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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel

Nachmittags sind die Gassen leer, die Läden bleiben gesperrt, und die verstärkten Posten der Polizei stehen gelangweilt und verdrossen an den verödeten Straßenkreuzungen.

Langsam, die Hände auf dem Rücken, mit tiefgebeugtem Haupt, geht Schauer durch die Glockengasse. Er sieht verdrossen durch die Spiegelscheiben in die Kaffeehäuser hinein, wo fette Männer in Hemdärmeln, die Westen aufgeknöpft, aufgeregt beim Kartenspiel sitzen und sich beschimpfen, er sieht alte dicke Weiber, aufgedonnert, geschminkt, mit koketten bunten Sonnenschirmen vorbeiwatscheln, er erlebt kleine Blickduelle mit geschniegelten Kommis, die auf der Straße knallgelbe Handschuhe anziehen und wieder, Finger für Finger, herunterstreifen. Endlich ist er vor dem Hause Nummer dreiundvierzig, er tritt in das kühle dunkle Tor und riecht den Duft des Mittagessens, Kaffeedünste und Schmalzgeruch, ein entsetzlich scharfes, schofles Parfüm und dazu einen saueren Geruch, der aus dem Keller steigt.

Im vierten Stock, Tür achtunddreißig, läutet er. Ehe die Tür geöffnet wird, bemerkt er die Mesuse an dem Türrahmen, dann hört er schlampige, klapprige Schritte, und eine kleine alte Frau äugt mißtrauisch durch das Guckloch.

336 »Wer ist denn da?«

»Wohnt hier der Redakteur Weiner?«

Zänkisch antwortet die Stimme drinnen:

»Was wollen Sie denn von ihm? Wer sind Sie denn?«

»Mein Name ist Schauer, ich möchte ihn besuchen!«

Die Alte seufzt: »Wunder! Daß sich doch jemand um ihn kümmert! Warten Sie, ich hol' den Schlüssel.«

Durch ein dunkles Vorzimmer wird Schauer in einen braunen Salon geführt, abgenutzte Plüschmöbel, zerrissene Rohrsessel, eine altdeutsche Kredenz. Auf einem persischen Diwan liegt, in Decken gewickelt, ein dicker, bärtiger, asthmatisch keuchender Mensch und zwinkert:

»Sie sind der Doktor Schauer?«

»Ich möchte mich erkundigen, wie es Ihrem Sohn geht.«

»Wie wird es ihm gehen? Zugrundegerichtet hat er sich für euch, nicht aufstehen wird er mehr, vierzig Grad Fieber hat er, und auf den eigenen Vater will er nicht hören! . . . Schauen Sie sich nur an den Zukunftsstaat, was Sie ihm eingebrockt haben! Sofie, führ' ihn nur hinein!«

Die Mutter sagt weinerlich: »Sehr lieb von Ihnen, zu kommen! . . . Sie dürfen meinem Mann nicht bös sein, Herr Doktor, er ist auch krank, Kranke sind böse Leute, als Gesunder war er die Güte selbst, nur mein Leopold ist auch noch als Kranker brav und gut. Schön, daß Sie gekommen sind! Im Fieber red't er noch von Ihnen! Jeden Tag hat mir mein Mann gesagt: Siehst du, so sind sie, erst haben sie ihn benutzt und benutzt, und jetzt lassen sie ihn allein krepieren . . . Sie dürfen nicht bös 337 sein, ä Kranker ist nicht höflich, aber zuerst muß ich allein hineingehen zu mein Poldi, glücklich wird er sein, wenn er Sie überhaupt erkennt, denn nebbich, er is schon sehr schwach und phantasiert, und jedenfalls muß ich ihn vorbereiten.«

Die alte Frau verschwindet im Krankenzimmer.

Schauer steht wartend hart vor der Tür.

