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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel

Die ganze Nacht gießt es, um vier Uhr früh bläst ein frischer Wind, und um fünf Uhr liegt ein klarblauer, golddurchsonnter Himmel über der naßglänzenden Stadt. Die Haustore sind noch versperrt, da klirren über das Pflaster die Hufe von Kavalleriepferden, die Säbel glitzern in der Sonne, der Takt der Hufschläge reißt in den Häusern die Fenster auf . . . höhnisches Lachen, wütendes Zuschlagen der Fenster, giftiges Weibergeschrei fliegt herunter . . . Dann trabt Infanterie grau und gleichmäßig durch die Gassen.

Um sechs Uhr früh steht auf der Ringstraße, in einem riesigen Kreis, ein Polizist neben dem anderen, eine festgeschlossene eng gefügte Kette, die an besonders wichtigen Punkten noch von zwei Reihen berittener Polizisten befestigt und beschützt ist. Die Pferde wiehern durch die Morgenluft, und die ersten Demonstranten sehen dieses schrille, aus den Nüstern geschüttelte Schnauben der Rosse als ein Zeichen der Ungeduld der Reiter selbst an. An einigen freien Plätzen, vor dem Rathaus, neben dem Parlament, zwischen den Museen kampiert Militär. Die Demonstranten müssen durch die enggeschlossenen Ketten der Polizisten spähen, um diese kleinen Militärgruppen, die zu einem Zelt geschichteten Bajonette, die improvisierten Pferdeställe zu gewahren. Je ein 318 Hauptmann steht dort, auf seinen Säbel gestützt, freundlich-neugierig oder gar noch gähnend, das Kommando erwartend.

Die ersten Demonstranten fühlen sich als Kundschafter und Patrouillen des großen Heeres. Hinter jedes große Haustor gucken sie, ob dort nicht noch ein paar Soldaten parat gehalten werden? Sie schlendern in die alten Gassen und Höfe der inneren Stadt und gewahren dort richtig noch ein oder andere Soldatenhäuflein, ja, auf dem Minoritenplatz, hinter der Herrengasse, entdecken sie ein kleines Feldlager, rote Dragoner, Infanterie und zweihundert berittene Polizisten. Hier konferiert ein hoher Polizeioffizier mit einem Major, hier lungern Geheimagenten herum, kein Zweifel, hier ist die oberste Heeresleitung . . .

Um halb acht Uhr marschieren die großen Züge aus den Bezirken herein.

Schauer trifft seine Gruppe vor der Volkszeitung. Er ist frisch und ausgeruht und trägt seine weiße Weste, denn heute ist so was wie Feiertag.

Die Läden sind geschlossen, aus den Fenstern lehnen Frauen und Kinder. Die kleine Gasse ist von einer unübersehbaren Masse gefüllt, Kopf an Kopf gedrängt, meistens Männer.

Hudalek erscheint im schwarzen Gehrock, mit einer roten Nelke im Knopfloch, eine breite rote Binde am Arm. Er tritt an Schauer heran und deutet lächelnd auf den Hornisten, den er neben sich hat: »Also haben Sie doch die Ordner einberufen, Gott sei Dank.«

»Selbstverständlich! Haben Sie denn die Volkszeitung noch nicht gelesen? Es ist doch eine neue Wahlreform da!«

319 Nein, Hudalek hatte noch keine Zeit dazu, er hat seit halb sechs Uhr früh mit den Hornisten das Alarmsignal für den Abmarsch einstudiert: »Leider sind die Hornisten der äußeren Bezirke nicht erschienen.«

»So?«

Schauer geht durch das Gedränge. Viele grüßen ihn, einige sind in die Zeitung vertieft, manche stoßen den Nachbar und rufen: »Hoch die Wahlreform!«, denen nickt er zu, andere schreien: »Hoch Schauer!«, die sucht er durch ein herumgezischtes »Schscht!« und durch einen scharf einschüchternden Blick stillzumachen. Seine Augen sind klar und morgenfrisch, er liest in diesen Gesichtern und Gestalten, in den dürren, schmalbrüstig vorgebeugten Schneidergesellen, in den auffällig dicken, von Bier angeschwemmten Hudalekfiguren, in den rotgeputzten, verwelkten, demütig lächelnden Altweibergesichtern, zuweilen ist sogar ein grünbleiches, großäugiges Kind im Zuge, da denkt er unwillkürlich an ein elfenbeinweißes, schwarzhaariges Mädchen mit schimmernden, wie aus Onyx geschnittenen Augen . . .

