Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Stefan Großmann >

Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Fünftes Kapitel

Kreuzgasse im siebzehnten Bezirk, das ist am Ende der Welt, sagt sich Helferich, während er durch Gassen, die noch nicht gepflastert sind, stapft, an weiten Bauplätzen vorbei, aus denen dann und wann ein ganz neues und doch schon ganz verschmutztes Haus hervorragt. Kinder spielen im kümmerlichen Gras, Kinder verrammeln das Haustor und die unsauberen Stiegen, Kinder hocken auf den Türschwellen, auf dem Gange, Säuglinge, fast mit greisen Gesichtern, spindeldürre, bloßfüßige Buben, zwölfjährige blasse Mädel, die schon Proletarierinnen sind.

»Wohnt hier Herr Schiller?«

Ein altes Weib, im Hemd und Unterrock, ungeniert, die Armut zu Hause, führt Helferich durch eine halbfinstere Küche, in der ein offenes rotes Bett noch zerwühlt daliegt, durch ein helles Zimmer, in dem halbfertige Kleider, Tuche, Scheren, Seidenstücke herumhängen. Im Fenster zwitschert ein graugelber Vogel. Dort im Licht hocken um einen niedrigen Tisch fünf Schneider mit nackten Füßen und offenen Hemden beisammen.

»Guten Tag,« sagt Helferich sehr höflich, »entschuldigen Sie die Störung.« Er geht langsam durch das Zimmer, und sein Blick trachtet alles wahrzunehmen: das Bügelbrett 258 in der Ecke, die alte Bierflasche auf dem Ofen, die aufgespannten bunten Zeitungsbilder an den Wänden, die Mutter Gottes in der Ecke – Das ist ja seit langem des Redakteurs erster Ausflug in die Wirklichkeit . . .

Die Schneider erwidern mürrisch seinen Gruß: Was braucht sich denn der Kerl so umzuschauen? Wie ein Detektiv guckt der um sich!

Die Alte führt ihn: »Gehn Sie nur da hinein, der Herr Schiller ist schon lange wach.«

Helferich klopft und tritt ein: »Guten Morgen.«

Schiller sitzt bei einem kleinen Tisch am Fenster. Hinter ihm steht ein Bett und ein Kasten, fertig! Mehr Gegenstände hätten in diesem Loch nicht Platz. Das Fenster ist offen: Über dem Hermannskogel, über den sanften Hügeln des Wienerwaldes, liegt jener zarte graue Nebel der niederösterreichischen Landschaft.

Schiller ist in Hemdärmeln: »Ich kann Ihnen nicht einmal einen Sessel anbieten, das Zimmer ist auf Gäste nicht berechnet.«

»O danke,« Helferich setzt sich auf das Bett, »es geht schon. . . . Hier bin ich vor vier Jahren bei Ihnen gesessen, erinnern Sie sich, Schiller, da haben wir den großartigen Plan ausgeheckt, aus Ihnen einen Bankmenschen zu machen. Es ist nicht ganz geglückt . . . Ist's Ihnen nicht ein wenig eng hier?«

»Gar nicht. Wie ich drunten in Italien war, hat uns ein Führer in die Zelle geführt, in der Michelangelo gearbeitet hat. Sehen Sie, die war auch nicht größer! Allerdings hat 259 er vermutlich keine besoffenen Schneider als Nachbarn gehabt. Aber das hab' ich mir jetzt beim Einziehen ausgemacht: Vormittags bis Elf und abends von Fünf bis Neun darf nicht gesungen werden! Ich kann diese Gassenhauer nicht mehr hören.«

»Eigentlich grausam gegen die Schneider.«

»Ach was, sollen sie nach Neune singen! . . . Übrigens, ich kann mir denken, was Sie herführt. Sie haben mit Schauer geredet.«

Helferich steckt eine seiner entsetzlichen Zigarren an und sagt dabei gleichgültig: »Ja.«

»Na, was hat er denn gesagt? Ich bin wirklich gespannt!«

Helferich sucht seine Streichhölzer, um nicht gleich zu antworten: »Ja, was soll er denn gesagt haben? Sie wissen ja, er ist kein großer Wortmacher. Ihre Haltung in der Verhandlung war ja wirklich . . .«

