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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel

Lächerlich, ich kenne doch alle, ich gehe mit.«

Runtz begleitet Weiner auf dem Weg in die Redaktion. »Schiller hat gestern sein Glück gemacht. Der wird bald Abgeordneter sein! Ich hab's ihm immer gesagt: Schiller, Sie als Christ werden kolossal schnell vorwärtskommen. Heute ist er der Kronprinz.«

»Du redest wie ein Bourgeois.«

»Lächerlich, unter uns! Nur einer macht ihm Konkurrenz, das ist der Doktor Wisgrill. Kennst du den? Fescher Kerl! Du, mit dem mach' ich dich bekannt. Der ist abends immer im Café Monopol. Ein Urwiener. Der Schiller redet fürs Volk zu hochdeutsch, überhaupt, auch zu hoch. Für uns Gebildete großartig, aber der gewöhnliche Arbeiter . . .«

»Sag' doch nicht: der gewöhnliche Arbeiter!«

»Hast du übrigens bemerkt, wie elegant die Frau Schauer dahergeht. Diese durchbrochenen Strümpfe – fein!«

Weiner antwortet nicht.

Kurzgasse zwölf. Da ist die Redaktion der »Volkszeitung«, in einem Keller. Man stolpert eine Stiege hinunter und steht im Halbdunkel blinzelnd. Während Runtz und Weiner sich noch umsehen, kommen vier Leute hastig wie im Takt an ihnen vorbei, ein Polizeikommissär, drei Herren in Zivil.

24 Das Vorzimmer ist leer. Braune, abgeschmutzte Bänke an den Wänden warten. In einer Ecke hockt ein kleiner, blaßgrüner armer Teufel mit böhmischer Nase, neben ihm auf einem Tisch sitzt, mit baumelnden Beinen, ein halbreifes, bildhübsches Mädel, vor ihnen steht ein Kinderwagen. Ganz im Dunkel, am Ende einer Bank, sitzt eine alte Dame.

Der dicke Mensch, der unlängst in der Glockengasse Vorsitz führte, geht geschäftsmäßig, nichts beachtend vorüber. Runtz meldet sich. »Habe die Ehre, Genosse Hudalek, wir wollen zu Doktor Schauer.«

»Setzen Sie sich!« Hudalek sieht nur auf die eintretenden Polizisten.

Der Kommissär will durch die Tür rechts eintreten.

Doch Hudaleks Masse schiebt sich breit vor.

»Wohin wollen Sie denn?«

»Zum verantwortlichen Redakteur, Sigmund Helferich.«

»Der ist drüben.«

Es liegt Hohn in Hudaleks sachlicher Belehrung.

Jemand kichert in dem halbdunklen Zimmer. Ist es die alte Dame im schwarzen Kleid, dort in der Ecke? Nein, der tschechische Schuster grinst und stößt das Mädel mit dem Ellbogen.

Der Kommissär tritt mit seinen Leuten links ein, Hudalek verschwindet nach rechts. Wenn er die Tür öffnet, hört man eine Menge Menschen reden, ein Windstoß Sätze fliegt heraus: »Für die Wahl schädlich . . .!« – »Zu poetisch!« – »Ich glaube, er ist Vegetarier!« – »Taktik ist wichtiger als Poesie!« – »O, diese Leopoldstadt!« Plötzlich läuft der Kommissär 25 mit seinen Leuten wütend heraus. Im selben Augenblick kommt von der anderen Seite Hudalek. Die beiden stehen voreinander.

»Oberkommissär Pollauf!«

»Abgeordneter Hudalek!«

Das Wort »Abgeordneter« wirkt. Der Polizeikommissär fragt schon nicht mehr so ungestüm.

»Das Zimmer da ist leer. Sie schicken mich in ein leeres Zimmer!«

»Sooo?« Hudalek bedauert das sehr. Ja, wenn er gewußt hätte, daß der verantwortliche Redakteur gerade nicht an seinem Schreibtisch sitzt. Vielleicht ist er nur im Augenblick auf die Seite gegangen . . .

Jemand kichert schon wieder, wahrscheinlich der böhmische Schuster oder neben ihm das Mädel.

»Wer sind denn Sie?« fragt der Kommissär hinüber.

