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Die Partei

Stefan Großmann: Die Partei - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDie Partei
authorStefan Großmann
year1919
firstpub1919
publisherUllstein und Co
addressBerlin-Wien
titleDie Partei
pages382
created20131027
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel

Fahren Sie noch fort?« sagt Helferich abends in der Redaktion zu Schauer.

»Wozu denn? Ich hab' es absolut nicht nötig! Es wär' die reine Familientyrannei, der ich zum Opfer fiele. Ich kenne keine bessere Erholung als so ein paar Tage Arrest. Ich hoffe, daß es jetzt überhaupt gegen uns losgeht, für die Partei ist es das allergesündeste. Wo sperrt sich denn sonst ein Mensch wochenlang ein und ist auf seine eigene Gesellschaft angewiesen? Es sind direkt Seelenreinigungen, die die Regierung da erzwingt, nicht zu reden von den Burschen, die wir bloß durch die Möglichkeit der Gefahr loswerden. In guten Zeiten kleben sich immer allerlei süßliche Mitläufer an, ein scharfer Windstoß und die Burschen verfliegen! Ich muß sagen, ich freu' mich ordentlich auf strengere Zeiten, das ist uns sehr gesund.«

Huber tritt ein. Er bleibt an der Tür stehen und hält etwas hinter dem Rücken.

»Grüß' Sie Gott, Huber, na, nur näher heran, Sie haben mir ja noch nicht einmal die Hand gegeben.«

Huber tritt schnell an Schauers Schreibtisch und läßt einen roten Nelkenstrauß fallen: »Sind S' nicht bös', Genosse 247 Schauer . . . aber wir wohnen draußen im Liebhartstal da wachsen sie.«

»Herrgott, bin ich denn so ein widerwärtiger Kerl, daß Sie sich entschuldigen, wenn Sie mir eine Freude machen? Sind ja prachtvoll, die Nelken. Schad', daß meine Mutter nicht da ist, die würd' sich revanchieren . . . was macht denn der kleine Vinzenz? Orthographie gut?«

Huber strahlt: Schauer ist gut gelaunt!

»Ach was,« lacht Huber, »reiten lernt er jetzt, draußen mit einem Stallpagen vom Fürsten Schwarzenstein. Wer weiß, wir werden auch Reiter brauchen . . . Einmal!«

»Einmal! . . . Sie kommen allmählich zur Vernunft, Huber.«

Da beugt sich Huber zutraulich über den Schreibtisch: »Warum sollen denn nur die Polizisten reiten? . . .«

»Huber, Sie sind doch sonst so ein gescheiter Mann! Sehen Sie nicht ein, daß Sie ungerecht sind gegen diese armen Wachleute? Sind auch arme Teufel.«

»Wer hat's ihnen denn g'schafft, daß sie Polizisten werden?«

»Lieber Freund, einmal waren wir alle Esel, das ist das heilige Recht eines jeden.«

»Ich sag' ja nichts . . . Wir müssen uns nur schützen.«

Helferich kann nicht länger zuhören:

»War Hudalek da?«

»Richtig, den rufen Sie mir auf,« sagt Schauer. »Wir müssen gleich morgen Sitzung halten.«

248 Helferich steckt die Feder hinters Ohr: »Also wird Gericht gehalten . . . Rache für das letztemal, ganz gesund!«

»Rache? Ich bin jetzt ein paar Wochen in aller Stille gesessen! Halten Sie mich für einen eitlen Esel? Rache ist unproduktiv . . . Rache? Rache? Ich weiß gar nicht, wie das ist . . . Aber die Leute sollen nicht glauben, daß ich davonlauf'! Und außerdem war diese ekelhafte Geschichte wirklich zu arg, das darf nicht einreißen! Ein gewisses Quantum Tratsch und Schäbigkeit gehört ja zur Behaglichkeit des Lebens, aber ich finde, daß wir die Gebrauchsmenge limitieren müssen . . . Die Leute sollen mir ins Gesicht sehen, die damals losgegangen sind.«

»Dann lassen Sie den Runtz auch kommen!«

»Den grad nicht, mit dem stell' ich mich nicht her . . . Der ist jetzt glücklich von Direktor Mandl entdeckt, der wird in der Kreditbank hinaufklettern, den werden wir ganz ohne Anstrengung los. Bei solchen Leuten braucht man gar nicht nachhelfen oder stoßen, da muß man nur eine Zeitlang warten . . . In einem Jahr ist der bei Muttern! Aber Leute wie der junge Hutterer, Leute wie Stohandl, wirkliche Arbeiter, die müssen her!«

»Mit dem Hudalek seien Sie vorsichtig, den überschätzen Sie!«

»Überschätzen? Ich habe oft gesehen, daß die Leute erst dadurch anständig werden, daß man es ihnen zutraut.«

»Er hat sich aber nicht gerade edel gehalten.«

Schauer lacht über das ganze Gesicht: »Das ist wieder ein anderer Fall: Hudalek ist ein Taktiker! Der glaubt es 249 seiner Strategie schuldig zu sein, sofort von einem abzurücken, wenn so was losgeht . . . Außerdem ist er eine gekränkte Leberwurst!«

Das Telephon klingelt.