Der Hornist schickt ein triumphierend helles Signal durch die enge Gasse, und der Zug setzt sich schwerfällig in Bewegung, Schauer mitten unter ihnen, an der Seite laufen geschäftig zwanzig Ordner herum, die rote Binde am Arm.

Ein Weib in knallroter Bluse kreischt: »Niedaa mit da Regirrung!« Sofort ist ein Ordner bei ihr: »Aber, bitte, in den Bezirksstraßen wird nicht gerufen!« Die Frau wird aufgeregt, sie kann schreien so viel sie will, die Ordner geht das einen Dreck an! Sofort ist ein Knäuel um die beiden . . . 320 Schauer ist zufällig in der Nähe und legt seine Hand beschwichtigend auf den Arm des Ordners: »Lassen S' ihr das Vergnügen, es g'schieht ja nichts.« Sofort steigt wieder ein erbittertes: »Niedaa mit da Regirrung!« in die Höhe. Die neben der Erbitterten gehen, lachen vergnügt. »Und just«, schreit die rote Bluse, »noch einmal: Niedaa mit da Regirrung!« Der Ordner geht stumm daneben. Die Männer im Zug lachen. Einer klatscht der Aufgeregten vergnügt auf den Buckel: »Schon recht. Die sollen heut was zu hören kriegen! . . .«

Vor der Hauptstraße wird haltgemacht, weil die Abteilung eines äußeren Bezirkes eben über die Hauptstraße flutet. Das sind geräuschvolle Leute. Sie pfeifen, singen, trommeln, jeden Moment bricht ein Hochrufen aus wie eine Explosion.

Hudalek drängt zu Schauer: »Haben Sie's gesehen? Die haben keine Ordner! Wie ist das möglich! Grad' der Bezirk! Auch kein Hornist! Da garantier' ich für gar nichts!«

Die beiden schieben sich bis zur Hauptstraße vor. »Wo ist denn Stohandl? Oder Hutterer?«

Inmitten des Zuges flattert jetzt sekundenlang eine rote Fahne, sie taucht auf, flattert, verschwindet und kommt plötzlich wieder ganz vorne oder ganz hinten im Zug zum Vorschein, flattert wieder eine Weile, verschwindet, wandert unten unsichtbar von Hand zu Hand und plötzlich taucht sie wieder unvermutet ganz wo anders auf.

Im Gedränge steht ein Polizeikommissär, er stiert zurück nach der roten Fahne . . . »Die muß sofort entfernt werden!« Seine Hand deutet hinüber, da ist das rote Tuch schon wieder 321 verschwunden, und ein Höllengelächter umtost den kleinen Kommissär.

»Dort ist sie!« Seine Hand weist jetzt über tausend Köpfe weit nach hinten, und er will zu ihr durchdringen. Zufällig, ganz zufällig tritt ihm ein kleiner hinkender Mann derb auf den Fuß, und eine breite vollbusige Alte steckt ihm ihr sommersprossiges, quatschweiches Gesicht ganz nah entgegen: »Wünschen S' was?«

Die Fahne flattert längst ganz hinten, der junge Kommissär segelt nach vorn.

