Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Stefan Großmann >

Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Vierter Teil

Erstes Kapitel

Jeder Erschaffer nützlicher oder schöner Dinge feiert sein Erntefest. Der Bildhauer erlebt eine Stunde, da tritt er erwartungsvoll zurück, lugt blinzelnd, mit geneigtem Kopf zu der steinernen Gestalt, die er geformt, und seine Hand streicht kosend über den geschliffenen Stein . . . Jeder Schneider geht um das Kleid herum, das der Besteller zum erstenmal trägt, zupft an einem Ärmel, hebt eine Falte und brummt: Gut sitzt es, gut! . . . Einmal sah ich einen alten Musiker versteckt auf der Galerie eines Konzertsaales sitzen, den Kopf vergraben in die Hände, von Tränen geschüttelt, denn da unten übten Geiger und Flötisten seine herzentstiegene Musik . . . Selbst wir Wortmacher, Erfinder und Entdecker irgendwie vernarrter Menschen, selbst wir haben Stunden der Beglücktheit, wenn wir zum erstenmal die Buchstaben lesen können, die wir auftanzen ließen . . . Der Politiker kennt kein Erntefest! Was er jahrelang ersehnt, erlistet, ertrotzt und endlich errungen, das gestern Erkämpfte ist heute schon das Selbstverständliche! Weh dem Politiker, der zurückschaut . . . Immer wieder hinaus in den nebligen Morgen!


344 Viel zu früh ist es Winter geworden.

Um das Café Monopol wirbeln die Schneeflocken. Dicke Rinden zertretenen Schnees decken das Pflaster. Die Gaslaternen leuchten schwach durch das trübe Wintertagsgrau.

In der Nische sitzen spätnachts Helferich, Schauer, Frau Anna.

»Wer das vor drei Monaten gedacht hätte!« sagt Helferich, in das Schneetreiben schauend, »die Wahlreform fertig, die Neuwahlen vor der Tür . . . Nun, ich danke, das Gedränge! Gibt es noch einen anständigen Menschen in unserer Nähe, der nicht kandidiert? Mich natürlich ausgenommen!«

»Warum sind Sie eigentlich so keusch?« fragt Schauer.

»Keusch? Gott weiß, das war nie mein Laster . . . Aber ich schätze, daß unser siebzig werden gewählt werden. Was soll ich da als einundsiebzigster im Parlament herumlungern? Noch ein Faulenzer mehr! Aber wenn ich draußen bleibe, da bin ich erstens ein Original und zweitens . . . zweitens bin ich ein Schreiber, kein Schwätzer! Es gibt einige Funktionen im revolutionären Betrieb, die mir nicht liegen, zum Beispiel die Barrikadenleitung.«

»Apropos,« fragt Anna, und nur in ihren lichten Augen schimmert eine Ahnung von Spott, »Ihre Stirnwunde macht Ihnen gar keine Beschwerden mehr?«

Helferich greift unwillkürlich an die Narbe, ein deutlicher Striemen über der rechten Augenbraue. Es liegt eine gewisse Sattheit in seiner Antwort: »Nein, das ist vollkommen verheilt.«

Die drei schweigen, in ihre Zeitungen vertieft.

345 Ein hoher magerer Mensch tritt ein, schüttelt den Schnee vom weichen Hut und Radmantel, schickt einen erschrockenen Blick in die Nische und läuft mit großen Schritten ins nächste Zimmer.

Helferich blickt auf. »War das nicht Schiller?«

»Sehen Sie, da haben Sie gleich noch einen anständigen Menschen, der nicht kandidiert!« sagt Schauer. »Ich hab' ihn ganz aus dem Auge verloren. Schauen Sie gar nicht hin, er ist davongerannt! Wenn wir jetzt bis morgen früh hier sitzenbleiben, so kommt der Mensch bis morgen früh nicht aus dem Spielzimmer heraus. Eine merkwürdige Lust, sich zu verkriechen . . . Er hat nicht ahnen können, daß wir heute wieder da hereinfallen. Gehen Sie ihm doch nach, Helferich, erkundigen Sie sich, wie es ihm geht.«

Anna sagt ruhig: »Lassen Sie ihn doch herkommen, natürlich nur, wenn er mag. Ich finde es unnatürlich, daß er davonläuft.«

Schauer preßt die Lippen zusammen und murmelt bedenklich: »Na ja.«

Helferich schlendert wie zufällig ins Spielzimmer.