»Hier Schauer . . . Grüß' Sie Gott, Hudalek! Na, bin ich wieder in Gnaden aufgenommen? Gott sei Dank! Also, passen Sie auf, Hudalek. Die Sitzung, die in meiner Abwesenheit abgesagt wurde, machen wir natürlich morgen . . . Nein, nein, da bin ich nicht Ihrer Ansicht . . . die muß abgehalten werden! . . . Ja, dieselben Leut' wie damals. Nur dieser Herr Huntz oder Runtz oder Gruntz, den brauchen wir nicht . . . Schiller? Na, warten Sie einen Augenblick, da will ich nachdenken . . . Helferich, was glauben Sie, soll man Schiller einladen? Formell wär's richtig, er ist Vorstandsmitglied . . .«

»Nein!« Helferich ist entschieden dagegen. »Jedenfalls warten Sie, ich werde ihn zuerst sprechen, übrigens weiß man ja nicht einmal seine Wohnung.«

Schauer ruft ins Telephon: »Hallo, sind Sie noch da, Hudalek? . . . Wissen Sie Schillers Adresse? . . . Dort wohnt er nicht mehr . . . Dann können Sie ihn ja gar nicht einladen! . . . Also morgen, halb Fünf, Volksheim«


Zwei Federn kritzeln eine Stunde lang über Manuskriptpapier.

»Ich muß doch ein paar Zeilen über diesen Schwabach ins Blatt schreiben,« sagt Schauer, »eigentlich hat er sich als Vorsitzender gar nicht so unanständig aufgeführt.«

250 »Lassen Sie mir den Kerl, Sie behandeln ihn zu milde. Mit der Frage, ob Sie Republikaner sind, hat er Sie in der schuftigsten Weise hineinlegen wollen.«

»Richtig, das hatte ich schon wieder vergessen. Übrigens ist das sein Geschäft . . . Am Schluß hat er sich doch verhältnismäßig korrekt verhalten.«

»Sie legen alles zu gut aus, immer . . . da hat er eben erkannt, daß nichts mehr zu machen ist!«

Zwei Federn kritzeln über Manuskriptpapier . . .

Plötzlich sieht sich Schauer um: »Ja, wo ist denn Weiner? Noch krank?«

»Er steckt in keiner guten Haut, ich glaube, seiner Lunge fehlt schon der halbe Flügel . . .«

»Ah! Das tut mir wirklich leid. Wo wohnt er denn?«

»Glockengasse.«

Die Federn rascheln . . . zwei Köpfe sind über ihre Arbeit gebeugt . . .

Schauer unterbricht sich: »Man ist doch immer gemeiner, als man sein will. Ich hab' ja Schillers Adresse! Er hat sie mir ja in die Zelle geschickt.«

»So? Hat er Ihnen geschrieben?« Helferichs Stimme krächzt vor Mißvergnügen.

»Nein, er hat mir eine musikalische Wurscht geschickt, eine neue Marseillaise, so was.«

Helferich brummt: »Wichtigkeiten! . . . Geben Sie mir die Adresse . . . ich werd' ihn abends aufsuchen.«

Nach dem Abendessen ist Helferich im Hotel Zentral.

251 Der Portier zuckt die Achseln: »Es hat heute schon ein Herr nach ihm gefragt, aber Herr Schiller ist schon vor fünf Tagen ausgezogen, ohne seine Adresse zurückzulassen. Vielleicht kann Ihnen die Dame auf Zimmer Nummer fünfunddreißig Bescheid geben . . . Sie sitzt gerade im Speisesaal, gleich rechts in der Ecke, mit einem Herrn im weißen Anzug.«

Nein, denkt Helferich, die Dame such' ich nicht auf, aber sehen möcht' ich das Frauenzimmer doch, ich werde ganz ahnungslos durch den Speisesaal gehen und mir bei dieser Gelegenheit auch den Herrn in Weiß anschauen.