»Mit Verlaub, der Schuster Huber. Wenn der Herr Kommissär Stiefel brauchen?«

Jetzt gluckst wieder jemand in dem halbfinsteren Raum. Runtz muß sich bemerkbar machen.

Da öffnet sich die Tür rechts, und Doktor Schauer ruft voll Menschenfreundlichkeit:

»Herr Oberkommissär, darf ich bitten?«

Mit einer leichten Verbeugung und einer Geste, bitte einzutreten, empfängt er den Kommissär. »Nach Ihnen, bitte, ich bin ja hier zu Hause.«

Die alte Dame in Schwarz ist aufgestanden, um . . . aber da ist Doktor Schauer schon wieder verschwunden!

26 »Viel zu höflich ist der Schauer mit diesen Polizeischuften!«

Der Schuster brummt es vor sich hin.

Runtz: »O, er wird wissen, warum. Er weiß immer, warum!«

In diesem Augenblick reißt Hudalek die Tür links auf:

»Huber, wo ist der Kinderwagen?«

Im Nu wird der Korb zurückgeschlagen, die Decken werden fortgerissen, ein Strohsack weggeschleudert, und Hudalek wirft eins, zwei, drei dicke Stöße konfiszierte Zeitungen in den Grund, Strohsack, Decken, Polster wieder drauf, das Dach mit dem Vorhang wieder hoch . . .

Die Tür rechts öffnet sich. Doktor Schauer entschuldigt sich lächelnd, während er den Kommissär begleitet:

»Leider . . . die Auslage war schon expediert . . . Nun, das nächste Mal.«

Runtz hustet vergnügt.

Die alte Frau ist wieder aufgestanden. Jetzt sieht sie Doktor Schauer. Er läßt die Polizei stehen.

»Du? . . . Was ist denn, Mutter?«

»Ich hör', es wird jeden Tag konfisziert?«

»Na ja, wenn schon, Mutter?«

»Werden sie dich anklagen?«

»Mutterli, setz' dich . . . Einen Moment! . . . Habe die Ehre, Herr Oberkommissär . . . Achtung, dort sind Stufen, Hudalek, begleiten Sie doch die Herren hinaus . . . na, was ist denn, Mutter?«

Die vier Herren gehen ab. Stille.

Jemand kichert wieder.

27 Der Schuster schleicht in die Ecke: »Entschuldigen Sie, Frau . . . da schauen S', Doktor, der ganze Kinderwagen ist voll . . . hehehe, liebe Frau . . . lauter Auflage! Hehehe, jetzt gehn wir, Mizzi.«

Schauer klopft dem Schuster auf die Schulter: »Dort drinnen ist noch mehr, Huber.«

Während Mizzi mit dem Schuster den Kinderwagen die Kellerstiege emporhebt, öffnet sich die Tür rechts, ein eleganter Mensch steht da: »Doktor, Sie werden verlangt.« Da sieht er den Schuster und seine Schwester.

»Soll ich helfen, Mizzerl?«

»Packen S' fest, Doktor Wisgrill,« brummt der Schuster.

»Die Mizzi?«

»Keine Witz', Wisgrill. Wir sind voll Auflage!«

Schon ist der Wagen hochgehoben, und Wisgrill geht, mit einem Blick auf Schauer, ins Nebenzimmer zurück: »Wir warten . . .«

Im Finstern, in der Ecke sitzt der Doktor Schauer bei seiner Mutter.

»Du warst gar nicht auf Urlaub. Geh vier Wochen fort.«

»Mutterli, heuer nicht. Aber nächstes Jahr machen wir eine Seereise.«

»Wohn' nur vierzehn Tage bei mir draußen in Sankt Veit.«

»Vielleicht . . . im Oktober . . . Verzeih, Mutter, sie rufen mich, adieu. Komm doch lieber in die Wohnung. Nicht daher!«

Fort ist er! Die alte Frau im schwarzen Matronenkleid steigt langsam die Kellerstiege hinauf . . .

28 Runtz steht auf, klopft an die Konferenztür und steckt den Kopf hinein. Wieder schallt ein Durcheinander von Gesprächsfetzen heraus, dann hört man Schauer sehr ungeduldig fragen:

»Was wollen denn Sie da?«

»Bitte, wir warten, Weiner und ich.«

Eine scharfe Stimme schreit: »Ja, der soll nur herein!«

Runtz und Weiner treten ein. Zigarrenwolken verhängen das halbdunkle Zimmer.

