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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Wisgrill liegt förmlich über dem Zeichentisch des Stadtbaudirektors, da wird er durch seinen Präsidialbeamten geholt, der Vizebürgermeister und Seine Durchlaucht Fürst Schwarzenstein lassen bitten.

»Schad', bei Ihnen erhol' ich mich,« sagt Wisgrill, »kommen Sie nachmittags zum schwarzen Kaffee hinüber in meine Wohnung. Da sind wir unbelästigt. Und nehmen Sie das alles mit, Karten, Katasterauszüge, Regulierungspläne, die neuen Tramwaylinien . . . Wenn man so in aller Stille einen ganzen Gürtel von Wald und Wiesen rings um die Stadt anlegen könnte, damit die Herren Bauspekulanten ihre Mietkasten nicht da hineinpatzen dürften! Sie, Direktor, aber da heißt's Mund halten! Weh Ihnen, wenn davon eine Silbe hinaufdringt!«

Fürst Schwarzenstein geht ungeduldig im Empfangssalon des Bürgermeisters auf und ab, Furtmüller hat sich in einen Fauteuil gezwängt, den seine Masse ausfüllt.

»Der Herr Bürgermeister läßt uns warten,« sagt Furtmüller breit.

Der Fürst schaut zum Fenster hinaus: »Ja, der Herr Doktor Wisgrill benötigt uns nicht mehr!«

»Glaubt er! Ich werd' ihm das schon ausdeutschen!«

354 Wisgrill grüßt kurz: »Na, was ist denn schon wieder? Setzen Sie sich, Durchlaucht, Sie schauen ja ganz aus wie das Jüngste Gericht, rein zum Fürchten. Was hab' ich denn wieder angestellt?«

»Herr Bürgermeister sind gut gelaunt,« sagt der Fürst spitzig, »das freut mich jedenfalls, wir kommen ja auch nicht mit leeren Händen . . . Wir kommen nämlich . . . im Auftrage des christlichen Wahlkomitees und bieten Ihnen die Reichsratskandidatur für den vierzehnten Bezirk an!«

»Nein!« Wisgrill streckt, erschrocken und den Erschrockenen spielend, die Hände beschwörend weit von sich.

»Doch,« wiederholt der Fürst, »es ist unser aussichtsreichster Bezirk. Wir wollten Sie zuerst im sechzehnten Bezirk aufstellen, aber dort kandidiert Herr Doktor Schauer, und so haben wir mit Rücksicht auf quasi private Fatalitäten davon Abstand genommen. Im vierzehnten Bezirk kandidiert nur ein gewisser Stohandl, dort sind Ihre Aussichten noch günstiger.«

Wisgrill läuft durchs Zimmer. Dann bleibt er hart vor Furtmüller stehen: »Ich weiß schon, wer mir das eingebrockt hat, aber die Stunde der Vergeltung wird kommen! Einmal sind Sie schon ganz danieder gewesen, mein lieber Furtmüller, ich war es, der den Fürsten dazu gebracht hat, Sie aufzurichten, und jetzt heizen Sie mir so ein!«

Der Fürst sagt in seiner höchsten Fistelstimme: »Sie scheinen nicht gerade erbaut von unserem Anerbieten?«

Da haut Wisgrill auf den schweren Eichentisch, daß die Wassergläser zitternd erklingen:

355 »Erbaut? Wenn Sie mir die Schlinge zuziehen! Sie wissen, ich taug' zu eurer Pfaffenkomödie nicht. Mir ist eure hohe Politik wurscht, wurscht, wurscht . . . Da, schauen S' auf diesen Plan von Wien: wie man das bissel Wald rund um Wien erhalten kann, das interessiert mich! . . . Ob man von der Rax eine Wasserleitung nach Wien bauen kann, das kümmert mich! . . . Das Maria-Theresien-Schlössel in Döbling, das ist mein Fall! Aber wie komm' ich denn dazu, in eure große, vollkommen unproduktive Schwatzpolitik hineingezogen zu werden? . . . Nein, sag' ich, nein, nein, nein! Ich mag nicht! Ein für allemal: Nein!«

Wisgrill schreit und stampft mit dem Fuß auf und schleudert ein Buch erbittert auf den Boden.