Der lange schmale Speisesaal ist leer. Teppiche dämpfen jeden Schritt. Viele blank gedeckte Tische. Lauernde Kellner . . . Helferich hört aus der entferntesten Ecke ein Lachen und Schwätzen. Das ist sie, denkt Helferich, so kollern die Worte über ihren Mund, richtig, dort im äußersten Winkel sitzt Dora im lichtgrünen Kleid und ein Herr im weißen Leinenanzug. Ein Champagnerkübel neben ihm. Helferich möchte zurück, aber da hört das kollernde, kichernde Geschwätz jählings auf, er ist bemerkt!

»Helferich,« ruft der Herr in Weiß und kommt ihm entgegen.

»Trifft man Sie auch da?« Helferich ist nicht gerade vergnügt darüber.

»Kommen Sie einen Augenblick an unseren Tisch, trinken Sie ein Glas Sekt mit uns.«

»Danke,« brummt Helferich, »ich trinke nur Bier.«

»Seien Sie nicht unhöflich gegen eine hübsche Frau.« Wisgrill nimmt ihm einfach den Hut ab. »Sie werden noch 252 kein Parteiverbrecher, wenn Sie einmal ein Glas Sekt trinken.«

Helferich tritt an den Tisch, murmelt eine nicht ganz verständliche Begrüßung, läßt sich von Wisgrill auf einen Sessel und ein Sektglas in die Hand drücken. Er kann sich's nicht verschlagen, Dora genauer anzusehen. Das grüne dünne Kleid ist tiefer ausgeschnitten, als Doras Sommerkleider gewöhnlich waren, man sieht ihre rotgoldene gebräunte Haut. Aus ihrem sonnengesättigten, braunen Gesicht leuchten die Augen jetzt ganz lichtblau, und die braunen Haare schimmern rötlich.

»Also prosit,« sagt er endlich und trinkt, »entschuldigen Sie, daß ich in meinem Arbeitsrock bei Ihnen sitze, Sie beide sehen ja aus, als wenn Geburtstag wäre oder sonst ein Fest, ganz licht.«

Doras helle Augen werden groß: »Uns ist gar nicht so festlich zumut.«

Wisgrill hat Angst vor jeder Gesprächspause; um Helferich aufzuheitern, sagt er: »Prosit zu dem Freispruch!«

Dora trinkt mit.

Wisgrill fragt: »Was führt Sie denn da her?«

»Ich habe Schiller gesucht. Vielleicht können Sie mir sagen, wo er wohnt.«

Dora lächelt: »Ganz bestimmt kann ich es Ihnen auch nicht sagen, ich glaube, er wohnt als Zimmerherr draußen im achtzehnten Bezirk in der Kreuzgasse.«

»Da hat er als Junggeselle gewohnt, Kreuzgasse achtzehn.«

253 »Ja, in demselben Zimmer im vierten Stock, bei einem Schneider!«

»Wahrscheinlich hat er keinen Knopf Geld. Dieser Narr . . . entschuldigen Sie, gnädige Frau . . .«

»Aber bitte . . . Sie kennen ihn länger.«

»Ich habe nichts Schlechtes gegen ihn sagen wollen. Ich glaube nur, er ist ein furchtbar ungeschickter Mensch. Warum tritt er denn nicht wieder seinen Posten in der Kreditbank an?«

»Das hab' ich ihn auch gefragt,« sagt Dora zu Wisgrill.

»Na ja, ein Vergnügen ist es für ihn nicht!« Helferich schnuppert etwas, das ihn milde für Schiller stimmt. »Die Arbeit in der Kreditbank ist gewiß etwas Geistmordendes. Aber was wird er denn anfangen?«

Dora zuckt die Achseln, dann sagt sie, ihre zierlichen Zähne weisend, klar: »Ich habe keinen Einfluß auf seine Entschließungen.«

Wisgrill spürt, wie spitzig das Gespräch wird, schiebt seinen Sessel vor, so daß er sich gewissermaßen zwischen Dora und Helferich drängt, schenkt die Gläser voll und sagt dann ungeniert:

»Also prosit, Sie sollen leben, Helferich, führen wir keine Eiertänze auf. Ich werd' Ihnen was sagen, Helferich, der Schiller hat sich gegen die gnädige Frau benommen wie ein . . . na, Sie würden gleich das Ärgste sagen, nämlich wie ein Künstler. Ich muß aber gestehen, da müßte der Herr Gustav Schiller noch ganz andere Sachen fertigbringen als eine armselige Marseillaise und drei Männerchöre und meinetwegen ein paar Lieder mit Orchestertamtam, um 254 diese unglaubliche Roheit und Charakterlosigkeit zu entschuldigen. Das sag' ich, sein ältester Freund, aber er ist in der Freundschaft, wie er in der Liebe ist, einfach ein Stimmungsmeier, ein Mensch, der gar nicht das Herz hat, in einer Suche aufzugehen, sondern der immer nur zuschaut und nimmt und krittelt.«