Schiller hat sich hinter einen Tarockspieler gesteckt und ist scheinbar ganz Kiebitz.

»Grüß' Sie . . .« Helferich setzt sich gleich zu ihm: »Sie leben auch noch?« Dann bereut er den Satz, denn so hat er Schiller noch nie gesehen, mit einem nachlässigen, schwachen, rötlichen Kinnbart, die Augen in weiten blaugeränderten Höhlen, die Backenknochen ragen aus dem abgemagerten Gesicht. Die Kleider schlottern ihm herunter.

346 »Na, sehr gut scheint Ihnen die Äpfeldiät nicht anzuschlagen.«

Schiller hustet, um nicht zu antworten.

»Wohnen Sie noch da draußen bei den Schneidern?«

»Ja.«

»Ich wollte wiederholt zu Ihnen hinaus, aber Sie wissen ja, jetzt war für uns die tollste Arbeitszeit. Erst die Verhandlungen im Abgeordnetenhaus, dann das Kandidatenwettrennen, jetzt die Wahlagitation. Warum haben Sie denn alle Funktionen zurückgelegt? Jetzt gerade! Wenn Sie jetzt angetrieben hätten, wären Sie in drei Wochen Abgeordneter. Grad' Ihnen hätt' ich's gegönnt. Aber wir zwei sind die einzigen zwei anständigen Menschen, die nicht kandidieren!«

Helferich klopft ihm gemütlich auf den Schenkel:

»Herrgott, sind Sie mager geworden. Das sind ja nichts als Knochen.«

Schiller spielt die ganze Zeit mit seinem Schnurrbärtchen, endlich gibt er sich einen Ruck und flüstert: »Sie, Helferich, Sie sind doch ein guter Kerl!«

»Na, was denn?«

»Leihen Sie mir dreißig Kreuzer, ich kann sonst den Kaffee nicht zahlen.«

»Hier,« Helferich drückt ihm unterm Tisch eine Zehnkronennote in die Hand.

Schiller wird blutrot: »Nein, das ist zu viel. Sie glauben vielleicht, ich bin hierher gekommen, Sie anzuschnorren? Bitte, nehmen Sie das zurück . . . Ich bekomme morgen mein Honorar bei – einer Klavierlektion . . . Wenn Sie 347 durchaus wollen, so geben Sie mir zwei Kronen, ich schick' sie Ihnen morgen zurück. Ich werde gleich wechseln.«

Helferich steht auf:

»Kommen Sie doch zu uns in die Nische, Sie finden dort den Doktor Schauer und . . . und . . . na, Ihre geschiedene Frau.«

Schiller zupft an seinem Bärtchen: »Sagen Sie das mit Zustimmung der . . . anderen?«

»Selbstverständlich.«

Schiller redet etwas hastig, seine Wangen brennen: »Ja, ja . . . ich komme.«

Helferich will Anna den Besuch doch erst ankündigen.

An der Tür winkt ihn Schiller zurück, führt ihn in eine Ecke und sagt, während er die Banknote zusammenfaltet: »Aber – davon – erzählen Sie nichts! Darauf kann ich rechnen . . . Ich behalte mir übrigens doch die ganzen zehn Kronen, vielleicht zahlt die Stunde morgen nicht!«

»Guten Abend,« sagt Schiller in der Nische mit einem Kopfnicken, die Hände tief in den Rocktaschen. »Stör' ich?«

Anna sieht ihm ins Gesicht. Entsetzlich, denkt sie, sieht er aus, sie bemerkt die weißen Haare an den Seiten, sie sieht die blauen Adern in den tiefen Augenhöhlen, die durchscheinende Haut über den Schläfen, die herausragenden Backenknochen, auch seine Hand ist ganz abgemagert, fast eine Skeletthand, diese langen knochigen Finger . . . Er ist verloren, denkt sie, er ist jetzt wieder ein Kind ohne Pflege. – Sie hebt die Zeitung dicht vors Gesicht, sonst würde er in ihren Augen lesen.