»Stohandl! Endlich!« sagt Schauer, »haben denn Ihre Ordner nicht heute früh den Rohrpostbrief gekriegt?«

»Nichts,« erwidert Stohandl kriegerisch, »schad't nichts. Sollen nur einmal losgehen, meine Leut'! Glauben Sie an den Schwindel von der neuen Wahlreform? Weil er heut in der Volkszeitung steht? Das Volk ist viel zu geduldig, Lämmer sind's, jawohl, Lämmer.«

»Mir is recht,« antwortet Schauer bedächtig, ohne hörbaren Hohn, »ich glaub' nur, daß ein Krawall Ihre Wahl in der Leopoldstadt gefährden kann . . .«

»Das ist mir ganz egal, übrigens, bitte, ich beruhige die Leute, wie ich kann! Der unnütze Krakeel ist ja das Allerdümmste.«

»Richtig, lieber Freund, freut mich, daß Sie so schnell mit mir übereinstimmen. Hudalek, könnten Sie dem Stohandl nicht ein paar Ordner aus Ihrem Bezirk leihen?«

Aber Hudalek knöpft sich mit langsamer Ausführlichkeit den Gehrock zu: »Das geht nicht, ein fremder Ordner wird nur 322 über die Achsel angesehen, ein Ordner muß im Bezirk bekannt sein! Ich kann ihm höchstens zwanzig Schleifen leihen, soll er sich nur selber seine Ordner anstellen.«

Das will Stohandl durchaus nicht: »Ich lass' mich nicht auslachen, ich bin am schärfsten gegen diese Parteipolizei aufgetreten, jetzt soll ich's gar einführen . . . nein, lieber soll das Mandat in der Leopoldstadt flöten gehen! Stecken Sie den Leuten die rote Schleife an, Schauer, wenn's Ihnen so wichtig ist.«

»Aha, und morgen bin ich der Diktator und die Schauerclique regiert! . . . Nein, lieber Freund, ich werde die Bezirksfreiheit nicht beschneiden, adieu!«

Schauer steht jetzt mitten unter den Demonstranten der Vorstädte. Hier kennen ihn nur wenige, und auch er sieht lauter fremde Gesichter. O, denkt er, während er die Reihen vorübermarschieren läßt, was für ein Unterschied zwischen den Arbeitern, die noch drinnen wohnen, und denen aus der Vorstadt, wieviel Krüppel, Hinkende, Einarmige, Bucklige, Einäugige! Fast lauter kleine Menschen, viele Knirpse. Wo, wo, wo ist ein athletischer Arbeiter? Und diese Eingefallenheit der Gesichter, diese Abgezehrtheit der Körper, diese Gebärden wie von tauben Menschen, dieser stiere leere Blick. Niemals ein Gesicht mit frischen weißen Zähnen! Jetzt kommt eine Gruppe Arbeiterinnen aus einer Tabakfabrik, Schauer steht neben ihnen und mustert Gesicht für Gesicht. Eine stumme leere Marschiermiene in allen, dann und wann leuchtet aus dem armseligen Putz der Strohhüte mit künstlichen Blumen und der karierten Blusen ein 323 kreischendes Karminrot, wie aus dem Gemurmel zuweilen ein hysterischer Pfuiruf herausschrillt. Wie alt sind diese jungen, denkt er unwillkürlich, wo, wo, wo ist die gewisse junge Fabrikarbeiterin, der der Chef nachstellt? Diese alle sind ja frühe Ruinen, fast lauter zerstörte Weiber, stadtbleich, schiefschultrig, engbrüstig, lungenkrank, magenleidend, ohne Frische, blatternnarbig, oft der ganze Kiefer zahnlos, und dazu dieser traurige Aufputz, diese geschmierten Haare, diese verdrehten Modehüte. Ein paar alte, Gott sei Dank, in große graue Tücher eingewickelt, mit einfach gescheiteltem Haar, ergebene Mütterchen, erzählen vom Frieden des einfältigen Lebens. Sie trippeln müde und ungestört einher, obwohl neben ihnen eine hinkende Magere jede Weile den zahnlosen Mund aufreißt und immer wieder mit einer Stimme, die überkippt, halbirre schreit: »Pfuiiiii . . . Hoch die Rewalazion!«

Jemand kichert hinter Schauer.