»Wer redet denn von meiner Haltung in der Verhandlung?«

Helferich pafft angestrengt, das kleine Zimmer stinkt schon von seinen Zigarren: »Ah sonst, meinen Sie? . . . Das sind Sachen, über die wir nicht reden . . . Sie können beide froh sein, daß Sie sie los sind.«

Schiller wird unwillig: »Wovon schwatzen Sie denn? Kommen Sie denn nicht wegen der neuen Marseillaise, die ich Schauer zugeschickt habe?«

Gut, daß ich in diesem Bett so fest sitze, denkt Helferich, sonst wäre ich jetzt heruntergefallen. Das also sind seine Sorgen!

»Ja,« sagt Helferich begütigend, »Schauer hat mir davon erzählt, ein Revolutionslied oder so was.«

260 »Na also, ich denk', das werden Sie jetzt brauchen können. Es wird ja immer deutlicher, daß es zu keiner Wahlreform kommt, wenn wir uns nicht rühren! Ich stell' mir vor, daß dieser Marsch den großen Demonstrationen einen unerhörten Schwung geben wird. Wenn so ein Lied von zweimalhunderttausend Menschen gesungen wird, wenn das über die ganze Ringstraße brausen wird! . . . Ich hab' es gerade noch ein wenig vereinfacht. Können Sie Noten lesen? Schade, Klavier hab' ich leider auch keines hier, das ist das einzige, was ich entbehre. Aber hören Sie zu, ich sing' es Ihnen vor.«

»Ich bin leider ganz unmusikalisch, mir können Sie die Neunte Symphonie oder einen Operettenwalzer vorsingen, ich erkenn's nicht.«

»Dann hören Sie erst recht zu! Diese Melodie ist die Einfachheit selber! Das müssen auch die Taubgeborenen hören und mitsingen!«

Schiller steht auf und beginnt mit seinem hellen Tenor . . .

Da klopft es wütend an die Wand, die Schneider im Nebenzimmer werfen ihre Holzschuhe an die Tür, einer brüllt: »Maul halten,« ein anderer quietscht: »Nach Neun wird erst gesungen.«

Schiller reißt wütend die Tür auf: »Das verbitt' ich mir. Sie haben gestern auch schon um halb Sieben gebrüllt, und ich hab' nichts gesagt. Das ist eine Gemeinheit!«

Ein kleiner Kerl mit nackten Füßen ist vom Schneidertisch gesprungen, direkt auf Schiller los: »Sagen S' das noch einmal und Sie sind eine Leich'! Sie brüllen! Wir singen!«

261 Helferich drängt sich zwischen die beiden: »Aber Genossen . . . Sie sind doch sicher Genossen . . . Na also, mein Name ist Helferich . . . von der Volkszeitung.«

»Ah was, Genossen? . . . So schauen S' aus! . . . Das kann jetzt ein jeder sagen.« Der Bloßfüßige beruhigt sich aber doch, hält sich seine Stupsnase und lacht: »Zahlen S' lieber an Liter Bier, dann soll er singen.«

Helferich fährt schon in die Tasche.

»Nicht unterstehen!« Schiller reißt ihm die Hand aus der Hose. »Wenn sie jetzt saufen, dann brüllen sie den ganzen Nachmittag!«

Er zieht Helferich wieder in sein Zimmer.

»Lange werden Sie da nicht aushalten, Schiller,« sagt Helferich, »setzen Sie sich zu mir aufs Bett und reden Sie vernünftig, von Musik versteh' ich ohnehin nichts. Sagen Sie, was werden Sie denn jetzt anfangen?«

»Studieren, arbeiten, ich muß kontrapunktische Übungen machen, das fehlt mir furchtbar.«