348 Schauer sagt: »Es ist nicht gut, daß Sie so ganz verschollen sind . . . Kennen Sie den Bankbeamten Runtz? Zu Ihrer Zeit war der wohl noch nicht in der Kreditbank? Oder noch kein hohes Tier?«

»Ich kenne ihn.«

»Sehen Sie, das fehlt Ihnen, eine Injektion ›Runtzum‹, so hat es Helferich genannt, das müßt' man Ihnen einspritzen. Etwas, wodurch man sich immer wieder in die erste Reihe drängt. Wenn man Runtz einen Liter Schillerbazillen und Ihnen fünf Gramm Runtzum eingäbe, käm' eine passable Mischung heraus . . . Im Ernst, ich glaub', Sie haben sich im Zeitalter verschaut. Sie glauben, heutzutage genügt es, zu sein und zu arbeiten oder wenigstens zu planen, aber das ist eine Verrechnung. Auch der Ruhm will heute organisiert sein! Anschluß, Bester, Anschluß – das fehlt Ihnen!«

Schiller schaut fortwährend zur Decke: »Wenn ich Anschluß habe, glaube ich, das ist die lähmende Kette, und wenn ich den Anschluß glücklich los bin . . . Ja, da merk' ich, das drückt auch.«

Anna sitzt ganz versteckt hinter ihrer Zeitung: Ah, das war doch ein kindisches Experiment, ihn herzuholen, nun sitzt er da, schaut zur Decke hinauf, um zu zeigen, daß er nicht mit denen redet, mit denen er spricht, und schickt einen drückenden Gedanken, eine böse Anspielung nach der anderen zu ihr herüber.

»Haben Sie wenigstens was Schönes geschrieben?« fragt Schauer.

Schiller sagt zur Decke hinauf: »Ja, zwei Kaiserlieder mit revolutionärem Text!«

349 »Helferich, das wird er uns nie vergessen!«

»Nein, das vergess' ich nie.«

»War's denn ganz unsühnbar?«

Schiller starrt zur Decke hinauf, während seine Schüsse krachen:

»Es war die richtige Politikerschlauheit, pfiffig, enge, massendienerisch, feig. Seitdem hab' ich von der Politik genug.«

Schauer bemerkt, daß Helferich losgehen will, er begütigt ihn, indem er ihm die Hand auf die Schulter legt.

»Lieber Schiller, Sie haben sicher ganz recht, wir sind pfiffig und feige und engherzig, aber wir wissen's eben und schicken uns in unsere Beschränktheit. Es hat einmal einen gegeben, der die Schlauheit verachtet hat und immerfort mutig losgeritten ist, grenzenlos freisinnig, ein gewisser Don Quichotte.«

Schiller wird blutrot, steht sofort auf und stammelt: »Ich weiß nur nicht, warum Sie mich haben rufen lassen, doch nicht, um mich zu beschimpfen.«

Schauer tritt zu ihm und sucht ihn wieder auf seinen Sessel zu drängen: »Aber, Schiller, wie kann man denn gar so reizbar sein! Das war doch alles nicht bös gemeint . . . Sind's doch kein Kindskopf, setzen Sie sich.«

Doch Schiller zerrt mit unruhigen Fingern an seinem Rock, verbeugt sich steif und preßt eine komisch korrekte Empfehlung hervor: »Ich habe die Ehre.«

Gleich darauf bringt der Kellner einen Brief für Helferich: »Geehrter Herr, Sie sehen wohl ein, daß ich nach diesen Beleidigungen die zehn Kronen nicht nehmen kann. Sie 350 liegen bei. Mit bestem Dank für Ihre Freundlichkeit hochachtungsvoll Gustav Schiller.«

Während Helferich den Brief liest, verschwindet ein Herr im Radmantel mit breitem Hut aus dem Kaffeehaus . . .

Schauer ist verdrossen: »Da läuft er . . .«

»Es ist meine Schuld,« sagt Anna langsam.

»Ich erwisch' ihn schon wieder,« brummt Helferich. »Unter vier Augen ist er weniger verrückt.«

Helferich setzt sich an einen Nebentisch und lagert einen ganzen Berg in- und ausländischer Zeitungen, illustrierter und Witzblätter, Fachzeitschriften und Hausfrauenzeitungen vor sich.

Schauer und Anna gehen stumm durch die verschneite Gasse.