»Gefällt Ihnen das?« flüstert der kleine Fritsch zu Schiller, der neben ihm steht. Schiller schaut zu dem lustigen Knirps herunter: »Ich beneide Sie um Ihre Laune, diese Gesichter sind für mich viel aufregender als der ganze Karl Marx. Daß zwanzigjährige Mädel so devastiert aussehen, das könnte für mich ein Grund sein, Bomben zu werfen!«

Schauer hat die Stimmen nicht erkannt, auch nicht recht zugehört, was da hinter ihm geschwatzt wird, aber bei dem Wort ›Bomben‹ dreht er sich zornig um.

»Ah, Sie sind's, Schiller? Ich hätt' mir's denken können! . . . . Mit Ihrer Bezirksgruppe zu gehen, das halten Sie für unter Ihrer Würde?«

324 Schiller erwidert achselzuckend: »Ich kann's halt nicht . . . Übrigens sind Sie ja auch nicht bei Ihrem Bezirk.«

Ein Zug junger Burschen rückt jetzt heran. Alle tragen rote Schleifen um den Hals und marschieren militärisch stramm.

»Was singen sie denn?« fragt Fritsch neugierig. »Das kenn' ich gar nicht. Sehr frisch hört sich's an.«

Schauer dreht sich um, ein Blick des Verständnisses fliegt zu Schiller. »Aha, jetzt begreif' ich . . . Das wollten Sie hören.«

Dieser Trupp hält Disziplin, die Reihen sind gerade, die Füße heben und setzen sich gleichmäßig; es ist, als wären die Gesichter dieser Jungen bräuner und gesünder, jedenfalls sind die Köpfe mit den offenen Mäulern zum Himmel gerichtet . . .

»Schön zum Marschieren ist das neue Lied,« sagt Fritsch.

Schauer lächelt: »Ja, die Leut' haben wenigstens was zu tun, während sie gehen . . . Nicht gleich beleidigt sein, Schiller, das Lied ist wirklich brillant, es hat Schmiß und Tempo! . . .«

Schiller reckt den Hals: »Aber das Kaiserlied paßt für eine revolutionäre Bewegung noch besser.«

Nein, denkt Schauer, ich will jetzt nicht neben einem gekränkten Künschtler stehen, diese Lehrbuben hier haben wenigstens Jugend und Leben, vielleicht durch sein Lied . . . Und plötzlich ist er von Schiller und Fritsch fortgeschwemmt, mitten im Zug der jungen Garde, gleich neben Hutterer, der mit dem Hut in der Hand an der Spitze marschiert, die Locken dem Winde preisgegeben.

Jetzt steigt die Hauptstraße hügelig an, dadurch übersieht man dieses unendliche Gewirr von schwarzen Hüten, 325 aus dem kleine rote oder helle Punkte herausleuchten. Dann geht es wieder sanft bergab, allmählich wird die ruhig trottende Menge elektrisiert, man hebt sich auf die Zehenspitzen, man fragt, man zischelt sich etwas zu, Weiber kreischen, und plötzlich hört man ganz deutlich das erste Pferdegetrappel von der Ringstraße her . . .

»Kavallerie ist da!« brüllt ein junger Mensch, der auf eine Laterne geklettert ist, und sein Ruf löst eine Flut von wilden Schmährufen aus. Über die ganze Hauptstraße hallt ein Dröhnen, Quietschen, Schreien, Pfeifen, Pfuirufen, Hüteschwenken, Stöcke werden drohend gehoben, und dazwischen hört man zuweilen sekundenlang den abgehackten Rhythmus des Liedes der Masse.

Der Zug stockt.

»Nur los! . . . Vorwärts! . . . Nicht stehenbleiben. Habt's Angst vor die fünf Säbeln?« rufen sie hinten.

Langsam ergießt sich der Menschenstrom in die Ringstraße.