»Fehlt Ihnen nicht Geld noch furchtbarer?«

Schiller lächelt: »Ah, Sie meinen jetzt: Jetzt hat ihn der Kunstspleen, jetzt ist er ganz unheilbar! Wie steht das in Ihrem Büchel? He? Sehen Sie, ich mache jetzt ein letztes Experiment. Vielleicht hab' ich mir jahrelang diese musikalischen Sachen nur eingeredet! Jetzt geb' ich mir drei Monate Frist . . . Nein, mein Lieber, kein Mitleid, es ist sehr nett von Ihnen, daß Sie sich nach mir erkundigen, aber ich sag' Ihnen, ich besitze noch, ganz im 262 geheimen, vor meiner Verflossenen sorgfältig verborgen, sonst hätte sie's in den blödsinnigen, italienischen Hotels auch noch hinausgeworfen, zweihundertundvierzig Kronen. Damit komme ich vier Monate aus. Da, schauen Sie in meinen Kasten, wovon ich lebe: Milch, Emmentalerkäse, Brot, und zwar weißes Brot, obwohl es teuer ist, ferner zwei Äpfel . . . Jetzt denken Sie, wie ich Sie kenne: Übergeschnappt! . . . Aber ich sage zu euch: Arme Narren! Das genügt nämlich vollkommen, das enthält so viel Eiweiß und Stickstoff, wie wir brauchen, schmeckt ausgezeichnet und macht mich vollkommen unabhängig! Eigentlich muß ich meiner Verflossenen dankbar sein, sie hat mich in das Leben der eleganten Leute einführen wollen, und so habe ich in diesen internationalen Hotels die ganze Blödigkeit eurer Freßsucht kennengelernt. Je länger sie mich in diesen stupiden Pensionen und Hotels herumgezerrt hat, um so mehr habe ich dieses ewige Schwätzen über Diners, Menüs, Magenbeschwerden, Gewichtszunahmen hassen gelernt. Mein Lieber, die Reichen werden zuckerkrank, weil sie zu viel fressen, die Armen zehren ab, weil sie so blöde sind und Bier und Schnaps saufen. Kommen Sie in vier Monaten nachschauen, ob ich nicht blühend aussehe . . . Wollen Sie was Gutes für mich tun, Helferich? Sie schauen mich so nachsichtig-teilnahmvoll an, weil Sie ein guter Kerl sind und sich denken: Armer Narr . . . Wollen Sie was Gutes für mich tun, so sagen Sie mir offen, was hat Schauer zu dem ›Lied für die Masse‹ gesagt? Ganz offen, ich vertrage jede Kritik!«

263 Helferich raucht und überlegt: Irgend etwas ist wirklich bei dem Schiller nicht richtig . . . Endlich muß er aber antworten.

»Ich glaube, das Lied hat Schauer sehr gefallen.«

Da springt Schiller zu ihm aufs Bett und setzt sich dicht neben ihn.

»Sehen Sie, das hab' ich gewußt! Das habe ich ganz bestimmt gewußt! . . . So ist er . . . Die Sache ist ihm alles! . . Wer etwas für die Sache tut, der ist sein Freund . . . Hundert schwere Stunden fallen jetzt von mir! Da, auf diesem Bett bin ich Nacht für Nacht mit offenen Augen gelegen und habe nachgedacht, wie ich an Schauer gutmachen könnte, was ich in Blindheit, ein geiler Narr, an ihm gesündigt habe, aber wenn ihm das Lied gefallen hat, dann ist alles gut . . . Mit diesem Lied kann man nämlich Revolution machen! In diesem Lied steckt die ganze Revolution! Sie hätten mir nichts Besseres sagen können als das. Es gefällt Schauer! . . . So, und jetzt machen wir einmal ein Experiment. Kommen Sie nur mit.«

Schiller zieht ihn hinaus in die Werkstätte der Schneider. Er stellt sich breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen, in die Mitte des Zimmers: »Also hören Sie zu, meine Herren oder meine Herren Genossen oder Bruchteil des arbeitenden Volkes! Ich werde euch jetzt ein Lied vorsingen! Wenn ihr es richtig – ohne Fehler – nachsingen könnt, es ist ganz leicht, so zahle ich, der Feind des Volksverblödungsmittels Bier, fünf Liter.«

Die Schneider werfen Nadel, Schere, Stoffe weg – beginnen bloßfüßig zu tanzen.