Helferich legt begütigend den Arm über Wisgrills Rücken. »Ich kenne Sie gar nicht wieder, Wisgrill, jetzt sind Sie auf einmal gegen die Stimmungsmeier.«

Wisgrill ist merkwürdig aufgeregt: »O, bitte, das war ich immer. Sie hätten ihn nur bei der Leopoldstädter Wahl sehen sollen. Wie hat er den Furtmüller verachtet! Und dabei haben die Leute ganz recht gehabt, daß sie den Furtmüller gewählt haben. Ich hab' ihn jetzt ein paarmal in der Nähe gesehen, der Furtmüller ist ein ganz origineller Kerl, und dann hat er wenigstens an die anderen, an die Wähler gedacht. Es ist vielleicht einfältig, die Schmerzen jeder Branche durchzustudieren, aber er hat sich mit seinen Schustermeistern, Wirten, Veteranen und Postbeamten wenigstens beschäftigt. Der Herr Schiller aber ist nur in den Wolken herumgestiegen und hat seine Ideale ausgepackt, seine Weltanschauung, seine Stimmungen. Es gibt nichts Egoistischeres als diese verpatzten Künschtler. Alles wird ihnen zum Genußobjekt, und das werfen sie dann fort wie ungezogene Jungen.«

»Das müssen Sie zugeben,« sagt Dora leise, »die anderen existieren eigentlich für Schiller nicht, weder seine Genossen noch seine Freunde, nicht einmal eine Frau.«

255 Helferich bemerkt, daß die Kellner zuhören, bestellt ein Glas Pilsner. Der Frau Dora gibt er lieber gar keine Antwort, aber dem Wisgrill muß er doch sagen, daß es viele Männer gibt, die in den Frauen nur Genußobjekte sehen:

»Kennen Sie die Mizzi, die Schwester unseres Huber?«

Frau Dora mischt sich ein: »Ich kenn' sie auch. Aber ich muß schon sagen, das ist ein hübsches, leichtsinniges, dummes Mädel, die will gar nicht anders sein . . . Es gibt doch Unterschiede unter den Frauen.«

»Es ist nicht so weit her mit den Unterschieden,« brummt Helferich.

Dora weist die Zähne: »Ich kenne ja die Damen Ihrer Bekanntschaft nicht näher . . .«

Helferich ist der Sekt und das Bier zu Kopf gestiegen, er haut mit der Hand auf den Tisch und schreit: »Die Damen meiner Bekanntschaft? Ja, das sind Genußobjekte, Gott sei Dank, und das ist das Schönste an ihnen! Ich mache diesen ganzen Schwindel von der geistigen Ehe nicht mit. Darauf pfeife ich!«

»Pfeifen Sie, lieber Helferich,« sagt Wisgrill leise. »Aber pfeifen Sie nicht so laut, die Kellner horchen.«

Dora ist mit einem Male müde und muß den Herren Gute Nacht sagen. Wisgrill bittet einen Augenblick um Entschuldigung, er hat der gnädigen Frau nur drei Worte zu sagen.

Helferich sitzt allein in dem leeren Saal. Es vergeht eine Viertelstunde, ehe Wisgrill zurückkommt. Aber Helferich sitzt da, trinkt und raucht seine entsetzlichen Zigarren und lacht vor sich hin und denkt an die Damen seiner Bekanntschaft. 256 »Prosit,« brummt er und denkt an die große Flora in der Sterngasse, und noch ein »Prosit« der kleinen Konservatoristin mit den spitzigen Knien . . .

Wisgrill setzt sich zu ihm.

Helferich ist noch mitten im Gespräch: »Genußobjekt . . . Blödes Wort! Meine kleine Konservatoristin ist sehr glücklich als Genußsubjekt! . . . Und was ist's mit Ihrer Mizzi, he?«

Wisgrill ist verstimmt. Endlich sagt er mit einem Gesicht, das Helferich noch nie an ihm gesehen hat:

»Kommen Sie mir doch nicht immer mit dem kleinen Theatermädel. Es gibt Liebschaften und es gibt Leidenschaften, das ist zweierlei.«

»O Pardon,« sagt Helferich, »nochmals Pardon, ich wußte nicht, daß es so steht . . .« 257


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