Der Fürst möchte denn doch fragen, ob man über ein gutgemeintes, quasi ehrendes Anerbieten nicht wenigstens in ruhigem und freundschaftlichem Ton verhandeln könnte . . .

»Ah was, ehrend! . . . Erzählen S' doch keine Märchen, Durchlaucht! Schauen denn die Leute heutzutage den an, den sie wählen? Was er sich für eine Etikette angepickt, ob er einen roten Zettel an der Stirn kleben hat oder einen weißen, das ist entscheidend! Stellen S' einen Barrierestock auf und nennen Sie ihn einen streng christlichen Politiker, so wählen ihn die wackeren Bürger. Na, und wenn Sie ihm ein rotes Gewand anziehen und ihm eine Grammophonwalze über die Lage des arbeitenden Volkes in den Bauch stecken, so wählen ihn die anderen . . . Wer schaut noch auf das G'sicht, auf den Habitus eines Kandidaten? Ehrend . . . ehrend! Daß ich nicht lach'!«

356 Furtmüller zieht sich vergnügt seine Weste über den Bauch:

»So redet ein Liebling des Volkes! Alle Achtung, Herr Bürgermeister!«

»Furtmüller, reizen Sie mich nicht! Ich könnt' sonst eines Tages die Geschichte eines angeblichen Konkurses auspacken.«

Furtmüller hat nichts gehört, seine fleischige Hand faßt den Arm des Fürsten, und er brummt milde:

»Es ist wahrscheinlich die Frau Gemahlin, die den Bürgermeister in das andere Lager treibt!«

»Nein, mein lieber Furtmüller, da sind Sie im Irrtum. Im Gegenteil, ich glaube die Frau Gemahlin des Herrn Bürgermeisters faßt die Situation gesünder, quasi realpolitischer auf. Die Frau Bürgermeister ist für die Kandidatur.«

Wisgrill stutzt. Hat er recht gehört?

»Lassen Sie meine Frau gefälligst aus dem Spiel.«

Der Fürst läßt sich in einen Fauteuil nieder und ladet Wisgrill mit liebenswürdiger Miene ein, daneben, zwischen Furtmüller und ihm, Platz zu nehmen: »Glauben Sie mir, mein lieber Wisgrill, ich begreife Ihre Abneigung durchaus, aber ich glaube, Sie lassen sich da, wie soll ich sagen, von allerlei Gefühlsvelleitäten leiten. Ich begreife andererseits vollkommen, daß ein Mann wie Furtmüller, der mit der christlichen Volksbewegung länger und tiefer verwachsen ist, einigermaßen betroffen ist, und Sie haben ganz recht, Furtmüller hat mir Vorwürfe gemacht; wir hatten gehofft, daß Sie schneller mit unserer jungen aufblühenden Bewegung verwachsen werden . . . Ich unterschätze Ihre kommunale 357 Wirksamkeit durchaus nicht, Freund Furtmüller gewiß noch weniger, und Sie wissen, daß Sie auch in hohen und höchsten Kreisen ausgesprochene Anhänger, ich möchte sagen, quasi Bewunderer gefunden haben. Wir sind sogar bei gewissen, beinahe sozialistischen Aktionen mit Ihnen gegangen, aber schließlich . . .«

»Schließlich . . . Entschuldigen, Durchlaucht, daß ich unterbreche, ich kann mich nicht länger zurückhalten: Ohne Majorität, lieber Franzl, bist du der Herr Niemand, und die Majorität . . . das sind wir!« Furtmüller wälzt sich in seinem Liegestuhl, während er redet, nach vorn, er scheint noch mehr in die Breite zu gehen.