264 Helferich sieht plötzlich, scheinbar erschrocken, auf die Uhr: »Seien Sie nicht bös, aber ich muß sofort weg. Wenn Sie irgend was benötigen, Sie wissen . . . gern.«

»So bleiben Sie doch,« schreit ihm Schiller nach, »ich habe es ihnen ja noch gar nicht vorgesungen.«

Auf der Stiege hört Helferich einen hohen Tenor . . .


Die Schneider grölen im Chor, Schiller sitzt, den Kopf zwischen den Knien, auf einem der niedrigen Arbeitssessel und lauscht.

Da klopft es wieder.

»Ruhig,« brüllt Schiller, »vielleicht hat es den Herrn zurückgelockt. Das wär' kein Wunder . . . Herrrein! Nur hereinspaziert.«

Ein geschniegelter, ein bißchen x-füßiger Herr tritt ein, den steifen Hut in der Hand.

»Sie wünschen?«

»Runtz, mein Name ist Runtz! Sie erkennen mich gar nicht mehr?«

»Na, hören Sie, haben Sie einen Haupttreffer gemacht? . . . Jetzt kaufen Sie sich noch gerade Beine und Sie sehen aus wie ein Edelmann . . . Hier sind, Genossen, zwei Silberstücke für euer Verblödungsmittel . . . Es hat ganz gut geklungen . . . Spazieren Sie weiter, Herr von Runtz, womit kann ich dienen?«

»Nichts, Gott bewahre, ich will nichts von Ihnen, ich wollte Sie nur einmal sehen . . . Darf ich mich auf das Bett setzen? Nach Ihrer sensationellen Zeugenaussage sind Sie ja wieder 265 ganz verschwunden. Man sagt mir, daß Sie nicht mehr ins Café Monopol gehen, ich übrigens auch nur selten . . . aber ein Mann wie Sie muß auf dem Posten stehen! Spaß! In drei Wochen können Sie wieder Kronprinz sein! . . . Ich habe mich schon wiederholt nach Ihnen erkundigt. Wir haben nämlich eine gemeinsame Bekannte, das Fräulein Huber vom Neuen Theater?«

»Huber? . . . Neues Theater? . . . Unbekannt!«

»Aber die Mizzi? Die Schwester unseres Huber! Die Mizzi vom Wisgrill, oder eigentlich wird man jetzt sagen müssen, die Mizzi vom Fürsten Schwarzenstein, ich glaub', sie geht in hochherrschaftlichen Besitz über, denn Wisgrill, das werden Sie ja wissen, schmachtet in anderen Banden. Die ist ein Charakter! . . . Die Mizzi wohnt noch immer hier, drei Häuser von Ihnen . . . Sie begegnen ihr jeden Morgen, aber Sie grüßen sie nicht, sie hat sich bei mir beklagt! Wahrscheinlich kennen Sie sie nicht mehr! Oder ist das nicht Ihr Fall? . . . Also, wie geht's? Wie steht's? Lieber Freund!« Er versucht Schiller auf die Schenkel zu klopfen, aber seine Arme langen nicht bis hin. »Sehr nett haben Sie's hier, einfach, aber nett. Was zahlen Sie für dieses Zimmer, wenn ich fragen darf, es interessiert mich aus rein statistischen Gründen. Wir planen jetzt eine große Anstalt zur Errichtung von Kleinwohnungen.«

»Wir?«

»Na, Sie wissen doch, ich bin jetzt bei der Kreditbank. Es ist mir gelungen, den Direktor Mandl ganz für uns zu gewinnen, das heißt, natürlich nicht öffentlich. Schließlich 266 ist der Mann uns im geheimen nützlicher. Ja, was ich Sie fragen wollte, wollen Sie nicht Ihre alte Stelle in der Kreditbank wieder antreten? Wenn ich Mandl ein Wort sage, ist das gemacht! Ich tu's mit größtem Vergnügen, es ist mir direkt eine Freude, Ihnen dienen zu können.«

»Danke, nein!«

»Da haben Sie recht! Ein Mann wie Sie ist zu gut dafür. Also, was werden Sie jetzt machen? Werden Sie sich ausschließlich der Politik widmen? Wissen Sie, daß es in der Partei schon eine kleine Revolution gegen Schauer gegeben hat? Er sitzt zwar wieder fest im Sattel, aber seine Politik ist doch zu matt, er ist wie der Ministerpräsident, er möchte das Radikalste, aber es soll von selber geschehen, es fehlt ihm das angeborene revolutionäre Temperament, er ist eben ein Wiener.«

Schiller nimmt aus der Tischlade einen Apfel und schält ihn langsam.