Die Polizistenkette steht starr und fest.

Hier ist Helferich auf einer Bank postiert und übersieht, die Hand über den Augen, das endlose Gewoge des Zuges.

Soweit Helferich schauen kann bis hinüber, wo die Sonne auf den strahlend gelben Mauern glänzt, ein ungeheures Nebeneinander, hunderttausend kleine schwarze Pünktchen, die vorwärts schwirren und quirlen . . .

»Na,« sagt Helferich, »was sagen Sie? Das ist gelungen!«

Schauer legt die Hand auf den Mund: »Abwarten! . . . Wir sind noch nicht zu Hause, gefährlich ist immer nur der Rückweg.«

326 Jetzt drängt der Zug am Rathaus vorbei. Die Fenster glitzern im Licht.

Hutterer kommandiert der jungen Garde: »Halt!«

Dann steigt er auf eine Laterne, unter sich sieht er die Masse schwarzer Hüte, neben sich den dünnen Laternenpfahl, an den er sich klammert, hinter sich die starre Polizistenkette, die den weiten kiesgelben Platz vor dem Rathaus absperrt, von Zeit zu Zeit weist seine ausgestreckte Hand auf den in der Sonne flimmernden Platz und auf das hohe Haus im Hintergrund, und dann prasselt ein Wolkenbruch zischender Rufe nieder, und ein ungeheurer Wald von Stöcken, Knütteln, Schirmen droht und schwingt dort hinüber. Plötzlich kracht es! Dort drüben hat ein Stein eine Fensterscheibe zersplittert . . .

Hutterer steht noch oben an seinen Laternenpfahl geklammert, da geht ein unterirdischer Ruck durch die Menge, von hinten wird gedrängt und geschoben und gestoßen und – ein rasender Schrei – der Polizeikordon ist durchbrochen! Wie die Tropfen aus einer Champagnerflasche sprühen und springen die jungen Burschen durch die Lücke hinaus, ergießen sich über den weiten Platz vor dem Rathaus, die Polizisten, ohnmächtig, Püffen und Stößen ausgesetzt, jeder einzelne im Nu umringt, setzen den Laufenden nach, dadurch wird das Loch in der Kette nur vergrößert, so daß die nachstürzenden Massen nun im Augenblick den ganzen Platz überschwemmen.

Hutterer steht jetzt auf der obersten Stufe des Rathauses: Man sieht seine aufgeregt erhobenen Arme, den aufgerissenen Mund, die zurückgeworfene Mähne und hört zuweilen einige 327 Worte: »Hier wohnt der letzte Verräter! . . . In der Stunde der Gefahr ist dieser Mann zum Feinde übergegangen . . . Wisgrill . . . Nieder mit den politischen Gauklern!« Der Name Wisgrill schrillt über den Platz, Fäuste zucken in die Höh', Tausende Stöcke drohen hinauf. Weiber kreischen: »Dort hinterm Vorhang im ersten Stock . . . dort steht er, der Jungg'sell . . . Pfuiiiiiii!«

Die Pfuirufe sausen wie Peitschenknallen durch die Luft. Dann klirrt wieder ein Fenster, und plötzlich schwirren von allen Seiten Steine durch die Luft, und es scheppert und kracht und splittert. Im Nu ist kein Fenster im Rathaus mehr heil.

Eine kleinwinzige böhmische Person krabbelt schnell die Stiege hinauf, hebt die Kitteln hoch und geifert besessen: »Ölendiger Verrätter da . . . da!«

Die Zuschauer drunten heulen, quietschen, klatschen in die Hände.

Da hört man aus der Ferne ein verdächtiges Geräusch, gleichmäßig: klipp, klapp, klipp, klapp.

Und plötzlich glitzern die Säbel der Husaren in der Sonne!

