet hat, aber deswegen ist er doch ein idealer Charakter, und ich weiß schon, wer Ihnen das gesagt hat, wahrscheinlich der Herr Runtz, der sich jetzt auf den Bankdirektor hinausspielt, und ich hab' ihn ja doch noch gekannt, wie er mit Büchern hausieren gegangen ist . . . Wenn Sie so einem Mann glauben, dann bedauere ich Sie!«

Mizzi steht auf, geradeso wie die tragische Salondame des Neuen Theaters im »Hüttenbesitzer« vorigen Sonntag nachmittag aufgestanden ist. Jetzt müßte Stohandl zu ihr stürzen, wie Philippe Derblay im dritten Akt zu Claire eilt, um ihre weiße Hand mit Küssen zu bedecken.

Stohandl aber bleibt sitzen, schaut auf seine kotigen Stiefel und sagt phlegmatisch: »Setzen Sie sich wieder, Fräulein Huber, und erzählen's mir lieber, was Sie jetzt spielen.«

Aber Mizzi erinnert sich, wie Claire im zweiten Akt den Kopf hoch hebt und über den armen Derblay verachtungsvoll hinwegblickt, und auch Stohandl wird Luft für sie, und sie verzieht den Mund verächtlich wie Claire im zweiten Akt und zuckt mit den Schultern und sagt eisig:

»Mein Herr, ich denke, wir sind fertig.«

Stohandl steht zögernd auf: »No, no, no, no . . . nur net gar so nobel, Frau Fürschtin!«

Aber da muß Mizzi herausplatzen, weil Stohandl alles 368 geglaubt hat, und sie lacht, lacht, lacht und schlägt die Hände zusammen und würde am liebsten zu tanzen anfangen.

Da läutet es.

»Das ist der Lehrer vom Vinzenz,« sagt Mizzi, »da muß ich Ihnen adieu sagen. Ich bin nämlich bei jeder Lektion dabei. Erstens, damit ich auf den Vinzenz aufpass', und zweitens . . . wissen S', ich will doch nicht ewig in Trikots Theater spielen. Also leben Sie wohl und sagen Sie den Herren, der Vinzenz ist sehr gut aufgehoben und geht zur Kavallerie!« – – – – – – – – –

Am Abend hockt Stohandl wieder bei Schauer.

»Schad, mit der Mizzi Huber ist nichts anzufangen.«

»Sehen Sie!«

»Aber für Sie hätte ich eine kleine Geschichte. Denken Sie sich, die Mizzi Huber hat dem Fürsten Schwarzenstein einmal eine Ohrfeige gegeben, und heute noch hat sie gestrahlt bei der Erinnerung! 's ist halt doch ein revolutionärer Kern in dem Mädel! . . . Herrgott, wenn man das so in einer Versammlung erzählen könnt', wenn der Herr Fürscht gar so staatsmännisch und hochnasig tut. Das müßte man ganz breit und spannend erzählen, so daß die Wähler sich den Fürschten ohne Ohrfeige gar nicht mehr vorstellen können. Jeder müßt' hinschauen auf seine Backe, ob sie noch rot ist . . .«

Schauer sieht ihn von der Seite an:

»Sie hat das Wahlfieber ordentlich beim Kragen! Was werden Sie erst knapp vor der Wahl auspacken! Und das nennen Sie dann die politische Erziehung des Volkes.«

Stohandl brummt: »Ich halt' mich ja eh zurück.« 369


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