Einige Leute sitzen und gehen um einen langen Tisch, auf dem Berge von Zeitungen, Büchern, Schriften, Faszikeln aufgestapelt sind. An den Wänden Zeitungen, hoch aufgeschichtet, auf dem Boden Zeitungen, zerknittert, fortgeworfen, auf den Sesseln Zeitungen, abgesessen.

Schauer stellt den schüchtern um sich Blickenden vor: »Genosse Weiner . . . Den Schiller kennen Sie ja, den Hudalek auch, das ist Doktor Wisgrill, das ist Redakteur Helferich, das ist meine Frau . . . na, sagen Sie uns, Weiner, wie hat Ihnen die gestrige Rede von dem da gefallen?«

»Schön!«

»Ach was, schön . . . Aber für die Wahl, nützlich oder schädlich. Sind die Juden gewonnen?«

»Ja . . . ich glaube.«

Die scharfe Stimme, es ist Helferichs Stimme, schreit: »Fragen Sie den anderen, der ist gerissener.«

Runtz drängt sich vor: »Sehr schön, aber zu bürgerlich, wir sind eine Klassenpartei.«

Helferich nickt: »Und?«

29 »Zu hochdeutsch. Ein Dialektanklang wär' wirksamer gewesen.«

Da dröhnt das Zimmer vor Lachen: »Du hättest im Jargon reden sollen, Schiller.«

Aber Helferich ist zufrieden: »Was sind Sie, Runtz?«

»Buchhändler.«

Weiner sieht sich um. Herrgott, wieviel Zeitungen, Zeitungen aus Deutschland, Zeitungen aus der Schweiz, Zeitungen aus England. Wenn man abends herkommen dürfte, Zeitungen lesen!

Frau Schauer sitzt beim Fenster und raucht Zigaretten. Das weiße Licht einer Straßenlaterne fällt auf ihre hochgekämmten rotbraunen Haare, an ihrem nackten Hals glitzert ein Medaillon. Doktor Wisgrill beugt sich zu ihr und muß ihr etwas Komisches ins Ohr gesagt haben, sie sieht gerade zu Weiner herüber und lacht, sie biegt sich vor Lachen. Unwillkürlich sieht Weiner sich an. Verdammt, ein Hosenbandel hängt ihm vorn bei der Weste heraus. Wenn er sich jetzt umdrehen könnte . . . Vielleicht hat sie es doch nicht bemerkt, vielleicht könnte er es doch ganz unbemerkt hineinstecken. Aber gerade jetzt sieht Frau Dora zu ihm her.

»Sie, Weiner!« Schauer zieht ihn in eine Ecke. »Setzen wir uns beiseite.«

Gott sei Dank, jetzt konnte Weiner unbemerkt, im Nu, das Bandel verstecken.

»Was tun Sie denn gewöhnlich abends?« fragt Schauer mit großen, gütigen Augen.

Weiner stottert: »Im Verein bin ich.«

30 »Na, was würden Sie sagen, wenn Sie hierher kommen sollten? Hm? Wir brauchen jemand, der die Zeitungen liest, alle Angriffe auf die Partei anstreicht und in Evidenz hält. So eine Art Sekretärstelle. Na?«

»Herr Doktor . . .« Weiner kann kaum sprechen.

»Was sind Ihre Ansprüche?«

Ganz rot wird Weiner im Gesicht: »Aber, Herr Doktor!« –

»Na, sind Ihnen dreißig Kronen genug?«

Beim besten Willen bringt er jetzt kein Wort mehr hervor als diese Bitte des Beglückten: »Aber, Herr Doktor!«

»Na dann, abgemacht. Von morgen an machen Sie hier Dienst!«

Das elektrische Licht wird angedreht. Weiner und Runtz empfehlen sich. Alle drücken Weiner die Hand wie einem alten Freund. Die Frau Doktor Schauer muß lächeln, wie er zu ihr kommt. Da laufen seine Blicke herunter: O, schon wieder . . .

Schnell geht er, durch die Tür, durch das Vorzimmer, die Kellerstiege hinauf.

Er steht schon um Ausgang, da klopft ihn der Doktor Wisgrill auf die Schulter und sagt ihm ins Ohr: »Geben S' doch das Hosenbandel hinein!« 31


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