Die Masse horcht . . . hört das Getrappel und wird totenstill, dann bricht das tollste Geheul los. Einige rennen in die Seitengassen: »Fort! . . . Fort!« Von hinten wird wütend gerufen: »Dableiben! . . . Wir ham keine Angst!«

Die Husaren rücken ganz langsam vor.

Fest aneinandergedrückt wartet die Menge.

»Da ist mein Madel, fünf Jahr' alt,« kreischt eine zaundürre Frau. »Da reitet die Kinder nieder! . . . Helden! . . .«

328 Die Husaren stehen auf zwanzig Schritt Entfernung.

Schon hört man die Stimme des voraneilenden Majors. Plötzlich reißt sich einer aus der Masse. Erst sieht man nur, wie der Knirps auf den Major zuläuft, dann sieht man seine drohend geschwungene Faust, und plötzlich, das Volk schreit gellend auf, springt der Kleine hoch hinauf und fällt dem Roß des Offiziers in die Zügel, um es niederzureißen.

Ein silbriger Blitz – ein roter Strahl, da liegt der Knirps auf dem Boden, und – die Husaren reiten weiter!

Ein langgezogener entsetzlicher Angstschrei hallt durch die Luft, die erste Reihe der Gaffer reißt auseinander, das Fieber der Flucht ist jählings in die Masse gefahren, sie zerreißt sinnlos, irrt nach links, retiriert, rast nach rechts, drängt zurück, stürzt über die Fallenden, rennt zum Strom der Tausende und zurück zur Straße. Weiber schreien irrsinnig, Knaben singen vor Vergnügen, Männer packen Angehörige und schleppen sie weg, das alles hastet, stolpert, fliegt zur Ringstraße zurück.

In einer halben Minute ist der sonnenflimmernde Platz vor dem Rathaus leer!

Die Polizistenkette ist wieder geschlossen!

Jetzt hört man aus dem Gedränge auf der Ringstraße die Signale der Hornisten.

Schauer hat sich zur Polizistenkette vor dem Rathaus durchgedrängt. Dort hinter der Reihe steht der Polizeipräsident mit seinem Gefolge.

»Lassen Sie mich, bitte, durch!« Schauer scheint ganz ruhig.

329 »Niemand darf durch!«

Die Polizisten stehen jetzt Hand in Hand, wie aus Eisen, taub, verständnislos.

Da schreit Schauer: »Herr Präsident!«

Der Polizeipräsident gewahrt ihn, schickt einen Agenten und läßt Schauer durch den Kordon treten.

Schauer bemüht sich, kaltblütig zu sein, seine Stimme bebt kaum: »Wegen ein paar Fensterscheiben sind jetzt Menschen getötet.«

Der Präsident hat keine Lust, jetzt zu diskutieren. Er fragt scharf: »Was wünschen Sie?«

»Lassen Sie Ihre Husaren da, und ich garantiere Ihnen, wir bringen die Leute in einer halben Stunde nach Hause.«

Der Präsident überlegt:

»Wir wollen, wenn nichts Außerordentliches geschieht, zwanzig Minuten warten.«

In diesem Moment tragen Sanitätsleute den Körper jenes Knirpses vorbei, der dem Major in die Zügel fahren wollte.

»Das ist der Teufelskerl,« murmelt der Major.

Schauer tritt zu der Bahre.

Es ist der Redaktionsdiener Huber, den sie tragen. Die Knochensplitter stehen aus dem Fleisch, am Haar klebt dick das Blut. Sein Kinn ist zerschmettert, aber seine kleine Faust hält einen Stock wild umklammert.

»Beeilen Sie sich, Herr Redakteur!« hört Schauer sagen und rüttelt sich auf. Er sieht über den leeren Platz. Da stöhnen noch einige auf der Erde . . .

330 »Geben Sie uns nur die Seitenstraßen zum Abzug frei!«

Schauer tritt durch die Polizistenkette zurück.

Hutterer kommt an ihm vorbei. Schauer packt ihn am Arm: »Helfen Sie mir! . . . Vorwärts, nach Hause!«

Herrgott, denkt Schauer, wenn jetzt Schillers Lied zum Abmarsch einsetzte!