Runtz' kurze Beine baumeln vom Bette: »Sind Sie heute zu der Parteikonferenz geladen? Ich war bei der vorigen. Diesmal hab' ich gesagt: Laßt mich aus! Es kommt ja doch nichts Radikales heraus, und die ewigen Reden sind schon wirkungslos. Es kommt übrigens auf die Redner an . . . Schauer ist nicht genug volkstümlich, da redet Stohandl anders. Sie sollten jetzt einmal Stohandl reden hören, das ist gesprochenes Dynamit, großartig! Apropos, warum reden Sie nicht? Wissen Sie, wann ich Sie zum letztenmal gehört habe? In der Furtmüllerversammlung! Mit dem Furtmüller geht es rapid bergab. Daß er das Mandat niedergelegt hat, wissen Sie?«

267 »Nein.«

»Was? Stellen Sie sich nicht unschuldig! Sie werden doch wieder kandidieren? Sind Sie schon aufgestellt? Mir können Sie's ruhig sagen! Ich bin für Schiller, unbedingt, und ich werde mich auch diesmal für Sie ins Zeug legen, wie ich das letztemal kolossal für Sie gearbeitet habe. Direktor Mandl ist gewiß wieder zu haben . . . Wahrscheinlich wird heute Ihre Kandidatur beschlossen!«

Schiller beißt in den Apfel.

»Sie lassen mich die ganze Zeit reden, Sie Schlaumeier! Sagen Sie mir wenigstens noch das eine: Kandidieren Sie, oder kandidieren Sie nicht? . . . Soll ich Ihnen ganz offen sagen, warum ich frage? Ich glaube, Hutterer spitzt auf das Mandat, obwohl es taktisch klüger wäre, dort einen Juden zu kandidieren! Glauben Sie nicht? . . . Man ist auch an mich herangetreten, aber ich weiß nicht recht . . . Vor allem muß man doch wissen, ob Sie, als der Würdigste, nicht in Frage kommen! Na, sagen Sie ein Wort!«

Schiller hat gerade wieder fest in seinen Apfel gebissen. Er deutet auf seinen vollen Mund, und seine weißen Zähne beißen und kauen fest wie eine Maschine.

Runtz steht gekränkt auf: »Ich hätte Sie gar nicht für einen so vorsichtigen Mann gehalten . . . mir gegenüber!«

Schiller öffnet lächelnd die Tischlade: »Da sind nur diese vorzüglichen Äpfel schuld . . . Wollen Sie einen?«

Nein, Runtz dankt.

»Was ich noch sagen wollte . . . Das erste Haus mit Kleinwohnungen wird im nächsten Monat fertig. In Döbling! 268 Wenn Sie wollen, verschaff' ich Ihnen dort eine Wohnung! Spottbillig! Mandl tut das mir zuliebe . . . Hier können Sie ja nicht bleiben, Sie brauchen doch ein Klavier! Wenn man wie Sie durch und durch Musikmensch ist!«

In diesem Moment steht Schiller auf, Runtz muß einen Schritt zurücktreten, um zu ihm hinaufschauen zu können. Schiller wirft die Tür auf, tritt einen Schritt ins Zimmer der Schneider und ruft dann im Kommandoton:

»Und nun: Schluß! . . . Abtreten! . . . Hinaus! . . . Es hat mich sehr gefreut, Herr Runtz . . . ein andermal wieder!«

Die Schneider, durchs Bier fidel gestimmt, von Schillers tönendem Kommando geweckt, stehen mit ihren Krügeln Spalier, Schiller tritt vor sie, steigt auf einen Sessel und ruft taktgebend: »Das Lied der Masse, noch einmal . . . dem abziehenden Gast zu Ehren!«

Runtz bleibt eine Weile mit süßem Lächeln stehen, vielleicht ist doch ein vernünftiger Abgang möglich, dann setzt er seinen steifen Hut auf und watschelt x-füßig ab. 269


 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.