Jetzt hebt sich der Asthmatiker ein wenig hoch: »Haben Sie Kinder?«

»Eine Tochter!«

»Nicht erleben sollen Sie, was wir an dem Kind erlebt haben!«

Frau Weiner öffnet die Tür und flüstert: »Er träumt oder er phantasiert. Kommen Sie herein!«

Schauer tritt in ein schmales, dämmeriges Kabinett, die Jalousien sind heruntergelassen, ein grüner Schimmer liegt auf dem gelblichen Bett. Anfangs hat Schauer das Gefühl, hier seh' ich nichts, hier kann ich nicht atmen, reißt doch die Fenster auf! Dann gewahrt er zwischen weichen Polstern ein fieberrotes kleines Gesicht, und er hört das Rasseln und Röcheln des Kranken.

Frau Weiner schluchzt.

Schauer erkundigt sich nach dem Arzt, hebt eine Medizinflasche hoch, liest ein Rezept.

Plötzlich schießt der Fiebernde mit einem Ruck in die Höhe: »Genossen . . . Runtz, dräng' mich nicht so! . . . Genossen . . . Die Demonstration ist gelungen . . . laß mich hinaufsteigen. Runtz, zerr' mich nicht herunter . . . einen Moment laß mich hinauf . . . ich muß Schauer sehen . . . bei dem vergitterten Fenster. 338 Siehst du ihn? Steig' hinauf . . . aber jetzt laß mich wieder sehen, Runtz, geh' sofort herunter . . . laß mich hinauf . . . laß mich hinauf . . .« Jetzt weint er: »Laß mich hinauf . . . Ich kann nicht hinauf . . .« Weiner fällt ermattet zurück.

Auf dem Diwan drin klagt der Asthmatiker: »Der eigene Vater ist nichts, die eigene Mutter ist nichts, immer nur die anderen!«

Frau Weiner beugt sich über den Kranken: »Poldi, mein Leopold. Bub . . . schau' mich an . . . ä Besuch ist da. Ä Freund von dir is da . . . Schau' dich um, wart', ich halt' dich, gib den Arm um meinen Hals . . . Du wirst jemand sehen, der zu dir gekommen ist . . . Der Doktor Schauer ist selber da!«

Da klammert sich ein abgezehrter Arm um den Hals der Mutter, zwei fiebrige rote Augen suchen in der Dämmerung, ein ganz schwaches, aber – wahrhaftig – ein seliges Lächeln kräuselt den trockenen Mund.

»Geben Sie mir die Hand, Weiner . . . Ich bin's, Schauer! Na, es geht Ihnen schon besser, seh' ich!«

Eine glühendheiße Hand tastet einen unendlich schweren Weg über das Federbett, ein ausgetrockneter Mund stammelt halbirre: »Ist denn das Fenster so niedrig? Genosse . . . Genosse!«

»Reg' dich nicht auf, Poldi, da ist kein Fenster, zu Haus bist du!«

Schauer hält die glühende Hand. Den Kranken aber verläßt alle Kraft, der Arm gleitet vom Hals der Mutter, die Lider fallen zu, der Kopf sinkt auf die Brust.

339 »So schwach ist er!« flüstert die Mutter und bettet ihn zurück.

»Ich werde wieder gehen,« sagt Schauer leise, »es scheint ihn doch sehr aufzuregen.«

Auf den Zehenspitzen stehlen sie sich hinaus.

Der Alte hat sich auf dem Diwan umgedreht. Nicht sehen will er den Verführer!

»Wenn Sie irgendwas von mir brauchen,« sagt Schauer leise, »übrigens komme ich bald wieder. Wenn er gesund wird, schicken wir ihn nach Italien. Wir haben ihn alle sehr lieb.«

Jetzt erst kollern die Tränen über das alte Muttergesicht: »Wird er denn gesund? . . . Hören Sie, ich glaube, er ruft Sie!« Die Alte läuft hinein.

Schauer lauscht. Der Kranke schreit:

»Lassen Sie mich hinauf! Hinauf! Ich muß ihn noch einmal sehen . . . Hoch . . . Hoooch . . . Hoch die Soli . . . Hoch die Sozi . . . Hoch die Solial . . . Hoch die Solial . . .«

»Gehen Sie nur,« sagt die alte Frau, »so phantasiert er den ganzen Tag. Immer red't er nur von Gefängnis und von Ihnen und von der Partei. Vater und Mutter kennt er nicht!«

Schauer muß noch eine Weile auf dem Gange stehenbleiben, ehe er die Stiege hinuntersteigt. 340

 


 

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