Stransky taucht auf. Schauer fischt ihn aus der Menge:

»Helfen Sie mir . . . Rufen Sie mit: Vorwärts, nach Hause.«

So stehen die drei, finden noch zehnmal soviel Helfer, und endlich, endlich kommt Bewegung in den trägen Zug, langsam wälzt sich die Masse vorbei . . .


Helferich ist schon heiser, auch er hat ununterbrochen zum Abzug gerufen, aber niemand hat ihn erkannt, niemand ist ihm gefolgt.

Da stößt er auf Stohandl.

»Wissen Sie schon,« schreit Stohandl mit lodernden Augen: »Unerhört! Achtzehn Tote!«

Helferich will sagen: »Da haben Sie's!« aber er beherrscht sich und sagt: »Na, dann ist's wohl genug. Abmarschieren! . . . Helfen Sie doch mit!«

Stohandl hilft wirklich mit, er nimmt seine Zeitung, dreht sie zu einem langen Sprachrohr, steigt auf eine Bank und trompetet: »Volk von Wien . . . Wir sind nicht besiegt . . . Unsere Toten bedecken das Schlachtfeld . . . Wir werden diese Schlacht am Rathause rächen! . . . Wir kommen wieder . . . Heute: Abmarsch!«

331 Am stärksten wirkte nur mehr der Spaß mit der zusammengedrehten Zeitung als Trompete, das wird nachgemacht, und jetzt dröhnt es aus unzähligen Zeitungsrohren: »Abmarsch! . . . Abmarsch!«

Langsam wälzt sich der Zug der Hauptstraße zu . . .

Die Ringstraße lichtet sich schon, das Gedränge wird luftiger, die Rufe verstummen.

Plötzlich hört Helferich wieder dieses gewisse Getrappel . . .

Dieses nervenaufwühlende Geklapper klirrender Hufe.

Am liebsten würde Helferich auf der Stelle davonlaufen, etwas jagt ihn förmlich vom Fleck, er fühlt fast physisch die eisernen Hufe auf der Stirn . . . Aber Stohandl geht neben ihm, und so muß er sich zusammennehmen und darf nicht einmal schneller gehen. Ja, er muß zusehen, wie der andere gemächlich neugierig auf eine Bank steigt und nach beiden Seiten späht.

Hinten auf der Ringstraße rücken die Husaren wieder an, und vorn weit drüben blinken in der Sonne die Helme der berittenen Polizisten.

»Sie sind wahnsinnig geworden,« schreit Stohandl zu Helferich, »jetzt reiten sie von beiden Seiten auf uns los!«

In diesem Augenblick kracht vorn ein Schuß.

»Nichts ist's,« ein Witzbold hat eine Knallkapsel springen lassen.

Jetzt klirren die Hufe hart hinter ihnen.

Helferich zerrt an Stohandls Rock: »Kommen Sie doch!«

Aber Stohandl dreht sich neugierig um: »Das muß ich mir doch anschauen . . .«

332 Da läßt Helferich den Nachbar los und fängt an zu laufen. Er hat das Geklapper der Hufe im Ohr, immer deutlicher krachen die Hufe auf das Pflaster, jetzt müssen sie fast hinter ihnen her sein, er rennt, rennt, rennt, aber die Hufschläge klingen immer näher . . . Er hört schon aus weiter Entfernung, daß Stohandl ihn ruft, aber es ist ihm unmöglich, stehenzubleiben oder gar sich umzudrehen, es peitscht ihn vorwärts.

Plötzlich fällt er. Im nächsten Augenblick saust etwas über ihn hinweg, er spürt einen betäubenden Schlag, spürt, daß etwas Warmes über seine Backe rinnt . . .