»Er ist zu verzwickt,« sagt Schauer. »Aber ich ärgere mich auch über mich selbst. Jedesmal, wenn ich so ein ungewöhnliches Tier wie den Schiller wiederseh', nehme ich mir vor, aufzupassen. Er schießt selber in der kecksten Weise los, aber wenn man ihn mit einem Grashalm kitzelt, bekommt er sofort Tobsuchtsanfälle . . . Möglich, daß diese Gattung keine so dicke Haut hat wie unsereins! Jedenfalls ist's unerquicklich . . . Eine verflucht verzwickte Geschichte!«

Anna wirft ihre Kapuze nach hinten, um besser zu hören. Eine Weile geht sie stumm, dann streift sie schnell mit den Fingern über den Scheitel, als wollte sie etwas wegwischen, und sagt leise: »Verzeihen Sie, es war nicht recht, daß ich ihn in die Nische rufen ließ.«

Schauer sieht zu Boden, während er stockend antwortet: »Ja . . . das paßte nicht recht zu Ihnen . . . Sie sind doch sonst keine Freundin von so verzwickten Situationen.«

351 Der Schnee fällt auf Annas Scheitel. Ihre Wangen sind winterrot.

Plötzlich sagt Schauer: »Glauben Sie nur ja nicht, daß ich nicht gewußt habe, daß er meine Zähne nicht verträgt. Es hat mich irritiert, daß er immerfort zur Decke hinaufgesehen hat, als wollte er andeuten: ›Ich spreche nicht mit Ihnen, sondern mit der Luft, und diese Luft atmet meine frühere Frau mit mir . . .‹ Sie! Jawohl, er hat nur für Sie geredet! Da wollt' ich ihm doch zum Bewußtsein bringen, daß noch andere Leute da sind!«

Anna geht ein wenig geduckt, um schärfer zu hören, die Kapuze zurückgeschlagen, den Scheitel von blitzenden Schneeflocken beglänzt. Alles an ihr horcht und wartet, das gerötete Ohr, die strahlenden Augen, der halboffene Mund . . .

Schauer haut mit seinem Stock aufs Pflaster, es hallt und dröhnt durch die schneestille Gasse.

»Herrgott, ich vertrag' diese Verzwicktheiten nicht! Ja, ich war gereizt und ich ärgere mich darüber! Ich bin noch geladen, und das will ich nicht! Anna, wissen Sie, warum ich so gereizt war?«

Erst nach einer Pause antwortet Anna, ins Schneetreiben vertieft, eine kleine Silbe: »Nein.«

»Das glaub' ich Ihnen nicht! Sie wissen ganz gut, was ich meine . . . Sie wollen mich nur zwingen zu reden! Aber ich bin über diese Wortmacherei hinaus, ich bin kein Mann der süßen Faxen, Herrgott, so reden Sie doch ein Wort, es ist ja schändlich, mich so herumwürgen zu lassen.«

352 Anna geht zwei Schritte vor ihm und sagt erstaunt: »Sie wollten mir erklären, warum Sie so gereizt sind?«

Schauer überlegt, steht eine Weile still. Nur sein Stock kracht auf dem Pflaster auf.

Plötzlich platzt er heraus: »Laufen Sie mir doch nicht weg . . . Na also, wenn ich's sagen muß, ich bekam plötzlich Angst, daß Sie mir wieder entwischen!«

Anna sieht ihn an, ihre Augen sind jetzt ganz hell und groß, und ganz versteckt schimmert ein Kichern darin.

Er faßt sie unterm Arm und sagt mit einemmal ganz ruhig:

»Ich hätte eine Idee, aber die kann ich Ihnen nur sagen, wenn ich mich einen Moment in Ihren Arm hängen darf. Soo . . .« Schauers Kopf ist ganz nahe bei ihr. »Was sagen Sie, Anna, zu dem Vorschlag, morgen vormittag aufs Rathaus zu gehen, mit mir zusammen, in Ihrem neuen braunroten Kleid, ich im Gehrock, also ganz feierlich, und uns dort von dem Verräter Wisgrill standesamtlich trauen zu lassen?«

Anna sagt ganz in demselben gelassenen Ton: »Ich nehme diesen Vorschlag an,« aber ihre Stimme ist doch nicht ganz fest, und ihr Arm drückt Schauers Hand fest an ihre Brust.

Vor seinem Haustor sagt Schauer:

»Werden die droben froh sein!« 353


 << Kapitel 29  Kapitel 31 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.