Wisgrill entschuldigt sich: »Ich kann nicht sitzen, lassen Sie mich ein bissel herumgehen!«

Der Fürst begleitet ihn mit seinen Blicken, auf und ab durchs Zimmer: »Ich will Ihnen einmal was erzählen, um Ihnen zu beweisen, daß die Herrschaften drüben viel weniger gefühlvoll sind. Sie wissen, ich teile Ihre Abneigung gegen das Parteileben durchaus, oder, exakter ausgedrückt, ich habe sie geteilt. Ich hatte die Absicht, im ersten Bezirk zu kandidieren, gegen die jüdisch-freisinnigen Kandidaten, die Arbeiter kommen dort erst in zweiter Linie in Betracht. Es ist aber zweifellos, daß die christliche Volkspartei, gemeinsam mit den Arbeitern, das Mandat im ersten Bezirk erobern kann. Ich habe nun dieser Tage den Herren in der Volkszeitung meinen Besuch gemacht und ihnen nahegelegt, in diesem für sie aussichtslosen Bezirk keinen Kandidaten aufzustellen, eine Rücksicht, die ich im Hinblick auf meine – 358 ich darf wohl sagen – sehr, sehr wesentliche Mitarbeit am Zustandekommen der Wahlreform beanspruchen zu dürfen glaube . . . Was, meinen Sie, wurde mir geantwortet? Herr Doktor Schauer schwieg, aber dieser Redakteur Helferich, ein etwas prononcierter Herr, wollen wir sagen, schrie dazwischen: ›Rechnen Sie nicht auf unsere Dankbarkeit, in der Politik gibt's nur eine Pflicht, die Pflicht zu nehmen!‹ Ich gestattete mir die Zwischenbemerkung, ob die Herren damit quasi eine Pflicht zur Undankbarkeit konstruieren wollen? Herr Helferich schrie: ›Hängen Sie der Katz' diese Schelle um, das ist uns gleichgültig.‹ Und Herr Schauer sagte mit größter . . . na, sagen wir . . . Gelassenheit und mit diesem unartigen, arroganten Lächeln, das den Herren eigen ist: ›Durchlaucht, seien wir ehrlich: Sie werden doch nicht glauben, daß die Wahlreform ohne Sie nicht gekommen wäre?‹ ›Dieser Ansicht bin ich allerdings,‹ erwiderte ich und stand auf. Darauf schrie wieder dieser Herr Helferich: ›Sie sind ein Werkzeug der Geschichte, das lassen Sie sich einrahmen und hängen Sie's über Ihrem Schreibtisch auf, das ist Lohn genug!‹ Ich stand auf, denn ich hatte keine Ursache, mich noch verhöhnen zu lassen . . . Ich werde nun im sechzehnten Bezirk kandidieren, und meine Antwort ist der offene Eintritt in die christliche Volkspartei!«

Wisgrill wandert ruhelos durch das Zimmer, er hört dem Fürsten fast nicht zu.

Plötzlich zieht und hebt sich Furtmüllers Masse aus dem Fauteuil, er tritt Wisgrill mitten in den Weg, steckt die Hände in die Hosentaschen und sagt mit energischer Lautheit:

359 »Lieber Freund! Jetzt werd' ich Ihnen was sagen! Ganz kurz: Wollen Sie Bürgermeister bleiben oder nicht?«

Wisgrill stutzt. Das ist ein neuer Ton, in dem der da redet.

»Geben S' Antwort! Ja oder nein!«

Diesen Augenblick habe ich erwartet, denkt Wisgrill, ich habe nur eine Zeitlang dran vergessen. Der Furtmüller weiß ganz gut, was er redet. Es ist aus mit den Seiltänzerkünsten, die Politik ist keine Kammermusik . . . Meine Knie zittern . . .