Dann steht Stohandl bei ihm und richtet ihn auf: »Halten Sie sich an mich an, die Husaren sind schon vorbei . . . Haben Sie auch was abgekriegt?«

Aber Helferich fühlt gar keinen Schmerz. Während er, auf Stohandl gestützt, aufsteht und vorwärts wankt, denkt er, es wird ganz gut aussehen, daß auch einer aus der Redaktion verletzt wurde, und er verfaßt schon die absichtlich bescheidene Notiz im morgigen Bericht der Volkszeitung: »Unter den Opfern der sinnlosen Reiterattacken, die an der Kreuzung der Haupt- und Ringstraße erfolgten, befindet sich auch unser Redakteur Eduard Helferich, der nur wie durch ein Wunder mit dem Leben davonkam.«

Helferich ist ganz zufrieden, während er an Stohandls Seite zur Rettungsstation wankt.


Der große Zug ist fortgewischt von der Ringstraße.

Die Polizisten reiten als Sieger über das gesäuberte Pflaster.

333 Die Massen haben sich in den Seitenstraßen verteilt. Die meisten werden von Polizeitruppen begleitet.

In der inneren Stadt wird das kleine Feldlager aufgelöst.

Durch ein schmales abseitiges Gäßchen, ganz nahe der Ringstraße, humpelt ein Einspänner.

Als die Husaren anrückten, ist ein Häufchen Demonstranten in dieses abgeschiedene Gäßchen gedrängt worden. Eine Viertelstunde hielten sie sich in der Torfahrt eines alten Hauses versteckt, jetzt wagen sie sich hervor.

Da gehen diese zwanzig oder dreißig Leute, noch erhitzt von der »Schlacht« draußen, durch diese alte Gasse, in der es heute noch lautloser zugeht als sonst, alle Tore versperrt, alle Fenster geschlossen und verhängt.

»Wie sie sich verkrochen haben!« schreit ein Aufgeregter, während er die Front verhängter Fenster überschaut.

Schwache Hufschläge klappern über das Pflaster. Jählings drehen sich die Demonstranten um: Kommt da hinten schon wieder so ein Reiter?

Ach, es ist nur ein mageres, altes Einspännerpferd, das mit hängendem Kopf müde dahertrabt.

»Aufhalten,« schreit einer aus der Gruppe, »wir müssen auch zu Fuß gehen, da brauchen die Bourgeois auch nicht zu fahren!«

Im Nu ist der alte Kasten umringt, die Wagentür wird aufgerissen, ein paar Köpfe starren frech hinein: »Aussteigen . . . Nieda mit die Burschoa! . . . Aussteigen, Frau Gräfin.«

Eine runzlige alte Dame in schwarzem Kleid mit einem Spitzenhäubchen sitzt da und lächelt.

334 Ein Frauenzimmer packt sie am Handgelenk: »Nur keine G'schichten machen, aussi! . . . Das Volk muß auch zu Fuß gehen!«

»O, bitte,« sagt die alte Dame lächelnd und steigt langsam herunter.

Irgend etwas in dieser Bereitwilligkeit irritiert die Aufgeregten.

Ich könnt' euch sagen, wer ich bin, denkt die alte Dame, während sie zitternd ihren Pompadoursack aus den Kissen holt, ich bin nämlich die Mutter eures . . . aber ich werde mich hüten, meinem Sohn Ungelegenheiten zu bereiten. Vielleicht ist es wirklich taktlos, daß ich mich aus Neugier, oder vielleicht war es doch mehr, in die Nähe der Ringstraße fahren ließ?

»Darf ich den Kutscher zahlen?« fragt die alte Dame.

Der Kutscher hebt seine Peitsche hoch, beugt sich vom Bock herunter und ruft: »Schamt's euch net? Eine alte Frau schikanieren! . . . Und extra no dazu eine von euch. Das is ja die Mutter vom Doktor Schauer!«

Einer öffnet sofort den Wagenschlag und lacht:

»Pardon, Madamme! Steigen S' nur wieder ein, Mutterl, Sie entschuldigen schon, das war nur so in der ersten Aufregung!« 335


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