Furtmüller erwischt einen Knopf von Wisgrills Weste.

»Lassen Sie mich doch aus!« ruft Wisgrill gereizt.

»Na, mei lieber Wisgrill, auslassen gibt's net mehr! Wer A sagt, muß auch B sagen!«

Furtmüller steht dicht vor Wisgrill und läßt den Knopf nicht los. Wisgrill riecht seinen Bieratem, er hört das Schnaufen des Dickwanstes, die patschige Fetthand lastet auf ihm. Dieser feiste Spießer, denkt Wisgrill, hat mich jetzt in der Hand, das ist mein Schicksal.

Er gibt sich einen Ruck und ist frei! Der Knopf kollert aufs Parkett.

»Sie ham Ihna beschädigt!« sagt Furtmüller drohend. »Geh'n ma, Durchlaucht!«

Der Fürst sagt an der Tür: »Wir geben Ihnen Bedenkzeit, Herr Bürgermeister, vierundzwanzig Stunden.«


Beim Mittagessen fragt Wisgrill plötzlich: »Wo hast du den Fürsten Schwarzenstein getroffen?«

»Nirgends,« sagt Dora beunruhigt, »wer dir das gesagt hat, der hat dich einfach belogen!«

360 Wisgrill sieht Dora an, sein Blick fragt: Warum denn gleich so aufgebracht? Das ist jedenfalls merkwürdig, er sagt nur: »Er behauptet, daß du auch dafür bist, daß ich für den Reichsrat kandidiere.«

»Natürlich,« Dora atmet auf und wird fröhlich, »da hat er auch ganz recht! Ich glaube, Franz, du bist, ohne daß du es weißt, viel zu bescheiden. Du weißt gar nicht, wie stark du auf die Menschen wirkst. Im Abgeordnetenhaus wirst du erst richtig über den Parteien stehen. Eine Partei ist für jeden größeren Geist nur ein Mittel, ein Instrument . . .«

Wie ihr die Klugheiten von den Lippen kollern, denkt Wisgrill lächelnd. Aber es ist angenehm, es lullt freundlich ein, sich so angenehme Dinge sagen zu lassen. Er schaut mit Behagen auf die glatte Silberschale mit den orangerot geränderten Narzissen, die in der Mitte des blühweiß gedeckten Tisches steht. Er sieht die hohen blauen Digitalisblüten in den langen böhmischen Gläsern auf der Kommode, er gewahrt die gelbroten Blättersträuße in der Rauchtischnische . . . Das ganze braune Zimmer blüht.

»Du steckst noch im Katechismus.« Dora zeigt ihre Zähnchen. »Ich glaube, ein Mann wie Furtmüller oder Helferich muß im stillen über dich lächeln. Soll ich dir sagen, warum? . . . Du bist eigentlich . . . sei mir nicht bös, es klingt wirklich schlimm . . . Du bist ein . . . sittlicher Politiker.« Dora sagt das sehr spitzig, beinahe kichernd.

Um Gottes willen, das kann sich Wisgrill denn doch nicht nachsagen lassen:

»Du stellst mich ja als lächerliche Figur hin!«

361 »Ein kleines bißchen lächerlich, so ein ganz klein wenig nur, so daß es gelegentlich rührend wirkt und auch für dich einnimmt – das bist du.«

Nach dem Speisen sitzt Dora an ihrem weißlackierten Schreibtisch, zieht aus der dunkelgrünen Ledermappe einen Bogen englischen Briefpapiers heraus, das in der Ecke die Aufschrift: »Frau Bürgermeister Dora Wisgrill« in bräunlich glänzenden Lettern trägt, und schreibt Seiner Durchlaucht, dem Fürsten Anton von und zu Schwarzenstein, daß sie den Fall mit ihrem Gatten nochmals gründlich durchbesprochen habe und daß er nun wahrscheinlich nicht länger zögern werde, die angebotene Kandidatur anzunehmen. 362


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